SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Aug 4, 2025 • 4min

„Der unsterbliche Weil“: Eine außergewöhnliche Novelle von Maxim Biller

Die Novelle beginnt mit einem Spaziergang. Der tschechische Schriftsteller Jiří Weil läuft im April 1956 in großer Unruhe durch Prag, vorbei an der Pinkas-Synagoge, hin zur Moldau und denkt über sein wechselvolles Leben nach. Als er an der Konditorei vorbeikommt, die Cremeschnitten und Windbeutel selbst in schlimmsten Krisenzeiten anbot, erinnert er sich an die „Hasenjagd der Deutschen auf ihn“ und dass er im Mai 1945 „erschöpft und ausgemergelt“ in das Geschäft gegangen war.   Er hatte den halben Laden leer gegessen und eine Viertelstunde später draußen alles wieder – wankend und röchelnd – auf das elegant gemusterte Jugendstilpflaster des Bürgersteigs in der Pariser Straße erbrochen. Quelle: Maxim Biller – Der unsterbliche Weil Nur im Flüsterton darf er vom Überleben berichten Eine nachvollziehbare Reaktion, wenn man bedenkt, dass der 1900 geborene Autor in den Jahren zuvor mindestens zweimal hätte sterben sollen. 1935 wollten ihn die Stalinisten umbringen, weil er, der kommunistische Humanist, es gewagt hatte, die Führung in Moskau zu kritisieren. Sein Schriftstellerfreund Julius Fučík, ein linientreuer Parteisoldat, konnte die Todesstrafe gerade noch verhindern. Aus der Verbannung in die Heimat zurückgekehrt, begann der Terror der Nazis. Mit einem Trick, nämlich durch einen inszenierten Selbstmord, hat der jüdische Weil auch die deutsche Besatzung überlebt. Später will selbst die eigene Familie nichts davon wissen, nur im Flüsterton darf er vom Überleben berichten.   Wenn du so schreist, kann dich die ganze Stadt hören. Das ist keine schöne Geschichte, weißt du. Selbstmord ist bei uns Juden verboten, sogar wenn er gespielt ist. Also, bitte, sei leise. Quelle: Maxim Biller – Der unsterbliche Weil Statt nach dem Krieg endlich der literarischen Bestimmung folgen zu können, wurde Jiří Weil weiterhin ausgegrenzt. Aus dem Schriftstellerverband hatten ihn die Genossen geworfen, aber jetzt, inmitten Chruschtschows Tauwetter, beraten die folgsamen Funktionäre, ob sie den Verstoßenen „endlich wieder in ihren strengen Dichterklub aufnehmen“. Melancholische und federleichte Prosa Auf dem Gang durch die Heimatstadt kommt Weil schließlich an einer Telefonzelle vorbei. Soll er beim Kulturminister anrufen und sich erkundigen, wie es um seinen Fall bestellt ist? Kann er die mühsame Archivarbeit im Jüdischen Museum endlich aufgeben, um nichts als schreiben zu können? Der in Prag geborene Maxim Biller erinnert mit „Der unsterbliche Weil“ an einen Schriftsteller, der laut Philip Roth mit „Leben mit dem Stern“ einer „der herausragendsten Romane über das Schicksal der Juden unter den Nazis“ geschrieben hat, der aber heute, vor allem in Deutschland, weitgehend vergessen ist. Jenseits der literarischen Erinnerungsarbeit geht Biller in seiner melancholischen und zugleich federleichten Prosa der grundsätzlichen Frage nach, was literarisches Schreiben ausmacht. Jiří Weil führt auf seinem Spaziergang durch Prag ein Zwiegespräch mit einem Toten, nämlich mit Autorenfreund Julius, den die Nazis in Plötzensee ermordeten. Julius wollte die Welt mit Worten verändern; er war ein schreibender Aktivist. Dementsprechend wurde er im Ostblock gefeiert. Für Jiří Weil – wie ihn Biller entwirft – geht es in der Literatur um etwas völlig anderes:   Man kann nur davon erzählen, wie schön alles ist, auch wenn es schrecklich ist. Quelle: Maxim Biller – Der unsterbliche Weil Eine außergewöhnliche Novelle In solchen Zeilen lässt sich gewiss eine literarische Selbstverortung Billers mitlesen, dem mit „Der unsterbliche Weil“ eine außergewöhnliche Novelle gelungen ist. Die „unerhörte Begebenheit“, die für jene Textgattung charakteristisch ist, könnte in der ungeheuerlichen Anmaßung bestehen, über das Schicksal eines Schriftstellers richten zu wollen, der stets nur Opfer der Verhältnisse war. Jiří Weil erkennt schließlich, dass die Entscheidung der Bürokraten unerheblich ist für seine Autorenidentität. Die Unsterblichkeit des leider doch sterblichen Weil bezieht sich vor allem auf das Werk, das den Tod des Schöpfers überleben kann. Mit seiner außergewöhnliche Novelle zeigt Maxim Biller, was für ein herausragender Schriftsteller auch er ist.
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Aug 1, 2025 • 6min

Schonungslos und anrührend: Sylvie Schenks neuer Roman „In Erwartung eines Glücks“

Von der ersten Zeile an ist Druck auf diesem Roman. Man spürt die Dringlichkeit, von der er angetrieben ist. Mit dem Alter, so schreibt Sylvie Schenk, wächst die Ungeduld. Die Zeit läuft einem davon, gerade, wenn man das mögliche Ende vor Augen hat. Genau so geht es Irène, der Protagonistin von Schenks neuem Roman. Irène hat plötzlich Sehstörungen, findet die Worte nicht mehr, spürt Taubheit im Arm. Ein Freund kommt vorbei und rast mit Irène in die Klinik: Ihr war danach, alles mit sich geschehen zu lassen, im Augenblick verharrend, sah sie die Hausreihen und Bäume vorbeiflutschen. Sie wusste längst, dass Ängste sich nur im Zaum halten lassen, wenn man die Zukunft ignoriert, die Vergangenheit ausblendet und sich in der Gondel der Gegenwart schaukeln lässt: Ich bin da, noch atme ich.“ Quelle: Sylvie Schenk – In Erwartung eines Glücks Lebensbilanz im Krankenhaus Man sollte, das ist eine alte Weisheit, ein Buch niemals nach dem Cover beurteilen. Im Fall von „In Erwartung eines Glücks“ – allein schon der Titel führt in die Irre – sieht man ein paar verschwommene Blumen auf pastellfarbenem Grund. Harmlos. Der Roman ist jedoch alles andere als das. Sylvie Schenk ist 81 Jahre alt. Sie hat großartige Romane wie „Eine gewöhnliche Familie“ oder „Maman“, mit dem sie 2023 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand, geschrieben. Doch erst das neue Buch zeigt, wie radikal, wie ungeschützt im besten Sinne Sylvie Schenks Literatur ist. Hier steht ein Mensch am Ende seines Lebens buchstäblich nackt vor uns. Oder genauer gesagt: Nur noch im Krankenhaushemd. Denn dort, im Krankenhaus, spielt der gesamte Roman. Die befürchtete Diagnose Schlaganfall bewahrheitet sich bei Irène nicht, stattdessen wird eine Hirnhautentzündung festgestellt; Irène verbleibt zur Beobachtung zunächst einmal in der labyrinthähnlich geschilderten Klinik. Überlagerungen von Realität und Erfindung Irène ist Schriftstellerin; ihr Name, so rutscht es ihr einmal gegenüber ihrer noch jugendlichen Zimmergenossin heraus, ist ein Pseudonym. In Wahrheit heißt sie Syl, wie die Autorin selbst auch. „In Erwartung eines Glücks“ spielt permanent mit derartigen Überlagerungen von Realität und Erfindung. Der Klinikaufenthalt ist Anlass für eine Selbstreflexion, für eine Lebensbilanz, die nicht eben freundlich ausfällt: Wie sah ihr schriftstellerisches Leben aus? Die Suche nach einer Identität war Thema all ihrer Romane, aber nach einem Dutzend Bücher war sie keinen Schritt weitergekommen. Und vielleicht hatte sie nur deshalb ihr Leben dem Schreiben gewidmet: um unter den vielen Pseudo-Synonymen das ursprüngliche Wort zu finden. Oder, um auf hohem Niveau zu lügen.“ Quelle: Sylvie Schenk – In Erwartung eines Glücks Ein Houellebcq-Wiedergänger in Grün „In Erwartung eines Glücks“ ist ein Buch über das Altern, den Verfall und auch über Abschiede – und dennoch ist die Atmosphäre nicht durchgehend bedrückend. Sylvie Schenk verfügt über einen feinen Humor und über einen Sinn für das Absurde. Beides zeigt sich in den Dialogen zwischen Irène und ihrer Zimmergenossin Ada und in den Gesprächen mit einem Mitpatienten, den Irène nur den „Froschmann“ nennt: grüner Bademantel, grüne Monster-Hausschuhe. Irène erkennt in ihm einen Wiedergänger von Michel Houellebecq. Dessen letzten Roman „Vernichten“ liest sie gerade mit Begeisterung. Er gilt als Houellebecqs menschenfreundlichstes Buch, als eine Intervention gegen Altersdiskriminierung. Man sieht: Die Motive in „In Erwartung eines Glücks“ sind sorgfältig verzahnt. Ein Leben in Andeutungen und Erinnerungsfragmenten erzählt Sylvie Schenks große Kunst besteht darin, in Andeutungen und Erinnerungsfragmenten im Grunde ein ganzes Leben zu erzählen. Schenks Lesergemeinde kennt Episoden dieses Lebens aus ihren vorangegangenen Büchern: Aufgewachsen ist Irène, Jahrgang 1944, in den französischen Alpen und in einem lieblosen familiären Umfeld. Nach der Hochzeit mit einem Deutschen, zu dieser Zeit noch eine Zumutung für beide Familien, kam sie nach Deutschland, arbeitete als Lehrerin und Übersetzerin, bevor sie sich getraute, sich Schriftstellerin zu nennen. Die Ehe mit Johann, dem Deutschen, startete euphorisch, um alsbald in Routine und Gleichgültigkeit zu versanden. So jedenfalls Irènes Empfinden: Sie hoffte aber noch immer, dass ihr Mann endlich mit ihr sprechen würde, und nicht nur über die Einkaufsliste. Sie hoffte es viele, viele Jahre lang. Die Hoffnung starb nie. Er aber.“ Quelle: Sylvie Schenk – In Erwartung eines Glücks 20.000 Nächte gemeinsames Ein- und Ausatmen Ja, Johann ist tot. Gestorben nach mehr als 50 Jahren Ehe. Im Grunde ist das der Erzählanlass für „In Erwartung eines Glücks“. Die Lücke. Und die existentiellen Fragen, die sich damit verbinden: Was bleibt, wenn einer geht? Welche Umstände bestimmen eine Biografie? Wovon lebt eine Ehe? Hausbau, Geschlechtsverkehr, Kindererziehung, so denkt Irène, sind nichts gegen fast zwanzigtausend Nächte gemeinsamen Ein- und Ausatmens. Das ist nur eine der vielen schönen kleinen Beobachtungen und Formulierungen in diesem Buch, das sich auch als ein später Erkenntnisroman lesen lässt. Irène, noch immer in der Klinik, schreibt ihrem verstorbenen Mann eine kurze Nachricht: Du warst tief in mir eingeschrieben, und ich wusste es nicht. Noch ist es früh in der Nacht, und ich denke an dich, denken ist zu viel gesagt, träumen ist auch falsch, ich spiele magisches Denken, taste mich an dich heran, spiele Blinde Kuh in Liebe, ich rufe dich herauf, streichle dich oder deine Schemen, ich vermisse dich.“ Quelle: Sylvie Schenk – In Erwartung eines Glücks Der Wunsch, sich mit der Welt zu versöhnen Nichts daran ist sentimental, allenfalls getragen von dem Wunsch, sich mit der Welt zu versöhnen. Einen Weg und eine Sprache dafür zu finden. „In Erwartung eines Glücks“ ist gerade wegen der Schonungslosigkeit, mit der hier ein Leben rekapituliert wird, ein anrührendes Buch, an dessen Ende Irène über den Kauf neuer Turnschuhe nachdenkt. Möge sie sie noch lange benutzen können.
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Aug 1, 2025 • 12min

„Wir sind Menschen, wir sind dazu geboren, um zu lügen“

Ein Sanatorium. Drei Frauen. Ein Ort außerhalb der Zeit und mitten in der Gegenwart. In ihrem Debüt „Frauen im Sanatorium“ entwirft Anna Prizkau einen klugen Roman über das fragile Gleichgewicht zwischen Lebensmüdigkeit und Lebenshunger. Im SWR Kultur lesenswert Magazin spricht die Autorin über ihre Figuren und ihre Liebe zur deutschen Sprache. Ein Ort mit literarischer Geschichte Das Sanatorium als Schauplatz hat Tradition in der Literatur. Ein Topos, bespielt – natürlich – von Thomas Mann im „Zauberberg“. Der habe Prizkau aber nicht beeinflusst, mehr habe sie sich mit Sylvia Plath „Die Glasglocke“ und M. Blechers „Vernarbte Herzen“ beschäftigt. Gereizt hat Anna Prizkau an diesem Sujet: die Abgeschiedenheit. Prizkau beschreibt das Sanatorium als „geschlossenen Kosmos“, frei von digitalen Störungen, durchgetaktet allein vom Handywecker, der zu Gruppensitzungen oder Mahlzeiten ruft. Für die Autorin ein idealer Ort, um Geschichten zu erzählen: „Weil wenn ich aus Berlin oder aus Hamburg oder aus irgendeiner Großstadt eine Geschichte erzählen muss, dann haben wir alle Einflüsse von den Restaurants, den Museen, der Zeitung, alles, was auf einen einspielt. Das gibt es in einem Sanatorium nicht.“ Drei Frauen, viele Leben Im Zentrum des Romans stehen drei Frauen: die Erzählerin Anna, Elif und Marija. Jede bringt ihre eigene Biografie mit ihren eigenen Verletzungen. Prizkau beschreibt sie nicht als Patientinnen mit Diagnose, sondern als Menschen mit Geschichten: Die Biografien der Frauen sind voller Verletzungen, geprägt von migrantischen Lebenserfahrungen und von Widersprüchen. Elif zum Beispiel hinterlässt Anna ein Büchlein im Sanatorium, in dem sie die Geschichten der Mitbewohnerinnen festhält. Im Laufe der Erzählung wird klar: Verlässlich sind diese Stimmen nicht. Prizkau sagt, wir seien eben alle unzuverlässige Erzähler: Wir sind Menschen, wir sind dazu geboren, um zu lügen. Sprache als Haltung „Frauen im Sanatorium“ kein Roman der Diagnosen. Prizkau nutzt keinen „Therapiesprech“. Stattdessen findet sie eine rhythmische Sprache. „Ich liebe die deutsche Sprache über alles“, sagt Prizkau. „Ich will ihr nichts antun.“ Ihre Liebe zur Sprache, gelernt erst mit acht Jahren, zeigt sich in der Sorgfalt, mit der sie jedes Wort setzt. Anna Prizkau wurde 1986 in Moskau geboren, zog mit ihrer Familie nach Hannover und schrieb als Journalistin für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Jüngst auch über den Krieg gegen die Ukraine. 2020 erschien ihr Erzählband „Fast ein neues Leben“ in der Friedenauer Presse. Von der Journalistin zur Autorin Einen Ausschnitt aus „Frauen im Sanatorium“ hat Anna Prizkau 2021 auf Einladung von Philipp Tingler beim Ingeborg-Bachmann-Preis gelesen. Dass sie einst, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen in eine deutsche Schule kam, hat sie geprägt: „Ich musste über das Beobachten lernen.“ Dieser Blick prägt bis heute ihr Schreiben, vermutet sie im SWR Kultur lesenswert Magazin. Ob als Journalistin oder Romanautorin, beobachten, hören, erzählen: Das ist für sie der Kern des Menschlichen.
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Aug 1, 2025 • 13min

„Ich versuche, den Leuten heimlich auch mal einen Shakespeare unterzujubeln“

Social Media trifft Literaturkritik: Wie BookTok & Co. das Lesen revolutionieren Bücher boomen, auch im Netz. Wer heute nach Lesetipps sucht, findet sie nicht mehr nur im Feuilleton oder in der Buchhandlung, sondern auch bei TikTok und Instagram. Einer der Buch-Creator ist Thomas Sachsenmaier, besser bekannt als Thomas_Bookclub. Mit über 74.000 Followern auf Instagram bringt er Literatur in Reels unter: schnell, pointiert, oft ironisch. Der digitale Bücherkosmos Im SWR Kultur lesenswert Magazin spricht er über seinen Weg von der Germanistik-Vorlesung in den digitalen Bücherkosmos, über die Kraft von Bookstagram-Communities und die Frage, wie Social Media die klassische Literaturkritik ergänzt. Er erklärt, warum Jane Austen eigentlich die erste New Adult-Autorin war, wie er Klassiker von Shakespeare oder Gothic Novels in den kurzen Videos unterbringt – und warum auch Unterhaltungsliteratur eine Daseinsberechtigung hat. Lesen in Zeiten des Algorithmus Sachsenmaier gibt Einblicke in seine Arbeit und diskutiert die Verantwortung gegenüber einem jungen Publikum. Und er spricht darüber, was ihn an BookTok und Bookstagram begeistert. Liegt die Zukunft des Lesens in Zeiten von Algorithmen auf den Social Media Plattformen? Thriller-Tipp von Thomas Außerdem bringt Thomas einen Thriller-Tipp mit in die Sendung: „Yoko“ von Bernhard Aichner. Ein Buch, das den Buchblogger aktuell sehr begeistert. Vielleicht auch ein potentielles Freibadbuch?
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Aug 1, 2025 • 7min

Zurück nach Kaiserslautern: Christian Barons „Drei Schwestern“

Irgendwann halten es Vater Willy und Oma Hulda nicht mehr aus. Sie zitieren Mira zu sich, drucksen ein wenig herum und sprechen aus, was ihnen Sorgen bereitet. Naja‘, sagte er, sich wegdrehend und aus dem Küchenfenster sehend, ‚du wirkst auf uns ein bisschen … wie soll ich sagen … orientierungslos.‘‚Orientierungslos‘, wiederholte Mira, die ahnte, worauf das hinauslief.“ Quelle: Christian Baron – Drei Schwestern Die Sorge, man muss es klar sagen, ist nicht ganz unbegründet: Die Minderjährige hat eine Fehlgeburt hinter sich; der Fast-Vater hat sich aus dem Staub gemacht. An ihrer Schule ist sie seltener an- als abwesend. Dann gibt es den eher schlecht beleumundeten Ottes, mit dem sie eine Beziehung eingeht, der aber wiederum selbst ein anderes Mädchen geschwängert hat. Und doch hat Mira einen eigenen Willen, und vielleicht sogar eine Vorstellung von ihrem Leben. Mira ist eine von „Drei Schwestern“, von denen im Titel des neuen Romans von Christian Baron die Rede ist. „Drei Schwestern“ bildet den Abschluss der „Kaiserslauterer Trilogie“, die mit dem autobiographischen Bericht „Ein Mann seiner Klasse“ über den Vater Barons begann und mit „Schön ist die Nacht“ über die Großvätergeneration fortgesetzt wurde. Beides Bücher, die in proletarischem Milieu angesiedelt sind. In der Tradition von Didier Eribon oder Édouard Louis schreibt auch Christian Baron über die „beherrschte“ Klasse, die nach einer kleinen Hochphase der Arbeiterliteratur in den 1970er Jahren ziemlich aus dem literarischen Wahrnehmungsfeld verschwunden war. Kein Wunder, rekrutiert sich der Literaturbetrieb vornehmlich aus der akademischen Mittelschicht. Ein Autor seiner Klasse Inzwischen wird diese Auseinandersetzung mit Herkunftsscham und Ungleichheit unter dem Stichwort „Autosoziobiographie“ geführt. Etliche von Bildungsaufsteigern oder Milieuwechslern erzählende Bücher sind in den letzten Jahren erschienen. Baron gehört dabei gewiss zu den interessanteren Autoren dieser Welle. Mit „Drei Schwestern“ gräbt er nun noch einmal in fiktionalisierter Form tief in der eigenen Familiengeschichte: Mira ist das Porträt der Mutter als junge Frau. Selbstverständlich tauchte sie schon in „Ein Mann seiner Klasse“ auf, als sensible Mutter, die der Gewalt ihres Mannes Ottes ausgesetzt war. Noch ist in den frühen achtziger Jahren, in denen  „Drei Schwestern“ spielt, davon nichts zu ahnen, auch wenn die jüngere Schwester Juli an dem Möbelpacker Ottes kein gutes Haar lässt. Mira steht im Mittelpunkt von Barons Roman: Es scheinen für sie Fluchtoptionen auf. Sie schreibt Gedichte. Und sie ergreift die erstbeste Möglichkeit, aus der Enge und Vorhersehbarkeit ihres Daseins auszubüxen. Mit einem Hallodri namens Tadzio bricht sie nach Berlin auf, landet dort in einer Beziehung mit der mondänen Lucina, die sie zu ermutigen und zu politisieren versucht: Unversehens und sprachlos sitzt die Schulabbrecherin, die sehnsuchtsschwere Reimgedichte verfasst, einmal sogar Michel Foucault gegenüber oder bekommt von Petra Kelly einen Ratschlag erteilt: Am Ende musst du nur den Menschen mögen, den du beim Blick in den Spiegel siehst. Sonst kannst du keinem anderen helfen und nichts bewegen auf der Welt.“ Quelle: Christian Baron – Drei Schwestern Zwischen den Stühlen Heimisch aber wird sie nicht in der Boheme. Sie spürt sehr wohl, dass ihr im günstigsten Fall mit Gönnerhaftigkeit, im schlimmsten mit Arroganz begegnet wird. Mira verharrt in einer ambivalenten Zwischenposition. Dass ausgerechnet die dritte der drei titelgebenden Schwestern, die  um fast 20 Jahre ältere  Ella, die sich von ihrer Herkunft radikal gelöst hat und durch Heirat in bessere Kreise aufgestiegen ist, Mira zurück nach Kaiserslautern holen will, ist bemerkenswert. Aber mit Hilfe von Ottes gelingt es, Mira aus der Emigration ins angestammte und vielleicht auch vorbestimmte Leben zurückzulocken, wo ermüdende und schlecht bezahlte Jobs warten – ja, Baron schreibt tatsächlich über Menschen, die arbeiten müssen, um nicht unterzugehen. Wenige Male im Monat sahen sie Filme, für mehr blieb Mira noch keine Zeit, und Ottes arbeitete wie ein Berserker beim Kuhnert, er glaubte noch immer, dass sich sein Einsatz lohnen und er bald befördert werden würde. Dabei legte er sich derart ins Zeug, dass er manchmal am Ende seiner Arbeitstage mit Schrammen am ganzen Körper schon an der Haustür zusammenbrach. Mira päppelte ihn auf, ehe er am nächsten Morgen um sechs schon wieder losfuhr, um reichen Leuten die Umzüge zu machen und von einem besseren Leben zu träumen.“ Quelle: Christian Baron – Drei Schwestern Oma Hulda, eine überzeugte Kommunistin, die sich wenig gefallen lässt; der trinkfreudige und duldsame Vater Willy; die renitente, bestimmte und bestimmende Juli; und die feine Dame Ella: Um Mira herum erschafft Baron ein Tableau an sehr eigenen, durchaus komplexen Figuren. Am interessantesten ist neben Mira vor allem Ella: Sie hat zwar mit ihrer Herkunftswelt gebrochen. Aber in allem, was sie tut und sagt, muss sie diesen Bruch behaupten. Der Stallgeruch verfolgt sie; umso kräftigeres Parfüm trägt sie auf. Alles ist darauf geeicht, keine Spuren zur kleinen Ella mehr erkennen zu lassen. „Drei Schwestern“ im Theater Am deutlichsten wird das in einer der Schlüsselszenen des Buches: Die drei Schwestern besuchen gemeinsam im Pfalztheater eine Aufführung von Tschechows „Drei Schwestern“. In der Pause schleicht sich eine Bekannte von Ella an die drei heran, und die Situation ist nicht nur für die Klassenaufsteigerin von größter Peinlichkeit, sondern auch für Mira. Sie steht zwischen den Stühlen, versucht den Habitus der feinen Leute zu übernehmen, was ihr aber nicht gelingt. Ella, die sich einerseits rührend um ihre Schwestern kümmert, schämt sich zugleich abgrundtief für sie – weil sie durch sie an ihr zurückgelassenes Leben erinnert und in ein anderes Licht gerückt wird. Gerade wollte Ella los, da sprach die Frau sie nochmal an: ‚Nun sag, Ella, in welchem Verhältnis stehst du denn zu den reizenden jungen Frauen hier?‘‚Das sind …‘, fing sie an, kurz nur zögernd, ‚das sind Praktikantinnen im Betrieb meines Mannes. Da werden gerade helfende Hände gebraucht bei der Auftragslage, nicht wahr?‘Juli stand der Mund offen. Die Dame lächelte freundlich (…) Quelle: Christian Baron – Drei Schwestern Das ungelebte Leben der Eltern Es liegt eine Tragik in dieser Sequenz, die in klassistischer Literatur geradezu leitmotivischen Charakter hat: Wer den Milieuwechsel schafft, muss mit aller Gewalt – Gewalt gegen sich und andere – die alten Zusammenhänge hinter sich lassen. Eine doppelte Scham entsteht: jene, nicht zu genügen; und jene, die eigene Familie verraten zu müssen, um in der neuen Rolle zu bestehen. Mit Ella ist Baron eine zwiespältige Figur gelungen. Ihre innere Zerrissenheit ist erbärmlich und herzzerreißend zugleich. Abschluss der „Kaiserslauterer Trilogie“ ist eine immense Leistung „Drei Schwestern“ zeichnet sich durch eine direkte Sprache aus; in ihr soll sowohl Lokal- als auch Zeitkolorit transportiert werden. Es ist kein auftrumpfendes Erzählen, ganz im Gegenteil. Die Dialoge überzeugen meist, wenn auch nicht immer. Gerade in den Berliner Passagen hat man zuweilen das Gefühl, dass den Figuren zu viel angelesenes Wissen über die Zeit, die Kultur und politischen Hintergründe aufgebürdet wird. Im Großen und Ganzen aber ist der Abschluss der „Kaiserslauterer Trilogie“ eine immense Leistung: Sie bewahrt etwas, was der Autor hinter sich gelassen hat und zugleich in sich trägt –vor allem den Schmerz, der vom ungelebten Leben der Elterngeneration rührt.
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Aug 1, 2025 • 55min

Mit neuen Büchern von Christian Baron, Monika Kim, Anna Prizkau, Sylvie Schenk und Jessica Anthony

„Frauen im Sanatorium“, Weird Girls in einem feministischen Horrorroman und Lebenslügen einer Ehe. Und: Bookstagram und BookTok – Content Creator Thomas Bookclub im Gespräch.
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Aug 1, 2025 • 6min

„Es geht mir gut“ und andere Lügen

Alfred Hitchcock wandte in seinen Filmen regelmäßig den Trick an, Zuschauer mit einem Informationsvorsprung auszustatten, was unter dem Stichwort „Suspense“ zu einem Markenzeichen seiner Regie wurde. Er ließ sie schon von der Bombe in der Aktentasche wissen, während seine Figur noch glaubt, in der Aktentasche seien lediglich Papiere. Einen vergleichbaren Kniff kennt man aus Fernsehshows: Zwei Menschen, die am gleichen Ereignis beteiligt waren, werden vor laufender Kamera getrennt voneinander befragt. Dabei kommt es oft zu Überraschungen beim Zuschauen. Man weiß dadurch mehr über das Ereignis und die Menschen, als beide Beteiligte für sich genommen, deren Wahrnehmung und Erinnerung sich oft voneinander unterscheiden. „Suspense“ als dramaturgischer Kniff Mit ähnlichen Mitteln arbeitet die Autorin Jessica Anthony in „Es geht mir gut“. Sie nutzt die Möglichkeit, durch unterschiedliche Kenntnisstände ihrer Romanpersonage und der Leser Spannung zu erzeugen. In ihrem vierten Roman lässt sie zwei Eheleute wechselseitig vom Zustand ihrer Ehe und von der Vergangenheit erzählen, so dass man lesend schon bald mehr über die Ehe weiß, als die Beteiligten selbst. „Es geht mir gut“ beginnt im Jahr 1957, kurz nachdem die russische Raumfahrt am 3. November 1957 mit der Sputnik 2 die Hündin Laika ins All geschickt hat. Es scheint ein fast normaler Sonntag zu sein. Für die Familie Beckett, Virgil und seine Frau Kathleen und die beiden Söhne Nathaniel und Nicolas, die in einer Wohnanlage mit Pool lebt, beginnt der Tag mit einem Gottesdienstbesuch der männlichen Familienmitglieder. Kathleen, der an diesem ungewöhnlich warmen Novembertag furchtbar heiß ist, tut etwas anderes: Wir haben hier einen Pool, und niemand geht rein. Als wir hierhergezogen sind, haben wir über den Pool geredet. Er ist da, und die Jungs nutzen ihn nicht. Deshalb dachte ich, dass ich mal baden gehe! Quelle: Jessica Anthony – Es geht mir gut Der Pool als Katalysator Kathleen wird diesen Pool den ganzen Tag lang nicht mehr verlassen. Das Eintauchen und Verharren im Pool, wird zum Katalysator, der die Artikulation von Verdrängtem in Gang setzt. Es hat sich in der neun Jahre andauernden Ehe zwischen Kathleen und Virgil zu einer regelrechten Halde aufgetürmt. Vieles haben die beiden voreinander verheimlicht, etwa, dass Nathaniel, der erste Sohn von Kathleen, nicht von Virgil gezeugt wurde, sondern von Kathleens Tennislehrer. Kathleen hatte im Geist lange Verhandlungen mitsamt Richtern und Geschworenen über das geführt, was sie getan hatte, was richtig und was falsch daran gewesen war, und stets war sie zu dem Schluss gekommen, dass Nathaniel nur sie etwas anging. Quelle: Jessica Anthony – Es geht mir gut Große und kleine Lügen Wer was in dieser Ehe mit sich ausgemacht hat, wie viele kleine, vor allem aber große Lügen und Selbstbetrug damit einhergingen, enthüllt Anthonys Roman nach und nach und mit wechselndem Fokus von Kathleen und Virgil. Der steht seiner Frau Kathleen in Sachen Betrug und Selbstbetrug in nichts nach. Je weiter sich die Handlung entfaltet, umso deutlicher wird: Hier haben sich zwei zusammengetan, deren Temperamente und Neigungen extrem weit voneinander entfernt sind. Während Kathleen, die in ihrer Jugend eine Karriere als Profitennisspielerin angestrebt hat, ehrgeizig und zielstrebig ist, hat Virgil sich die meiste Zeit treiben, seine Träume Träume sein lassen., Besonders den Traum, einmal so Saxophon zu spielen wie Charlie Parker, den er nach einem Konzert angesprochen hat: Virgil konnte nicht glauben, dass zwei Stunden vergangen waren, als die Musik verstummte und der Ansager wieder auf die Bühne trat. Er ging zum Mikrofon und fragte Charlie Parker, wie er es geschafft hatte, so gut zu sein. „Nicht du spielst das Saxophon, das Saxophon spielt dich“, sagte Charlie Parker, und in diesem Moment beschloss Virgil, dass er sobald er aus Europa zurückgekehrt wäre – falls er zurückkehrte – aufs College gehen und Saxophonspielen lernen würde. Das hieße Nägel mit Köpfen machen. Quelle: Jessica Anthony – Es geht mir gut Geplatzte Träume Die Fähigkeit, Nägel mit Köpfen zu machen geht Virgil restlos ab. Er gleitet durch seinen Beruf als Versicherungsvertreter, das Golfspiel mit seinen Kollegen, bei dem es nie ums Gewinnen geht, und durch seine Affäre mit der Kellnerin Little Mo. Als diese ihm ein Saxophon schickt, um ihn an seine Jugendträume zu erinnern, hat er, wie Kathleen, das Problem, dass sich nicht länger verbergen lässt, was er lange unter Verschluss gehalten hat. Virgil ließ die Verschlüsse des Kastens zuschnappen und trug ihn zum Bluebird. Er öffnete den Kofferraum. Übers Wochenende würde er das Saxophon dort lassen, überlegte er, oder bis er wusste, was er damit anstellen sollte. Quelle: Jessica Anthony – Es geht mir gut „Nicht wissen, wie man es anstellen soll“: Das wäre eine alternative Überschrift dieses gehaltvollen Romans, der das bröckelnde Fundament einer Ehe und des Traums von der glücklichen Kleinfamilie offen legt und mit immer neuen überraschenden Wendungen aufwartet. Jessica Anthony legt dabei die Enttäuschungen und Eskapaden von Kathleen und Virgil offen, ohne ihre Figuren bloß zustellen. „Wie könnte ein gutes Eheleben aussehen, das auf Wahrheit gründet?“ Ein weitgehender Verzicht auf Psychologisierungen, die konsequenten Wechsel des Erzählfokus und das beiläufige, aber genau inszenierte Erwähnen des Raumflugs der Sputnik 2 sorgen dafür, dass die Lebensgeschichten der Hauptfiguren zugleich singulär und paradigmatisch für die Lebensumstände im Amerika der späten Fünfzigerjahre lesbar werden. Kathleens buchstäbliches Aufweichen drängt zu der Frage: „Wie könnte ein gutes Eheleben aussehen, das auf Wahrheit gründet?“ Genau, aber nicht allwissend erzählt Anthony. Lesend wird man aufgefordert, sich diese Frage zu stellen, und sich auf blinde Flecken und den Ausgang dieser Geschichte selbst einen Reim zu machen.
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Aug 1, 2025 • 9min

Warum wir eine Männeraugen verspeisende Serienmörderin irgendwie gut verstehen können

Wenn es zuhause bei Ji-won zum Abendessen Fisch gibt, bekommen sie und ihre jüngere Schwester Ji-hyun Schweißausbrüche vor Ekel. Ihre Mutter hat eine ganz ungewöhnliche Angewohnheit: Sie verspeist mit großer Leidenschaft Fischaugen. Denn die Augen, sagt sie, sind das Beste: Sie nimmt eines der Stäbchen und sticht damit in den Fischkopf. Ji-hyun macht ein Geräusch, das irgendwo zwischen keuchen und würgen liegt. Ein paar Sekunden später hält Umma beide Stäbchen hoch, damit Ji-hyun und ich die kleine, weiße Kugel sehen können, die zwischen den schmalen Metallspitzen klemmt. Sie hat ein triumphierendes Funkeln in den Augen und bevor wir reagieren können, steckt sie sich das Ding in den Mund. »So köstlich!« Sie zeigt uns ihre leere Zunge. Die silbrige Füllung ihrer Zähne schimmert im Licht. »Seht ihr? Eure Umma lügt nicht. Ihr zwei verpasst was.« Quelle: Monika Kim – Das Beste sind die Augen Fischaugen bringen Glück Es soll Glück bringen Fischaugen zu essen, sagt eine alte Weisheit in Korea. Zuhause in Los Angeles können Ji-won, ihre Mutter und ihre Schwester gerade eine große Portion Glück gebrauchen: Der Vater hat nämlich die Familie von heute auf morgen verlassen. Ji-wons Mutter ist erschüttert. Wochenlang sind ihre Tage gefüllt mit Warten und Weinen. Ihre Töchter können diese Passivität nicht ertragen. Ji-won ist im ersten Semester an der Universität zudem so eingespannt, dass sie kaum Kraft hat, sich um ihre trauernde Mutter zu kümmern. Stattdessen wirft sie ihrer Mutter insgeheim vor, dass sie sich so abhängig von einem Mann gemacht hat. Und sich schon bald einem Neuen an den Hals wirft: George. It-Berater, stolzer Republikaner. Er hat braune Haare, blaue Augen und, und das erschüttert die Schwestern, eine weiße Hautfarbe. Wie kommt es, dass du einen weißen Mann in einem koreanischen Laden kennengelernt hast?«, frage ich. »Ich weiß, es klingt verrückt, aber George ist ein besonderer Mann. Ich habe noch nie jemanden wie ihn getroffen. Er weiß andere Kulturen zu schätzen und die koreanische mag er besonders, weil er in Seoul stationiert war. Er spricht sogar unsere Sprache! Ist das nicht toll?« Quelle: Monika Kim – Das Beste sind die Augen Aber schnell stellt sich raus: Der vermeintlich weltoffene George interessiert sich nicht für asiatische Kultur, sondern für asiatische Frauen. Er fetischisiert sie, macht sie zu Objekten seiner sexuellen Fantasien. Die Namen der beiden Schwestern Ji-won und Ji-hyun kann er nicht aussprechen und gibt ihnen kurzerhand Spitznamen. Er nennt sie „kleine, orientalische Mädchen“ und gafft sie unverhohlen an. Georges stechender Blick ist ständig auf Ji-hyun und mich gerichtet. Er beobachtet uns. Bewertet uns. Legt uns frei, Schicht für Schicht. Er sieht hungrig aus, als wären wir seine Beute. Manchmal, wenn ich mich umdrehe und ihn beim Starren ertappe – und er nicht einmal den Anstand hat, wegzusehen –, dann sehe ich seine Augen und muss an meinen Traum denken. Quelle: Monika Kim – Das Beste sind die Augen Feministischer Horror-Roman In Ji-won wächst die Wut. Und ein Hunger, der ihr Angst macht: Sie hat es auf Georges eisblaue Augen abgesehen. Traum und Realität verschwimmen in „Das Beste sind die Augen“, wenn Ji-won sich ausmalt, wie sie langsam und präzise Georges Augen aus ihren Höhlen löst und verspeist. Brutal und auch ziemlich ekelig ist diese Fantasie, die, so viel sei schon mal verraten, keine Fantasie bleiben wird. Die koreanisch-amerikanische Autorin Monika Kim hat mit ihrem Debütroman einen Bestseller in den USA gelandet. Hier in Deutschland erscheint das Buch bei „kiwi sphere“. Das frisch gegründete Imprint gehört zum Verlag „Kiepenheuer und Witsch“ und richtet sich gezielt an Leserinnen zwischen fünfzehn und dreißig, sagt Programmleiterin Mona Lang. „Das Beste sind die Augen“ ist der erste Titel des neuen Programms. Mit einem feministischen Horror-Roman zu starten, ist eine ungewöhnliche Entscheidung. Was hat Mona Lang und ihr Verlags-Team an Ji-wons Obsession für Augen gepackt? „Ich habe mit der mitgefiebert, hab die Protagonistin, die dann gewalttätig wird und auch diese Augen isst, ich hab die so angefeuert. Und gedacht, endlich geht es andersrum und es wird nicht wie in all diesen eine Million True-Crime-Podcasts-irgendein-Mann-ermordet-junge-schöne-Frauen, das war alles so umgedreht. Da konnte man so eine weibliche Wut kanalisieren. Das fanden wir alle total toll und dann haben wir gedacht, das ist genau der richtige Aufmacher für unser Programm, weil das so zeigen soll, dass wir nicht ein Romance- und Fantasy-Verlag nur sind, sondern relativ breit gehen wollen.“ Wütende „Weird girls“ Und sie folgen damit einem Trend: Wütende „Weird girls“, also seltsame Mädchen erobern die Popkultur. Sie sind die Antiheldinnen zum dezenten, lieben und hübschen Vanilla-Girl, zum Clean-Girl, zu den Tradwifes. Frauen, die sich nicht anpassen. „Weird Girls“, etwa wie in den Romanen von Ottessa Moshfegh oder auch bei Literatur-Nobelpreisträgerin Han Kang. Autorin Monika Kim geht mit ihrer Protagonistin Ji-won noch einen Schritt weiter: Ji-wons Obsession für blaue Augen ist definitiv „weird“. Sie träumt ständig von ihnen, malt sich aus, wie sie wohl schmecken würden, während sie sich von hartgekochten Eiern und kleinen Kirschtomaten ernährt. Ji-wons zunehmende Obsession zeichnet Monika Kim in einer langsamen emotionalen Abwärtsspirale. Ji-won isoliert sich zunehmend von ihrer Familie und hat Schwierigkeiten, an der Universität mitzukommen. Ihre Sehnsucht nach blauen Augen wird sehr konkret, als Ji-won auf ihr erstes, zufälliges Opfer trifft: Ein Obdachloser, den sie tot auffindet. Ich erwarte, dass das Auge einfach herausspringt, so wie ich es mir in meinen Träumen ausgemalt habe. Aber selbst nachdem ich um die Augenhöhle herumgeschnitten und den Hautfetzen entfernt habe, der als Lid diente, bewegt sich der Augapfel keinen Zentimeter. Ich hole tief Luft und grabe ihn mit den Fingernägeln aus. Schließlich reißt der Sehnerv und meine Finger umklammern ein triefendes Etwas. Quelle: Monika Kim – Das Beste sind die Augen Ji-won verspeist den Male Gaze Wenn dieser Horror in „Das Beste sind die Augen“ einsetzt, kennt Monika Kim kein Pardon. Nach 200 Seiten wird die Träumerin Ji-won zur Serienmörderin. Und entwickelt ihr Können: das Entnehmen blauer Augen. Anders als Patrick Bateman in Bret Easton Ellis‘ Roman „American Psycho” tötet Ji-Won nicht aus reiner Langeweile oder Lust. Ihre Geschichte ist die einer jungen, migrantischen Frau, ohne eine stabile Familie und ohne finanzielles Sicherheitsnetz. Eine Frau mit koreanischen Wurzeln, die für weiße Männer nie Mensch, sondern immer nur Objekt ist. Ji-won macht diese Erfahrung sowohl zuhause mit George als auch an ihrer Uni. Dort lernt sie einen Kommilitonen kennen, der sich zunächst als besonders freundlicher und aufgeklärter Verbündeter gibt. Bis er immer mehr Ansprüche gegenüber Ji-won stellt. Je mehr sie sich ihm entzieht und nicht dem rassistischen Klischee einer dankbaren, immer verfügbaren asiatischen Frau entspricht, desto besitzergreifender wird er. Als Serienmörderin übt Ji-won Rache am Male Gaze, indem sie wortwörtlich den männlichen Blick verspeist. Tränen kullern über meine Wangen. Ich fahre mit der Zunge über das Auge, durchbreche die harte äußere Hülle. Es knirscht und knistert und ich muss an die knusprig gebratene Fischhaut zwischen den Zähnen meiner Mutter denken. Quelle: Monika Kim – Das Beste sind die Augen „Female Rage“ – Rache am Patriarchat „Female Horror“, „Body Horror“ oder „Female Rage“ – es gibt viele Begriffe für diese Genre: Filme oder Bücher, in denen Frauen nicht das schöne, passive Opfer sind, sondern zu Täterinnen werden. Körper und Körperbilder werden hier im wahrsten Sinne des Wortes aufgebrochen. Mit einer großen Lust am Ekel und am Schock sprengen die Täterinnen ihre weibliche Sozialisierung. In Zeiten, in denen Gewalt gegen Frauen stark zunimmt und rechte Kulturkämpfer Frauenrechte mit Füßen treten, bietet diese Popkultur eine Gegenerzählung an. „Good for her“ – „Gut für sie“ heißt es, wenn in dieser neuen Genre-Literatur eine Heldin wie Ji-won etwas tut, das moralisch absolut verwerflich ist, für sie persönlich aber ein Moment der Befreiung. Weil sie ihre Wut nicht runterschluckt, sondern radikal rauslässt. Auch für Leserinnen kann das befreiend sein, meint Mona Lang von „kiwi sphere“: „'Das Beste sind die Augen' zu lesen hat für mich ein empowerndes Moment. Auch wenn ich niemandem dazu raten würde das zu tun, was die Hauptfigur tut. Aber diese Fetischisierung, die ja stattfindet im Buch, der etwas entgegensetzen. Weil es ist ja nicht leicht, das ist ja eine strukturelle Ebene.  Und was willst du als Einzelne asiatisch-amerikanische Frau wie jetzt Ji-won dem entgegensetzen? Und dass sie überhaupt etwas findet, das sie entgegensetzt, finde ich ein total empowerndes Moment für Frauen.“ Monika Kim öffnet uns die Augen Am Ende des Romans plant Ji-won, Rache an demjenigen zu üben, der für sie schuld am Unglück ihrer Familie ist: Ihr Vater. Für Sigmund Freud ist der Vatermord grundlegend für die Kultur-Entwicklung. Bei Freud sind es allerdings immer die Männer, die „Bruderhorde“, die den Vatermord verüben. Was sich der Vater der Psychoanalyse nicht vorstellen konnte: Frauen und queere Menschen, die sich an Patriarchen und am Patriarchat rächen. Ob Female Rage, die weibliche Rache in der Popkultur, so revolutionär werden kann wie damals Freuds Theorie vom Vatermord? Monika Kim öffnet uns jedenfalls die Augen, dass Frau durchaus durchtrieben und bösartig sein darf. Zumindest in der Fantasie.
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Jul 30, 2025 • 4min

Isabel Kreitz – Die letzte Einstellung

Hakenkreuzfahnen in den Straßen. Die Nachricht über einen Angriff der SA auf ein Kino kommt nicht in die Zeitung. Am Tag nach der Machtergreifung sind die Warnzeichen in Isabel Kreitz‘ Graphic Novel „Die letzte Einstellung“ kaum erkennbar. Nur Intellektuelle und Juden planen schon ihr Leben im Exil. Aber Heinz Hoffmann? Der Autor, an den buschigen Augenbrauen leicht als das Alter Ego Erich Kästners erkennbar, gibt sich unbeeindruckt. Der Nationalsozialismus ist für ihn nur eine Phase.   Künstler im „Dritten Reich“ – Weggehen oder sich anpassen  Isabel Kreitz‘ Comic „Die letzte Einstellung“ ist nicht die erste Erzählung über das Lavieren eines Künstlers im selbsternannten Dritten Reich. Ihre Geschichte hat zum Teil große Ähnlichkeit mit Daniel Kehlmanns Roman „Lichtspiel“ über den Regisseur G.W. Pabst. Auch bei Kreitz steuert alles auf den Dreh eines Spielfilms in den letzten Kriegswochen zu, inklusive eines manischen Regisseurs. Aber ihr Comic hebt sich wohltuend von Kehlmanns Roman ab, weil sie mehr im Blick hat als das Motiv des egozentrischen Künstlers. Sie zeichnet den Alltag im nationalsozialistischen Berlin, wie üblich naturalistisch mit Bleistift, und oft aus der Vogelperspektive auf die zunehmend zerstörte Stadt. Ihr Strich hält penibel jedes Detail fest. Ihre Bilder atmen Zeitgeschichte. Die Trümmer, die Kleidung, Ausgebombte in den Straßen – alles zeugt von gründlicher historischer Recherche. Erst recht in den Dialogen:  Schauspieler: Die Bühnenarbeiter, französische Kriegsgefangene … die müssen alle zurück ins Lager! Und für uns Schauspieler heisst es jetzt Kriegsdienstverpflichtung! Heimatfront oder Ostfront. Und du, Heinz? Heinz: Ausgemustert! Verschleppte Angina pectoris. Nicht einmal in der Fabrik wollten sie mich nehmen. Dabei wäre ich sogar gern hingegangen. Da ist man wenigstens beschäftigt.  Quelle: Isabel Kreitz – Die letzte Einstellung Mehr Nebenfiguren Immer leicht ironisch gibt sich Kreitz‘ Hauptfigur Heinz Hoffmann. Man spürt, dass die Zeichnerin sein reales Vorbild verehrt. Doch sie zeigt auch, wie er stets seinen Vorteil sucht und die Frauen in seinem Leben benutzt – als gefeierter Autor Anfang der 30er Jahre genauso wie als verarmter Ghostwriter kurz vor Kriegsende.   Erstaunlich ist, dass Hoffmann über weite Strecken des Comics nicht in dessen Mittelpunkt steht. Kreitz baut seine Gefährtin Erika zur eigentlichen Hauptfigur auf. Anhand ihrer Entwicklung von der naiven Sekretärin zur kühl kalkulierenden Produktionsassistentin bei der Ufa erleben wir, wie man im NS-Regime sozial aufsteigen konnte. Und wie die Kaltschnäuzigkeit dabei zunimmt. Leider vermag Isabel Kreitz das nicht in die Figurenzeichnung umzusetzen. So viel Liebe zum Detail in ihren Bildern steckt – die Gesichter wirken starr, sogar wenn die Figuren streiten. Sie altern nicht einmal besonders, wenn zwischen den Kapiteln ein Zeitsprung liegt.   Ein Filmdreh als Sinnbild für den nationalsozialistischen Größenwahn  Erst in den letzten Kriegsjahren tritt Heinz Hoffmann wieder in Erikas Leben. Sie nimmt den Ausgebombten bei sich auf, verschafft ihm sogar einen Auftrag als inoffizieller Drehbuchautor für einen Durchhaltefilm. Und noch einmal verschiebt sich der Fokus der Graphic Novel. Wie in Daniel Kehlmanns „Lichtspiel“ läuft alles auf die Realisierung eines Spielfilms hinaus. Diesem Ziel wird alles andere untergeordnet. Sogar politische Auseinandersetzungen wandern in die Dialoge.  Erika: Nun geht es um Leben und Tod! Sich der Nachwelt erhalten, den Weg bis zu Ende gehen! Das ist deine Pflicht! Wir sind da in etwas hineingeraten, Heinz! Etwas so Großes … Sag mal, was schreibst du denn da? Heinz: Notizen für das Finale. Genauso müsste Leonore dem Ingenieur Martens ins Gewissen reden!  Quelle: Isabel Kreitz – Die letzte Einstellung So treffend Isabel Kreitz die Durchhalteparolen im NS-Regime aufzuspießen versteht – spätestens hier löst sich der Fokus ihrer Geschichte auf. Mit den Dreharbeiten verliert sich die Zeichnerin in einer Vielzahl neuer Figuren und Orte. So bleibt vor allem der Eindruck: Erich Kästner alias Heinz Hoffmann hat nur getan, was viele Künstler seiner Zeit taten. Ein schmales Fazit für ein so ehrgeizig angelegtes Buch.
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Jul 29, 2025 • 4min

Philippe Sands – Die Verschwundenen von Londres 38

Walther Rauff war verantwortlich für die Entwicklung und den Betrieb der Gaswägen im Zweiten Weltkrieg. In den mobilen Vorläufern der Gaskammern verloren zwischen 1941 und 1943 Hunderttausende jüdische und andere KZ-Häftlinge ihr Leben. Nach 1945 setzte sich Rauff, wie so viele NS-Verbrecher, nach Südamerika ab. Dort tauchte er aber nicht unter, sondern startete eine zweite Karriere als leitender Angestellter einer Konservenfabrik im chilenischen Patagonien. Nach dem Putsch Augusto Pinochets 1973 suchte der ehemalige SS-Offizier die Nähe zur Macht – und fand sie auch. Diesem bisher kaum untersuchten Lebensabschnitt Rauffs widmet sich der bekannte Menschenrechtsanwalt Philippe Sands in seinem neuen Buch „Die Verschwundenen von Londres 38“.  „Ich stehe hier sozusagen unter Denkmalschutz“   In einer Tonbandaufzeichnung von 1980 meinte Walther Rauff:   „Ich stehe hier sozusagen unter Denkmalschutz (…). Der General Pinochet war vor round about 12 Jahren in Ecuador, wo wir auch waren. Und damals war er x-mal in meinem Haus.“  Acht Jahre lang recherchierte der britisch-französische Bestsellerautor Sands den Fall Rauff. Er sichtete alle schriftlichen Zeugnisse und unterzog sie einer quellenkritischen Überprüfung. Er durchquerte Chile von Süd nach Nord, besuchte ehemalige Folterorte der Pinochet-Diktatur und führte zahlreiche Zeitzeugengespräche, mit Opfern ebenso wie mit ehemaligen Mitarbeitern der chilenischen Geheimpolizei DINA. Darauf aufbauend entwickelt er eine erdrückende Indizienkette, die Rauffs Verstrickungen in die Machenschaften der DINA aufdeckt. Laut Sands war der glühende Nationalsozialist aktiv in Folterungen, Morde und in das massenhafte Verschwindenlassen von Oppositionellen eingebunden.   „Ich bin ein Engel“  Diese unglaubliche Geschichte, die bis dato lediglich Gegenstand von Vermutungen war, verbindet Sands mit einem zweiten Erzählstrang, nämlich jenem über die aufsehenerregende Verhaftung Pinochets 1998 in London. Minutiös schildert der Autor das juristische Tauziehen um die Auslieferung des Ex-Diktators, die Spanien von Großbritannien verlangte: Ein komplexer und Neuland betretender Rechtsstreit, der 18 Monate später mit einem umstrittenen ärztlichen Gutachten und der Rücksendung Pinochets nach Chile wegen angeblicher Verhandlungsunfähigkeit endete.   Das Flugzeug traf am Dienstag, dem 3. März, in Santiago ein (…). Den Gehstock zwischen seine Beine geklemmt, wurde er auf eine Hebebühne gerollt und dann langsam zu Boden gelassen. Der Rollstuhl wurde auf das Rollfeld geschoben, wo er stehen blieb. Pinochet, in dunklem Anzug und lila Krawatte, wurde aufgeholfen, er ging ein paar Schritte vorwärts, umarmte General Izurieta, dann lief er winkend und lächelnd zum Flughafengebäude. Die Kapelle spielte, Anhänger jubelten, Pinochet strahlte.  Quelle: Philippe Sands – Die Verschwundenen von Londres 38 Rauff starb 1984, Pinochet 2006, ohne dass die beiden je für ihre Verbrechen verurteilt worden wären - und ohne die geringsten Anzeichen von Schuldeingeständnis oder gar Reue. Pinochet beteuerte 2003 in einem TV-Interview:   Ich habe niemanden ermordet, und ich gab keine Befehle, irgendjemanden zu ermorden. Ich bin ein Engel.  Quelle: Philippe Sands – Die Verschwundenen von Londres 38 Hin zum Primat der Menschenrechte  Trotz der skandalösen Straflosigkeit, die die Fälle Rauff und Pinochet verbindet, ist die zentrale Botschaft des Buches keine negative: Die juristische Auseinandersetzung, die mit der Festnahme Pinochets einsetzte, verschob den internationalen Diskurs weg vom Primat der Immunität von Staats- und Regierungschefs hin zum Primat der Menschenrechte.  Inspiriert von fiktionalen Werken wie den Erzählungen von Roberto Bolaño legt Sands ein kunstvoll zusammengefügtes Mosaik vor: Lebendig, vielstimmig, voller Spannungsmomente und mit großem Sinn für den menschlichen Faktor im Mahlstrom der Geschichte. Dass die vertrackten Rechtsdebatten für Laien verständlich und bis zum Schluss interessant bleiben, ist nicht die geringste der erzählerischen Leistungen von Philippe Sands.

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