SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Sep 19, 2025 • 55min

Mit neuen Büchern von T. C. Boyle, Götz Aly, Édouard Louis und Tanja Paar

Neue Romane und ein Gespräch über Literatur als Wettbewerb mit Arnold Maxwill. Und: Schreiben nach dem 7. Oktober als Thema beim Internationalen Literaturfestival Berlin.
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Sep 19, 2025 • 6min

Von der Veranstaltung: Schreiben nach dem 7. Oktober beim internationalen Literaturfestival Berlin

Schon beim Einlass merkt man, das ist keine normale Lesung: leicht erhöhte Sicherheitsvorkehrungen, Taschenkontrollen, ein wenig Nervosität liegt in der Luft. Bei den Podiumsgästen reist die Erinnerung an den 7. Oktober gerade immer mit, die Sorge zum Beispiel, nicht mehr zurück zu können, antwortet Ayelet Gundar-Goshen, Mutter von drei Kindern, auf die Frage der Moderatorin, wie es sich diesmal angefühlt hat Israel zu verlassen: „Ich glaube, seit dem Tag ist es einfach so, wie Natalia Ginzburg es einmal nach dem Zweiten Weltkrieg beschrieben hat: Du schaust ein Gebäude an, und es ist nicht mehr nur ein Gebäude, weil du weißt, wie einfach Gebäude einstürzen können, weil du fühlst, das sich einfach alles um dich herum innerhalb von einer Sekunde in etwas anderes verwandeln kann. Und ich glaube, so ähnlich fühlt es sich jetzt beim Reisen an." Gleichzeitig aber fühle sie sich sehr privilegiert, sagt Ayelet Gundar-Goshen, manchmal sogar schuldig: „Weil so viele Menschen in Israel und in Gaza nicht diese Möglichkeit haben, (...), dem ganzen wenigstens mal kurz zu entkommen und durchzuatmen." Ein Roman über Schuld und Angst Ayelet Gundar-Goshen ist gerade mit ihrem Roman „Ungebetene Gäste“ auf Lesetour, elf Tage durch die Schweiz und Deutschland. Beim persönlichen Treffen zwei Stunden vor ihrem Auftritt auf dem Literaturfestival wirkt sie gelöst: lacht über den im Hotel verschlungenen Burger, denkt an den Mitbringsel-Auftrag ihrer Tochter. Doch in ihrem Roman geht es um schwere Themen: um Schuld, Rassismus, tiefsitzende Ängste und Vorurteile in der israelischen Gesellschaft.  Durch einen Unfall stirbt ein junger Mann, ein palästinensischer Arbeiter wird deshalb verhaftet, eine jüdisch-israelische Mutter namens Naomi weiß es besser, schweigt aber – um ihren kleinen Sohn zu schützen. „Man kann Naomi auf jeden Fall als Stellvertreterin für die israelische Gesellschaft sehen, für Fragen nach Gerechtigkeit und danach, wie unser eigenes Trauma uns manchmal blind dafür macht, das Trauma zu sehen, das wir in anderen auslösen. Hier ist der Roman sehr israelisch," erzählt Ayelet Gundar-Goshen. „Aber gleichzeitig ist es ein sehr universeller Roman, diese Frage: In wen verwandele ich mich, wenn ich mich bedroht oder verängstigt fühle? Könnte es sein, dass ich dann zu einer Bedrohung für andere werde, das aber nicht zugeben kann? Ich denke, das ist nicht nur eine israelische Frage." Ayelet Gundar-Goshen ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Psychotherapeutin. Nach dem 7. Oktober arbeitete sie in einem Traumazentrum für Überlebende des Terroranschlags der Hamas. Sie fühlte sich lange nicht in der Lage dazu, weiterzuschreiben. „Schreiben fühlte sich unmöglich an.“ Literatur als Protest und Verantwortung Es war die Wut, die sie dann doch weiterschreiben ließ. Die Wut über Boykotte, so erzählt sie, darüber, dass die Regierung in Israel wieder mal anfing, Literatur, Kunst und Filme zu verbannen, die sich mit dem palästinensischen Leid beschäftigten. Gleichzeitig fing man außerhalb Israels damit an, israelische Künstler und Kultur zu boykottieren. „Und ich dachte, ok, wenn die Rechten in Israel so viel Angst vor Worten haben, dann machen Worte vielleicht wirklich einen Unterschied. Das hat mich zurück zum Schreiben gebracht." Ayelet Gundar-Goshen gehört zu den Tausenden in Israel, die Woche für Woche gegen die Regierung und gegen den Krieg in Gaza auf die Straße gehen. Gemeinsam mit anderen Israelis hält sie dabei Fotos von getöteten palästinensischen Kindern hoch. „Gleichzeitig verstehe ich Leute, die sagen, glaubst du, irgendjemand in Gaza würde dasselbe tun mit Fotos von den Kindern, die im Kibbuz abgeschlachtet wurden? Ich verstehe, wenn Leute das sagen, aber ich persönlich glaube nicht, dass man einen Massenmord durch ein vorheriges Massaker rechtfertigen kann. Das Hamas-Massaker lässt sich durch nichts rechtfertigen, genauso wenig wie die Anzahl der zivilen Opfer in Gaza. Das muss sofort aufhören!" Die Macht der Worte in Zeiten des Krieges Zurück auf der Bühne beim Internationalen Literaturfestival in Berlin. Das Publikum darf Fragen stellen. Eine Frau vermisst ein klares Bekenntnis, dass das, was in Gaza passiere, ein Genozid sei.  Julia Tzaisler, die mit Ayelet Gundar Goshen und dem Drehbuchautor und Schriftsteller Yaniv Iczkovits auf dem Podium sitzt, wehrt ab. Die Autorin und Leiterin des Jerusalemer Literaturfestivals sagt, sie glaube nicht, dass sie bestimmte Begriffe benutzen müsse, um ihre Haltung deutlich zu machen. Alle drei Podiumsgäste haben zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach das Grauen in Gaza verurteilt, sich von der israelischen Regierung distanziert. Ayelet Gundar-Goshen beteuert, sie nehme ihre Verantwortung jede Woche bei den Protesten wahr, und indem sie über das, was passiert, spreche, auch hier: „Ich mache mir manchmal Sorgen, dass Menschen außerhalb von Israel nun fordern könnten, (…) dass der Staat Israel kein Recht mehr habe zu existieren. Für mich ist die Sache klar, es muss einen palästinensischen Staat geben und der israelische Staat hat jedes Recht zu existieren." Die Diskussion in Berlin zeigt: Es geht um mehr als nur um Bücher. Es geht darum, ob Sprache verbinden oder spalten kann. Es ist ein permanentes Ringen, um Begriffe wie „Genozid“ oder „Terror“ und darum, gesehen und gehört zu werden, jenseits von Schwarz und Weiß. Gerade deshalb sind Stimmen wie die von Ayelet Gundar-Goshen in den aktuellen Debatten so wichtig. Und eine Bühne wie die beim Literaturfestival Berlin, wo geredet, aber nicht gebrüllt wurde, intensiv, aber respektvoll.
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Sep 19, 2025 • 7min

„Abscheu ist kein Lernziel“ – Götz Alys großes Alterswerk zur Hitlerzeit

Kaum eine Zeit ist so gut erforscht wie die Hitlerjahre. Daher meinen wir die Antworten auf die Frage aller Fragen „Wie konnte das geschehen?“ längst zu kennen. Wir glauben zu wissen, weshalb Hitler an die Macht kam und sich an der Macht hielt. Vernichtungskrieg und Holocaust scheinen in all ihren Dimensionen analysiert zu sein. Götz Aly misstraut dieser Kennerschaft. Gängige Klischees sind ihm ein Gräuel. Aly erzählt: „Ich schreibe ja auch in eine Szene der Gedenkstätten hinein und der Schulbücher. Da ist hauptsächlich immer von den Verbrechen die Rede. Und dann sieht man da unangenehme Figuren mit Schaftstiefeln und komischen Mützen und SS-Pluderhosen. Und dann gehen die Schüler und Schülerinnen raus und sagen, aha, das war der Nationalsozialismus. Der Nationalsozialismus war mehr und sehr viel differenzierter." Verlockende Angebote und Lockmittel Genau das wird in Götz Alys Opus Magnum deutlich. In zwölf glänzend geschriebenen, anschaulichen Kapiteln und auf über 700 Seiten schaut er darauf, wie es gelang, „die stets prekäre Einheit von Volk und Führung“ so lange zu wahren. Dabei kann Aly auf eine Reihe eigener Vorarbeiten zurückgreifen. Er legt dar, dass zur Steuerung der Bevölkerung anfänglich weniger Einschüchterung und Zwang eingesetzt wurden, sondern vielmehr attraktive Angebote und Lockmittel. „Man tut ja immer so, als wäre der Terror von Anfang an gleichmäßig gewesen. Und unsere Eltern haben dann gesagt, also in meiner Generation: Ja, wir standen ja immer mit einem Bein im KZ, wenn wir da was gemacht hätten. Das taten die nicht," weiß der Autor. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Kriegszeit. Götz Aly rechnet überzeugend vor, dass der Krieg notwendig war, um den Staatsbankrott zu verhindern. Dass sich Hitler 1941 schließlich gegen die Sowjetunion wendete, ist für den Autor nicht Folge eines lang gehegten Plans, sondern vielmehr einer großen „Ratlosigkeit“. „Nachdem alles scheitert und er eigentlich nicht weiß, wie es weitergeht und die Verschuldung immer mehr wächst und auch die Reichsreserven an Getreide und so weiter ganz schnell sinken, ... da entschließt er sich zum Krieg gegen die Sowjetunion. Wohlwissend, wie leicht das schiefgehen kann." Der Antisemitismus war die Grundbedingung für das Morden Der Holocaust erscheint bei Aly weniger als rassistisches Mordprogramm, sondern als wirtschaftlich motiviertes Raubmordunternehmen. Die Besitztümer der deportierten, erschossenen und vergasten Juden gingen an die deutsche „Volksgemeinschaft“. Als Grundbedingung für das Morden betrachtet auch Götz Aly den Antisemitismus. Ausgemacht ist für ihn jedoch, dass sich die Nationalsozialisten nicht von blindem Wahn treiben ließen, sondern vielmehr mit funktionalem Kalkül vorgingen. Den Einwand, dass kühle Berechnung kaum den Furor und fanatischen Eifer erklären kann, mit dem Deutsche im Osten mordeten, lässt Götz Aly nicht gelten. „Was heißt hier Furor? Das geht ja alles gesetzmäßig vor sich – in vielerlei Beziehungen. Begriffe wie Furor – das ist alles nicht analytisch. Ich bin erstmal dafür, dass man möglichst viel mit den normalen historiografischen Methoden erforscht." Brillant zeichnet Aly das enorme Tempo nach, das für die Hitlerzeit typisch war. Von Beginn an sei es darum gegangen, das Volk in Bewegung zu halten, keiner sollte zur Ruhe und zum Nachdenken kommen. Der ins Exil gezwungene, hellsichtige Beobachter Wilhelm Röpke fand dafür das einprägsame Bild eines Kreisels, der immer wieder angestoßen werden muss, um im Gleichgewicht zu bleiben. Im Krieg galt das erst recht. Die Menschen rotierten – nahezu besinnungslos. „Dieser Krieg verengt einfach ungeheuer die moralischen und auch rechtlichen Vorstellungen der Beteiligten, in Deutschland auch der Bevölkerung, die halt um ihre Angehörigen bangen, die bald dem Bombenkrieg ausgesetzt sind. Da sagt Goebbels: ‚Bombenkrieg, prima. Die Leute legen sich eine innere Hornhaut zu‘, so betrachtet er das." Götz Aly ist überzeugt, dass die deutsche Führung schon sehr früh erkannte, dass der Krieg kaum zu gewinnen war. Sie habe den Völkermord beständig weiter vorangetrieben, um die Bevölkerung in eine immer größere Mitschuld zu verstricken. So sollten die Deutschen aus Furcht vor Rache dazu gebracht werden, bis zuletzt weiterzukämpfen. Aus „Kraft durch Freude“ wurde „Kraft durch Todesangst“. „‚Die Brücken sind hinter uns abgebrochen, wir haben ohnehin zu viel auf dem Kerbholz‘, das ist Goebbels wörtlich," zitiert Aly. Der Führer-Mythos bleibt außen vor Das voluminöse Goebbels-Tagebuch ist eine der wichtigsten Quellen für Aly. Es sind vor allem die täglichen Einträge des Propagandaministers, die dem Autor als Beleg für das instrumentelle Verhältnis der Naziführung zur Macht dienen. Eine festgefügte Ideologie habe es nicht gegeben; stattdessen passte die Führung nach Alys Einschätzung ihre politischen Programme je nach Situation an, um ihre Herrschaft zu sichern. „Diese ganze Mythologisierung und dass das so etwas ganz Besonderes gewesen wäre und dass das, was die da gemacht haben, uns Heutigen allen so fremd ist, das ist es eben in den Einzel-Elementen nicht. Wenn man sich das anguckt, gibt es das alles weiterhin, bloß nicht in dieser radikalen und kombinierten Form." Dies ist die Quintessenz des Buches. Götz Aly hält nichts von Erklärungen, die seiner Ansicht nach bloß dazu taugen, Distanz herzustellen. Der „Führer-Mythos“, den Historiker wie Ian Kershaw als wichtiges Bindemittel des Regimes beschrieben haben, bleibt bei ihm komplett außen vor. Man kann fragen, ob Götz Aly nicht grundsätzlich die irrationalen Elemente des Hitlerismus zu gering gewichtet. Lernen lässt sich mit seinem großen Buch, das aus einer enormen Materialfülle und Detailkenntnis schöpft, wie durchschnittliche Menschen zum Mitmachen gebracht wurden. Die Nazis, das ist seine Botschaft, waren keine Teufel. Sie stehen uns vielmehr sehr nah. „Dass die böse waren und dass die Böses gemacht haben, das stimmt. Aber es ist kein Lernziel. Man muss fragen, wie dieses Böse zustande gekommen ist. Abscheu zu bewirken, das ist auch kein Lernziel. Man muss gucken, dass man es versteht."
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Sep 19, 2025 • 7min

Lieber nicht - Warum Ralf Rothmann den Deutschen Buchpreis ablehnte

„Lieber nicht“ – eine Absage mit Signalwirkung Als Ralf Rothmann 2015 den Deutschen Buchpreis ablehnte, war das mehr als eine persönliche Entscheidung. Mit dem berühmten Bartleby-Zitat „Ich möchte lieber nicht“ entzog er sich einem medialen Wettbewerb, der über Wochen hinweg Romane gegeneinander ausspielt. Für Rothmann hatte das wenig mit Literatur, viel mit Zirkus zu tun. Preis als Marketingmaschine Der Deutsche Buchpreis sorgt für enorme Sichtbarkeit – aber auch für Dauererregung im Feuilleton. Über acht Wochen werden Bücher verglichen, auf- und abgewertet. Autorinnen und Autoren sind diesem Prozess ausgesetzt, ohne eine echte Möglichkeit, Einspruch zu erheben. „Das hat mit dem Schreiben selbst kaum etwas zu tun“, sagt Literaturwissenschaftler Arnold Maxwill. Solidarische Alternativen? Wie könnten Preise aussehen, die weniger Marketing und mehr Förderung sind? Maxwill verweist auf Gesten der Solidarität, etwa Autor:innen, die Preisgelder untereinander teilen. Doch die Lust am Sieger bleibt groß – auch beim Publikum. Der Deutsche Buchpreis habe es trotz Kritik geschafft, sich seit über 20 Jahren als feste Institution zu etablieren.
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Sep 19, 2025 • 6min

Tanja Paar: Am Semmering

Sommerfrische mit Geschichte  Schattige Fichtenwälder und felsige Grate, spektakuläre Bahn-Viadukte, sanfthügelige Almen und beschauliche Villen: das ist die Semmering-Landschaft, in der Zeit um 1900 ein Sehnsuchtsort der vornehmen Wiener Gesellschaft. Heimito von Doderer und Peter Altenberg haben über den Semmering geschrieben, aber auch Stefan Zweig und andere prominente Autoren. „Der Semmering und die Landschaft am Semmering sind speziell. Es ist eine Berglandschaft, die doch sehr wild ist, kaum bewegt man sich weg, wenige Schritte von diesen ehemaligen Grandhotels", erzählt Tanja Paar. „Und es war eben tatsächlich um die Jahrhundertwende, also seit dem Bau der Südbahn und dann bis in die 1920er, 1930er Jahre ein ganz spezieller Ort, weil sich unterschiedliche Klassen, Religionen, Herkünfte dort gemischt haben, in einer Art und Weise, die, wie ich finde, einmalig ist.“ Ein Eisenbahnerpaar im Mittelpunkt Unterschiedliche Klassen und Religionen mischen sich auch in Tanja Paars Roman, wobei die Autorin ihren Fokus auf Klara und Bertl legt, ein Wiener Eisenbahner-Ehepaar aus bescheidenen Verhältnissen, das zu Beginn der 1930er-Jahre auf den Semmering übersiedelt. Bertl, vom Wagenputzer zum Fahrdienstleiter befördert, wacht auf einem Bergbahnhof in 900 Metern Seehöhe über den ordnungsgemäßen Ablauf des Fahrbetriebs. Tanja Paar – das bekennt sie im Nachwort – hat sich von den Erzählungen ihrer Großeltern zu diesem Roman inspirieren lassen. „Es ist insofern die Geschichte meiner Großeltern, als der Großvater tatsächlich bei der Eisenbahn war, sich auch vom Wagenputzer hinaufgearbeitet hat, also aus ganz armen Verhältnissen stammend. Die haben tatsächlich am Semmering gelebt, in den 20er, 30er Jahren. Ich habe gewisse Dinge verdichtet und auch dazuerfunden. Es ist ja literarische Fiktion, das heißt, das ist jetzt nicht eins zu eins die Geschichte meiner Großeltern." Aber doch über weite Strecken. Tanja Paar gewährt in ihrem Roman einen Blick hinter die Kulissen der noblen Sommerfrische. Wir lernen den Hotelverwalter Szabo kennen, einen ausgebildeten Konzertpianisten von filouhaftem Naturell, der mit dem Eisenbahner-Ehepaar befreundet ist, wir machen aber auch Bekanntschaft mit einem Baron namens Fritz, der sich von seiner Herkunft losgesagt hat und als „sozialdemokratischer Aristokrat“ von Fahrdienstleiter Bertl als Genosse ernst genommen wird. Die orthodoxe Jüdin Rahel wiederum, eine enge Freundin Klaras, widmet sich in einem der bescheideneren Semmering-Häuser der Kunst des koscheren Kochens. „Es hat den Mythos vom jüdischen Semmering auch gegeben. Ähnlich wie in anderen Ortschaften in Österreich gab es da Vorurteile und Antisemitismus. Und das wurde auch deutlich in den Erzählungen meiner Großeltern," meint die Autorin. Zwischen Bürgerkrieg und Anschluss Tanja Paar bettet die Handlung ihres Romans in die Irrungen und Wirrungen der österreichischen Zeitgeschichte. Die Bürgerkriegskämpfe zwischen „Roten“ und „Schwarzen“ im Februar 1934 sind im Roman ebenso Thema wie die Umtriebe der illegalen Nazis während der Ständestaat-Diktatur; der sogenannte „Anschluss“ und die Gleichschaltung Österreichs kommen genauso zur Sprache wie die Kämpfe des Jahres 1945, als sich Wehrmacht und Rote Armee opferreiche Gefechte in der Region liefern. „Es ist ein Stück Zeitgeschichte. Der Bertl ist, als Eisenbahner wenig überraschend, ein Linker. Die Klara ist am Anfang vielleicht gar nicht so stark politisiert und wird dann erst in den Zeitläufen und durch ihre jüdische Freundin immer stärker politisiert. Es geht auch um den sogenannten „Anschluss“. Es gibt da eine Szene, wo auch dargestellt wird, dass die Klara durchaus nicht als Heldin agiert. Mir geht es auch nicht darum, meine Großeltern ex post als Heldinnen darzustellen." Tanja Paars Roman ist ein stilles und unaufgeregtes, dafür umso eindringlicheres Stück Literatur. Der Alltag der kleinen Leute wird einfühlsam und ohne imposante Erzählgesten geschildert. Die Autorin bleibt über 250 Seiten hinweg nah an der gesprochenen Sprache. Inspiriert von der Musik: Zwei Stimmen wie eine Fuge Interessant auch die formale Struktur des Werks. Zwei Erzählstränge laufen mit- und gegeneinander: Einerseits wird die Chronologie der Ereignisse aus der Perspektive Klaras geschildert, beginnend 1928 und im Frühjahr 1945 endend; andererseits vernehmen wir die Stimme des Hotelverwalters Szabo, der sich 1989 – kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs – im Rückblick an die erzählten Ereignisse erinnert. Unaufdringlich aber kunstvoll geht Tanja Paar da vor: „Das funktioniert angelehnt an das musikalische Motiv der Fuge. Das heißt, ähnlich wie in der Musik gibt es zwei Stimmen, die die Motive immer wieder aufbringen, aber durchaus anders interpretieren." „Am Semmering“: Tanja Paar hat einen angenehm zu lesenden Roman geschrieben, einen Roman, der ohne große Gesten auskommt – anspruchsvolle Unterhaltung und fein recherchiertes Historienbild in einem.
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Sep 19, 2025 • 7min

T.C. Boyles - No Way Home

T.C. Boyle, einer der populärsten US-Autoren im deutschsprachigen Raum, legt mit „No Way Home“ einen neuen Roman vor. Darin landet der Assistenzarzt Terry aus Los Angeles nach dem Tod seiner Mutter in der Wüstenstadt Boulder City. Dort beginnt er eine Affäre mit der jungen Bethany und gerät so in eine leidenschaftliche und toxische Dreiecksgeschichte mit deren Ex-Freund Jesse. Gegensätze in der Wüste Der Roman lebt von den Gegensätzen zwischen dem chaotischen L.A. und der streng kontrollierten Ordnung der Kleinstadt. Boyle erzählt eine Geschichte von Macht und Abhängigkeit. Jedes Kapitel wechselt die Perspektive, sodass die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Vor allem die männlichen Figuren neigen zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen, was für eine ständige Spannung sorgt. Spannend, aber mit Schwächen Literaturkritiker Christoph Schröder findet den Roman spannend, kritisiert aber die fehlende Tiefe der Figuren. Besonders der grobschlächtige Jessie wirke wie eine Pappfigur. Trotzdem sei die Atmosphäre der Wüstenstadt sehr plastisch und die Geschichte unberechenbar. Sein Fazit: ein lesenswertes Buch der „Boyle-Mittelklasse“, das aber nicht an seine besten Werke heranreicht.
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Sep 17, 2025 • 4min

Können Tiere den Tod verstehen? Susana Monsós „Das Schweigen der Schimpansen"

2018 brachte ein Orca-Weibchen nach 17-monatiger Schwangerschaft ein Jungtier zur Welt. Leider überlebte es keine halbe Stunde lang. Was dann folgte, war aus Sicht von Forschern höchst ungewöhnlich: Die Mutter trug ihr totes Kalb nämlich einfach weiter huckepack durchs Meer, über zwei Wochen lang, mehr als 1000 Meilen weit. Viele verfolgten die Tragödie in den Medien, und die spanische Philosophin Susana Monsó glaubt auch zu wissen, warum:  Wir glaubten, genau zu verstehen, was die Walmutter durchmachte; in ihrem Verhalten spiegelten sich unsere eigenen schmerzlichen Erfahrungen angesichts des Verlusts eines geliebten Menschen. Quelle: Susana Monsó – Das Schweigen der Schimpansen Empfinden Tiere Trauer?  Können Tiere den Tod verstehen? Können sie wie wir Trauer und Verlust empfinden? Lange wurde Trauer für ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen gehalten. Inzwischen werden immer mehr Fälle bekannt, die diese Ansicht in Frage stellen: Schimpansen in einem Gehege, die sich, wie um Abschied zu nehmen, nach dem Tod eines Gruppenmitglieds still am Zaun aufreihen. Elefanten, die beharrlich die Stoßzähne toter Artgenossen mit sich herumtragen. Delfine, die für ein sterbendes Gruppenmitglied eine Art Floß bilden, um ihm das Atmen zu erleichtern.   Für Susana Monsó stellen sich angesichts solcher Beispiele jedoch viele Fragen. „Das Schweigen der Schimpansen. Wie Tiere den Tod verstehen“ ist ihr kluges, nachdenkliches, vorzüglich lesbares Buch betitelt. In ihm erinnert die Philosophin daran, dass solche Fälle praktisch immer anekdotisch und daher von begrenzter Aussagekraft sind. Zum anderen aber findet die Philosophin es bezeichnend, dass wir uns vor allem für Berichte interessieren, in denen wir uns und unsere Reaktionen auf den Tod wiederzuerkennen glauben – für Monsó ein Beispiel für „emotionalen Anthropozentrismus“. Als wäre der Mensch der Maßstab für den richtigen Umgang mit dem Tod.   Zerstörte, irreparable Körper  Dabei glaubt die Autorin durchaus, dass zahlreiche Tierarten über ein „Konzept vom Tod“ verfügen. Nur tue man gut daran, sich daran zu erinnern, dass Tiere beim Anblick eines toten Lebewesens alles Mögliche verspüren können, so Monsó – inklusive Hunger oder Freude. Und vor allem: dass der Tod in der Natur etwas völlig anderes sei als für uns, also kein klinisch-abstraktes Ausnahmeereignis, im Gegenteil.  Der Tod ist etwas sehr Konkretes und Greifbares, etwas, was man riechen, anfassen und schmecken kann. Die Toten sind keine abwesenden Individuen, sondern vor allem zerstörte und irreparable Körper.  Quelle: Susana Monsó – Das Schweigen der Schimpansen Damit ein Tier überhaupt verstehen könne, dass ein anderes Tier, ob nun ein Artgenosse oder nicht, tot sei, müsse es laut Susana Monsó zwei Dinge erkennen: dass das tote Tier sich nicht mehr so verhält, wie es normalerweise zu erwarten sei. Und dass dieser Zustand unumkehrbar ist. Ameisen zum Beispiel erkennen dies nicht; wenn sie eine tote Arbeiterin aus dem Nest tragen, dann deshalb, weil sie instinktiv auf einen bestimmten Verwesungsgeruch reagieren.  Listiges Opossum, überraschte Räuber  Wer beweisen wolle, dass es im Tierreich tatsächlich zumindest eine Art „Minimalkonzept vom Tod“ gebe, sollte sich laut Monsó am besten an Beutegreifer halten: an Tiere also, die genau darauf achten müssen, ob ihre Beute alt, verletzt oder krank ist. Und die sichtbar überrascht sind, wenn ein vermeintlich totes Tier plötzlich wieder quicklebendig ist – wie das Opossum, das das Sich-tot-Stellen regelrecht zur Kunst erhoben hat, inklusive heraushängender Zunge und der Absonderung von Fäulnisgeruch. Ein Verteidigungsmechanismus, der für die Philosophin zumindest eines belegt: dass die Gegenseite, also die Fressfeinde der putzigen Nager, den Unterschied zwischen lebendig und tot nur zu gut kennen. Also ja, Tiere verstehen wohl wirklich den Tod – nur eben anders als wir.
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Sep 16, 2025 • 4min

Weike Wang – Die Ferien | Buchkritik

Keru und Nate sind seit fünf Jahren verheiratet. Sie machen Urlaub am Cape Cod – jene Halbinsel an der Ostküste der USA, in deren Licht Eduard Hopper über dreißig Jahre lang malte und die bei US-Präsidenten seit den Kennedys beliebt ist. Dass das Paar am Cape Cod nur bedingt zur Ruhe kommt, liegt daran, dass sie nacheinander ihre Eltern zu sich eingeladen haben. Und die beäugen ihre Beziehung zum Teil kritisch: Kerus Eltern sind aus China in die USA eingewandert, als sie sechs Jahre alt war. Nates Eltern stammen aus North Carolina. Dass ihr Sohn mit einer Einwanderin zusammen ist, führt zu vielen Fragen, in denen stets Vorurteile mitzuschwingen scheinen. So interessiert sich Nates Mutter mit großer Ausdauer für das Thema Staatsbürgerschaft:  Er erklärte ihr den Prozess in allen Einzelheiten. Um die US-Staatsbürgerschaft zu erhalten, hatten Keru und ihre Eltern ihre roten chinesischen Pässe abgegeben, und zwar bevor Keru das Teenageralter erreicht hatte. Sie hatten sich einer schriftlichen und mündlichen Prüfung unterzogen, den Treueschwur auf die Fahne geleistet, sich fest die Hände schütteln und gratulieren lassen, Sie befinden sich nun im Land der Freiheit, also das, was Ihre frühere Heimat nicht ist. Quelle: Weike Wang – Die Ferien Migrationserfahrung und sozialer Aufstieg als Themen  So wie ihre Protagonistin hat auch Weike Wang als junges Mädchen China mit ihren Eltern verlassen. Dass sie in Harvard Chemie studiert und promoviert hat, merkt man ihrem Roman deutlich an. Mit wissenschaftlicher Präzision hält sie Situationen fest, in denen die chinesische und die amerikanische Kultur aufeinanderprallen. Gerade Keru, die in einer Beraterfirma Karriere macht, sitzt zwischen den Stühlen. Ihr ist der soziale Aufstieg zwar gelungen, ihre Herkunft kann sie aber ebenso wenig abschütteln wie die Bilder der einfachen, amerikanischen Familie, die sie im Kopf hat:   Kerus Eltern konnten sich nicht mehr assimilieren, aber ihre Tochter vielleicht schon. Keru fühlte sich zweierlei Kräften ausgesetzt, dem Druck ihrer Eltern, die sie zur Assimilation drängten, und der Anziehungskraft der sagenumwobenen weißen Familie, in der man als schlimmste Strafe ohne Hackbraten ins Bett geschickt wurde und unter eingespieltem Gelächter hinauf ins Zimmer stapfte, in das wenig später dann doch noch die Mutter kam, mit Schokolade, und einem zur Nacht einen Kuss auf die Stirn drückte. Quelle: Weike Wang – Die Ferien Trockener Humor und genauer Blick auf die USA von heute  Weike Wangs Roman überzeugt nicht nur mit plastisch gezeichneten Figuren, sondern auch mit seinem trocknen Humor und einem genauen Blick auf die gespaltene US-Gesellschaft von heute: So leben Nate und Keru in New York, ihre Eltern aber in ländlichen Gegenden in North Carolina und Minnesota. Dass sich Nate, der als Biologe ausgerechnet zum Verhalten von Fruchtfliegen forscht, von seinen Eltern entfremdet hat, liegt aber nicht nur an den unterschiedlichen Lebenswelten, sondern hängt auch mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im Jahr 2016 zusammen:  Dummerweise hatte Keru auch ihre Mutter um Rat gebeten, die Nates Entfremdung von seiner Mutter sofort als impulsiv abgetan hatte. Jungen Menschen fehlt die Perspektive«, sagte sie. Die haben noch nicht gelernt zu leiden. Im schlimmsten Fall ist derjenige, den sie gewählt haben, acht Jahre im Amt. Was ist das schon im Vergleich zu einer ganzen Kindheit unter dem Vorsitzenden Mao? – Irgendwann kam immer die Mao-Karte ins Spiel. Genau wie die Trump-Karte. Quelle: Weike Wang – Die Ferien „Die Ferien“ berührt als Buch, das davon handelt, wie Herkunft den weiteren Lebensweg beeinflusst. Der Roman unterläuft auf geschickte Weise die US-amerikanische Erzählung, dass jeder es allein mit harter Arbeit zu etwas bringen kann. Das wird vor allem in Nates trostlosem Alltag als Juniorprofessor deutlich, der sich mit Beschwerden von Studierenden und endlosen Sitzungen in Ausschüssen herumschlagen muss. Weike Wang hat mit „Die Ferien“ einen Roman vorgelegt, der sich einerseits als unterhaltsame Ferienlektüre anbietet, der andererseits aber auch als lakonisch geschriebenes und schonungsloses Porträt der US-Gesellschaft überzeugt.
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Sep 15, 2025 • 4min

Gertraud Klemm – Abschied vom Phallozän. Eine Streitschrift

„Es ist das Patriarchat, stupid“: In ihrem 140 Seiten starken Essay stellt Gertraud Klemm die These auf, dass wir nicht im „Anthropozän“, sondern im „Phallozän“ lebten. Umweltzerstörung, Kriege, Rassismus und globale Ungerechtigkeit: All diese Miseren seien das Produkt einer Männerherrschaft, die vor etwa 5000 Jahren begonnen habe. Die Menschheit wäre besser dran, so Klemm, wenn die Frauen das Sagen hätten.  „Eine matriarchalische Gesellschaft wäre auf jeden Fall gerechter, sowohl, was die Geschlechtergerechtigkeit betrifft, als auch, was die Ökonomie betrifft: Es gäbe keine Klassenunterschiede, und es gäbe auch keinen Rassismus oder keine ausbeuterischen Systeme“, meint die Autorin. „Das bezieht sich auch auf die Natur, die respektvoll behandelt wird und nicht benutzt. Und last but not least: Die Spiritualität wäre eine vollkommen andere; die würde keinen transzendenten Gott kennen, es ginge eher um die Einbeziehung der Natur und des Prinzips des Lebens in alltägliche Handlungen.“  Nötige Reformen, um das Leben von Frauen zu verbessern   Die Patriarchats-Kritik, wie Gertraud Klemm sie in ihrem erfrischend kämpferischen Buch formuliert, haben andere Autorinnen – Kate Millet und Simone de Beauvoir etwa – auch früher schon artikuliert. In der öffentlichen Diskussion spielt dieser Ansatz dennoch eine marginalisierte Rolle. Das will Klemm mit ihrer Streitschrift ändern. Natürlich weiß die Autorin, dass die Einführung eines Matriarchats im westlichen Konkurrenz-Kapitalismus bis auf weiteres Utopie bleiben muss. Deshalb plädiert sie zugleich für handfeste politische und soziale Reformen – für Reformen, die das Leben von Frauen und anderen benachteiligten Gruppen nachhaltig verbessern.   Ist der heutige Feminismus zu verkopft?  Der heutige Feminismus sei vielfach zu verkopft, kritisiert die Schriftstellerin, akademische Diskussionen über die richtige Platzierung von Gendersternchen sagten der Mehrzahl der Frauen nichts – und brächten ihnen auch nichts in der Tretmühle der täglichen Drei- und Vierfachbelastung.  „Ich glaube wirklich, dass wir uns wieder die Gummistiefel anziehen müssen und die Drecksarbeit angehen müssen. Wir sollten uns auf praktikable Lösungen konzentrieren in der Politik. Da nenne ich als Beispiel gerne, dass wir Verhütungsmittel auf Kasse fordern, dass man dem Schwangerschaftsabbruch endlich aus dem Strafgesetz rausbekommt, dass man sich wirklich endlich anschaut, wie das mit dem gleichen Geld für gleiche Arbeit ist.“  Feministinnen sollten sich nicht spalten lassen  Vor einigen Wochen stand Gertraud Klemm wegen angeblich transfeindlicher Texte im Zentrum einer Cancel-Culture-Affäre, die ihr nicht nur Ärger, sondern auch viel Solidarität – und ein dreiseitiges „Spiegel“-Interview – eingebracht hat. Klemm dazu: „Man kann nicht abstreiten, dass mir das auch genutzt hat. Das gebe ich zu. Aber ich möchte trotzdem dazu sagen, dass es mich sehr gekränkt und geärgert hat.“  Geärgert hat sich Gertraud Klemm nicht nur aus persönlichen, sondern auch aus politischen Gründen: Babyboomer-Feministinnen wie sie und jüngere Aktivist:innen des Queerfeminismus sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, fordert die Autorin:  „Das Abbild, das wir da jetzt quasi symbolisch hergestellt haben, ist fatal. Ich frage mich, was war der Preis? Und was hat es eigentlich zu gewinnen gegeben in der ganzen Sache? Und da gibt’s eigentlich nur Verliererinnen – und eine Menge Gewinner. Das sind dann halt die alten Patriarchen, die sich die Hände reiben und sagen können: Schaut, wir haben es euch ja gesagt: Die halten nicht zusammen, die lassen sich relativ schnell spalten.“  Und Spaltung, findet Gertraud Klemm, ist das Letzte, was feministische Bewegungen brauchen können – zumal in einer Zeit, in der nach Meinung vieler ein neuer männerbündlerischer Faschismus, ein Faschismus 2.0, vor der Tür stehen könnte.
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Sep 14, 2025 • 4min

Gefangen in den Schrecken der Zeitgeschichte

Zwei Dinge spielen im Familienleben von Karl und Rita eine ganz besondere Rolle: der Keller und ihr VW-Bus. Im Keller suchen sie mit ihren Töchtern Martha und Olivia Schutz vor dem Angriff von Feinden, namentlich den Russen. Im VW-Bulli dagegen suchen sie das Weite, er gestattet ihnen die Flucht aus der von Angst erfüllten Enge ans Meer.  In den Köpfen ist der Krieg noch nicht zuende  Zwar ist der Zweite Weltkrieg längst vorbei, man schreibt die sechziger Jahre, aber die Ängste, die Karl aus dem Krieg mitgebracht hat, sind noch lebendig und er hat Frau und Töchter damit angesteckt. Als transgenerationale Traumata sind solche „Gefühlserbschaften", wie Sigmund Freud das nannte, zunehmend ins öffentliche Bewusstsein getreten. Von einem solchen Fall handelt Lina Schwenks Debütroman „Blinde Geister". Wenn die Großmutter namens Fritzchen zu Besuch kommt, wird auch die Enkelin Olivia von den Schrecken der Vergangenheit in Bann geschlagen.  Mir bleibt nichts anderes übrig, als zuzuhören. Sie erzählt von früher, vom Krieg, von etwas so Grausamem, das ihr wirklich passiert ist. Als Familie etwas war, das verging. Ich greife ihre Hand und halte mich fest.  Quelle: Lina Schwenk – Blinde Geister Familiäre Nähe hautnah beschrieben  Das kleine Ensemble von Romanfiguren ist eine Familie im fortwährenden Ausnahmezustand. Umso näher rücken sie zusammen, halten sich aneinander fest, streicheln sich, suchen die körperliche Nähe und es ist diese Nähe, die den Erzählstil bestimmt. Wie in mikroskopischer Vergrößerung arbeitet die Autorin die Berührungen, Gesten, das ganze Feingewebe des familiären Miteinanders heraus.  Paramilitärische Übungen im Turnunterricht  Eingerahmt von Prolog und Epilog, die den zwischen Todesangst und Lebenslust schwankenden Befindlichkeiten der Eltern gewidmet sind, blickt die Tochter Olivia zurück auf die Stationen ihres eigenen Lebenslaufs: Von den Stunden im Keller während politischer Krisenzeiten, von dem Lehrer, der den Turnunterricht in paramilitärische Übungen verwandelte, über ihre Zeit in der Psychiatrie bis hin zur Ehe mit Paul, aus der die Tochter Ava hervorging, die durch den russischen Überfall auf die Ukraine ihrerseits mit den aktuellsten Kriegsängsten konfrontiert wird. In ihrem Beruf als Krankenschwester sind für Olivia die alten Zwangsvorstellungen fast schon zu einer alltäglichen Phantasie geworden.  In letzter Zeit macht es mir am meisten Spaß, im Krankenhaus über die Gänge zu streichen, als wäre ich in einem Lazarett. Ich stelle mir vor, ich sei die letzte verbliebene Schwester, die Alliierten nahten, und ich müsste meine Patienten in einen versteckten Keller bringen. Quelle: Lina Schwenk – Blinde Geister Was der Stress von Krieg und Krisen anrichtet  Die subjektive Erzählperspektive der psychisch labilen Olivia, die erst langsam im Leben Tritt findet, bestimmt den größten Teil des Romans. Der damit verbundene Verzicht auf auktoriale oder begriffliche Deutungen des Geschehens erzeugt eine intensive, beklemmende Atmosphäre, wirkt aber nicht immer leicht durchschaubar. Als individuelle Fallgeschichte einer traumatischen Belastungsstörung funktioniert das sehr gut. Mit einem kollektiven Stimmungsbild der Nachkriegsjahrzehnte darf man das allerdings nicht verwechseln. Ganz gewiss aber erinnert „Blinde Geister" eindringlich daran, was der zeithistorische Stress von Krieg und Krisen in den Seelen der Menschen anrichten kann, damals wie heute.

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