

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Sep 26, 2025 • 5min
Paolo Herras & Jerico Marte: Strange Natives
An dieser Graphic Novel bleibt vieles vieldeutig. Schon der Titel der Comic-Reihe „Strange Natives“, also ‚Fremde Einheimische‘, lässt im Unklaren, von wem eigentlich erzählt wird. Ureinwohner, Einwanderer, Invasoren?
Sie alle gehören zur Geschichte der Philippinen. Das Schillernde setzt sich fort in der Hauptfigur Grasya, einer gleichzeitig jungen und alten Frau. Auch ihr Name ist vieldeutig, erinnert an das spanische Wort für Gnade, aber auch für Anmut. Fast schwebend bewegt sie sich durch die Bilder in Paolo Herras‘ und Jerico Martes’ Comic mit dem langen Titel ‚Die vergessenen Erinnerungen einer vergesslichen alten Dame‘.
Grasyas dürrer Körper und der überlange Hals ragen aus einem üppig wallenden Kleid. Ein Zwitterwesen zwischen Mensch und Gespenst. Da überrascht es kaum, dass sie übernatürliche Fähigkeiten hat.
Sie kann in ihre Kindheit um 1900 zurückblicken, aber auch darüber hinaus Jahrhunderte in die Vergangenheit. Dazu reicht es, dass ein Schmetterling sie streift. Und Schmetterlinge durchfliegen diese Graphic Novel zu Hunderten. Sie durchdringen Ritzen und sprengen sogar die Rahmen der Comic-Bilder.
Schwärme von Schmetterlingen durchflattern die Comicseiten
Die vergessenen Erinnerungen einer vergesslichen alten Dame‘ tauchen ein in Grasyas Familiengeschichte, in der sich die Geschichte ihres Landes widerspiegelt. Ein Vielvölkerstaat, geprägt durch Invasionen aus Spanien, den USA und Japan.
Wir alle sind Fremdlinge…Gleich, ob wir nun aus der Fremde kommen oder entfremdet worden sind. Gleich, ob wir nun weiss sind, braun oder grau: Wir sind alle Einheimische. (…) Einige gewinnen und erobern, andere verlieren und werden vergessen.
Quelle: Paolo Herras & Jerico Marte - Strange Natives
So sieht es Grasyas Tante, eine Priesterin mit Verbindung zur vorchristlichen Geisterwelt der Philippinen. Sie ermuntert ihre Nichte, sich den Weißen anzupassen und verleiht ihr trotzdem die Gabe, die Erinnerungen anderer Menschen sehen zu können. Die bahnen sich mit den überall herumflatternden Schmetterlingen immer wieder einen Weg in Grasyas Bewusstsein, wenn sich auf den Insekten-Flügeln die Bilder der Vergangenheit abzeichnen.
Und so tauchen wir mit ihr ein in ihre Kindheit und Jugend auf dem großzügigen Landsitz ihrer Familie, wo der Katholizismus der spanischen Kolonisatoren das Leben prägt. Die Figuren tragen selbstverständlich Rosenkranz und Kreuz mit sich. Als Grasya ungewollt schwanger wird, kann sie ihr Baby nur durch die Täuschung behalten, sie nehme ein Findelkind auf. Zu stark ist der Druck durch mögliche gesellschaftliche Ächtung. Für sie eine glückliche Wendung.
Aber dann lassen die Comic-Erzähler Soldaten aufmarschieren. Die Invasion der Japaner im Zweiten Weltkrieg bedeutet für den Comic einen großen Zeitsprung. Er reißt auch ein Loch in die Logik. Obwohl Grasyas Sohn nun erwachsen und sie Mitte 40 sein müsste, ist er Anfang der 40er noch ein Kleinkind, sie eine junge Frau.
Vielleicht gerät darum die gesamte Comic-Welt aus den Fugen. Das Bildgerüst wird asymmetrisch und scheint einzustürzen, die Schmetterlinge wachsen fast auf Seitengröße, Gesichter verzerren sich zu Fratzen. Zeichner Jerico Marte entfesselt wahre Bilderstürme. Sie überfordern zuweilen das Auge.
Bilderstürme erzählen vom Trauma der japanischen Besatzung
Und er erspart uns wie seiner Hauptfigur nicht die Bilder der Kriegsgewalt. Das Trauma der Besatzung wird zu Grasyas eigener Tragödie. Die Soldaten bringen ihre Familie um.
Erinnerungen sind überall. Die ganze Welt ist angefüllt mit ihnen. Sie sind es, die die Welt alt machen. Die Welt besteht aus ihnen. Die Welt ist von Erinnerungen befleckt. Wenn wir die Welt nur sauberwischen könnten.
Quelle: Paolo Herras & Jerico Marte – Strange Natives
Ein Glück, dass Paolo Herras und Jerico Marte Grasyas Wunsch nicht erfüllen. So hart die Bilder der Gewalt und so überbordend die Detailfülle auch im kleinsten Einzelbild sind – sie machen das Verstehen der Gegenwart erst möglich.
Grasya muss lernen, dass das Nichtwissen um die eigene Geschichte in Oberflächlichkeit und mangelnder Empathie endet: Die jungen Touristen, die in den Philippinen der Jetzt-Zeit in ihrem Haus nach Antiquitäten suchen, greifen, ohne zu fragen, auch nach den persönlichsten Dingen.
Ihre Hauptfigur lassen Herras und Marte das Leid als Teil ihrer Erinnerungen akzeptieren. Das wirkt arg belehrend, wenn sie Grasya einer geisterhaften und amorph wabernden Männerfigur begegnen lassen. Die entpuppt sich nämlich als die Erinnerung selbst und vermag Grasya zu trösten.
Trotzdem sind die ‚Vergessenen Erinnerungen einer vergesslichen alten Dame‘ eine lohnende Lektüre, weil Erzähler und Zeichner die Auseinandersetzung mit den fremden Kulturen im Comic selbst realisieren. Die Bilddramaturgie des japanischen Manga fließt mit Elementen des US-Action-Comics ganz selbstverständlich in Jerico Martes Bildern zusammen.
Die Zeitsprünge durch mehrere Jahrhunderte liefern nebenbei eine Landeskunde in Bildern. Die als europäische Lesende zu entschlüsseln, hilft das Glossar des Übersetzers Jens R. Nielsen. Wer mehr über Vergangenheit und Gegenwart der Philippinen lernen will, muss übrigens nicht lange warten. Paolo Herras‘ nächste „Strange Natives“-Bände sind schon in Arbeit.

Sep 26, 2025 • 17min
Die jüdische Identität der Stadt Bagdad – Usama Al Shahmani erzählt die Geschichte einer Vertreibung
Als Zakai Mieche 2018 in Jerusalem stirbt, hinterlässt er seinen Kindern ein Testament. Er wünscht sich, dass seine Asche zur Hälfte in Jerusalem begraben, zur Hälfte aber auch in Bagdad in den Tigris gestreut wird. Sohn Gadi, der schon seit vielen Jahren in der Schweiz lebt, übernimmt diese Aufgabe. Mit der Urne im Gepäck fliegt er nach Bagdad.
Usama Al Shahmanis vierter Roman auf Deutsch
Der Autor Usama Al Shahmani stammt selbst aus dem Irak. Er wurde 1971 in Bagdad geboren, musste 2002 wegen eines Theaterstücks fliehen und lebt seither in der Schweiz.
Man kennt ihn als Autor und auch als Kritiker im „Literaturclub“ im Schweizer Fernsehen. „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“ ist Usama Al Shahmanis vierter Roman. Er schreibt auf Deutsch.
Die Vertreibung der irakischen Juden 1950
In seinem neuen Roman erzählt er eine Vater-Sohn-Geschichte. Vor allem aber erzählt er ein Stück Geschichte der Stadt Bagdad.
Juden gibt es auf dem Gebiet des heutigen Irak bereits seit rund 3.000 Jahren. Schon das Alte Testament erzählt von Babylonien und Mesopotamien. Noch im Jahr 1950 waren 32% der Menschen in Bagdad Juden. Nach der Gründung des Staates Israel (1948) und dem Palästinakrieg (1947-1949), in dem auch der Irak mitkämpfte, wurden die Juden aus dem Irak vertrieben.
Nationalsozialismus im Mittleren Osten
Auf SWR Kultur berichtet Usama Al Shahmani von seinen historischen Recherchen zur Geschichte seiner Heimatstadt Bagdad. Dazu gehört es auch, dass in den 1930er und 1940er Jahren deutsche Nazis mit arabischen Nationalisten paktierten und dem Antisemitismus im Mittleren Osten Vorschub leisteten.
Außerdem erzählt Usama Al Shahmani, wie der Überfall der Hamas und der sich anschließende Gazakrieg mitten in die Arbeit an seinem Roman platzten.

Sep 26, 2025 • 59min
Mit neuen Büchern von Ian McEwan, Dorothee Elmiger, Nirit Sommerfeld, Usama Al Shahmani, Paolo Herras und Jerico Marte
Heute ist Usama Al Shahmani zu Gast. In seinem neuen Roman erzählt er die Geschichte der Juden im Irak. Außerdem besuchen wir ein Café und schauen mit Ian McEwan in die Zukunft.

Sep 26, 2025 • 15min
Der Angst einen Rahmen geben – Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“
Über den Fall der beiden Niederländerinnen, die 2014 im Dschungel von Panama verschwanden, ist viel geschrieben worden. Die beiden Studentinnen hinterließen eine Fülle an Spuren, die von der Polizei ausführlich untersucht und im Netz breit diskutiert wurden. Wie die beiden jungen Frauen zu Tode kamen, ist trotzdem nicht bekannt. Klar ist nur, dass sie starben, denn man fand später Knochenteile, außerdem einen Rucksack, Handys und eine Kamera mit letzten Fotos im nachtdunklen Dschungel. Eine unheimliche Geschichte.
Theatergruppe im Dschungel von Panama
Auch Dorothee Elmiger kennt die Geschichte und hat sie ihrem neuen Roman zugrunde gelegt. In „Die Holländerinnen“ erzählt sie den historischen Fall aber nicht nach, sondern schickt eine Theatergruppe in den Dschungel von Panama, um den Weg der verschwundenen Holländerinnen nachzugehen. Mimetik durch Reenactment.
Teil der Gruppe ist auch eine Autorin – eine Figur im Buch –, die protokolliert, was die Gruppe im Dschungel sagt und erlebt. Ihre Protokolle gibt diese fiktive Autorin wiederum später im Auditorium einer Universität wieder. Die Erzählung dieser Autorin ist Dorothee Elmigers Roman. Ein Erlebnis in mehrfacher erzählerischer Schichtung.
Das Erzählen gibt der Angst einen Rahmen
Elmigers Roman ist weniger eine Geschichte über Furcht denn über Angst, sagt Hanna Engelmeier auf SWR Kultur, „weil Furcht ein konkretes Ziel oder Thema hat, aber Angst formlos ist. Angst hat keine Umrisse, keinen Anfang und kein Ende.“ Elmigers Theatermacher fordert seine Gruppe immer wieder auf, unheimliche Geschichten zu erzählen.
„Das Erzählen einer Geschichte ist natürlich eine Art, der Angst einen Rahmen zu geben“, erklärt Engelmeier. „Es ist ein narratives Zurückgewinnen von Kontrolle. Damit verschwindet nicht der Grund für die Angst, aber das Gefühl wird zumindest geformt.“
Sprachkrise in der Tradition des Chandos-Briefs
Zugleich sieht Hanna Engelmeier den neuen Roman von Dorothee Elmiger in der Tradition von Hugo von Hofmannsthals Chandos-Brief (1902), da auch Elmigers fiktive Autorin von einer fundamentalen Sprachkrise und dem Verlust aller Zusammenhänge berichtet. In ihrem Vortrag kann sie ihren Erfahrungen daher nur noch in indirekter Rede, also in der Möglichkeitsform des Konjunktivs nähern. In diesem Sinne liest Engelmeier „Die Holländerinnen“ auch als einen Roman darüber, wie von einer krisenhaften und medial überfordernden Gegenwart – Kriege, Klimawandel, Autoritarismus – überhaupt noch erzählt werden kann:
„Dies ist auch deswegen ein so extrem guter Roman über die Gegenwart, weil er immer wieder daran scheitert, in eine literarische Sprache zu bringen, was jetzt gerade überhaupt passiert.“
Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“ wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2025 ausgezeichnet.

Sep 26, 2025 • 5min
Ian McEwan: Was wir wissen können
Es gibt literarische Zukunftsvisionen, die sind so irrsinnig, dass man sie zwar gern liest, aber niemals für bare Münze nehmen würde. Und es gibt literarische Zukunftsvisionen, die sind so wahrscheinlich, dass es einem einen Schauer über den Rücken jagt. Mit seinem Roman „Was wir wissen können“ hat sich Ian McEwan für die zweite Variante entschieden. Er entführt uns ins Jahr 2119, in eine Welt, in der man aus heutiger Sicht lieber nicht leben möchte, die aber durchaus vorstellbar ist.
Nach dem Krieg und nach der Flut
Da ist von begrenzten Atomschlägen die Rede, von einem Amerika im Bürgerkrieg und einer großen Überflutung im Jahr 2042, ausgelöst von einer fehlgeleiteten russischen Wasserstoffbombe. Großbritannien ist seitdem zu einer Archipel-Republik zusammengeschrumpft. In der sitzt nun der englische Literaturprofessor Tom in einer hochgelegenen Bibliothek, erforscht die versunkene Welt und versucht, sie seinen Studenten nahezubringen.
Etwa zu der Zeit, als das darniederliegende Deutschland von Großrussland einverleibt wurde, war die Erdbevölkerung in Folge von Tsunamis, Kriegen, Hungersnöten und Krankheiten auf knapp vier Milliarden gesunken. Und inmitten all dieses Unheils schuf die Weltliteratur ihre schönsten Klagegesänge, hinreißend nostalgisch, voll beredter Wut – Meisterwerke, so unser Versprechen, die wir gemeinsam studieren würden.
Quelle: Ian McEwan - Was wir wissen können
Der verschwundene Sonettenkranz
Toms Spezialgebiet ist die Literatur der Jahre 1990-2030, allerdings ist es da besonders ein Mann, der in fasziniert: Francis Blundy. Den hält er für einen der größten Dichter des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Allerdings ist sein wohl wichtigstes Werk verschwunden, der „Sonettenkranz für Vivien“, den er seiner Frau gewidmet hat.
Nur an einem Abend unter Freunden im Jahr 2014 war der Gedichtzyklus vorgetragen und danach zum Mythos verklärt worden. Aus Briefen, Tagebüchern und über 200.000 SMS versucht Tom, diesen legendären Abend zu rekonstruieren und wäre nur zu gern dabei gewesen. Der Mann der Zukunft ist von einer Sehnsucht erfüllt, die uns Gegenwartsmenschen zu denken geben sollte.
Die Blundys und ihre Gäste lebten in einer Welt, die uns wie das Paradies vorkommt. Es gab einen größeren Reichtum an Blumen, Bäumen, Insekten, Vögeln und Säugetieren, wenn auch im Einzelnen immer weniger. Der Wein, den Blundys Gäste tranken, war von besserer Qualität als unser Wein, ihre Nahrung gewiss leckerer und abwechslungsreicher, zudem kam sie aus der ganzen Welt. Die Luft, die sie atmeten, war rein und weniger radioaktiv.
Quelle: Ian McEwan - Was wir wissen können
Was geschah an jenem Abend im Jahr 2014?
Den Gegensatz zwischen unserer Gegenwart und der Gegenwart seines Protagonisten Tom malt Ian McEwan mit großen, dringlichen Pinselstrichen aus. Da wäre an mancher Stelle weniger fast mehr gewesen.
Umso interessanter wird es, wenn der Schriftsteller im zweiten Teil seines Romans Francis Blundys Frau Vivien zu Wort kommen lässt. Sie erzählt davon, was an dem legendären Abend im Jahr 2014 wirklich passiert ist.
Hier eröffnet sich die weit subtilere und nachdenklichere Seite der Geschichte. Denn die handelt tatsächlich davon, was wir wissen können. Tom mag alle niedergeschriebenen Quellen studiert haben, aber was, wenn die Realität eine ganze andere war? So heißt es in Viviens Aufzeichnungen:
Fast unmerklich wurden meine Tagebucheinträge zum Bericht meines besseren Selbst. Ich hätte es abgestritten, aber mit der Zeit hörten die Einträge auf, privat zu sein. Ich hatte einen Leser im Sinn.
Quelle: Ian McEwan - Was wir wissen können
Was wir wissen können“ ist eine dystopische Erzählung ganz auf der Höhe unserer Zeit. Sie umfasst eine Ode an die Kraft der Literatur, eine Betrachtung über die Grenzen der Erkenntnis und nicht zuletzt auch eine tragische Liebesgeschichte und einen Krimi. Aber darüber an dieser Stelle keine Details.
Ian McEwan ist jedenfalls einmal mehr ein großartiger, komplexer und überraschender Roman gelungen. Man kann nur hoffen, dass er sich mit seiner düsteren Zukunftsvision nicht als Hellseher erweist.

Sep 26, 2025 • 8min
Nirit Sommerfeld: Beduinenmilch
Ein Café in Chemnitz: Julius im Schocken
Die Eingangshalle im Chemnitzer Museum für Archäologie. Geradezu die Kassen und der Zugang zu den Sammlungen, links das Café Julius.
Cafébesitzerin Nirit Sommerfeld erkennt man sofort: dunkle Korkenzieherlocken, geblümte Tunika, wacher Blick. Sie ist das Zentrum dieses Ortes, strahlt eine angenehme Präsenz und Lebendigkeit aus. Eine Macherin.
Für die Lesung können wir so viel, wie wir wollen. Dann machen wir ja wieder die Tische so hin und so weiter.
Quelle: Nirit Sommerfeld - Beduinenmilch
Tischerücken. Kaffee holen. Hinsetzen. Und schon ist man mitten in Nirit Sommerfelds Familiengeschichte. An den Wänden hängen Fotos. Fotos ihrer Familie mütterlicherseits, die aus Marokko stammt, Fotos von ihrem Großvater Julius, der in Chemnitz ein Tuchwarengeschäft geführt hat. Neben dem Klavier steht er in Lebensgröße, als Aufsteller.
Julius Sommerfeld als Papp-Aufsteller
Da steht er am Ostseestrand vor einem Strandkorb und hat diese fantastischen Lederschuhe in weiß und schwarz an und einen Spazierstock...
Quelle: Nirit Sommerfeld - Beduinenmilch
Und er schaut einen an, egal, wo man steht. Mona-Lisa-Blick nennt Nirit Sommerfeld das.
Obwohl er seit fast einem Jahr hier steht, ist es immer wieder so berührend für mich jetzt, also auch wieder, wenn ich das erzähle, weil er einfach wieder hergekommen ist nach Chemnitz. Ja, ich hab ihn wieder hergebracht.
Quelle: Nirit Sommerfeld - Beduinenmilch
Wenn Nirit Sommerfeld das erzählt, stehen ihr Tränen in den Augen. Sie ist 64 Jahre alt und somit bereits älter als ihr Großvater damals. Sie wurde in Eilat am Roten Meer geboren, wuchs später aber in Deutschland auf.
Ihr Großvater Julius war Deutscher und wurde 1939 deportiert. Im März 1940 wurde er im KZ Sachsenhausen ermordet.
Die Familiengeschichte im Roman „Beduinenmilch
In ihrem Roman „Beduinenmilch“ erzählt Nirit Sommerfeld diese Familiengeschichte. Hauptfigur ist die knapp 18-jährige Talia.
In der „Beduinenmilch“ ist der Großvater von Talia, da ist das Vorbild mein Vater. Also der Saba Sigi, der 1919 geboren ist in Chemnitz, ist eigentlich mein Vater.
Quelle: Nirit Sommerfeld - Beduinenmilch
Saba Sigis Biographie ist stark angelehnt an die von Nirit Sommerfelds Vater Rolf, den Sohn von Tuchhändler Julius Sommerfeld. Der brachte seinen Sohn 1937 nach Palästina, um ihn vor den Nazis zu schützen – wie auch der fiktive Saba Sigi in dieser Zeit nach Palästina kam.
Vor diesem Hintergrund erzählt der Roman die Geschichte von Talia. Die hat gerade in Berlin ihr Abitur gemacht. Es ist das Jahr 2014. Über den Sommer fliegt sie wie immer zu ihrer Familie nach Israel. Aber diesmal will sie bleiben.
Weil sie ja mit diesem Plan kommt, für dieses Land sich einzusetzen. Und der einzige Weg, den sie sieht, ist also zum Militär zu gehen. Was macht man denn sonst mit 18 als jüdisches Mädchen? Natürlich das. Das ist die große Verheißung.
Quelle: Nirit Sommerfeld - Beduinenmilch
Talia will sich einziehen lassen. So wie seinerzeit, Ende der 70er Jahre auch Nirit Sommerfeld – die hat damals allerdings auf ihre Eltern gehört und ist in Deutschland geblieben. Erst 2007 ging sie selbst nach Israel – mit einer tiefen Sehnsucht nach diesem Endlich-zu-Hause-Sein. Und mit einem Narrativ im Kopf, mit dem auch Talia im Buch nach Israel kommt:
Ich war so, ja, die Besatzung ist was Schlimmes, aber ich meine, die Palästinenser lassen uns halt auch keine Ruhe. Was will man machen? Und ich meine, ganz ehrlich, wir sind halt auch die Demokraten und das heißt im Grunde genommen, und das habe ich erst Jahre später wirklich tief begriffen, im Grunde genommen war ich aus so einer überhöhten, fast kolonialen Position heraus, habe ich so diese Haltung gehabt, naja, also ihr Araber müsstet euch halt auch ein bisschen benehmen, ne?
Quelle: Nirit Sommerfeld - Beduinenmilch
Mit diesen Bildern im Kopf bewegt sich Talia im Buch durch Israel, so wie auch Nirit Sommerfeld sich damals, 2007, durch Israel bewegt hat. Und viele der Erfahrungen, die Nirit Sommerfeld dort machte, lässt sie nun ihre Figur Talia machen.
So, und dann bin ich da hingezogen und ich bin selbstverständlich in die West Bank gereist und selbstverständlich habe ich arabische Dörfer besucht. Und dann habe ich gedacht, warum fühle ich mich eigentlich in den arabischen Dörfern wohler, also eigentlich so wie früher bei meiner Oma und Uroma, die ja auch arabisch gesprochen haben untereinander.
Quelle: Nirit Sommerfeld - Beduinenmilch
Frieden statt Krieg – ein Umdenken
In Nirit Sommerfeld hat damals ein Umdenken eingesetzt. Sie konnte und kann die kriegerischen Auseinandersetzungen, die Israel führt, seitdem nicht mehr gutheißen, setzt sich stattdessen radikal für Frieden zwischen Israelis und Palästinensern ein. Es ist dieses Umdenken, das sie in ihrem Roman nachzeichnet.
Und so begegnet im Roman auch ihre Figur Talia illegal in Israel arbeitenden Palästinensern, deren Menschlichkeit sie erkennen lernt. Sie trifft auf Aktivisten, die vermitteln wollen zwischen Israelis und Palästinensern. Und auf Menschen, die offen über ihre schockierenden Erfahrungen beim israelischen Militär sprechen und die sich damit angreifbar machen.
Neben Talias Geschichte gibt es Tagebucheinträge von Talias Großvater Saba Sigi, die von der Zeit der Gründung des Staates Israel erzählen – und davon, dass auch diese Gründung mit massiver Gewalt verbunden war.
So verflechten sich die Zeiten, und als Leserin bekommt man ein Gespür dafür, wie sich Gewalt in diesem Land fortgesetzt hat, wie heutige Konflikte mit den früheren eng verknüpft sind. Und man kann die Sehnsucht von Nirit Sommerfelds Figuren verstehen – eine Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung.
Der Traum von Rückkehr
Nirit Sommerfeld hat Israel 2009 wieder verlassen.
Als ich weggegangen bin, habe ich gesagt, mein großer Traum ist es zurückzukehren. Eines Tages, wenn ich in Israel, Palästina oder wie auch immer dieser Staat dann heißt, leben kann, wo alle Menschen mit denselben Rechten ausgestattet sind, mit denen ich ausgestattet bin, dann werde ich zurückkehren.
Quelle: Nirit Sommerfeld - Beduinenmilch
Nirit Sommerfeld glaubt nicht, dass sie das noch erleben wird. Vermutlich nicht einmal ihre Enkelkinder, meint sie.
Während wir tief in die Debatten eingetaucht sind, hat sich das Café Julius längst mit Mittagsgästen gefüllt.
Zweimal Blätterteigtaschen gemischt, einmal Blätterteigtasche Spinat…
In ihrem Café kommen ganz verschiedene Menschen zusammen. Museumsmitarbeiter, Familien, ältere Damen und Herren, die Nirit Sommerfeld ins Herz geschlossen haben. Immer wieder wird sie angesprochen.
So auch eine ältere Frau: „Sie sind eine ganz toughe Frau, wie Sie sich da durchsetzen...“
Ein bunt gemischtes Küchenteam
Und hinter den Kulissen? Da ist die Kurdin Gülistan von Anfang an dabei – die eigentliche Chefin, wie Nirit Sommerfeld erzählt. Dann ist da Kurt, der seine Doktorarbeit in Mathematik schreibt – ein heimlicher Kommunist. Und Rana, Palästinenserin aus Syrien.
Hast du nicht die Messer bekommen? Das ist deins, pass auf, ich bring dir mal die Messer...
Quelle: Nirit Sommerfeld - Beduinenmilch
Seit einem Jahr gibt es nun das Café Julius im Schocken. Seit einem Jahr schaut Nirit Sommerfeld hier jeden Tag in die Augen ihres Großvaters. Sie ist aus München hergezogen. Ist sie jetzt angekommen, hat sie ihren Platz gefunden?
Ich bin da zu Hause, wo ich gerade bin, das habe ich mir jetzt so zurechtgelegt. Weil ich bin da zu Hause, wo man mich annimmt und wo ich irgendwie gerade einen Platz habe.
Quelle: Nirit Sommerfeld - Beduinenmilch
Jetzt gerade ist das eben Chemnitz. Für immer bleiben wird sie wohl nicht, meint sie. Aber jetzt ist es ihr Ort, das Café Julius im einstigen Kaufhaus Schocken.

Sep 24, 2025 • 4min
Kathrin Hartmann – Die Welt gewinnen
Kathrin Hartmann ist keine Kriegsreporterin. Ihre Reportagen beschäftigten sich dennoch mit Frontlinien – etwa dort, wo soziale Bedürfnisse und eine intakte Natur im Widerspruch zu den Interessen des Kapitals stehen und es deswegen mitunter zu tödlichen Auseinandersetzungen kommt: Indonesische Palmölplantagen, wo für westliche Kosmetikprodukte die Existenzen von tausenden Kleinbauern ruiniert werden.
Oder das griechische Gesundheitswesen, in dem Menschen mit heilbaren Krankheiten wegen aufgezwungenen Sparprogrammen dem Tode geweiht sind. Es sind nicht nur unmittelbar Betroffene, die sich gegen solche Missstände wehren. Kathrin Hartmann porträtiert diejenigen, die sich in den neu entstandenen solidarischen Kliniken engagieren.
Ärztinnen und Ärzte, die diese Bewegung unterstützen, behandeln neben ihrem Dienst in öffentlichen Krankenhäusern kostenlos und freiwillig Patientinnen und Patienten, denen der Zugang zum Gesundheitssystem verweigert wird, weil sie nicht mehr versichert sind.
Quelle: Kathrin Hartmann – Die Welt gewinnen
Solidarität verbindet
Was diese Ärztinnen und Ärzte eint, ist die Empathie und Solidarität mit denen, die unter dem Spardiktat zu leiden haben. Das gilt auch für die Menschen aus der Geflüchtetenhilfe, von denen Kathrin Hartmann mehrere porträtiert.
Dass Solidarität nicht nur altruistisch motiviert ist, beschreibt ihr Beispiel aus El Salvador. Bei ihren Recherchen zu den Stickerinnen, die ihre Arbeit für einen Hungerlohn von zu Hause aus erledigen und versuchen, sich gewerkschaftlich zu organisieren, muss Kathrin Hartmann vorsichtig sein.
Die Stickerinnen zu Hause zu treffen, das wäre für sie viel zu gefährlich gewesen. Alle halten ihre Arbeit geheim, weil sie Angst vor Schutzgelderpressung seitens der Banden in den Barrios haben. Und das spielt den Bossen natürlich in die Hände: So kommt gar nicht erst heraus, wie viele Frauen stickende Sklavinnen sind.
Quelle: Kathrin Hartmann – Die Welt gewinnen
Nicht nur Altruismus
Die Kämpfe der Frauen haben kleine Erfolge hervorgebracht: Immerhin müssen die Heimstickerinnen jetzt in einem Register erfasst sein und können den staatlichen Mindestlohn einklagen. Doch Kathrin Hartmann ist nicht naiv. Gegen gewerkschaftliche Organisierung braucht es jetzt keine Banden mehr: die neue Regierung in El Salvador sei die neue Schutzmacht der Textilbosse und lasse Gewerkschafter inhaftieren.
Der kritische Blick der Autorin trifft auch hierzulande überaus populäre Ansätze, etwa Nachhaltigkeitszertifikate, Mikrokredite und Tafelsysteme, deren behauptete Wirksamkeit sie faktenreich widerlegt.
Ich bezeichne solche Ideen als das „falsche Gute”. Es ignoriert die strukturellen Ursachen von Armut, Ungleichheit und Naturzerstörung nicht nur, es legitimiert und erhält sie. Es will beruhigen, indem es suggeriert, es gebe keine Schuldigen und alles könne so bleiben, wie es ist. Das falsche Gute ist deshalb der größte Bremsklotz für Veränderung.
Quelle: Kathrin Hartmann – Die Welt gewinnen
Gegen den rechten Zeitgeist
Als positives Beispiel hierzulande steht das Porträt von Tobi Rosswog. Er hatte sich für zwei Jahre nach Wolfsburg begeben, um dort gemeinsam mit anderen Umweltaktivisten ausgerechnet die VW-Stadt zu einer „Verkehrswendestadt “ zu machen.
Zwar laufen heute in Wolfsburg immer noch Autos vom Band, aber die Aktivist*innen haben tatsächlich einige Kontakte zu gleichgesinnten VW-Arbeitern aufbauen können – bis hin zu Betriebsräten. Und sie haben mit ihren spektakulären Aktionen dutzende Schlagzeilen erzeugt – als sie etwa für mehrere Stunden einen Werkszug blockierten und darüber ein riesiges Transparent mit einer Straßenbahn hängten. Die erste Straßenbahn verlässt das VW-Werk in Wolfsburg, hieß es in der Pressemitteilung.
Mit den Fotos der symbolischen Straßenbahn brachten sie nicht nur ein Bild und eine Nachricht in Umlauf, sondern sie machten eine Möglichkeit sichtbar.
Quelle: Kathrin Hartmann – Die Welt gewinnen
„Die Welt gewinnen” liefert keine Patentrezepte zur Veränderung der Welt. Aber das spannend geschriebene Sachbuch macht mit seinen vielen Geschichten Mut. Es ist ein Plädoyer gegen den rechten Zeitgeist, getragen von einer zutiefst solidarischen Haltung mit den Ausgebeuteten dieser Welt.

Sep 23, 2025 • 4min
Sergej Lebedew – Die Beschützerin
Vor zwei Jahren erschien Sergej Lebedews „Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit“. Die alte psychoanalytische Erkenntnis, dass Verdrängtes irgendwann an die Oberfläche zurückkehrt, ist in dem Band in Geschichten verpackt: Verbrechen lassen sich möglicherweise für eine Weile vertuschen, aber wie Gespenster spuken die Opfer der Geschichte auch in der Gegenwart herum.
Lebedew, einer der profiliertesten Vertreter der jüngeren russischen Literatur, beschäftigt das Erbe der Sowjetunion, und er beschäftigt sich in seinen Büchern mit den Auswirkungen, die ihre Gewaltgeschichte auf das Leben heute hat. In seinem jüngsten Roman „Die Beschützerin“ findet er dafür ein eindrückliches Bild.
Die Bergbausiedlung mit Namen Marat, deren reales Vorbild im Städtchen Tores in der Ostukraine zu suchen sein dürfte. Es ist das Jahr 2014, kurz nach dem Euromaidan, den Protesten in Kiew, kurz nach Putins Annexion der Krim und dem Beginn der von Russland gesteuerten sezessionistischen Bewegung, die bald kriegerisch eskalierte.
Ein Untoter spricht
Am verlassenen Schacht 3/4 fließen Vergangenes und Gegenwärtiges zusammen, scheint sich das Unheilvolle der Zeiten zu kristallisieren: Hier hat man sowohl die Opfer des Stalinismus als auch jene der Nazis „entsorgt“. Ein Ingenieur, selbst dort verscharrt, spricht als Untoter, als Geist, über das, was er geschaffen hat.
Donkosaken erschossen Mitglieder der Bergarbeiterräte. Rote Partisanen – Kosaken. Weiße Garden – Rote. Die deutschen Besatzungstruppen – Partisanen. Anhänger von Nestor Machno – Anhänger von Anton Denikin. Die Roten – Deutsche und Machno-Anhänger. Sie folterten. Stachen ihnen die Augen aus. Schnitten ihnen die Kehle durch. Perpetuum mobile, die Tautologie der Gewalt.
Quelle: Sergej Lebedew – Die Beschützerin
Der Totenschacht liegt an jenem Ort, an dem im Juli 2014 von russischen Agenten ein malaysisches Flugzeug abgeschossen wird – wir erinnern uns daran. So setzt sich die Geschichte der Gewalt fort. Sergej Lebedew erzählt sie als ein Kontinuum.
Vier Figuren lässt er auftreten, vier Tage lang sehen wir durch ihre Augen, wie aus einem kalten Krieg gegen die Menschlichkeit wieder ein heißer wird, sich die unüberwundene Gewalt in alle Beziehungen und Biographien frisst.
Das unerschöpflich Böse
Da ist der schon erwähnte Ingenieur, ein Zombie, der keine Ruhe finden kann. Da ist der General, dessen Karriere mit dem Abschuss des Flugzeugs auf finstere Weise verknüpft ist. Da ist der junge Valet, der vor einiger Zeit Marat verlassen musste, der von seinem Onkel in einem Moskauer Sonderregiment der Polizei untergebracht wurde. Als er nach Marat zurückkehrt, ist er ein zur Härte erzogener Mann, der auf Seiten der Sezessionisten steht und auf Rache sinnt.
Seine Rachegelüste beziehen sich auf Marianna, die einst den heimlichen Mittelpunkt der Zechenwelt bildete. Sie hatte die Wäscherei geleitet. Und ihr Wort hatte Gewicht. Sie war auch dafür verantwortlich, dass Valet verbannt wurde. Marianna ist die titelgebende „Beschützerin“, die ihre Macht allerdings verloren hat. Sie ist todkrank und wird von ihrer Tochter Shanna bis zum Ende gepflegt.
Und [Shanna] spürt – zum ersten Mal – das unerschöpfliche Böse dieses Ortes. Sie erkennt es in ihm, in diesem Ort, wie man verborgene Fäulnis oder Verderbnis erkennt, jenes schreckliche, niederträchtige, erdige Etwas, das Marianna ihr Leben lang wegzuwaschen versucht hatte, um seine Ausbreitung, Ansammlung, Verdickung, Verknöcherung zu verhindern.
Quelle: Sergej Lebedew – Die Beschützerin
Archaisches Raunen
Es ist ein archaischer, dunkler, bedeutungsschwerer Ton, in dem Lebedew dieses komplexe Ineinander von Schuld und Verdrängung, Verlorenheit und Wut, Geschichtsbesessen- und Geschichtsvergessenheit erzählt. Zuweilen hat das etwas Raunendes, und nicht immer lassen sich die psychologisch verworrenen Antipathien und Aggressionen ganz nachvollziehen, aber auch das Uneindeutige und Irrationale gehört wohl zum Bild einer Welt am Rande des Abgrunds.
Die Leichen sind am Ende nicht mehr nur in Schacht 3/4 versteckt. Sie liegen – vom Himmel geschossen – auf der Erde herum. 2014 schon begann der Krieg, der in all seiner Brutalität bis heute anhält.

Sep 22, 2025 • 4min
Heike Geißler – Arbeiten
Die Autorin Heike Geißler nimmt uns mit an ihren Schreibtisch in Leipzig. Wohin sie schaut, sieht sie Arbeit. Auf dem Tisch die Schreibarbeit, in der Wohnung die Hausarbeit, draußen vor dem Fenster die Menschen, die zur Arbeit eilen, von ihr zurückkehren oder sie gerade jetzt verrichten; als Briefträger, Handwerker, Denkmalpfleger.
Und auch der alte Mann am Fenster gegenüber erzählt mit seinem müden Blick eine Geschichte von der Arbeit. Vom Leben in einem längst vergangenen, selbsternannten „Arbeiterstaat“.
Nach einer Weile der Beschäftigung mit dem Thema Arbeit sehe ich kaum noch etwas anderes. Als fiele es mir jetzt erst auf, dass doch alles, alles aus Arbeit entsteht, dass also in alles, alles Arbeit geflossen ist und fließt.
Quelle: Heike Geißler – Arbeiten
Die Allgegenwärtigkeit von Arbeit
In ihrem Essay „Arbeiten“ geht Heike Geißler einer einfachen, aber weitreichenden Beobachtung nach: Der Arbeit entkommt man nicht. Was zunächst übertrieben klingen mag, entfaltet in diesem Buch schnell eine beklemmende Plausibilität. Arbeit strukturiert unser Zeitempfinden. Sie ist anwesend auch dort, wo sie scheinbar nichts zu suchen hat: In der Freizeit, der Rente, im Urlaub – als Zeit ohne Arbeit, nach der Arbeit, als Zeit, um sich von der Arbeit für die Arbeit zu erholen.
Geißler veranschaulicht diese Allgegenwärtigkeit von Arbeit – die sich nicht nur auf die Zeit erstreckt – in eindrücklichen, sinnlichen Szenen:
Bedenke ich, was ich trage, fühle ich mich von tausenden Händen berührt, von eiligen Händen, von mal mehr, mal weniger sorgsamen Händen, von allen möglichen Händen. Händen, die sich mit Bandagen schützen, um den Arbeitsalltag durchzustehen, ob nun beim Schieben langer Stoffbahnen zur Nähnadel hin, ob beim Durchtrennen von Fäden, ob beim Verpacken der Ware, beim Zukleben der Kisten, beim Reparieren von Maschinen, beim Beladen von Paletten, beim Einschweißen von Palettenladungen.
Quelle: Heike Geißler – Arbeiten
Zwischen persönlichem Erfahrungsbericht und wissenschaftlicher Analyse
Bei aller Abstraktion und Anonymität, die Geißlers Vermessung der Arbeitswelt zutage fördert – verrichtet wird die Arbeit am Ende des Tages noch immer von Einzelnen. Der Wechsel vom Besonderen ins Allgemeine gelingt in diesem Essay fließend. Die Autorin versteht sich auf ein beobachtendes Sammeln von Alltagssituationen, die sie in den kurzen, assoziativen Abschnitten des Buches mit literarischen und wissenschaftlichen Stimmen zusammenführt.
In seiner Verbindung von eigener Betroffenheit und fremden, ganz verschiedenartigen Perspektiven entspricht Geißlers Text beispielhaft den Tugenden des Essays und bietet zugleich ein gutes Rüstzeug für all jene, die fundiert über den Wert, die Grenzen und die Zukunft von Arbeit nachdenken und diskutieren möchten.
Merken sollten wir uns z. B. ihre Dekonstruktion abwertender Ausdrücke wie „Blaumachen“, oder ihre Überlegungen zum Status unbezahlter Arbeitsformen wie Care- oder Trauerarbeit.
Der poetologische Status von Arbeit
Dass es ihr zum Thema nicht an Anschauungsmaterial mangelt, davon zeugte bereits Geißlers dokumentarischer Roman „Saisonarbeit“, 2014 erschienen, in dem sie ihre Zeit als Lagerarbeiterin bei Amazon beschreibt.
Dass aus dieser, ihrer prekären finanziellen Lage geschuldeten Arbeitserfahrung ein Roman folgen musste, scheint eine der poetologischen Pointen von Geißlers jetzt erschienenem Essay zu sein. Ohne sich dafür des Labels der „Autofiktion“ bedienen zu müssen, führt sie uns eindringlich vor Augen, wie für die Autorin alles, jede Begegnung und Beobachtung zum potenziellen Text und damit zur Arbeit werden kann.
Es ist Arbeit, die zu sehen, die nicht den Grundtakt vorgeben, die aber mitschwingen müssen, weil sie keine Wahl haben. Es ist Arbeit, sich zu beruhigen, innezuhalten, auf konstruktive Gedanken zu kommen, die zu suchen, die sie haben: die tröstenden Ablenkungen und die guten Ideen.
Quelle: Heike Geißler – Arbeiten
Heike Geißlers Essay „Arbeiten“ ist damit nicht zuletzt auch ein Text über das Schreiben geworden. Das prekäre Privileg der Schriftstellerin, die Beobachtung der Welt zur Arbeit zu haben, verstehen wir nach diesen knapp 115 Seiten besser. Und in einer Welt voller Arbeit ist es vielleicht gerade ihre Aufgabe, auf das hinzuweisen, was sich der Arbeit – noch – entzieht.

Sep 21, 2025 • 4min
Annette Pehnt – Einen Vulkan besteigen
Welcher Gewinn kann im Verzicht liegen? Welche Möglichkeiten eröffnen sich durch radikale Beschränkung? Das erkundet Annette Pehnt in ihren neuen Erzählungen. Sie verzichtet darin auf vieles, was Literatur gemeinhin ausmacht: Metaphern, Vergleiche, Mehrdeutigkeiten und Sprachspiele.
Ihre Geschichten bestehen aus einfachen, kurzen Sätzen, die in der Regel in eine Zeile passen und nur eine Information enthalten. Es gibt keine Perspektivwechsel und keine Zeitsprünge. Annette Pehnt hat genau das gereizt.
„Die Sprache kann sich überhaupt nicht ausbreiten und eigentlich alles Pompöse oder alles Raumgreifende ist einfach in der Sprache nicht möglich. Und das hieß dann schon für mich, dass ich mir dann auch Szenen und Figuren überlegt habe, die so ein bisschen was Geringfügiges haben, das sonst nicht so gesehen wird“, erläutert die Autorin.
„Also in das Kleine zu gehen, in Szenen zu gehen, die vielleicht eigentlich sonst nicht literaturwürdig sind oder in Momentaufnahmen zu gehen, die vielleicht sonst eher in der Lyrik irgendwie erfasst würden. Und damit auch zu würdigen, was klein und was still ist.“
Es sind oft unspektakuläre, aber auch rätselhafte Alltagsszenen, die Annette Pehnt in den Blick nimmt:
Eine Mutter sehnt sich danach, dass die erwachsenen Kinder noch einmal klein sind und holt alte Spielsachen hervor. Ein Paar will endlich aufhören zu streiten und gerät doch wieder in gewohnte Routinen. Ein Arzt wird zu einer Frau gerufen, doch der fehlt nichts. Ein Familienvater baut das Haus zu einer Festung um, weil er überall Gefahren wittert. Ein Geschwisterpaar büxt aus und übernachtet in einer Höhle, die Eltern aber nehmen davon keine Notiz.
Eingerichtet in Lebenslügen
Annette Pehnt erzählt von verlorenen und unsicheren Menschen, von gestörten Beziehungen und misslingender Kommunikation. Ihre Charaktere sind gebeutelt vom Leben und versuchen, irgendwie zurecht zu kommen. Einige haben sich eingerichtet in Lebenslügen, manche flüchten in Fantasien, wieder andere haben längst resigniert. Eine Frau hat genug von ihrem tristen Leben. Sie zieht in den Wald und richtet sich auf einem Hochsitz ein.
Mir wird nicht langweilig. Ich schlafe viel. Dann esse ich ein paar Nüsse oder eine Scheibe Toastbrot. In einem Joghurtbecher sammle ich Regenwasser. Denn es regnet jetzt manchmal. Das Dach über mir hält mich trocken. Meistens. Einmal kam der Regen schräg und erwischte mich. Ich musste die Kleider ausziehen und mich nackt ins Laub legen. Gut, dass ich so viel Laub hochgetragen habe. Die Kleider trockneten langsam. Bis sie trocken waren, fror ich. Aber im Schlaf merkt man die Kälte nicht.
Quelle: Annette Pehnt – Einen Vulkan besteigen
Es spricht einiges dafür, dass die Ich-Erzählerin auf dem Hochsitz stirbt. In der Titelgeschichte bricht eine andere Frau zu einer gefährlichen Bergwanderung auf. Auch in ihrem Fall ist nicht klar, ob es einen Rückweg gibt. Die Protagonistinnen dieser Geschichten, meist sind es Frauen, manövrieren sich häufig in Sackgassen, aber es gibt auch Momente des Trostes.
Rätselhafte Figuren
Annette Pehnt interessiert sich für das Eigentümliche und Sonderbare. Beginnend mit ihrem bezaubernden Debütroman „Ich muss los“ hat sie versucht, ihren oft rätselhaften Figuren näherzukommen, ihnen jedoch zugleich ihr Geheimnis zu belassen. In den 35 minimalistischen Geschichten des neuen Bandes geht sie auf diesem Weg weiter.
Annette Pehnt meint: „Man kann noch weniger auserzählen, das heißt, es bleibt noch mehr offen. Ich kann und will nicht alles über die Figuren erzählen und ich will ihr Geheimnis nicht lüften und ich kann ihr Rätsel vielleicht nicht auflösen. Und die Sprache kommt dem entgegen. Also die Sprache, hoffe ich, öffnet diese Fantasien für die Leserin, das zu ergänzen, das aufzufüllen, dazu weiter zu fabulieren vielleicht. Denn die Sprache selber fabuliert ja nicht.“
Der Reiz dieser nur scheinbar einfachen Erzählungen besteht in den Lücken und Räumen, die sie lassen. Manche enden überraschend, noch häufiger aber verzichtet Annette Pehnt auf einen effektvollen Schluss. Die Pointe liegt im Beiläufigen.


