SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Oct 10, 2025 • 55min

Mit neuen Büchern von Peter Stamm, Andreas Pflüger, Arundhati Roy und Sibylle Berg

Sibylle Berg beendet ihre Romantrilogie, Andreas Pflüger schreibt seine Thriller weiter und Peter Stamm erweist sich erneut als Meister der kurzen Form.
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Oct 10, 2025 • 13min

Hochspannend: Andreas Pflügers Thriller „Kälter“

Andreas Pflüger ist ein vielseitiger Schriftsteller. 27 Drehbücher für den „Tatort“ hat er geschrieben, dazu Theaterstücke und Hörspiele. Berühmt wurde der in Thüringen geborene und in Berlin lebende Autor allerdings mit seinen glänzend recherchierten und hochspannenden Kriminalromanen. Spätestens seit seinem Bestseller „Wie sterben geht“, erschienen 2023, ist Andreas Pflüger ein Star. Sanfter Auftakt auf Amrum Sein neuer Thriller „Kälter“ ist ein Buch mit verwickelter Handlung und spektakulären Actionszenen. Ganz Pflüger-untypisch geht er „Kälter“ aber eher gemächlich an: Herbst 1989. Lucy Morgenroth ist Polizistin auf der Insel Amrum. Dass sie früher einmal ein anderes Leben hatte, ahnen die Einheimischen spätestens seit jenem Tag, an dem Lucy einen Mann ins Krankenhaus brachte, der zuvor seine Frau misshandelt hatte. Ein RAF-Terrorist im Dienst des KGB Doch auch auf der beschaulichen Insel wird Lucy mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, in Gestalt von fünf Killern, deren Mission blutig scheitert. Diese Ouvertüre ist der Ausgangspunkt für eine auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelte Geschichte, die zwischen Israel, Berlin, Pullach und Wien hin- und herspringt. Lucys sinisterer Gegner ist ein ehemaliger RAF-Terrorist, der nun für den KGB und die Stasi arbeitet. Kontakte zum Geheimdienst Fünf Terroristen wurden im Jahr 1975 nach der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz nach Aden ausgeflogen. Jener „Babel“, wie sein Deckname in „Kälter“ lautet, ist der sechste Terrorist, den Pflüger sich ausgedacht hat. Dieser Gedanke war der Ausgangspunkt für den Roman. „Bevor ich ein Buch anfange“, sagt Andreas Pflüger, „frage ich mich: Warum will ich genau diese Geschichte schreiben? Was hat sie mit mir zu tun?“ Die RAF-Zeit hat den Autor, Jahrgang 1957, tief geprägt. Im Milieu der Geheimdienste kennt Pflüger sich dank langjähriger Kontakte bestens aus. Verpasster Mauerfall Im Interview erzählt er davon, wie er den Mauerfall in Berlin verpasst hat, von erfundenen und wahren historischen Ereignissen und von kuriosen Schulungsmethoden der Geheimdienste in der Zeit des Kalten Kriegs.
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Oct 10, 2025 • 6min

Warum der Literaturnobelpreis für László Krasznahorkai eine sehr, sehr gute Entscheidung ist

Im Jahr 1993 ging der erste Preis der SWR Bestenliste an den 1954 geborenen Ungarn für den Roman „Melancholie des Widerstands“. Frank Hertweck erinnert sich an die Preisverleihung in Baden-Baden, bei der der stille und eher zurückhaltende Krasznahorkai fast ein wenig eingeschüchtert gewirkt habe. Der Nobelpreis für Krasznahorkai sei eine „sehr sehr gute Wahl“, so Hertweck. Mechanismen von Populismus Er hob zwei Bücher hervor, die bei ihm besonderen Eindruck hinterlassen haben: Zum einen den Roman Baron Wenckheims Rückkehr, ein Buch in der Tradition Gogols, das zum einen mit viel Humor arbeite, zum anderen aber auch die Mechanismen von Populismus herausarbeite und Krasznahorkai damit auch als politischen Autor kennzeichne. Bach gegen Rechtsextremismus Zum anderen empfahl Hertweck Krasznahorkais letzten Roman „Herscht 07769“, ein kunstvolles Werk, das nur aus einem einzigen Satz besteht und in einer thüringischen Kleinstadt spielt. Darin wird eine leicht melancholische Figur von Rechtsextremen infiltriert. Ein Mann, der zum Apokalyptischen neige und zugleich ein großer Bewunderer des Komponisten Johann Sebastian Bachs sei. Viel Sarkasmus, viel dunkler Humor und formal komplexe Gegenwartsbeschreibung: „Es macht viel Spaß, das zu lesen“, so Hertweck.
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Oct 8, 2025 • 7min

Anarchie hat viele Regeln: Sibylle Bergs „PNR: La Bella Vita“

Italien hat eine neue Hymne, gewählt vom Volk, via App. So läuft es nun in der neuen Welt: Die wichtigen Entscheidungen, etwa die Verteilung von Wohnraum, die fällen die Menschen gemeinschaftlich oder per Los, alles verfügbar in der RCE-App. Ein post-revolutionäres Europa beschreibt Sibylle Berg in „PNR: La Bella Vita“, dem letzten Teil ihrer Trilogie. In den Vorgängerromanen „GRM“ (etwa 700 Seiten) und „RCE“ (um die 800 Seiten) entwarf Berg – Achtung, Kurzfassung – eine kaputte, spätkapitalistische und düstere Technokratie, die nur durch Neustart gerettet werden kann. Die Welt lag also im Argen – zumindest für alle, die nicht über millionenschweres Vermögen verfügen. In „RCE“ arbeitet eine Gruppe Hacker im Verborgenen gegen das System, am Master-Code. Die Attacke gelingt. Nur ein bisschen Spaß an schlechter Laune Und nun also „PNR: La Bella Vita“: Der letzte Teil der Reihe widmet sich dem Leben nach der Remote Code Execution, nach dem großen Hack. Ein beinahe schlanker Roman mit knapp 400 Seiten. Weil Sibylle Berg mehr Spaß am Schreiben von Weltuntergangsfantasien hat? „Nee, ich lieb den Untergang gar nicht. Ich hatte wahnsinnige Freude daran, einmal zu schreiben, also das zu beschreiben, wo die meisten kapitalismuskritischen Bücher enden. Also das stimmt einfach nicht, dass ich Spaß an schlechter Laune habe. Na ja, ein bisschen schon.“ Eine neue Verfassung Und was braucht eine neue Welt? Neue Regeln. Die stellen die Menschen, klar, selbst auf. Die Verfassung, die wir gerade sammeln, wird irgendwann fertig sein. Im Moment filtert eine von unseren Nerds programmierte KI die sechs Millionen Verfassungstext-Vorschläge von BürgerInnen. Quelle: Sibylle Berg – PNR: La Bella Vita Anarchie ist direkte Demokratie Das Europa, das Berg in „PNR“ entwirft, ist befreit vom Kapitalismus, von faschistischen Regierungen, von Parteien, von Regierungen überhaupt. Haupthandlungsort des Romans ist Italien. Die Gesellschaft dort ist selbstorganisiert, frei, eben anarchisch. „Anarchism is democracy without the government. Most people love democracy; most people don’t like the government very much, “das sagte Kulturanthropologe David Graeber einmal in einem Interview. Anarchie, das sei eine direkte Demokratie, eine Demokratie ohne Regierung, so definierte er dieses Gesellschaftsmodell. Berg formuliert die Anarchie aus, hat die alte Ordnung aufgelöst. Dafür recherchierte die Dramatikerin, wie auch schon bei ihren Vorgängerromanen, intensiv: „Die neue Gesellschaftsordnung, die ich mir ausgedacht habe, basiert auf sehr, sehr vielen bereits vorhandenen wissenschaftlichen Denkexperimenten. Also von David Graeber über wirklich Wissenschaftlerinnen, die neue Ernährungsformen, neue Formen des Zusammenlebens der Ökologie erforscht haben. Ich habe wieder ganz, ganz viele Sachen gelernt und sehr wenig Fakten verwendet. Also das ist alles faktenbasiert, das kann man auch dann nachlesen, wenn man richtig Spaß dran hat.“ 93 Vorschläge für das neue Zusammenleben formuliert Berg aus ihren Recherchen, die strukturieren den Roman, etwa: Es gibt keine Normalität Quelle: Sibylle Berg – PNR: La Bella Vita und Keine Herrschaft, keine Eigentumstitel, nur geteilte Verantwortung Quelle: Sibylle Berg – PNR: La Bella Vita oder Und nun gelten sie wieder: Die Menschenrechte Quelle: Sibylle Berg – PNR: La Bella Vita Erzählt im typischen Berg-Ton Don, die Ich-Erzählerin in „PNR“, macht Berg zur Chronistin dieser Zeit des Umbruchs. Don, Karen, Pjotr, der Hacker Ben – die Figuren, einst Jugendliche aus dem englischen Rochdale, wo „GRM“ spielt, bleiben Bergs Medium, um vom Neuaufbau zu erzählen. Don erinnert sich oft zurück, an die Zeit vor dem Hack. Vieles kennt man daher schon aus „RCE“ und wiederholt sich. Stilistisch ist das aber typisch Berg, da lässt sich ein Auge zudrücken. Es gibt Einschübe und Wiederholungen, der Roman ist collageartig gebaut, wenig Plot, viel Inhalt. Sprachlich humorvoll, aber immer scharfzüngig. Ja, vielleicht sogar ein wenig zynisch? „Ich wehre mich auch vehement gegen den falsch verwendeten Begriff des Zynismus“, meint die Autorin bestimmt. „Ich denke immer, dass die meisten meiner Bücher und Stücke eher realistisch sind. Zynisch hat eine große Verzweiflung und einen sich lustig machen. Davon bin ich weit entfernt.“ „Ich bin überhaupt nicht pessimistisch“ 2019 erschien „GRM“, sechs Jahre sind seither vergangen, eine Zeit geprägt von Kriegen, Krieg in Europa, rasend schneller technologischer Entwicklung, Pandemie. Da erstaunt es doch, dass vor diesem Hintergrund Bergs Erzählung beinahe zuversichtlicher wird? Oder? „Ich bin überhaupt nicht pessimistisch. Die Welt dreht sich, die gibt es, ob mit Menschen oder ohne Menschen. Aber auch die Menschen sind erstaunlich anpassungsfähig und zäh. Und wir wissen überhaupt nicht, wie es weitergeht. Wir wissen ja noch nicht mal, wie unser Leben in einem Jahr aussehen wird. Wir können Pläne machen, die meistens scheitern“, erzählt Berg. „Es gibt immer wieder komplette Überraschungen. Wie gesagt, es gibt Revolutionen oder gab es. Es gibt Zusammenbrüche von Systemen von innen heraus. Es gibt auf einmal Grenzöffnungen. Es gibt Städte, die auf einmal begrünt werden und sich vom Asphalt befreien. Alles ist möglich. Es kann alles im Desaster enden für einige Teile der Welt oder auch in einem besseren Leben für die Menschen. Also von daher ist es spannend.“ Mit „PNR: La Bella Vita“ wagt Sibylle Berg etwas: Ihre Anarchie ist keine naive Utopie, sondern ein Versuch, konkrete Vorschläge aus Theorie und Wissenschaft literarisch zu verarbeiten. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, bekommt ein radikales und erstaunlich hoffnungsvolles Finale einer kompromisslosen Trilogie.
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Oct 8, 2025 • 4min

Karsten Rudolph – Sendestörung

Karsten Rudolphs kleine Studie „Sendestörung“ ist zuallererst: bündig und profund. Das Versprechen, das der Untertitel gibt, wird seriös eingelöst. Das knapp 250 Seiten schmale Buch liefert eine prägnante Darstellung von „Aufstieg und Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“. Prägnant bedeutet auch, dass sich Rudolph jeglicher feuilletonistischer Pointiertheit enthält. Es handelt sich um eine wohlstrukturierte und leider auch etwas trockene Aufbereitung der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Rudolph zeichnet die historischen Linien grob nach, konzentriert sich dabei aber auf wesentliche Strukturen, wichtige Richtungsentscheidungen und Brüche dieser „einzigartigen Institution“,  die die Bundesrepublik über Jahrzehnte geprägt hat und nunmehr in einer veritablen Bestandskrise steckt. Quelle: Karsten Rudolph – Sendestörung Ein föderales Rundfunksystem zur freien Meinungsbildung, frei von Vereinnahmung  Wenn Rudolph von einer „einzigartigen“ Einrichtung spricht, muss allerdings mitbedacht werden, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk durch die westlichen Alliierten installiert und geprägt wurde. Vor allem das Modell der britischen BBC setzte sich als Vorbild durch. Ziel war es schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ein föderales Rundfunksystem zu schaffen, das einerseits zur freien Meinungsbildung beitragen sollte und nicht mehr instrumentalisiert werden konnte wie unter den Nationalsozialisten. Und das zudem weder von der Politik noch der Privatwirtschaft vereinnahmt werden sollte. Dass die verschiedenen Interessen in der mehr als 75-jährigen Geschichte immer wieder für Diskussionen, Einflussnahmen und Krisen sorgten, das zieht sich als roter Faden durch die Jahrzehnte und durch Rudolphs Buch. Die Einlassungen des Bundesverfassungsgerichts mussten immer wieder für Klarheit sorgen. Rudolph führt uns durch verschiedene Phasen und Themenkomplexe: In den 50er Jahren ging es um den Ausbau der Anstalten, um ein neues journalistisches Verständnis in den 60er Jahren, die Entstehung des ZDF, Politisierung bestimmte die 70er, die Kommerzialisierung durch die medienpolitische Wende und die Einführung des Privatfernsehens die 80er und die Neuformatierung die Jahre nach der Wiedervereinigung. Und auch wenn es in diesen Aufstiegsjahren immer mal kriselte – so viel Krise wie im letzten Jahrzehnt war nie.   Heute ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk ernsthaft gefährdet – und das liegt nicht allein an der digitalen Transformation, die die Grenzen des traditionellen Radiohörens und Fernsehens überwand und die Mediengeschichte neu schreibt. Er ist gefährdet, weil er umstrittener ist denn je. Quelle: Karsten Rudolph – Sendestörung Die Vorwürfe, die im Raum stehen, seien auch in früheren Zeiten zuweilen aufgetaucht: Missmanagement, die Höhe des Rundfunkbeitrags, Kritik am Programm, mangelnder Reformwille, lückenhafte Gremienaufsicht, eine Überdehnung des öffentlich-rechtlichen Funktionsauftrags.   Wie dem Relevanzverlust entgegensteuern?  Neu aber sei, dass der Rundfunk seine Gemeinnützigkeit heute immer weniger verständlich machen könne. Das Kapitel, in dem die gegenwärtigen Probleme behandelt werden, ist sicherlich das wichtigste – und fällt doch leider relativ kurz aus. Hier wird Bekanntes zusammengetragen, eine tiefergehende Analyse auch der gesellschaftspolitischen Veränderungen der letzten Jahre sucht man vergebens. Und auch die Lösungsansätze des Historikers und WDR-Verwaltungsratsmitglieds sind eher bescheiden und allgemein. Dem Relevanzverlust müsse durch Verschlankung, die Stärkung von Live-Momenten, die interaktive Nutzung des digitalen Kommunikationsraums und die selbstbewusste, anspruchsvolle Ausführung des Programmauftrags entgegengetreten werden. Ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk (…) wieder zurück in die Zukunft findet, ist offen. Eine Renaissance ist möglich, wenn es ihm gelingt, seine gesellschaftlichen Bindungen wieder zu stärken. Nicht auszuschließen ist, dass ihm dies misslingt.  Quelle: Karsten Rudolph – Sendestörung Weniger Verwaltung, mehr Inhalt  Das hat etwas von einer gut gemeinten Sonntagsrede mit einem Hauch Defätismus. Wichtig aber wäre es, dass Mitglieder demokratischer Parteien dem ÖRR nicht immer wieder in den Rücken fallen und Quoten- und Klickzahlen nicht zum dominierenden Motiv für Reformen werden. Redaktionen und Inhalte stärken, statt den Verwaltungsapparat aufzublähen: Vielleicht wäre das eine bedenkenswerte Strategie.
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Oct 8, 2025 • 8min

"Ich habe meine Figuren nicht im Griff": Peter Stamms neuer Erzählband "Auf ganz dünnem Eis"

Peter Stamm ist ein Star der Gegenwartsliteratur. Sein Debütroman „Agnes“ war für einige Jahre Schullektüre in Baden-Württemberg. In Weinfelden in der Schweiz gibt es sogar bereits einen Peter-Stamm-Weg. In bester Regelmäßigkeit veröffentlicht Stamm Romane und Erzählungsbände. In seinem neuen Buch „Auf ganz dünnem Eis“ sind neun Erzählungen versammelt. Menschliche Abgründe An der Leseoberfläche beinahe einladend, führen dieses Erzählungen in menschliche Abgründe, Versuchungen, Fluchtsehnsüchte hinein. In der Titelgeschichte verschwimmt die Lebensrealität einer wenig erfolgreichen Schauspielerin zunehmend mit deren Rollen. In einer anderen baut ein junger Mann sich im Keller seines Elternhauses eine Weltraumsimulation zusammen und probt dort über Monate unter Realbedingungen einen Marsflug. „Mach das jetzt bitte nicht!" Ja, sagt Peter Stamm, oft seien seine Figuren ihm selbst unheimlich. Und manchmal denke er während des Schreibens: „Nein, mach das jetzt bitte nicht." Er traue sich heute, im Alter von 62 Jahren, möglicherweise kühnere Konstruktionen zu als in seinen Anfangszeiten. Sein Erzählen, so Stamm, sei möglicherweise eine Spur disparater, weniger gradlinig geworden. Für seine zahlreichen Leserinnen und Leser ein dunkles Vergnügen.
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Oct 7, 2025 • 5min

„Meine Zuflucht und mein Sturm": Die bewegende Lebensgeschichte von Arundhati Roy

Als Arundhati Roys Mutter Mary Roy im September 2022 stirbt, ist die Autorin „am Boden zerstört“, ihr „Herz gebrochen“. Und gleichzeitig wundert sie sich über die Heftigkeit ihrer Gefühle. Schließlich hatte sie ihre Mutter mit achtzehn verlassen, war regelrecht geflohen aus der konservativen, engen südindischen Kleinstadt – aber auch vor ihrer Mutter, die ebenso inspirierend wie toxisch sein konnte. Ich verließ meine Mutter nicht, weil ich sie nicht liebte, sondern um sie weiterhin lieben zu können. Wäre ich geblieben, wäre das unmöglich geworden. Quelle: Arundhati Roy – Meine Zuflucht und mein Sturm Eine Mutter – zwei Gesichter „Meine Zuflucht und mein Sturm“ heißt Arundhati Roys Memoir auf Deutsch – keine sentimentale Mutter-Tochter Geschichte, sondern das ehrliche Portrait einer extrem ambivalenten Beziehung. Mary Roy hat ihre Tochter geprägt, aber auch verletzt und gedemütigt – immer wieder.   Sie war eine Naturgewalt. Sie verließ ihren trinkenden Mann, zog ihre Kinder alleine auf. Und gründete in Kerala eine bis heute renommierte Schule und kämpfte für die Rechte von Frauen in Indien. Ihr größter Sieg: Sie gewann einen Prozess vor dem obersten Gerichtshof, der syrisch-christlichen Frauen in Indien die gleichen Erbrechte wie Männern verschaffte – ein bahnbrechendes Urteil. Doch Arundhati Roy beschreibt schonungslos auch die Kehrseite dieser Stärke: Mary Roy war gleichzeitig eine Mutter, die zu ihren eigenen Kindern grausam sein konnte. Sie ließ die junge Arundhati allein am Straßenrand zurück, als Strafe, weil sie in einem Gespräch nicht brilliert hatte. Noch prägender ist die Erinnerung an die Gewalt gegen ihren älteren Bruder, als die Mutter einmal mit seinem Zeugnis unzufrieden war. Ich tat so, als würde ich schlafen in der Nacht, als sie meinen Bruder holte und ihn – den schlafwandelnden kleinen Jungen – in ihr Zimmer führte. Ich folgte ihnen leise und beobachtete durch das Schlüsselloch, wie sie ihn schlug, bis das dicke, hölzerne Lineal zerbrach. „Mein Sohn kommt nicht mit einem Zeugnis nach Hause, in dem „durchschnittlicher Schüler“ steht. Am Morgen nahm sie mich in den Arm und sagte: „Du hast ein ausgezeichnetes Zeugnis“. Ich schämte mich. Seit damals werden alle meine persönlichen Erfolge von einer unguten Vorahnung begleitet. Wenn auf mich angestoßen oder mir applaudiert wird, habe ich immer das Gefühl, dass jemand anderes, jemand, der still ist, im Zimmer nebenan geschlagen wird. Quelle: Arundhati Roy – Meine Zuflucht und mein Sturm Die Zerrissenheit steckt schon im Titel Diese Ambivalenz spiegelt sich auch im Titel. Der Originaltitel „Mother Mary Comes to Me“ zitiert zwar die berühmte Beatles-Zeile aus „Let It Be“, in der Paul McCartney über seine verstorbene Mutter singt, die ihm Trost spendet. Doch Roys Mutter ist keine reine Trösterin. Der deutsche Titel „Meine Zuflucht und mein Sturm“ fängt diese Zerrissenheit weitaus treffender ein. Und diese Zerrissenheit ist auch Leserinnen und Lesern von Roys Weltbestseller „Der Gott der kleinen Dinge“ vertraut. Dort war es Ammu, die alleinerziehende Mutter der Zwillinge, die zärtlich und hart zugleich sein konnte. Auch Ammu ist eine Mutter, die kämpft und rebelliert. In ihrem Memoir wird deutlich: Arundhati Roy hat zumindest einige Charakterzüge ihrer Mutter in ihrer Ammufigur literarisch verarbeitet. Und beide Bücher kreisen auch um die Frage, wie Liebe und Gewalt, Schutz und Zerstörung in derselben Person existieren können. Was mich betraf, so lehrte mich Mrs Roy zu denken und wütete dann gegen meine Gedanken. Sie lehrte mich, frei zu sein, und wütete gegen meine Freiheit. Sie lehrte mich zu schreiben und grollte der Autorin, zu der ich wurde. Quelle: Arundhati Roy – Meine Zuflucht und mein Sturm Vom Gott der kleinen Dinge zur Göttin der großen Wut Geschickt verbindet Arundhati Roy die Geschichte ihrer Mutter, ihre eigene Biografie und die politische Geschichte Indiens. Sie beschreibt, wie sie zur Schriftstellerin wurde und mit dem Booker Prize über Nacht weltberühmt. Wie sie beginnt, ihre Popularität zu nutzen, um den aufkommenden Hindunationalismus anzuprangern, das Kastenwesen und die Behandlung der sogenannten „Unberührbaren“, wie sie gegen ein Staudammprojekt protestiert und die Kaschmirpolitik Indiens kritisiert. In diesen Kapiteln ist Mary Roy nicht sehr präsent, und doch war sie als Vorbild der unnachgiebigen Kämpferin eine stete Kraftquelle. Jahrelang wanderte ich danach durch Wälder und Flusstäler, durch Dörfer und Grenzstädte in dem Versuch, mein Land besser zu verstehen. Unterwegs schrieb ich. Es war der Anfang meines ruhelosen, renitenten Lebens als aufrührerische Verräterin und Schriftstellerin. Eine freie Frau. Freies Schreiben. Wie es mir Mother Mary beigebracht hatte. Quelle: Arundhati Roy – Meine Zuflucht und mein Sturm Wie nah Schutz und Zerstörung beieinander liegen „Meine Zuflucht und mein Sturm“ ist somit weit mehr als ein Memoir. Es ist die Sezierung einer komplexen Beziehung und zugleich ein Schlüssel zum Verständnis für das gesamte literarische und politische Werk von Arundhati Roy. Mit brutaler Ehrlichkeit und in poetischer Sprache demontiert sie den Mythos der bedingungslos liebenden Mutter. Statt einer einfachen Versöhnung oder Anklage wählt sie den Weg der literarischen Analyse, um zu zeigen, wie nah Schutz und Zerstörung beieinander liegen können.
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Oct 7, 2025 • 4min

Es knistert, es knackt: „Auf ganz dünnem Eis“

Bei Peter Stamm kann jeder Unort zum literarischen Gelände werden. Sogar eine heruntergekommene Pension im Ruhrgebiet, in der sonst nur Monteure die Nacht verbringen. Oder eben der Ich-Erzähler der Auftakterzählung in Stamms neuem Buch. Ein Mann, der aus seinem alten Leben hinausgeschleudert wurde und irgendwo gestrandet ist. Präziser gesagt: Ein Skilehrer aus der Schweiz, der nun in einer deprimierenden Skihalle auf künstlichem Schnee Schüler unterrichtet. Morgens, wenn die Halle noch leer ist, macht er seine erste Abfahrt allein, schließt die Augen und vermeint, die Morgensonne in den Alpen auf seinem Gesicht zu spüren. Jedes Wort sitzt in dieser Geschichte, jedes Detail hat eine Bedeutung. Peter Stamm wertschätzt die Erzählung als Gattung. Doch was kann die Erzählung, was der Roman nicht kann? „Ich vergleichs gerne mit der Kammermusik. Wenn der Roman die Sinfonie ist, ist die Erzählung die Kammermusik. Das ist eine sehr konzentrierte Form. Man hört jeden Ton, jede Stimme ganz genau. Romane brauchen ein bisschen Schmutz; die müssen auch ein wenig ausufernd sein und nicht perfekt, aber Erzählungen sind wirklich Kleinode, die perfekt sein müssen und perfekt bis ins letzte Wort gearbeitet sind.“ Neun Erzählungen beinhaltet „Auf ganz dünnem Eis“ Parallelwelten, Ausbruchsfantasien, Gedankenfluchten. Stamms Sprache ist scheinbar einfach, manchmal sogar karg an der Leseoberfläche. Doch darunter tun sich ganze ungelebte Leben auf. Neun Erzählungen beinhaltet „Auf ganz dünnem Eis“; jede von ihnen hat ihren Augenblick; kommt an jenen Punkt, an den sie sich von der Wirklichkeit abhebt und zu schweben beginnt. In der zweiteiligen Titelgeschichte beispielsweise verschmilzt das Leben einer Schauspielerin zunehmend mit ihren noch dazu skurrilen Rollen. In einer anderen Erzählung baut sich ein junger Mann im Keller seines Elternhauses eine Raumstation auf, in der er unter Realbedingungen einen Flug zum Mars simuliert. Peter Stamm sagt über seine haarscharf am Rand der Wirklichkeit situierten Paralleluniversen: „Zum einen ist das meine Art, wie ich die Welt auch erlebe. Ich bin selbst jemand der in Fantasien... nicht gerade untergeht, aber der oft sich Dinge vorstellt, die nicht real sind. Von daher ist das ein ganz normaler menschlicher Prozess, dass man nicht immer in einer Realität lebt. Zum anderen macht das einen Text ja auch vielschichtiger.“ Peter Stamm zu lesen heißt, sich auf ganz dünnes Eis zu begeben Eine schwer fassbare Unheimlichkeit durchzieht Stamms Texte. So ruhig laufen sie dahin, so unspektakulär. Doch auf einer außersprachlichen Ebene lösen sie ein beinahe unmerkliches Vibrieren aus, ein Unbehagen. Peter Stamm zu lesen heißt tatsächlich, sich auf ganz dünnes Eis zu begeben. Es knistert und knackt. Auch darum, weil jede Geschichte jederzeit eine sanfte Wendung ins Ungute nehmen könnte. Seine eigenen Figuren, so Stamm, überraschen ihn selbst auch immer wieder: „Ich habe die überhaupt nicht im Griff", sagt Stamm. „Und ja, die sind zum Teil schon unheimlich. Oder ich denke: Was tut der wieder? Oder: Warum tut er oder sie das jetzt? Gerade im neuen Buch, da gibt es so Stellen, wo ich denke: Oh nein, bitte nicht. Mach das nicht. Und dann tun sie es doch.“ Markante Ereignisse im Lebensfluss Wie das Leben selbst auch haben auch die neun Erzählungen in diesem Band keinen versöhnlichen Abschluss, fügt die Erzählung sich ein in einen Lebensfluss, hakt sich jedoch an markanten Ereignissen fest, denn Peter Stamm meint: „Es ist ja nicht so, dass die völlig im Zufall enden, sondern sie enden ja zumeist an einer Stelle, wo sich für die Figuren etwas entschieden hat. Oder auch wo sie sich selbst entschieden haben. Ich würde schon sagen: Am Schluss einer Erzählung ist ihnen immer etwas klarer als am Anfang.“ Das Unausgesprochene lauert Die Glückserfahrungen in Peter Stamms Erzählungen liegen in der Unmittelbarkeit des Augenblicks. Ihnen stehen die äußeren Zwänge – Beruf, Familie, Justiz, soziale Normen – entgegen. Dazwischen, zwischen persönlicher Erfüllung und gesellschaftlicher Reglementierung, lauert etwas. Geheimnisse. Sehnsüchte. Etwas Unausgesprochenes. Dabei belässt es Peter Stamm. Und trotzdem hat man nach der Lektüre von „Auf ganz dünnem Eis“ eine Ahnung davon bekommen. Und das vermag nur ein Autor, der seine Form in Perfektion beherrscht und vor allem weiß, worüber er zu schweigen hat.
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Oct 7, 2025 • 4min

Hans Joachim Schädlich – Bruchstücke

Hans Joachim Schädlich und Günter Grass unterhielten ein besonderes Verhältnis. Als die DDR dem Ostberliner Schädlich aus politischen Gründen alle Verdienstmöglichkeiten entzog, unterstützte ihn Grass mit einer rettenden Summe. Und mit großem Engagement setzte er sich nach der Ausreise des ostdeutschen Kollegen für dessen Bücher ein. Doch dann, nach der Wiedervereinigung, folgte das Zerwürfnis. Dass Grass in seinem Roman „Ein weites Feld“ die DDR als „kommode Diktatur"“ charakterisierte, wollte ihm Schädlich nicht durchgehen lassen. In einem Brief warf er Grass vor:  Es ist kein Wunder, dass Du das gesamte Stasi-System regelrecht verharmlost. Wie ‚angenehm‘ diese Diktatur war, hättest Du von Leuten wissen können, die Erfahrungen mit der Stasi gemacht haben  Quelle: Hans Joachim Schädlich – Bruchstücke Anekdoten, Begegnungen, Schlüsselmomente  Der Rückblick auf die Freundschaft mit Grass und ihr harsches Ende gehört zu den brisantesten Texten in Hans Joachim Schädlichs Erinnerungsbuch mit dem bescheidenen Titel „Bruchstücke“. Darin versammelt der nun neunzigjährige Schriftsteller Anekdoten, Begegnungen, Schlüsselmomente und Merkwürdigkeiten aus seinem Leben. Er lässt Kollegen wie Uwe Johnson, Nicolas Born, Adolf Endler oder Max Frisch in Momentaufnahmen und Porträtskizzen auftreten. Sarah Kirsch, die Dichterin und enge Freundin, überraschte ihn mit ihrer Fürsorglichkeit, später hob sie sarkastisch hervor, es sei ihm das „Meisterstück“ gelungen, in der DDR kein einziges Buch herauszubringen. Von SED-Funktionären dagegen wurde er aufgrund unveröffentlichter Texte der „psychologischen Kriegsführung gegen die DDR“ beschuldigt.   Literatur und Staatssicherheit  Schädlich erlebte, so lässt sich sagen,  die Wiederkehr des deutschen Untertanen in Gestalt realsozialistischer Mitläufer, Karrieristen und Spitzel. Das ist ein zentrales Thema in seiner stets präzise gearbeiteten Erzählprosa und es bildet auch den roten Faden in diesen Erinnerungsfragmenten, die mal sachlich, mal mit leiser Ironie und oftmals spürbar nachzitternder Bewegung formuliert sind.  Etliche Reminiszenzen sind Schädlichs häufigen Aufenthalten an US-Universitäten gewidmet. Dabei sticht besonders sein Auftritt bei einem Symposium in Washington 1988 hervor. Da bezeichnete Schädlich die These, es habe sich in der DDR eine „sozialistische Nationalliteratur" entfaltet, als „propagandistischen Hokuspokus“. Er stellte fest:  In der DDR verfügen die Herrschenden über ein umfassendes Zensursystem. Eine erhebliche Arbeit an der Sache der Literatur leistet der Staatssicherheitsdienst durch Hilfe bei der Beseitigung oder bei der Zusammenstellung von Manuskripten. Quelle: Hans Joachim Schädlich – Bruchstücke Eine exemplarische deutsch-deutsche Geschichte  Sicher ist jedenfalls: das entsprach Schädlichs persönlicher Erfahrung und dadurch wurde sein Selbstverständnis, wie hier immer wieder spürbar wird, unwiderruflich geprägt: als das eines Schriftstellers, dem im Land seiner Herkunft das Wort verboten wurde, und der erst in den Westen gehen musste, um seiner Berufung folgen zu können. Dass sich sogar Schädlichs Bruder als Stasi-Spitzel entpuppte, taugt zum schmerzhaften Sinnbild dieses deutsch-deutschen Schriftstellerlebens. Kurzum: Hans Joachim Schädlichs „Bruchstücke“ messen in anekdotischer Form literaturgeschichtliche Höhen und Abgründe aus, von denen nur noch wenige so zuverlässig Zeugnis ablegen können wie er.
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Oct 6, 2025 • 4min

Anne Rabe – Das M-Wort

Keine Gesellschaft kommt ohne Moral aus. Gemeinsame Werte regeln nicht nur unser Zusammenleben, sondern bestimmen auch unser Selbstbild als Gesellschaft. Sie kommen sowohl in den Gesetzen zum Ausdruck als auch in unserem alltäglichen Verhalten. Die Entscheidung, was wir für richtig und für falsch halten, ist zugleich eine Entscheidung über unser Selbst.  Das ist auch der Grund dafür, warum moralische Auseinandersetzungen besonders emotional geführt werden. Ob man sich nun auf die antike Tugendlehre, die Zehn Gebote oder die Erklärung der Menschenrechte bezieht. Seit es die Annahme verbindlicher Werte gibt, wird auch darüber gestritten, nach welchen Normen wir uns richten sollen.  Die Moral der Gesellschaft  Die heftigen Auseinandersetzungen der letzten Jahre hat die Schriftstellerin Anne Rabe nun zum Anlass genommen, die hohen Ansprüche an unser moralisches Verhalten zu verteidigen. Ihr Essay „Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral“ richtet sich vor allem gegen die Vorwürfe, unsere Debatten seien von zu viel Moral geprägt:  Die Verachtung der Moral ist nicht neu. Sie ist immer wieder Motor reaktionärer und auch gewalttätiger Bewegungen. Sie ist aber auch Teil der Überlegenheitsbehauptung derjenigen, die mit zynischem Schulterzucken andeuten wollen, dass sie sich keine Illusionen mehr machen: Es ist, wie es ist. Finde dich damit ab Quelle: Anne Rabe – Das M-Wort Eine Welt ohne Aussicht Auch in der Vergangenheit gab es bereits zahlreiche moralische Krisen. Aber die aktuelle Krise, die Rabe diagnostiziert, geht sowohl über die schlechte wirtschaftliche Lage als auch über die Migrationsproblematik hinaus. Sie besteht letztlich in einer Abkehr von den moralischen Grundsätzen der Bundesrepublik.  Hatte sich Westdeutschland in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit in moralischer Hinsicht über die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen definiert, wurde diese negative Identität spätestens seit der Wiedervereinigung zunehmend kritisch gesehen. Aus dieser Kritik, so Rabe, sei heute längst eine grundsätzliche Moralverschiebung geworden:  Inzwischen ist es schwer zu sagen, wann es angefangen hat, dass Zukunft nicht mehr gleichbedeutend mit vorne, höher, weiter und besser war. Dass aus Wünschen auf Verbesserung, Ahnungen von Stillstand und schließlich die Angst vor Rückschritt wurde. War die Pandemie der Ausgangspunkt? Der Kriegsausbruch in der Ukraine? Oder doch schon die Finanzkrise? Der 11. September?  Quelle: Anne Rabe – Das M-Wort Der Wunsch nach Zukunft  So gut wie alle gesellschaftlichen Debatten sind derzeit von einer affektiven Polarisierung geprägt, ob es um den Klimawandel, die Flüchtlingspolitik oder die Geschlechtergerechtigkeit geht. Dagegen kämpft Rabe leidenschaftlich an, mal subjektiv, mal mit empirischen Daten, aber immer engagiert. Vor allem appelliert sie an unsere Fähigkeit zur demokratischen Solidarität.   Bei einem wichtigen Punkt bleibt sie allerdings merkwürdig unkritisch gegenüber den Kritikern der Moral. Als wären tatsächlich die einen für Moral und die anderen dagegen. Dabei begründen selbst reaktionäre Haltungen ihre Anliegen letztlich moralisch. Auch sie entwerfen sich im Hinblick auf eine zukünftige Welt, wie Rabe sie zurecht als moralischen Anspruch einfordert:  Die Moral ist keine Last. Sie befreit uns von unseren niederen Instinkten. Sie gibt uns die Freiheit zu hoffen, weil wir wissen, dass eine Welt, die wir denken können, eine Welt ist, die es geben kann. Quelle: Anne Rabe – Das M-Wort Es hätte dem Buch gut getan, nicht der weit verbreiteten Rhetorik von Befürwortern und Gegnern der Moral verhaftet zu bleiben, sondern die gegenläufigen moralischen Horizonte herauszuarbeiten, vor denen argumentiert und gestritten wird. Dennoch lohnt sich die Lektüre und hilft dabei, sich der eigenen moralischen Position zu vergewissern.

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