

Eigentlich Podcast
Micz & Flo
Reden beim Laufen und laufend Reden - über Film, Technik und Psychotherapie
Episodes
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Oct 8, 2026 • 58min
EGL113 Expanse Protomolekül als KI-Metapher: Wie Menschen göttliche Technologie begehren
"Richtig angewendet kann alles zur Waffe werden. Auch Güte kann eine Waffe sein." -- Arum Lee, The Expanse, Season 4, Episode 10
Wir wandern im "Uncanny Valley" der Tuxer Alpen: durch einen alpinen Truppenübungsplatz zur Lizumer Hütte. Wo wenn nicht hier und wer wenn nicht wir packt in diesem martialischen Idyll die heißen Eisen "The Expanse" und "Künstliche Intelligenz" an? Das Protomolekül in "The Expanse" ist ein McGuffin, dass uns vorführt, wie Menschen mit etwas umgehen, das sie nicht verstehen. Sie wollen damit spielen. Sie wollen es nicht teilen. Sie wollen davon profitieren. Sie haben Angst davor und noch mehr, dass andere zuerst damit spielen, es nicht teilen und davon als erste profitieren. In dieser Episode versuchen wir die fiktive Geschichte des Protomoleküls mit der aktuellen Debatte und Entwicklung der Künstlichen Intelligenz zu alignen. "Uncanny" wie gut das zusammenpasst. Flo bleibt skeptisch. Micz (ich) finde beim zweiten Mal hören die Parallelen wirklich greifbar. Technolgie und Begehren.
Mitwirkende
Micz Flor
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Florian Clauß
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Verwandte Episoden
EGL015 Die 39 Stufen: der erste MacGuffin in der FilmgeschichteEGL041 The Expanse: warum die geniale Sci-Fi Serie so gut funktioniert.EGL048 "The Expanse" zu Ende erzählt: Was passiert in den drei unverfilmten Büchern der Serie?

Sep 24, 2026 • 30min
EGL112 Tuxer Sagen I – Die Gefrorene Wand
Wie die Landschaft der Tuxer Alpen ihre Sagen erzeugt
Auf unserer Hüttentour durch die Tuxer Alpen hat Flo etwas ganz Ortsverbundenes mitgebracht: die Sagen dieser Gegend, präsentiert Flo vor genau der Landschaft, aus der sie stammen. Anders als das Märchen trägt die Sage stets einen Wahrheitskern in sich: konkrete Orte, reale Figuren, geschichtliche Bezüge. Sie kennt kein tröstliches "Wenn sie nicht gestorben sind …". Hier geht auch schlecht aus, was schlecht ausgeht. Während unser Blick über die raue Bergwelt schweift, malen wir uns aus, wie aus einem Massiv ein schlafender Riese wird. Denn im Zentrum der Tuxer Sagen kommt es immer wieder zum selben Dreiklang: Landschaft, Naturgewalt und Schicksalsgemeinschaft. Die Natur erscheint dabei ambivalent, sie kann strafen und ebenso helfen. Und sie ist, ganz ähnlich wie im asiatischen Animismus, beseelt: bevölkert von Berggeistern, rätselhaften Frauen und Felswänden, die noch die Kratzspuren alter Geschichten tragen. Der Mensch ist in dieser übermächtigen Umgebung nur ein winziges Körnchen und sollte sich in Demut üben. In dieser Folge widmen wir uns der Sage von der gefrorenen Wand: der Geschichte einer reichen Alm, deren Bewohner übermütig werden, die Kirche verhöhnen und schließlich Butterkugeln ins Tal schleudern. Hochmut und die Verschwendung kostbarer Lebensmittel werden hart bestraft. Zwei weitere Sagen heben wir uns für die nächste Folge auf.
Shownotes
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EGL112 | Wanderung | Komoot
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Tuxer Alpen – Wikipedia
Tuxer Sagen - Tux - Startseite - Leben in Tux - Wissenswertes - Tuxer Sagen
SAGEN.at - Der Tuxer Riese
Riese – Wikipedia
Tuxer Joch – Wikipedia
Schicksalsgemeinschaft – Wikipedia
Ignaz Vinzenz Zingerle – Wikipedia
Brüder Grimm – Wikipedia
Luftrettung | Christoph Murnau | Germany
Mitwirkende
Florian Clauß
(Erzähler)
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Die Gefrorene Wand
Es ist lange her, so lange, dass keiner mehr den Namen jener Menschen kennt, die damals lebten. Doch die Alten erzählen es ihren Kindern noch heute, und die Kinder erzählen es weiter, denn der Berg, um den es geht, steht ja noch immer da – man muss nur hinaufschauen.Versteckt im hintersten Winkel des Tuxertals, dort, wo heute das Spannagelhaus in den Wind gestellt ist, lag einst die schönste und größte Alm des ganzen Tales. Wer sie sah, dem ging das Herz auf. Die Wiesen leuchteten so saftig grün, dass es in den Augen schmerzte, und das Vieh war so wohlgenährt, wie man es nirgends sonst gesehen hatte. Wenn die Almer am Abend ihre Kühe melkten, da floss die Milch nicht dünn und bläulich in die Kübel, wie es bei armen Leuten der Fall ist – nein, sie floss dick und gelb wie der reinste Rahm aus den Eutern, und der Duft von frischer Butter lag über der ganzen Alm.Niemand musste hungern in jenen Tagen. Bis weit hinaus ins Zillertal wurden die Menschen mit Butter, Käse und Milch von dieser einen Alm versorgt, und man nannte sie glücklich, die dort oben ihr Vieh hüten durften.Doch, wie es so geht, wenn der Mensch es allzu gut hat: Die Almer wurden übermütig. Sie wurden faul, und sie wurden hochmütig, und schließlich vergaßen sie sogar den lieben Herrgott, dem sie all ihren Reichtum zu verdanken hatten.Es war an einem Sonntagmorgen. Unten im Dorf läuteten die Kirchenglocken zur heiligen Messe, hell und klar stieg ihr Klang die Berge herauf. Doch die Almer lagen faul auf ihren Strohbetten, gähnten und streckten sich und dachten gar nicht daran, den weiten Weg hinunter ins Dörflein zu gehen, um dem Herrgott für seine Güte zu danken.„Was brauchen wir in die Kirche gehen“, sagte einer, der gottloseste von allen, und lachte, „wo wir doch hier oben mehr zu essen haben, als wir je verbrauchen können!“Und ein schallendes Gelächter erhob sich, das von der Alm bis hinunter ins Dorf zu hören war.Nur zwei von ihnen besannen sich noch rechtzeitig. Sie erschraken über die frevelhaften Worte, sprangen auf und liefen, so schnell sie ihre Beine trugen, den Berg hinab zur Kirche, um die Messe nicht zu versäumen. Die anderen aber riefen ihnen höhnisch nach: „Betbrüder! Betbrüder!“, und wieherten vor Lachen.Dann standen sie auf von ihren Strohbetten, und weil ihnen langweilig war, fingen sie mit teuflischem Übermut an, die großen, fetten Butterkugeln herumzuwerfen. Jauchzend und mit gottverlassener Freude schleuderten sie die Butter über die grünen Wiesen, bis die Kugeln an den Baumstämmen zerplatzten. Als ihnen auch das noch zu langweilig wurde, da rollten sie die kostbaren Butterkugeln den Hang hinunter, dem Dorf entgegen – und zielten geradewegs auf das kleine Kirchlein, in dem eben die Messe gefeiert wurde.Die erste Kugel traf die Kirchentür.Und im selben Augenblick zerriss ein furchtbarer Donner den Himmel. Es krachte, als bräche die Welt entzwei. Ein Blitz nach dem anderen schlug in den Boden, und schwarze Wolken, wie man sie noch nie gesehen hatte, wälzten sich über die Alm und hüllten sie ein. Zuerst kam der Regen, in Strömen, dann kam der Schnee – und der Schnee hörte nicht mehr auf.Drei Tage und drei Nächte schneite es ohne Unterlass. Und als es am dritten Tag endlich still wurde und der Schnee aufhörte zu fallen, da war die Alm verschwunden. Wo eben noch das saftige Grün bis ins Tal geleuchtet hatte, lag nun eine meterhohe, weiße, tote Decke aus Eis und Schnee. Darunter aber, für immer begraben, lagen die frevelhaften Almer mit all ihrem Übermut.Der Berg war erstarrt. Und von jenem Tag an nennen ihn die Leute nur noch die Gefrorene Wand.Und wenn du heute hinaufschaust zu ihr, zu dem grauen Eis, das dort oben liegt, wo einst die schönste Alm des Tales war – dann denke an die Almer, die vergaßen, wem sie zu danken hatten. Der Berg hat es nicht vergessen.

Aug 27, 2026 • 47min
EGL111 Beim Laufen reden und laufend reden: Quanten, Bücher, Kartenspiele und zwei Wanderwege
"Prepare the horxbrid and wagon, fetch my trunk, dress yourself in the dark blue Firschnian monk robes, and meet me on the lawn in forty-five minutes. We depart this very afternoon" -- Shrue in The Guiding Nose of Ulfänt Banderōz von Dan Simmons 2009
Diese Sommerepisode ist vollgepackt mit Büchern, Spielen, einem Film und zwei Wanderungen. Flo und Micz treffen sich, um Episode 111 (Schnapszahl) aufzunehmen und erwandern sich ganz entspannt die Stimmung, die den Claim „Beim Laufen reden und laufend reden“ begründete: beim Wandern ohne Hintergedanken mal alles raushauen, was einen gerade so beschäftigt. Micz beginnt mit seinem gefährlichen Halbwissen über Quantenphysik und Quantenfeldtheorie um sich zu werfen und Flo hammert die Bälle mit vollem Elan auf die Tribüne. So ist allen geholfen und das Niveau der Sommerfolge abgesteckt. Verlinkt in den Shownotes sind neben den Quantenschmökern „In Search of Schrödinger's Cat“ von John und Mary Gribbin aus dem Jahr 1984 und Adam Beckers „Was ist real? Das ungelöste Problem der Quantenphysik“ von 2018 auch Elizabeth Grosz und „Jacques Lacan. A Feminist Introduction“ aus dem Jahr 1990. Außerdem landet mit Georg Hermanns „Kubinke“ ein älterer Roman auf der Leseliste, diesmal nicht nur als gedrucktes Buch, sondern auch als Hörfassung: Peter Schiff liest „Kubinke“ für ARD Sounds. Micz kramt immer noch einen Dan Simmons aus. Diesmal „The Guiding Nose of Ulfant Banderoz“ aus dem Jahr 2012. Brett- und Kartenspiele sind „Quarto!“ für zwei Personen, Zank-Patience, „Cabo“, dessen Regeln im verlinkten Erklärvideo anzuschauen sind. Und schließlich „Durak“, ein traditionelles russisches Kartenspiel, auf Deutsch „Dummkopf“. Der Film: „Evil Does Not Exist“ von Ryusuke Hamaguchi aus dem Jahr 2023. Und weil diese Folge nicht nur geredet, sondern auch erlaufen wurde: die Hochrieshütte auf 1569 Metern und der Meraner Höhenweg verlinkt. Let the sun shine on me (and you and you and you).
Shownotes
Engelbecken und Luisenstädtischer Kanal – Wikipedia
Bücher (Print und Audiobooks)
In Search Of Schrodinger's Cat | 1984 by John and Mary Gribbin
Was ist real? Das ungelöste Problem der Quantenphysik | Adam Becker, 2018
Jacques Lacan. A Feminist Introduction | Elizabeth Grosz, 1990
Georg Hermann: Kubinke (1/22) | gelesen von Peter Schiff auf ARD Sounds
Autor Georg Hermann auf Wikipedia
The Guiding Nose of Ulfant Banderoz by Dan Simmons, 2009
Brettspiele
Quarto! Brettspiel für zwei Spieler
Kartenspiele
Zank-Patience, Patience-Kartenspiel für zwei Personen
Cabo. Regeln Anleitung Erklärung Regelvideo
Durak, deutsch ‚Dummkopf‘, traditionelles russisches Kartenspiel
Filme / Movies
Evil Does Not Exist, 2023 Japan by Ryusuke Hamaguchi
Bergwelt und Wandern
Hochrieshütte auf 1569 Metern
Meraner Höhenweg
Mitwirkende
Micz Flor
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Florian Clauß
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Eine Korrektur zur Episode: die Geschichte, die ich im Podcast Ted Chiang zuschreibe, war nicht von Chiang, sondern von Ted Kosmatka und heißt „Divining Light“ (Asimov’s Science Fiction, 2008). Darin bekommt ein Physiker nach einer schweren persönlichen Krise eine zweite Chance durch einen Bekannten. Er kann in einem Forschungslabor arbeiten, ohne direkten Auftrag. Er wendet sich dem Doppelspaltexperiment zu, um die „Collapsing Wave Function“ und den „Collapse“ durch den:die Beobachter:in zu erforschen. Mit tierischen und menschlichen Probant:innen entdeckt er einen Zusammenhang zwischen bewusster Beobachtung und einer Eigenschaft, die nur Menschen zu haben scheinen. ABER NICHT ALLE!!!
Den Ted Chiang Reader, den ich anspreche, den wollte ich dennoch nicht vorenthalten. Aber was vor sieben Jahren noch frei verfügbar war, konnte ich nicht mehr alles finden. Hier die Liste der Kurzgeschichten:
Online lesen:
Division by Zero (1991)
Exhalation (2008)
The Great Silence (2015)
Folgende Geschichten lassen sich im Netz finden:
Understand (1991)
Seventy-Two Letters (2000)
What’s expected of us (2005)
The Merchant and the Alchemist’s Gate (2007)
The Lifecycle of Software Objects (2010)
Inzwischen nicht mehr frei verfügbar:
Catching crumbs from the table (2000)

Aug 13, 2026 • 0sec
EGL110 Scherbenland – Xbergs Identity Property
„Der Traum ist aus, zu dieser Zeit. Doch nicht mehr lange - mach dich bereit für den Kampf ums Paradies. Wir haben nichts zu verlieren, außer unsere Angst. Es ist unsere Zukunft, unser Land. Gib mir deine Liebe, gib mir deine Hand.“ Rio Reiser
In dieser Sommerfolge machen wir es uns vermeintlich leicht: keine große Vorbereitung, einfach zusammen ins Kino und danach beim Laufen reden. Wir sehen im Kino Zukunft den Dokumentarfilm „Scherbenland“ an und stolpern prompt in einen Metaclash, als wir merken, dass ein Interview des Films direkt vor der Tür dieses Kinos aufgenommen wurde. Anschließend spazieren wir Flos alte Laufroute nach entlang der Rummelsburger Bucht und Alt-Stralau. Dabei versuchen herauszufinden, was dieser Film eigentlich mit uns gemacht hat. „Scherbenland“ ist weniger die erhoffte historische Ton-Steine-Scherben-Doku als vielmehr eine Liebeserklärung an Kreuzberg – ein Heimatfilm, dessen Schauplatz auf ein bis zwei Quadratkilometer schrumpft. Drei Musik-Perspektiven werden verwoben: das Rap-Trio RAPK mit ihrer Kiez-Attitüde und ihrem Lebensgefühl „Land Kreuzberg“, die Liedermacherin Maike Rosa Vogel mit ihrer klaren, ergreifenden Stimme und ihren Songs um soziale und ökolgische Ungerechtigkeiten, sowie der starken Stimme von Rio Reiser mit Ton Stein und Scherben. Micz ist skeptisch, ja fast empört: ihm fehlt die Einordnungen, das Thema, der rote Faden. Er hat das Gefühl, in die Irre geführt zu werden. Besonders bei der Frage, ob verschnittenes Wasserwerfer-Material und ein Rio-Reiser-Konzert zeitlich und örtlich (DDR? West-Berlin? Mainzer Straße 1990?) überhaupt zusammenpassen. Flo hält dagegen: Der Film schaffe ein Gefühl, ein Lebensgefühl, auch wenn die Collage nicht ganz zusammenklebt. Den meisten Raum im Film nimmt RAPK ein. Das Rap-Trio wird ausführlich porträtiert, mit vielen Songs, Konzertmitschnitten aus der Columbiahalle und intimen Momenten in Hinterhöfen, Kinderzimmern und auf Kreuzberger Dächern. In diesen Passagen bekommen wir das Gefühl einem Promotionvideo der Band zu folgen. Dennoch vermittelt sich ein Bezug; RAPK sind keine Zugezogenen mit einem ungelösten Konflikt oder auf Suche nach einer neuen Heimat, sondern die Einheimischen, die einfach geblieben sind, hineingewachsen in den Kiez wie Fische ins Meer. Ihr Widerstand ist weniger Parole als Lebensgefühl. Wir tauchen auch in die Stadtgeschichte und linke Tradition von Kreuzberg ein: das von der Mauer umschlossene Insel-Kreuzberg mit seinen toten Ecken, billigem Wohnraum, hohem Migrationsanteil, „Fahnenflüchtigen“ und der queeren Szene. Wir sprechen über die Hausbesetzerbewegung, den Schwenk zum „Das Private ist das Politische“ und die Autonomen-Szene. Es geht auch um die Räumungen von der Mainzer bis zur Liebigstraße und um den ritualisierten, fast sportlichen revolutionären 1. Mai. Am Ende bleibt Ambivalenz: ein Film, der vor allem ein Gefühl transportiert, dem aber der rote Faden und die politische Dringlichkeit fehlen. Muss man sehen? Möchte man gesehen haben, wenn man Kreuzberg liebt!
Shownotes
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Scherbenland – Wikipedia
Scherbenland / Salzgeber
Rio Reiser – Wikipedia
Maike Rosa Vogel – Wikipedia
Home - Maike Rosa Vogel
RAPK 10997 (@rapk_official) • Instagram photos and videos
Mainzer Straße (Berlin-Friedrichshain) – Wikipedia
Lola rennt – Wikipedia
Keine Macht für Niemand – Wikipedia
Otto Schily – Wikipedia
Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte – Wikipedia
Fanzine – Wikipedia
Internationale Bauausstellung 1987 – Wikipedia
Erster Mai in Kreuzberg – Wikipedia
Herr Lehmann – Wikipedia
Schwarzer Block – Wikipedia
Babo – Die Haftbefehl-Story – Wikipedia
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FilmTitelScherbenlandProduktionslandDeutschlandOriginalspracheDeutschErscheinungsjahr2026Länge100 MinutenStabRegieLutz Pehnert, Ferdinand HübnerDrehbuchLutz Pehnert, Ferdinand HübnerProduktionSusann SchimkMusikTon Steine ScherbenKameraThomas LützSchnittThomas Kleinwächter
Prinzessinnenbad – RAPK
Ich glaub‘, ich hab‘ mich verlor’nIn ei’m Land namens Kreuzberg (Ahh)Oh ja, hier kannst du was seh’n (Kannst du was seh’n)Und glaub nicht, dass du enttäuscht wirst, ah, ahLolo, ich bin hier gebor’n, ey (Ja, ja, ja)In ei’m Land names KreuzbergJa, Tauben fliegen übern ZaunDas kannst du auch, wenn du hier aufwächst, mhm
Drei, sechs, sechs, einsThe whole day through (Hole day through)Is‘ wie ein alter Song, so gutIn meinem Kopf bleibst immer du, duK-Köfte Kottbusser Damm, ahPrinzenbad ist wie StrandTouris sind hier verlor’n, ahLaufе Skalitzer lang (Ja)Barbecues im ParkGuck, еin paar Rentner sammeln PfandIch weiß selber keinen Weg hier raus, doch zeig mir, wenn du’s kannstI-I-In der O-Straße häng’n Punk-Rocker bei CoretexUnd die Schuhe von der Ampel am RioJa-ja, hier zählt nicht, wo du irgendwann gebor’n bistIch weiß nur, wer das nicht versteht, ist ein IdiotYou might also likeRah Tah TahTyler, The CreatorI Killed YouTyler, The CreatorDarling, ITyler, The Creator
Ich glaub‘, ich hab‘ mich verlor’nIn ei’m Land namens Kreuzberg (Ahh)Oh ja, hier kannst du was seh’n (Kannst du was seh’n)Und glaub nicht, dass du enttäuscht wirst, ah, ahLolo, ich bin hier gebor’n, ey (Ja, ja, ja)In ei’m Land names KreuzbergJa, Tauben fliegen übern ZaunDas kannst du auch, wenn du hier aufwächst, mhm
Ich kann nicht anders – Maike Rosa Vogel
Ich bin traurig, dass wir nicht für immer leben, und dass diese Welt nicht schneller zu dem Ort wird, den wir wollenNur einen Augenblick kann ich was von mir geben, dann hört es auf und ist vorbei, wie blöd ist das denn?
Wir sind so unterschiedlich und alle diese Menschen wollen verstanden werden, manche wollen sogar auch verstehen.Es scheint vergeblich und umsonst, in diesem Chaos ist es Kunst nur für fünf Minuten zu wissen, wer man sein soll.
Und wenn ichs weiß, dann schau ich um mich und sehe alles, aufgereiht im Durcheinander, wild zerschossen wie im Krieg.Ich mag es so gern, und ich mochte es schon immer. Ich kann nicht anders als zu glauben dass es ein gutes Ende gibt,irgendwann. Irgendwann. Irgendwann. Irgendwann.
Vielleicht ohne mich, vielleicht mit meinen Kindern. Wer weiß schon, in welchen Wellen glückliche Enden auf uns rollen,aber jetzt ist es schon gut, mit dem Schwachsinn und dem Schwindel, mit den Spießern, den Idioten, mit den Lebenden, den Toten.
Mit dem atomaren Müll und mit den gequälten Tieren, mit dem Gift auf unserer Haut, mit dem Dreck, den wir produzieren,mit den Bomben, den Geschossen, Kindern in Westen statt Schwimmflossen, im Mittelmeer auf Rettungsbooten, fast gerettet, fast verloren.
Und wenn es schlimm ist, richtig schlimm, dann schau genau hin: wie viele Menschen sich noch finden, um den Horror zu verhindern.Es sind meistens mehr als die, die den Rücken zu uns kehren, und uns den Teil in sich verwehren, mit dem sie auch geboren werden.
Es gibt immer welche, die ins kalte Wasser hinterher springen, bis zur Erschöpfung Deiche sichern, ins brennende Haus wieder hineinrennen,die aus Containern Essen reichen, die dem schlimmsten Mob nicht weichen, wenn es darum geht den anderen ihre Menschlichkeit zu reichen
Es ist gut, mit Polizisten, manche hier, um uns zu schützen, manche nur um wegzuschauen, wenn andere wieder Menschen hetzen.Mit den viel zu dünnen Frauen die sich viel zu wenig trauen, mit dem vielen Sex, den viele haben ohne es zu wollen.
Und mit der Schuld, die wir mal spüren und mal betäuben, weil wir trotzdem gerne hier sind weil wir uns trotzdem an uns freuen.Sie steht da und lässt uns aussehen wie Idioten, wenn wir die Leichtigkeit so wollen, wenn wir einfach glücklich sind.
Wenn wir verliebt sind und betrunken, wenn wir tanzen, ganz versunken.Es ist gut, noch hier zu sein. Es ist gut noch hier zu sein.Es ist gut, noch hier zu sein. Es ist gut noch hier zu sein.Es ist gut, noch hier zu sein. Es ist gut noch hier zu sein.Es ist gut, noch hier zu sein. Es ist gut, noch hier zu sein.
Der Traum ist aus – Ton Steine Scherben
Ich hab geträumt, der Winter wär‘ vorbeiDu warst hier und wir war’n freiUnd die Morgensonne schien
Es gab keine Angst und nichts zu verlierenEs war Friede bei den Menschen und unter den TierenDas war das Paradies
Der Traum ist ausDer Traum ist – ausAber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wirdAber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird
Ich hab geträumt, der Krieg wär vorbeiDu warst hier und wir war’n freiUnd die Morgensonne schien
Alle Türen waren offen, die Gefängnisse leerEs gab keine Waffen und keine Kriege mehrDas war das ParadiesYou might also likeDer Turm stürzt einTon Steine ScherbenKomm Schlaf Bei MirTon Steine ScherbenKeine Macht für NiemandTon Steine Scherben
Der Traum ist ausDer Traum ist – ausAber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wirdAber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird
Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist?Ich weiß es wirklich nichtIch weiß nur eins, und da bin ich sicher:Dieses Land ist es nichtDieses Land ist es nichtDieses Land ist es nichtDieses Land ist es nicht
Der Traum ist aus, zu dieser ZeitDoch nicht mehr lange – mach dich bereitFür den Kampf ums ParadiesWir haben nichts zu verlieren, außer uns’rer AngstEs ist uns’re Zukunft, unser LandGib mir deine Liebe, gib mir deine Hand
Der Traum ist ausDer Traum ist – ausAber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wirdAber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wirdDass er Wirklichkeit wirdWirklichkeit

9 snips
Jul 30, 2026 • 41min
EGL109 Von der Physik zum Bewusstsein: Karl Fristons Free Energy Principle und das Markov Blanket (Bewusstsein 4)
Es geht um Fristons Free Energy Principle und das Markov Blanket als probabilistische Grenze zwischen Innen und Außen. Die Verbindung zu Mark Solms’ Evolutionstheorie des Bewusstseins wird beleuchtet. Themen sind Sensorik, Aktion, Vorhersagemodelle, Attractors und wie Systeme aktiv Entropie entgegenarbeiten. Auch frühe Objektbeziehungen und statistische Unabhängigkeit werden knapp skizziert.

Jul 16, 2026 • 1h 28min
EGL108 Empfindungsfähigkeit oder die Entwicklung des Bewusstseins (Bewusstsein 3)
"A creature is sentient if but only if it consciously experiences qualia, by virtue of which it becomes like something to be itself." — Nicholas Humphrey, Sentience (2023)
In dieser Folge spazieren wir während der Aufnahme durch das periphere Lichtenberg und erkunden dabei die Tiefen des evolutionären Bewusstseins. Flo stellt Micz das Buch „Sentience – The Invention of Consciousness" von Nicholas Humphrey vor, einem britischen Neurophysiologen, Psychologen und Philosophen, der auf 50 Jahre Forschung zurückblickt und dabei eine ziemlich umfassende These aufstellt: Bewusstsein, so Humphrey, ist eine biologische Erfindung der Evolution, und echtes, gefühltes „phänomenales Bewusstsein" haben nur Säugetiere und Vögel. Fische, Reptilien, Insekten und auch Oktopusse fallen da raus. Das zeigt auch das Arche-Noah-Gemälde von Bruegel dem Älteren: Darauf abgebildet sind lauter Tiere aus dem Zoo, wie Micz bemerkt, also Tiere, die nach Humphrey eine echte Empfindungsfähigkeit entwickelt haben. Bevor Flo die Kernthesen von Nicholas Humphrey ausführlicher vorstellt, machen wir einen Ausflug in die Verhaltensforschung, in dem es sehr anekdotisch zugeht: der blinde Affe Helen, der trotz herausoperiertem visuellen Kortex „wie ein Frosch" sehen kann (Blindsight); die tragische Geschichte der iranischen Frau HD, die nach einer Augen-OP zwar sehen könnte, sich aber als Blinde wohler fühlt; Affen, die bei Rot schneller reagieren als bei Blau - und das nicht, wie ursprünglich angenommen, aus einem Ästhetik-Empfinden, sondern aus dem puren Überlebenswillen; sowie die Sinnessuche bei Säugetieren und Vögeln, die sich auch in Masturbation ausdrücken kann. Warum können wir empfinden? Was ist der evolutionäre Vorteil? Kommen wir zum theoretischen Kern: Humphrey baut die Entwicklung von Bewusstsein wie ein Ingenieur auf dem Reißbrett in drei Stufen. Stufe 1 beschreibt die „Sentition" – eine der Wortschöpfungen von Humphrey, die sich aus Sensation und Action zusammensetzt: Reiz trifft auf Zelle, sichtbare Reaktion folgt, noch ganz ohne Gefühl. In der 2. Stufe ist schon ein Proto-Selbst entstanden, durch abgespeicherte Reiz-Reaktions-Kopien – d. h. das Tier verfügt über eine mentale Map, auf der Reiz und Reaktion im Inneren ablaufen können, ohne dass es zu einer äußeren Reaktion kommt. Und in Stufe 3 macht es schlagartig „Whoosh" (auch eine gern rezitierte Wortschöpfung): Durch Rückkopplungsschleifen im Gehirn entsteht das phänomenale Selbst. Voraussetzung dafür ist die Warmblütigkeit. Damit erhöhen sich die Reaktionsgeschwindigkeiten in den Leiterbahnen der Nervenzellen, und es entstehen bestimmte Zelltypen für die Rückkopplungseffekte, die die Grundlage für das phänomenale Bewusstsein sind. Deshalb fühlt der Hund mit seinem wertenden Selbst aber nicht der Oktopus. Micz ist recht angetan vom „Roh-Material" von Flos Erzählung, aber so recht „Whoosh" hat es bei ihm nicht gemacht: Dieser Sprung von mehreren Hundert Millionen Jahren aus dem Nichts zum phänomenalen Bewusstsein will nicht so recht zünden. Wir diskutieren zum Abschluss über Gradienten, Panpsychismus und die Frage, ob ein Tyrannosaurus Rex vielleicht doch masturbieren konnte. Am Ende bleibt die zentrale, starke Idee: Es gibt keine Stelle im Gehirn, die Rot sieht – es gibt nur das Erleben von „Redness". Qualia als Erlebnisfähigkeit. Und die Erkenntnis, dass jedes Tier auf der Arche sein eigenes kleines Fotoalbum der Empfindungen mit sich trägt...
Shownotes
Links zur Laufstrecke
EGL108 | Wanderung | Komoot
Kaskelkiez – Berlin.de
Dong Xuan Center – Wikipedia
Links zur Episode
Nicholas Humphrey - Wikipedia – Wikipedia
How did consciousness evolve? - with Nicholas Humphrey - YouTube
Giles Brindley - Wikipedia – Wikipedia
C. D. Broad – Wikipedia
Jan Brueghel the Elder - The Entry of the Animals into Noah
Penrose-Dreieck – Wikipedia
Visuelle Wahrnehmung – Wikipedia
Colliculi superiores – Wikipedia
Lawrence Weiskrantz – Wikipedia
Rindenblindheit – Wikipedia
Helen "A blind monkey who sees everything". A case of super-blindsight. - YouTube
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Gorillas – Wikipedia
Gorillas im Nebel – Wikipedia
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Qualia – Wikipedia
Philia – Wikipedia
Ontogenese – Wikipedia
Reafferenzprinzip – Wikipedia
David Hume - Wikipedia – Wikipedia
Gleichwarmes Tier – Wikipedia
Mein Lehrer, der Krake – Wikipedia
Propriorezeptor – Wikipedia
Attraktor – Wikipedia
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Florian Clauß
(Erzähler)
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Micz Flor
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I. Die große Frage
Alles beginnt mit einem Blick in den Sternenhimmel. Humphrey liegt nachts in einem Whirlpool am Rande der Mojave-Wüste und fragt sich, ob es da draußen jemanden gibt, der so empfindet wie er:
„Hello, E.T., if you can hear me. Do you have this dual nature, too? Is the light on inside your head? Do your sensations have the same eerie, immaterial quality that mine do? I want to think so. I want this to be shared.“
Aus dieser kosmischen Sehnsucht wird schnell eine irdische Frage: Wer außer uns fühlt eigentlich? Und woran würden wir das erkennen? Denn eines steht für Humphrey fest – Empfindungsfähigkeit ist keine Kleinigkeit, sondern die außergewöhnlichste Behauptung, die wir über ein Wesen aufstellen können:
„The claim that any creature, human or otherwise, is sentient, is about as extraordinary a claim as we can make. It’s an extraordinary claim even to make about ourselves. The one thing I know is I am sentient.“
II. Was Empfindungsfähigkeit überhaupt ist
Bevor wir klären können, wer fühlt, müssen wir wissen, was „fühlen“ heißt. Humphrey definiert Empfindungsfähigkeit über das berühmte „Wie-es-sich-anfühlt“ – über jene besondere Qualität, die Philosophen Qualia nennen:
„A creature is sentient if but only if it consciously experiences qualia, by virtue of which it becomes like something to be itself.“
Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen zwei Dingen, die wir oft in einen Topf werfen: dem bloßen Verarbeiten von Information und dem tatsächlichen Erleben. Für Humphrey gibt es deshalb zwei Arten von Bewusstsein – und nur eine davon ist das eigentliche Rätsel. Intelligenz allein, so seine wiederkehrende Mahnung, ist eben nicht dasselbe wie Empfindung. Ein Wesen könnte hochintelligent sein und trotzdem innerlich völlig dunkel:
„A creature lacking this dimension of experience would be capable of introspection, could know its own mind, have a self-narrative, be highly intelligent, goal-directed, motivated, percipient, and so on. Such a creature, by our definitions, would undoubtedly possess a form of consciousness. But because it would not be experiencing sensory qualia, it would not be sentient.“
Genau deshalb, betont Humphrey immer wieder, führen uns kluge Kunststücke in die Irre. Ein Oktopus, der ein Schloss knackt, beweist Cleverness – aber nichts über sein Fühlen. Die richtige Frage stellte schon Jeremy Bentham:
„The question is not can they reason nor can they talk, but can they suffer?“
III. Die Herleitung: Bewusstsein als Erfindung der Evolution
Humphreys kühnster Schritt ist, das Bewusstsein nicht als Geheimnis zu behandeln, sondern es Schritt für Schritt zu erfinden – wie ein Ingenieur, der rückwärts vom fertigen Produkt aus konstruiert. Sein Ausgangspunkt ist ein primitives Urtier, das auf Reize mit einer bewertenden Körperreaktion antwortet. Diese Reaktion nennt er „Sentition“:
„When salt arrives at its skin, it detects it and wriggles saltily. When red light falls on it, it makes a different kind of wriggle. It wriggles redly. The responses are automatic, reflex behaviors that reach out to the stimulus with an evaluative response.“
Aus dieser reflexhaften Reaktion wird in einem zweiten Schritt eine innere Repräsentation: Das Tier „belauscht“ seine eigene Reaktion und bildet so ein erstes, noch blasses Selbst. Doch das eigentlich Erstaunliche geschieht in der dritten Stufe. Wird die Reaktion nach innen verlagert, entsteht eine Rückkopplungsschleife – und diese verwandelt die schlichte Empfindung in etwas radikal Neues:
„The upshot is that sensations come to be experienced as being inalienably private, suffused with distinctive modality-specific qualities, rooted in the thick time of the subjective present, made of immaterial mind-stuff. In short, phenomenal.“
Dieser Übergang ist für Humphrey kein allmähliches Hinübergleiten, sondern ein Kippen – ein Alles-oder-Nichts. Das empfindungslose Tier wacht schlagartig auf im Moment des Erlebens:
„The species of animal that was insentient wakes up to find itself living in the thick moment of phenomenal consciousness.“
IV. Wozu das alles? Das wertvolle Selbst
Warum sollte die Evolution sich diese Mühe machen? Humphreys Antwort dreht sich um das Selbst. Empfindungen geben uns nicht nur Information über die Welt – sie geben uns das Gefühl, jemand zu sein. Gegen Descartes‘ „Ich denke, also bin ich“ setzt Humphrey, in der Tradition David Humes, das Fühlen als Fundament des Ichs. Und er geht noch weiter: Das phänomenale Selbst ist eine Art Bollwerk gegen die kalte Wahrheit der reinen Materie:
„We have a phenomenal self in order not to die of materialism.“
Dieses erhobene Selbst hat eine handfeste biologische Funktion: Es macht uns zu „natürlichen Psychologen“, die den Geist anderer verstehen können, indem sie sich selbst als Modell nehmen. Wer weiß, wie es sich anfühlt, er selbst zu sein, kann sich in andere hineinversetzen. Doch bei aller Bedeutung von Lust und Schmerz – für Humphrey sind sie nicht alles, aber sie zählen unbestreitbar:
„We don’t live by bread alone. Pain and pleasure can’t be all that matters. But there’s no question that they matter. When we have a reason to think someone is suffering, we have a duty of care.“
V. Die provokante Grenze: Warmblütigkeit
Und nun der Punkt, mit dem Humphrey am meisten aneckt. Er ist überzeugt, dass phänomenales Bewusstsein an eine biologische Voraussetzung gebunden ist: die Warmblütigkeit. Nur ein warmes Gehirn ist schnell genug für die nötigen Rückkopplungsschleifen. Das Ergebnis ist eine scharfe Trennlinie durch das Tierreich, die sein Freund Daniel Dennett so zusammenfasst:
„The warm-blooded mammals and birds literally had the time and energy to escape into the rarefied design space of phenomenal consciousness while the rest of the living world had to settle for varieties of zombie cleverness. […] If Humphrey’s right, there is nothing it is like to be an octopus, in spite of their beguiling behavior, but there is something it is like to be a chicken.“
Das bedeutet nicht, dass die übrigen Tiere „dumm“ wären. Ein „Zombie“ im Sinne Humphreys kann durchaus intelligent, gesellig und lernfähig sein – ihm fehlt nur das innere Licht. Die überwältigende Mehrheit der Tiere, so seine nüchterne Schlussfolgerung, gehört in diese Kategorie:
„If our arguments stand up, the default assumption must be that the vast majority of animals are insentient.“
VI. Die ethische Verantwortung
Was zunächst wie eine akademische Debatte klingt, hat unmittelbare moralische Folgen. Denn wenn nur bestimmte Wesen wirklich fühlen, dann müssen wir dringend richtig liegen mit unserer Einschätzung, wer dazugehört. Humphrey macht daraus eine Verpflichtung:
„Terrible to be wrong, but irresponsible not to be right.“
Empfindungsfähige Wesen, so sein Argument, haben einen absoluten Anspruch auf unsere Fürsorge – gerade weil sie sich selbst etwas bedeuten:
„Animals that are phenomenally conscious have an absolute claim on us that insentient animals do not. So the welfare of dogs should matter to us more than that of octopuses because dogs matter to themselves in a way that octopuses do not.“
VII. Der bleibende Gedanke
Am Ende steht eine Idee, die zugleich nüchtern und poetisch ist. Bewusstsein ist für Humphrey keine mystische Substanz und keine Eigenschaft der Materie, sondern eine der erstaunlichsten Erfindungen, die die Evolution je hervorgebracht hat – so kostbar, dass ihr Verschwinden das ganze Universum ärmer machen würde. Vielleicht, spekuliert er, ist die Erde sogar der einzige Ort, an dem überhaupt etwas empfunden wird. Und so schließt sich der Kreis zum einsamen Blick in den Sternenhimmel vom Anfang: Empfindungsfähigkeit ist womöglich das Wertvollste und Seltenste, was es gibt – ein flackerndes Licht, das wir bewahren sollten, gerade weil wir nicht wissen, ob es sonst irgendwo brennt.
Alle Zitate aus: Nicholas Humphrey, „Sentience: The Invention of Consciousness“, MIT Press, 2022.

Jul 2, 2026 • 42min
EGL107 Fender kills Strat: Wie eine Marke sich kaputt klagt (Stromgitarre 9)
"Oh, the sound is thin and the sound is cheap. Like a tin can falling on a dead-end street. Fender Stratocaster" Jonathan Richman 1989
Diese Folge ist anders als alles, was Flo erwartet hat. Micz trägt Liedtexte des Singer-Songwriters und Proto-Punkers Jonathan Richman vor, speziell "Fender, Fender, Fender" und "The Fender Stratocaster". Die wahrscheinlich bekannteste und beliebteste E-Gitarre ever, inzwischen über 70 Jahre alt (1954), beschreibt Richman passend: "Everythin’ your parents hated about rock ’n’ roll (...) Wangin’ and a twangin’, sounding so tough (...) And the kids in my corner, they can’t get enough. Fender Fender Fender". In dieser Episode reden wir darüber, wie Fender unter neuem Leadership ihre Community verstört, und über das vielleicht wichtigste "Gitarrenurteil" des Jahres. Das Landgericht Düsseldorf hat entschieden, dass die Korpusform der Fender Stratocaster als urheberrechtlich geschütztes Werk der angewandten Kunst gelten kann. Konkret ging es um einen chinesischen Hersteller, der Strat-Kopien über AliExpress in die EU verkauft hatte – der jedoch gar nicht vor Gericht erschienen ist. Das Urteil ist also ein "Versäumnisurteil", zu einer Verhandlung kam es nicht. Dabei kommen wir nicht umhin, einen Blick auf die Geschichte von Fender zu werfen. Legende Leo Fender verkaufte das Unternehmen bereits 1965. Heute gehört es mehrheitlich zur Servco-Gruppe, die während des Corona-Lockdowns massiv vom weltweiten Gitarrenboom profitierte. Wir diskutieren die Frage, ob die Branche die außergewöhnliche Nachfrage der Pandemie möglicherweise überschätzt hat und ob die aktuelle juristische Offensive auch vor dem Hintergrund eines schwächeren Marktes nach dem Boom betrachtet werden sollte (ausdrücklich eine Hypothese, keine belegte Tatsache). Fragt man die Kund:innen und die Gitarren-Community, dann gibt es zwar Verständnis dafür, gegen eindeutige Plagiate vorzugehen, aber auch viel Unmut über das rabiate Vorgehen mit Abmahnungen gegen kleine Hersteller:innen, Drohungen im sechsstelligen Euro-Bereich und Aufforderungen, Gitarren zu zerstören. Gehört die Stratocaster wirklich Fender allein – oder ist diese Gitarre nach 70 Jahren längst Gemeingut?
Shownotes
Jonathan Richman
Jonathan Richman
Fender Stratocaster lyrics by Jonathan Richman (1989)
Leo Fender und sein Schaffen
Leo Fender: "He was deaf in one ear. He had a glass eye. He couldn't play a single chord" auf YouTube
A Memory-Filled Journey Into The Life Of Guitar Legend Leo Fender
Leo Fender auf Wikipedia
G&L Musical Instruments auf Wikipedia
Corona Impact und Boom
How the pandemic changed music auf NPR
Fender’s CEO says guitars aren’t dead. And he credits the diversity of players and the pandemic for their revival: ‘We’re pushing a billion dollars in annual sales’ | Fortune 2022
Fender sales boom as guitar playing surges during the pandemic | CNBC 2020
Geschichte der Firma Fender
Fender Stratocaster auf Wikipedia
Verkauf von Leo Fender an CBS usw. Wikipedia
Fender’s ownership history in a nutshell auf guitar.com
Fender Ownership Announcement (Servco)
TROUBLE AT FENDER? - Layoffs And A CLASS ACTION LAWSUIT! | Youtube 11 Aug 2022
Layoffs and Closings: Fender Musical Instruments | USA Today Feb 2026
MusicRadar – Fender CEO äußert sich zur Kontroverse
Fender lays off hundreds of employees | hcamag.com 05 Aug 2022
Cuckoocaster
"There is a Cuckoocaster in every Stratocaster"
Fender Strat Urteil 2026 Düsseldorf
Fender gewinnt – was das Stratocaster-Urteil für Gitarristen bedeutet | 21.05.2026 Ludwig Klingelhöfer
Streit um die Strat: Wem gehört die Kult-Gitarre? Stephan Lina BR24 am 27.05.2026
Abmahnwelle im Gitarrenbau: Fender, die Stratocaster und die Grenzen des Urheberrechts | SKW Schwarz Rechtsanwälte Steuerberater Partnerschaft mbB 26.05.2026
Fender Acquires 'Leo Fender' Trademark as G&L Closes: Former Employee Speaks Out - Musicalinstrumentworld.com 2025-11-05
Mitwirkende
Micz Flor
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EGL023 Eigentliches Tonabnehmer-Wissen in Stromgitarre Teil 2: Single-Coil, Humbucker, Coil-Tapping -Splitting, Magnete, Spulen, Alumitone Pickups.EGL052 Darum klingen handgewickelte Tonabnehmer wirklich besser: die Rolle parasitärer Kapazität und Kondensatoren bei „scatter wound pickups“ E-Gitarren | Stromgitarre Teil 3EGL086 Pickup-Physik deiner E-Gitarre: Humbucking und Phasendrehung richtig planen (Stromgitarre 7)
Quellen, die überquellen
Weil die Zündschnüre der Anwält:innen kurz zu sein scheinen, finde ich es nur richtig gleich zu Beginn klarzustellen:In dieser Episode spreche ich über Vermutungen, die in manchen Gitarren-Foren angestellt werden, was denn „hinter“ all dem Gerassel bei Fender steht. Ihr seht schon: das hat schnell auch Verschwörungscharakter. Und es handelt sich nicht um meine Überzeugungen, sondern Vermutungen anderer, die ich versucht habe zu prüfen und die entsprechenden Quellen in den Shownotes verlinkt habe. So z.B. dass Leo Fender auf einem Ohr taub gewesen sei, dass die Corona Pandemie das Musik Business verändert hat und dabei Fender während der Pandemie ein „Revival“ von Gitarren erlebte, denn während der Pandemie ging der Verkauf von Gitarren bei Fender stark in die Höhe. Dass der relativ neue Besitzer von Fender ‚Servco‘ schon 2022 hunderte von Angestellten entlassen habe und auch 2026 Entlassungen bei Fender anstehen. Eine Zusammenfassung zu den Entlassungen 2022 und einer Klage gibt es auf YouTube.
Zur aktuellen Situation 2026: Der Fender CEO äußert sich zur Kontroverse, denn viele Gitarist:innen und Gitarrenbauer:innen (Luthier) sorgen sich, was das Stratocaster-Urteil für Gitarristen bedeutet und ob die „Kult-Gitarre“ vielleicht Gemeingut sei? Spekuliert wird mancherorts, dass Fender das „Leo Fender“ Trademark 2025 beim Konkurs von G&L aufgekauft hat, um den Rechtsstreit über das Urheberrecht (nicht Patente, nicht Markenrecht, nicht Gebrauchsmusterschutz) zu führen.
„One significant development is Fender’s acquisition of the trademark for the ‘Leo Fender’ name and likeness. Court filings published by the United States Patent and Trademark Office reveal that Fender successfully filed for this trademark at the beginning of October. This move gives Fender control over one of G&L’s most valuable assets and allows them to use Leo Fender’s name in future operations.“— musicalinstrumentworld.com 5.11.2025
Auf jeden Fall gibt es scheinbar aktuell (2026) eine Abmahnwelle im Gitarrenbau.

Jun 18, 2026 • 1h 4min
EGL106 Bewusstsein auf den Kopf gestellt: Mark Solms über Gefühle, Gehirn und das Unbewusste (Bewusstsein 2)
"affects are not stable structures that persist in the mind whether activated or not; they discharge the activation itself."
-- Mark Solms (2017) „The unconscious“ in psychoanalysis and neuroscience.
Endlich mal eine Episode, die alles auf den Kopf stellt, "turned on its head"! In der zweiten Episode unserer kleinen Reihe über Neuropsychologie, Psychoanalyse und die Frage, welche Rolle Emotionen spielen, folgen wir dem südafrikanischen Neurpsychologen Mark Solms, der sich mit heutigem Fachwissen Sigmund Freuds Theorien von vor hundert Jahren angenommen hat. (Vgl. Folge 103, Freud: "Das Unbewußte" von 1915.) Aus Solms’ Artikel "The Unconscious" von 2017 lässt sich ein Zitat nehmen (im Original auch im Blogpost weiter unten), in dem Solms betont, wie gegenwärtige neurophysiologische Erkenntnisse alte Annahmen auf den Kopf stellen, "The classical conception is turned on its head": Bewusstsein wird nicht im Kortex erzeugt, sondern im Hirnstamm. Es ist nicht primär perzeptiv, sondern affektiv organisiert. Grundlegendes Bewusstsein besteht nicht aus Bildern, sondern aus Zuständen. Die relevanten Hirnstammstrukturen kartieren nicht die äußeren Sinne, sondern den inneren Körperzustand. Diese Kartierung erzeugt keine Wahrnehmungsobjekte, sondern das Subjekt der Wahrnehmung selbst, den Hintergrundzustand des bewussten Seins. Wahrnehmung setzt damit immer schon ein empfindungsfähiges Subjekt voraus. Diese Strukturen sind evolutionär sehr alt und lassen vermuten, dass alle Säugetiere und eventuell sogar Fische eine basale Form von Bewusstsein aufweisen. Das wird uns aber in der kommenden Folge der Mini-Serie, in der Zusammenarbeit von Mark Solms und Karl Friston, mehr interessieren. Insbesondere auch das Free Energy Principle, die Rolle von Emotionen und von Sterblichkeit für das Bewusstsein. Jetzt also auf den Kopf stellen, dann den Kopf verdrehen. Viel Spaß dabei.
Shownotes
Traum / Schlaf
Activation-synthesis hypothesis, Hobes & McCarley, 1977
Anatomie
03 Makroskopische Anatomie des Zentralen Nervensystems (ZNS)
Podcast-Episoden
Machine Learning Street Talk (MLST): Prof. Mark Solms - The Hidden Spring
Brain Science with Ginger Campbell: Mark Solms, author of "The Hidden Spring: A Journey to the Source of Consciousness"
Psychiatry & Psychotherapy Podcast: Consciousness & Emotion with Mark Solms
Freud Museum London: Psychoanalysis Podcasts: Mark Solms and 'The Only Cure'
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Verwandte Episoden
EGL103 Sigmund Freud „Das Unbewußte“ 1915: Denken, Fühlen, Unbewusstes (Bewusstsein 1)EGL109 Von der Physik zum Bewusstsein: Karl Fristons Free Energy Principle und das Markov Blanket (Bewusstsein 4)
Vom Dort und Damals (Psychoanalyse) zum Hier und Jetzt (Neuropsychoanalyse)
In der Folge 106 haben wir eine oft vergessene Seite von Freud auf die Bühne geholt. Sigmund Freud als Nervenarzt, der über 20 Jahre Forschung und Publizieren unter dem Gürtel hatte, bevor er sich endgültig mit “Die Traumdeutung” von der (rein) somatisch-medizinischen Betrachtung abwendete, um das subjektive Erleben, um die Psyche zu erforschen. Für dieses Unterfangen hatte er zunächst keine angemessene wissenschaftliche Sprache und entwickelte so die Psychoanalyse. Dabei hielt Freud stets an der Überzeugung fest, dass zukünftige biologische Erkenntnisse seine theoretischen Annahmen präzisieren oder korrigieren würden. Die Verbundenheit seiner Theorien mit dem somatischen Substrat belegt eindringlich diese oft zitierte Passage:
“Wir fassen den Trieb als den Grenzbegriff des Somatischen gegen das Seelische, sehen in ihm den psychischen Repräsentanten organischer Mächte und nehmen die populäre Unterscheidung von Ichtrieben und Sexualtrieb an, die uns mit der biologischen Doppelstellung des Einzelwesens, welches seine eigene Erhaltung wie die der Gattung anstrebt, übereinzustimmen scheint.”(Freud, 1911, S. 65)
Für Freud war die Psychoanalyse ein Hilfsmittel, um das subjektive Erleben, kurzum die “Psyche” zu erforschen. Denn die Biologie der Zeit, war bei weitem nicht so weit:
“Aber alle Versuche, von da aus eine Lokalisation der seelischen Vorgänge zu erraten, alle Bemühungen, die Vorstellungen in Nervenzellen aufgespeichert zu denken und die Erregungen auf Nervenfasern wandern zu lassen, sind gründlich gescheitert.”(Freud, 1915, S. 195)
Enter Mark Solms, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Freuds Theorien im Licht moderner Neurowissenschaften zu prüfen: Was lässt sich empirisch stützen, was muss revidiert werden, und was ist zu verwerfen? Solms beschreibt in einem Artikel zum 150. Geburtstag sein eigenes Projekt entsprechend als eine Bestandsaufnahme dieses wissenschaftlichen Erbes:
“Die angemessene Form, Freuds 150. Geburtstag zu feiern, ist nicht etwa ein Rückblick, sondern der Blick voraus. Deshalb möchte ich in diesem Beitrag den aktuellen wissenschaftlichen Rang von Freuds Verständnis der Psyche resümieren. Dabei geht es mir weder darum, Freuds Loblied zu singen, noch soll ein Schlussstrich unter sein Werk gezogen werden – vielmehr möchte ich eine Bestandsaufnahme seines wissenschaftlichen Erbes vornehmen, um einen realistischen Weg in die Zukunft aufzuzeigen. Auf schönere Weise können wir einem echten Wissenschaftler unsere Hochachtung meiner Ansicht nach nicht bezeigen.”(Solms, 2015)1
Traumforschung: Solms Hintertür zum Subjekt
Mark Solms berichtet in seinem Buch “The Hidden Spring” (Solms, 2021), wie er sich schon in seiner Kindheit für die Psyche, das Bewusstsein, das subjektive Erleben interessierte. So kam er zur Psychologie und Neuropsychologie. Erst viele Jahre später, durch die Psychoanalyse, erkannte er seine eigenen (unbewussten) Motive, warum ihn diese Frage so vereinnahmte und ihn als Berufung zu seinem jetzigen Beruf brachte.2 In der Neuropsychologie erlebte er in den 1980er Jahren, nach der kognitiven Wende des Behaviourismus, einerseits Forschung, die sich mit Hirnfunktionen und -prozessen beschäftigte, andererseits eine deutliche Abgrenzung von der Erforschung subjektiven Erlebens, dem, was die “Psyche” ausmacht. In seiner Doktorarbeit suchte er sich eine Hintertür, um das Subjektive erforschen zu dürfen:
“The one aspect of consciousness that was a respectable scientific topic in the 1980s was the brain mechanism of wakefulness versus sleep. In other words, the ‘level’ of consciousness was a respectable topic but not its ‘contents’. So, I decided to focus my doctoral research on an aspect of sleep. In particular, I chose to study the subjective aspect of sleep, namely the brain mechanisms of dreaming.”(Solms, 2021, S. 16)
Ausgehend von der Frage „what does it feel like to be a brain?“ untersuchte Solms das Träumen als Schnittstelle zwischen objektiver Hirnforschung und subjektivem Erleben. Seine Arbeiten zeigen, dass Träumen kein Nebenprodukt des REM-Schlafs ist: Patienten ohne REM-Schlaf können weiterhin träumen, während andere trotz vorhandenem REM-Schlaf kein Traumerleben berichten.
“The parts of the brain that are crucial for dreaming and those that are crucial for REM sleep are widely separated, both anatomically and functionally.”(Solms, 2005, S. 4)
Das Areal, das beim Träumen starke Aktivität zeigt, ist das mesolimbische dopaminerge System. Dieser Bereich zwischen den tieferen Hirnstrukturen und dem frontalen Kortex wird gemeinhin mit Motivation, Verlangen und Affekt verbunden. Träume erscheinen damit als Ausdruck eines aktiv bleibenden emotionalen Systems – und nicht als epiphänomenales Nebenprodukt. Diese Erkenntnis führt Mark Solms auf zwei Fährten: neurophysiologisch führte die Spur in den Hirnstamm, insbesondere zum periaquäduktalen Grau (PAG) und biografisch führte die Spur Solms zur Psychoanalyse:
“In 1987 I made another decision that put me at odds with the rest of my field. I decided to train as a psychoanalyst. My emerging dream-research findings had convinced me that subjective reports had a vital role to play in neuropsychology, and that the field’s opposition to Freud had led it into error in more ways than one.”(Solms, 2021, S. 30)
“Like everybody else in those days, I was sceptical about Freud. I had learnt since my undergraduate years that psychoanalysis was ‘pseudoscience’. Nobody in the hard sciences took Freud seriously any more, which is presumably why the seminar took place in a humanities department. The reason I attended was Freud had been willing to talk about the content of dreams, the topic of my research.”(Solms, 2021, S. 30)
Kognitive vs. affektive Neurowissenschaftler:innen
Eine zentrale Annahme der Psychoanalyse, dass es das “Unbewusste” gäbe, wurde zu Freuds Zeiten kritisch betrachtet. Solms betont, dass heute die Neurowissenschaften davon ausgehen, dass wahrscheinlich über 90% der kortikalen Prozesse unbewusst sind. Das wird nicht kontrovers diskutiert, aber:
“What is controversial is the very idea of dynamically unconscious processes, that is, of all the things that Freud theorised under the headings of ‘repression’ (and ‘resistance’ and ‘censorship’).”(Solms, 2017, S. 17)3
Es sind in seiner Einschätzung vor allem die kognitiven Neurowissenschaften, die unbewusste Prozesse unterstreichen, nicht aber psychodynamische Prozesse (Verdrängung, Widerstände, Zensur), die Inhalte ins Unbewusste drängen. Demgegenüber betont er die Nähe in der modernen Affektforschung:
“What I said about cognitive neuroscientists still having no conception of the id does not apply to affective neuroscientists. What Freud called the ‘id’ is the principal object of study in affective neuroscience”(Solms, 2017, S. 18)
Das PAG und die Entstehung von Bewusstsein
Das periaquäduktale Grau (PAG) liegt im oberen Hirnstamm und ist eng mit zahlreichen Strukturen vernetzt, darunter Hypothalamus, Amygdala, insula, anteriorer cingulärer Cortex sowie dopaminerge Systeme wie das ventrale Tegmentum. Es ist damit tief in die Regulation von Affekten, Körperzuständen und Motivation eingebunden.
Solms verweist auf Befunde, die die klassische Annahme eines kortikalen Ursprungs von Bewusstsein infrage stellen:
“Cortical removal did not interrupt the presence of the sentient self, of being conscious; it merely deprived the patient of ‘certain forms of information’ (Merker 2009, p. 65). Lesions in the upper brainstem, by contrast, rapidly destroyed all consciousness”(Solms, 2017, S. 19)
Besonders hervorgehoben wird dabei die Rolle des PAG:
“Significantly, the periaquaductal grey, an intensely affective structure, appears to be a nodal point in the brain’s ‘activating’ system. This is the smallest region of brain tissue in which damage leads to complete obliteration of consciousness.”(Solms, 2017, S. 20)
Bewusstsein ist demnach nicht nur in seiner Intensität, sondern auch in seinem Inhalt affektiv geprägt:
“the deep structures that generate consciousness are responsible not only for the level (quantity) but also for the core content (quality) of consciousness. The conscious states generated in the upper brainstem are inherently affective. This realization is now revolutionizing consciousness studies.”(Solms, 2017, S. 20)
Diese Perspektive kulminiert in einer grundlegenden Revision klassischer Annahmen, die Solms eigentlich alle im folgenden Absatz zusammenfasst:
“The classical conception is turned on its head. Consciousness is not generated in the cortex; it is generated in the brainstem. Moreover, consciousness is not inherently perceptual; it is inherently affective.Basic (brainstem) consciousness consists in states rather than images (cf. Mesulam 2000). The upper brainstem structures that generate consciousness do not map our external senses; they map the internal state of the (visceral, autonomic) body. This mapping of the internal milieu generates not perceptual objects but rather the subject of perception. It generates the background state of being conscious. This is of paramount importance. We may picture this core quality of consciousness as the page upon which external perceptual objects are inscribed. The objects are always perceived by an already sentient subject.”(Solms, 2017, S. 20)
Dies ist das Zitat, das ich im Abstract schon erwähnt hatte, in dem ein großteil von Solms’ Erkenntnissen kondensiert sind: Bewusstsein entsteht demnach im Hirnstamm, ist primär affektiv organisiert und besteht zunächst aus Zuständen, nicht aus Bildern. Die entsprechenden Strukturen kartieren nicht die Außenwelt, sondern den inneren Körperzustand. Dadurch entsteht nicht das Wahrnehmungsobjekt, sondern das Subjekt der Wahrnehmung selbst – ein grundlegender Hintergrundzustand, auf dem alle weiteren Erfahrungen aufbauen.
Im Folgenden möchte ich einzelne Aspekte noch einmal detaillierter vorstellen:
Revision 1: Unbewusstes und Es – eine neue funktionale Trennung
Freud ging davon aus, dass das Unbewusste im Es verankert und wesentlich triebhaft organisiert ist. Solms differenziert diese Sichtweise. Das Es erscheint bei ihm weniger als Speicher des Unbewussten, sondern als ein System der affektiven Bewusstseinsgenerierung, während das Unbewusste primär als Netzwerk automatisierter Vorhersageprozesse verstanden wird.
Diese Neubewertung stützt sich auf die Beobachtung, dass affektive Prozesse eng mit Bewusstsein gekoppelt sind, während viele kognitive Prozesse unbewusst bleiben. Damit ergibt sich eine funktionale Trennung: Affekt und Trieb sind nicht identisch, sondern unterschiedlichen Systemen zuzuordnen. Für die Psychotherapie bedeutet dies, dass Symptome nicht nur als verdrängte Inhalte, sondern als dynamische affektive Prozesse verstanden werden können.
Revision 2: Zwei Formen des Bewusstseins
Freud verband Bewusstsein primär mit Wahrnehmung und Sprache. Solms unterscheidet hingegen zwischen einem primären affektiven und einem sekundären deklarativen Bewusstsein.
“consciousness is affective until it reaches the cortex, at which point it becomes conscious perception (‘… about that’). This gives rise to primary consciousness of objects, which may or may not then be re-represented in words (in ‘declarative’ secondary consciousness: ‘this feeling belongs to me and I am feeling it about that’).”(Solms, 2017, S. 27)
Primäres Bewusstsein ist körpernah, vorsprachlich und affektiv organisiert, während sekundäres Bewusstsein auf Repräsentation, Sprache und Reflexion beruht. Diese Unterscheidung hat erhebliche Konsequenzen für therapeutische Prozesse, da Fühlen und Verstehen unterschiedlichen Ebenen angehören.
Revision 3: Das Ich als Vorhersagesystem
Freud beschrieb das Ich als vermittelnde Instanz zwischen Es, Realität und Über-Ich. Solms interpretiert das Ich dagegen als ein weitgehend unbewusstes Vorhersage- und Kontrollsystem. Bewusstsein entsteht insbesondere dann, wenn Vorhersagen scheitern.
“Thinking is necessary only when problems arise. This (the problem) generates the conscious ‘presence’ of affect and, thereby, attention to the objects of perception and cognition. However, the whole purpose of the reality principle (of learning from experience) is to improve one’s predictive model: that is, to mini-mise the chances of surprise – to solve problems – and thereby to minimise the need for consciousness. The classical model, therefore, is again turned on its head.”(Solms, 2017, S. 28)
Affekt fungiert hier als Signal für einen Vorhersagefehler, der Aufmerksamkeit erzeugt und Anpassungsprozesse anstößt. Psychische Symptome lassen sich so als Ausdruck stabil gewordener Fehlvorhersagen verstehen.
Addendum 4: Bewusstsein als temporäre Ressource
Das Folgende ist keine Revision, sondern eine Ergänzung. Deshalb habe ich das hier als “Addendum” aufgelistet. In Solms Perspektive ist Bewusstsein keine dauerhafte Eigenschaft, sondern eine temporäre Ressource zur Problemlösung:
“The very purpose of the reality principle, which first gave rise to secondary process cognition, is to find solutions via learning from experience. Once a solution is found, it is automatised in the form of an unconscious predictive model: “When this happens, I just do that; I don’t even think about it.” Thinking is no longer necessary once a problem is solved. The goal of the thinking, therefore, is non-thinking, automaticity, which obviates the need for the subject to ‘feel its way through’ unpredictable situations. In other words, the ideal purpose of cognition is to forego conscious processing, and replace it with automatised processing – to shift from representational ‘episodic’ to associative ‘procedural’ modes of functioning (and thereby from cortical to subcortical circuits). It appears that consciousness in cognition is intended only to be a temporary measure: a compromise. (Cf. Freud’s ‘constancy principle’.)“(Solms, 2017, S. 29)
Bewusstsein wird demnach dann aktiviert, wenn Unsicherheit besteht, und verschwindet wieder, sobald stabile Lösungen automatisiert sind.
Revision 5: Das Unbewusste als Vorhersagesystem
Solms beschreibt das Unbewusste als ein Netzwerk von Vorhersagemodellen, die kontinuierlich aktualisiert werden:
“the aim of thinking (of problem solving) is the updating of memory traces: a process nowadays called ‘reconsolidation’”(Solms, 2017, S. 29)
Fehlgeschlagene Vorhersagen erzeugen Affekt und führen zur Reaktivierung nicht integrierter Inhalte:
“My principle claim is that repressed memories are prematurely consolidated solutions – that is, non-solutions – predictions that constantly give rise to prediction errors. Hence the ever-present threat of a ‘return of the repressed’, which gives rise to neurotic symptom formation.”(Solms, 2017, S. 30)
Therapie wird so zu einem Prozess der Rekonsolidierung, in dem affektive Erfahrungen und kognitive Modelle neu verknüpft werden.
Bindung und implizites Gedächtnis
Die Verbindung zur Bindungstheorie ergibt sich aus der Rolle früher Erfahrungen, die als prozedurales Gedächtnis gespeichert werden:
“Die Gedächtnisforschung ermöglicht es inzwischen, Freuds Konzept des »Erinnerns, Wiederholens und Durcharbeitens« (Freud, 1914a) auf die Entwicklung der Übertragungsbeziehung anzuwenden. Es ist davon auszugehen, dass frühe Bindungserfahrungen als prozedurales Gedächtnis internalisiert und enkodiert werden”(Böker & Northoff, 2015, S. 130)
Diese impliziten Muster strukturieren spätere Beziehungen und sind dem bewussten Zugriff weitgehend entzogen. In der therapeutischen Beziehung werden sie jedoch reaktiviert und veränderbar:
“Die aufgrund der neuen Beziehungserfahrungen innerhalb der Psychotherapie modifizierten Bindungsmuster können schließlich durch den Patienten internalisiert werden. Dieses Modell setzt einen emotional engagierten und resonanten Psychotherapeuten voraus, da implizites affektives Lernen von der lebendigen affektiven Erfahrung innerhalb der therapeutischen Beziehung abhängt. Dementsprechend kommt auch den Augenblicken intensiv erlebter Nähe und Resonanz in der Psychotherapie eine besondere Bedeutung zu; diese lassen sich als eine Form impliziten Beziehungswissens auffassen”(Böker & Northoff, 2015, S. 130)
Wozu wir in dieser Episode nicht kommen, ist die Auswirklung dieser “Befunde” für die psychotherapeutische Arbeit allgemein und speziell für psychodynamische Therapie. Vielleicht wird das die vierte Folge in dieser kleinen Reihe. Denn die nächste Folge steht schon fest und wird sich genauer mit Selfhood, dem Bewusstsein und dem “Free Energy Principle” beschäftigen, einem Ansatz, der mittels stochastischer Methoden … aber das heben wir uns einfach für die dritte Folge der kleinen Serie über Neurophysiologie, Bewusstsein und Psychoanalyse auf.
Literatur
Böker, H. & Northoff, G. (2015). Neuropsychodynamische Implikationen für die Praxis der psychoanalytischen Psychotherapie: in Sichtweite? In M. Leuzinger-Bohleber, T. Fischmann, H. Böker, G. Northoff & M. Solms (Hrsg.), Psychoanalyse und Neurowissenschaften. Chancen – Grenzen – Kontroversen. Verlag W. Kohlhammer.
Freud, S. (1911). Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides). Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen III 1911 1.Hälfte (S. 9–68). Leipzig.
Freud, S. (1915). Das Unbewußte. Internationale Zeitschrift für Ärztliche Psychoanalyse, 3(4), 189–203.
Solms, M. (2005, April). The Interpretation of Dreams and the Neurosciences. Plenarvortrag am 19. April 2005 im Rahmen der 55. Lindauer Psychotherapiewochen. Verfügbar unter: https://www.lptw.de/archiv/vortrag/2005/Solms-Mark-Interpretation-of-Dreams-and-the-Neurosciences-and-freuds-dream-theory-Lindauer-Psychotherapiewochen2005.pdf
Solms, M. (2015). Sigmund Freud heute – eine neurowissenschaftliche Perspektive auf die Psychoanalyse. In M. Leuzinger-Bohleber, T. Fischmann, H. Böker, G. Northoff & M. Solms (Hrsg.), Psychoanalyse und Neurowissenschaften. Chancen – Grenzen – Kontroversen. Verlag W. Kohlhammer.
Solms, M. (2017). „The unconscious“ in psychoanalysis and neuroscience. In M. Leuzinger-Bohleber, S. Arnold & M. Solms (Hrsg.), The Unconscious: A bridge between psychoanalysis and cognitive neuroscience. Routledge. https://doi.org/10.4324/9781315686998
Solms, M. (2021). The hidden spring : a journey to the source of consciousness. New York: W. W. Norton & Company.
Der Beitrag wurde ursprünglich anlässlich der Feier des 150. Jahrestags von Freuds Geburtstag verfasst und erschien unter anderem 2006 in der Zeitschrift PSYCHE.︎
Mark Solms schreibt in “The Hidden Spring”, dass sein älterer Bruder, als Solms ca 4 Jahre alt war, vom Dach eines Hauses fiel. Als er aus dem Krankenhaus zurück kam, habe er als kleines Kind erlebt, dass dieser Mensch immer noch so aussah, wie sein Bruder, aber vom Wesen her nicht mehr der war, den er vor wenigen Tagen noch kannte: “The most obvious way in which he was changed was that he lost his developmental milestones. For a time, he even lost reliable bowel control. What I found more disturbing was the fact that he seemed to think differently from before. It felt as if Lee was simultaneously there and not there. He seemed to have forgotten many of the games we played. Now our diamond-mining game became simply digging holes. Its imaginative and symbolic aspects no longer spoke to him. He was no longer Lee.” (Solms, 2021, S. 7) In der Familie fühlte Mark Solms sich damals oft schuldig, wenn er gute Noten nach Hause brachte. Die Lösung dieses Konflikts (in meinen Worten verkürzt): wenn ich einen Beruf ausübe, der sich damit beschäftigt psychische Störungen zu verringern oder aufzuheben, dann darf ich der Beste sein, ohne mich dafür schlecht zu fühlen.︎
Diese Episode bezieht sich in großen Teilen auf den Artikel “The Unconscious” (Solms, 2017). Die Seitenzahlen sind mit Vorsicht zu genießen, denn ich habe das Buch als E-Book vorliegen.︎

Jun 4, 2026 • 1h 50min
EGL105 Buddhismus Teil 2 – Erleuchtung und das Unbewusste
Das Ich ist nicht Herr im eigenen Hause – weder bei Freud noch bei Buddha.
Im zweiten Teil unserer Buddhismus-Folge wagen wir den Brückenschlag. Was hat die jahrtausendealte buddhistische Lehre mit der Neuropsychoanalyse eines Sigmund Freuds oder Mark Solms zu tun? Und was sagt beides über die große Frage aus, was eigentlich Bewusstsein ist? Flo nimmt Micz zunächst mit in die Welt des tibetischen Buddhismus (Vajrayana). Wir sprechen über Erleuchtung als Erfahrung des Unveränderlichen, über Übertragungslinien von Lehrer zu Schüler, über Marpa und Milarepa, über Mantras, Visualisierungen und die geheimnisvolle Phowa-Praxis. Wir streifen die Geschichte der Verbreitung der buddhistischen Lehre nach Tibet, die vier großen Schulen und die Frage, wie eine Lehre über 2500 Jahre hinweg bewahrt werden kann, von der Mnemotechnik bis zum Pali-Kanon. Dann kommen wir zur eigentlichen Leitfrage: Lässt sich der Buddhismus mit der (Neuro)Psychoanalyse zusammendenken? Wir vergleichen Freud und Buddha, ihre überraschenden Gemeinsamkeiten (der Mensch als Getriebener unbewusster Kräfte, das Begehren als Quelle des Leidens, die Methode der inneren Beobachtung) und ihre entscheidenden Unterschiede: Während Freud das Ich stärken will, will der Buddhismus es auflösen. Im Zentrum der Folge steht ein gemeinsames „Mapping": Wir legen die fünf buddhistischen Daseinsfaktoren, die Skandhas - Körperlichkeit, Empfindung, Wahrnehmung, geistige Prägung und Bewusstsein – neben die moderne Neuropsychoanalyse von Mark Solms. Dabei kommen wir zu erstaunlichen Berührungspunkten: Bewusstsein wurzelt vielleicht nicht im Denken, sondern im Fühlen. Das buddhistische Karma findet eine Entsprechung im prozeduralen Gedächtnis und im Wiederholungszwang. Und wir gehen unter anderem den Fragen nach, warum die Psychoanalyse als Beziehungserfahrung wirkt und warum Leid sich transgenerational fortpflanzt. Am Ende bleibt es aber offen: Hat ein erleuchteter Mensch eigentlich noch ein Unbewusstes? Eine Frage, die dort ansetzt, wo sich naturalistisches und spirituelles Denken scheiden. Diese Folge ist der perfekte Appetizer für die nächste Episode, die Micz vorbereiten wird, in der wir tiefer in die Neuropsychoanalyse von Mark Solms eintauchen.
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EGL104 Buddhismus Teil 1: Ursprung, Lehre und Praxis
Von Buddhas Lehre zum Hirnstamm
Im zweiten Teil unserer Buddhismus-Folge haben wir den Versuch unternommen, die buddhistische Lehre mit der modernen Neuropsychoanalyse zusammenzudenken, wie sie vor allem Mark Solms entwickelt hat. Ausgangspunkt war eine einfache Frage: Lässt sich das, was der Buddhismus über den Geist sagt, mit dem verbinden, was die Hirnforschung heute über Bewusstsein und über das Unbewusste herausarbeitet? Beim genaueren Hinsehen zeigte sich eine Reihe überraschender Berührungspunkte zwischen einem über zwei Jahrtausende alten Denksystem und einer recht jungen wissenschaftlichen Disziplin.
Die buddhistische Lehre beginnt mit einer empirischen Beobachtung, der Erkenntnis durch Beobachtung innerer Phänomene, nicht mit einem Dogma. Der historische Buddha, Siddhartha Gautama, gestorben um 483 v. u. Z., formulierte als Grunderkenntnis die Vier Edlen Wahrheiten: Es gibt Leid (dukkha); das Leid hat eine Ursache (Begierde, Anhaftung, Verblendung); das Leid kann überwunden werden; und es gibt einen Weg dorthin, den Achtfachen Pfad. Das dukkha lässt sich dabei überraschend modern fassen. Alles Zusammengesetzte fällt auseinander. In thermodynamischer Sprache formuliert handelt es sich um eine intuitive Vorwegnahme des Entropieprinzips, denn jede Ordnung, jede Stoffkombination ist vergänglich und strebt der Auflösung entgegen. Was der Buddhismus der Erleuchtung als „Erkennen“ verheißt, ist demgegenüber das Unveränderliche: die „wahre Natur des Geistes“, ein Zustand jenseits der Subjekt-Objekt-Spaltung, der nicht erklärt, sondern nur erfahren werden kann.
Der Vajrayana, der „diamantene Weg“ des tibetischen Buddhismus, beruht auf einem Strukturprinzip, das ihn von den anderen Fahrzeugen der buddhistischen Lehre deutlich unterscheidet: der unmittelbaren Übertragung von Lehrer zu Schüler. Anders als der Theravada, der den Schwerpunkt auf die individuelle Befolgung des Achtfachen Pfades und der ethischen Lebensführung legt, intensiviert der Vajrayana die Beziehung zwischen Meister und Schüler bis zur tantrischen Bindung. Im sogenannten Guru-Yoga wird der Lehrer, der Lama, selbst zum Meditationsobjekt und zur verkörperten Repräsentation der erleuchteten Qualitäten. Diese Beziehung gilt als so unmittelbar und wirkmächtig, dass durch sie die Erleuchtung innerhalb eines einzigen Lebens möglich werden soll, während andere Wege viele Wiedergeburten beanspruchen. Der Lehrer überträgt dabei nicht nur Wissen, sondern eine Erfahrung und eine Energie, die der Tradition zufolge bis auf den historischen Buddha zurückreicht und über die Jahrhunderte von Geist zu Geist weitergegeben wurde.
Diese Übertragung geschieht nicht primär über Texte, sondern in einer lebendigen, persönlichen Beziehung, die in den großen Erzählungen der Tradition geradezu mythische Gestalt annimmt. Die Geschichte von Marpa, dem Übersetzer, der unter größten Strapazen mehrfach von Tibet nach Indien reiste, um die Lehren zu empfangen und sie an seinen Schüler Milarepa weiterzugeben, ist nicht zufällig eine Erzählung über die Mühen und die schließliche Reifung einer asymmetrischen, hochbesetzten Beziehung. In jeder der vier großen Schulen, der Nyingma, der Kagyü, der Sakya und der Gelug, wird sehr genau verzeichnet, wer von wem, wann und in welcher Linie sein Wissen empfangen hat. Diese Übertragungslinien sind das Rückgrat der Tradition. Bestimmte Praktiken, etwa die Powa-Praxis der Bewusstseinsübertragung im Sterbeprozess, dürfen ausschließlich von Lehrern weitergegeben werden, die selbst in der entsprechenden Linie stehen, denn die Reinheit der Überlieferung gilt als Garant ihrer Wirksamkeit.
Kritisch anzumerken sei noch, dass gerade dort, wo der Lehrer als Verkörperung des Absoluten erscheint und der Schüler sich ihm in tiefer Hingabe anvertraut, Machtgefälle entstehen, Abhängigkeiten und die Gefahr ihres Missbrauchs. Die institutionelle Geschichte des tibetischen Buddhismus führt dies wiederholt vor Augen, etwa in den teils undurchsichtigen Verfahren der Wiedergeburtserkennung, im politisch aufgeladenen Karmapa-Konflikt, der eine ganze Schule spaltete, oder in den Fällen von Machtmissbrauch durch einzelne Lehrer, die in den vergangenen Jahrzehnten auch im Westen bekannt wurden. All dies erinnert daran, dass auch noch so intensive meditative Praxis die menschlichen Störgefühle nicht einfach tilgt. Sie bleiben präsent, in der Politik der Klöster ebenso wie in der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Es ist, ganz im Sinne der buddhistischen Lehre vom mittleren Weg, gerade die Aufgabe, in der Welt und mit diesen menschlichen Regungen zu bleiben, statt sie hinter der Fassade vollkommener Erleuchtung zu verleugnen.
Eine eigene Tiefe gewinnt der Vajrayana durch die Lehre von den fünf Geistesgiften und ihrer Verwandlung, die in der Konzeption der fünf Buddha-Familien (Sanskrit buddhakula) systematische Gestalt annimmt. Diese Familien sind keine willkürliche Aufzählung, sondern eine vollständige Kartografie des Geistes, in der jede emotionale Grundstruktur, jede Weisheit, eine Himmelsrichtung, eine Farbe und einen sie verkörpernden Buddha-Aspekt zugeordnet bekommt. Im Zentrum des Mandalas steht die Buddha-Familie selbst, deren Gift die Verblendung ist und deren Farbe Weiß ist. Sie wird durch den Buddha Vairochana repräsentiert und verwandelt sich in die Weisheit des allumfassenden Raumes. Um dieses Zentrum gruppieren sich die vier weiteren Familien in den Himmelsrichtungen, sodass der gesamte Möglichkeitsraum des erleuchteten wie des verblendeten Geistes abgebildet wird.
Im Osten findet sich die Vajra-Familie. Ihr Gift sind Aggression und Hass, ihre Farbe ist ein tiefes Blau, ihr Buddha ist Akshobhya, der Unerschütterliche. Die Aggression verwandelt sich hier in die spiegelgleiche Weisheit, jene klare Wahrnehmung, die die Dinge so widerspiegelt, wie sie sind, ohne die verzerrende Hitze der Abwehr. Im Süden steht die Ratna-Familie, die Familie des Juwels. Ihr Gift ist der Stolz, ihre Farbe leuchtet golden, ihr Buddha ist Ratnasambhava. Der Stolz, der das Selbst über andere erhebt, verwandelt sich in die Weisheit der Gleichheit. Im Norden schließlich liegt die Karma-Familie. Ihr Gift sind Eifersucht und Neid, ihre Farbe ist Grün, ihr Buddha ist Amoghasiddhi. Die im Konkurrenzdenken befangene Eifersucht verwandelt sich in die alles vollendende Weisheit, in eine Tatkraft, die handelt, ohne sich mit anderen vergleichen oder gegen sie durchsetzen zu müssen.
Eine besondere Stellung im westlichen Quadranten nimmt die Padma-Familie ein, die Familie des Lotos, deren Gift die Begierde und deren Farbe ein leuchtendes Rot ist. Ihr Buddha trägt den Namen Amitabha, im Tibetischen Öpame, „grenzenloses Licht“, eine der am stärksten verehrten Figuren des gesamten Vajrayana. Seine Familie verwandelt die Begierde in die unterscheidende Weisheit, und diese Transformation ist von besonderer psychologischer Feinheit. Sie eliminiert das begehrende Empfinden nicht, sondern wandelt es in eine Hingabe, die nicht mehr greift und festhält. Wo die gewöhnliche Begierde ihr Objekt besitzen und an sich binden will und gerade dadurch Leid erzeugt, dort kann dieselbe Energie sich in eine offene, mitfühlende Zuwendung verwandeln, die das Erleben in voller Intensität zulässt, ohne es klammernd an sich zu reißen. Mit Öpame verbindet sich zudem die Vorstellung der reinen Länder, jener erleuchteten Sphären, in die der Praktizierende eingehen kann. Die rote Farbe und die Gestalt Öpames spielen eine tragende Rolle in der bereits erwähnten Powa-Praxis. Im Moment des Todes, so die Lehre, schleudert der Praktizierende sein Bewusstsein aus dem Zentralkanal heraus und verbindet es mit Öpame und dessen reinem Land, um selbst im Sterben die Erleuchtung zu verwirklichen.
Kein Bewusstsein ohne Gefühl
Besonders fruchtbar wird der Vergleich an der buddhistischen Lehre von den fünf Daseinsfaktoren, den Skandhas. Der Buddhismus zerlegt das, was wir „Ich“ nennen, in fünf Bestandteile: Körperlichkeit, Empfindung, Wahrnehmung, geistige Prägung und schließlich Bewusstsein. Entscheidend ist die Reihenfolge, denn das Bewusstsein steht hier nicht an der Spitze, sondern als einer von fünf gleichrangigen Faktoren ganz am Ende, und es ist nicht zwingend an ein Selbst gebunden, das sich seiner bewusst ist. Genau diese Anordnung nimmt vorweg, was Solms zweieinhalb Jahrtausende später behaupten wird. Bewusstsein, so seine These, sitzt nicht im Großhirn, sondern subkortikal, im oberen Hirnstamm. Damit kehrt er die klassische Hierarchie des Geistes um, nach der Bewusstsein als Funktion höherer kortikaler Verarbeitung galt und das Großhirn als jenes Organ, das den Menschen vermeintlich von allen anderen Lebewesen unterscheidet.
Die Belege, auf die Solms sich stützt, sind eindrücklich und durchaus unbequem. Eine winzige Schädigung im oberen Hirnstamm löscht das Bewusstsein vollständig und führt ins Koma, während ausgedehnte Schädigungen des Großhirns es nicht auslöschen. Kinder, die aufgrund einer frühen Schädigung ohne Großhirn zur Welt kommen, zeigen dennoch klare Zeichen von Bewusstsein. Sie freuen sich, sie leiden, sie reagieren auf Zuwendung und sind für ihre Eltern unzweifelhaft da, auch wenn sie weder sprechen noch reflektieren können. Ähnliches gilt für dekortizierte Tiere, die ein erstaunlich vollständiges emotionales und soziales Verhaltensrepertoire behalten.
Daraus zieht Solms eine weitreichende Schlussfolgerung. Bewusstsein ist im Kern nicht Denken, sondern Fühlen. Es entsteht nicht durch die Wahrnehmung der Außenwelt, sondern durch das Fühlen innerer Zustände, durch die affektive Bewertung der körperlichen Homöostase. Gefühle, so Solms, sind niemals unbewusst, denn ein Gefühl zu fühlen heißt bereits, bewusst zu sein. An diesem Punkt trifft sich die Neurowissenschaft mit der buddhistischen Empfindung, der Vedana, die in der alten Liste der Daseinsfaktoren ebenfalls vor dem diskursiven Bewusstsein steht. Beide Traditionen erkennen den Affekt als das Fundamentale.
Daraus ergibt sich eine weitere These, die das Großhirn in ein anderes Licht rückt. Wenn das eigentliche, fühlende Bewusstsein tiefer im Hirnstamm verankert ist, welche Funktion hat dann der aufwendige kortikale Apparat darüber? Solms argumentiert, im Anschluss an die Theorie des prädiktiven Gehirns, dass dieses reflexive Bewusstsein energetisch enorm kostspielig ist und vor allem der Bewältigung des Unvorhergesehenen dient. Solange der Organismus die Anforderungen der Welt durch automatisierte Routinen bewältigen kann, bleibt das Verhalten unbewusst. Alles, was sich automatisieren lässt, wird ins Unbewusste abgesenkt, weil es dort effizienter abläuft, vom Autofahren über das Gehen bis zu sozialen Gewohnheiten. Bewusstheit flammt nur dort auf, wo eine Erwartung scheitert und ein Problem zu lösen ist, und erlischt wieder, sobald die Lösung gefunden und automatisiert ist. Anders gesagt strebt der Organismus danach, möglichst nicht bewusst sein zu müssen. Bewusstheit ist nicht das Ziel, sondern ein teurer Notfallmodus für ungelöste Probleme.
Am klinisch ertragreichsten ist die Brücke beim Unbewussten selbst. Das buddhistische Konzept der Geistesprägung, der Samskara, jenes Ballasts, den wir unbewusst mit uns tragen und der unser Erleben formt, lässt sich erstaunlich genau mit dem prozeduralen Gedächtnis verbinden, das die Neuropsychoanalyse beschreibt. Während das episodische Gedächtnis bildhaft und narrativ speichert und entsprechend fehleranfällig ist, hält das prozedurale Gedächtnis keine Bilder fest, sondern Prozesse, also Handlungs- und Beziehungsmuster, die nicht erinnert, sondern im Verhalten agiert werden. Entscheidend ist die entwicklungspsychologische Dimension. Die frühesten Erfahrungen eines Säuglings geschehen, bevor die kortikalen, symbolisierenden Systeme ausgereift sind. Das Kind fühlt intensiv und ist dabei durchaus bewusst, kann das Erlebte aber noch nicht in Worte fassen oder episodisch ablegen. So sedimentiert sich die frühe Beziehungserfahrung als stummes Muster, als implizite Erwartung darüber, wie die Welt auf die eigenen Bedürfnisse antwortet.
Hier liegt der Schlüssel zum Wiederholungszwang. Wurde eine frühe Anforderung der Welt nicht gut gelöst und das prozedurale Muster ungünstig fixiert, dann wird es lebenslang reaktiviert, im Umgang mit Autoritäten ebenso wie in jeder Bindung, immer wieder derselbe Modus, der immer wieder nicht passt. Aus neuropsychoanalytischer Sicht handelt es sich um eine ungünstig fixierte, weil nie hinreichend bearbeitete Routine, deren automatisierte Lösung chronisch fehlschlägt, ohne je wieder ins bewusste Bearbeitungsfeld zu gelangen. Das erklärt auch, warum eine Behandlung als Beziehungserfahrung wirken muss und nicht als bloße Einsicht. Prozedurale Muster lassen sich nicht durch das Reden über sie verändern, weil sie nicht sprachlich kodiert sind. Die Gedächtnisforschung zeigt, dass Erinnerungen plastisch werden, wenn man sie reaktiviert, und in diesem Moment neu abgespeichert werden. Genau das leistet die Übertragung. Sie reaktiviert das ungünstige Beziehungsmuster im Hier und Jetzt und ermöglicht eine korrigierende Erfahrung, die das alte Muster überschreibt. Sogar die buddhistische Vorstellung der Wiedergeburt erhält in diesem Licht eine säkulare Lesart, nämlich als transgenerationale Weitergabe von Bindungsmustern. Eltern, deren eigene prägende Erfahrungen nie durchgearbeitet wurden, reagieren auf die Bedürfnisse ihrer Kinder mit ebenjenen inadäquaten Mustern und geben sie so weiter. Leid pflanzt sich fort, eine durchaus diesseitige Kette, ganz ohne Seelenwanderung.
Am Ende stand die Frage, an der wir uns festgehalten haben: Hat ein erleuchteter Mensch eigentlich noch ein Unbewusstes? Von der Neuropsychoanalyse her gedacht ergibt sich eine paradoxe Wendung. Wenn Bewusstheit nur der kostspielige Notfallmodus für ungelöste Probleme ist und der Organismus danach strebt, möglichst nicht bewusst sein zu müssen, dann wäre der vollkommen befriedete, erleuchtete Mensch gerade einer, der dieses anstrengende reflexive Bewusstsein kaum noch benötigt, weil bei ihm nichts mehr ungelöst ist. Nicht die Tilgung des Unbewussten wäre dann der Zustand der Erleuchtung, sondern dessen vollständige Befriedung. Eine andere Lesart fasst die Erleuchtung als Überwindung der Trennung von Subjekt und Objekt, womit die Frage nach dem Unbewussten ihren Sinn verlöre, weil dieser Begriff ein Innen und Außen voraussetzt. Allerdings wäre dieser Mensch dann womöglich gar nicht mehr in der Welt, sondern nähme einen Standpunkt außerhalb ein, vergleichbar einem Beobachter, der von außen auf eine Simulation blickt. Genau hier markiert die Neuropsychoanalyse ihre Grenze und ihre Treue zum Naturalismus, denn sie kennt keinen Ort jenseits des sterblichen, fühlenden Körpers. Bewusstsein bleibt für sie unhintergehbar an Endlichkeit, an die Homöostase und an den verletzlichen Leib gebunden.

May 21, 2026 • 1h 10min
EGL104 Buddhismus Teil 1: Ursprung, Lehre und Praxis
OM MANI PEME HUNG
In dieser Folge sprechen wir über Buddhismus und steigen gleich praktisch mit einer kleinen Meditation in das Thema ein. Die kurzen Sätze zur Einstimmung umfassen bereits sehr zentrale Aspekte der buddhistischen Lehre. Flo ist auf das Thema gekommen, weil er zum einen selbst lange Zeit praktizierender Buddhist war und zum anderen Micz ihn mit seiner vorherigen Episode dazu angespornt hat, eine Verbindung zwischen dem Bewusstseinsbegriff nach Freud und dem Buddhismus herzustellen. Die Frage, wie sich Buddhismus zur Psychoanalyse verhält, klären wir dann in der nächsten Folge. In dieser sprechen wir zunächst über die Grundlagen des Buddhismus. Flo erzählt die Lebensgeschichte des historischen Buddha mit dem bürgerlichen Namen Siddhartha Gautama: wie er die Erfahrung von Leid mit Alter, Krankheit und Tod machte, wie er bei den Asketen nach Antworten suchte, aber keine fand, und sich schließlich unter den Bodhi-Baum setzte und gelobte, nicht eher aufzustehen, bis er die Antwort gefunden habe. Und so wurde Siddhartha zum Buddha, dem Erleuchteten, und gab in den restlichen 45 Jahren seines Lebens seine Lehren weiter. Dabei erklären wir zentrale Begriffe wie die vier edlen Wahrheiten, den achtfachen Pfad, Karma, Ich-Illusion und Mitgefühl. Die drei Fahrzeuge bezeichnen die heute noch bestehenden Schulen des Buddhismus. Der Vajrayana, der Diamantweg, ist die Schule des tibetischen Buddhismus, die verspricht, mit dem richtigen Lehrer (Lama) und der richtigen Verbindung innerhalb eines Lebens die Erleuchtung erlangen zu können. Hier spielen Methoden wie Visualisierungen, Mantren und Einweihungen eine zentrale Rolle, wie Flo aus eigener Erfahrung berichten kann, da er lange Zeit nach der tibetischen Karma-Kagyü-Schule praktizierte. Auch dieses Thema nehmen wir mit in die nächste Episode, da der tibetische Buddhismus ein umfassendes System zur Transformation von „Geistesgiften" entwickelt hat, das aus einem psychoanalytischen Blickwinkel interessant zu betrachten ist. In dieser Episode sitzen wir mehr, als dass wir wie sonst laufen. Wir starten sitzend im Körnerpark in Rixdorf und enden nicht weit entfernt auf der Thomashöhe in den Neuköllner Rollbergen.
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Verwandte Episoden
EGL105 Buddhismus Teil 2 – Erleuchtung und das Unbewusste
Der Buddhismus gehört zu den ältesten Weltreligionen und zählt heute etwa fünfhundert Millionen Anhänger. Entstanden ist er im fünften oder sechsten Jahrhundert vor Christus in Nordindien, im Grenzgebiet zwischen dem heutigen Nepal und Indien. Eine klassische Religion im westlichen Sinne ist er nicht: Er kennt keinen Schöpfergott, keine bindende Offenbarung und kein Dogma. Er ist eher Lehre, Philosophie und Lebensweg, dessen Wahrheit jeder Mensch durch eigene Erfahrung prüfen soll. Sein Gründer ist Siddhartha Gautama, der später Buddha genannt wurde – der Erwachte. Damit beginnt der Buddhismus nicht mit einem Gott, sondern mit einem Menschen.
Leben und Erwachen des historischen Buddha
Siddhartha wurde um 563 vor Christus in Lumbini geboren, im heutigen Nepal, als Sohn von König Suddhodana und Königin Maya. Er stammte aus dem Adelsgeschlecht der Shakya, weshalb er später auch Shakyamuni genannt wurde – Weiser der Shakya. Eine alte Legende berichtet, seine Mutter habe von einem weißen Elefanten geträumt, ein Zeichen außergewöhnlicher Geburt. Der Seher Asita prophezeite, der Junge werde entweder ein großer König oder ein großer spiritueller Lehrer. Sein Vater entschied sich für die königliche Variante und schirmte ihn ab: drei Paläste für die Jahreszeiten, eine Heirat mit Yashodhara, ein Sohn namens Rahula, kein Anblick von Krankheit, Alter oder Tod. Bereits hier deutet sich ein zentraler Gedanke an: Wohlstand allein erfüllt nicht.
Mit etwa neunundzwanzig Jahren zerbrach dieser Schutzschild. Bei vier Ausfahrten begegnete Siddhartha einer Realität, die ihm bis dahin verborgen worden war. Er sah einen Greis und erkannte die Unausweichlichkeit des Alters, einen Kranken und die Universalität der Krankheit, einen Toten und die Allgemeinheit des Todes. Schließlich begegnete er einem Asketen – einem Menschen, der sich auf den Weg gemacht hatte, Antworten zu finden. Diese vier Begegnungen bilden später die Grundlage der Vier Edlen Wahrheiten. Zwei Begriffe gehören seither zu Buddhas Lehre: Dukkha, das Leid, und Anicca, die Vergänglichkeit.
Wie radikal das gemeint ist, illustriert die Geschichte von Kisa Gotami und dem Senfkorn. Eine junge Mutter verliert ihr einziges Kind und trägt den toten Säugling, halb wahnsinnig vor Schmerz, von Tür zu Tür. Buddha verspricht zu helfen, wenn sie ein Senfkorn aus einem Haus bringe, in dem nie jemand gestorben sei. Senfkörner gibt es überall, doch in jedem Haus wurde bereits getrauert. Allmählich erkennt Kisa, dass Tod und Verlust jeden Menschen treffen. Sie kehrt zurück, bestattet ihr Kind und wird Schülerin Buddhas. Buddha hält keine Predigt – er lässt sie selbst sehen. Heilung kommt durch Einsicht, nicht durch Verdrängung.
Was nun folgt, nennt die Tradition die große Entsagung. Siddhartha verlässt nachts heimlich Frau, Kind und Reichtum, schneidet sich die Haare ab und tauscht königliche Gewänder gegen die Robe eines Asketen. Sechs Jahre lang lernt er bei Yoga-Lehrern, vor allem bei Alara Kalama und Uddaka Ramaputta, und erreicht deren höchste Versenkungsstufen. Mit fünf Gefährten praktiziert er extremes Fasten und Selbstkasteiung. Doch er erkennt, dass auch der extreme Verzicht nicht zur Befreiung führt; er schwächt nur Geist und Körper. Als die Bäuerin Sujata ihm Reisbrei reicht und er ihn annimmt, verlassen ihn die fünf enttäuscht. Aus dieser Erfahrung wird der Mittlere Weg geboren – nicht zu verwechseln mit Mittelmaß oder Lauheit, sondern verstanden als Weisheit jenseits der Extreme: weder Hingabe an die Lust noch Abtötung des Körpers, sondern Klugheit, Mäßigung und innere Balance.
Siddhartha setzt sich unter eine Pappelfeige in Bodhgaya und gelobt, nicht aufzustehen, bevor er die Wahrheit erkannt habe. Er widersteht den Versuchungen Maras, des Dämons der Begierde, Angst und des Todes. In drei Wachen jener Nacht erinnert er sich zunächst seiner früheren Leben, erkennt dann das Gesetz von Karma und Wiedergeburt und schließlich die Vier Edlen Wahrheiten. Mit etwa fünfunddreißig Jahren erlebt er Bodhi, das Erwachen, und wird zum Buddha.
Die Vier Edlen Wahrheiten und der Achtfache Pfad
Die Vier Edlen Wahrheiten lassen sich als alte Krankheitsmetapher fassen. Erstens: Das Leben ist von Leid geprägt – das ist die Krankheit. Zweitens: Die Ursache des Leids ist die Begierde, das Anhaften (Tanha) – das ist die Diagnose. Drittens: Das Leid kann überwunden werden (Nirodha) – das ist die Gesundheit. Viertens: Der Weg dazu ist der Edle Achtfache Pfad (Magga) – das ist die Medizin.
Der Edle Achtfache Pfad gliedert sich in drei Bereiche: Weisheit, Ethik und Sammlung. Zur Weisheit gehören die rechte Erkenntnis und die rechte Gesinnung – das Verstehen der Vier Edlen Wahrheiten und die innere Haltung von Wohlwollen und Gewaltlosigkeit. Zur Ethik gehören die rechte Rede, das rechte Handeln und der rechte Lebenserwerb. Die rechte Rede meint Wahrhaftigkeit, das Vermeiden von Verleumdung, grober Rede und leerem Gerede. Das rechte Handeln meint nicht töten, nicht stehlen und keine sexuelle Verletzung anderer. Der rechte Lebenserwerb meint, dass die Arbeit, mit der man sein Leben verdient, niemandem schaden soll – Buddha nannte ausdrücklich Handel mit Waffen, Lebewesen, Fleisch, Rauschmitteln und Giften als zu vermeiden. Zur Sammlung gehören das rechte Bemühen, die rechte Achtsamkeit und die rechte Konzentration: die Energie, mit der man heilsame Geisteszustände entwickelt, das klare Gewahrsein des gegenwärtigen Moments und die meditative Vertiefung in den Versenkungsstufen.
Leicht missverstanden wird die Struktur des Pfades: Er ist kein lineares Programm und keine Treppe mit acht Stufen, sondern ein Geflecht aus acht Aspekten eines integrierten Lebenswegs, die alle gleichzeitig kultiviert werden. Das Wort „samma“, oft mit „recht“ übersetzt, bedeutet nicht „korrekt“ im moralischen Sinn, sondern stimmig, geschickt, heilsam, weise. Der Pfad ist kein Gesetzbuch, sondern eine Kunst des Lebens.
Lehrtätigkeit, Gemeinschaft und Kernbegriffe
Buddha hält seine erste Lehrrede in Sarnath im Wildpark bei Varanasi. Sie heißt traditionell „Drehen des Rades der Lehre“ (Dharmachakra). Aus den fünf ehemaligen Asketengefährten wird die erste Sangha, die Mönchsgemeinschaft. Damit sind die Drei Juwelen des Buddhismus beisammen: Buddha als Vorbild, Dharma als Lehre, Sangha als Gemeinschaft. In den folgenden fünfundvierzig Jahren wandert Buddha durch Nordindien und lehrt Mönche und Nonnen, Könige und Bauern, Gelehrte und Räuber. Über diese lange Zeit hinweg gab er verschiedene Belehrungsstufen, die als wiederholte „Drehungen“ des Dharma-Rades verstanden werden.
Für die damalige Zeit ist seine Praxis revolutionär: Er lehnt das Kastensystem ab und nimmt Männer wie Frauen als Anhänger auf – beginnend mit seiner Stiefmutter Mahapajapati. Glauben verlangt er nicht; sein berühmter Aufruf lautet „ehi-passiko“ – „komm und sieh selbst“. In dieser Phase entfalten sich die weiteren Kernlehren: Karma als Gesetz von Ursache und Wirkung des Handelns, Samsara als Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt, Anatta als Lehre vom Nicht-Selbst, also der Einsicht, dass es kein unveränderliches Ich gibt, sondern nur einen dynamischen Prozess. Buddhas Herangehensweise war dabei stark empirisch ausgerichtet; statt der Frage, wie sich das Ich substanziert, stellte er die radikalere Frage, ob es das Ich überhaupt gibt. Hinzu kommen Anicca, die Vergänglichkeit aller Phänomene, und Nirvana, das Erlöschen von Gier, Hass und Verblendung. Karuna, das Mitgefühl, und Metta, die liebende Güte, sind keine Gebote, sondern ethische Grundhaltungen.
Aus dieser Zeit stammen zwei Anekdoten, die Buddhas Haltung illustrieren. In der ersten sucht ein wütender Mann Buddha auf und beschimpft ihn lautstark. Buddha hört ruhig zu, ohne zu reagieren. Als der Mann fertig ist, fragt Buddha: „Wenn du jemandem ein Geschenk anbietest und er nimmt es nicht an, wem gehört es dann?“ Der Mann antwortet: „Mir, denn ich habe es gebracht.“ Buddha entgegnet: „So ist es auch mit deinen Beschimpfungen. Ich nehme sie nicht an. Sie gehören dir.“ In dieser Szene steckt Upekkha, der Gleichmut: Wir bestimmen selbst, was wir annehmen, und Hass mit Hass zu beantworten verstärkt nur das Leid.
Die zweite Geschichte handelt von Angulimala, einem gefürchteten Räuber, der eine Kette aus den Fingern seiner Opfer trug. Buddha geht ihm allein und unbewaffnet in den Wald entgegen. Angulimala will ihn töten und rennt ihm nach, kann ihn aber nicht einholen, obwohl Buddha ruhig geht. Verwirrt ruft er: „Bleib stehen!“ Buddha antwortet: „Ich stehe still, Angulimala. Stehe auch du still – halte ein mit deinem Töten.“ Angulimala wirft seine Waffen weg und wird Mönch. Doch auch als Mönch muss er Beschimpfungen und Steinwürfe ertragen – das Karma seiner früheren Taten. Die Geschichte sagt zweierlei zugleich: Wandlung ist immer möglich, und kein Mensch ist verloren – und doch lassen sich die Folgen unseres Handelns nicht einfach abstreifen.
Mit etwa achtzig Jahren stirbt Buddha in Kushinagar. Seine letzten Worte sind sinngemäß überliefert: „Alle zusammengesetzten Dinge sind vergänglich. Strebt unermüdlich nach eurer Befreiung.“ Er geht in das Parinirvana ein, das endgültige Erlöschen. Auch der Buddha unterliegt der Vergänglichkeit, die er gelehrt hat. Was bleibt, ist nicht der Lehrer, sondern die Lehre.
Überlieferung und Authentizität
Ein kurzer Blick auf die Überlieferung selbst lohnt sich, denn sie ist bemerkenswert. Buddha hat zu Lebzeiten kein einziges Wort schriftlich festgehalten. Es gibt keine Originalaufzeichnungen aus seiner Zeit, und die ältesten erhaltenen Schriften stammen aus einer Periode mehrere Jahrhunderte nach seinem Tod. Dennoch gilt der Pali-Kanon heute als erstaunlich verlässliche Quelle.
Der Grund liegt in der hochentwickelten mündlichen Überlieferungstradition Indiens. Heilige Worte sollten gesprochen, nicht geschrieben werden, und vedische Texte wurden seit über tausend Jahren mündlich tradiert, mit erstaunlicher Genauigkeit. Buddha selbst lehrte in Wiederholungen, Listen und Formeln, bewusst gedächtnisfreundlich – die vielen Wiederholungen in den Sutren sind keine Stilschwäche, sondern Erinnerungshilfe. Direkt nach Buddhas Tod versammelten sich fünfhundert erleuchtete Mönche zum ersten Konzil in Rajagriha. Ananda, Buddhas persönlicher Begleiter über fünfundzwanzig Jahre, rezitierte alle Lehrreden, Upali rezitierte die Mönchsregeln. Die Versammlung prüfte und bestätigte gemeinsam jede Rezitation. Daher beginnt jede Sutra mit der Formel „Evam me sutam“ – „So habe ich gehört“. Über die Jahrhunderte spezialisierten sich Bhanaka-Gruppen auf einzelne Textsammlungen und kontrollierten sich gegenseitig. Erst etwa vierhundert Jahre später, im ersten Jahrhundert vor Christus, wurde der Pali-Kanon in Sri Lanka erstmals auf Palmblätter geschrieben. Mahayana-Sutren entstanden ab dem ersten Jahrhundert nach Christus, Vajrayana-Tantras ab dem dritten bis achten Jahrhundert; sie beanspruchen, im Geist Buddhas weitergeführt zu sein, ihre Authentizität wird mystisch begründet, nicht historisch.
Die buddhistische Haltung dazu ist im Kalama-Sutta klar formuliert: „Glaubt nichts, weil es überliefert ist. Glaubt nichts, weil es in heiligen Schriften steht. Glaubt nichts, weil ich es gesagt habe. Prüft alles selbst durch eigene Erfahrung.“ Authentizität entsteht im Buddhismus letztlich durch praktische Wirksamkeit, nicht durch historischen Beweis.
Meditation als Weg
Im Westen kursiert die Vorstellung, Meditation bedeute, den Geist zu leeren. Das ist falsch. Das Sanskrit-Wort Bhavana bedeutet kultivieren, entwickeln. Meditation ist systematische Schulung des Geistes, nicht das Aushalten von Stille um ihrer selbst willen. Sie ist die zentrale Säule neben Ethik und Weisheit, und ihr Zweck ist direkte Erkenntnis, nicht intellektuelles Verstehen. Buddhismus ohne Meditation ist undenkbar. Buddha selbst hatte zunächst bei Yoga-Lehrern wie Alara Kalama und Uddaka Ramaputta gelernt und ihre höchsten Stufen erreicht, doch er erkannte, dass diese Versenkungen nicht zur endgültigen Befreiung führen. Sie sind Werkzeuge, keine Ziele. Aus dieser Einsicht entwickelte er seinen eigenen Weg.
Im frühen Buddhismus gibt es zwei Hauptmethoden, die in einer schönen Metapher zusammengefasst werden: sie sind die zwei Flügel des Vogels, beide nötig, damit er fliegen kann. Der erste Flügel heißt Shamatha, ruhiges Verweilen. Er steht für Sammlung, Konzentration und Beruhigung; das Ziel ist ein einspitziger, klarer, stabiler Geist, und die Methode ist die Aufmerksamkeit auf ein Objekt, meistens den Atem. Der zweite Flügel heißt Vipassana, klares Sehen oder Einsicht. Hier geht es nicht um Konzentration, sondern um analytische Beobachtung der Wirklichkeit. Erkannt werden sollen die drei Daseinsmerkmale: Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit und Nicht-Selbst. Ohne Sammlung gibt es keine tiefe Einsicht, und ohne Einsicht keine Befreiung.
Buddhas eigene Hauptpraxis war Anapanasati, die Achtsamkeit auf den Atem. Der Atem ist immer da, neutral und niemandem gehörend; gerade in dieser Schlichtheit liegt das Geniale. Aus dieser Atembeobachtung entfaltet sich Satipatthana, die vier Grundlagen der Achtsamkeit: Achtsamkeit auf den Körper, auf die Empfindungen, auf den Geist und auf die Geistesobjekte. Genau diese vier Grundlagen bilden bis heute das Rückgrat der westlichen Achtsamkeitsbewegung, von MBSR bis MBCT. Hinzu kommen die Brahmaviharas, die vier göttlichen Verweilungen: liebende Güte (Metta), Mitgefühl (Karuna), Mitfreude (Mudita) und Gleichmut (Upekkha). Diese werden in alle Himmelsrichtungen ausgestrahlt – an Freunde, Fremde, Gegner und alle Wesen. Wer den Pfad weit geht, gelangt in die Jhanas, die acht Versenkungsstufen, die zunehmend feiner und stiller werden – doch Buddha betonte, sie seien Werkzeuge, nicht das Endziel.
Was diese frühen Praktiken auszeichnet, ist ihr Charakter: schlicht, methodisch, beobachtend, analytisch. Sie kommen ohne komplexe Visualisationen aus, ohne Gottheiten, ohne Mantras im späteren Sinn, ohne ausgearbeitete Ritualistik. Lehrer-Schüler-Beziehungen sind wichtig, aber kein Guru-Yoga. Man könnte diese frühe Meditation eine nüchterne Wissenschaft des Geistes nennen.
Ausblick
Im tibetischen Buddhismus wird sich dieser Zugang fundamental verschieben. Statt zu beobachten, wird transformiert. Statt eines neutralen Objekts wie dem Atem tritt eine sakrale Form, ein Yidam. Der subtile Körper mit seinen Energiekanälen, Lebenswinden und Tropfen wird selbst zum Übungsfeld. Die Meditation wird in zwei Stufen aufgeteilt: eine Erzeugungsstufe der Visualisation und eine Vollendungsstufe der Energiearbeit. Diese Entwicklung über anderthalbtausend Jahre, der tibetische Vajrayana mit seinem ausgearbeiteten System zur Transformation der Geistesgifte sowie der Vergleich mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds bilden den Gegenstand des zweiten Teils.


