

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Sep 12, 2025 • 55min
Mit neuen Büchern von Nelio Biedermann, Jehona Kicaj, Nava Ebrahimi und Pier Vittorio Tondelli
Zwischen Kult und Shitstorm - Rilke offenbart seine künstlerische Seite, zwei Titel von der Longlist zum Deutschen Buchpreis könnten unterschiedlicher nicht sein und um Caroline Wahl tobt ein heftiger Shitstorm.

Sep 12, 2025 • 10min
Was Zähneknirschen über Kriegstraumata erzählt – Jehona Kicaj über ihren Roman „ë“
Im Albanischen wird der Buchstabe „ë“ nicht ausgesprochen, aber er verändert die Betonung des Wortes. Das hat die Autorin Jehona Kicaj zu der Idee für den Titel ihres Debütromans „ë“ gebracht:
„Wenn ich an kriegsversehrte Menschen denke oder an eine kriegsversehrte Gesellschaft, dann ist es oftmals so, dass da etwas ist, was die Menschen beschäftigt, worüber aber nicht gesprochen wird. Aber trotzdem ist ja etwas da und macht etwas mit den Menschen, auch wenn sozusagen die Worte dafür fehlen“, so die Autorin.
Knirschende Sprache
Ihr Debütroman steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Darin folgen wir einer namenlosen Ich-Erzählerin. Eine junge Frau, die im Kosovo geboren ist, mit ihren Eltern aber vor Kriegsausbruch 1998 nach Deutschland fliehen konnte. Das Buch beginnt damit, dass diese Erzählerin eines Morgens ein abgebrochenes Stück Zahn im Mund hat.
Sie mahlt nachts mit dem Kiefer. Jehona Kicaj habe es schon immer interessiert, wie man mit Mitteln der Literatur Sprachlosigkeit ausdrücken kann. Am meisten geprägt habe sie der Schriftsteller Heinrich von Kleist. In seinen Texten spricht der Körper, wenn Figuren in Ohnmacht fallen, erröten oder erblassen.
Sprachlosigkeit führt zu körperlichen Schmerzen
Ihre Hauptfigur hat den Kosovokrieg nicht am eigenen Leib erfahren, dennoch arbeiten die Traumata ihrer Eltern und eigene Erfahrungen mit Rassismus so stark in ihr, dass sie sich nachts die Zähne kaputt mahlt, weil sie für all diese Erfahrungen in ihrem jungen Alter noch keine Sprache habe.
„Sie kann das noch nicht in Worte fassen. Und all das schreibt sich in ihren Körper ein und findet irgendwann seinen Weg, bricht sich Bahn im Grunde durch das nächtliche Zähneknirschen“, sagt Kicaj.
Alleingelassen in der Diaspora
Der Kosovokrieg dauert von 1998 bis 1999. Er ist nicht lange her, und trotzdem scheint dieser Krieg aus dem europäischen Gedächtnis verschwunden zu sein, das beobachtet auch Jehona Kicaj. Für die Betroffenen vor Ort aber auch für die, die in der Diaspora leben, führe das zu großem Schmerz. Jehona Kicaj ist 1991 im Kosovo geboren und in Deutschland aufgewachsen.
Dass der Kosovokrieg in der deutschen Erinnerungskultur keine Rolle spiele, sei für sie unerträglich. Besonders schlimm sei es gewesen, als 2022 Russland die Ukraine angriff:
„Die deutschen Tageszeitungen titelten damals oft, das sei der erste Krieg auf europäischem Boden seit Ende des Zweiten Weltkrieges.Und ja, das ist unerträglich, weil ich nicht verstehen kann, wie man all diese Kriege, die auf europäischem Boden und die nur zwei Flugstunden entfernt stattgefunden haben, wie man die vergessen kann“, so Kicaj.
Kriege dürfen nicht vergessen werden
Jehona Kicaj erinnert an ein Zitat des Schriftstellers Lukas Bärfuss. Als er mit dem Georg Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, sagte er: „Wer den letzten Krieg vergisst, bereitet schon den nächsten vor.“ Dieser Satz sei Jehona Kicaj unter die Haut gegangen: „Kurz darauf startete eben Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine. Und heute denke ich rückblickend, das war irgendwie prophetisch und gespenstisch.“

Sep 12, 2025 • 9min
Erkenntnisreich und voller Überraschungen – Der Band „Rilke zeichnet“
Mäuse, Häuser und Soldaten – die frühen Kinderzeichnungen Rilkes
Das ist die erste Überraschung: gleich auf mehreren Tischen ausgebreitet, liegen etliche Kinderzeichnungen Rilkes. Ein Bild zeigt eine Maus auf hohen Stelzenbeinen, ein Haus im Hintergrund und an der Seite eine Art Brunnen. Darunter ein Kommentar, den Rilkes Mutter, Phia Rilke, vermerkt hat und den die Literaturwissenschaftlerin und Mitautorin Gunilla Eschenbach vom Deutschen Literaturarchiv Marbach so entziffert:
„Also hier schreibt die Mutter selbst: 'gezeichnet von meinem theuersten Renetschi mit 4Jahren – 1879.`Und sie schreibt sogar noch `Dezember', um zu betonen, dass er da knapp gerade erst vier Jahre alt geworden war und schon zeichnen konnte.“
Eine freundliche Kindergärtnerin hilft mit
Für vier Jahre – ein Alter, in dem Kinder in der Regel erst an Kopffüßlern herumkrakeln - eine höchst bemerkenswerte Leistung. Noch erstaunlicher eine Zeichnung, die ein halbes Jahr später entstanden ist: Sie zeigt einen marschierenden Tambourmajor von der Seite mit einem Stab in der Hand.
Der hohe Hut, die Knöpfe der Uniform, die Haare – alles sehr detailliert gezeichnet. Daneben – auffällig anders – ein eher gekritzelter Baum.
„Das ist jetzt auch eine Neuentdeckung von uns. Dank der Erinnerungen der Mutter, dass Rilke eine Kindergärtnerin hatte. Das schreibt die Mutter tatsächlich. Der Name Kindergärtnerin fällt. Also eine lustige Kindergärtnerin ist gekommen mehrfach die Woche und hat sich mit Rilke beschäftigt, hat offenbar – das vermuten wir stark – mit ihm zusammen gezeichnet.
Denn in all diesen Zeichnungen aus der frühen Kindheit sieht man, da wird von mehreren Seiten bemalt. Rilke malt irgendeine Form vor, jemand anders macht aus dieser Form etwas. Nämlich hier eine Figur. Oder Rilke will Pferde zeichnen, das scheint ihn früh interessiert zu haben. Und eine Person leitet an und malt den Kopf und Rudimente des Körpers zur Vervollständigung durch das Kind.“
Die Überlieferung der Bilder war nicht vorgesehen
Dass diese frühen Kinderzeichnungen überhaupt erhalten sind, ist der Familie, vor allem seiner Mutter Phia zu verdanken, die damit indirekt auch ihren Anteil an der frühkindlichen, künstlerischen Förderung des Sohnes dokumentiert wissen wollte.
Die Überlieferung des gesamten Bildmaterials ist alles andere als selbstverständlich, betont denn auch Sandra Richter, Leiterin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, die ebenfalls an dem Band „Rilke zeichnet“ mitgearbeitet hat:
„Eigentlich war das nicht vorgesehen. Rilke ging davon aus, dass seine Zeichnungen verloren sein sollten. Er wollte ausschließlich in der Erinnerung von einzelnen Persönlichkeiten – Freunden, Bekannten – erhalten sein. Auch optisch. Aber von Bildern war eigentlich gar keine Rede.“
Ein Wortkünstler mit Talent zum Zeichnen
Auch Rilkes Verleger Anton Kippenberg interessierte sich ausschließlich für den Wortkünstler. Der Zeichner Rilke taucht in den im Insel Verlag ab 1955 veröffentlichten Werken nicht auf. Für das „Unfertige, das Misslungene, das Private“ und damit eben auch für die Bilder war kein Platz, heißt es in dem Band „Rilke zeichnet“, der diese eher unbekannte Seite Rilkes in seiner ganzen Vielfalt erstmals öffentlich macht.
Und das ist eine weitere Überraschung: Der junge Rilke war ein durchaus talentierter Zeichner wie ein Selbstporträt zeigt, das er mit 12 Jahren angefertigt hat.
„...das wirklich beeindruckend aussieht. Zum einen sind die Umrisse des eigenen Gesichts ganz klar gezeichnet. Womöglich sogar etwas ästhetisiert – man sehe nur die sehr hohe Stirn. Klar konturiert. Wunderschön der entstehende Bart gezeichnet. Schon mit 12 – ganz beeindruckend. Die Schattierung ist nahezu professionell mit Strichen, die nicht mehr einfach so schraffiert wirken, sondern ganz klar gesetzt. Die Haare sind bloß angedeutet, die Augenbrauen stark.
Also das ist eigentlich ein junger Mann, der eher 18 Jahre alt ist vielleicht. Ein junger Mann, der imponiert und ganz gewiss kein Jugendlicher mehr. Und ein Mann, von dem die Frauen vielleicht nicht gesagt hätten, wie sie es reihenweise getan haben: er war hässlich. Sondern im Gegenteil: René Rilke war ein junger Beau.“
Rilke als Beobachter
Mag Rilke an dieser Stelle seiner Wunschvorstellung etwas nachgeholfen haben, so zeigt er sich an anderer Stelle als penibler Beobachter seiner Umgebung. Er zeichnet Soldaten seiner Heimatstadt Prag, Militärkapellen, die Menschen in der Oper.
Daneben eine ganze Reihe mit Rittern und Drachen, schließlich eine Serie bunter Aquarellbilder: Husaren im Feld, in der Schlacht, mit Pferd, den sterbenden Husaren. Dass die asiatische Kunstwelt im Europa des 19. Jahrhunderts angekommen ist, spiegelt sich in einigen Aquarellen Rilkes wider.
Eines zeigt eine Geisha - in Goldfarbe mit nur wenigen gekonnten Pinselstrichen auf einen Briefumschlag gebannt. Rilke malt auf allem, was sich bemalen lässt. Auf einem Stück Holz oder auch auf den Deckel einer Tabakschachtel. Und mit Blick auf mehrere Landschaftsporträts, meint Sandra Richter:
„Wenn wir diese anschauen, dann sehen wir, dass er keinen eigenen Stil entwickeln wollte im Malen – weder im Aquarellieren noch im Zeichnen - , sondern dass er vielmehr nachgeahmt hat und dass es schön sein sollte im ganz klassischen, einfachen Sinne. Und das hieß eben: Palais malen, das Wasser blau, der Himmel blau.
Also nichts Kritisches oder Dergleichen, sondern im Gegenteil die Affirmation, die Bestätigung dessen, was er vorzufinden hoffte. Und das zieht sich durch viele seiner Zeichnungen hindurch, dass er eben offenbar sah, dass das nichts Neues ist, nichts Eigens ist, was er da macht, sondern etwas, was auch ihm zum Ausdruck verhilft. Aber eben nur unter anderem.“
Auch Rilke konnte Comics
Kein eigener Stil, doch der junge Rilke entwickelt eine bemerkenswerte Kunstfertigkeit. Besonders erstaunlich und sehr unterhaltsam: seine pointierten Karikaturen von der feinen Gesellschaft bis zum Hausierer. Und noch eine Überraschung: Rilke konnte auch Comics.
In einer kleinen, sehr humorvollen Bildgeschichte des Dichters muss ein ergrauter Herr feststellen, dass sich nur noch Damen im fortgeschrittenen Schwiegermutteralter für sein Werben interessieren. Rilke, der Dichter hoher Töne, konnte als Zeichner ganz schön hemdsärmelig sein. Gunilla Eschenbach erzählt:
„Man sieht hier einen also tatsächlich etwas älteren Herrn, der sich für eine Landpartie mit Stock und Botanisiertrommel ausgestattet hat. Und hier muss sich jetzt eine Gedankenblase wie in einem Comic denken, denn die Bildunterschrift lautet: Da man mir nur die Schals und Mantels derer zu tragen gibt, die schon Schwiegermütter, kann ich schon auf Eroberungen verzichten.
Und hier reicht ihm eine ganz bärbeißige und mindestens ebenso alte Dame mit Warze und Dutt und Korpulenz die Hand, um von ihm galant durch die Berge geleitet zu werden. Und wiederum sieht man hier in seinem Kopf: Die muss gerade die einzige sein Punkt Punkt Punkt Punkt , die er jetzt noch abkriegt.“
Ein rundum gelungener Hingucker
„Rilke zeichnet“ – der aufwendig gestaltete Band ist in jeder Beziehung ein grandioser Hingucker. Im Mittelpunkt stehen natürlich die über 150 dokumentierten Bilder Rilkes. Doch die Autorinnen – neben Gunilla Eschenbach und Sandra Richter ist auch unbedingt Mirko Nottscheid ebenfalls vom Deutschen Literaturarchiv Marbach zu nennen - sie leisten viel mehr.
Es gibt eine sorgfältige biografische Einordnung, die durch ergänzende Fotos, Briefe und Zitate abgerundet wird. Die Beziehung zwischen Zeichenkunst und Lyrik beleuchtet ein besonders ausführliches Kapitel über Rilkes Dinggedichte. Sein Verhältnis zur Malerei verändert sich im Laufe der Jahre, bekommt eine andere Bedeutung und dient mehr dazu, sich an bestimmte Eindrücke und Dinge zu erinnern.
So hält er in seinen Notizbüchern fest, was später Eingang in seine Lyrik findet: Im Pariser Atelier Rodins skizziert er in schnellen Strichen eine Panter-Skulptur des Bildhauers, im Jardin des Plantes studiert er den Flamingo und er notiert Kostüme, die er auf einem Gemälde sieht und die später für seinen Roman „Malte Laurids Brigge“ eine Rolle spielen.
Rilke konnte zeichnen, aber er hat zugleich erkannt, dass andere es besser konnten, meint Sandra Richter und stellt zugleich fest:
„Wenn man nun die Funde ernst nimmt, die wir hier sehen anhand dieses Notizbuches, muss man sagen zu den Neuen Gedichten ganz speziell, aber auch zu anderen Texten gehören diese Zeichnungen integral. Sie sind Teil des Werkprozesses, Teil des Schreibens. Und inwiefern sie genau das sind, das ist erst noch zu vermessen und zu überlegen. Welche Rolle spielen diese Zeichnungen gerade für einen Autor wie Rilke, der nicht umsonst immer wieder diesen einen Satz schreibt: ich lerne sehen.“

Sep 12, 2025 • 7min
Wahnsinn und Trieb
Schon in den ersten Zeilen, in den ersten Sätzen ist sie da: Die Stimmung, die diesen erstaunlichen Roman trägt. Der Tonfall, der in einer Mischung aus Märchenhaftigkeit und einprägsamen Bildern seine ganz eigene Welt erschafft; ein Szenario, das etwas Unheimliches entfaltet, minimal über der Wirklichkeit zu schweben scheint und trotzdem fest eingebettet ist in den historischen Kontext:
Am Rand des dunklen Waldes lag noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts, als Lajos von Lázár, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal den Mann erblickt, den er bis über seinen Tod hinaus für seinen Vater halten wird. Es war der Tag der drei Könige – der Wald schluckte das letzte trübblaue Licht. Das Zimmer, in dem der Junge geboren wurde, lag im Westflügel des Waldschlosses, gleich neben dem blaugestrichenen, das nie jemand betrat.
Quelle: Nelio Biedermann - Lázár
Roman mit autobiografischem Hintergrund
Es ist der 6. Januar 1900. Der Beginn eines von Ideologien beherrschten Jahrhunderts, das auch das Adelsgeschlecht der ungarischen Familie Lázár in den Griff nehmen und zersprengen wird. Davon, unter anderem, erzählt Nelio Biedermann über vier Generationen bis ins Jahr 1956.
Der Stammsitz der Lázárs, ein abgelegenes Schloss rund 200 Kilometer von Budapest entfernt, wird von der Weltgeschichte immer einen Tick später erfasst als die großen Zentren. Das liegt auch daran, das Baron Sándor, Lajos‘ Vater, in seinem Snobismus die Zeitungen aus der Hauptstadt kommen lässt und den Nachrichten immer einen Tag hinterherhängt. Ein kleines, sprechendes Detail, wie so viele in diesem Roman.
„Lázár“ ist ein Buch mit autobiografischem Hintergrund. Nelio Biedermann entstammt der österreich-ungarischen Adelsfamilie Biedermann von Turon. Seine Großeltern haben, wie Lajos‘ Sohn Pista und seine Frau Eva im Roman, nach dem gescheiterten Aufstand 1956 die Flucht ergriffen.
Biedermann hat für seinen Roman Zeitzeugen befragen können, wie er erzählt:
„Ich hatte das Glück, meinen Großonkel in Budapest über die Zeit, in der der Roman spielt, ausfragen zu können. Er ist selbst noch in einem Schloss aufgewachsen und hat die Enteignung am eigenen Leib miterlebt. Durch ihn konnte ich das Gefühl für diese Zeit erlangen und wusste, was die Figuren damals gegessen, wie sie sich gekleidet und gesprochen und worüber sie sich Sorgen gemacht haben.“
Anklängen an die großen Romanciers des 20. Jahrhunderts
Diese Authentizität ist eine der großen Stärken des Romans. Die andere ist seine geschmeidige Sprache, die gesättigt ist mit Anklängen an die großen Romanciers des 20. Jahrhunderts, an Thomas Mann, an Marcel Proust oder auch an Joseph Roth, der in seinen Romanen das habsburgische Reich in aller Pracht noch einmal hat auferstehen lassen, um es dann lustvoll in den Untergang zu führen.
„Lázár“ hat nichts Anbiederndes und auch nichts Großspuriges. Biedermann ist kein Autor, der sein Können ausstellen will. Vielmehr dienen ihm die Vorbilder als produktive Elemente, um einen eigenen Stil zu entwickeln:
„Ich bewundere Proust und Thomas Mann für ihren makellosen, fließenden Ton und habe versucht, das irgendwie auch zu erreichen. Ich habe mir meine Texte, bevor ich sie abgetippt habe, - ich schreibe alles von Hand - , immer laut vorgelesen, um möglichst nahe an diesen Ton heranzukommen. Gleichzeitig war es mir aber wichtig, dass die Perspektive, aus der ich auf diese Zeit blicke, eine moderne ist. Dass also der Ton zwar klassisch sein kann, die Perspektive aber eine heutige bleibt.“
Ein Roman, der Spaß macht
„Lázár“ ist ein Roman, der großen Spaß macht. Sauber konstruiert, den großen erzählerischen Bogen schlagend, aber im Detail voll von Szenen, die lange nachwirken. Da ist Mária, Lajos‘ unglückliche Mutter, die sich bereits früh das Leben nimmt. Da ist Sándor, das Familienoberhaupt, erstarrt in der Vergangenheit, das sich allmählich zu Tode trinkt.
Da sind vor allem aber die Zeitläufte, von denen die Familie Lázár mitgerissen wird – der Zusammenbruch der Habsburger Monarchie, der Nationalsozialismus, der Kommunismus, die Zwangsenteignung, die Demütigungen.
Mal ist man Täter, mal Opfer, oft auch beides zugleich.
Imre: die Lieblingsfigur des Autors
Opportunismus, Dünkel, Trieb und Dekadenz ziehen sich als Leitmotive durch den Roman. Die schillerndste Figur ist Lajos‘ als verrückt geltender Onkel Imre, der im Waldschloss in einem abgeschlossenen Zimmer vor sich hinlebt.
Der Wald, die Unheimlichkeit, das Gespenstische haben Imre in sich eingesogen. Imre hat seine schauerromantischen Lektüren ernst, allzu ernst genommen und ist über die Literatur in den Wahnsinn abgeglitten:
Das erste Nachtstück war eine Erzählung, die den Titel Der Sandmann trug. Imre las sie im Schein der Lampe, die auf dem Tischchen neben seinem Bett stand, in einem Zug durch. Als er das Buch neben die Lampe legte, fiel ihm auf, dass seine Hand zitterte, dann, dass auch sein Arm sich unruhig hin und her bewegte, und schließlich, dass sein ganzer Körper bebte. Den Blick auf den schwarzen Einband des Buchs geheftet, wartete er darauf, dass der Anfall verebbte.
Quelle: Nelio Biedermann - Lázár
Klarsicht trotz Wahnsinn
Der wahnsinnige Imre, der nur selten auftaucht, ist im Grunde der unbestechliche und klare Beobachter des Jahrhunderts. Biedermann rückt das tobende Jahrhundert durch den Filter des vermeintlich Wahnsinnigen immer wieder dezent in ein neues Licht. Der Autor selbst sagt über Imre:
„Imre ist auch meine Lieblingsfigur, was sicher daran liegt, dass er trotz seiner Verrücktheit und seiner Sensibilität die meisten anderen Figuren überdauert und eigentlich immer das Richtige zu tun versucht und sich den Verstrickungen, in die sich die anderen Figuren begeben, entzieht und trotz seinem Wahn eine sehr starke Klarsicht erlangt.“
„Lázár“ ist eine große literarische Leistung
Ja, „Lázár“ ist ein in sich perfektes kleines Wunderwerk. Das enorm frühreife Buch eines jungen Schriftstellers, der nie eine Schreibschule besucht und stattdessen viel gelesen und viel verstanden hat.
Man wird die Uhr danach stellen können, wann die ersten Kritiken den Roman als triviale Adels-Soap-Opera abkanzeln werden. Das ist schlicht Unsinn: „Lázár“ ist eine große literarische Leistung.

Sep 12, 2025 • 9min
Die Debatte um Bestseller-Autorin Caroline Wahl
Caroline Wahl erlebt gerade den Höhepunkt ihrer Karriere – und zugleich die Schattenseiten literarischen Ruhms. Ende August erschien ihr dritter Roman „Die Assistentin", der sofort auf Platz eins der Bestsellerliste kletterte. Damit reiht sich das Buch nahtlos in den Erfolg ihrer Vorgänger „22 Bahnen" und „Windstärke 17" ein.
Parallel läuft im Kino die Verfilmung ihres Debüts. An Caroline Wahl kommt derzeit kaum jemand vorbei, weder in Buchhandlungen noch in Feuilletons oder Sozialen Medien.
Zwischen Lob und Shitstorm
Doch wo Erfolg ist, lässt Kritik nicht lange auf sich warten. In den sozialen Netzwerken formierte sich schnell Widerstand: Schlechte Rezensionen auf Amazon, harsche Kommentare und ein wachsender Shitstorm richten sich nicht nur gegen Caroline Wahls Texte, sondern auch gegen ihre Person.
Wahl präsentiert sich selbstbewusst, betont ihren Ehrgeiz („Ich will die Beste sein“) und äußert offen Enttäuschung über verpasste Preise. Genau dieses Auftreten sorgt wohl bei vielen für Ablehnung.
Kritik an Themenwahl und Stil
Inhaltlich werfen Leserinnen und Leser der Autorin vor, einige problematische Passagen in „Die Assistentin" geschrieben zu haben. Etwa, wenn die Protagonistin Charlotte Narben von Selbstverletzungen als „faszinierend“ beschreibt. Fans, die ihre frühen Werke gefeiert hatten, sehen darin eine Romantisierung von selbstverletzendem Verhalten.
Zudem stören sich manche an Wahls Inszenierung auf Instagram: Während sie selbst aus bürgerlichem Umfeld stammt und ihren Erfolg offen zeigt, handeln ihre beiden Bücher „22 Bahnen" und „Windstärke 17" unter anderem von Armut – für manche ein Widerspruch.
Literaturkritik unter Druck
Auch im Feuilleton entzündet sich eine Diskussion. Kritikerinnen wie Iris Radisch werfen der Literaturkritik vor, zu milde mit Wahl umzugehen, während Stimmen auf Plattformen wie Amazon direkter urteilen würden.
Damit wird der Fall Wahl zu einem Beispiel für das Spannungsfeld zwischen Social-Media-Debatten, Vermarktung und klassischer Literaturkritik. Die hitzige Diskussion um Wahl zeigt weniger eine Krise der Literatur als vielmehr die Dynamik von Aufmerksamkeit, Kritik und Erfolg in digitalen Zeiten.

Sep 10, 2025 • 4min
Werner Plumpe – Gefährliche Rivalitäten | Buchkritik
Seit Jahrhunderten schon wechseln Phasen friedlicher ökonomischer Kooperation mit Wirtschaftskriegen, und nicht weniger erbittert liegen die ökonomischen Schulen des Freihandels und des Protektionismus miteinander im Clinch.
Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe analysiert die wiederkehrenden Muster dahinter, mit denen sich auch unsere Gegenwart besser verstehen lässt. Allgemein gilt:
Die jeweils wirtschaftlich leistungsfähigere Seite plädiert für Handelsfreiheit, von der sie sich klare Vorteile verspricht, und sieht in den Schutzmaßnahmen des unterlegenen Partners illegitime Eingriffe in den Handel und die ökonomische Kooperation.
Quelle: Werner Plumpe – Gefährliche Rivalitäten
In der Epoche des Absolutismus entwickelte sich der Merkantilismus. Zölle und Einfuhrbeschränkungen sollten dafür sorgen, dass sich die eigene Wirtschaft hinter „Schutzmauern“ besser entwickelt.
Heute hat sich eher die Auffassung durchgesetzt, dass die Ökonomie kein Nullsummenspiel ist, bei dem eine Seite gewinnt, was die andere verliert, sondern dass Kooperation und freier Handel allen nützen und Wirtschaftskriege letztlich auch den Unternehmen und Konsumenten des eigenen Landes schaden.
Aggressive Freihandelsideologie
Aber auch der Freihandel kann destruktive Wirkungen haben. Die Briten, die im 19. Jahrhundert die Weltmeere dominierten und Verfechter des Freihandels waren, ruinierten mit ihren Exporten das indische Baumwollgewerbe; die Rolle der Inder beschränkte sich fortan auf die Lieferung von Rohbaumwolle. Und auf Opiumanbau.
In den Opiumkriegen erzwangen die Briten dann die Öffnung der chinesischen Märkte für den massenhaften Export der Droge, wodurch die Kolonie Indien Handelsbilanzüberschüsse erzielte, die dem Mutterland Großbritannien zugutekamen.
Zur Ironie der Geschichte gehört, dass die Briten zuvor ihre Industrie erfolgreich entwickelt hatten, indem sie sich von Importen abschotteten.
In den USA wiederum schirmte sich die aufstrebende Industrie der Nordstaaten durch Protektionismus und Zölle effektiv ab von der britischen Konkurrenz. Die baumwollexportierenden Südstaaten setzten dagegen auf Freihandel – ein Konflikt, der sich schließlich bis zum Bürgerkrieg zuspitzte, bei dem es nicht nur um die Sklavenfrage ging, sondern um divergierende wirtschaftliche Interessen und Konzepte.
Die amerikanische Tradition des Protektionismus
Jedenfalls haben die Vereinigten Staaten immer wieder positive Erfahrungen mit dem Protektionismus gemacht.
Der Aufstieg der USA zu ersten Wirtschaftsnation der Welt wurde hierdurch mit Sicherheit begünstigt, da das Land so groß und dynamisch war, dass sich ausländische Investoren und Unternehmen von den Zöllen nicht an den entsprechenden Engagements hindern ließen. Auch gründeten viele Unternehmen Niederlassungen in den USA, um die dortigen tarifären Hürden umgehen zu können.
Quelle: Werner Plumpe – Gefährliche Rivalitäten
In dieser Tradition sieht sich nun auch Donald Trump mit seiner Zollandrohungspolitik. Er reagiert auf den Umstand, dass die USA seit 1945 mit hohen Kosten eine Welt- und Wirtschaftsordnung stabilisiert haben, deren Nutznießer zunehmend andere Länder wurden, allen voran China.
Allerdings ist die Lage heute anders. Die Weltwirtschaft ist durch die Globalisierung so stark verflochten, dass die inzwischen von Importen abhängigen USA insbesondere durch Gegenmaßnahmen Chinas stark geschädigt würden.
Moralischer Wirtschaftskrieg der Sanktionen
Werner Plumpe befasst sich mit den ökonomischen Rivalitäten des Kolonialzeitalters und dem Scheitern der napoleonischen Kontinentalsperre. Er analysiert den Friedensvertrag von Versailles als Fortsetzung des Ersten Weltkriegs mit wirtschaftlichen Mitteln – selten wurde der ökonomische Verhängniszirkel der Weimarer Republik, der zu Hitlers Machtergreifung führte, so plausibel erklärt wie in diesem Buch, das sich am Ende noch mit einer neuen Art von Wirtschaftskonflikten beschäftigt:
Der Verhängung von Sanktionen, um von Unrechtsregimen Wohlverhalten zu erzwingen. Der Erfolg bleibt meist gering, sofern er nicht bloß in der Illusion besteht, man besäße Handlungsfähigkeit. Auch das ist eine bittere Einsicht dieses überaus erhellenden Buches.

Sep 10, 2025 • 12min
„Er hatte eine elektrisierende Wirkung auf die italienische Literatur“ – Pier Vittorio Tondellis Roman „Getrennte Räume“
Er hatte eine durchgeknallte Art zu schreiben: „Pier Vittorio Tondelli war Popliterat, er hat sich auf Musik bezogen, simultan erzählt, sehr zotig erzählt, die Jugendsprache benutzt und trotzdem war er hoch gebildet und in der Literatur sehr bewandert“, so beschreibt die Literaturkritikerin Maike Albath die Texte das italienischen Kultautors.
Zeit, Tondelli wiederzuentdecken
Sein Debütroman wurde von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, die Kritiker rümpften die Nase – das tat aber seinem Erfolg keinen Abbruch. Tondellis Bücher standen in den 1980er Jahren in jeder italienischen WG, erinnert sich Maike Albath, die selbst in Italien studierte.
Jetzt erscheint sein letzter Roman in einer neuen Ausgabe: „Getrennte Räume“ ist eine Tondelli-typische Mischung aus Liebesgeschichte und Bildungsroman.
Ausweglose Liebe
Im Mittelpunkt steht der Held Leo: Ein Alter Ego Tondellis, der ein bekannter Autor ist und der Abschied nimmt von seinem Freund Thomas, mit dem er einige Jahre lang zusammen war und der wahrscheinlich an Aids erkrankt ist. Tondelli hat diesen Roman 1989 veröffentlicht – zwei Jahre, bevor er mit 36 Jahren an Aids gestorben ist.
Als „schwulen Liebesroman“ wollte Tondelli sein Buch nicht lesen. Für ihn war der universelle Aspekt das Wichtigste, sagt Maike Albath: „Tondelli war damals wichtig, dass es um die Liebe in ihrer Totalität und Ausweglosigkeit und enormen Größe geht.“ Das mache den Roman auch so zeitlos.

Sep 9, 2025 • 2min
Leon Engler – Botanik des Wahnsinns | Buchkritik
Sind wir frei? Oder Gefangene unserer genetischen und seelischen Prägung? Oder irgendwas dazwischen? Leon, der Ich-Erzähler, stellt sich diese Frage täglich. Er will auf keinen Fall werden wie seine Vorfahren: Tagelöhner, Träumer und Trinker. So nennt er sie milde.
Im harten Diagnosejargon der Psychiater sind sie: Schizophrene, Bipolare, Depressive mit Hang zur Sucht. Leon, den wir nur mit Vornamen kennen, stemmt sich mit aller Kraft gegen den, wie er es nennt, Fluch seiner Ahnen und auch gegen die Anziehungskraft des Irreseins.
Sich fallen lassen, nichts mehr müssen und der Mutter, die das auch getan hat, wenigstens auf diese Weise nah sein. Der Mutter, die sich geschworen hatte, nicht so verrückt zu werden wie ihre Mutter und es auch viele Jahre geschafft hatte, sie erliegt schließlich doch dem Fluch der Ahnen.
Sie war so kraftlos, so hoffnungslos, so lebenslos, lag herum wie die Wäsche, die sie nicht mehr wusch und die Briefe, die sie nicht mehr öffnete.
Quelle: Leon Engler – Botanik des Wahnsinns
Der Fluch der Ahnen
Leon findet einen Ausweg aus dem Dilemma, in der Nähe seiner Eltern zu bleiben, aber nicht wie sie sein zu müssen. Er studiert Psychologie. Als die getrennt lebenden Eltern jedoch den Kontakt zu ihm aufgeben und seine Besuche abwehren, schreibt er in sein Tagebuch:
Ich muss mich geschlagen geben. Es ist nicht mein Kampf, den ich verliere. Aber ich verliere dennoch. Ich verliere meine Eltern. Endlich gebe ich die Hoffnung auf. Ich bin nicht imstande, sie zu trösten. Nicht so gut wie der Wein und die Einsamkeit.
Quelle: Leon Engler – Botanik des Wahnsinns
Der Schauspieler Johannes Nussbaum liest den ganzen Roman für das Hörbuch im Ton illusionsloser Sachlichkeit.
Die „Botanik des Wahnsinns“ ist eine literarische Reise- und Fallgeschichte auf mindestens drei Ebenen. Da ist einmal die Gegenwart des Ich-Erzählers, der Tagebuch schreibt und als Therapeut in der Psychiatrie in Wien arbeitet. Weiterhin die Ebene vieler Rückblenden in die Vergangenheit seiner Vorfahren und darin eingewoben die essayistischen Passagen, etwa über die Geschichte der Psychiatrie.
Zitate von Kristeva, Musil, Nietzsche und vielen anderen laden Englers Text mit Impulsen auf, die den Blick der Leser noch einmal in eine andere Richtung lenken. Der Roman bezieht seine Spannung jedoch vor allem aus einem nur untergründig spürbaren Konflikt mit der aktuellen Realität.
Gefühle der Desorientierung, Hoffnungslosigkeit und Isolation haben nämlich zur Folge, dass derzeit viele Menschen den Anforderungen der Leistungsgesellschaft nicht mehr standhalten können. „Die Botanik des Wahnsinns“ erinnert daran, dass es das Los des Menschen ist zu scheitern. Und Engler kann für jeden verständlich beschreiben, welche Formen das mitunter annimmt.
Die Mutter meiner Mutter war wie Wasser. Heute Dampf, morgen Eis.
Quelle: Leon Engler – Botanik des Wahnsinns
Das Los des Menschen: Scheitern
So setzt Leon Engler das, was die Psychiater eine bipolare Störung nennen, treffsicher ins Bild. Der Autor, der im letzten Jahr seiner Ausbildung zum Psychotherapeuten ist, sagt, sein Debüt sei kein Memoir. Er fühle sich eher wie der Zwilling des Ich-Erzählers Leon, 30 Prozent gleich, 70 Prozent anders.
Auf die Kardinalfrage des Romans zu kommen, wie ein Mensch es schaffen kann, das Trauma seiner Familie nicht zu wiederholen, antwortet er im Gespräch, dies sei schwer:
„... unbewusst hat sich ja schon eingeschrieben, wie man sich bindet. Also dass man vielleicht eher Bindung vermeidet, weil die anderen sind nicht sicher. Wie man erzogen wurde, wie man kommuniziert, man merkt es ja gar nicht, man macht es ja ganz automatisch. Sich dessen bewusst zu werden ist sehr, sehr schwierig. Manchmal fühlt es sich an, wie die Schwerkraft überwinden zu müssen. Aber es ist bewiesenermaßen möglich.“
„Botanik des Wahnsinns“ ist randvoll mit erstklassigem Gedankenstoff, ein spannender Entwicklungsroman, die Odyssee Leons, die letztlich zu einem Happy End führt, das wir bisher vielleicht nur noch nicht als solches erkannt haben.

Sep 8, 2025 • 4min
Doris Dörrie – Wohnen
Doris Dörrie beginnt ihre Reise in ihrem rosa-grünen Kinderzimmer mit Märchentapete, ihrem „Boudoir", wie sie es nennt, wo sie im zerwühlten Bett in literarische Welten eintaucht. Wir folgen ihr in linke Studentenbuden, in denen aus Rebellion gegen das spießige Kleinbürgertum Türen ausgehängt und Matratzen auf den Boden gelegt werden.
Schließlich erzählt sie von ihrem Umzug aufs Land mit Mann und Kind. Dörrie hat in ihrem Leben intensiv und variantenreich gewohnt, beschreibt sich dabei selbst als keine sonderlich befähigte Wohnende, sofern man an diesem Konzept überhaupt scheitern kann.
Meine Schwestern wohnen ganz anders als ich. Sie interessieren sich für Möbel und Design, in ihren Wohnungen herrscht Schönheit und Ordnung, sie sind neben ihren Berufen fantastische Köchinnen und Gärtnerinnen. Ich dagegen bin nie der Wohntyp gewesen, mich hat mein eigenes Wohnen nie so wirklich interessiert, sondern immer eher das Wohnen der anderen.
Quelle: Doris Dörrie – Wohnen
Dörrie lädt zu ganz persönlichen Wohnabenteuern ein
So wie Dörrie die Wohnkonzepte anderer interessieren, dürfte die Leser vom Wohnen der Doris Dörrie fasziniert sein. Ziehen nicht erleuchtete Fenster in der Nacht unsere Blicke magisch an, weil sie Einblick in fremde Leben gewähren? Dörrie lädt uns ein, Voyeure ihrer ganz persönlichen Wohnabenteuer zu werden.
Dabei bedient sie sich einer kapitelbefreiten, assoziativen Gedankenführung. Sie springt von Hausbesichtigungen in Luxusvillen in Los Angeles zu düsteren Zimmern in Obdachlosenunterkünften und WGs mit drogendealenden, messerschwingenden Mitbewohnern in New York.
Revierkämpfe
Der rote Faden, der alles zusammenhält, scheint weniger eine Angelegenheit des Wohnens und vielmehr eine Frage des Reviers zu sein. Stets geht es Dörrie auch um die Machtdynamiken zwischen Mann und Frau.
Wie verhalten sich die Geschlechter zueinander in den eigenen vier Wänden? Gibt es tatsächlich so etwas wie weibliches und männliches Wohnen? Wurde der Frau nicht seit jeher die Küche zugewiesen, um ihrer Verpflichtung zur Nützlichkeit nachzukommen?
Doris Dörrie verhandelt das Selbstverständnis der wohnenden Frau, auch im Hinblick auf ihre eigene Mutter, deren Verhältnis zu ihr sie behutsam aufarbeitet:
Wir waren zu sechst, vier Kinder, ein Vater, der nur zu den Mahlzeiten auftauchte und sonst arbeitete, eine Mutter, die immer zuhause und dort nützlich war, mir als Kind aber seltsam ortlos erschien, wie nicht ganz existent. Einen eigenen Raum, ein eigenes Zimmer, hatte sie nicht, was keinem von uns jemals auffiel. Aber wozu auch? Sie hatte doch die ganze Wohnung!
Quelle: Doris Dörrie – Wohnen
Virginia Woolfs “Room of one's own” schwebt wie ein Mantra über dem Text. Dörrie reflektiert die Bedeutung eigener Räume für Frauen und die ebenso wichtige Fähigkeit, diese wieder verlassen zu können.
Rebellionen und Realitäten
Während Dörrie gegen anerzogene Wohnmuster rebelliert, indem sie schon als Kind die vorgesehene Ordnung in ihrem Puppenhaus durcheinanderwirft, erklärt sie die Küche zu einem hochpolitischen Ort, entwirft eher beiläufig Konzepte für neue Wohnmodelle und fragt zwischendurch nach dem Verbleib der Wohnrevolution.
Zum Ende schlägt sie die Brücke zu den allgemein verbindlichen Problemen unserer Zeit: unbezahlbare Mieten, der schwindende Traum vom Eigenheim und die ineffiziente Verteilung von Wohnraum. Im Endeffekt überwiegt jedoch die persönliche Anekdote gegenüber der gesellschaftspolitischen Analyse.
Doris Dörrie hat letztlich einen sehr persönlichen, autobiografischen Text verfasst, und keine akademische Abhandlung über das schwer zu greifende Konzept des Wohnens.
Für Dörrie-Fans ist das Buch ein wahres Fest der Indiskretion: Am Ende hat man so viel mit ihr durchlebt, dass man beinahe vergisst, dass nebenbei auch gewohnt wurde.

Sep 7, 2025 • 4min
Julia Engelmann – Himmel ohne Ende
Verpasse nicht dein Leben, sondern lebe es. An dieser Botschaft aus Julia Engelmanns berühmten Poetry-Slam-Text „Eines Tages, Baby“ von 2013 hat sich nichts geändert. Auch in ihrem Debütroman „Himmel ohne Ende“ stellt die 1992 geborene Autorin die Frage nach dem Sinn des Lebens in den Mittelpunkt.
Sinnsuchende ist die 15-Jährige Charlie, deren von Ängsten und Einsamkeit geprägtes Teenie-Leben wir über ein Jahr lang begleiten. Quell vieler Unsicherheiten ist Charlies Klasse – ein Mikrokosmos, dessen unausgesprochenen sozialen Codes Engelmann mit aufmerksamem Blick begegnet.
Viele Leserinnen und Leser dürften in diesen Schilderungen endlos-zäher Sommerferien – und im anschließenden Klassen-Kampf um den besten Sitznachbarn – Momente ihrer eigenen Schulzeit wiedererkennen.
Charlie macht im Laufe dieses Schuljahres eine wesentliche Entwicklung durch: Sie wird von einem fast-Kind zu einer fast-Erwachsenen, von einem introvertierten Mädchen, das mit seinem Meerschweinchen Liebesschnulzen schaut, zu einer jungen Frau, die allein nach Paris reist, ihre Haare färbt und von ihren Mitschülern nicht länger ignoriert oder geärgert, sondern für ihre – vermeintliche – Lässigkeit bewundert wird.
Vorauseilende Melancholie
Bei aller Veränderung bleibt Charlies Hauptbeschäftigung aber das Fragen. Verlässlich bilden Frage, Fragende und Adressatin dabei eine Einheit, denn Charlies Gedanken drehen sich in erster Linie um sich selbst.
Ich frage mich schon manchmal, wer ich bin und das alles.
Quelle: Julia Engelmann – Himmel ohne Ende
Wie ein Mantra kehrt diese, teils wortgleich formulierte Frage alle paar Kapitel wieder. Sie ist Ausdruck von Charlies Grundstimmung – einer Art vorauseilender Melancholie, die sich auch darin zeigt, dass Charlie ihr Leben stets rückwärts denkt: vom imaginierten Ende her und, je nach Tagesform, als Scheitern oder als Gelingen.
Ich musste weinen, aber nicht, weil ich traurig war, sondern weil alles so schön war und so flüchtig, und ich fand es unfair, dass die Momente, in denen mir mein Leben am kostbarsten vorkam, auch immer die Momente waren, in denen mir bewusst wurde, wie fragil das alles war und dass es höchstens noch einen Wimpernschlag lang hielt.
Quelle: Julia Engelmann – Himmel ohne Ende
Redundante Sinnfrage
Die Angst, etwas oder gleich alles zu verpassen – das, was man heute FOMO, bzw. „Fear of Missing Out“, nennt – ist die größte Sorge dieser beeindruckend selbstbezogenen Protagonistin. Als Beschreibung jugendlichen Selbstverständnisses mag Engelmanns Charakterzeichnung interessant und auch alarmierend sein.
Allerdings pendelt ihr Roman über 336 sehr langen Seiten so erwartbar zwischen Euphorie und Resignation hin und her, dass man bereits nach zehn der 39 Kapitel rufen will: „Ich habe verstanden!“.
Es war eine seltsame Erkenntnis, dass man auch in glücklichen Momenten traurig sein konnte, dass auch die schönsten Abende endeten. Und ich dachte mit einem leisen Abschiedsschmerz an jeden Tag, der verloren war, weil ich ihn schon gelebt, oder noch schlimmer, hatte verstreichen lassen.
Quelle: Julia Engelmann – Himmel ohne Ende
Verlässlich ist die Handlung von „Himmel ohne Ende“ auf jugendliches Drama abonniert – geht es Charlie einmal ein paar Seiten lang gut, knutscht prompt ihre – ehemals – beste Freundin mit ihrem heimlichen Schwarm.
Ähnlich durchschaubar wird mit der Zeit auch Engelmanns Timing für Kalendersprüche, für deren hochfrequente Produktion neben Charlie und ihrem besten Freund Kornelius vor allem ihre Oma zuständig ist:
Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Und alles, was wir mit Liebe machen, machen wir richtig.
Quelle: Julia Engelmann – Himmel ohne Ende
Auf Effekt angelegt
Im Poetry Slam, Julia Engelmanns ureigener Domäne, ist die Performance mindestens so wichtig wie der Text. Raue Stimmen, tiefe Blicke und kunstvoll gesetzte Pausen sind probate Mittel, um Zuhörer einzulullen oder sie staunend innehalten zu lassen.
In „Himmel ohne Ende“ bemüht sich Engelmann sichtlich, etwas von dieser Wirkung in ihren Text zu übertragen. Dramatische Ein-Wort-Absätze und Feelgood-Aphorismen wie „Man muss seine Träume immer ernster nehmen als seine Zweifel“ bilden das stilistische Repertoire dieses Textes – und verdeutlichen unfreiwillig, wie schmal der Grat sein kann zwischen tiefem Sinn und Teebeutelspruch.


