

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Jul 28, 2025 • 4min
Enn Vetemaa, Kat Menschik – Die Nixen von Estland
Was es zur Beobachtung der heimischen Nixen braucht, hält der estnische Schriftsteller Enn Vetemaa in seinem Bestimmungsbuch gewissenhaft fest: Benötigt werden ein Notizbuch, ein Bleistift und ein Taschenmesser zum Spitzen des Stifts. Als nützlich erweisen sich darüber hinaus ein Fernglas, Schwimmflossen und ein Fotoapparat.
Schon einige Seiten später betont Vetemaa das zurückhaltende Wesen der Nixen. Ein flüchtiges Vorbeihuschen im Schilf, ein kurzes geträllertes Motiv oder einige Schaumspritzer einer sogenannten Waschversessenen seien oft alles, worauf ein Nixenforscher seine Arbeit begründen müsse, heißt es darin.
Genau dieser Gegensatz zwischen wissenschaftlicher Präzision und anschaulichem, humorvollem Erzählen macht den Reiz von Vetemaas Bestimmungsbuch aus. Über den Nixenkundler im Allgemeinen schreibt er:
Er ist in erster Linie ein Freiluftforscher. In unseren Forschungsinstituten gibt es keine in Spiritus eingelegten Nixen (was als positiv angesehen werden kann). Auch aus Privatsammlungen sind mir nur einige Nixenlocken, abgeschnittene Fingernägel und Reagenz-Gläschen mit verschiedenen Absonderungen des Organismus bekannt, mehr nicht. Außerdem sind Nixen im Vergleich zu anderen Studienobjekten überaus scheu und beweglich.
Quelle: Enn Vetemaa, Kat Menschik – Die Nixen von Estland
Nicht jeder Witz zündet nach vier Jahrzehnten
Enn Vetemaas Bestimmungsbuch der „Nixen von Estland“ erschien im Original 1983 – und zwei Jahre später erstmals in deutscher Übersetzung. Dass mehr als vier Jahrzehnte später nicht alle Witze zünden, liegt einerseits daran, dass sich einige Anspielungen schlicht auf die damalige Zeit beziehen.
So lobt Vetemaa die nixenfreundliche Umweltpolitik in Estland und verweist auf die sauberen Gewässer im Land. Der heutige Leser hat dagegen schon den Klimawandel und die Überfischung der Meere im Sinn. Andererseits schweift Vetemaas Text oft ab und verliert sich Im Anekdotischen.
Am wirkungsvollsten ist er, wenn er sich an der Logik des Bestimmungsbuches hält und die Nixen beispielsweise in Familien einordnet: Von den Schönhaarigen, über die Waschversessenen und Kopfkratzerinnen, bis hin zu den Lauthalsigen.
Nicht zu verwechseln sind die Nixen von Estland übrigens mit den Meerjungfrauen, die sich deutsche Leser vielleicht vorstellen:
Folklore, Märchen und die Kunst der Welt überhaupt haben den Eindruck erweckt, die Nixen hätten unbedingt Schwänze. Was die in Estland vorkommenden Nixen angeht, so müssen wir den Leser offenbar verblüffen: Bei keiner estnischen Art wurde bis auf den heutigen Tag ein Schwanz festgestellt!
Quelle: Enn Vetemaa, Kat Menschik – Die Nixen von Estland
Illustrationen folgen dem Text – und retten ihn ins Heute
Vor rund 20 Jahren hat Kat Menschik Veteemas Text mit Illustrationen versehen: Sie hält teils präzise seine Beschreibungen der Nixen fest, dann wieder schweift auch sie ab und fügt beispielsweise Schautafeln mit Pflanzen aus Estland und Europa hinzu.
Vor allem aber setzt die Illustratorin immer Nixenforscher und andere Männer auf so überspitzt-lächerliche Weise in Szene, dass sie zahlreiche Passagen kontert, die – auch wenn es um Nixen geht – sexistisch erscheinen oder ein antiquiertes Frauenbild vermitteln:
Sieht ein Nixenforscher, der sich seiner ersten Hörner bereits abgestoßen hat, die bescheidene waschversessene Rubbelfee in ihrer verführerischen Pose, so bekommt er sofort Sehnsucht nach der Wärme eines heimischen Herds, nach Bequemlichkeit, nach sauberen Kleidungsstücken und Tischtüchern und nach sättigender Hausmannskost.
Quelle: Enn Vetemaa, Kat Menschik – Die Nixen von Estland
Neu aufgelegt zum 40. Geburtstag der „Anderen Bibliothek“
Zum 40. Geburtstag der „Anderen Bibliothek“ ist der Band mit Kat Menschniks Bildern neu aufgelegt worden. Eine lohnende Wiederentdeckung er vor allem, weil „Die Nixen von Estland“ das erste Buch ist, für das Kat Menschik Illustrationen angefertigt hat.
Zwar wirkt ihr Stil noch etwas suchend, er zeigt aber gerade in den detailverliebten Abbildungen der estnischen Natur alle Anlagen, die Menschik inzwischen zu einer der gefragtesten Illustratorinnen des Landes gemacht haben. Die Eigenwilligkeit und der Witz ihrer Bilder überstrahlen Enn Vetemaas Text inzwischen merklich.

Jul 27, 2025 • 4min
Dagmar Fenner - Digitale Ethik
Als der amerikanische Mathematiker und Philosoph Norbert Wiener in den 1940er Jahren die theoretischen Grundlagen für lernende Maschinen formulierte, konnte er noch nicht wissen, wie fundamental sich dadurch die Welt verändern würde. Denn künstliche Intelligenzen und autonome Roboter gab es bis auf Weiteres nur in der Welt der Science-Fiction.
Trotzdem ahnte Wiener bereits, dass das Selbstverständnis der Menschen eines Tages durch eine neue Generation von Maschinen auf eine schwere Probe gestellt werden würde. Heute sind wir es bereits gewohnt, dass Maschinen nicht nur immer komplexere Informationen verarbeiten, sondern inzwischen auch eigenständig Entscheidungen fällen können.
Die Verantwortung der Maschinen
Der enorme Erfolg der künstlichen Intelligenzen löst jedoch nicht nur Bewunderung aus, sondern wirft auch grundsätzliche Fragen nach ihrer Verantwortung auf. Aus diesem Grund hat die Philosophin Dagmar Fenner eine Einführung in die „Digitale Ethik“ vorgelegt, die sich ausdrücklich als angewandte Ethik für das neue Maschinenzeitalter versteht:
Unter einer Angewandten Ethik im erweiterten Sinn soll hier sowohl eine wissenschaftliche Disziplin als auch eine transakademische Beratertätigkeit in Kommissionen und Gremien verstanden werden, sofern mit philosophischen Mitteln […] zur Lösung konkreter moralischer Probleme in einer Gesellschaft beigetragen wird.
Quelle: Dagmar Fenner – Digitale Ethik
Die Berechnung der Gesellschaft
Unabhängig davon, ob man die künstlichen Intelligenzen begrüßt oder mit Sorge betrachtet, stellen sich bereits jetzt zahlreiche ethische Fragen, die beantwortet werden müssen. Das betrifft nicht nur den Umgang mit den massenhaft erhobenen Daten, sondern auch die Prinzipien, die bei den algorithmischen Entscheidungen zum Einsatz kommen.
Auch wenn Computer im Vergleich zu Menschen weit mehr Faktoren in ihre Berechnungen einbeziehen können, werden sie dennoch manchmal genötigt sein, aus mehreren schlechten Alternativen eine auszuwählen. So muss ein selbstfahrendes Auto im Fall eines absehbaren Aufpralls entscheiden, wohin es ausweicht und wen es dadurch gefährdet:
2016 verlautbarte ein Mercedes-Benz-Manager für Fahrassistenzsysteme, die Passagiere im Auto sollten immer gerettet werden. Im Gegensatz zu Pflegerobotern für die individuelle Nutzung dürfen moralische Regeln für autonome Fahrzeuge sich aber nicht an teils egoistischen Moralvorstellungen der Fahrzeugbesitzer orientieren oder den Herstellern überlassen bleiben.
Quelle: Dagmar Fenner – Digitale Ethik
Die Zukunft der Steuerung
In Zukunft wird es vermutlich noch um viel weitreichendere Entscheidungen gehen als um die von selbstfahrenden Autos. In Fenners umfassender Einführung werden alle gesellschaftlichen Bereiche, in denen schon jetzt künstliche Intelligenzen zum Einsatz kommen, wie bei der medizinischen Versorgung oder der polizeilichen Ermittlung, ausführlich behandelt.
Sie folgt dabei dem »Wiener Manifest für digitalen Humanismus« von 2019, mit dem sich zahlreiche Experten dafür eingesetzt haben, möglichst viele Nutzer an der Entwicklung von gesellschaftlich relevanten Algorithmen zu beteiligen. Denn nur so könne sichergestellt werden, dass die Gesellschaft insgesamt von den neuen Technologien profitiere:
Da Technologien wie gesehen Teil eines soziotechnischen Systems sind, müssten möglichst alle Betroffenen an ihrer Gestaltung beteiligt und mehr öffentliche und demokratische Reflexions- und Verhandlungsräume geschaffen werden.
Quelle: Dagmar Fenner – Digitale Ethik
Im Verlauf seiner Karriere machte sich Norbert Wiener zunehmend Sorgen, seine Erkenntnisse könnten in die falschen Hände geraten. Er nahm sich vor, die Öffentlichkeit mehr über die Folgen seiner Forschung aufzuklären.
In dieser Tradition steht auch Dagmar Fenner, der es gelungen ist, äußerst kompetent in die komplexe Materie der lernenden Maschinen einzuführen.

Jul 25, 2025 • 16min
„Der vorauseilende Gehorsam gegenüber autoritären Strukturen macht mir wirklich Angst.“
In ihrem Revolutionsroman „Im Wind der Freiheit“ sind die Frauen die Protagonistinnen. Deren Rolle in der Revolution von 1848/49, sagt Tanja Kinkel, sei viel zu lange übersehen worden.
„Ich hatte wirklich die Qual der Wahl, wen von den vielen Frauen, denen ich begegnet bin, ich in meinem Buch unterbringen konnte.“
Im Roman ist das allen voran die Journalistin und Schriftstellerin Louise Otto, eine historische Figur. 1819 wird sie in Meißen geboren, kämpft für Freiheit und Gleichberechtigung und gründet 1849 eine eigene Zeitung, die „Frauenzeitung“. Für Tanja Kinkel eine Pionierin der modernen Frauenbewegung.
„Louise Otto war ganz klar eine frühe Feministin, sie hat sich selbst so verstanden.“
Gleich zu Beginn des Buchs trifft Louise Otto auf die die zweite Protagonistin , die Arbeiterin Susanne Grabasch, im Roman eine fiktive Person. In der Folge wird das Revolutionsgeschehen aus den unterschiedlichen Perspektiven der beiden Frauen erzählt.
Lange war die Revolution 1848/49 eher eine ‚Männergeschichte‘, festgemacht an Namen wie Robert Blum, Friedrich Hecker und Gustav Struve. Tanja Kinkel schickt jetzt erstmals die Frauen der Revolution vor. Will sie ausgleichende Gerechtigkeit walten lassen?
Parallelen zur Gegenwart
Kinkel erzählt im „lesenswert Magazin": „Ich wollte über das schreiben, was mich interessiert hat, und da war es eben die Rolle der Frauen, die mir ins Auge stach.“
Die Revolution von 1848/49 scheiterte. In den Augen von Tanja Kinkel unter anderem an der Uneinigkeit der Demokraten und der Rolle der freien Presse, die „Dinge schreiben konnte, die niemals einem Faktencheck standhalten würden“. Das alles machte damals die Zusammenarbeit immer schwieriger.
Tanja Kinkel sieht dabei deutliche Parallelen zur Gegenwart: „Ich fürchte, dass es einfach zu verführerisch ist, einfachen Botschaften zu folgen, statt abzuwägen. 1848 kann uns einiges über die Gegenwart sagen.“
Ein Roman über Trump?
Was der Schriftstellerin und Vorsitzenden der Internationalen Lion-Feuchtwanger-Gesellschaft in Los Angeles vor allem Sorge bereitet, ist die Entwicklung in den USA. Sie meint: „Es heißt ja sprichwörtlich: was in den USA passiert, schwappt ein paar Jahre später zu uns herüber. Das macht mir verdammt Angst.“
Einen Roman über Donald Trump zu schreiben, kommt für sie übrigens nicht infrage: „Als fiktive Person funktioniert er nicht, er ist viel zu eindimensional, er ist eine lächerlich überspitze Figur, die einem niemand abnimmt. Die Realität ist mies verfasst.“

Jul 25, 2025 • 12min
Es gab schon im Mittelalter ein Bewusstsein für Überfischung und Nachhaltigkeit
Eine Geschichte nicht über, sondern aus dem Meer zu schreiben – das war die Idee von Nikolas Jaspert, als er seine Recherchen begann. Er ist in die Tiefen der Meere abgetaucht und mit einem dicken Buch an Land gegangen.
„Fischer, Perle, Walrosszahn. Das Meer im Mittelalter“ heißt es und will „die erste Geschichte des Mittelalters von der Warte des Meeres aus“ sein. Denn, sagt Nikolas Jaspert, „das Mittelalter ist nach geläufiger Vorstellung ländlich geprägt, und wenn wir vom Meer auf das Land schauen, dann sehen wir Schiffe, Hafenstädte und Menschen, die vom Meer lebten.
Was mir jetzt wichtig war, eine Geschichte aus dem Meer zu schreiben, also zu schauen, was unter Wasser existierte und wie dies genutzt, verarbeitet und gedeutet wurde.“
Meeresmonster, Sirenen und seltsame Mischwesen
Und da tummelt sich allerhand Getier und mehr. Jaspert erzählt von Meeresmonstern, Sirenen und seltsamen Mischwesen, halb Fisch, halb Mönch, aber auch von Alexander dem Großen, der sich der Legende nach in einer Glaskugel auf den Meeresgrund habe sinken lassen, um die Unterwasserwelt zu erforschen.
„Es wird im Mittelalter nicht unterschieden zwischen wirklichen und Fantasielebewesen, und zwar ganz einfach aus dem Grund, weil man sich nicht sicher sein konnte, dass es sie nicht doch gibt. Man mag das naiv nennen, aber wir wissen selbst heute noch wenig über die Meere, noch viel weniger wusste man im Mittelalter“.
Pragmatisches Denken
Die Menschen im Mittelalter begegneten dem Meer mit Respekt, man fürchtete es. Und trotzdem nutzte man es früh als Ressource. Die Schätze des Meeres wurden gehoben. Muscheln, Korallen, Bernstein, und vor allem Fisch, der mit Salz konserviert und weit ins Landesinnere verschickt werden konnte. Massenware wie der Hering wurde auch weit entfernt der Küsten in Hospitälern für die Ärmsten gereicht.
Bei alldem wusste man darum, dass man einen Fluss leerfischen kann, und man traf Vorkehrungen. Darüber geben Marktverordnungen, Zolllisten und andere Quellen Aufschluss, die regeln, wie viel gefischt und verkauft werden darf.
„Es geht weniger darum, Mutter Natur zu schützen, sondern man dachte sehr pragmatisch, aber eben nachhaltig. Im Kern ist das Nachhaltiges Denken, aber nicht aus Liebe zur Natur, sondern aus Selbstinteresse.“

Jul 25, 2025 • 5min
Johanna Haberer – Bibel. 100 Seiten
Natürlich klingt es vermessen, 100 Seiten über das „Buch der Bücher“, die „Heilige Schrift“, aber die Autorin Johanna Haberer erinnert daran, dass die Bibel selbst lange nichts anderes war als eine Sammlung von unzusammenhängenden Texten, deren Bestand sich fortlaufend änderte, denn lange war umstritten, was gehört dazu, was nicht.
Und erst nachdem das Christentum über die Jahrhunderte ein Bild von sich entwickelt hatte, gab es so etwas wie eine Richtschnur für den richtigen Glauben und damit für die Festlegung des Kanons.
Aber damit beginnen schon die Probleme, die sich in dem lapidaren Satz zusammenfassen lassen:
Auf die Bibel berufen sich Juden wie Christen.
Quelle: Johanna Haberer – Bibel. 100 Seiten
Existiert die „jüdisch-christliche Kultur“ wirklich?
Doch ist das wirklich wahr? Gibt es die „jüdisch-christliche Kultur“, von der Johanna Haberer spricht? Denn die existiert ja nur aus christlicher Perspektive, nicht aus jüdischer. Wer wüsste als Nichtjude – Hand aufs Herz – wirklich etwas vom Judentum.
Die vielbeschworene jüdische Kultur ist nichts anderes als die, die die Christen in einem Akt kultureller Aneignung für sich erfunden und ausgelegt haben. Schon der Name Altes Testament unterstellt, dass die Geschichte des Judentums als eine Art historische Vorstufe abgeschlossen gewesen sei, um dann von den Christen in eine neue Dimension überführt zu werden.
Wenn Johanna Haberer also schreibt:
Diese beiden Testamente, wie wir den jüdischen und den christlichen Teil der heiligen Schrift nennen,
Quelle: Johanna Haberer – Bibel. 100 Seiten
dann meint das „wir“ eine klar christliche Perspektive, und kein jüdischer Gläubiger würde diesen Satz unterschreiben, weil die hebräische Bibel nicht nur weitergeführt, sondern selbst erst als endgültiger Korpus fixiert wurde, als parallel dazu die Kanonbildung auf der christlichen Seite von statten ging. Man hat es also mit zwei eigenständigen, in Konkurrenz sich entwickelnden Religionen zu tun.
Ein 2000 Jahre alter Text trifft auf unsere Wirklichkeit
Natürlich weiß Johanna Haberer dies alles, sie war schließlich Professorin für evangelische Theologie und ist nebenher mit ihrer Schwester Sabine Rückert eine der zwei Pfarrerstöchter, die in ihrem erfolgreichen Podcast die Bibel auf unsere Wirklichkeit treffen lassen.
Aber der Hang zur Aktualisierung führt zu begrifflichen Unschärfen und historischen Ungenauigkeiten, die uns einen bald 2000 Jahre alte Textkorpus leicht zugänglich machen wollen, sozusagen barrierefrei und anschlußfähig. Beispiel:
In der Bibel wurzelt die Idee der Menschenrechte
Quelle: Johanna Haberer – Bibel. 100 Seiten
Aber ist das wirklich so? Die Menschenwürde wurde bis ins 18. Jahrhundert als ein Gütesiegel für eine tugendhafte Lebensweise angesehen, sie war einem nicht von Geburt an gegeben. Bei antiken Denkern wie Cicero, bei christlichen wie Nikolaus von Kues oder Pico della Mirandola, den klassischen Theoretikern der Menschenwürde, bildete sie ein anzustrebendes Ziel, keine Voraussetzung.
Erst Immanuel Kant verankerte sie im menschlichen Leben selbst. Lange Jahre hat sich die Kirche gegen diese Lesart gesträubt, ja sie bekämpft, um erst nach 1945 die gesetzesmäßige Verankerung der Würde in den Menschenrechten langsam zu akzeptieren.
Oder ein anderes Beispiel:
Die Freiheitsrechte unserer demokratischen Gesellschaft sind ohne das biblische Fundament nicht denkbar.
Quelle: Johanna Haberer – Bibel. 100 Seiten
Sind die Freiheitsrechte ohne die Bibel als Fundament denkbar?
Das hätte Papst Pius IX sicher anders gesehen, als er 1864 seine „Liste der Irrtümer“ der Moderne veröffentlichte, zu der die „Freiheitsrechte der demokratischen Gesellschaft“ eben gehörten. Nun ist Johanna Haberer Protestantin, siehe Pfarrerstochter, muss also nicht dem Papst folgen, aber auch Martin Luther beschränkte seine Freiheitsrechte auf Glaubensdinge, die er von einer wohlwollenden Obrigkeit am besten abgesichert sah, die konnte undemokratisch sein, wie sie wollte.
Vielleicht steckt hier ein Grundproblem des Büchleins, nämlich dass eine fast 2000-jährige Interpretationsgeschichte der Bibel einfach zugunsten unserer Gegenwart abgeräumt wird. Denn gleich zu Beginn heißt es:
Aber auch für finstere Kräfte wird die Bibel zur Kronzeugin: Auf sie pochen Kriegstreiber, Sektengründer, Verbrecher und Verrückte!
Quelle: Johanna Haberer – Bibel. 100 Seiten
Nur, darunter sind natürlich auch Päpste und Reformatoren. Warum sollte ihr Wort, ihre mit Bibelzitaten hinterlegten Taten weniger gelten? Wer entscheidet darüber, welche Auslegung die richtige ist? Ist es nur die jeweils historisch letzte? Das wäre banal.
Die Bibel – „menschlich gelesen“
Natürlich ist es schöner, wenn man den Turmbau zu Babel nicht als Geschichte menschlicher Hybris liest, sondern als von Gott gewollte Diversitätsbildung oder den Sündenfall des zweiten Schöpfungsberichts „ohne – Zitat – sündenverliebte Moralbrille“ als Genese des menschlichen Bewusstseins und nicht als Ursprung der Erbsünde.
Doch so leicht wird man die nicht los. Die Bibel – „menschlich gelesen“ lautet das Motto von Johanna Haberer. Aber so verwandelt sie sich in ein Buch unter Büchern.

Jul 25, 2025 • 6min
Adam Shatz – Arzt, Rebell, Vordenker. Die vielen Leben des Frantz Fanon
Frantz Fanon war nur ein kurzes Leben beschieden. Er starb mit gerade einmal 36, an Leukämie. In einem Krankenhaus in Maryland. Ausgerechnet im „Land der Lynchmörder“, wie er die USA einmal bezeichnet hatte. Das war am 6. Dezember 1961.
Algerien stand kurz vor der Unabhängigkeit und nur wenige Tage zuvor war sein Buch erschienen, das ihn posthum zur Symbolgestalt des Freiheitskampfes der sogenannten Dritten Welt machen sollte: „Die Verdammten dieser Erde". Kein Geringerer als Jean-Paul Sartre hatte das Vorwort dazu geschrieben. „The Rebel’s Clinic" heißt der Originaltitel der Biografie.
Und tatsächlich war der große Theoretiker des Antikolonialismus auch und vor allem Psychiater. Gehörte die Psychiatrie zu seiner täglichen Praxis. Es war in Kliniken, wo er seine Beobachtungen zu Macht und Ohnmacht und zur Entfremdung anstellte. In Kliniken formten sich seine Gedanken zu den Auswirkungen von Rassismus und kolonialer Gewalt und wie darauf zu reagieren sei.
Rassismus macht krank
Fanon hat in seinem kurzen Leben viele Kämpfe gekämpft. Schon als 19-Jähriger schließt er sich de Gaulles Armee im Kampf gegen den Faschismus an. Wobei er die tiefgreifende Enttäuschung verkraften muss, dass das republikanische Frankreich sein Versprechen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit gegenüber seinen schwarzen Soldaten nicht hält.
Nach dem Krieg folgt ein Medizinstudium in Frankreich. Auch hier erlebt er Diskriminierung - am eigenen Leib und im Umgang mit den algerischen Patienten – arme Tagelöhner - durch seine Kollegen. Rassismus macht krank, ist seine Erkenntnis.
1952 veröffentlicht er „Schwarze Haut, weiße Masken". Ein Buch, in dem er genau das beschreibt. Er spricht von „Verinnerlichung und Epidemisierung der Minderwertigkeit“. Damals ist er 27 und seiner Zeit weit voraus. 1953 nimmt er dann eine Chefarztstelle in einer Klinik in Algerien an.
Ein knappes Jahr später beginnt dort ein erbitterter Kampf um die Unabhängigkeit. Einer der grausamsten und blutigsten des 20. Jahrhunderts. Für Fanon gibt es kein Zögern. Er schließt sich dem Widerstand gegen die französischen Machthaber an und wird Mitglied der FLN, bis zu seinem Tod.
Die erste Biografie, die Fanon als Mensch beschreiben will
„The Rebel’s Clinic" ist keineswegs die erste Biografie Frantz Fanons, aber die erste, die versucht, wie Shatz selbst es formuliert…
… einer Symbolgestalt wie Fanon das zu verschaffen, was ihm die weiße Welt zu Lebzeiten vorenthielt: nämlich als Mensch wahrgenommen zu werden.
Quelle: Adam Shatz – Arzt, Rebell, Vordenker. Die vielen Leben des Frantz Fanon
Die wichtigste Quelle waren ihm hierbei Fanons Schriften selbst. Was sein Privatleben anging, hielt der sich ziemlich bedeckt. Memoiren betrachtete er eher verächtlich als bourgeoises Freizeitvergnügen.
Mit der Akribie eines Archäologen hat sein Biograf jedoch erfolgreich geschürft und eine Vielzahl von, wie er sagt, „verklausulierten Nebenbemerkungen über seine erlebte Erfahrung und die daraus resultierenden Überlegungen gefunden“.
Außerdem hatte Adam Shatz das Glück, noch mit Zeitgenossen und Weggefährtinnen Fanons sprechen zu können. Allen voran mit Marie-Jeanne Manuellan, seiner ehemaligen Sekretärin, die 2019 in einer Seniorenresidenz in Paris verstarb. Mit 91.
Mehrfach hat Marie-Jeanne Manuellan zu mir gesagt: „Ich möchte nicht, dass Fanon in kleine Teile zerlegt wird.“ Wenn man nur einen Aspekt seiner Arbeit und seiner Persönlichkeit betrachte, übersehe man das untrennbar zusammengehörende Gesamtbild.
Quelle: Adam Shatz – Arzt, Rebell, Vordenker. Die vielen Leben des Frantz Fanon
Shatz fügt die Einzelteile zusammen
Adam Shatz hat versucht, diese vielen kleinen Einzelteile zu einem Ganzen zusammenzufügen. Fanon war ein radikaler Universalist. Als Franzose von den Antillen, kämpfte er für die Freiheit Algeriens.
Als rebellischer Geist der er war, unterwarf er sich den autoritären Strukturen einer Befreiungsbewegung. Er befürwortete gewaltsamen Widerstand, beschrieb aber wie kein anderer gleichzeitig mit großer Sensibilität und Menschlichkeit die nachhaltigen Traumatisierungen durch eben diese Gewalt. Und zwar auf beiden Seiten.
Adam Shatz kaschiert diese Widersprüche nicht, sondern lässt sie nebeneinanderstehen, legt nicht fest oder vereindeutigt. Für ihn ist und bleibt Fanon ein lebenslang Suchender. Wie heißt es doch im letzten Satz von „Schwarze Haut, weiße Masken"?
Oh mein Leib, sorge dafür, dass ich immer ein Mensch bin, der fragt!
Quelle: Frantz Fanon – Schwarze Haut, weiße Masken
Gewalttheorie nach dem 7. Oktober
Sechs Jahre hat Adam Shatz an dieser Biografie gearbeitet. Während des Schreibens war er davon ausgegangen, dass sie vor dem Hintergrund der Black Lives Matter Bewegung rezipiert würde, doch dann geschah, nur wenige Monate vor Fertigstellung des Buches, der 7. Oktober. Und die Auseinandersetzung mit Fanon und seiner Gewalttheorie bekam wieder einmal neuen Brennstoff.
So verhandelt Adam Shatz im Epilog die Frage, ob Fanon den Anschlag der Hamas vom 7. Oktober gutgeheißen, ihn womöglich als Form antikolonialer Gewalt für legitim erachtet hätte. Die Beantwortung dieser Frage macht er sich nicht leicht.
Sie widerzugeben, würde diese Rezension sprengen, aber vielleicht bietet die Neugier darauf einen weiteren Grund dafür, sich in die Lektüre dieser fulminanten Biografie zu stürzen.

Jul 25, 2025 • 4min
Schicksalhafte Begegnung zwischen einer Frau und einer Kakerlake: „Die Passion nach G.H.“ von Clarice Lispector
Um es gleich vorweg zu sagen: Dieser Roman ist eine Zumutung. Und zugleich ein Kunstwerk von wunderbarer Radikalität, das sprachlich wie gedanklich seinesgleichen sucht. Wir sind in Rio de Janeiro, in einer gut betuchten Gegend. Dort lebt auch die Ich-Erzählerin des Romans, eine wohlhabende Bildhauerin namens G.H.
Doch schon die ersten Worte des Romans ziehen uns hinein in ein verstörendes Selbst-Gespräch, das G.H. halb mit sich, halb mit uns, dem Leser, der Leserin führt. Denn just an dem Morgen, an dem der Roman spielt, hat G.H. das Zimmer ihres Dienstmädchens betreten, das ohne Vorwarnung gekündigt hatte.
Im Zimmer vermutet sie Schmutz und Chaos. Umso überraschter ist sie angesichts der gleißenden Ordnung und Sauberkeit, die sie vorfindet.
Die Kammer schien auf einem Niveau zu sein, das unvergleichlich viel höher lag als die Wohnung selbst. Wie ein Minarett. Da war mein erster Eindruck von einem Minarett, das über einer grenzenlosen Fläche schwebte. Von diesem Eindruck spürte ich zunächst nur mein körperliches Unbehagen.
Quelle: Clarice Lispector – Die Passion nach G.H.
Noch etwas findet sie dort: Rätselhafte Kohlezeichnungen an der Wand, die den nackten Umrissen von Menschen gleichen. Und eine Kakerlake, die aus einem Schrank hervorlugt. In einem Anfall von Schrecken tötet G.H. das Tier.
Alle Gewissheiten geraten ins Wanken
Doch dieser eruptive Akt der Gewalt – samt dem ungeahnten Gefühl einer damit einhergehenden Befreiung– weicht einer spirituellen Krise, die sukzessive alle Gewissheiten ins Wanken bringt, die bis dato für G.H. gegolten haben:
Ich hatte getötet! Aber warum dieser Jubel und über ihn hinaus die innige Akzeptanz des Jubels? Wie lange schon war ich also im Begriff gewesen zu töten?
Quelle: Clarice Lispector – Die Passion nach G.H.
Was folgt, ist eine vielschichtige Meditation über die eigene Identität, die Natur des Lebens und die Kräfte des Universums. Ausgelöst wird sie durch den Todeskampf der sich windenden sterbenden Kakerlake, den G.H. mit Schrecken und Faszination zugleich beobachtet. Denn in den Augen dieses Tieres erblickt sie all das, was dem Menschlichen vorausgeht – nicht zuletzt das eigene Tier-Sein.
Wie Eiter stieg meine wahrste Konsistenz in mir hoch – und ich spürte mit Schreck und Ekel, dass der Umstand, »dass ich bin«, aus einer Quelle kam, die der des Menschlichen weit vorausging.
Quelle: Clarice Lispector – Die Passion nach G.H.
Keine kafkaeske Verwandlung
Doch Lispector erzählt von keiner kafkaesken Verwandlung. Ihre Protagonistin wird vielmehr zum Tier, indem sie sich den Körper der sterbenden Kakerlake wortwörtlich einverleibt. Denn diese Kakerlake, so begreift G.H., ist wie sie: weiblich, voll erschreckender Feuchtigkeit, voll schrecklicher Fruchtbarkeit – eine Fruchtbarkeit, die G.H. zum Verhängnis wurde, da auch ihr Leib Jahrzehnte zuvor gerichtet wurde, als sie das Kind, mit dem sie schwanger war, abtreiben musste.
Der Roman strahlt dabei gleichermaßen aus in die Gefilde der Metaphysik wie in die einer religiösen Mystik. Die Suche nach Erkenntnis ins absolut Offene hinein ist ihm Weg wie Ziel zugleich. Und auch wenn der Roman angelegt scheint wie ein wild mäandernder Bewusstseinsstrom, so ist er doch nach strengen formalen Regeln choreographiert:
Eine tastende Sprache
Aufgeteilt in einzelne Kapitel, beginnt jedes neue Kapitel mit dem letzten Satz des vorangehenden Kapitels. In jedem neuen Kapitel streift G.H. Gewissheit nach Gewissheit ab, dringt immer schärfer vor zur Essenz der Dinge.
Ich wusste, dass ich mich im Unreduzierbaren befand, obwohl mir unklar war, was das Unreduzierbare ist.
Quelle: Clarice Lispector – Die Passion nach G.H.
Clarice Lispector wiederum entfaltet mit „Die Passion nach G.H.“ – von Luis Ruby in ein vibrierendes Deutsch übertragen – vor unseren Augen eine tastende Sprache, die sich im Suchen selbst neu erfindet. Und die uns neu sehen und neu denken lehrt.

Jul 25, 2025 • 55min
Mit neuen Büchern von Tanja Kinkel, Gaea Schoeters, Adam Shatz, Nikolas Jaspert, Clarice Lispector und Johanna Haberer
Vom Wind des Meeres und der Freiheit – Neue Romane und Sachbücher
Bestsellerautorin Tanja Kinkel im Gespräch, Europas koloniale Schatten in neuen Büchern von Gaea Schoeters und Adam Shatz. Und ein Historiker taucht in die Tiefen des Meeres.

Jul 23, 2025 • 4min
Stefanie Schüler-Springorum – Unerwünscht
Westdeutschland gilt bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit vielen als vorbildlich. Wer das Buch „Unerwünscht“ der Historikerin Stefanie Schüler-Springorum liest, wird begründete Zweifel an dieser Zuschreibung hegen. Auf zweihundert Seiten blättert die Autorin in sieben Kapiteln eine Geschichte der westdeutschen Demokratie auf, die wenig mit erfolgreicher Vergangenheitsbewältigung zu tun hat.
Ob Sinti und Roma, Juden, Zeugen Jehovas, sogenannte „Berufsverbrecher“, Homosexuelle, Kommunisten oder psychisch Kranke: Für sie alle setzten sich Stigmatisierung und Ausgrenzung nach dem Untergang der NS-Diktatur fast nahtlos fort. Um jahrelange Gerichtsprozesse zu führen, fehlten den traumatisierten Opfern Kraft und Geld.
Allein die Zahlen, die Schüler-Springorum zusammenträgt, sind erschütternd: Von etwa 200.000 Tätern, die Millionen Zivilisten ermordeten, wurden in Deutschland nur circa 7.000 Personen juristisch belangt. Die Erklärung für dieses Missverhältnis liegt in der „Elitenkontinuität“ nach der Gründung der Bundesrepublik.
In Ministerien und Verwaltung, Justiz und Polizei, Wirtschaft, Medien, Bildungs- und Gesundheitswesen besetzten Männer die gleichen oder ähnliche Positionen, die sie zuvor im Nationalsozialismus innehatten. Was dies konkret bedeutet, macht Stefanie Schüler-Springorum mit Auszügen aus Urteilen, Interviews und Gerichtsakten deutlich. Das Ziel einer homogenen, „gesunden Volksgemeinschaft“ bleibt auch nach 1945 in Westdeutschland bestehen.
Befreit, aber ausgegrenzt
Viele der Überlebenden fanden sich nach der Ermordung ihrer gesamten Familie heimat- und orientierungslos in überfüllten Unterkünften für „Displaced Persons‘“ in der Obhut der Alliierten wieder. Wer in den früheren Wohnort zurückkehrte, sah sich mit dem kollektiven Schweigen der ehemaligen NS-Anhänger konfrontiert.
Oft folgten zähe Kämpfe um Rückerstattungen oder Deals mit den einstigen Verfolgern: Ein „Persilschein“ gegen die Rückgabe von Eigentum.
Mancher Erlass atmet auch 1948 noch den Geist des Nationalsozialismus. So wollte das Präsidium des Deutschen Städtetages Sinti und Roma, die als „kriminalistisches Problem“ galten, in Dörfer im Emsland umsiedeln und dort umerziehen. Die alliierte Oberaufsicht verhinderte solche rassistischen Praktiken.
Wenn es um die Anerkennung der Spätfolgen von Lagerhaft und Gewalt ging, ist die Lektüre der ärztlichen Gutachten für die Autorin heute schwer erträglich:
Bei Sinti und Roma wurde meist ihre »geringe Intelligenz« ins Spiel gebracht, bei Osteuropäern eine »gewisse geistige Primitivität« und bei weiblichen jüdischen Opfern »konstitutionell bedingte« emotionale Störungen. Oder aber man benutzte, wie im Verfahren einer Leipziger Jüdin, die das Ghetto Riga überlebt hatte, gerade ein gelungenes Nachkriegsleben als Argument. Als gutsituierte bürgerliche Frau habe sie doch Entschädigung eigentlich nicht nötig – trotz der sieben Fehlgeburten und anderer, offensichtlich haftbedingter Symptome.
Quelle: Stefanie Schüler-Springorum – Unerwünscht
„Mischung aus Rachsucht, Pedanterie und Ignoranz“
Was trieb die Juristen, ärztlichen Gutachter und Behördenmitarbeiter, mögliche Klagen und Ansprüche der Opfer unbedingt abzuwehren? Für Stefanie Schüler-Springorum ist es eine „Mischung aus Rachsucht, Pedanterie und Ignoranz“, die der Aufrechterhaltung des eigenen Überlegenheitsgefühls dient. Frauen kommen in diesem Buch als Opfer, Mütter und Partnerinnen vor, nicht als Täterin.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Migrationsdebatte sowie Forderungen nach Grenzschließungen und Abschiebungen von unerwünschten Personen ist diese fundierte Analyse, die durch dreißig Seiten Anmerkungen und ein ausführliches Literaturverzeichnis ergänzt wird, unbedingt empfehlenswert.

Jul 23, 2025 • 4min
Dieter Kühn – Ausblicke vom Fesselballon
Schon mit dem Titel schließt sich ein Kreis. Denn Dieter Kühns erster Roman von 1971 hieß „Ausflüge im Fesselballon“. Figuren, Motive und Konstellationen des Frühwerks hat er nun erneut aufgegriffen. Hauptfigur der Handlung, die in den achtziger Jahren spielt, ist wiederum ein Studienrat. Gequält korrigiert Lothar Bremer Schülerhefte und sitzt Elternabende ab.
Dieter Kühn hat in seinen Romanen und Biographien gerne den erzählerischen Möglichkeitssinn spielen lassen und alternative Lebens- und Handlungsoptionen ausfabuliert. Lothar Bremer aber steckt in seiner ungeliebten Lehrerexistenz fest wie in einem Schraubstock.
Ehekrise und Affären
Ausgiebig hadert er auch mit seiner Familiensituation. Seine Frau Renate ist leidenschaftliche Dolmetscherin und ständig unterwegs auf Kongressen. Zwar hat Bremer ein offenes Ohr, wenn sie ausführlich vom Tagungsbetrieb erzählt, von den Eitelkeiten der Forscher und den Tücken des Dolmetscheralltags.
Aber während Renate weg ist, bleiben Bremer der Haushalt und die offenbar von ihm wenig geliebte Tochter überlassen. Dass seine Schwiegermutter dann regelmäßig zur Unterstützung anrückt, beglückt ihn auch nicht gerade.
So reist Bremer herum, als wäre er auf Flucht, verbringt Tage an der Nordsee, hat Affären, etwa mit einer VHS-Dozentin und Orchideen-Liebhaberin, die allerdings nicht von ihrem bisherigen Partner loskommt, von dem sie sich eigentlich längst getrennt haben wollte. Bremer gefällt sich auf Dauer nicht in der „Rolle als Mann nur für den Nachmittag dann und wann“, er will mehr:
Und Lothar wieder: Aber merkst du denn nicht, dass ich dich brauche? Dass ich aus Not angerufen habe?“ „Aber nur, weil deine Renate mal wieder auf einer Konferenz ist.“ „Nicht nur, nicht nur… Sie bleibt ja auch sonst weg. Du weißt genau, diese Ehe ist ein auslaufendes Modell.“ „Ja, und so weiter und so weiter. Wir können uns am Montag sehn, aber heute geht es nicht.“
Quelle: Dieter Kühn – Ausblicke vom Fesselballon
Porträt eines Jahrzehnts
„Ausblicke vom Fesselballon“ hat viel Achtziger-Jahre-Atmosphäre. Einmal landet Bremer mitten in einer Anti-AKW-Demo; die Landschaft, in der der Roman spielt, das Rheinische Braunkohlerevier, ist noch schwer gezeichnet vom Tagebau. Die Menschen streiten über die Grundwasserabsenkung, die weggebaggerten Ortschaften und die Umsiedlungen. Weggebaggert wird allmählich auch die herkömmliche Ordnung der Geschlechter. Frauen gehen eigene Wege, entwickeln Eigensinn und berufliche Ambitionen, Bremer tut sich nicht leicht damit.
Seine Affäre mit der VHS-Dozentin endet in einem beklemmend beschriebenen Gewaltausbruch. Überhaupt neigt sich der Roman am Ende ins Düstere. Bremers Versuche, mit Forschungsaufträgen der Lehrerexistenz zu entkommen, scheitern. Das Angebot, für einen Baukonzern eine Festschrift zu verfassen, lehnt er ab, als ihm klar wird, wie tief die Firma in den Nationalsozialismus verstrickt ist. Schließlich reist er allein nach Neapel und irrt dort über vermüllte Hänge, die mit dystopischer Intensität beschrieben werden:
Bretter, Styroporplatten, Styroporbrocken, vom Meer noch nicht aufgelöst in Granulat. Das Meer als Müllzerkleinerer, vor allem im Brandungsbereich. Kühlschränke, Sessel, Stellagen – alles den Steilhang hinab, dem Meer zum Fraß vorgeworfen, aber dieser Sperrmüll lässt sich nicht verdauen, wird nur immer wieder ausgespien, angeschwemmt, ausgewürgt.“
Quelle: Dieter Kühn – Ausblicke vom Fesselballon
Sprachlust und Beschreibungskunst
Das Buch lebt – typisch für Kühn – nicht von in einem spannend konstruierten Plot, sondern von den vielen Exkursen und Abschweifungen, von genauen Beobachtungen und detailfreudig ausgemalten Erlebnissen, sei es ein desaströser Familienurlaub in Südfrankreich oder Bremers scheiternder pädagogischer Hausbesuch beim alkoholisierten Vater eines Problemschülers.
Die Sprachmacht, Sprachlust und Beschreibungskunst, die Dieter Kühns Werke auszeichnet, ist auch in seinem letzten Roman noch wirksam.


