
SWR Kultur lesenswert - Literatur Von der Vergangenheit erzählen, als könne sie wieder stattfinden
Aug 19, 2025
07:49
Hedda ist Seiltänzerin im Alkazar auf der Reeperbahn. Anfang der 1930er Jahre beeindruckt sie das Publikum des legendären Varieté-Theaters in St. Pauli nicht nur mit ihrer waghalsigen Artistik, sondern auch mit zwei gefräßigen Kaimanen namens Eddy und Fred, die Hedda auf die Bühne mitnimmt.
Selbst Alkazar-Gründer Arthur, der als gewissenloser Lude, aber auch als melancholischer Wohltäter geschildert wird, hat Respekt vor den Auftritten seiner Lieblingskünstlerin.
Fließende Übergänge von Bühne und Bett
Hedda genießt erstaunliche Freiräume in einer ruppigen Welt, in der die Übergänge von Bühne und Bett oft fließend sind. Die Tänzerin weiß um die Abgründe ihrer Arbeit. Frauen, die sich verkaufen müssen, werden von ihr „die Ritas“ genannt. Ein Teil von Hedda ist auch eine Rita. Diese Persönlichkeitsaufspaltung, die im Text als wiederkehrendes Motiv eingesetzt wird, fungiert als eine Art sprachlich-psychischer Schutzmechanismus in der sich radikalisierenden Männergesellschaft. Als die Nazis die Macht im Staate übernehmen, verändert sich der Kiez dementsprechend: Der freizügige Seiltanz mit Alligatoren ist bald abgesetzt, nun müssen „die Mädels im Dirndl“ auftreten. Heddas Freunde, die in kommunistischen Sportgruppen aktiv sind, werden verhaftet und ermordet.Sie haben Listen gefunden. Rotsport.Ein kurzer Satz und noch ein Signalwort reichen Anja Kampmann, um bedrohliche Situationen zu beschreiben. Später erfahren wir, dass Heddas Schwarm, der Boxer Karl Johann August Hacker genannt Kuddel, von der Gestapo „geholt“ wurde. Die Angst begleitet die Figuren in „Die Wut ist ein heller Stern“ überallhin. Die neuen Hilfspolizisten, kurz: Hipos, sind im Dauereinsatz für den „Schnäuzer“, womit Adolf Hitler gemeint ist. Inzwischen ist es sogar zu gefährlich, auf die Beerdigung eines Freundes gehen, der als Rotfrontkämpfer hingerichtet wurde. Selbst die Finken, kleinkriminelle Schläger, die Arthurs Machtposition jahrelang abgesichert haben, können dem „Peitschenkönig“ nicht mehr helfen. Sein Nachfolger steht schon bereit.Quelle: Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern
Jetzt hat Leopold sich ins Stroh gelegt mit dem Vieh. Er hat vorher die Getränke ins Alkazar geliefert. Aber er besitzt eine schöne Parteinummer. Alter Kämpfer. Er hetzt gegen Arthur, wie sie alle, sie bündeln ihre Kräfte, wollen ihn rausdrücken, deshalb sind sie hier. Sitzen an den Abenden da, starren uns an. Jeder Blick von ihnen sagt: Er kann euch nicht mehr schützen.Quelle: Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern
Koloniale Pläne im Eismeer
Parallel zu den Geschehnissen im Varieté wird Heddas Familiengeschichte erzählt. Der Vater reiht sich in die SA ein, die Mutter verdingt sich in Reemtsmas Zigarettenfabrik. Den behinderten Sohn Pauli können oder wollen die Eltern nicht mehr versorgen. Auch deshalb arbeitet Hedda nicht nur auf der Bühne, sondern verkauft ihren Körper dem Grauen, einem gebildeten Freier, der einst in der Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika diente. Mit dem wenigen Geld, das ihr der Graue gibt, finanziert sie Paulis Betreuung bei der Grubemüller, einer Nachbarin, „die es bis zur Blockwartin“ bringt. Und dann gibt es noch Jaan, Heddas älterer Bruder, der als schlecht bezahlter Geselle in einer Schmiede arbeitet und davon träumt, Harpunen für einen neuen Walfänger herzustellen. Tatsächlich planen die Nazis eine „Kolonie im Eismeer“. Die persönliche Not der Menschen ist bei Kampmann stets mit den politischen Verhältnissen, in diesem Fall mit dem Großmachtstreben des neuen Reichs verbunden.Pauli will Schiff fahren, wie Jaan. Weg von der Grubemüller. Bald, sage ich.Der Kleine wird nicht an Bord der Walfängers gehen können. Nicht einmal an Land wird er toleriert. Das Kind mit den Lern- und Gehschwierigkeiten darf nicht länger die Schule besuchen. Wer keine arische Perfektion bietet, wird aussortiert. Auch für Hedda werden die Räume ab 1933 ständig kleiner. Zeitweilig übernachtet sie bei der Prostituierten Leni und gerät damit ins Visier der brutalen Fürsorge.Quelle: Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern
Käthe Petersen ist der geflügelte Name, der nun überall herumgeistert. Komm ihr schräg, und du wirst entmündigt, für bekloppt erklärt, sagt Leni. Sie kontrolliert die Untersuchungen, sie darf über dich bestimmen, als wärest du ein Kind. Geschlechtskrank oder moralisch verkommen. Wohin du gehst und wie lange, ob mit dir noch zu rechnen ist. Papiere gehen hin und her.Quelle: Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern
Ein zweites Ich als Schutz
Die Zwangsoperation, der sich auch Hedda unterziehen muss, wird in einer schrecklich bedrückenden und gleichwohl gelungenen Szene beschrieben. Hier zeigt sich, wie existentiell die oft spielerisch anmutende Aufspaltung ihrer Identität ist. Eine Rita können sie „wie einen Kürbis aushöhlen“, heißt es in dem Roman, aber an Heddas Ich kommen die verbrecherischen Ärzte nicht heran. Die Erzählerin überlebt die unmenschliche Behandlung mit einer Wut, die wirklich wie ein heller Stern leuchtet.Da steht sie die Fürsorgerin. Ein Rübenmund und dieser vorwurfsvolle Blick. Indem ihr euch selbst erniedrigt, beschmutzt ihr zugleich die Reinheit des Volkskörpers. Pah. Die Rita starrt sie mit Rehaugen an, aber ich lache, du kratziges Biest, ich geh dir an die Gurgel, ich häcksel dich klein wie das stinkende Suppengrün auf dem Schneidebrett. Pah!Quelle: Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern
