
SWR Kultur lesenswert - Literatur Paul Lynch – Jenseits der See
Aug 7, 2025
04:08
„Jenseits der See“ basiert auf einer wahren Begebenheit: Im November 2012 brach der Fischer José Salvador Alvarenga gemeinsam mit einem jüngeren Kollegen von der mexikanischen Küste aus zu einer Hochseetour auf. Das kleine Boot der beiden Männer geriet in einen schweren, fünf Tage andauernden Sturm, der auch den Motor zerstörte.
14 Monate später wurde Alvarenga auf den Marshallinseln angespült, etwa zehntausend Kilometer von seinem Startpunkt entfernt. Sein jüngerer und unerfahrener Fischerkollege blieb verschwunden. Gerüchten, er habe ihn aufgegessen, widersprach Alvarenga energisch – vielmehr sei dieser an einer Vergiftung gestorben.
Den Leichnam habe er über Bord geworfen. Eine unglaubliche Geschichte; ein Drama, das nach literarischer Bearbeitung verlangt. Die beiden Männer, die auf See in Not geraten, heißen bei Paul Lynch Bolivar und Hector. Lynchs Beschreibung des verheerenden Sturms liest sich so:
Er hebt den Blick zum Horizont, doch erneut werden Wasser und Himmel zunehmend eins, sein Blick nun gepackt von dem, was er sieht – eine einfarbige Wand kommt heran, eine Wand steigt auf, bis es ist, als säße er am Boden eines Lochs fest, in einem einfarbigen Gefängnis, das sich weit über ihn erhebt, der Unendlichkeit entgegen.Quelle: Paul Lynch – Jenseits der See
Aus dem Fertigteilfundus der Bedeutungsschwere
Damit ist der Tonfall des Romans gesetzt. Lynch unternimmt den Versuch, die nahezu aussichtslose Lage der beiden Männer in ein philosophisch-existentialistisches Drama zu verwandeln. Das liegt nahe, bedarf aber eines sprachlich sicheren und versierten Autors, der Paul Lynch nicht ist. Er zieht alle Register und bedient sich beidhändig aus dem Fertigteilfundus der Bedeutungsschwere. Noch nicht einmal 200 Seiten hat dieser Roman, doch ist er überfrachtet mit religiösen Anspielungen, intertextuellen Verweisen und schwerblütigen Reflexionen. Nicht ohne Grund heißt der Roman „Jenseits der See“ – schon der Titel verweist auf die metaphysische Stoßrichtung. Hier geht es nicht bloß um einen irdischen Überlebenskampf, sondern um den Kampf zweier entgegengesetzter Weltanschauungen: Während der ältere Bolivar alles tut, um am Leben zu bleiben, findet der junge Hector sich recht schnell mit seinem Schicksal ab und fügt sich in das aus seiner Sicht unvermeidliche: das Leiden. Auf nicht sonderlich subtile Weise wird Hector von Paul Lynch zu einem Märtyrer, zu einer Christusfigur aufgebaut, der schließlich in den Armen des schlafenden Bolivar stirbt:Meer und Himmel sind von Licht entgrenzt. Er betrachtet Hectors Gesicht. Die Haut hat sich entspannt und eine graue Blässe angenommen. Der Anflug eines Lächelns auf den Lippen.Quelle: Paul Lynch – Jenseits der See
Bedrückender Alltag auf hoher See
Es hätte durchaus etwas werden können mit diesem Roman. „Jenseits der See“ hat auch dichte, bedrückende Passagen, die den Alltag an Bord des Boots schildern. Die erzählen, wie die Männer sich von rohem Fisch ernähren, von Vögeln, denen Bolivar bei lebendigem Leib die Flügel ausreißt, damit das Fleisch frisch bleibt. Auch in der Darstellung der zwischen Liebe und Hass schwankenden Beziehung an Bord hat Lynch seine starken Momente. Doch wird all das überlagert von dem Eindruck, dass hier ein Autor schreibt, der über wenig Sprache, aber über großen Stilwillen verfügt. Manchmal bleiben Lynchs Sätze auch schlicht unverständlich:Er horcht auf den wilden Atem, der dem Geist in ihm Gestalt gibt. Der Sturmwind des Geistes, und wie er blind gegen die Dunkelheit angeht.Der Eindruck, dass sich hier ein junger Autor mit aller Gewalt in den Sound der Weltliteratur einschreiben will, ist ganz sicher kein Problem der Übersetzung: Eike Schönfeld ist einer der renommiertesten Übersetzer aus dem Englischen überhaupt. Aber auch ein Könner wie er kann ganz offensichtlich einen missglückten Roman wie „Jenseits der See“ nicht retten.Quelle: Paul Lynch – Jenseits der See
