SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Sep 6, 2025 • 55min

Mit neuen Büchern von Abdulrazak Gurnah, Jina Khayyer, Leif Randt. und Allan N. Derain

Von Verbrechern, Katzen und Krokodilen. Neue Romane aus aller Welt und ein Verlagsgeburtstag
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Sep 5, 2025 • 11min

Der Verlagskaktus als Symbol für Überlebenswillen

Im Jahr 1995 taten sich zwei junge Literaturbesessene zusammen, um auf möglichst einfache Weise unveröffentlichte Manuskripte lesen zu können. Aus diesem nicht ganz astreinen Nerd-Projekt wurde ein widerständiger Independent-Verlag: der Verbrecher Verlag. Chaotische Anfänge Der Verlagsgründer und Verleger Jörg Sundermeier erzählt im Gespräch von chaotischen Anfängen; davon, wie er lernen musste, eine Steuererklärung auszufüllen und von Herzensprojekten, die den Enthusiasmus für die Literatur am Leben halten. Independent-Verlage unter Druck Sorgen bereitet Sundermeier die Entwicklung auf dem Buchmarkt: Die Lage für kleine, unabhängige Verlage, so Sundermeier, werde zunehmend kompliziert – Verkaufszahlen sinken, Kosten steigen. Als Symbol für das Durchhaltevermögen des Verbrecher Verlags betrachtet Sundermeier den Verlagskaktus – auch er hat bis heute allen äußeren Anfechtungen getrotzt.
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Sep 5, 2025 • 7min

Allan N. Derain – Das Meer der Aswang

Die Philippinen zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Wir zoomen uns heran. Hinein in die Mitte des Archipels. Dort liegen die Visayas. Und dann noch näher heran: an die Insel Panay. Und dort hinein in ein kleines Dorf in der Region Antique, also an der West-Küste. Dort war ich dieses Jahr. Aber nicht im Dorf Bariwbariw, denn das ist fiktiv. Hier spielt „Das Meer der Aswang“, der neue Roman von Allan N. Derain. Die Nacht ist still in Bariwbariw. So heißt der Ort. Er ist nach dem Schilfgras benannt, aus dem die Schlafmatten gewoben sind, und klingt wie Balabala und Bürenbüren in einem Wort. Jetzt liegt er so ruhig wie das Meer. Alles schläft, außer den Männern auf dem Wachturm. Auch der Vater von Luklak ist bei ihnen. Sie halten nach verdächtigen Bewegungen Ausschau. Quelle: Allan N. Derain – Das Meer der Aswang Die Angst vor den Moro-Piraten Alle haben Angst vor den Moro-Piraten, die die Küstenorte überfallen und Menschen entführen. Der Sklavenhandel blüht. Hier, soweit weg von Manila. Allan Derain erläutert, warum er seinen Roman bewusst nicht an den üblichen Schauplätzen der philippinischen Geschichtsschreibung ansiedelt: „Ich wollte mit diesem Roman die Geschichte der Philippinen neu erzählen. Aber mal ohne Luzon. In unserer offiziellen Geschichtsschreibung geht es immer um Luzon, vor allem um Manila. Dort wird Geschichte gemacht! In meinem Roman aber möchte ich eine alternative Geschichte der Philippinen anbieten. Die nicht in Manila, sondern in einer ganz anderen Gegend spielt. Deshalb habe ich meinen Roman in den Visayas angesiedelt.“ Luklak pubertiert zum Krokodil Auch wenn Allan N. Derain selbst im Großraum Manila lebt. Er unterrichtet an der Ateneo de Manila University in Quezon City. Hier traf ich ihn auch zum Interview. Für seinen Roman hat er mehrere Exkursionen auf die Insel unternommen. Sein Erzähler ist so immersionsbereit und zugleich so modern wie Derain selbst. Das gibt diesem Roman einen unwiderstehlichen Witz. Etwa wenn Luklak auftritt, die 15-jährige Hauptfigur. Sie ist frech. Aber sie kann nicht mehr gut gehen, muss ständig liegen. Ihre Haut ist in Aufruhr. Ein Pubertier. Bloß dass diese Verwandlung ins Animalische weiter geht als üblich. Luklak mutiert zum Krokodil. Wunden übersähen sie von Kopf bis Fuß. Einiges sieht nur aus wie ein Hautausschlag. Aber da sind auch Klümpchen so groß wie Limabohnen, bereit aufzuspringen, zu atmen, die Luft ein und auszupusten, sich zu erfrischen, den klebrigen Eiter auszuscheiden, Ameisen anzulocken. Quelle: Allan N. Derain – Das Meer der Aswang Es gab mal Zeiten, da waren die Übergänge zwischen Göttern und Menschen, Tieren und Pflanzen fließend. Auch bei uns. Ovid beschrieb in seinen „Metamorphosen“, wie Nymphen zu Bäumen und Männer zu Blumen werden. Das war ziemlich genau zu Christi Geburt. Kein Zufall. Denn die christliche Schöpfungsgeschichte räumte auf mit Fluidität. Auch die spanischen Mönche, die neuen Herren auf den Philippinen, bringen ihre freudlosen Regeln mit. Luklak aber entwischt. Sie wird zum Krokodil. Also: eine Aswang. Was das ist? Ich habe Allan Derain gefragt: „Ein Aswang repräsentiert stets das Böse. Er ist wie der Teufel, aber der Teufel unter uns. Das unterscheidet Aswang-Geschichten von Geschichten über Feen und Geister. Der eigene Nachbar könnte ein Aswang sein. Aswangs können also aussehen wie echte Menschen, wie jeder normale Filipino. Sie verhalten sich aber anders. Aus Sicht der Kirche ist das der Teufel, aber halt der Teufel, der unter uns ist. Ein Teil der Gemeinschaft, vielleicht sogar der eigenen Familie.“ Die Epen der Visayas Philippinos lieben Horror. Selbst nach vier Jahrhunderten Katholizismus. Davon zeugen auch die vielen Monstercomics, die dieses Jahr auf Deutsch erscheinen. Es ist schon auffällig, wie viel Gewalt in philippinischen Büchern steckt. Die Moral von der Geschicht‘ muss man oft mit der Lupe suchen. Auch im „Meer der Aswang“. Luklaks Mutter etwa wurde zum Tode verurteilt. Kurz vorher gebar sie noch einen Aal, den sich Luklak später grillt und aufisst. Groteske Geschichten, die den oral tradierten Epen der Panay Bukidnon entlehnt sind, einer Volksgruppe auf den Visayas. Heute beherrscht nur noch eine einzige Familie diese Gesänge. In Gänze sogar nur noch der Großvater. Romulo Caballero ist 78 Jahre. Er ist aus seinem Dorf nach Iloilo gekommen. In den Bergen nennt man ihn Amang Baoy. Er kennt die langen Geschichten von Göttern und Menschen, von ihren Abenteuern und Reisen, von Liebe und Verlust. Einen solchen 18-seitigen Gesang findet man auch bei Derain. Hier singt Amang Baoy ein Willkommenslied und lädt zum Reiswein ein. Der heißt Pangasi. Die Suche nach der eigenen Kraft Auch in Allan Derains Roman gibt es ein Pangasi-Besäufnis, das als Zukunftsschau beginnt und in eine wilde Phantasieschlacht gegen die feindlichen Piraten mündet. Ein sprachakrobatisches Update der oral tradierten Epen. Freudig übersetzt von Annette Hug. Könnte gut sein, dass Derain diese imaginierte Schlacht in späteren Romanen noch einmal aufgreift. Denn „Das Meer der Aswang“ ist erst der Auftakt einer Trilogie, an der er aktuell arbeitet. Thema: eine durch Mönche und Piraten in Bedrängnis geratene Ureinwohnergemeinschaft auf der Suche nach ihrer ureigenen Kraft. Dafür könnte Luklak stehen. Als Krokodil hat sie eine Mission, auch wenn sie davon aktuell noch nichts wissen will. „Möchtest du dein Schicksal nicht erfahren? Welche Aufgabe dir in dieser Welt bestimmt ist?“, fragt die Taube Alimokon die störrische Aswang.„Und was, wenn ich keine Aufgabe in dieser Welt übernehmen will?“„Dann wird sich später niemand an dich erinnern.“„Ich möchte gern vergehen, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Quelle: Allan N. Derain – Das Meer der Aswang Eher unrealistisch. Luklak ist bestimmt nicht durch Zufall ein Salzwasserkrokodil geworden und kann also vor der bedrohten Küste kreuzen. Davon werden die folgenden Bücher berichten. Bis dahin können wir Luklaks Metamorphose erleben. Und wie sie ihren Verlobten suspendiert. Und wie sie den Affen mit der roten Hose jagt. Und vieles Andere mehr.
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Sep 5, 2025 • 7min

Alles ist gut, solange du hip bist

Marian Flanders, 41 Jahre alt, betreibt eine Boutique in Berlin-Schöneberg. Seine Mutter Carolina, wichtigste Bezugsperson, stirbt. Sinnkrise? Fehlanzeige. Das Rezept zur Trauerbewältigung steckt schon im Titel von Leif Randts Roman: „Let’s Talk About Feelings“. Marian fühlte sich normal, weil die offenkundigsten Trauersymptome bereits abgeklungen waren. Er musste nicht mehr weinen, er war nicht antriebslos, er verlor sich nicht ständig in Erinnerungen. Auf Piets Nachfrage, ob Normalität für ihn etwas Gutes oder Schlechtes sei, präzisierte Marian: »Ich glaube, ich fühle mich so normal wie noch nie.« Quelle: Leif Randt: Let’s Talk About Feelings Alles normal Alles normal, auch in Marians Alltag. „Kenting Beach“, wo er ausgewählte Labels und Second-Hand-Stücke verkauft, läuft zwar mäßig, richtig Sorgen macht Marian sich deswegen aber nicht. Normal. Exfreundin Franca ist schwanger vom neuen Partner, Halb-Schwester Teda und Freund Piet verlieben sich, Drogenausflüge nach Rügen oder auf Dates gehören dazu. Normal eben. Gefühle werden endlos reflektiert, zwischen Freunden, Angestellten – und in Piets Podcast, der heißt, klar: „Let’s Talk About Feelings“. Leif Randts Hipsterrealismus Vierzehn Kapitel absolute Unaufgeregtheit führen Marian nach Japan, Teneriffa, Wolfsburg, Indien. Randt inszeniert seinen typischen „Hipsterrealismus“: nüchtern, repetitiv, modisch durchcodiert. Mode und Musik sind allgegenwärtig – erfundene Labels, fiktive Bands. Obwohl man sich da nicht sicher sein kann. Vielleicht sind sie eben nur so nischig, dass sie ausgedacht wirken? Randt kombiniert Gegenwartsbeschreibungen und Fiktion, siedelt seinen Roman in naher Zukunft, 2026, an, in einem Berlin, in dem eine sozial-liberale Partei regiert. Marian, der mit der 2016 gegründeten Progress-Partei um Fatima Brinkmann und Valentin Izermeyer durchaus sympathisierte, aber bei der Bundestagswahl ‘22 vor allem wegen Gregor Gysi im letzten Moment dann die Linkspartei gewählt hatte, verfolgte regelmäßig die Frontal-Pressekonferenzen der Kanzlerin – auf ihrem YouTube-Channel reagierte sie auf gesammelte Fragen mit pointierten Ansprachen. Quelle: Leif Randt: Let’s Talk About Feelings Schon bekannt aus „Allegro Pastell“ Das Erstarken rechter Kräfte bleibt Randts Figuren weitgehend egal. Typisch Randt: eine dezent aufpolierte Gegenwart, in der alles glatt läuft und niemand aus der Bahn geworfen wird. Schon im Vorgänger „Allegro Pastell“ war das so. Das Personal ist durchgestylt. Auch die Erzählhaltung ist vertraut: personale Perspektive, doch durch das hypertroph reflektierte Innenleben der Figuren fast auktorial. Dramaturgisch einförmig, sprachlich minimalistisch. Oft klingt das so: „Marian fand, dass Piet mit zweiunddreißig für Schulzeitanekdoten entweder zu alt oder noch eine Ecke zu jung war“ oder „Marian fand, dass der Baumkuchen zu stark nach Butter schmeckte“ oder „Marian fand die Nachricht fair und gönnerhaft zugleich, aber keineswegs völlig unsympathisch“ oder „Marian fand das Wort Entlastung ein bisschen sexy“. Die Gleichförmigkeit wirft Fragen auf Was ist spannend an dieser Gleichförmigkeit? Sie provoziert Fragen: Was ist eigentlich aus der Übertreibung geworden? Divenhafte Gesten, das große Pathos? War es nicht mal cool, das Leben zur Bühne zu machen? Coole Literatur kam mit Paukenschlag daher, eine Frage des Übermaßes, des „Zu viel“. Elfriede Jelinek, deren Sprachgewalt mit einem kalkulierten Gestus der Zumutung einhergeht. In der Literaturgeschichte wimmelt es von Hybris, Streit, Mord, Totschlag, Exzentrik.  Bei Randt dagegen zeigt sich Coolness in der demonstrativen Unaufgeregtheit. Keine Explosion, sondern die Kunst der kontrollierten Untertreibung. Gelangweilte Erzähler, wie bei Popliteraten-König Christian Kracht in „Faserland“. Lakonie als eine Pose der distanzierten Teilhabe. Klar, in dieser Tradition bewegt sich Leif Randt. Eine durchästhetisierte Utopie Und er verfolgt ein schriftstellerisches Projekt: Utopien entwerfen, in denen Dramen gedämpft sind, der Puls flach bleibt. Schon in „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ oder der Sci-Fi-Utopie „Planet Magnon“ schuf er solche Glanz- und Fantasiewelten Auch in „Let’s Talk About Feelings“ ist alles durchästhetisiert, die Styles sitzen und die Frauen sind klug und schön. Marians geliebte Mutter war nicht weniger als ein erfolgreiches Model mit unfehlbarem Geschmack. Marian: „Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, habe ich mal zu meiner Mutter gesagt, dass ich keine Lust auf Kommunismus hätte, weil es da bestimmt nur eine eingeschränkte Auswahl an Klamotten geben würde, und dann hat sie gesagt, dass das gar nicht unbedingt stimmen müsse. Ich glaubte, ihr O-Ton war: Eventuell bekämen wir im Kommunismus weniger zu essen, aber dafür schönere Fashion.“ Piet: „Hatte deine Mutter eigentlich immer recht?“ Quelle: Leif Randt: Let’s Talk About Feelings Frauen sind hübsche Staffage In dieser Welt sind Frauenfiguren Zierde oder seelische Stütze. Ob Mutter, potenzielle Partnerin, Haushälterin oder Angestellte – sie kreisen sämtlich um Marian, sorgen sich um sein Wohlergehen, flankieren sein Lebensgefühl. Frauen als hübsche Staffage. So wirkt Randts Roman zwar wie eine männliche Utopie, dafür aber auch wie eine weibliche Dystopie: Berlin als Designer-Schaufenster, die Männer sprechen unendlich über ihre Gefühle, die Frauen halten ihnen dabei die Bühne frei. Eine Ästhetik der Unaufgeregtheit, die eine Welt entwirft, aber eben die alte: männlich dominiert, bequem eingerichtet, glatt wie mit einem Instagram-Filter. „Let’s Talk About Feelings“: So könnte auch das Manifest für Performative Males heißen. Vielleicht aber ist genau das die unbeabsichtigte Pointe: dass Randts Roman als Parodie einer neuen männlichen Sensibilität lesbar wird.
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Sep 5, 2025 • 11min

Was bedeutet es, eine iranische Frau zu sein?

Ihr Debütroman steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Das Herzstück von Jina Khayyers Roman ist eine Reise, die ihre Ich-Erzählerin Jina, zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt, durch den Iran unternimmt; durch das Land, in dem ihre Eltern geboren wurden und in das ihre ältere Schwester in den 1990er-Jahren zurückgekehrt ist. Der weibliche Körper unter Kontrolle Vertraut und zugleich fremd sei ihrer Protagonistin vorgekommen. Vertraut, weil sie auch in Deutschland mit der Kultur und der Sprache des Iran aufgewachsen sei. Doch die Zwänge, die Kontrolle des weiblichen Körpers, seine kalkulierte Unsichtbarmachung, rufen bei der Ich-Erzählerin Jina Empörung hervor. Solidarität über Generationen hinweg Zugleich sei, so sagt es die Autorin, „Im Herzen der Katze“ auch ein Buch der Sehnsucht nach einem Land , das einstmals fortschrittlich, modern und liberal war. Die jüngsten Demonstrationen, so Jina Khayyer, hätten deutlich gezeigt, dass die Iraner dieses Regime nicht mehr wollten. Veränderung könne aber nur von den Menschen aus dem Land selbst kommen. Es brauche eine generationen- und geschlechterübergreifende Solidarität.
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Sep 4, 2025 • 9min

Harte Hühnerbrüste und kalte Menschenherzen

Schauplatz dieses Romans ist ein aufstrebender Geflügelbetrieb im Emsland, wie es ihn wirklich gibt: Auf der Homepage eines mittelständischen Unternehmens am Rande der kleinen nordwestdeutschen Stadt Haren wird jedenfalls stolz verkündet, die Firma „Emsland Frischgeflügel“ sei 2007 um eine „zweite Schlacht- und Zerlegelinie erweitert“ worden: Wir fertigen hier Hähnchenteile vom Flügel bis zum Filet für den Lebensmitteleinzelhandel und die industrielle Weiterverarbeitung in jeder gewünschten Gewichts- und Verpackungseinheit. Emsland Frischgeflügel beschäftigt rund 2.500 sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter im Vollschichtsystem. Auf den Fotos der echten, aber gleichsam unwirklichen Firmen-Homepage lächeln die Mitarbeiter fröhlich in die Kamera, während sie die Hühnerbrüste auf dem Fließband kontrollieren. Im Roman der deutsch-iranischen Schriftstellerin Nava Ebrahimi werden nun die Schattenseiten der eintönigen Arbeit beschrieben. Der Betrieb im Buch gehört der fiktiven Unternehmerfamilie Möllring, auch den Romanort hat Ebrahimi in Lasseren umbenannt. Verholzte Hühnerbrüste, Verhärtungen im Brustbereich auch beim Menschen Hier wohnt und schuftet die alleinerziehende Mutter Sonia, die jeden Morgen mit „Hennen im Kopf“ aufwacht. Widerwillig schleppt sie sich zur Arbeit, die darin besteht, die heranrollenden Hühnerbrüste zu prüfen, ob sie vom sogenannten „Wooden Breast“-Syndrom betroffen und damit ungenießbar sind. Die Verholzung des eigentlich weichen Filetstücks tritt vor allem in der Massentierhaltung auf, und auch die Schichtarbeiterin Sonia meint, nach all den Jahren bei Möllring an Verhärtungen im Brustbereich zu leiden. Sie möchte jedenfalls nicht länger am Band stehen und denkt sich ständig neue und immer groteskere Formulierungen für ein mögliches Bewerbungsgespräch aus – um endlich einen Job in der Lohnbuchhaltung zu bekommen. Guten Tag, mein Name ist Sonia Bose, ich bin ein pflichtbewusster Mensch, eine loyale Mitarbeiterin, ich fühle mich Möllring verbunden und gebe jeden Tag mein Bestes, an Gott glaube ich außerdem, und ich würde beiden, Möllring und Gott, wirklich gerne weiter dienen, aber (…) bitte geben Sie mir den Job in der Verwaltung, Amen, verdammt! Quelle: Nava Ebrahimi – Und Federn überall Zerrupfte Gesellschaft Der Roman „Und Federn überall“ beginnt mit Witz, Tempo und Drama. Die erschöpfte und dementsprechend dünnhäutige Sonia sperrt die nervende Tochter in der Wohnung ein, aber statt den Fehler umgehend zu korrigieren, lässt sie den Teenager zurück und zieht sie ihren Arbeitstag mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen durch. Nun wiederholen sich die Erzählsituationen, eine Figurenentwicklung findet kaum statt. Das fällt zunächst nicht auf, weil Ebrahimi die Perspektive wechselt, wenn es interessant werden könnte. Neben Sonia tritt in der zerrupften Möllring-Gesellschaft ein dicklicher Manager namens Merkhausen auf. Der ehrgeizige und etwas einsame Mann will nicht nur die Hühnerbrustproduktion weiter steigern, er kümmert sich – auch während der Arbeitszeit – zunehmend um Justyna, eine Frau mit offenbar großem Busen, die ihm in einem deutsch-polnischen Online-Forum auffällt. Er schätzte Brüste, schon, ja, aber sie mussten ihn nicht gleich auf dem ersten Profilbild anspringen wie ungestüme Hunde. Quelle: Nava Ebrahimi – Und Federn überall Leidige Brüste-Busen-Kalauer Schon auf den ersten Seiten wird Merkhausen zur mitteilungssüchtigen Witzfigur gemacht, was seine durchaus interessante und später als endlose Sprachnachricht nachgereichte Familiengeschichte beschädigt. Die leidigen Brüste-Busen-Kalauer ziehen sich auch durch andere Figurenmonologe. Die Automatisierungsspezialistin Anna muss sich auf Möllrings Vorstandsetage sexistische Kommentare über ihre angeblich zu geringe Oberweite anhören. Anstatt sich über die anmaßenden Lästereien zu beschweren, versucht sich Anna zunächst mit einem autosuggestiven Klassendünkel sowie einem Arbeitsethos aus der Klischeekiste zu helfen. Anna, reiß dich zusammen, niemand hat gesagt, dass es leicht werden wird, Kindergärtnerinnen oder Bürokauffrauen haben es leicht. Quelle: Nava Ebrahimi – Und Federn überall Satirische Überdeutlichkeit und Charaktere im Figurenkäfig Wenige Seiten später lautet ihre Losung: „Vorwärts, Anna, vorwärts und Fokus!“ Nava Ebrahimi setzt – anders als in ihren vorangegangenen Romanen – auf satirische Überdeutlichkeit. Die Autorin sperrt ihre Charaktere in einen Figurenkäfig, aus dem sie sich nicht befreien können. Das ist angesichts des Schlachthof-Settings so naheliegend wie ermüdend. Zeitweise wirkt der Text wie eine aufgeblähte Hühnerbrust, die beim Braten zusammenschrumpelt und reichlich hormongesättigte Flüssigkeit verliert. Viel passiert jedenfalls nicht im drögen Emsland. An einer Stelle heißt es: „Die Zeit verflog, bis irgendwann das Telefon klingelte.“ Weil die Handlungsansätze in die Länge gezogen werden und die schablonenhaften Figuren kaum Raum zur Narration bieten, wird der Roman mit recherchiertem Material über die grässliche Geflügelproduktion und herablassende Figurenrede über die falschen Vorstellungen der doofen Kundschaft angereichert. Hier stellten sich die Konsumenten vermutlich am liebsten vor, die Hühner wurden von einem Bauern in Karohemd, mit von der harten Arbeit schwieligen, aber zärtlichen Händen totgestreichelt, jedes Huhn einzeln, ohne dass dabei eine einzige Felder flog. Na ja, eine vielleicht. Quelle: Nava Ebrahimi – Und Federn überall Keine Ahnung, wer sich diesen Unsinn ernsthaft so vorstellt, aber in Ebrahimis Figurenkabinett des Grauens gibt es auch die wirklich guten, die klugen und hellsichtigen Menschen mit ganz viel Herz. Im Emsland ist auch der afghanische Dichter Nassim gestrandet, der nach der Flucht vor den Taliban in der deutschen Provinz um die Anerkennung als Flüchtling wartet. Der sehbehinderte Flüchtling als hellsichtiger Dichter Aufgrund einer Krankheit in Kindertagen ist seine Sehfähigkeit stark eingeschränkt, doch er scheint mehr zu erkennen als die meisten Menschen, denen er in Deutschland begegnet. Seine eher wankelmütige Freundin Justyna, die auch mal bei Möllring gearbeitet hat und die sich aus zweifelhaften Gründen auf ein Treffen mit dem aufdringlichen Merkhausen einlässt, ist nahezu geblendet von Nassims Charakterstärke. Wie gelang es ihm, trotz allem, was er erlebt hatte, so gütig zu bleiben? Quelle: Nava Ebrahimi – Und Federn überall Selbst wenn Nassim inzwischen fließend Deutsch spricht, kontaktiert er die hilfsbereite deutsch-iranische Schriftstellerin Roshanak Rastgoo kurz Roshi, um sich beim Übersetzen seiner Verse helfen zu lassen. Den deutschen Behörden möchte Nassim mit dem bestmöglichen Werkstück zeigen, dass er ein ernstzunehmender Dichter sei. Leider kommt ihm ein verstörender Unfall dazwischen. Ein „rücksichtsloser Zeitgenosse“ fährt den Blindenstock des Mannes kaputt und begeht Fahrerflucht. Das spricht sich schnell rum in der Provinz: Ein Lokalsender berichtet über den Vorfall, und die Reklameleute bei Möllring wittern neue Möglichkeiten der Vermarktung. Dem Flüchtling soll öffentlichkeitswirksam ein Scheck überreicht werden!   Das passt gerade sehr günstig in unsere Marketingstrategie, die muslimische Zielgruppe stärker ins Visier zu nehmen. Quelle: Nava Ebrahimi – Und Federn überall Einfühlsame Helferin mit Neigung zum schrägen Vergleich Schließlich versammeln sich alle zum gemeinsamen Presse-Foto bei Möllring. Doch bei Nassim will keine Freude aufkommen. Natürlich merkt er, wie sein Schicksal instrumentalisiert wird, aber als Asylbewerber, dem Abschiebung droht, kann er sich schlecht gegen die Vereinnahmung wehren. Außerdem trifft Nassim zur Scheckübergabe die plötzlich distanzierte Justyna an der Seite eines kleinen und dicken Mannes wieder, der mit pumpen Gesten Besitzansprüche anzeigt. Der ideale Moment für Schriftstellerin und Ich-Erzählerin Roshi, sich endlich als einfühlsame Helferin mit Neigung zum schrägen Vergleich inszenieren. Nassim liebt diese Frau, und sie liebt ihn, ihre Blicke offenbaren das für einen Moment, doch im nächsten Moment schon offenbart der Blick der Nachbarin, dass das nicht sein darf. Ihre Schultern streben aufeinander zu wie ein Burgtor, das sich schließt. Der fließende Stoff ihrer Bluse verbirgt nicht, wie massiv ihre Schultern sind, sie vermögen gut, sie zu schützen, im Zusammenspiel mit ihrem Brustkorb ihr Herz zu verschließen. (…) Ich muss Nassim in dieser Gesellschaft zur Seite stehen oder Rückendeckung geben, am besten beides, also stelle ich mich halb seitlich neben ihn. Quelle: Nava Ebrahimi – Und Federn überall Thematisch überfrachtet, sprachlich redundant Nava Ebrahimis dritter Roman wartet mit einer Fülle von Themen auf. Es geht in „Und Federn überall“ um Massentierhaltung und Klassenwidersprüche, Arbeitsethik und Leistungswahn, Mutterschaft und abwesende Väter, männliches Dominanzverhalten und weibliche Selbstbehauptung, Flucht und Migration. Auch der Holocaust und die revisionistische Hoffnung auf eine andere Erinnerungskultur in Deutschland werden in dem Buch angesprochen. Doch die thematische Überfrachtung führt zu einer inhaltlichen Oberflächlichkeit, die sich auch in der Sprache zeigt: Hühnermetaphern und Federnsymbolik überzeugen nicht in der ständigen Wiederholung; die Figuren und Erzählstränge wirken so schematisch angeordnet wie ein Geflügelbetrieb im Emsland. Die Sprache schwankt zwischen drastischer Parodie in den Schilderungen der Arbeitsverhältnisse und einem unfreiwillig komischen Kitsch, wenn Beziehungskomplikationen beschrieben werden. „Ich lächle noch immer, obwohl ich nicht weiß, weshalb“, denkt sich Roshi, als das Gruppenbild im Kasten ist, „niemand hat hier einen guten Witz gemacht.“ Da muss man ihr endlich einmal zustimmen.
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Sep 3, 2025 • 4min

Otto Waalkes – Kunst in Sicht

Otto Waalkes, Ostfriese von Herkunft und Berufung, ist gut aufgelegt an diesem Vormittag – ist sein aktuelles Buch doch soeben aus der Druckerei angeliefert worden. „Kunst in Sicht“ heißt der Band, ein köstlich respektloses Werk, in dem Otto, sagen wir, in Dialog mit den Großen der abendländischen Kunst tritt. Die Arbeit mit Leinwand und Pinsel, so der auch mit 77 noch hyperaktive Ostfriese, sei eine der großen Passionen seines Lebens.  Otto Waalkes erzählt: „Es nimmt zur Zeit den größten Teil meines Lebens ein. Ich hab ein Atelier, in Hamburg, oben in der Dachkammer. Ich wohne an der Elbe, da ist ein tolles Licht, da kann ich schön malen, da arbeite ich viel, denk viel drüber nach. Schon sehr befreiend, muss ich sagen.“  100 ikonische Werke der Kunstgeschichte parodistisch verfremdet  Otto Waalkes pflegt seine Bilder mit Ostfriesentee zu grundieren. Darüber malt er vorwiegend in Öl und Acryl. Ottos Gemälde sind auf durchaus altmeisterliche Art und Weise gearbeitet – handwerklich perfekt. Welche Motive gibt es da zu sehen? Der Humorkünstler verfremdet etwa 100 ikonische Werke der Kunstgeschichte – mit kleinen Otto-spezifischen Interventionen. Leonardos „Dame mit dem Hermelin“ birgt in Ottos Interpretation kein edles Pelztier an ihrer Brust, sondern ein blöde lächelndes Faultier; der Brueghelsche „Turm zu Babel“ wird bei Otto zur Sandburg, und in der ostfriesischen Version des Klimtschen „Kusses“ ist es niemand anderes als ein goldumschmeichelter Otto Waalkes persönlich, der einem dahinschmelzenden „Ottifanten“ einen herzhaften Schmatz auf die Wange drückt.  Wie würde Otto seine kunstphilosophischen Prinzipien beschreiben? Soll Kunst seiner Meinung nach „erheben“?  Otto: „Soll was?” Reporter: „Erheben!” Otto: „Kunst soll erheben. Aber woraus? Aus der Zweidimensionalität in die Dreidimensionalität? Ich weiß es nicht. Kunst soll weiterführen, soll mich überraschen. Für mich ist es die Befreiung vom Automatismus des Alltags oder so was. Und deswegen liebe ich es. Das hab ich ganz gut gesagt, glaub ich.“   Erfrischend respektlos gegenüber den Alten Meistern  Otto zeigt erfrischend wenig Ehrfurcht in seinen bildschöpferischen Arbeiten. Dürer, Hodler, Liebermann – jeder kommt bei ihm mal dran. Ottos Form der Verehrung, gesteht der Künstler, sei die Parodie.   Den Umgang mit Farbe und Pinsel hat der Komiker bereits in frühestem Knabenalter erlernt. Der heute 77-jährige wuchs in einem streng religiösen Milieu in der Ostfriesen-Metropole Emden auf. Ottos Elternhaus war freikirchlich-baptistisch geprägt.  „Meine Mutter war sehr gläubig, sehr religiös", verrät der Künstler. „Mein Vater war weltlich eingestellt – und Malermeister, also Tapezierer. Daher stamme ich. Und ich hatte die Möglichkeit, weil er diese Tapetenbücher hatte – also diese Tapetenbücher, die hatten vorne das Muster drauf und hinten waren sie blank. Die gab er mir dann zum Bemalen.“  Das hatte Folgen: 1970 begann Otto Waalkes – inzwischen längst vom Glauben abgefallen – ein Studium der Kunstpädagogik in Hamburg. Dass er in der Hansestadt malen gelernt hat, demonstriert der Komiker in seinem aktuellen Buch aufs anschaulichste. Otto: selbst ein großer Künstler  Einen großen Traum hegt Otto – einer der prominentesten ADHS-Verdachtsfälle Deutschlands – auch mit Ende siebzig noch: Allzu gern würde er einmal in der „Albertina“ in Wien ausstellen, zur Not auch in der „Pinakothek der Moderne“ in München. Handwerklich hätte Otto das Zeug dazu. „Kunst in Sicht“, sein neues Buch, beweist es, wenn auch natürlich mit Augenzwinkern.
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Sep 2, 2025 • 4min

Ann Schlee – Die Rheinreise | Buchkritik

Romane, die von einer Reise erzählen, tun dies meist auf doppelte Weise. Denn fast immer ist die äußere Reise der Figuren nur das Gegenstück zu einer inneren, psychischen. Das trifft auch auf Ann Schlees vergessenes Meisterwerk „Die Rheinreise“ zu. Vor mehr als 40 Jahren erstmals erschienen, erzählt dieser bemerkenswerte Roman von vier Touristen aus dem viktorianischen England. Im Sommer 1851 ist das Quartett auf einem Dampfschiff von Koblenz nach Köln unterwegs: der missionarische Reverend Charles, seine passiv-aggressive Frau Marion, ihre von diffusen Erwartungen erfüllte Teenagertochter Ellie – und Charles’ Schwester Charlotte, Schlees Hauptfigur.   Fremdbestimmte „alte Jungfer“  Charlotte ist Mitte fünfzig und das, was man damals als „alte Jungfer“ bezeichnete. Ihre ganze Existenz steht im Dienst an anderen; auf der Reise fungiert sie für die Familie ihres Bruders als Gouvernante, Gesellschafterin und Kammerzofe in einem. Ein eigenes Leben hat Charlotte nicht – könnte sie aber, da sie kürzlich ein kleines Vermögen geerbt hat. Erwartet wird von ihr jedoch etwas anderes, nämlich ein pflichtbewusstes Leben im Haushalt ihres Bruders und ihrer Schwägerin. Eine Vorstellung, gegen die sie immer mehr Widerstände verspürt, nachdem sie auf der Reise einem Landsmann begegnet, der sie an die einzige Liebe ihres Lebens erinnert.  Wer sie sein und wo sie wohnen würde, musste noch beschlossen werden. Sie war nicht sie selbst. Der Anblick dieses Gesichtes auf dem Anleger hatte sie tief erschüttert, denn was war sie für ihn und was war er, ein völlig Fremder, für sie?  Quelle: Ann Schlee – Die Rheinreise „Opfer einer unanständigen Phantasie“  So sehr Charlotte auch den Kontakt zu vermeiden sucht, der dubiose Mr. Newman taucht wie ein Springteufel überall auf. Selbst in Charlottes Träumen, wo er provozierende Fragen stellt, mit denen er Schlees Protagonistin zum „Opfer einer unanständigen Phantasie“ macht. Und alte Wunden aufreißt. Schließlich war es seinerzeit ihr bevormundender Bruder gewesen, der ihren damaligen Verehrer als nicht standesgemäß abgewiesen hatte. Womit er seine sich fügende Schwester ihrer einzigen Chance auf ein erfülltes Leben beraubte. Gegen Romanende entladen sich die Spannungen zwischen Schlees Figuren in einer Aussprache, die man kaum anders denn als zutiefst befriedigend empfinden kann.   „Oh, das ist so erschütternd“, rief ihr Bruder. „Alles, was ich getan habe, war immer nur für dein Bestes. Weil du selbst nicht wusstest, was du wolltest, und jemand für dich entscheiden musste.“ „Ich glaube, Charlotte weiß gerade auch nicht, was sie will“, sagte seine Frau.  „Damals wusste ich es besser.“  Quelle: Ann Schlee – Die Rheinreise Roman einer weiblichen Selbstermächtigung   Charlottes Widerstand wächst auch, weil sich ihr eigenes Schicksal an ihrer Nichte zu wiederholen droht, die noch voller jugendlichem Enthusiasmus ist. Schließlich könne der fesche preußische Offizier, der in Köln um sie wirbt, laut Charles nur ein „Mitgiftjäger“ sein. Dass Schlees Figuren, auch Charlotte selbst, sich als Engländer den Deutschen gegenüber überlegen fühlen, macht sie blind gegenüber den politischen Verhältnissen vor Ort. Denn in diesem Sommer 1851, wenige Jahre nach der Märzrevolution, herrschen im rheinischen Preußen überall Misstrauen und Zensur. Gerade Charlotte, die Mr. Newman zeitweilig regelrecht stalkt, wird, wie sich herausstellt, dessen Handlungen auf peinliche Weise missverstehen.  So arm an äußeren Ereignissen Ann Schlees Roman ist, so sehr fesselt er durch seine präzise Prosa, die Charakterisierung seines viktorianischen Personals und die subtile Spannung zwischen den Zeilen. Mit einer sich mühsam aus den Fesseln einer toxischen Familiendynamik und den Konventionen der Zeit befreienden Protagonistin, die an Sylvia Townsend Warners „Lolly Willows“ erinnert. Großartig übersetzt von Werner Löcher-Lawrence, ist dieser Roman einer weiblichen Selbstermächtigung nun endlich auch auf Deutsch zu entdecken!
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Sep 1, 2025 • 4min

So schön bedrohlich: Am Kipppunkt

Das Buch kommt einer Offenbarung gleicht, denn Benjamin von Brackel und Toralf Staud zeigen an zahlreichen Beispielen aus jüngsten wissenschaftlichen Studien, dass es keineswegs leicht ist, Kipppunkte zu benennen. Es ist oftmals ein kompliziertes Geflecht sich teilweise sogar gegenseitig aufhebender Faktoren, die entscheiden, wann und wo das Klima tatsächlich kippen wird.  Persönliche Erfahrungsreise   Das Buch ist eine persönliche Erfahrungsreise der beiden Autoren rund um die Welt zu den wichtigsten Stätten der Klimaforschung. Ihre Faszination für die Leistungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist ansteckend und macht die Lektüre zu einer aufregenden Entdeckungsreise.   Beruhigend sind ihre Erkenntnisse nicht, denn sie betonen immer wieder, dass wir uns binnen weniger Jahrzehnte den gefürchteten Kipppunkten nähern, falls wir nicht endlich konsequent die CO² Emissionen reduzieren.  Veränderungen in Luft, Wasser und Natur   Entscheidend ist, welche Veränderungen in Luft, Wasser und Natur bis zur Mitte und bis zum Ende dieses Jahrhunderts stattfinden. Benjamin von Brackel und Toralf Staud listen im zweiten Kapitel detailliert und mit vielen leicht verständlichen Beispielen und Vergleichen auf, wie sie das Klima beeinflussen und ab wann sie unumkehrbar sind.  An erster Stelle steht das in den Medien gerne zitierte Abschmelzen des Eisschildes an beiden Polen. Es ist ein extrem langsamer Prozess, der weit über dieses Jahrhundert hinaus reichen wird, selbst wenn das 1,5 Grad Ziel der Pariser Klimakonferenz nach den derzeitigen Bemühungen verfehlt wird.  Selbst bei zwei Grad Erwärmung, weisen Studien nach, bleibt in vielen Bereichen noch Zeit für menschliches Handeln. Es ist - und das ist die optimistische Botschaft des Buches - dafür noch nicht zu spät. Das rechtfertigt natürlich nicht, in den Bemühungen nachzulassen, den CO²-Ausstoß möglichst rasch zu minimieren.  Die bedrohlichsten Kipppunkte  Die Kipppunkte zu bestimmen ist – so die Autoren – ein schwieriges Geschäft, denn es spielen unendlich viele Faktoren eine Rolle, die bisher kein Szenario vollständig berücksichtigen kann. Wann schmelzen die Gletscher unwiderruflich und wenn ja in welcher Geschwindigkeit, wie beeinflusst das die Meeresströmungen, besonders den Golfstrom, der Europa mit Wärme versorgt. Welche Rolle spielt der wenig erforschte Subpolarwirbel vor der Südspitze Grönlands?  Auch Veränderungen in der Luft können das Klima beträchtlich beeinflussen. Auch in der Natur drohen heftige und bereits jetzt unmittelbar bevorstehende Veränderungen. Es sterben deutlich sichtbar die Korallenriffe, wichtige Heimat zahlreicher Fischarten, der Amazonas-Urwald schwindet dramatisch rasch und die borrealen Nadelwälder rücken beim Auftauen der Permafrostböden in den hohen Norden. Hier sind schon bald Kipppunkte erreicht, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen.  Positive Kipppunkte  Die Situation ist ernst, aber nicht zum Verzweifeln, denn – so die Autoren in ihrem letzten Kapitel – es gibt auch positive Kipppunkte beim Klimaschutz. Dazu zählen sie den unaufhaltsamen Aufstieg der Erneuerbaren Energien, insbesondere der Solarenergie und die E-Auto Revolution, die sich auch nicht mehr stoppen lässt. Ein dritter positiver Kipppunkt: eine Änderung des Essverhaltens. Weniger Fleisch, mehr Gemüse und Obst, möglichst biologisch angebaut. Ein sehr schwieriger Weg, wie die Autoren unumwunden zugeben, aber durchaus lohnenswert, denn die positiven Entwicklungen könnten uns vor den negativen Kipppunkten bewahren. Fazit des Buches: noch ist nicht alles verloren.
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Aug 31, 2025 • 4min

Kaleb Erdmann – Die Ausweichschule

Zwei Schulen standen in der Kindheit des Schriftstellers Kaleb Erdmann für ein schreckliches Ereignis. Am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt gehörte er als elfjähriger Schüler zu einer Klasse, deren Lehrerin nach Abschluss der Stunde von dem Amokläufer Robert Steinhäuser erschossen wurde. Nach der Tat wurden die Schüler des Gymnasiums für mehrere Jahre in einem anderen Gebäude unterrichtet. Das war „Die Ausweichschule", von der Kaleb Erdmanns Roman über die aufsehenerregende Untat seinen Titel hat.   Roman über ein Erzählprojekt  Es hat gedauert, bis der Erzähler begriff, dass das Gemetzel, von dem er damals unmittelbar kaum etwas mitbekam, tiefe Spuren in ihm hinterlassen hat. Und es musste Zeit vergehen, bis Erdmann beschloss, sich die aufwühlende Erfahrung mit über dreißig von der Seele zu schreiben. Im ersten Kapitel erklärt er:  Ich denke sehr gründlich über einen noch nicht existierenden Roman nach, einen Roman über den Erfurter Amoklauf und mein elfjähriges Ich, das ihn erlebt, einen Text über eine kollektiv traumatisierte Schule, über das Gutenberg-Gymnasium in den Jahren nach dem Amoklauf, über Gewalt und Verarbeitung.  Quelle: Kaleb Erdmann – Die Ausweichschule Nun ist dieses Buch fertig und auf dem Umschlag steht tatsächlich die Gattungsbezeichnung Roman, obwohl es sich genau genommen um den Roman eines Romans handelt. Denn Erdmann schreibt hier Metafiktion, also darüber, wie er bei der Arbeit an diesem Erzählprojekt vorgegangen ist, mit welchen Hemmnissen er zu kämpfen hatte und wie es ihm bei alldem ergangen ist. Das ist konsequent und im Übrigen ganz hervorragend gemacht.   Die Suchbewegungen der Recherche  Schließlich wirft die Annäherung an das traumatisch besetzte Thema viele Fragen auf. Eine davon lautet:   Gibt es überhaupt einen guten Grund, eine Katastrophe in Kunst zu verwandeln? Quelle: Kaleb Erdmann – Die Ausweichschule Die Katastrophe: das waren sechzehn ermordete Menschen in maximal zwanzig Minuten, eine tödliche Raserei, die sich mit rationalen Erklärungen kaum fassen lässt. Dass Erdmann daraus kein illusionistisches Erzählkino macht, gehört zu den Qualitäten seines Buches. Stattdessen beschreibt er die Suchbewegungen der Recherche und trägt damit mehr zur Charakterisierung des Unfassbaren bei als eine vermeintlich allwissende Erzählung, die ohne thesenhafte Behauptungen nicht auskäme. Wie im New Journalism der Amerikaner und inspiriert von dem Franzosen Emmanuel Carrère rückt der Autor seine Überlegungen und Empfindungen als Berichterstatter in den Mittelpunkt.   Gegen die geläufigen Debatten  Durch die pointierte Schilderung banaler Alltagsverrichtungen entsteht dabei immer wieder die Fallhöhe für beklemmende Komik. Vor allem aber verweigert sich Erdmann den geläufigen Debatten in der Öffentlichkeit konsequent, eher hält er ihnen kritisch den Spiegel vor. Ein Manifest, ein Bekennerschreiben als „Gebrauchsanweisung" zur Tat hat es, so betont er, im Fall dieses Amokläufers nicht gegeben. Daran schließt er eine Frage an, auf die jede allzu griffige Antwort verfehlt wäre:  Wie geht man mit dieser Sinnlosigkeit um, diesem irren Nihilismus, den Steinhäuser gehabt hat? Quelle: Kaleb Erdmann – Die Ausweichschule Obwohl Kaleb Erdmann seine Darstellung nicht als Kunst konstruiert und damit im Ästhetischen befriedet hat, ist ihm dennoch etwas sehr Kunstvolles gelungen. Nämlich ein fesselnder Reportageroman, der Widersprüche und Rätsel nicht einebnet, sondern vielschichtig bewahrt, empfindsam und nüchtern, erhellend und ohne falschen Trost.

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