SWR Kultur lesenswert - Literatur

SWR
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Aug 29, 2025 • 7min

„Da wird nichts von außen behauptet, sondern aus dem Erleben heraus erzählt“

Ein Tag, viele Perspektiven Im Zentrum des Romans steht ein einziger Sommertag im Jahr 1942, der in acht Kapiteln immer wieder neu erzählt wird. Aus wechselnden Perspektiven entsteht so kein enzyklopädisches Geschichtswerk, sondern eine erzählerische Collage: eine Sammlung von Gesichtern, Erinnerungen und Brüchen. Die Hauptfigur Isak – vorgestellt zunächst als Kind im Jahr 1916 – gilt als „letzter Jude Belgrads“. Er versucht seine Herkunft abzulegen, um zu überleben, während die Gewalt des Antisemitismus um ihn kreist. Die Geschichte seiner Mutter Olga, die 1921 spurlos verschwindet und zuvor ihre Haggada unter den Dielen versteckt, bleibt als ungelöstes Rätsel präsent und treibt Isak Jahrzehnte später an. Figuren zwischen Erinnerung und Erfindung Neben Isak begegnen wir vielen anderen Stimmen: dem Jungen Petar, der sich den Partisanen anschließt, und Rosa und Milan, einem Anarchistenpaar, das Isak adoptiert. Besonders ungewöhnlich ist die Figur der Hündin Malka – ihr Name bedeutet „Königin“. Aus ihrer hundehaften, sinnesgesteuerten Wahrnehmung entsteht ein ganz besonderes Kapitel. Sie wird zum Gedächtnis des Romans, ein Lebewesen, das Spuren von Vergangenheit und Herkunft in sich trägt. Ein poetischer Titel Der Titel „Buch der Gesichter“ verweist doppelt: auf die vielen einzelnen Menschen und ihre Schicksale sowie auf Erinnerungen und Visionen. Traum und Realität fließen ineinander, Geschichte entsteht aus Bewusstsein und Unbewusstem zugleich. Dinić ordnet sich damit deutlich in die literarische Tradition der Erinnerungs‑Literatur ein. Zitate von Danilo Kiš, Soma Morgenstern, Wislawa Szymborska oder Ruth Klüger markieren die Kapitel. Der Roman sucht zu Beginn manchmal den großen Ton, doch findet nach und nach eine eindringliche Sprache: persönlich, vielstimmig, berührend.
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Aug 29, 2025 • 55min

lesenswert Magazin mit neuen Büchern von Caroline Wahl, Antonia Baum, Marko Dinić und Katerina Poladjan

Neue Romane über Macht, Erinnerung und entzauberte Welten
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Aug 29, 2025 • 6min

Menschlichkeit in Zeiten der Simulation: Marius Goldhorns neuer transhumanistischer Roman „Die Prozesse“ | Buchkritik

Wir sind deutsche Einzelkinder. Wir leben in Brüssel. Ezra ist älter als ich, über sieben Jahre. Ich bin 29. Ezra ist tausend Jahre alt. Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse Das steht in Marius Goldhorns zweitem Roman „Die Prozesse“ ziemlich am Anfang. Ein irritierendes Zitat. Der Ich-Erzähler wirkt furchtbar überreflektiert, wer stellt sich schon als Einzelkind vor? Er ist irgendwie entwurzelt zwischen Belgien und Deutschland, und zwischen ihm und seinem Freund klafft eine gewaltige Lücke von gefühlt 1000 – 29, also 979 Jahren. Außer einem erheblichen Gefühl der Verlorenheit erfährt man wenig über den Erzähler. Digitale Welt und literarische Strategien Der heute 30jährige Schriftsteller Marius Goldhorn ist in der durchdigitalisierten Welt großgeworden. Und das ist eine Welt, in der soziales Leben mehr simuliert als gelebt wird. Das erfordert neue literarische Strategien des Verbergens und Entblößens: Was gebe ich preis, und was erzähle ich besser nicht – das ist eine lebenswichtige Frage. Der Titel des Romans wie gesagt: „Die Prozesse“, und dieser Titel hat es in sich. Ein Prozess, das ist ein feststehendes Verfahren, das gilt bei Gericht wie bei naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen. Man kann sich hinter Prozessen verstecken – denn es gibt da Regeln, und die tragen dann die Verantwortung.   Marius Goldhorns Roman ist eine Reaktion darauf, und das macht ihn wertvoll. Goldhorn entwirft ein Vexierspiel zwischen handelnden Personen und einer Welt, die mit sich nicht klarkommt. Worum geht es eigentlich in diesem Buch? Prophet des Aussterbens in virtuellen Welten Die Handlung ist ein bisschen komplex nachzuerzählen.  Es geht um ein Paar in einer nahen Zukunft, in der postkoloniale Migrationsverwerfungen und Klimakatastrophen Europa instabil gemacht haben, der Ältere des Paars, Ezra, ist Blogger und begleitet mit seinen Posts einen Aufstand in Belgien. Er ist besessen von der Idee, dass die Menschheit aussterben müsse, er gilt als Prophet des Aussterbens. Ezra hat diese online-Persona, sie heißt Deborn. Er hat mehrere Blogs, er kommentiert alles, er schreibt über alles. Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse Passend dazu: Sein Profilbild. Das ist Paul Klees „Angelus Novus“, der Engel, der rückwärtsfliegend nichts sieht außer den Katastrophen, die die Menschen anrichten, so hat Walter Benjamin, der große Denker, ihn beschrieben. Deborn war der Aussterbe-Engel. Er hatte diese kultartige Anhängerschaft. Online gab es Foren, die versuchten herauszufinden, was Deborn wollte. Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse Deborn/Ezra/Der Aussterbeengel ist sowas wie ein Heiliger. Er leidet gleichzeitig unter der Schmetterlingskrankheit, das hört sich poetisch an, aber die Krankheit gibt es wirklich, und sie ist wenig poetisch, unheilbar verlieren die Erkrankten ihre Haut – eine zerstörerische Metamorphose. Das passiert alles in der realen Welt, aber dann gibt es auch noch die Online-Welt. Sein Freund ist der Ich-Erzähler T., 3D-Entwickler, er will einen mystischen Baum schaffen, ein Heiligtum, für ein Computerspiel, das in einem Land namens Egregore spielt, der Begriff kommt aus der Fantasywelt, und bezeichnet eine Art Gedankenkraftfeld. Egregore ist am Leben“, erklärte sie ruhig, Egregore ist nicht nur ein Spiel, es ist eine Lebenssimulation. Die Pflanzen wachsen, NPCs sterben und ihre Kinder altern.“ …. Hier, in Egregore verehren sie die Natur-Intelligenz als eine Gottheit, die ihnen nicht mehr als künstlich erscheint. Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse Menschlichkeit im Spiel – eine transhumanistische Utopie Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, hat Friedrich Schiller gesagt. Marius Goldhorn entwickelt den Gedanken bemerkenswert fort: Es gibt keine Menschlichkeit ohne Spiel – aber es kann ein Spiel geben ohne Menschen. Eine Entwicklerin erklärt irgendwann: „Die menschlichen Spieler leben einfach nur mit“. Das ist nicht mehr und nicht weniger als eine transhumanistische Utopie: Wir saßen an schwarzen Steinen und verkohlten Ästen, eine Feuerstätte unter einem bewölkten Nachthimmel, sofort ergriff mich die Ingame-Wärme. Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse Die In-Game-Wärme ersetzt die zwischenmenschliche … Man kann Marius Goldhorns Roman so lesen: Es geht darum, was die Welt mit den Menschen macht, nachdem wir sowas wie ein kollektives Bewusstsein entwickelt haben. Zwischen Apokalypse und Europaroman Das Spiel wächst und wächst, während die Aufständischen langsam die Macht über Europa übernehmen. Der schwerkranke Ezra und T. suchen Heilung und Ruhe im Süden, bis sie ins klimawandelverbrannte Ligurien kommen, wo Ezra an Denguefieber stirbt. Die Passagen dort gehören zu den ruhigsten und traurig-schönsten des Romans. Ein seltsamer, schwebender, mystischer Grundton durchzieht das Buch, das ist beim Lesen trotz der einfachen Sätze manchmal herausfordernd aber immer spannend. Ezra ist wie gesagt ein Heiliger der Revolution, T. trägt den halben Roman hindurch eine Djellaba, das ist ein arabisches Männerkleid, man könnte es aber auch als Mönchskutte sehen. Dass er gleichzeitig den Roman schreibt, den wir lesen, macht ihn zum Propheten Ezras. Vieles wirkt geradezu religiös, Das Computerspiel am Anfang wie eine Untergrundkirche, die Aufstände wie ein jüngstes Gericht. Utopie und Apokalypse halten sich die Waage in Marius Goldhorns Roman. Die Kommunarden wollen irgendwann die Schuld aufarbeiten. Es kommt zu Prozessen, Schauprozessen, bei denen die Kommunarden die historischen Verbrecher benennen, die dann von Fotos getilgt werden und in Büchern nur noch mit einem X vor den Namen erscheinen. Da steht dann weniger Kafkas Prozess als Peter Weiss‘ „Ermittlung“ Pate – und das kann man wirklich so sagen: Marius Goldhorn beruft sich auf ein ganzes Arsenal von Dichtern und Denkern. Und schreibt dabei einen irritierend zwischen Welten oszillierenden Roman, der Kraft hat, Tiefe und Geschwindigkeit. Heiligenlegende, Europaroman, Revolutionsdrama, Künstlerroman, postmodernes Kabinettstück Liebesgeschichte und Science-Fiction – „Die Prozesse“ sperrt sich gegen jede Eindeutigkeit – und macht dadurch den Kopf frei, der in den Sturzbächen der digitalen Entwicklung nur noch das überlaute und bedrohliche Grundrauschen wahrnimmt.
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Aug 29, 2025 • 5min

Ein Kind - ja oder nein? Antonia Baum erzählt von der schwersten Entscheidung | Buchkritik

Laura ist Anfang 30, sie strebt eine geisteswissenschaftliche Unikarriere an und steckt mitten in der Promotion. Für den Lebensunterhalt arbeitet sie in der gynäkologischen Praxis von einem Freund ihres Vaters als Arzthelferin. Von ihrem Lebensgefährten Aram ist sie frisch getrennt - und schwanger: in der titelgebenden „achten Woche“. Ist man schwanger, nimmt man sein Urteil (…) immer mit, egal, wohin man geht. Die Gewissheit, die darin liegt, hat (…) aber auch was Beruhigendes, jedenfalls für sie. Sie wird die Suppe auslöffeln. (…) Quelle: Antonia Baum – Achte Woche Laura hat bereits eine Abtreibung hinter sich, dann bekam sie eine Tochter, Helena, heute fast drei, und jetzt ist sie also wieder schwanger: wieder von ihrem Freund Aram - oder korrekter: von ihrem Ex-Freund. Soll sie das Kind behalten oder nicht? Das ist die große Frage für Laura. Wie für so viele andere Frauen. Die große Unsicherheit der Frauen bei der Kinderfrage Die Geburtenrate in Deutschland sinkt. Zurzeit liegt sie bei etwa 1,3 Kindern pro Frau. Warum ist das so? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, der kann sie in Antonia Baums kurzem Roman finden, der sich eher als ein langer Gedankenstrom liest, denn als klassisch erzählter Plot. Antonia Baum umkreist sehr eindringlich und aus verschiedenen weiblichen Perspektiven die fast erdrückend große Unsicherheit, die Frauen heute bei der Kinderfrage umtreibt. Denn sie sind ja diejenigen, die am Ende, wie es Baum es so bitter-ironisch nennt, „die Suppe auslöffeln“: …wenn Frauen ungewollt schwanger waren und arm, dann gingen sie ins Wasser, auf Gemälden, in der Literatur, sie gingen ins Wasser, wo sie die Suppe auslöffelten, schlammig mit Seerosen drin, verdorben und schön zugleich. Quelle: Antonia Baum – Achte Woche Ins Wasser müssen die Frauen heute nicht mehr gehen - aber ihre Nöte, das zeigt Baum in „Achte Woche“ sehr anschaulich, sind nicht unbedingt kleiner geworden. Die Kinderfrage ist für viele immer noch eine schwere Bürde, mit der sie oft ziemlich allein gelassen werden. Viele Frauen werden mit ihrer Entscheidung alleingelassen In der Praxis, in der Laura arbeitet, kommen einige von ihnen zusammen. Baum erzählt ein paar Parallelgeschichten, in denen sich Lauras eigenes Schicksal spiegelt: Da gibt es zum Bespiel die Patientin Amelia, die sich - anders als Laura - sehr sicher über ihre Abtreibung zu sein scheint, es gibt Lauras Kollegin Elena, die Kinder bekommen hat, aber jetzt sehr unter ihnen leidet: „eine stille Heldin, die jeder schon mal ausgenutzt hat“ heißt es im Roman über sie. Es gibt die 16-jährige Maha mit Migrationshintergrund, für die sich noch ganz andere Probleme stellen. Und es gibt Barbara, Lauras Mutter, die vom Vater Lutz lange getrennt ist. Heute lebt sie mit einer Frau zusammen - und an einer Stelle steht da ganz lapidar über sie: „Sie ist total verarscht worden.“ Das Verarscht- und das Alleingelassen werden: Für Laura trifft das in ganz wörtlichem Sinne zu. Eigentlich hatte sie sich ein zweites Kind mit Aram gewünscht. Das ist jetzt unterwegs, aber der Mann ist weg. Und das hier ist Lauras Dilemma: Wenn sie das Kind nicht bekommt, wird sie ihm das nicht verzeihen, egal, wie sehr sie sich um Fairness bemüht. Aber wenn sie es bekommt, wird sie es ihm auch nicht verzeihen. Er weiß nichts von ihrer Schwangerschaft. Er hat sich nicht gemeldet und sie hat ihm nicht geschrieben, hat nicht angerufen, aus Angst vor seiner Reaktion. Quelle: Antonia Baum – Achte Woche „Achte Woche“ ist auch ein Roman über die große Abwesenheit der Männer, die sich schwierigen Situationen gerne mal entziehen: Hier sind sie ständig auf Reisen. Bekannte Themen wieder neu erzählt Auch in diesem schmalen Roman fächert Antonia Baum nochmal alle die Themen auf, die wir auch schon aus früheren Büchern von ihr kennen: Es geht, wie schon in „Stillleben“, um Rollenbilder, Mutterschaft und die vielfältigen Überforderungen heutiger Frauen, es geht auch um die Auswirkungen patriarchaler Strukturen und den männlichen Blick, den „male gaze“, um den schon Baums großartiger Roman „Siegfried“ kreiste. Hier, in „Achte Woche“, erscheint das alles noch einmal sehr verdichtet. Die einzige Frau, die in diesem Roman souverän aufbegehrt, ist die Lateinamerikanerin Amelia: Amelia raucht selbstgedrehte Zigaretten, sie trinkt Bier, sie geht campen, sie will forschen, sie lässt alles wachsen und trägt schnelltrocknende, ultradünne, thermoregulierende Kleidung, bestimmt schwarz. (…) Sie kümmert sich nie darum, wie sie aussieht und was andere wollen, und das verzeiht Laura ihr nicht. Quelle: Antonia Baum – Achte Woche Aber auch nur, weil Laura diese Frau insgeheim bewundert, die sich so konsequent dem „male gaze“ und allen gesellschaftlichen Erwartungen entzieht. Amelias Entscheidung gegen ihr Kind steht fest. Wie sich Laura am Ende entscheidet: Das lässt dieser kluge Roman natürlich offen.
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Aug 29, 2025 • 8min

Literarische Radwege in Baden-Württemberg: Auf den Spuren von Grimmelshausen, Mörike & Co.

Freitagnachmittag im August. Ich sitze auf dem Rad. Knapp 50 Kilometer liegen vor mir. Zwischen Feldern, Weinbergen und kleinen Ortschaften öffnet sich ein Weg, der mehr ist als eine sportliche Tour: ein literarischer Radweg in Baden-Württemberg. „Per Pedal zur Poesie" heißt das Projekt vom Literaturarchiv Marbach. Schirmherr ist Prof. Dr. Thomas Schmidt: „Die Idee für die Literarischen Radwege kam 2008. Sie liegt eigentlich auf der Hand: Wir haben im Südwesten viele schöne Landschaften, die gut mit dem Rad erschlossen sind, und gleichzeitig die reichste Literaturlandschaft Europas – etwa 100 literarische Dauerausstellungen und zahlreiche weitere Orte. Das wollten wir verbinden: Landschaft und Literatur, auf eine sanfte, den Raum abtastende Weise. Daraus sind die Radwege entstanden. Mittlerweile haben wir elf Routen, drei weitere sind in Planung.“ Auf Spuren barocker Dichter Radweg Nummer elf führt mich ins Renchtal. Oberkirch, Gaisbach, Renchen, Willstätt – ruhige Weinbaugebiete in der Rheinebene, viel Fachwerk, grüne Felder, reichlich Obstanbau. Und: Eine reiche Literaturgeschichte. Hier befand sich schließlich, seit kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg, die Wahlheimat von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, wo er den barocken Abenteuerroman „Simplicissimus Teutsch“ schrieb. Die Radwege plant das Literaturarchiv eben nicht zufällig, sondern an den wichtigsten historischen Punkten entlang: „Mindestens zwei, höchstens vier literarische Museen oder Dauerausstellungen sollen an der Route liegen. Mehr wäre für Radler zu viel. Die Länge liegt zwischen 30 und 50 Kilometern. Zunächst orientieren wir uns an den Ausstellungen, dann suchen wir literarische Orte in der Umgebung.“ Bewegungssinnliche Literaturerfahrungen Damit zurück zu meiner Radtour. Startpunkt: Oberkirch. Im kleinen Stadtmuseum lässt sich mehr über Grimmelshausen und seinen Einfluss auf den regionalen Weinbau erfahren. Schnell weiter geht es aber nach Gaisbach, wo sich im Gasthaus Silberner Stern, das Grimmelshausen einst selbst betrieb, vespern ließe. Vielleicht die bessere Wahl? Denn die nächste Etappe hat es in sich. Der Anstieg auf die Schauenburg zeigt Zähne. Literaturgeschichte als körperliche Erfahrung. Ich erinnere mich an Schmidts Worte: „Die Erfahrung prägt sich sinnlich, sogar kinästhetisch – also bewegungssinnlich – ein. Wenn man etwa von Kirchheim/Teck über Ochsenwang nach Bad Boll fährt, dann fährt man auf Mörikes Spuren, aber muss den Albtrauf hoch – das vergisst niemand, auch E-Biker nicht. Die Geschwindigkeit des Rades ist aber beschaulich, man ist mit allen Sinnen dabei. Aber: Ein Radweg muss vor allem schön sein.“ Neue Radwege in Planung Schön ist die Aussicht auf die Rheinebene. Das macht den Reiz des poetischen Radwegs aus: Natur, Stadtbild und Literatur verbinden sich hier spielerisch miteinander. So lässt sich die Regionalkultur aktiv erleben. Das Projekt wächst bis heute immer weiter, wird modernisiert, meint Schmidt: „Unter anderem, weil sich in den letzten 17 Jahren Beschilderungsvorschriften und Radwegführungen stark verändert haben. Wir evaluieren die bestehenden Wege, korrigieren die Führungen, beschildern neu, produzieren GPX-Tracks für Komoot und Outdooractive.“ Da Literaturbegeisterte aber bekanntlich auch gerne Viellesende sind, finden sich die Wegbeschreibungen in aufwendig gestalteten Leporellos. 2026 ist Grimmelshausen-Jahr „Darin gibt es Texte, die – wie Ethnologen sagen würden – eine „dichte Beschreibung“ bieten. Was nicht einfach ist, weil die literarischen Spuren oft nicht kausal zueinander stehen. Daraus entsteht ein Essay, der die Landschaft als Literatur-Landschaft zeigt – nicht nur als Natur- oder Weinlandschaft.“ In Renchen gilt es einige Sehenswürdigkeiten zu besichtigen: Das Simplicissimus-Haus, der Fabeltierbrunnen, das Grimmelshausen-Denkmal. Ein Ausblick aufs Jahr 2026 gibt Prof. Dr. Thomas Schmidt: „Es ist Grimmelshausen-Jahr. In Renchen und Oberkirch finden Sie zentrale Orte zu seinem „Simplicius Simplicissimus“. In Renchen gibt es eine Ausstellung mit Illustrationen des Romans, in Oberkirch eine ganz neue Ausstellung, die am 20. März eröffnet wird – rechtzeitig vor der Radsaison. Handlungsorte literarischer Texte im Südwesten Die letzte Etappe und die Beine sind schwer. Hinter mir liegen viele literarische Stationen, fast 50 Kilometer. In Willstätt warten die Spuren eines weiteren barocken Dichters: Johann Michael Moscherosch. Der Südwesten zeigt sich voller Handlungsorte literarischer Texte und Schauplätzen der Literaturgeschichte.   „Beispiel: Wenn Sie mit der Regionalbahn von Stuttgart nach Heilbronn fahren, passieren Sie kurz vor Lauffen, dem Geburtsort Hölderlins, einen Eisenbahntunnel. Dieser ist zentraler Ort eines Romans von Heimito von Doderer, wo der Tunnel für das Unbewusste und Verdrängte steht. Die Museen sind das Korsett, dazu kommen spannende, literarische Orte.“ Jeder gefahrene Kilometer auf dem literarischen Radweg inspiriert zu neuem Lesestoff. Am Schluss steht also kein Endpunkt, sondern ein fortlaufendes Projekt. Es gibt viel zu entdecken. Immer weiter radeln also.
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Aug 28, 2025 • 4min

Robert Macfarlane – Sind Flüsse Lebewesen? | Buchkritik

Flüsse in drei unterschiedlichen Klimazonen hat der britische Autor Robert Macfarlane für sein neues Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“ besucht: in Südamerika, in Indien, in Nordamerika. Anhand ihres Schicksals weist er auf die vielfältigen Schwierigkeiten hin, hin, die fließendes Wasser auf seinem Weg zur Küste zu bewältigen hat. Bedroht ist ihre jeweils besondere Schönheit, durch den Menschen, seine Industrie, seine Chemie, seine Landwirtschaft, seine ungehemmte Wassergier.  Drei Flüsse – drei Kontinente – drei Klimazonen  In Ecuador ist Macfarlane in das Quellgebiet des Río Los Cedros, in den Nebelwald aufgebrochen, um dessen wilde, ungezähmte Natur zu entdecken. Dank mutiger Richter ist es inzwischen unter strengen Naturschutz gestellt.   In Indien hat er sich in die Hafenstadt Chenai begeben, um dort die Misshandlung – anders kann man es wohl kaum nennen – dreier Flüsse zu dokumentieren. Sie dümpeln nur noch als Schatten ihrer selbst in den Golf von Bengalen, als schmutzige Rinnsale, ungenießbares Wasser, giftig für Mensch wie Natur, von korrupten Politikern an die Chemieindustrie verkauft.   Der dritte Fluss ist der Mutehekau Shipu in Kanada, bedroht durch Staudämme zur Stromgewinnung. Nach Ansicht des Autors „ertränken“ diese einen Fluss, denn das gestaute Wasser nimmt ihm seine Kraft, seine Lebendigkeit, seine Sedimente.  Die indigene Bevölkerung sieht den Fluss als eine heilige Gottheit an. Mit dem Segen einer Heilerin und der von ihr versprochenen Aussicht auf innere Erkenntnis, paddelt Robert Macfarlane mit ortskundigen Gefährten im Kajak flussabwärts. Ein Höllenritt, denn sie müssen sehr gefährliche Stromschnellen, reißende Strudel, enge Felsschluchten bewältigen.   Engagierte Naturschützer vor Ort  Macfarlanes Vorgehensweise ist immer dieselbe. Er sucht sich engagierte Naturschützer vor Ort, die ihn führen, aufklären, unterstützen. Mit ihnen spürt er der Einzigartigkeit der Flüsse nach. Er beschreibt wortmalerisch ihr Wasser, das organische Leben in ihnen, die sie umgebende Natur. So erweckt er sie für uns Leser zum Leben – eine erstaunliche Leistung.  Immer wieder fügt er Zitate von Dichtern und Philosophen sowie wissenschaftliche Erkenntnisse in seinen Text ein.  Vor allem aber beschreibt er seine persönlichen Empfindungen und Gefühle angesichts des Zustands der Flüsse: Er macht aus seiner Wut, Verzweiflung, Begeisterung, Erschöpfung keinen Hehl. Das bringt uns Macfarlane nahe und macht ihn uns sympathisch.  Ansteckende Begeisterung  Ihm gelingt es zudem, uns mit seiner Begeisterung anzustecken. Wir folgen ihm gerne, auch wenn seine Beschreibungen bisweilen arg lang geraten. Der erzählende Teil des Buches ist immerhin 341 Seiten lang. Es enthält aufschlussreiche Schwarz-Weiß-Fotos der Landschaften und Kartenausschnitte sowie am Ende ein umfangreiches Quellenverzeichnis. Dabei verliert Macfarlane nie seine große Frage aus dem Auge, ob Flüsse als Lebewesen anzusehen sind. Dass seine Schilderungen sie lebendig machen, ihnen einen eigenen Charakter zusprechen, ist eine Antwort. Man versteht sie sofort. Aber wichtiger ist die Frage, wer sie eigentlich vertritt, ihnen eine Stimme gibt, ihre Sprache versteht. “Was sagt uns der Fluss” formuliert es Robert Macfarlane, der sich als ihr Fürsprecher sieht, aber ihre Sprache eben auch nur interpretieren kann.   Jeder hört etwas anderes, je nachdem, ob er zu den indigenen Völkern gehört, die an den Flussufern wohnen, ein Umwelt- oder Naturschutzaktivist, ein Naturphilosoph, ein Wissenschaftler ist. Selbst wenn sie alle die Frage mit einem Ja beantworten, so sieht jeder im Fluss etwas anderes. Und genau das ist die Crux mit der Antwort, so Macfarlane, denn jeder antwortet aus seiner Sicht, aus seiner Perspektive. Der Fluss spricht, aber wir Menschen verstehen ihn nicht.
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Aug 27, 2025 • 6min

Machtmissbrauch im Verlag - Caroline Wahls neuer Roman „Die Assistentin“ | Buchkritik

„Es ist quasi eure Bibel“, mit diesen Worten bekommt Charlotte von der alten Assistentin ein Handbuch überreicht. Detailliert ist darin erklärt, wie sich die neue Assistentin um den Verleger zu kümmern hat. Der Verleger, das ist Ugo Maise. In seiner Nudelsuppe dürfen keine Nudeln sein. In seinem Hotelzimmer darf bloß kein Daunenkissen auf dem Bett liegen. Das sind noch die leichteren Regeln, die Charlotte zu beachten hat. Schnell wird ihr klar: Als Assistentin soll sie nicht nur Verlags-Dinge regeln. Sie muss Ugo Maise umsorgen, bewundern, für ihn da sein und für ihn mitdenken – und das täglich und rund um die Uhr. Etwa, wenn er sich abends per Videoanruf aus seinem Hotelzimmer bei ihr meldet. Sie wollte den Verleger nicht im Unterhemd sehen, sie wollte nicht die nackten Arme ihres Chefs sehen. Aber es spielte keine Rolle, was sie wollte. Quelle: Caroline Wahl – Die Assistentin Ständige Grenzüberschreitungen Private Fragen zu ihrem Liebesleben, zufällige Berührungen, Kommentare über ihr Aussehen – immer öfter überschreitet der Verleger Grenzen. Und Charlotte spielt das Spiel mit, entwickelt mehr noch den Ehrgeiz für Ugo Maise die ideale Assistentin zu sein. „Das wollte ich auch erzählen, was das mit einer Person / Figur wie Charlotte macht, wenn sie so einem Machtmissbrauch ausgesetzt ist, dass man gar nicht mehr handelt, wie man es sich von sich selbst erwartet," meint Wahl. „Und dass da auch ganz viele kleine Dinge passieren, die schwierig sind zu erklären oder in Worte zu fassen. Also zum Beispiel, dass sie sich auch fast schon schämt und dass sie sich eben nicht wehrt. Und dass sie mitflirtet, wenn er so komisch mit ihr kommuniziert usw.“ „Hoher Verschleiß“ an Assistentinnen Sagt die Autorin Caroline Wahl. Manipulation und Kontrolle sind die Herrschaftsinstrumente des Verlegers Ugo Maise. Er ist inkompetent, sprunghaft und narzisstisch und alle im Haus wissen, dass sein, Zitat, „Verschleiß an Assistentinnen“, sehr hoch ist. „Es war mir wichtig, dass es in der Verlagswelt passiert, weil ich eben mitbekommen habe, dass es passiert, von anderen Menschen, von eigenen Beobachtungen. Und ich finde, es ist so ein krasser Ort, wo das passiert, weil man eigentlich denkt, dort passiert es am wenigsten. Es ist ein Ort, wo idealistische Menschen zusammenkommen, und Bücher rausbringen. Und es sind Menschen, die an Debatten teilhaben, die offen sind. Und deswegen finde ich das gerade als Ort für so einen Machtmissbrauch passend, weil es eben auch in der Realität passiert.“ Caroline Wahl war selbst Assistentin Caroline Wahl arbeitete selbst als Assistentin beim Diogenes Verlag in Zürich. In einigen Interviews erzählte sie, wie unglücklich sie damals gewesen sei. Als Ausgleich begann sie, an ihrem ersten Roman „22 Bahnen“ zu schreiben. Ihre Hauptfigur Charlotte in „Die Assistentin“ lässt sie abends an ihrem ersten Musik-Album arbeiten. Die Parallelen drängen sich auf, aber dass der Verleger in ihrem Roman Diogenes-Chef Philipp Keel sei, verneint Caroline Wahl entschieden: „Nö. Das ist nicht autobiographisch. Das ist nicht meine Geschichte, die ich erzähle, das ist Charlottes Geschichte. Also, ich kann natürlich total nachvollziehen, dass da jetzt Parallelen gesucht werden. Aber ich glaube, dass das der falsche Schritt ist. Weil ich eben denke, dass das kein Einzelschicksal ist, von dem ich erzähle. Und dass das, was Charlotte passiert, vielen passiert. Und dass dieser Machtmissbrauch ein Thema ist, das passiert. Und ich glaube, vielleicht sollte man den Blick eher ausweiten, als ihn auf diesen einen Verlag dort in der Schweiz zu richten.“ Die Assistentin zerbricht an der Belastung Den Blick weiten – das erreicht Caroline Wahl mit einem erzählerischen Kniff: Als Erzählerin kommentiert sie immer wieder die bisherige Handlung, gibt einen Ausblick auf das, was kommt und vermutet, dass eine Liebegeschichte Charlotte guttun würde. Caroline Wahl verschafft ihren Leser*innen damit nicht nur Verschnaufpausen. Sie schafft Distanz, lenkt unseren Blick auf die Charlotte, die mehr ist als nur „Die Assistentin“. Sie ist eine Frau, der äußere und innere Ansprüche die Beine brechen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Charlotte macht sich kaputt und das schildert Caroline Wahl mit einer Bitterkeit, die weh tut. Sie zeichnet das Bild einer jungen Frau, die stellvertretend für viele steht, die sich in männerdominierten Branchen behaupten wollen. Die nicht die Souveränität und die Sicherheit besitzen, Nein zu sagen. Die den Leistungsgedanken unserer Gesellschaft verinnerlicht haben und dafür Konkurrentinnen eiskalt ausstechen. Denn der Platz an der Spitze ist für Frauen begrenzt. „Ich möchte mit meinen Geschichten nichts bewirken," erzählt Wahl. „Ich will in erster Linie erzählen. Aber wenn es passiert, dass die Leser*innen danach ein bisschen sensibler für sowas sind und eben nicht nur zuschauen, sondern, wenn sie so eine Charlotte sehen, da mal ein bisschen mutig eingreifen, dann wäre das das Geilste, das passieren kann.“ Schonungslose Darstellung von Machtmissbrauch Am Ende geht's Charlotte gut, sagt uns die Erzählerin. Aber kann man dieser Erzählerin trauen, wo sie doch immer wieder eine Pause einlegt, zurücktritt und ihre Geschichte mit viel Skepsis kommentiert. Ihre Musik und eine große Portion Glück machen Charlotte schließlich zu einem „kleinen Star“. Sie kann der Verlagswelt entkommen. Das Ende liest sich bisschen wie: Und wenn sie nicht gestorben ist, macht sie heute noch geile Popmusik. Aber der typische Caroline Wahl-Sound klingt in diesem Buch mehr sarkastisch als humorvoll, der Tonfall ist eher bitter als lakonisch-gewitzt. Caroline Wahl zeichnet keine Utopie, in der Freundschaft oder solidarisches Handeln die Verhältnisse zwischen mächtigen Männern und jungen Frauen ändern. Vielleicht gibt ihr neues Buch genau dadurch einen wichtigen Anstoß, diese Verhältnisse sowohl innerhalb als auch außerhalb der Verlagsbranche so schonungslos zu betrachten, wie sie für junge Frauen tatsächlich sind.
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Aug 26, 2025 • 4min

Eine europäische Odyssee

Nach der Lektüre dieses fabelhaften Romans blickt man ungläubig auf die letzte Seitenzahl. 156 steht da. Auf engem Raum erzählt Katerina Poladjan – nein – nicht ein ganzes Leben oder Zeitalter, doch wehen Spuren davon durch den Text: von der ideologischen Wucht, die das 20. Jahrhundert geprägt hat. Von utopischen Entwürfen, kühnen Versuchen des Aus- und Aufbruchs. Und von den darauf folgenden Entzauberungen. Poladjan findet gleich zu Beginn von „Goldstrand“ intensive Bilder, um die existentiellen Erfahrungen ihrer Figuren in Szene zu setzen. Da ist die berühmte Potemkinsche Treppe in Odessa, die eine junge Frau, ein kleiner Junge und ein Mann hinuntergehen. Kurz darauf betreten sie ein Schiff, und die junge Frau springt auf hoher See über Bord. All das vor laufender Kamera, denn wir befinden uns in einem Film. Wirklich? Eli, der Regisseur und die Kunst des Weglassens Der Erzähler heißt Eli und ist Regisseur. In dem Film, der den Roman eröffnet, erzählt Eli die Geschichte seines Großvaters Lew, seines Vaters Felix und seiner Tante Vera. Es sei, so sagt Eli später einmal im Buch, furchtbar kompliziert, genau das Richtige stehen zu lassen. Katerina Poladjan ist eine Meisterin im Weglassen. Ihre Arbeitsweise vergleicht sie mit der eines Malers: „Schreiben ist in erster Linie erzählen, und jedes Erzählen braucht seine eigene Ökonomie. Wenn ein Maler mit wenigen dunklen Linien Akzente und Schatten setzt, kann das Bild sehr viel Licht zeigen. Vielleicht versuche ich etwas Ähnliches beim Schreiben: mit den richtigen Konturen etwas plastisch werden lassen, was mit einem Übermaß an Details wieder verflachen würde. Ich versuche, Räume zu öffnen, von denen ich fürchte, dass sie sich bei farbiger Ausmalung wieder verschließen würden.“ „Goldstrand“ ist ein raffiniert gebautes Buch, das sich leicht, ja sogar heiter liest. Das liegt am Tonfall, den Poladjan findet; an den funkelnden Dialogen, die Eli mit der Dottoressa, seiner Therapeutin, führt. Vor ihr breitet er auf der Couch in einer mondän verfallenen römischen Altbauwohnung seine Familiengeschichte aus, eine europäische Irrfahrt. Von Odessa nach Istanbul, an die bulgarische Küste – bis nach Rom. Familiengeschichte zwischen Rom, Odessa und dem Goldstrand Der real existierende „Goldstrand“, ein sozialistisches Großprojekt nahe Warna in Bulgarien, ist ein zentraler Ort im Roman. Die Idee: Ferien für alle. Sichtbeton als Ausdruck revolutionärer Schönheit. Felix, Elis Vater, wird nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Architekt zu einem der Baumeister der gigantischen Anlage. Elis Mutter Francesca, eine der hinreißendsten Figuren des Romans, die Ende der 1950er-Jahre entflammt in Begeisterung für die neue Linke, kommt als Teil einer Reisegruppe auf die Goldstrand-Baustelle und kehrt von dort nach einer Nacht mit Felix am Strand schwanger nach Rom zurück. Ihr Vater, ein glühender Mussolini-Anhänger, setzt sie vor die Tür. Eli wird in der düsteren Stadtvilla des Patriarchen großgezogen; seine Mutter wird dort nicht mehr geduldet. Für Katerina Poladjan ist der Goldstrand mehr als literarische Kulisse Katerina Poladjan hat selbst mehrere Kindheitsurlaube in Goldstrand verbracht. Was bedeutet ihr dieser Ort? „Eigentlich ist Goldstrand irgendein Ort; eine beinahe willkürlich gesetzte Station einer europäischen Odyssee. Aber auch ein Ort, der nach goldenem Glanz klingt, nach Goldsuche, nach Hoffnung auf Glück und Reichtum.“ So wird der Goldstrand im Roman zum Symbol: Ein Ort, in dem Menschen aller Nationen und aller Klassen zusammenkommen sollten. „Goldstrand“ ist ein Buch der hellen Utopien, die an den Klippen der Wirklichkeit zerschellt sind. Alle vermeintlichen Tatsachen kommen aus dem Mund eines professionellen Geschichtenerfinders. Eli erzählt nicht nur sein Leben, er erzählt auch um sein Leben. So lange er redet, erschafft er sich eine Identität. Eli braucht Publikum, um Kontur zu bekommen, Katerina Poladjan erzählt: „Und wie jedes Publikum ist die Dottoressa eine launische Zuhörerin. Sie hat Zweifel am Wahrheitsgehalt des Gehörten; sie hat eigene Vorstellungen, Wünsche, Erfahrungen, an denen sie das Gehörte misst.“ Was die Leser diesem Eli glauben können und was nicht? Unwichtig. Alles, was am Ende zählt, ist die Erzählung selbst. Und der beeindruckend kluge Roman, den Katerina Poladjan daraus gemacht hat.
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Aug 26, 2025 • 4min

Erika Fatland – Seefahrer. Eine Reise durch Portugals vergangenes Weltreich | Buchkritik

Zwölf Monate lang war Erika Fatland unterwegs. Und beim Kernstück ihrer Reise hat sie sich eng daran orientiert, wie vor fünfhundert Jahren die portugiesischen Entdecker reisten: Erika Fatland ist auf Frachtschiffen mitgefahren – von Portugal auf den Atlantik hinaus, an den Kapverden vorbei zum Kap der Guten Hoffnung, dann quer über den indischen Ozean nach Ostasien. Schließlich nach Brasilien und zurück nach Portugal. Auf dem Schiff hatte sie Zeit zum Nachdenken:  Die portugiesischen Kolonien bildeten eine Welt in der Welt, verbunden durch Schiffsrouten, eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Herrscher. Auch heute gibt es diese Verbindungen noch. In den Cafés von Maputo lesen die Menschen Bücher aus Portugal oder Angola, in den Bars in Guinea-Bissau spielen sie Musik aus Brasilien oder Kap Verde, und nirgends ist das nächste goanische Restaurant weit entfernt. Die früheren portugiesischen Kolonien sind wie Bestandteile einer geheimen Verschwörung.  Quelle: Erika Fatland – Seefahrer. Eine Reise durch Portugals vergangenes Weltreich Zahlreiche überraschende Begegnungen mit Menschen rund um den Globus  An etlichen dieser Kolonien hat die Autorin Station gemacht. Sie hat Städte und Landschaften bereist und vor allem Menschen getroffen, die dort leben. Auf einer Fülle dieser Begegnungen fußt das über siebenhundertseitige Buch. Fatland trifft Männer, die vor einem halben Jahrhundert für die Unabhängigkeit Guineas kämpften. Sie durchreist Südwestafrika gemeinsam mit einer einheimischen Abenteurerin. In der früheren Kronkolonie Macao nahe Hongkong ist sie konfrontiert mit einer grotesken Glücksspiel-Industrie, einem Eldorado der Neureichen. Sehr gelungen eingeflochten hat sie kurzweilige historische Rückblicke. Aus alledem fügt sich nach und nach ein Bild zusammen:   Warum wurde gerade Portugal zum ersten globalen Imperium der Welt? Geografie und Ökonomie sind eine Erklärung. Im 15. Jahrhundert war Portugal ein kleines, armes und isoliertes Land – das Meer war ein Weg hinaus in die Welt und raus aus der Armut. Technologie ein anderer. Die Portugiesen perfektionierten die geschmeidige Karavelle, die lange Segeltouren unter schwierigen Bedingungen verkraftete und die Reise in unbekannte Fahrwasser möglich machte. Persönliche Ambitionen spielten ebenfalls hinein. Quelle: Erika Fatland – Seefahrer. Eine Reise durch Portugals vergangenes Weltreich Auf den Spuren der großen Seefahrer des 15. Jahrhunderts  Den Männern mit besagten Ambitionen verdankt das Buch seinen Titel: „Seefahrer“. So portraitiert es auch jene Abenteurer wie Heinrich den Seefahrer oder Vasco da Gama, den ersten Weltumsegler. Alles ist detailliert und differenziert beschrieben, dabei doch gut lesbar und mit einem stetigen Bezug zur Gegenwart. Ab und an schreibt die Autorin arg aus persönlicher Perspektive, aber darüber kann man hinwegsehen. Auch darüber, dass sie einerseits behauptet, man könne mit einem Rahsegelschiff – einem Segelschiff mit einem oder mehreren voll getakelten Masten - besonders gut gegen den Wind kreuzen, und ein paar Kapitel weiter – richtigerweise – das Gegenteil schreibt.   Ein Reisebuch im besten Sinne  Das Buch weist aber zwei andere Wermutstropfen auf: Der kleinere sind die 145 Fotos. Sie stammen von der Autorin selbst – technisch ordentlich, aber in Gestaltung und Lichtführung sind es fast durchweg Allerweltsfotos. Erika Fatlands ungemein lebendiger Text hätte es verdient, ihm Bilder professioneller Fotoreporter an die Seite zu stellen. Immerhin: Die Szenerien und die Menschen hat Fatland so gekonnt beschrieben, dass sie schon dadurch eindringliche Bilder im Kopf des Lesers erzeugt. Sodass es die Fotos gar nicht unbedingt braucht. Den zweiten, größeren Wermutstropfen stellt die deutsche Übersetzung dar. Neben grammatikalischen Schnitzern und manchmal derben Wortfehlern lässt sie insgesamt Sprachgefühl vermissen. Von einem Verlag wie Insel darf man da mehr erwarten.   Aber stets bleibt klar, was inhaltlich gemeint ist – und insofern hat man hier ein Reisebuch im besten Sinne in der Hand: voll kurzweiliger Information über Vergangenheit und Gegenwart in einem einstigen kolonialen Weltreich.
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Aug 25, 2025 • 4min

Studieren ist die Hölle: Rebecca F. Kuangs neuer Fantasy-Roman „Katabasis“

„Zauberer sind meistens ältere oder alterslose Gandalfs“, schrieb die Fantasy-Ikone Ursula K. Le Guin einmal in einem Essay. „Aber was waren sie, bevor sie weiße Bärte hatten?“ Da setzt Rebecca F. Kuang an. Ihre Heldin Alice Law ist Magierin in Ausbildung an der Elite-Universität Cambridge. Die Doktorandin der Analytischen Magie steigt in die Unterwelt hinab. Nicht wie bei Orpheus und Eurydike der Liebe wegen, sondern aus akademischem Ehrgeiz. Am Morgen nach Professor Grimes‘ Tod, nachdem man seine Leiche entdeckt und die Lage sich beruhigt hatte, schien es ihr also wie das Natürlichste der Welt, Wege in die Hölle zu recherchieren. Quelle: Rebecca F. Kuang – Katabasis Denn nur der grimmige und geniale Jacob Grimes kann Alice anspruchsvolle Doktorarbeit betreuen. Leider kam sein Tod dazwischen. Heldenreise in die Hölle „Katabasis“, so heißt in der Mythologie die Totenfahrt. Und das ist auch der Titel von Rebecca F. Kuangs neuem Roman. Wie es sich für eine Heldenreise nach Fantasy-Literatur-Spielregeln gehört, tritt Alice Law den Ausflug in die Unterwelt in Begleitung an. Peter Murdoch, zu dem Alice nach einem Vorkommnis ein distanziertes Verhältnis pflegt, war einst ein Freund, nun ist er eher wissenschaftlicher Konkurrent. Der ebenfalls geniale Mitstudent unter Grimes, begleitet Alice auf der Reise via Pentagramm hinab zu den acht Höfen. Die Höllenkreise sind angefüllt mit Sünderinnen und Sündern, Schatten, wie in der „Göttlichen Komödie“. Kuang stattet ihre Figuren Alice und Peter mit dem notwendigen Wissen gemäß ihren akademischen Laufbahnen aus: Sie diskutieren über antike Mythologie, lesen Proust, Nietzsche, manövrieren sich mit T.S. Eliot und Borges durchs Totenreich. Das Totenreich als konkrete Erfahrung Dabei nimmt Kuang eine Perspektive ein, die schon Dante prägte: Seine „Göttliche Komödie“ war nach seiner eigenen Logik kein erfundener Traum, sondern ein realer Erfahrungsbericht. Wer das Buch liest, muss es als wahr annehmen. In dieser Tradition schreibt auch Kuang ihre Unterwelt nicht als bloße Metapher, sondern als konkretes Erfahrungsfeld, das sich rational erklären lässt. Die einzige, Antwort, die ihr einfiel, stammte von Dante, die einzige Möglichkeit der Erlösung im gesamten Inferno. Es gab nur eine Entität, die der Hölle etwas entreißen konnte. „Sie könnten durch einen Akt der göttlichen Gnade gerettet werden.“ „Red keinen Scheiß, Alice.“ Quelle: Rebecca F. Kuang – Katabasis Keine Dichotomie von Gut und Böse Da unterscheidet sich Kuangs Welt deutlich von typischer High Fantasy. Keine klare Dichotomie von Gut und Böse, kein Völkerkrieg. Die erste Hälfte des mehr als 700 Seiten starken Romans ist geprägt von diesem akademisch genauen Weltenbau, mit kurzen Zwischenkapiteln über die Theorie der Magie. In der zweiten Hälfte entwickelt sich daraus ein typisches Fantasy-Abenteuer voller Quests, Prüfungen und Begegnungen mit Feinden und Verbündeten. Zugleich spiegelt sich in der Hölle die reale Gegenwart: Auch in Kuangs Universum lassen sich Machtmissbrauch und „Me-too“-ähnliche Strukturen nicht einfach wegzaubern. Unterhaltung mit sprachlichen Schwächen Kuangs Ideen sind unterhaltsam. Leider hat der Roman sprachliche Schwächen. Ein Beispiel: Ob Alice, Peter oder Totengott Yama, alle sprechen mit dem gleichen Zungenschlag. Etwas verbale Variation hätte den Dialogen gutgetan. Trotzdem: „Katabasis“ ist ein kluges, erfrischendes und unterhaltsames Fantasy-Abenteuer, das die Unterweltliteratur neu interpretiert. Laissez-faire Lernen wie in Hogwarts? Undenkbar in Kuangs Welt. Kein Wunder also, dass die ewige Strafe der Unterwelt im Erbringen eines Leistungsnachweises besteht. Die Schatten schreiben an ihren Dissertationen. Und der Aufbau der Hölle? Der erinnert an einen Campus. Studieren kann eben manchmal die Hölle sein.

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