

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Oct 19, 2025 • 12min
Die Frankfurter Buchmesse 2025: „Kein größeres Messe-Podium ohne KI-Debatte“
Die Buchmesse ist zufrieden. Mit ca. 230.000 Lesefans und 118.500 Fachbesuche*innen kamen mehr Menschen zur Messe als im vergangenen Jahr. Das ist klasse, darf aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Standgebühren steigen und es in den Ecken einiger Hallen nach wie vor Leerstand gibt.
„Der Buchmarkt steckt in einer Krise“, findet SWR-Literaturredakteur Carsten Otte. Und in Hinblick auf allgegenwärtige Essstände, Tombolas und Instagram-taugliche Fotowände: „Da hilft es auch nicht, dass die Frankfurter Buchmesse eine Eventisierung erlebt.“
Lieferschwierigkeiten bei wichtigen Büchern
Auf der Buchmesse wurde viel und wohlwollend über den diesjährigen Deutschen Buchpreis an Dorothee Elmiger gesprochen. Und auch darüber, dass es bei den neuen Büchern etwa von Dorothee Elmiger, Götz Aly oder Thomas Pynchon gerade Lieferschwierigkeiten gibt. Das liegt daran, dass in den letzten Jahren viele Druckereien geschlossen haben und es zudem an Fachkräften im Druckgewerbe mangelt.
Das Thema KI treibt die Messe um
„Das alles bestimmende Thema auf der Buchmesse aber ist das Thema KI“, findet Carsten Otte. „Kein größeres Podium auf der Messe kommt ohne eine KI-Debatte aus.“ Literaturästhetische, aber auch juristische Fragen wurden auf etlichen Podien besprochen, sagt er: „Wie kann Europa reagieren, wenn hier das Urheberrecht verletzt wird, die verantwortlichen Tech-Firmen aber in den USA sitzen?“
Israelische und arabische Verlage auf der Buchmesse
Besonders anregend ist jedes Jahr ein Spaziergang durch die Hallen der Internationalen Aussteller. Ursprünglich war ein gemeinsamer Pavillon von Deutschland und Israel geplant, um das 60-jährige Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zu feiern. Dieser wurde aber im Dezember 2024 von deutscher Seite abgesagt, was zu diplomatischen Verstimmungen führte. Trotzdem waren israelische Verlage auf der Buchmesse vertreten.
„Ich fand es sehr beruhigend, dass sowohl arabische als auch israelische Verlage auf der Buchmesse präsent waren“, sagt Carsten Otte. „Denn gerade in dieser angespannten Weltlage ist es wichtig, dass die Verlage anwesend sind, um ein Gespräch auf der Ebene von Literatur und Buchkultur zu ermöglichen.“ Vor den Toren der Buchmesse fand zeitgleich eine kleine palästinensische Gegenmesse als Protestaktion statt.
Ukraine: Buchpräsentation in Uniform
Besondere Aufmerksamkeit bekommt seit Beginn des Ukraine-Kriegs auch der ukrainische Gemeinschaftsstand auf der Messe. „Seit einigen Jahren besuche ich auch den Stand der Ukraine“, erzählt Carsten Otte.
„Dieses Jahr hatte ich da ein sehr berührendes Erlebnis, weil ich mit Vladyslav Holovin einen Journalisten und Sachbuchautor kennengelernt habe, der sein Buch in Uniform vorstellte.“ Holovin wurde von den ukrainischen „Cultural Forces“ präsentiert. Er stellte seinen Erfahrungsbericht von der Front vor. Die nächste Frankfurter Buchmesse findet vom 7.-11. Oktober 2026 statt.

Oct 19, 2025 • 16min
Friedrich Ani schreibt in „Schlupfwinkel“ über seine Kindheit
„Ich hatte dieses Buch gar nicht geplant“, sagt Friedrich Ani. „Ich habe einfach angefangen zu schreiben, als meine Mutter dement wurde. Und dann schrieb sich das Buch geradezu von selbst.“ Die Rede ist von „Schlupfwinkel“, einem autobiographischen Text.
„Manche Szenen habe ich fiktional aufgefüllt“, sagt Ani. Und überlegt. „Na ja, so ganz fiktional sind die Szenen dann vielleicht doch nicht.“ In seinem Buch beschreibt er seine Kindheit im bayerischen Kochel am See – mit einem syrischen Vater, einer schlesischen Mutter.
Ein Syrer und eine Schlesierin
Der Vater war Ende der 1950er Jahre zum Deutschlernen nach Kochel gekommen, studierte später Medizin und wurde Arzt. Trotzdem wurde er von der schlesischen Vertriebenenfamilie manchmal ein „Kameltreiber“ geschimpft. Manchmal ließ man ihn auch einfach vor der verschlossenen Türe stehen.
Nachdem der Vater 2012 verstarb, schrieb Friedrich Ani bereits den Gedichtband „Im Zimmer meines Vaters“. „Zwischen meinem Vater und mir gab es immer eine gewisse Distanz“, sagt Ani im Gespräch mit SWR Kultur. „Das hatte sicher mit der Dominanz meiner Mutter zu tun.“
„Schreiben ist meine Art, in der Welt anwesend zu sein.“
Friedrich Ani ist ein sehr vielseitiger Autor. Besonders bekannt sind seine fast zwei Dutzend Kriminalromane um den Ermittler Tabor Süden. Aber Friedrich Ani hat auch andere Ermittler erfunden und ihnen auch je mehrere Romane gewidmet. Außerdem hat er Drehbücher geschrieben, Dramen und Hörspiele. Und Lyrik. „Ich habe immer gern geschrieben“, sagt er, „denn Schreiben ist meine Art, in der Welt anwesend zu sein.“
Ermittlerin Fariza Nasri und andere syrische Figuren
In den letzten Jahren tauchen vermehrt Figuren mit syrisch-arabischer Herkunft in Anis Texten auf. Vermehrt seit dem Tod des Vaters. Unter anderem hat Ani die Ermittlerin Fariza Nasri erfunden, die 2021 im Roman „Letzte Ehre“ auftauchte – und die 2024 in „Lichtjahre im Dunkel“ den berühmten Ermittler Tabor Süden ablöste.
„Ich schreib nicht über Syrien, denn ich würde mir nicht anmaßen, über dieses Land zu schreiben, das ich selbst zu wenig kenne.“ Dennoch: „In den letzten Jahren sind syrische Identitäten in meine Figuren geschlüpft. Das ist ja auch mein eigener Hintergrund, obwohl ich kein Arabisch spreche.“
Die Wut, das Schweigen und das Schreiben
Leicht haben es diese Figuren nicht. Auch der Vater wird lebenslang immer ein wenig abgelehnt. Warum ist er trotzdem geblieben? Das Buch weiß keine Antwort. Es ist viel Wut im Spiel in „Schlupfwinkel“, denn das Kind versteht vieles nicht. Es wird nie in etwas eingeweiht. Selbst bei der nachgeholten Hochzeit seiner Eltern musste es zuhause bleiben.
„Vor allem bin ich wütend auf mich selbst“, sagt Ani, „denn ich hätte damals rigoroser auftreten müssen, mich mehr wehren, nicht in meinem Zimmer sitzen, meinem Schlupfwinkel.“ Er übernahm das Schweigen seiner Eltern. „Aber ich habe das Schweigen gefüllt mit Schreiben. Ich erfinde mich selbst, indem ich still in meinem Zimmer bin und da etwas schreibe.“
„Ich dachte, ich wäre cooler damit. Aber ich bin’s nicht.“
In Anis Kriminalromanen geht es oft um verschwundene Personen. Vermisste treiben ihn um. Vielleicht weil auch seine Eltern aus ihren jeweiligen Heimaten verschwunden sind? Oder weil der Sohn sie nicht zu fassen kriegte? Vielleicht. Friedrich Ani überlegt: „Ich bin vielleicht auch jemand, der verschwunden ist und der sich selbst sucht.“
Sein Buch geht tiefer als erwartet: „Bis zu dieser Buchmesse habe ich nicht viel darüber nachgedacht. Jetzt aber ist das Buch da, und ich spreche darüber, und ich merke, dass mir das Buch sehr nahe geht. Ich dachte, ich wäre cooler damit. Aber ich bin’s nicht.“ Mehr noch: „Ich muss das Buch jetzt ein zweites Mal bewältigen – in der Öffentlichkeit. So eine starke Erfahrung mit einem gedruckten Buch habe ich noch nicht gemacht.“
Mehr Autobiographie? – Vielleicht ja, vielleicht nein!
Wird Friedrich Ani weitere autobiographische Texte schreiben? „Das habe ich nicht geplant. Also möglicherweise nicht. Aber ich würde es auch nicht ausschließen.“ Das Buch „Schlupfwinkel“ hatte er auch nicht geplant. „Vielleicht passiert es nochmal, dass ich ein Buch nicht geplant habe, aber dann doch schreibe.“

Oct 19, 2025 • 7min
Unpolitisch, aber stark: Die Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises 2025 in Frankfurt
Eher unpolitisch – so kann man die Gewinnerinnen und Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises zusammenfassen, zumindest dann, wenn die Preise der Kritikerjury im Fokus stehen. Gute Bücher, herausragende sogar, aber eben nicht die politischen und das, obwohl der Anteil an politischen Büchern unter den nominierten Titeln sehr hoch war.
Die Kraft der Fantasie, der Wert der Freundschaft und echter Begegnungen, die Möglichkeiten eines Perspektivwechsels und des Humors – das sind die Themen der Gewinnertitel. Es sind die trostspendenden Bücher, die die Kritikerjury auswählte.
Und das, obwohl Jan Standke, Vorsitzender des Arbeitskreises für Jugendliteratur, auf der Preisverleihung betonte: „Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist nicht nur die wichtigste Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland, er ist auch ein gesellschaftliches Bekenntnis zu einer Literatur, die jungen Menschen etwas zutraut. Denn Kinder- und Jugendliteratur ist keine pädagogische Beilage, sondern sie ist Weltdeutung in Sprache und Bild.“
Auffällig dabei ist außerdem der immer stärker werdende Trend zu einem größeren und vielfältigeren Bildanteil durch alle Kategorien hinweg: mehr Illustration und Gestaltung im Kinder- und Sachbuch und zum Teil auch im Jugendbuch.
Ein Bilderbuch ganz ohne Worte
Auch Jan Standke hob die Wichtigkeit von Bildern hervor: „Lesen ist eine Zukunftskompetenz. Mehr noch: Lesen ist eine Überlebenskompetenz in einer Welt, die sich rasant verändert. Politisch, gesellschaftlich, technologisch und in der die Bilder immer wichtiger werden. Die herausragenden Bilderbücher und Illustrationen, die heute unter den Nominierten sind, zeigen: Lesen heißt auch sehen. Wer Bilder versteht, lernt zu unterscheiden zwischen Wirklichkeit und Inszenierung.“
Eine wichtige Kompetenz. Und Bilder lesen lernen, das fängt schon im Kleinkindalter an. So wie bei „Regentag“ vom Illustrator Jens Rassmus, Gewinner in der Kategorie Bilderbuch.
„Regentag“ ist ein herausragendes Bilderbuch ab 4 Jahren. Darin langweilen sich zwei Kinder zuhause. Die beiden und ihre Umgebung sind zunächst in schwarzen Linien gezeichnet. Als sie langsam ins Spiel finden, entfalten sich kräftige Acrymalereien auf den Seiten, die die Fantasiewelt der Kinder in satten Farben zeigt. Ein Buch, das die Kraft und Wohltat von Fantasie feiert und Kinder in ihrem Spiel ernst nimmt.
Kindern etwas zumuten
In der Kategorie Kinderbuch gewinnt der Roman „Himmelwärts“ von Autorin Karen Köhler und Illustratorin Bea Davies. Er richtet sich an Kinder ab 10 Jahren und mutet ihnen die intensive Auseinandersetzung mit dem Tod zu, denn die Mutter des einen Mädchens ist gestorben.
Ernste Themen sind wichtig für Kinder, findet Iris Kruse, die Vorsitzende der Kritikerjury: „Der Zumutungsdiskurs ist sehr wichtig beim Nachdenken über die Frage ’Was ist eigentlich gute Kinderliteratur?‘. Entscheiden wir uns dafür, dass Kindern alles zuzumuten ist, was das Leben eben ausmacht, dann werden Gestaltungsfragen und Fragen des ‚Wie‘ des Erzählens sehr groß.“
„Himmelwärts“ mutet Kindern auf einfühlsame und literarische Weise die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer zu, die nun einmal auch Lebensrealität für viele Kinder ist. Und tatsächlich nimmt sich der Roman auch den Raum für eine kunstvolle Gestaltung. Illustratorin Bea Davies fügt dem Text größtenteils abstrakte, aber sehr stimmungsvolle Bilder in verschiedenen Drucktechniken hinzu.
„Himmelwärts“ erzählt vom Erinnern, vom Forschen als kindlicher Lieblingsbeschäftigung, von Freundschaft und der Verbindung mit dem, was mit dem Verstand nicht zu greifen ist. Denn die beiden Freudinnen versuchen Kontakt zu Tonis verstorbener Mutter aufzunehmen.
Neue Perspektiven
Torsten Casimir, Sprecher der Frankfurter Buchmesse, stellte heraus, wie wichtig eine Freiheit in Form und Themen in der heutigen Zeit vor allem für die Jungendliteratur ist.
„Der Kinder- und Jugendliteratur geht es eigentlich sehr gut und sie wächst. (…) aber es gibt natürlich in autokratischen Systemen den Versuch, selbst darüber entscheiden zu wollen, was Kinder lesen sollen und Jugendliche und was nicht. Und wir haben hier gerade gehört, wie widersinnig das ist. Gerade Jugendliteratur ist nicht Pädagogik und ist nicht betreutes Lesen, sondern es ist eben Literatur und es führt in die Weite und es schlägt uns vor, neue Sichten auf die Welt zu bekommen, alternative Sichten.“
Die Welt anders sehen – das können auch die Preisträgerinnen in der Kategorie Sachbuch: „Läuse – Handbuch zum Überleben auf Menschen“ ist ein humorvolles Buch von Berta Páramo. Ein Buch, das sich als Survival-Guide explizit an lesende Läuse wendet.
Kinder, die dieses Buch trotzdem lesen, sind sozusagen selbst Schuld, lernen aber eine ganze Menge dabei. Wissensvermittlung mit einem ganz besonderen Perspektivwechsel – das schafft dieses Buch auf sehr witzige Weise.
Freundschaft erzählt als Chat
Eine Überraschung ist übrigens der Gewinnertitel „Und die Welt, sie fliegt hoch“ von Sarah Jäger in der Kategorie Jugendbuch. Darin geht es um die entstehende Freundschaft zwischen zwei Jugendlichen in Chat-Form.
Neben anderen herausragenden literarischen und politischen Jugendromanen, hat hier ein Buch gewonnen, das mit seinem ungewöhnlichen gestalterischen Konzept Neues wagt und Lesende gleichzeitig etwas ratlos zurücklässt. Denn die Illustratorin Sarah Maus hat das Jugendbuch illustriert.
In schwarzen Linienzeichnungen stellt sie die beiden Schreibenden in einer Art Parallelwelt als komischen Vogel und Astronauten dar und verdeutlicht so die Ambivalenz zwischen Maskierung und Echtheit. Nominiert war das Buch auch von der Jugendjury.
Werden vier der Preise von einer erwachsenen Kritikerjury vergeben, gibt es auch eine Jugendjury, die einen zweiten Jugendroman auszeichnet. Die Jugendjury, bestehend aus sechs Leseclubs, entschied sich für einen Roman mit ganz klarem politischem Thema, nämlich dem Klimaaktivismus.
„No Alternative“ von Dirk Reinhardt erhielt den Preis der Zielgruppe selbst und widmete ihn den Klimaaktivist:innen, mit denen er in der Vorbereitung auf sein Buch gesprochen hat.
„Empathisch und gewissenhaft"
Die Jugendjury begründete ihre Wahl so: „Wir verleihen den Preis der Jugendjury an Dirk Reinhardt, weil er es versteht, sich mit den Stimmen einer jungen Generation und dessen Einsicht auseinanderzusetzen. Empathisch und gewissenhaft durchleuchtet er die verschiedenen Perspektiven im Umgang mit dem Klimawandel und bietet einen ganz neuen und wichtigen Blick auf Klimaaktivismus, der Veränderung nicht nur fordert, sondern auch erwartet.“
Insgesamt war dieser Jahrgang ein starker, ausgezeichnet durch hohe literarische und gestalterische Qualität, starke Stimmen und Mut zu neuen Formen.

Oct 19, 2025 • 4min
Irene Discher rückt „Prinzessin Alice“ in ein helleres Licht
Taubstumm, verliebt in Gott und äußerst leidenschaftlich, so lernt man in Irene Disches schmalem, aber dichtem Roman die Prinzessin Alice von Battenberg kennen. Sie war die Urenkeltochter von Queen Victoria, Schwiegermutter von Queen Elizabeth II. und Großmutter des heutigen Königs Charles III.:
Die Prinzessin erreichte ihren Höhepunkt im Gebet, und dabei ging es laut zu. Einfache Gemüter schlossen daraus, sie müsse sich wohl den nackten Jesus vorstellen, wie er sich erregt an sie drückte und ihr ins Ohr seufzte.
Quelle: Irene Dische – Prinzessin Alice
Lust am Leben
Man wird sich zunächst wundern über diese Frau, die hier nicht vermittelt durch eine Erzählstimme, sondern aus der Ich-Perspektive spricht, in einem naiv-frischen, unmittelbaren Ton. Verheiratet mit Andreas, Prinz von Griechenland, mit ihm hat sie fünf Kinder.
Am Beginn des Romans schreibt man das Jahr 1922. Die Familie hat die bisherige Heimat Griechenland nach einem Staatsstreich verlassen müssen. Die Mutter kommt mit den Kindern in Paris bei ihrer Schwägerin Marie Bonaparte unter, wo sie die Familie durch den Verkauf von Stickereien, Spitzen und Gemälden über Wasser hält.
Die Prinzessin, deren Intelligenz und Schönheit nach der Flucht aus Griechenland wenig gelitten haben, freut sich auch unter widrigen Umständen des Lebens und ihrer Lust und betet sich regelmäßig bis zum Orgasmus in Ekstase, wobei sie göttliche Botschaften zu empfangen glaubt:
Falls es ihnen nicht klar sein sollte: Gott hat keine Stimme. Sie können Gott auf zahllose Arten hören, nicht zuletzt in den Geräuschen, die ihr Körper von sich gibt und die sie selbst nicht kontrollieren können. Die sind nämlich keineswegs beliebig. Hören Sie ihnen genau zu und entschlüsseln Sie sie.
Quelle: Irene Dische – Prinzessin Alice
Perfide Pläne
Währenddessen plant die frigide Marie Bonaparte, verheiratet mit dem schwulen Prinzen Georg und Schülerin von Siegmund Freud, eine Perfidie: Alice soll sterilisiert, in eine psychiatrische Klinik gebracht, von ihren Kindern getrennt werden. Der Plan geht auf.
Jetzt kam mit hastigen Schritten der Doktor herein. Er verströmte Ungeduld. Beäugte mich, sein hilfloses, nacktes Opfer. In der Hand hielt er einen Stift, aus dem rote Tinte floss, damit malte er zwei kleine Kreise auf meinen Unterleib, einen auf jede Seite. Die Tintenflecke, die er dabei überall verteilte, störten ihn nicht. Der lange Hals der Maschine schwang zu mir hin.
Quelle: Irene Dische – Prinzessin Alice
Unvorstellbar ist das Leid, das die Schwägerin der Prinzessin antut, sei es aus Neid, sei es aus falschem Erkenntnisinteresse. In die Psychiatrie verbracht, wird Alice ruhiggestellt und vegetiert dahin, bis sie sich verliebt. Doch auch diese Verliebtheit steht unter keinem guten Stern.
Prinzessin Alice flieht schließlich aus der Klinik. Sie gibt sich als Nonne aus und kehrt nach Athen zurück, wo die Monarchie inzwischen wiederhergestellt ist, um einen Orden zu gründen und eine Suppenküche zu eröffnen.
Ich bezahlte die Jahresmiete für ein heruntergekommenes Ladenlokal in dem verarmten Viertel, auf das ich nur eine Straße vom Palast entfernt gestoßen war. In meiner Küche gab es Töpfe genug, um für eine große Anzahl Unglücklicher zu kochen.
Quelle: Irene Dische – Prinzessin Alice
Royaler Glamour und Sigmund Freud
Man kann auf irritierende Weise fasziniert sein von der Bewegtheit dieses Lebens und der unverbrüchlichen Kraft, mit der sich Prinzessin Alice allen Widrigkeiten und Schicksalsschlägen widersetzt, sich aufrappelt. Sie wirkt hier ganz und gar nicht verrückt, im Gegensatz zu großen Teilen der königlichen Verwandtschaft, die Irene Dische in weiten Teilen überspannt und lebensuntauglich schildert.
Ein wenig mit dem royalen Glamourfaktor kokettierend und Sigmund Freuds Lehre deutlich kritisierend, gelingt dem Roman in kluger, mit Tiefe gepaarter Leichtigkeit etwas Feines: Er rückt Prinzessin Alice in ein anderes, helleres Licht.

Oct 19, 2025 • 4min
Thorsten Nagelschmidt – Nur für Mitglieder | Buchkritik
Manche Menschen können gar nicht genug davon bekommen. Deshalb kaufen sie schon im September Lebkuchen und Spekulatius, spätestens im November ertönt das erste Mal „Last Christmas“ von Wham. Die Wohnung wird aufgerüstet wie ein Showroom von Käthe Wohlfahrt, Leuchtsterne und Lichterketten baumeln im Fenster, während der Tannenbaum unter dem Gewicht der Kugeln zu kippen droht.
Zwischen Kitsch und Kindheitssehnsucht
Weihnachten ist die ultimative Flucht ins verlorene Paradies der Kindheit, ein eher säkulares Versprechen auf ein harmonisches Miteinander, das selten eingelöst wird. Und doch lädt sich das Fest jedes Jahr von Neuem mit Erwartungen und Sehnsüchten auf, denn süßer die Glocken nie klingen. Und dann gibt es Menschen wie Thorsten Nagelschmidt.
Ich saß daheim und mir ging’s beschissen. Weihnachten rückte näher, ich war allein, die Panik stieg. Ich versuchte, mich abzulenken, mir etwas Gutes zu tun, und verbrachte einen Nachmittag im Liquidrom. Danach ging ich in einem von Helenas und meinen Lieblingslokalen essen, doch die im Modus der Halbironie zelebrierte Weihnachtsfeier eines sich betont flachhierarchisch gebenden Architekturbüros am Nebentisch ging mir dermaßen auf den Sack, dass ich kurz davor war, aufzuspringen und die affektiert vor sich hin gackernden Kollegen und Kolleginnen zu bitten, endlich mal die Schnauze zu halten.“
Quelle: Thorsten Nagelschmidt – Nur für Mitglieder
Wenn Weihnachten zur Krise wird
Das Unbehagen an der Weihnachtskultur: Für Thorsten Nagelschmidt hat sich die heillose Missstimmung über die Jahre maßlos gesteigert. Dem mit einer depressiven Grundkonstitution ausgestatteten Autor hilft irgendwann nichts und niemand mehr. Der komplette Zusammenbruch ist nah. Weihnachten wird zum Auslöser einer tiefgreifenden Krise und Verstörung:
Nie wieder Weihnachten in Deutschland, hatte ich mir geschworen, als ich wieder halbwegs beieinander war, nie wieder Weihnachten ohne eine Aufgabe.
Quelle: Thorsten Nagelschmidt – Nur für Mitglieder
Flucht ins All-Inclusive und Binge-Watching
Die Lösung erscheint auf den ersten Blick kaum dazu angetan, der Depression zu entkommen: Nagelschmidt hat die Idee, eine Bildungslücke zu schließen und alle 86 Folgen der legendären Serie „The Sopranos“ in elf Tagen zu schauen. Acht Stunden Binge-Watching täglich, beginnend am 14. Dezember.
Allerdings nicht auf dem heimischen Sofa. Er bucht sich in einem All-Inclusive-Hotel auf Gran Canaria ein – auf der Royal-Level-Ebene, in der keine Kinder zugelassen sind und das Essen etwas gehobeneren Ansprüchen genügt. Ein spezielles Armband gewährt den Zugang zu den exklusiveren Wellness-Bereichen: nur für Mitglieder.
„Nur für Mitglieder“ heißt auch das Buch, das aus der Flucht vor Weihnachten in die Urlaubsvorhölle entstanden ist. Dieser Bericht ist Tagebuch, Memoir, Milieustudie, Reisereportage, Anti-Weihnachtsgeschichte in einem.
Das seltsame Gefühl, wieder aufzutauchen in die … ja in was denn eigentlich? Ich wollte in die ‚wirkliche Welt‘ schreiben, aber das passt ja nun auch nicht, denn so eine Freiluftparzelle im siebten Stock eines All-Inclusive-Resort-Hotels am Rande einer aus dem Boden gestampften autogerechten Touristenenklave am südlichen Zipfel einer Spanien zugehörigen Insel im Atlantik – wie die wirkliche Welt kommt mir das auch nicht gerade vor.
Quelle: Thorsten Nagelschmidt – Nur für Mitglieder
Eine Reise in die Vergangenheit – und ins Innere
Mehr und mehr wird das vorweihnachtliche Abenteuer zu einer biografischen Selbsterkundung. Wie konnte es zu diesem Weihnachtshorror kommen? Was hat das mit den Erwartungen von Gesellschaft und Familie zu tun?
Wie überhaupt wird man zu jener bröseligen, von außen betrachtet verzweifelt das Außenseitertum pflegenden Gestalt, die man unweigerlich ist, wenn man in einem Hotelzimmer sitzt und nachrechnet, wie viele Stunden man noch vor dem Fernseher ausharren muss, um das Pensum zu schaffen?
Der Eindruck, dem Bericht einer absurden Reise in ein Urlaubsparadies zu folgen, der durchaus humoristische Früchte abwirft, weicht schnell dem Gefühl, einer tieftraurigen Reise ins Innere einer Depression beizuwohnen.
Auch wenn Nagelschmidt immer wieder kleine soziologische Exkurse einblendet oder kuriose Erlebnisse am Mittagsbuffet schildert – eine komische Reportage, wie sie einst David Foster Wallace über eine Luxuskreuzfahrt vorgelegt hat, gelingt ihm nicht.
Aber doch eine Reportage darüber, wie man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf des Unglücklichseins ziehen kann.

Oct 15, 2025 • 4min
„Eine anhaltende Rebellion“: Kommunistischer Kampf auf den Philippinen
Er sei es so leid, ständig Joma Sison im Ohr zu haben. Das stöhnte Rodrigo Duterte im Jahr 2018. Damals war Duterte noch Präsident der Philippinen und genervt von einem Kommunisten namens José María Sison, Spitzname Joma. Der hatte die Philippinen schon 1987 verlassen, lebte seither im niederländischen Exil und würde bald 80 werden.
Ein alter Stratege, der aber online noch immer seine politischen Kommentare abgab. Damals besuchte ihn auch der philippinische Journalist Michael Beltran. Und hat darüber ein Buch geschrieben. Über Joma Sison und seine Frau.
Michael Beltran erzählt: „Ich wusste nicht, wie Joma und Julie als Menschen waren. Wie ihr Leben im Exil funktionierte. Wie ihr Sozialleben aussah. Die allermeisten Texte, die über sie als philippinische Revolutionäre geschrieben wurden, sind sehr didaktisch. Deswegen wollte ich sie persönlich kennenlernen und mit ihnen sprechen, um auch ein Gefühl für die Zwischenräume und Grauzonen in ihrem Leben zu bekommen.“
Ist die Ära des Kommunismus nicht längst vorbei?
An sich mangelt es nicht an Literatur über José María Sison. Sogar auf Deutsch gibt es einige Bücher über ihn, in den 80er und 90er Jahren geschrieben vom Politikwissenschaftler Rainer Werning. Michael Beltrans Buch gibt nun ein Update.
Es heißt „Der singende Gefangene und die Bibliothekarin mit nur einem Buch“. Darin zeichnet er ein geradezu privates Porträt des exilierten Paars. Ist die Ära des Kommunismus denn nicht längst vorbei, Michael Beltran?
„Die Philippinen gehören zu den wenigen Orten auf der Welt, an denen es noch immer einen bewaffneten Aufstand gibt. Eine anhaltende bewaffnete Rebellion. Erst kürzlich, während der Pandemie, sagten der Sprecher des Präsidenten und auch Präsident Duterte selbst, dass die Guerillas der Neuen Volksarmee eine viel größere Bedrohung für die Regierung darstellten als das Corona-Virus. In Europa ist der kommunistische Widerstand vielleicht ein Phänomen der Vergangenheit. Aber hier ist das anders.“
Empathisches Porträt eines alten Kommunistenpaars
1969 gründete Sison die Kommunistische Partei der Philippinen (CPP) und ihren bewaffneten Arm, die Neue Volksarmee (NPA). Unter Ferdinand Marcos wurden er und seine Frau Julie gefoltert. Sie saßen jahrelang in Einzelhaft, bevor sie 1987 in die Niederlande gehen konnten. Und von dort weiterwirkten.
Wie weit dieses Wirken ging, klärt Beltran nicht genau auf. Fakt ist, dass Sison 2007 in Utrecht für Beteiligung an dreifachem Mord auf den Philippinen festgenommen, ein Jahr später aber aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen wurde. Bis zu seinem Tod lebten er und seine Frau in Freiheit, wenn auch gewissermaßen gefangen im Exil.
Michael Beltran hat selbst in philippinischen Slums gearbeitet. Soziale Gerechtigkeit spielt in seiner journalistischen Arbeit eine große Rolle. Joma Sison und seiner Frau Julie de Lima begegnet er sehr empathisch. Das macht sein Buch stark und schwach zugleich.
Stark ist dieses Porträt eines alten Kommunistenpaars, weil es dem jungen Beltran offenkundig vertraut. Auch der sozialrevolutionäre Geist des Buches wirkt frisch und inspirierend. Beltrans Identifikation mit seinen Hauptfiguren schwächt sein Buch allerdings auch. Oft wirkt es, als übernähme er ihre Positionen einfach.
Joma Sisons teils bewaffneten Widerstand und seinen bis zuletzt hochgehaltenen Maoismus untersucht und diskutiert Beltran nicht genauer. Insofern ist sein Buch durchaus eindrücklich, aber es fehlt ihm auch an kritischer Distanz.

Oct 14, 2025 • 6min
Ein Muss für Pynchon-Fans: Der neue Roman „Schattennummer“
Der erste Satz setzt schon den Ton:
Wenn Ärger in die Stadt kommt, nimmt er meist die North-Shore-Linie. Weiter südlich am See, in Chicago, sind die Zeiten hart, der Wind hat gedreht, die Aufhebung der Prohibition steht kurz bevor, Big Al sitzt im Bundesknast in Atlanta, das Syndikat ist sprunghaft und unberechenbar geworden, und wer einen Vorwand braucht, schleunigst zu verschwinden, fährt rauf nach Milwaukee, wo selten was Schlimmeres passiert, als dass einem jemand einen Fisch klaut.
Quelle: Thomas Pynchon – Schattennummer
Wir befinden uns im Jahr 1932. Big Al ist Al Capone. Und die Bier- und Milchstadt Milwaukee, eine sehr deutsche Mischung, leidet unter dem strikten Alkoholverbot, das man nur mit regester Schmuggeltätigkeit über Kanada umgehen kann. Aber jetzt klingt auch diese Stadt, wie es gleich zu Beginn heißt, langsam wie Chicago.
Der, der schleunigst verschwinden muss, ist der Kleinkriminelle und Schmuggler Stuffy Keegan, der beinahe einem Bombenattentat zum Opfer gefallen wäre. Aber wie er verschwindet, ist typisch Thomas Pynchon. Er flüchtet nämlich in einem U-Boot, das in den Großen Seen kreist und auftaucht, eigentlich zum Armeebestand der österreichisch-ungarischen k. und k. Monarchie gehörte und nach dem ersten Weltkrieg hätte verschrottet werden müssen.
Spionage- und Detektivgeschichte Detektivgeschichte im Zeitalter der Extreme
Der Held des Romans, der Detektiv Hicks McTaggart, versucht, der Geschichte auf den Grund zu gehen, erhält aber dann den sehr viel lukrativeren Auftrag, die Tochter des Käsebarons Bruno Airmont aufzutreiben, die mit dem Klarinettisten einer Swingband durchgebrannt ist. Hört sich wild an, ist aber erst der Anfang.
McTaggart findet sich auf einem Schiff wieder, betäubt wie er war, hat er keine Ahnung, wie, und landet in einem aufgeregten, hysterischen Europa Anfang der 1930 Jahre, in denen der Faschismus sein Haupt erhebt und die verschiedensten Geheimdienste der diversen Groß- und Mittelmächte unseren Helden mal überwachen, ihn manipulieren zu versuchen, wenn nichts Schlimmeres, unterstützt von Paraphysikern.
Dazu kommt eine Moto Guzzi-fahrenden Agentin, die bei einer wilden Rallye durch ehemalige k. und k. Ländereien mitfährt, eine Alptraumlandschaft, bevölkert von Dracula-Abkömmlingen, die sich als Faschisten entpuppen.
Am Ende landet man in Fiume, wo sonst, dem heutigen Rijeka. Dort hatte Italiens Kostümfaschist Nummer 1, der Schriftsteller Gabriele d`Annunzio, nach dem ersten Weltkrieg seine kurzlebige rechte Kommune begründet. Kurz: Pynchon erzählt eine Spionage- und Detektivgeschichte im Zeitalter der Extreme.
Explodierende Genreliteratur
Wir haben es mit Genreliteratur zu tun – aber im Augenblick ihrer Explosion. Diesem Durcheinander wird kein Ermittler mehr Herr, vor allem wenn ihn doch eher Frauen zu interessieren scheinen als der Fall. Und wenn man McTaggart mit seiner Geliebten April sprechen hört, dann klingt es manchmal so, als würden Lauren Bacall und Humphrey Bogart sich verliebte Sticheleien zuwerfen.
„Du Mistkerl.“„Ach komm, ist doch bloß ein Song.“„Du bist in Schwierigkeiten, Hicks.“„Solange ich sie nur bei dir habe, mein Engel“„Bist in großen Schwierigkeiten und weißt es nicht mal.“„Das musst gerade du sagen.“„Salonlöwen und Ehemänner auf Abwegen, Zuckerbär – vergiß sie, dieses Mal ist es ernst.“„Zur ersten großen Lektion des Lebens: Geld redet, kommt jetzt die zweite: Liebespartner gehen fremd.“
Quelle: Thomas Pynchon – Schattennummer
Man merkt, Pynchon ist ein großer Kinofan, wenngleich der Dialog etwas klischeehaft anmutet. Aber die Protagonisten bei Thomas Pynchon hatten immer schon etwas Comic-haftes. Das hat nie verhindert, dass er die große Weltpolitik, die vielen kleinen persönliche Geschichten und die lapidare Existenzfrage: Hat das denn alles einen Sinn?, sehr lässig unter einen erzählerischen Hut brachte.
Seine Helden sind Figuren auf einem Schachbrett, das man nie ganz zu Gesicht bekommt, bis es am Ende zu verschwinden droht. Übrig bleibt ein Wimmelbild von Geheimdienstlern, Strippenziehern, Verfolgten und Verfolgern, die schnell mal die Position wechseln. Unübersichtlichkeit ist Pynchons erzählerische Methode, in jedem Augenblick können die Regeln geändert werden, in jedem Moment ist alles möglich, das nennt man Entropie. Kurz: lose Enden sind erwünscht.
Chaos ohne Wahrheit
Vielleicht sind es im neuen Roman ein paar zu viele, so schnell wechseln die Szenen und Protagonisten. Die einzelnen Episoden dominieren den Plot. Wobei man sich bei Pynchon als PLOT keine lineare Erzählung vorstellen darf, sondern ein ausgeklügeltes Netzwerk von Verweisen und Verknüpfungen.
In „Schattennummer“ scheint es so, als ob es diese erzählerische Tiefenstruktur nicht mehr geben würde, und das hat ganz inhaltliche Gründe, weil die ja die politische Landschaft widerspiegelt mit all den Mächten im Untergrund, dem deep state.
Was, wenn die Macht auf die Oberfläche gewechselt ist? Was, wenn sie sich gar nicht mehr verbergen muss? Was, wenn Thomas Pynchon im Scheitern davon erzählt, dass der Faschismus ein System ohne Geheimnis ist? Dass er seine Wahrheiten in die Welt hinausbrüllt, dass er nichts zu verbergen hat, dass er sagt, was er zu tun gedenkt?
Schwer für einen Erzähler der Paranoia, der Tiefenstruktur. Schwer auch für einen Ermittler wie Hicks, ein Detektiv ohne Fortune, der durch das offensichtliche Chaos der Fake News stolpert, hinter denen keine Wahrheit steckt.
Am Ende reist Bruno Airmont, der Käsebaron, mit dem U-Boot zurück in die USA und erkennt seine Heimat nicht wieder.
Die Freiheitsstatue existiert nicht mehr, man sieht
„die etliche hundert Meter hohe Statue einer maskierten Frau in nicht so sehr zeremonieller als vielmehr gefechtsmäßiger, militärischer Montur.“
Das ist Pynchons Kommentar zum gegenwärtigen Amerika.

Oct 14, 2025 • 4min
Nationalepos der Philippinen: „Noli Me Tangere“ von José Rizal
Er ist allgegenwärtig auf den Philippinen. Das freundlich forschende Gesicht von José Rizal blickt Besuchern von Büsten, Bildern, Denkmälern und Geldscheinen entgegen. Straßen und Plätze, Krankenhäuser und Schulen sind nach ihm benannt. Der Historiker Ambeth Ocampo, der ein vieldiskutiertes Buch über Rizal geschrieben hat, kann erklären, warum der Schriftsteller so verehrt wird.
Er sagt: „Seine Schriften halfen den Filipinos zu verstehen, wer sie waren und was sie sein sollten. Bevor wir überhaupt eine Nation wurden, hatten wir einen Helden, der sich eine Nation vorstellte. Er erlebte die Freiheit und Unabhängigkeit der Philippinen nicht mehr, aber es sind im Grunde seine Ideen und seine Schriften, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind.“
Ein „krebskrankes Land“
José Rizal wurde 1896 von der spanischen Kolonialmacht in Manila hingerichtet. Mit 35 Jahren. Man warf ihm „Anstiftung zur Rebellion“ vor. Die Spanier beriefen sich dabei auf seine Schriften und vor allem auf den Roman, der sein berühmtester ist und Pflichtlektüre an philippinischen Schulen: „Noli Me Tangere“ – „Rühr mich nicht an“. Was im Buch angerührt wird, sind die Gegebenheiten im Land.
Rizal beschreibt die Philippinen unter spanischer Herrschaft als „krebskrank“. Das war das Ketzerische und Gefährliche. Hauptfigur ist der junge, idealistische Ibarra, der nach sieben Jahren in Europa mit großen Plänen in seine Heimat zurückkehrt. Er will seine Jugendliebe Maria Clara heiraten, vor allem aber die einfachen Menschen unterstützen und sein Land voranbringen.
Sein Plan ist es, eine Schule zu gründen, in der Bauernkinder mehr lernen als nur Gebete aufzusagen und sich vor dem Rohrstock zu fürchten. Ibarra rechnet nicht mit dem machtvollen, von Priestern angeführten Widerstand. Obwohl er von einem Freund gewarnt wird.
Um dieses Unternehmen durchzuführen, nützen Wollen und Geld allein nichts, in unserem Land erfordert es außerdem Selbstverleugnung, Stehvermögen und Vertrauen. Der Boden ist nicht vorbereitet, es wurde nur Unrat auf ihm gesät.
Quelle: José Rizal – Noli Me Tangere
Mord, Betrug und Hinterlist
José Rizal erzählt eine veritable Abenteuergeschichte, mit allem, was dazugehört: Intrigen, Folter, Mord, Betrug und Hinterlist, es gibt Helden und Schurken. Zuweilen wirkt das etwas konstruiert, um die Spannung hochzuhalten, müssen viele Zufälle helfen. Das eigentlich Interessante an dem Roman ist nicht die Story, auf die Rizal, so scheint es, selbst nicht besonders viel Wert gelegt hat.
Es sind die einprägsamen, präzise gezeichneten und zuweilen parodistisch überzeichneten Charaktere, für die der Autor zurecht bis heute gefeiert wird. Mächtige, eigensüchtige Patres, korrumpierte Beamte und inkompetente Milizionäre bestimmen nach Gutdünken über die einfachen Menschen im Land. Aber José Rizal ging es nicht nur darum, zynische Eliten und dysfunktionale Machtverhältnisse bloßzustellen. Sein Anspruch, „alles der Wahrheit zu opfern“, reichte weiter.
Das meint auch Ambeth Ocampo: „Wenn man den Roman genauer liest, wird deutlich, dass er zwar vordergründig das Kolonialsystem attackiert. Aber es geht auch um die Kolonialisierten, die nicht befreit werden wollen, deren Denk- und Gefühlswelten kolonialistisch sind. Es ist eine Mentalität, die sich schwer verändern lässt. Rizal zeigt den Menschen im Land: ‚So seid ihr‘.
Und er fragt: ‚Was werdet ihr sein, wenn das Kolonialsystem abgeschafft wird? Werdet ihr so schlecht sein, wie dieses System? Oder werdet ihr etwas Besseres schaffen?‘“
Andauernde Relevanz
In seinem berühmten Roman gibt José Rizal darauf keine Antwort. Für Ambeth Ocampo liegt gerade darin das Geheimnis seiner andauernden Relevanz. Amtsmissbrauch, Korruption und Patronage gibt es bis heute auf den Philippinen. Man kann es sich leicht machen und einzig auf die langen Jahre des Kolonialismus verweisen. Im Sinne von José Rizal wäre das sicher nicht.

Oct 13, 2025 • 4min
Erschütternde Reportage: „Some People Need Killing“ von Patricia Evangelista
„Ich will Angst verbreiten“, das kündigte Rodrigo Duterte als Bürgermeister der Millionenstadt Davao auf der südlichen philippinischen Insel Mindanao an. Als er 2016 zum Staatspräsidenten gewählt wurde, versprach er noch am selben Tag bei einer Rede in einem Slum von Manila, die „Hurensöhne“ zu töten, die in Drogengeschäfte verwickelt seien.
In den folgenden Monaten erschossen Polizisten und sogenannte Todesschwadrone zu Tausenden Drogendealer, Junkies und andere Menschen, deren Leben weniger wert zu sein schien. „Hitler vernichtete drei Millionen Juden“, rechnete Duterte falsch vor. „Hier gibt es drei Millionen Drogenabhängige. Ich werde sie liebend gern abschlachten.“
Die renommierte Reporterin Patricia Evangelista berichtete seit 2016 für das Online-Medium Rappler über den „Drogenkrieg“. Sie war an den Tatorten, hat mit Überlebenden, Hinterbliebenen und Tätern gesprochen. Auf der Grundlage ihrer Recherchen hat sie ein zutiefst erschütterndes Buch über den Horror des „Drogenkriegs“ geschrieben. Darüber, was dieser Krieg mit und aus den Menschen im Land gemacht hat. Und wie ihr selbst die Geschehnisse zusetzen.
Unempfindlich gegenüber dem Grauen
Patricia Evangelista: „Man vergisst nicht, was man gesehen hat. Manchmal verschmilzt ein Tatort mit dem nächsten. Aber man erinnert sich an die Menschen, an die Mütter, die entdecken, dass ihre Söhne verschwunden sind, an die Töchter, die vor einer Treppe knien, denen man gesagt hat, dass es ihre Väter sind, die drinnen schreien und jammern.“
Patricia Evangelista denkt darüber nach, warum ein Land, das 1986 den Diktator Ferdinand Marcos stürzte, nur eine Generation später einen mörderischen Autokraten wählte, warum Rodrigo Duterte so viele begeisterte Anhänger hatte – und noch immer hat –, warum die Menschen jubelten, als er drohte, ihre Mitbürger zu erschießen. Wie es gelang, „eine ganze Bevölkerung unempfindlich gegenüber dem Grauen werden zu lassen“.
Ihre Antwort ist vielschichtig. Sie ergründet, wie Menschen systematisch dehumanisiert wurden. Sie schaut auf die Geschichte des Landes und die ihrer Familie, auf die Sehnsucht nach Helden und Führerfiguren sowie die Neigung, die Vergangenheit schön zu färben. Und sie seziert die perfide Strategie Dutertes.
Eine traumatisierte Gesellschaft
„Rodrigo Duterte erzählte uns allen eine Geschichte. Er sprach die Ängste und Sorgen an, die jahrzehntelange enttäuschte Erwartungen immer weiter geschürt hatten. Und dann gab er dem Feind einen Namen. Er nannte ihn die Plage der illegalen Drogen und sagte, er würde töten, um diese Plage auszurotten", erzählt Patricia Evangelista.
„Er sagte, wer ihm nicht glaube, dass Drogen schrecklich seien, dem würde er diese selbst verabreichen. Man solle sie seinen Kindern geben und zusehen, wie sie zu Monstern würden. Die Filipinos haben für Duterte gestimmt. Sie haben für den Tod gestimmt, weil das sein Versprechen war. Aber viele von ihnen haben auch für die Hoffnung gestimmt, dafür, dass sich unter Duterte vielleicht etwas ändern würde.
Womöglich würden seine Versprechen, auch wenn sie mit Gewalt verbunden waren, die Welt, in der sie lebten, zu einem besseren, sichereren und angenehmeren Ort machen.“
Was bleibt, sind zerschlagene Hoffnungen
Was bleibt, sind zerschlagene Hoffnungen und eine traumatisierte Gesellschaft, die sich den Verbrechen und dem Leid des Drogenkrieges kaum stellt. Die Philippinen haben Rodrigo Duterte im März an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ausgeliefert. Immerhin. Doch nur zwei Monate später wählten ihn die Einwohner von Davao mit großer Mehrheit erneut zu ihrem Bürgermeister.
Sie glaube nicht daran, dass ihr Buch viele Menschen zum Umdenken bringe, sagt Patricia Evangelista. Sie habe lediglich das Geschehene festhalten wollen. Das ist ihr meisterhaft gelungen. „Some People Need Killing“ ist ein so couragierter wie sprachmächtiger Einspruch gegen das Vergessen.

Oct 12, 2025 • 4min
Ein Jahrhundert philippinische Geschichte - Katrina Tuveras „Die Kollaborateure“
Carlos ist 70 und kriegt einen Stent. An seinem Krankenhausbett in Manila sitzen seine Frau Renata und die Tochter Brynn und giften sich an. Ein Zimmer voller Spannungen. Dennoch hat Carlos Zeit, an sein Leben zurückzudenken: an die Zeit der Besatzung, die er als Kind erlebte.
Da waren erst die Amerikaner, dann die Japaner, dann wieder die Amerikaner. Er denkt auch an die philippinische Unabhängigkeit, die aber – so die These dieses Romans von Katrina Tuvera – bis heute keine ist. Besonders genau erzählt sie von der Ära des Ferdinand Marcos. Ein Diktator von Washingtons Gnaden.
Er mag es nicht, wenn der US-Präsident Johnson ihn seinen ‚rechten Arm‘ in Asien nennt – aber was ist daran so falsch, frage ich dich? Denkt, er, die Leute werden darüber lachen? Ihn als Schoßhund bezeichnen?
Quelle: Katrina Tuvera – Die Kollaborateure
Antikommunistisches Bollwerk in Asien
Ja. Und zurecht. „Die Kollaborateure“ heißt Katrina Tuveras sehr wacher Roman. Ihre Figuren reden leichthin von Kollaboration, wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht. Doch auch danach wird fleißig antichambriert, zeigt dieser Roman, vor allem bei den Amerikanern, für die die Philippinen in den 60ern und 70ern zum antikommunistischen Bollwerk in Asien wurden.
Garant dafür waren Diktator Ferdinand Marcos und seine Frau Imelda. Herzpatient Carlos gehörte einst zu Marcos‘ Entourage. Wie auch die Eltern von Katrina Tuvera selbst.
Katrina Tuvera: Ich wuchs in einer Familie auf, die loyal zu Marcos stand. Erst an der Uni sah ich die dunkle Seite dieser Marcos-Loyalität. Seither bewege ich mich zwischen diesen beiden Weltsichten. Für mich ist das eine Art Schizophrenie. Ich kann diese Perspektiven nicht in Einklang bringen. Deswegen bin ich Schriftstellerin geworden.
Wichtig sind für Tuvera Figuren, die nicht leicht fassbar sind. Carlos etwa erleben wir als fröhlichen Jungen und liebevollen Vater, als widerwärtigen Ehemann und fragwürdigen Politunterhändler. Auch er wird einmal ein Schoßhund genannt.
Carlos ist ein Antiheld
Katrina Tuvera: Carlos ist für mich ein Antiheld. Ich mag Antihelden, weil sie nicht einfach gut oder böse sind. Sie sind beides. Wer von uns könnte sie verurteilen? Für meinen Roman wollte ich Figuren und Erzählstrukturen, die komplexer sind.
Vertrackt sind auch die politischen Verhältnisse, die Katrina Tuvera beschreibt. In der Gegenwart des Romans wird mit Joseph Estrada um die Jahrtausendwende herum wieder mal ein Präsident geschasst. Tuvera erwähnt viele reale Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, benennt sie aber nicht konkret.
So steckt ihr Text voller Andeutungen, die deutsche Leser nur schwer verstehen. Das einordnende Nachwort von Annette Hug hilft bei der Lektüre. Auch Carlos Tochter Brynn will begreifen, was in ihrem Land vor sich geht. Zusammen mit Freund Jacob besucht sie eine Ausstellung zur Marcos-Ära.
Aufarbeitung der Marcos-Ära
An einer Wand befinden sich Streifen aus Stacheldraht, die von Quadraten aus Metall unterbrochen werden, auf die Daten geprägt sind. Daneben stehen Zahlen und Beschreibungen, die nicht länger geheim gehalten werden: 70.000 Inhaftierte und 34.000 Gefolterte; über 3.200 außergerichtlich Getötete über einen Zeitraum von neun Jahren, von 1972 bis 1981.
Quelle: Katrina Tuvera – Die Kollaborateure
Die Aufarbeitung ist im Gang, will dieser multiperspektivische Roman sagen. Jan Karsten hat ihn zugkräftig übersetzt. Sicherlich eines der klügsten philippinischen Bücher in diesem Herbst. Eine lohnende, aber auch durchaus fordernde Lektüre.


