SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Oct 5, 2025 • 17min

Katerina Poladjan: Goldstrand

Auf engem Raum erzählt Katerina Poladjan von der ideologischen Wucht, die das 20. Jahrhundert geprägt hat. Von utopischen Entwürfen, kühnen Versuchen des Aus- und Aufbruchs. Und von den darauffolgenden Entzauberungen.
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Oct 5, 2025 • 20min

Percival Everett: Dr. No

Ein Professor und Experte für das Nichts. Ein Milliardär, der nur ein Ziel hat: Ein Bösewicht zu werden. Ein Buch, das unter seiner humorigen Oberfläche davon erzählt, was die Welt derzeit massiv ins Wanken bringt.
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Oct 5, 2025 • 18min

Thomas Melle: Haus zur Sonne

Ein staatlich subventioniertes Projekt, in dem die Probanden ihre Wünsche erfüllt bekommen, um dann unauffällig aus dem Leben zu scheiden. Wieviel Selbstbestimmung hat man, wenn man erst einmal dort gelandet ist?
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Oct 5, 2025 • 1h 13min

SWR Bestenliste Oktober

Eine Premiere im Jubiläumsjahr: Die SWR Bestenliste gastierte zum ersten Mal im Studio Werkhaus des Mannheimer Nationaltheaters. Aus der Jury diskutierten Cornelia Geißler (Berliner Zeitung), Anne-Dore Krohn (Rundfunk Berlin-Brandenburg) und Paul Jandl (Neue Zürcher Zeitung) über vier ausgewählte Titel der SWR Bestenliste im Oktober. Auf dem Programm standen: Thomas Melles Roman „Haus zur Sonne“ (Kiepenheuer & Witsch), Percival Everetts Roman „Dr. No“ in deutscher Übersetzung von Nikolaus Stingl (Hanser), Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“ (Hanser) und Katerina Poladjans Roman „Goldstrand“ (S. Fischer Verlag). Die Jury lobte die vier erstplatzierten Bücher der Oktober-Bestenliste durchgehend, allein bei Everetts James-Bond-Persiflage gab es unterschiedliche Meinungen zur Frage, ob es ein paar Pointen zu viel gebe und die Parodie in manchen Passagen leerlaufe. Die brillante Übersetzung des Werks wurde wiederum von allen Jury-Mitgliedern herausgestellt!
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Oct 5, 2025 • 19min

Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen

Der Anruf eines Theatermachers bei einer Schriftstellerin. Ein Angebot, an einem künstlerischen Projekt im Urwald teilzunehmen. Es wird ein beunruhigender Trip in Zwischenzonen des Daseins, in denen die Sprache zu versagen droht.
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Oct 5, 2025 • 4min

Patrick Lacan und Marion Besançon – Grün

Riesige Städte beherrschen die Welt in Patrick Lacans und Marion Besançons Graphic Novel „Grün“. Bilder aus der Satellitenperspektive zeigen, dass sie sich wie ein Nervengeflecht über die Erde ausgebreitet haben. Die Kontinente und Ozeane sind kaum noch erkennbar. Doch die Natur scheint unbeeinflusst von alldem. In den Städten gibt es Gärten und Parks, sogar Wald. Und unterhalb der gigantischen Autobahnen schlängeln sich Unmengen von Wurzeln durch die Erde, umschlingen Rohre und Drähte. Diesen stummen Wettbewerb um Lebensraum kleiden die Comic-Erzähler nicht etwa ins titelgebende Grün.   In zarten Bildern erobert sich die Natur den Raum zurück  Er findet in Schwarzweiß und vor allem unzähligen Stufen von Grau statt und beginnt harmlos. Überall auf der Welt werden Babys geboren, denen Blätter aus der Nase wachsen. Sie sind gesund und niedlich wie alle Babys. Trotzdem verfallen die Medien in Alarmbereitschaft.  Reporterin: Anscheinend wurde zunächst versucht, es zu vertuschen. Aber bei der aktuellen Größenordnung ist das unmöglich.  Ärztin: Wir haben nie versucht, es zu vertuschen. Das ist absurd! Reporterin: Wie dem auch sei, Frau Doktor, die Leute fangen an sich Sorgen zu machen. Handelt es sich um eine Epidemie?  Quelle: Patrick Lacan und Marion Besançon – Grün Misstrauen gegenüber den Familien breitet sich aus. Gleichzeitig wachsen überall die Pflanzen schneller, verbreiten sich durch Pollen. Bemerkenswert ist: Obwohl es eine Invasion ist, wirkt sie an keiner Stelle so. Denn Marion Besançons Strich ist zart und skizzenhaft. Ihre kunstvoll gezeichneten Bäume und Büsche, die immer üppiger werdenden Wälder kommen fast ohne Konturen aus, sind weich und einladend.   Umso erstaunlicher, dass einige Figuren so panisch auf die Schönheit der Natur reagieren. Was umso mehr irritiert, weil ihre kindlich-weichen Gesichter an die Ästhetik des Manga erinnern. Allen voran kapselt der alleinerziehende Vater Merlin sich ab und radikalisiert sich. Sein Sohn Clarence nimmt die Veränderungen als gegeben hin. Daneben führen Lacan und Besançon in Episoden weitere Figuren ein. Sie leben alle in derselben Nachbarschaft: ein Männerpaar, ein Teenager-Mädchen und seine Mutter, eine Reporterin und ihre Großmutter, ein Paar mit Baby, dem immer mehr Blätter und Zweige wachsen. Wie überhaupt so gut wie alle Figuren irgendwann beginnen, Triebe zu bilden. Sogar Skeptiker Merlin entdeckt auf einem Röntgenbild winzige Zweige in seinem Kniegelenk.   Merlin: Was ist mit mir? Befreien Sie mich von diesem ...Alptraum, Doktor! (...) Arzt: Haben Sie Schmerzen? Wenn nicht, würde ich Ihnen raten, es so zu lassen. In letzter Zeit wurden viele Operationen durchgeführt, aber mit schlechtem Ergebnis. Entweder wächst es wilder nach oder es wird eine Behinderung  Quelle: Patrick Lacan und Marion Besançon – Grün Eine Metamorphose vollzieht sich über ein Jahr. Die Jahreszeiten teilen das Buch in seine Kapitel ein: Herbst, Winter, Frühling und Sommer. Die Verwandlung ergreift nach und nach den Figurenreigen, die Städte und schließlich alle Menschen.  Die Metamorphose ist zu schön, um wünschenswert zu sein  Mit feinem Gespür für die Dimensionen von Misstrauen und Neugier entwickelt Patrick Lacan die Haltung seiner Figuren, lässt einige der Kleingruppen aufeinandertreffen und mit ihnen auch ihre widersprüchlichen Gefühle zum wuchernden Grün. Verblüffend ist aber, dass Lacan die spannendste Dimension seines Gedankenspiels gar nicht thematisiert: nämlich wie Politik und Wirtschaft auf die sanfte Invasion reagieren. Zwar lässt er militante Pflanzengegner zum Kampf gegen den vermeintlichen Feind auflaufen. Aber das ist schon alles an sichtbarer Gesellschaft. Wenn schließlich im finalen Kapitel, im Sommer, die Comic-Welt und die Buchseiten komplett grün werden, dann ist die Welt, wie wir sie kennen, etwas zu sang- und klanglos verschwunden. Denn die Zweifel, ob eine Natur, die die Individualität des Menschen zerstört, eine wünschenswerte ist, haben in diesem Comic keinen Raum. Und so bleibt nach dem Lesen ein zwiespältiger Eindruck zurück. Trotz der Schönheit der saftig grünen Bilder.
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Oct 1, 2025 • 4min

David Graeber – Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt

David Graeber war ein Vordenker, ein Utopist, ein Anarchist – und ein Träumer, auch das, belesen und denkfreudig. „Ein mit feministischer Theorie gut vertrauter Akademiker“, wie er selbst schrieb. Graebers Nachlassverwalterin und Witwe, Nika Dubrovsky, hat diese Textsammlung von David Graeber zusammengestellt und ihr den Titel gegeben: „Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt…“. Graebers Ideen leben.  Unsere Gesellschaft ist so organisiert, dass der Zugang zu Macht mit dem Zugang zu Gewalt verbunden ist. Menschen, die für andere sorgen, dürfen kaum wichtige Entscheidungen treffen. Es sind die Armeechefs, die Bosse von großen Konzernen und so weiter, die bestimmen, wie wir alle unser Leben leben. Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, die nach den Idealen dieser Leute organisiert ist? Quelle: David Graeber – Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt... Anarchismus: weder gewaltsam noch zerstörerisch  In einem Essay aus dem Jahre 2000 räumt der 39-Jährige Graeber grundsätzlich mit Vorurteilen auf. „Sind Sie ein Anarchist?“, lautet der Titel und er listet zunächst Ängste und Befürchtungen auf. Anarchisten seien „Befürworter von Gewalt, Chaos und Zerstörung“? Falsch, sagt Graeber, purer Unsinn. Und er stellt seine Sichtweise und sein Verständnis von Anarchismus vor:  Anarchisten sind einfach nur Menschen, die glauben, menschliche Wesen seien zu einem vernünftigen Verhalten fähig, ohne dass man sie dazu zwingt. Es ist wirklich eine sehr einfache Vorstellung. Aber es ist eine Vorstellung, die die Reichen und Mächtigen schon immer für extrem gefährlich gehalten haben. Quelle: David Graeber – Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt... Einfache Grundsätze des allgemeinen Anstands  Macht korrumpiere, schreibt Graeber, das gehöre zu den Grundüberzeugungen von Anarchisten. Und es sei „eine Frage des Mutes“, fährt er fort, „sich an die einfachen Grundsätze des allgemeinen Anstands zu halten“. Dazu zählt Graeber Würde und Respekt, Gewaltfreiheit, Empathie. Und er, der Akademiker, der aus der Arbeiterklasse stammte, verweist auf Studien der Psychologie.  Und weil die Menschen nun einmal empathische Lebewesen sind, führt das Wissen zu Mitleid und Mitgefühl. Die Reichen können unterdessen weiterhin unaufmerksam und gleichgültig bleiben, weil sie sich das leisten können. Zahlreiche psychologische Studien haben das in den letzten Jahren bestätigt. Menschen, die in Arbeiterfamilien aufgewachsen sind, erzielen bei Tests zur Einschätzung von Gefühlen anderer Menschen konstant bessere Ergebnisse als Sprösslinge aus den wohlhabenden Bevölkerungsschichten oder von Angehörigen freier akademischer Berufe. Quelle: David Graeber – Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt... Freiheit  David Graeber, in New York geboren, war kein Besserwisser, er wollte nicht recht haben. Doch er spekulierte und kombinierte gern, um neue Einsichten zu ermöglichen, um langweilige Vorurteile aus dem Kopf zu bekommen. Graeber ging den Tabus im Denken und Handeln und in seiner eigenen Disziplin, der Anthropologie, nach; er schilderte persönliche Erfahrungen aus seiner Schulzeit mit Formen von Gewalt oder Erlebnisse mit seiner kranken Mutter und lähmender, schikanierender Bürokratie; er geißelte wiederholt überflüssige Bullshit-Jobs in Verwaltung, Finanz- und Werbewirtschaft, Manager- und Beratungstätigkeiten. Schließlich umriss er seine Idee von Freiheit.  Handeln als Selbstzweck könnte als eine Definition von Freiheit betrachtet werden, ist aber auch eine gängige Definition des Spiels. Das Spielprinzip kann mithelfen zu erklären, warum Sex Spaß macht, es kann aber außerdem erklären, warum Grausamkeit Spaß macht. (Wie jeder Mensch bestätigen kann, der schon einmal beobachtet hat, wie eine Katze mit einer Maus spielt, sind viele Spiele von Tieren nicht besonders nett anzusehen.) Aber es bietet uns eine Basis, von der aus wir über die Welt, die uns umgibt, hinausdenken können. Quelle: David Graeber – Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt... Solidarische und gewaltfreie Überzeugungen scheinen heute weitgehend aus dem Blickwinkel in der Öffentlichkeit verschwunden zu sein. Graebers Schriften können dazu beitragen, andere Möglichkeiten als Krieg, Ungerechtigkeit, Fremdbestimmung wieder zu bedenken und kraftvoll zu propagieren.
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Sep 30, 2025 • 4min

Samanta Schweblin – Das gute Übel

Als 2010 der erste Erzählband von Samanta Schweblin erschien, galt die 1978 geborene Argentinierin als große literarische Entdeckung. Sie hat sich ihre schriftstellerischen Qualitäten bewahrt. Das beweist sie erneut mit dem Erzählband „Das gute Übel“. Er enthält sechs Kurzgeschichten, und sie überzeugen alle. Durch fein ziselierte Beschreibung menschlicher Schwächen und sauber aufgebaute Spannungsbögen, sowie durch sprachliche Präzision. Vor allem aber erweist sich Schweblin als Meisterin der Überraschung. Wie schon in ihren früheren Erzählungen, wählt sie wieder durchgängig die Ich-Form: In „Das Auge in der Kehle“ erzählt sie aus der Perspektive eines zunächst zweijährigen Jungen:  Ein langes Schweigen genügt, dass mein Vater sich umdreht. Ich sitze inmitten verstreuter Gegenstände vor dem Fernseher auf dem Boden und merke, dass er erschrickt. Er steht auf, ist mit einem Satz bei mir, denn das, was gerade passiert, ist kein Wutanfall, das versteht er sofort. Es ist nicht dieses Schweigen, das dem Weinen vorausgeht. Er hat mein Gesicht gesehen, wie ich die Wangen aufblase, bis sie sich färben, irgendwas passiert da gerade. Er braucht ein paar Sekunden, bis er versteht, dass ich am Ersticken bin, dass ich keine Luft mehr kriege. Ich schließe eines meiner Händchen zur Faust und haue mir ungeschickt auf den Mund. »Was hast du gemacht?«, fragt er. Er versucht, meine Faust, meinen Mund aufzubekommen. Ich entwische ihm, er fängt mich ein. Gewaltsam öffnet er meine Hände. Da schlucke ich auf einmal, schlucke etwas... Quelle: Samanta Schweblin – Das gute Übel Es ist eine Lithium-Batterie. Sie verätzt dem kleinen Ich-Erzähler die Kehle.   Parabel auf die Sprachlosigkeit  Während die Kinder in meinem Alter anfangen, mit komplexeren Wörtern zu spielen und die Kraft des Klangs und den Luxus des vorsätzlichen Schweigens entdecken, verliere ich für immer die wenigen Wörter, die ich gelernt habe. Quelle: Samanta Schweblin – Das gute Übel In der berührenden Erzählung beleuchtet Samanta Schweblin, wie der namenlose Junge, seine Mutter und vor allem sein Vater über die Jahre mit ihrer Schuld umgehen: Nur für einen Moment hat der Vater nicht hingeschaut. Man kann die Geschichte aber auch als eine Parabel auf die Sprachlosigkeit innerhalb einer Familie lesen. Für Momente hebt Schweblin dabei ins Unwirkliche ab, wie es für sie typisch ist:  Auf Höhe meines Kehlkopfs ist eine Art schwarzes Amulett, so groß und unförmig wie ein gigantisches Auge. Quelle: Samanta Schweblin – Das gute Übel Schweblin knüpft an die Tradition der fantastischen Erzählung an, wie sie in Argentinien seit mehr als hundert Jahren gepflegt wird. Auf feine Untertöne versteht sich die Autorin ebenfalls. So klingt an, dass in der patagonischen Kleinstadt, in der die Familie lebt, die Gesundheitsversorgung den Namen nicht verdient. Dass Staat und Gesellschaft hilfsbedürftige Menschen allein lassen, schwingt auch in „Die Frau von Atlántida“ mit. Eine Frau erzählt von ihren Kindheitserlebnissen in einem Atlantikbadeort. Gerade mal zehn Jahre alt, ist sie dort mit ihrer Schwester zum Spaß allnächtlich in das Haus einer Dichterin eingedrungen. Die Mädchen räumten deren Müll weg und badeten die alkoholabhängige Frau:   Sie war etwas, das wir gefunden hatten, ein Schatz, der uns gehörte. Tot oder lebendig, sie war unsere Frau, und wenn wir sie frühmorgens in ihrem Haus zurückließen, wollten wir sie nachts, wenn wir wiederkamen, dort auch wieder vorfinden. Die Begegnungen mit der Dichterin waren für uns ein unerhörtes Privileg, so kaputt sie auch war.  Quelle: Samanta Schweblin – Das gute Übel Themen von universellem Interesse  Natürlich nimmt die Geschichte eine höchst dramatische Wende. Es schwingt mit, dass sich mit Ausnahme zweier Kinder niemand um eine kranke, einsame Frau kümmert. Samanta Schweblin siedelt ihre Erzählungen zwar in Argentinien an, doch sie könnten überall spielen. Ihre Themen sind von universellem Interesse. Auch das macht sie so großartig.
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Sep 29, 2025 • 4min

Harriet Rix – Geniale Bäume

Dass Bäume für uns wichtig sind, ist eine Binsenweisheit. Sie liefern uns Bauholz, dienen als Energielieferant. Das Obst der Fruchtbäume ernährt uns seit Ewigkeiten. Sie versorgen uns mit Sauerstoff und schlucken Unmengen an Kohlendioxid. Wie Bäume die Umwelt prägen   Das ist alles richtig, meint Harriet Rix, aber eben nur die halbe Wahrheit. Bäume können erheblich mehr und genau das zeigt sie in ihrem Buch „Geniale Bäume“. Der Titel ist nicht übertrieben, wie sie auf 300 Seiten sehr detailliert beweist. In acht Kapiteln dekliniert sie durch, wie Bäume das Leben auf der Erde prägen. Über zwei Dutzend Farbfotos veranschaulichen einige der vorgestellten Bäume. Sechzig Seiten Anmerkungen und ein Register zeigen, auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen ihr Buch basiert. Die Übersetzung ist makellos souverän.   Harriet Rix geht weit in der Erdgeschichte zurück, um zu erläutern, wie vor Millionen Jahren aus kleinen Blattpflanzen große Bäume entstanden. Heute gibt es weltweit 73 000 Arten. Sie alle beeinflussen den Wasserhaushalt der Erde, verändern den Boden unter ihren Wurzeln, wehren sich gegen Feuer, beeinflussen Luft und Klima. Sie gehen mit Pilzen und Pflanzen symbiotische Verbindungen ein, locken Insekten, Vögel und Tiere an und spannen auch den Menschen als Helfer ein. So bestimmen sie ganze Ökosysteme.  Der Geruch der Bäume  Man kann die Bäume sogar riechen. So erinnert Harriet Rix der Lorbeerbaumgeruch an „intensive Noten von Bittermandel und Kampfer und Zimt“. Der Duft besteht aus flüchtigen chemischen Verbindungen. Die steigen in den Himmel und dabei lagern sich unaufhaltsam Wassermoleküle an sie an, bis daraus Tropfen werden und abregnen. So verdunstet der Baum Wasser und regt gleichzeitig die Bildung von Regenwolken an. Das Wasser braucht er wieder zur Photosynthese. Ein ewiger Kreislauf, der das Klima ganzer Kontinente bestimmt.  Die Biochemikerin entschlüsselt uns die chemischen Verbindungen, aus denen die Duftstoffe bestehen und die zur Photosynthese führen. Die Bäume nutzen chemische Stoffe aber auch zur Abwehr von Fressfeinden, locken damit Nützlinge an. Die versorgen sie mit Nahrung wie Blütenpollen, süßem Nektar oder Fruchtfleisch. Jede Baumart hat ihren eigenen Duftcocktail aus hochkomplizierten chemischen Strukturen. Das ist zwar faszinierend zu lesen, aber als Chemielaie kann man sie sich kaum merken.   Ungewöhnliches Vokabular  Das gilt überhaupt immer wieder für Teile Textes, bei dem sie wissenschaftliches Fachvokabular mit persönlichen Eindrücken mischt. Sie schildert, wie sie seltene Bäume rund um die Welt selbst an weit abgelegenen Orten aufgesucht hat. Dank ihrer lebendigen Beschreibungen sehen wir sie vor uns.  Ihre Sprache ist oft salopp. So nennt sie Samenkerne, in denen tödliche Gifte stecken, die jeden umbringen, der sie aufbeißt: „Der Samthandschuh und die eiserne Faust – giftige Samen in weichem, köstlichem Fruchtfleisch – diese Methode hat sich gehalten, um Vögel dazu zu bringen, Samen über die ganze Welt zu verteilen.“ Oder Rix Harriet findet zum Beispiel bestimmte Zellen „durchaus unsympathisch ... Sie machen die Bakterien bewegungsunfähig und versklaven sie.“   Immer wieder stellt sie uns Rix Forscher und Forscherinnen vor, die besondere Baumeigenschaften entdeckt haben. Das reicht von der erstmaligen Beschreibung eines ungewöhnlichen Baumexemplars im Mittelalter bis zu seiner genetischen Analyse heute.   Bäume, so lernen wir, sind keineswegs die passiven Gestalten, die wir normalerweise in ihnen sehen. Harriet Rix beweist es uns vielfach: Bäume sind tatsächlich genial. Ein aufregender Erkenntnisgewinn.
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Sep 28, 2025 • 4min

Eine Biologin auf einer abgelegenen Forschungsstation: Sophia Klinks „Kurilensee“

Nature Writing, das literarische Schreiben über Phänomene der natürlichen Lebenswelt, hat längst auch hierzulande sein Habitat erobert, davon zeugt etwa der seit 2017 verliehene Deutsche Preis für Nature Writing. Aber was ist es, das eine wachsende Leserschaft für diese Art von Literatur, seien es Gedichte, Essays oder erzählende Prosa, derart einnimmt?  Das Naturschöne und die Naturwissenschaft  Jedenfalls zeigt das Romandebüt der Münchner Autorin Sophia Klink beispielhaft einiges davon. So, wenn die Ich-Erzählerin, die dreißigjährige Biologin Anna, den Abend auf dem Pier der Forschungsstation am titelgebenden Kurilensee verbringt, dessen ökologischen Zustand sie zusammen mit einer Handvoll anderer Forscher untersucht:  So spät abends wird der Staub in der Luft sichtbar. Wenn die Sonne hinter dem Fluss steht und jedes Körnchen auf einer Seite leuchtet, während die lichtabgewandte Seite immer dunkler wird. Ich glaube, goldene Moleküle aus der Luft rieseln zu sehen. Als rieselte die ganze Atmosphäre von einem Stundenglas ins andere, bis es dunkel wird.  Quelle: Sophia Klink – Kurilensee Hier gehen Ebenen ineinander über, die jenseits der Literatur streng geschieden sind – die poetische Huldigung an das Naturschöne und der Blick der Naturwissenschaft:  Dann kommen die winzigen Lachse nach oben, die neue Generation, die kaum länger als mein Zeigefinger ist. Viele Millionen müssen es sein, die genau jetzt fressen und überleben müssen, damit wir sie in drei Jahren zählen und erforschen können. Ich sehe sie nicht. Aber ich weiß, dass sie da draußen nach den Planktonkrebsen schnappen, die wiederum die Kieselalgen abweiden. Quelle: Sophia Klink – Kurilensee So war es seit eh und je: Jeden Sommer schwimmen die Lachse vom Ochotskischen Meer flussaufwärts in den See zum Laichen, jeden Sommer fressen sich die Bären mit ihnen genügend Winterschlafvorräte an, jeden Sommer sinken die Kadaver der entkräftet sterbenden Fische auf den Seegrund und werden Dünger für die Algen – das Futter der jungen Lachse.  Rettung des Ökosystems – oder Zerstörung?  Aber dieser Regelkreis ist durch die Fischerei am Fluss aus dem Gleichgewicht geraten. Die Forscher, abhängig von staatlicher Förderung, sollen ein Gutachten abgeben, ob künstliche Düngung dem Algenwachstum im See guttäte. Anna befürchtet fatale Folgen, denn der See könnte kippen. Dabei gäbe es eine einfache, aber unrealistische Lösung: die Senkung der Fangquoten.   Dass menschliches Gewinnstreben die ausführlich gefeierten Wunder der Natur gefährdet, ist ebenfalls ein Merkmal des Nature Writing unserer Tage. Sophia Klink arbeitet derzeit an ihrer Doktorarbeit in Biologie und hat ein Forschungsstipendium in Russland absolviert, wenn auch nicht auf der Halbinsel Kamtschatka, sondern ganz im Westen, am Weißen Meer, verfügt also über Kenntnis ihrer Gegenstände. So groß sind die Unterschiede gar nicht  Die verwandelt sie in Perioden voller mikroskopischer Details und große naturgeschichtliche Panoramen der vulkanischen Landschaft. Doch zum Nature Writing gehört auch der Weg ins Innere. Die Ich-Erzählerin Anna erlebt sich ebenso sehr als Gegenpart der Natur wie als deren Hüterin – und immer mehr als Teil von ihr.  Ich habe dieselben Ionenkanäle wie die Fische, dieselben Membranen, ATPasen, Transportmoleküle und Ribosomen. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte ein Fisch werden können, eine Bachstelze oder Maus.  Quelle: Sophia Klink – Kurilensee Zum Glück interessiert sich Sophia Klink ebenso sehr für ihre Figuren wie für die nichtmenschliche Natur. Anna selbst, ihr Freund, der Wildhüter Vova, der alle Bären mit Namen kennt, die erfahrene Kollegin Yulia, die zwischen Volksmärchen und Wissenschaft nicht unterscheiden mag, der unduldsame Stationschef Fejodor und die traurige Köchin Maria, sie alle gewinnen eigene Statur, prägen sich als unverwechselbare Charaktere ein. So wird „Kurilensee“ – nicht nur für Fans des Nature Writing – zum bewegenden Leseerlebnis.

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