SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Feb 3, 2026 • 4min

Hilfsbereitschaft unter Hilfsbedürftigen

In Krisenzeiten wird Literatur zur Flaschenpost. Das gilt derzeit vor allem für die USA.  Jedes noch so harmlose Buch kann als Seismograph für den Zustand der Gesellschaft dienen, so auch der neue Roman von Stewart O’Nan, der als feiner Beobachter und verlässlicher Chronist der oberen Mittelschicht gilt und für seine unaufgeregte, den Menschen zugewandte, friedfertige Haltung von vielen geschätzt wird.  In „Abendlied“ bestätigt er diesen Ruf und kultiviert gegen die aggressive Dauererregtheit der Politik auf geradezu provokative Weise die Ereignislosigkeit des Alltags.   Solidarität als Lebensinhalt   „Abendlied“ spielt in einem Vorort von Pittsburgh/Pennsylvania und dort vor allem in einer Kirchengemeinde und im „Humpty-Dumpty-Club“ sehr alter Frauen, die ihren Lebensabend damit veredeln, Bridge zu spielen und anderen Alten zu helfen.  Sie erledigen Einkäufe, begleiten in die Arztpraxis, machen Krankenhausbesuche und organisieren Beerdigungen. Wenn die Katze Oscar sich unterm Sofa versteckt, ist das schon fast ein Höhepunkt der sich wahrlich nicht überschlagenden Ereignisse. Solidarität ist ihr Lebensinhalt – und das ist angesichts der Trump’schen Macht- und Interessenspolitik vielleicht schon eine politische Botschaft. Weniger optimistisch stimmt, dass diese Tugenden von 85- bis 90jährigen repräsentiert werden, die nicht mehr lange zu leben haben.   Sie musste an ihr eigenes Leben denken, daran, was davon noch übrig war, was sie mit ihrer Zeit noch anfangen könnte. Sie hatte keine Pläne, die darüber hinausgingen, ein Humpty Dumpty zu sein oder sich um Oscar zu kümmern, und fragte sich, ob das genügte. Fürs Erste musste es reichen.   Quelle: Stewart O’Nan – Abendlied Zu den vier alten Damen gehört auch Emily Maxwell und ihre Familie, die O‘Nan-Lesern aus mehreren seiner Romane, vor allem aus „Emily, allein“ bekannt ist. Die vier Alten müssen sich beim Helfen zunächst einmal selbst helfen, weil ihre Chef-Organisatorin nach einem Treppensturz mit Knochenbrüchen im Krankenhaus liegt.   Drei Monate im Herbst 2022  Im Zentrum ihrer Fürsorge steht ein zurückgezogen lebendes Pianisten-Paar – er Russe, sie Amerikanerin – die mit 35 Katzen in einem fürchterlich zugemüllten Haus leben, bis er mit akutem Organversagen ins Krankenhaus eingeliefert wird. Allmählich wird klar, was für ein Weltstar der winzig kleine Mann am Flügel gewesen ist.   Das Geschehen spielt sich in der Nach-Corona-Zeit zwischen Anfang Oktober und Ende Dezember 2022 ab und umfasst somit die Höhepunkte des amerikanischen Jahreslaufs mit Halloween, Thanksgiving, Weihnachten und Neujahr. In diese Monate fielen auch die Midterm-Wahlen, bei denen die Republikaner zwar die Mehrheit im Repräsentantenhaus, nicht jedoch im Senat eroberten – unter anderem, weil in Pennsylvania John Fetterman für die Demokraten gewann. Am Wahltag steht ein fieser Redneck mit Militärmütze vor dem Wahllokal, was die Wahlhelferin als lebenden Betrugsvorwurf empfindet.   Sie würde niemals betrügen. Er und die anderen Fox-News-Zombies waren doch die Betrüger, die (…) das Kapitol stürmten, wenn sie die Wahl verloren. Sie war stolz darauf, jeden, der wählen ging (…)  gleich zu behandeln. Ihr ging es um Fairness und Proporz. Er scherte sich um nichts davon. Ihm ging es nur darum zu gewinnen.  Quelle: Stewart O’Nan – Abendlied Langeweile als Kulturgut  Es sind kleine Szenen wie diese, die die bürgerliche Gleichförmigkeit, wie sie O’Nan hingebungsvoll gestaltet, als etwas Verteidigenswertes erscheinen lassen. „Abendlied“ zeigt aber auch, wie substanzlos diese zu verteidigende Gesellschaft ist. Die Solidarität wird mit dem Club der Greisinnen sterben. Und dann bleibt nicht viel mehr als der nächste Truthahn zum nächsten Thanksgiving.  Es ist nur ein paar Jahre her – doch „Abendlied“ scheint aus einer anderen Epoche zu stammen.
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Feb 2, 2026 • 4min

Wie Gelassenheit lernen angesichts multipler Krisen?

Kann man angesichts der zahlreichen globalen Krisen und Katastrophen unserer Zeit, die die Zukunft als leer und bedrohlich erscheinen lassen, überhaupt noch zu einer gelassenen Lebensführung finden? Wie soll man heute im Zeichen der fortschreitenden politischen Polarisierungen ruhig Blut bewahren, nicht die Nerven verlieren und sich aus der Fassung bringen lassen? Das sind die großen Fragen zu einer aktuellen Lebensethik, die der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen in seinem Buch „Stoische Gangarten“ aufwirft und in Anknüpfung an sein 1994 erschienenes Buch „Verhaltenslehren der Kälte“ zu beantworten sucht. Mehr Stoizismus wagen  Ist Stoizismus als „seelische Meeresstille“, wie sie der römische Philosoph Marc Aurel empfahl, heute eine mögliche Haltung oder bleibt uns am Ende nur Depression, Verzweiflung und Erschöpfung? Helmuth Lethen gibt darauf in seinem Essay keine definitive Antwort, sondern umkreist sein Thema, indem er auf Schriften von Friedrich Nietzsche, Ernst Jünger oder Hannah Arendt Bezug nimmt, aber auch indem er seine persönliche Lebenssituation nach einem erlittenen Schlaganfall und einer Kopf-OP reflektiert. In einem Lesemarathon, den er sich zur geistigen Gesundung verordnet hatte, sucht er Techniken zur Schmerzbeherrschung und rekapituliert seine intellektuelle Sozialisation als Angehöriger der 68er-Generation, die ihre utopischen Ideen nicht realisieren konnte:  Nach dem Scheitern der politischen Projekte, in die ich erst als „Chaot“ und dann als Kader einer maoistischen Partei verwickelt gewesen war, wurde ich in meiner Zeit in den Niederlanden skeptisch gegenüber den Giften der Theorie. Quelle: Helmut Lethen – Stoische Gangarten Überschwängliche Phantasien von der planvollen Gestaltbarkeit der Geschichte, wie sie die linke Philosophie lehrte, trafen auf Gegenkräfte von Natur, Tod, Gewalt und den „Zufällen des Körperschicksals“ und bedeuteten für Lethen die Abwendung von der Machbarkeitshybris und die Suche nach einer abgeklärten, kühleren Lebensführung in der Tradition des Stoizismus.   Neues Aufrüsten im Schatten des russischen Angriffskrieges  Aktueller Fluchtpunkt seiner Überlegungen ist dabei der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der das letzte und interessanteste Kapitel seines Buches unter der pointierten Überschrift „Einsamkeit und Rheinmetall“ gewidmet ist. Wer wie der 1939 geborene Autor in den Jahren eines strukturellen Pazifismus in der Bundesrepublik aufwuchs, ist von der politischen Forderung nach Wehrtüchtigkeit naturgemäß herausgefordert:  Der Appell trifft auf eine Gesellschaft der Vereinzelten. Wehrhaftigkeit setzt, wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler konstatierte, eine „heroische Opfergemeinschaft“ voraus. Nichts ist unserer Gesellschaft gegenwärtig fremder. Quelle: Helmut Lethen – Stoische Gangarten So steht der Kulturwissenschaftler Lethen, der in den 1960er Jahren selbst noch Wehrdienst geleistet hat, vor der Frage, wie man heute eine zeitgemäße Vorstellung vom Soldatischen und dem Soldaten begründen kann, ohne martialische Männerphantasien und diskreditierte Wehrmachtstraditionen wieder zu beleben. Lässt sich die Waffenproduktion, wie sie von Firmen wie Rheinmetall geleistet wird, aus stoischem Pragmatismus begründen?  Genauer, Ist Aufrüstung die notwendige Bedingung zur Ermöglichung von Friedensverhandlungen?  Quelle: Helmut Lethen – Stoische Gangarten Plädoyer für Ehrlichkeit  Helmut Lethen, der die Frage bejaht, plädiert vor allem dafür, sich angesichts der harten Realität des Krieges nicht hinter einem „Kult der Wehrlosigkeit“ zu verstecken. Dennoch endet sein Buch in einer gewissen Ratlosigkeit, wenn er die Forderung nach Wehrhaftigkeit für nicht weniger begründet erklärt, wie die nach einem „strukturellen Pazifismus“. Im Zeichen militärischer Bedrohung durch Russland ruhig Blut zu bewahren, fällt auch einem Anwalt stoischer Gangarten alles andere als leicht.
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Feb 1, 2026 • 16min

Julian Barnes: Abschied(e)

Am 19. Januar ist Julian Barnes 80 Jahre alt geworden, und „Abschied(e)“ soll sein letztes Buch sein. Behauptet der Autor und verabschiedet sich auf das Eleganteste von seiner Leserschaft: mit einem klugen, fein ironisch gewürzten Text.
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Feb 1, 2026 • 19min

Leïla Slimani - Trag das Feuer weiter

Leïla Slimani ist ein internationaler Literaturstar. Mit ihrem neuen Roman schließt sie ihre autobiografische Trilogie ab. Mia, das Alter Ego, der Autorin, leidet an Brain Fog und reist zurück nach Marokko, in das Land ihrer Herkunft, um sich zu erinnern.
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Feb 1, 2026 • 17min

Jon Fosse - Vaim

Der Auftakt zu einer Trilogie. Mit 150 Seiten ist der Roman ein schmales und zugleich beeindruckendes Werk. Wenn der Begriff „Traumlogik“ irgendwo seine Berechtigung hat, dann hier. Drei Kapitel, drei Erzählstimmen. Eine Aneinanderreihung unerhörter Ereignisse.
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Feb 1, 2026 • 1h 9min

SWR Bestenliste Februar

Auf dem Programm standen mit „Vaim“ der neue Roman von Literaturnobelpreisträger Jon Fosse (Platz 5), mit „Ein Jahr in der Natur“ von Josephine Johnson eine Erstübersetzung aus dem Jahre 1969 (Platz 3), mit „Trag das Feuer weiter“ der Abschluss einer Familientrilogie von Leïla Slimani (Platz 2) und mit „Abschied(e)“ von Julian Barnes ein Buch über Erinnerungsarbeit angesichts des nahenden Todes. Begeistert zeigte sich die Jury von Jon Fosses „Vaim“ in der deutschen Fassung von Hinrich Schmidt Henkel aus dem Rowohlt Verlag. Drei Männer erzählen, eine Frau entscheidet. Fosses Prosa in kapitellangen Sätzen, die von Einsamkeit in der norwegischen Provinz erzählen, von Freundschaften und fatalen Beziehungen, überzeugte selbst einen ehemaligen Kritiker des Autors. Ein Text, getragen von einer melancholischen „Traumlogik“, erklärte Jury-Mitglied Christoph Schröder. Fosse-Kennerin Martina Läubli ordnete die Geschichte, in der am Ende fast alle Figuren gestorben sind, in das Gesamtwerk des Nobelpreisträgers ein. Die bislang jüngste Pulitzer-Preisträgerin wird in Deutschland wiederentdeckt, dank einer hochwertigen Edition in der Anderen Bibliothek. Josephine Johnsons „Ein Jahr in der Natur“ in der Übersetzung von Bettina Abarbanell und mit Illustrationen von Andrea Wan wird von der Bestenliste-Jury aber durchaus kontrovers diskutiert. Die Genauigkeit der Naturbeschreibungen, die niemals zu sprachlichen Überhöhungen der Flora und Fauna führen, wird gelobt. Doch die jahreszeitlichen Naturbetrachtungen seien zuweilen etwas erwartbar, sagt Judith von Sternburg. Auch die Schärfe und Aktualität der politischen Analyse ist Gegenstand des Gesprächs, webt die Autorin in ihre Chronik doch immer wieder Kommentare zum damaligen Vietnam-Krieg ein. Je länger der Abend, desto schärfer die Diskussion der Jury. Leïla Slimanis „Trag das Feuer weiter“ in der Übersetzung von Amelie Thoma aus dem Luchterhand Verlag wurde von Judith von Sternburg vorgestellt. Nach der Lesung aus dem Roman, in der es um die Zerrissenheit der Hauptfigur zwischen Marokko und Frankreich ging, kam Christoph Schröder auf die sprachlichen Schwächen zu sprechen. Während Läubli und von Sternburg ein Buch mit ambivalent gezeichneten Figuren gelesen haben wollen, kritisierte Schröder die seiner Meinung nach offensichtliche Schwarz-Weiß-Malerei, den willkürlichen Perspektivwechsel und die auf „Thrill“ angelegte Ästhetik selbst in einer Missbrauchsszene: „An diesem Buch stört mich so gut wie alles.“ Der Spitzenreiter der SWR Bestenliste im Februar ist Julian Barnes' vermutlich letztes Buch „Abschied(e)“, das Gertraude Krueger für Kiepenheuer und Witsch ins Deutsche übertragen hat. Ein preisgekrönter Schriftsteller verbeugt sich vor seinem Publikum, reflektiert über das Leben angesichts einer schweren Krebserkrankung, denkt über Funktionsweisen der Erinnerung nach und berichtet von einer Liebe, die gleich doppelt scheitert. Für Christoph Schröder ist das so berührend wie elegant erzählt, während Martina Läubli der rote Faden fehlte in einem Prosawerk, das in seine Einzelteile zerfalle. Auch Judith von Sternburg, die Barnes immer gern gelesen hat, ist nicht durchweg überzeugt von der Erinnerungsarbeit des Altmeisters. Erst wenn Barnes die Liebesgeschichte von Jean und Stephen entfalte, lohne sich die Lektüre. Dann würden sich die literarischen Qualitäten des Autors zeigen.   Aus den vier Büchern lasen Antje Keil und Johannes Wördemann. Durch den Abend führte Carsten Otte.
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Feb 1, 2026 • 17min

Josephine Johnson - Ein Jahr in der Natur

Josephine Johnson ist bis heute die jüngste Pulitzer-Preisträgerin aller Zeiten. In diesem Buch erzählt sie von ihrem zurückgezogenen Leben in Ohio. Johnson unterzieht die sie umgebende Welt einer anschaulichen und bildstarken Betrachtung.
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Feb 1, 2026 • 4min

Liz Moore – Der andere Arthur

Das Erste, was du über mich wissen musst: Ich bin unglaublich dick.  Quelle: Liz Moore – Der andere Arthur Mit diesem Geständnis beginnt Arthur einen Brief an seine alte Freundin Charlene. Als junger Universitätsdozent war er einst heftig in seine Studentin verliebt, dann pflegte er mit ihr eine jahrzehntelange Brieffreundschaft. Die Wahrheit schreibt Arthur ihr erst jetzt, nachdem Charlene ihn seit langem wieder einmal angerufen und ihren Besuch angekündigt hat: Nicht nur, dass er unheimlich zugenommen hat, auch, dass er sich schon lange nicht mehr aus seinem Haus im New Yorker Stadtteil Brooklyn traut.  Fressgelage als Trost in der Einsamkeit  In ihrem Roman Der andere Arthur lässt Liz Moore den Protagonisten mit viel Selbstironie sein einsames Leben schildern, in dem die häufigen Fressgelage sein einziger Trost sind:  „Kekse mit Kokos, Macadamia und weißer Schokolade. Eine Schale Erdnuss M&Ms. Ein paar Bagels, die mit obszön vielen Samen, Körnern und leckeren kleinen Salzkörnern bestreut waren. Bagels, die mit einer dicken Schicht Butter und einer dicken Schicht Frischkäse bestrichen waren. Eine Schokoladentorte mit einer Kruste aus zerstoßenen Oreos. Drei Hamburger."  Und so weiter… Die kulinarische Aufzählung nimmt kein Ende.   Die Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen mit seiner Jugendliebe, die ihm ihren Sohn vorstellen will, wirbelt Arthurs deprimierende Existenz dann gehörig durcheinander. Was er nicht ahnt: Auch Charlenes Leben ist traurig verlaufen.   Der „andere Arthur“: Charlenes Baseball-begeisterter Sohn  Das erfahren wir, als Autorin Liz Moore die Erzählperspektive wechselt und dem „anderen Arthur“ das Wort erteilt. Und das ist Charlenes Sohn, auch er heißt Arthur, wird aber von allen „Kel“ genannt: ein 18-jähriger, Baseball-verrückter Schüler. Er und seine alleinerziehende Mom leben im New Yorker Vorort Yonkers in prekären Verhältnissen. Kel hat es nicht leicht: Er geht auf die Highschool im wohlhabenden Nachbarort, ist dort beliebt und gut integriert, übernimmt aber zugleich immer mehr Verantwortung für seine kranke Mutter Charlene.  „Wenn es ganz schlimm kommt, dann sage ich meistens Sachen zu ihr, die sie beruhigen. Dann sage ich zu ihr: Mom, Mom. Wir müssen leise sein, sonst rufen die Nachbarn wieder an. Komm her auf die Couch. Da läuft gerade deine Sendung. Dann warte ich, bis sie eingeschlafen ist." Ich lasse sie auf der Couch liegen, und am nächsten Morgen liegt sie immer noch da. Quelle: Liz Moore – Der andere Arthur Auch Kel schildert sein Leben mit einer eigenen Erzählerstimme. Anders als bei dem älteren Arthur irritiert das manchmal, da Kels reife Sprache nicht wie die eines Teenagers klingt. Wichtiger aber ist, dass er uns seine Zerrissenheit nachfühlbar vermittelt – zwischen seinem schwierigen Zuhause und der Welt der Reichen. Die nimmt ihn, den hübschen, sportlichen Jungen, zwar freundlich auf – dennoch fühlt sich Kel in den Luxusvillen der Freunde fremd.  Soziale Kluft: Wärme und Unterstützung in beiden Welten  In „Der andere Arthur“ thematisiert Liz Moore erneut die ausgeprägten sozialen Unterschiede in den USA – sie erscheinen in ihrem Roman jedoch nicht unüberbrückbar. Als Kel eine Tragödie erlebt, erfährt er in den beiden Welten, zwischen denen er pendelt, Wärme und Unterstützung.  Der ältere Arthur wiederum, der esssüchtige ehemalige Universitätsdozent aus Brooklyn, wird von einer jungen Putzfrau aus seiner Isolation geholt und empfindet zum ersten Mal seit langem Glück und Hoffnung.  Liz Moore schreibt auf bewegende Weise über ein gesellschaftliches Thema unserer Zeit: die Einsamkeit.  In „Der andere Arthur“ sind fast alle Figuren gutherzige Menschen. Wie langweilig, könnte man meinen. Doch nein, man verfolgt das Schicksal der beiden ungleichen Protagonisten anteilnehmend und gespannt – bis zum Ende, als beide Handlungsstränge schließlich zusammenfinden.
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Jan 28, 2026 • 4min

Die geheime Kraft der Schwalbenherzen

Als Olga Ravn in einem Kopenhagener Archiv alte Gerichtsbücher öffnet, rieselt ihr Sand entgegen. Sand, der im Moment der Niederschrift zum schnellen Trocknen über die Tinte gestreut wurde – und nun, knapp 400 Jahre später, erstmals wieder zum Vorschein kommt. In ihrem Roman „Wachskind“ arbeitet die 39-jährige Autorin eine Reihe von Hexenprozessen auf, die zwischen 1596 und 1621 im dänischen Aalborg abgehalten wurden.   Bei aller Faktentreue ist „Wachskind“ aber kein historischer Roman im üblichen Sinne geworden. Das zeigt sich an der erstaunlichen Erzählperspektive. Die Erzählstimme, die uns durch große Teile der Handlung führt, gehört keinem Menschen, sondern einer Wachspuppe:  Ich bin ein Kind aus Bienenwachs. Geformt zu einer Puppe von der Größe eines menschlichen Unterarms. Man hat mich mit Haaren und Nägeln der Person versehen, die leiden soll. (…) Ich alterte nicht. Ich lag in der Erde und sah das Ganze. Ich sah Reiche entstehen, Staaten sich etablieren, Macht sich zentralisieren. Ich sah die Wolken vorbeieilen. Quelle: Olga Ravn – Wachskind Außergewöhnliche Erzählperspektive  Dieses „Wachskind“, das nicht lebt und doch alles sieht, nimmt die Welt synästhetisch wahr. Es spricht die Sprache der Pflanzen und Winde, kann Trauer schmecken und in die Organe und Blutbahnen der Menschen sehen. Wachspuppen, denen eine Voodoo-ähnliche Macht zugeschrieben wurde, hat es in Dänemark tatsächlich gegeben. Olga Ravn vergrößert und poetisiert diese historische Vorlage zu einer mystisch-zeitlosen Erzählstimme.  Schöpferin des Wachskinds ist Christenze Kruckow, eine verarmte, alleinstehende und kinderlose Adlige aus Süddänemark. Christenze flieht nach Aalborg, nachdem die abermalige Totgeburt einer Bekannten mit ihr und möglicher Hexerei in Verbindung gebracht wird.   In der Hafenstadt wird sie in eine lose Gemeinschaft von Frauen aufgenommen, die täglich gemeinsam ihre Arbeiten verrichten.   Gänse mussten gerupft werden, Hopfen musste gepflückt werden, der Hopfen musste niedrig gehalten werden, er war wüchsig und wucherte, fast wie ein Unkraut, und die kleinen glockenförmigen Zapfen hingen wie Kletten an ihren Kleidern, es mussten Wände verputzt, Kinder geboren und Käse beim Molkefest gemacht werden, und alles war spaßiger, leichter und einfacher, wenn man mehr als bloß eine war.    Quelle: Olga Ravn – Wachskind Eine Geschichte weiblicher Gemeinschaft  In Sätzen wie diesen blitzt Ravns poetische Kraft auf – und mit ihr die große Leistung des Übersetzers Alexander Sitzmann. Zum weiten sprachlichen Repertoire des Romans gehören auch die alten Zaubersprüche, die Ravn zahlreich zitiert.   Nimm eine Schwalbe. Nimm ihr Herz und röste es auf einem Stock. Nimm dann die Schwalbenzunge und lege sie unter deine eigene. Iss dann das Schwalbenherz. Trage danach die Schwalbenzunge bei dir, und wann immer jemand auf dich wütend ist, lege die Schwalbenzunge unter deine eigene und sprich zu der Person, die wütend ist, und ihre Wut auf dich wird augenblicklich verrauchen.   Quelle: Olga Ravn – Wachskind Logik des Verdachts  Es bleibt offen, ob Christenze und ihre Freundinnen tatsächlich zaubern können. Umso aussagekräftiger ist es, wenn Olga Ravn der poetischen Irrationalität der „Hexen“ jene der – rein männlichen – Inquisition gegenüberstellt.  Sie lasen in ihren Dämonologien, Büchern über den Teufel, und dort stand geschrieben: Die Frau ist leichter vom Satan zu verführen, denn sie ist an Leib und Seele schwächer als der Mann. (…) Und sie lasen: Wo es viele Frauen gibt, gibt es viele Hexen.   Quelle: Olga Ravn – Wachskind Christenze fällt dieser selbstverstärkenden Logik des Verdachts schließlich zum Opfer – ein Happy End kennt „Wachskind“ nicht. Das hätte dieser schöne, poetische Roman aber auch gar nicht nötig.
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Jan 27, 2026 • 4min

Erinnerungen des großen Historikers Heinrich August Winkler

Manchmal kommt das alles schon ein bisschen spröde daher. Vor allem im ersten Teil seiner Erinnerungen sediert Heinrich August Winkler die Leserschaft mit länglichen Namensaufzählungen von Lehrern und Hochschulprofessoren. Im akademischen Zusammenhang sicher nicht uninteressant – aber für ein breiteres Publikum? Ab dem zweiten von drei Kapiteln jedoch nimmt Winklers Autobiographie deutlich Fahrt auf. Der 87-Jährige erinnert sich an seine Kindheit in Königsberg und an die Flucht seiner alleinerziehenden Mutter im Sommer 44 auf die Schwäbische Alb. Brigitte Winkler, die Mutter, trat eine Stelle als Lehrerin an der Urspringschule in der Nähe von Schelklingen an.  Protestantisches Ethos  Ihrem Sohn vermittelte die promovierte Historikerin eine pflicht- und leistungsorientierte Haltung, typisch für das bürgerlich-protestantische Milieu der ersten Jahrhunderthälfte:  Ich wurde streng evangelisch erzogen. Ich wuchs auf mit Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, mit Kirchen- und Volksliedern, klassischer Musik, wobei Johann Sebastian Bach das Nonplusultra war und für mich geblieben ist. Gegen nationalsozialistische Einflüsse wurde ich, so gut es ging, abgeschirmt. Quelle: Heinrich August Winkler – Warum es so gekommen ist Man war konservativ, nicht völkisch gesinnt bei den Winklers. 1948 übersiedelt die Familie nach Ulm. Heinrich August besucht, der Familientradition entsprechend, das altsprachliche Gymnasium. Früh beginnt er sich für Politik und Geschichte zu interessieren. Mit 16 tritt der junge Mann in die CDU ein. Es folgen Studien in Münster, Tübingen und Heidelberg. 1961 – nach der berüchtigten Verleumdungskampagne der deutschen Christdemokratie gegen den Emigranten Willy Brandt – verlässt der Jung-Historiker die CDU, ein Jahr später tritt er in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ein.  Drei biographische Skizzen  Was er mit seinem Buch vorlege, seien keine klassischen Memoiren, betont Heinrich August Winkler, es handle sich vielmehr um biographische Skizzen. Der 87-Jährige berichtet von Begegnungen mit Jürgen Habermas, Reinhart Koselleck und Ralf Dahrendorf, er gedenkt aber auch der politischen Kämpfe, in die er sich im Laufe seines Lebens gestürzt hat: Gegen eine Zusammenarbeit seiner SPD mit der postkommunistischen PDS hat sich Winkler nach der Wende ebenso ausgesprochen wie gegen die deutsche Beteiligung am Irak-Krieg 2003. Auch über Putin und seine neo-imperialistischen Ambitionen habe er sich spätestens nach der Annexion der Krim 2014 keine Illusionen mehr gemacht, so der Historiker.   Dann und wann gestattet sich Heinrich August Winkler auch höchstpersönliche Erinnerungen. Den Tag der deutschen Einheit etwa habe er zusammen mit seiner Frau im schwäbischen Stegen-Eschbach erlebt, wo das Ehepaar ein Haus besitzt:   Der 3. Oktober 1990, der Tag der Wiedervereinigung, wurde auch in Eschbach feierlich begangen. Der Teilortsbürgermeister, ein aufrechter badischer Christdemokrat, dankte in seiner Rede von der Treppe des alten Rathauses aus dem „Regenten von Russland“, also Michail Gorbatschow, unter großem Beifall dafür, dass er dieses Ereignis möglich gemacht habe. Es dürfte das erste und letzte Mal in der Geschichte gewesen sein, dass der Chef einer kommunistischen Partei in einem Schwarzwalddorf so viel Zuspruch fand.  Quelle: Heinrich August Winkler – Warum es so gekommen ist Bilanz eines erfüllten Forscherlebens  Heinrich August Winklers Erinnerungsbuch – halb Selbstreflexion, halb autobiographische Leistungsschau – ist die Bilanz eines erfüllten Forscherlebens. Deutschlands langen Weg nach Westen hat Winkler nicht nur brillant analysiert, er hat ihn auch befördert. Man kann es für einen melancholischen Akkord in der Abendröte der Winklerschen Forscherbiographie halten, dass ihm „der Westen“ in den letzten Jahren, wie es scheint, unter den Füßen wegzubröckeln beginnt.

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