SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Dec 19, 2025 • 2min

Francesca Melandri – Eva schläft

Den Roman „Eva schläft“ empfehle ich nicht, weil ich als Eeva mit der Titelfigur namensverwandt bin. Und auch nicht, weil ich aus Südtirol komme, wo dieser Roman spielt. Dabei ist das zentrale Ereignis, dass der Roman in Südtirol spielt. Die Autorin Francesca Melandri erzählt die Geschichte einer deutschsprachigen Provinz, die als Spielball der Geschichte 1918 italienisch wurde. Warum ich den Roman wirklich empfehle? Weil Melandri es schafft, höchste historische Komplexität in zwei Erzählsträngen lebendig werden zu lassen. Die vierzigjährige Eva reist aus der nördlichsten italienischen Provinz in die südlichste. Dort liegt Vito im Sterben, er war die große Liebe ihrer Mutter, Gerda, deren Lebensgeschichte, eng verwoben mit jener Südtirols, im anderen Strang erzählt wird. Gerda wird in den italienischen Faschismus hineingeboren, der Südtirolern ihre Sprache und Kultur verbot. Wie sich das auf die Normalität der Bevölkerung ausgewirkt hat, figuriert Melandri vor allem in zwei starken Frauen, Mutter und Tochter. Dabei dröselt sie nicht nur historische Traumata auf, sondern entzaubert auch Idyllen: Mit der Köchin Gerda blicken wir hinter die kulinarischen Kulissen in Hotelküchen und wie nebenbei werden damit auch die politischen Hintergründe des Autonomiekampfes enggeführt. Das alles ist erzählerisch so klug und packend konstruiert, dass man den Roman gar nicht mehr aus der Hand legen will. Pflichtlektüre für alle Südtirol-Fans, ach was, für alle, die lebendige Geschichte lieben!
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Dec 19, 2025 • 1min

Mona Awad – Bunny

Ein Lesetipp für alle, die sich gerne irritieren lassen wollen. Mein Name ist Elisabeth und ich habe „Bunny“ von Mona Awad mitgebracht. Ein echter BookTok-Hit, besonders unter jungen Leserinnen und Lesern boomt der Roman auf der Plattform TikTok. Und ich kann verstehen, warum: Dieses Buch wirkt wie ein düsterer Sog. Außenseiterin Samantha wird zu den geheimnisvollen Treffen ihrer Kommilitoninnen, den selbsternannten „Bunnys“, eingeladen. Was wie der harmlose Beginn einer Freundschaft wirkt, entpuppt sich als Reihe zunehmend kurioser Zusammenkünfte. Die jungen Frauen experimentieren nämlich mit Hasen und Magie und erschaffen aus den Tieren die vermeintlich perfekten männlichen Begleiter. Dass diese Versuchskaninchen einige Probleme verursachen, überrascht wenig, vor allem aber gerät Samanthas Leben aus den Fugen. Wer düstere Atmosphären, magischen Realismus und rätselhafte Ereignisse liebt, kommt hier voll auf seine Kosten. Und ganz aktuell: Die Fortsetzung des Romans erscheint im Januar in deutscher Übersetzung. Ein guter Moment also, in diese merkwürdige Welt einzutauchen.
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Dec 19, 2025 • 7min

Das Evangelium nach Burgess

In der Literatur gibt es viele Bearbeitungen der Geschichte von Jesus Christus. Mit der Bibel in erzählende Konkurrenz zu treten, war aber immer mit dem Risiko verbunden, hinter ihrer epischen Wucht zurückzubleiben. Die gelungenen Adaptionen verlegen das Geschehen deshalb gern in andere Kontexte und erzeugen gerade dadurch Wirkung – man denke an die Dialoge zwischen Jesus und Pilatus in Bulgakows phantastischem Roman „Der Meister und Margarita“, der den offiziellen Sowjet-Atheismus verspottete. Oder an „Der Narr in Christo Emanuel Quint“, Gerhart Hauptmanns sozial-religiösen Roman einer Christus-Imitatio im Arme-Leute-Schlesien des 19. Jahrhunderts.  Anthony Burgess schreibt das fünfte Evangelium Solchen Ehrgeiz hat Anthony Burgess nicht. Sein Jesus-Roman liest sich eher wie ein fünftes Evangelium, so ausführlich wie die vier kanonischen zusammen. Als Medium der Geschichte dient ein Mann namens Asok, von Beruf Übersetzer, Rechnungsprüfer und Geschichtenschreiber. Religiöses Sendungsbewusstsein ist eher nicht sein Antrieb: Es ist nicht meine Absicht, mich über Gut und Böse und Richtig und Falsch auszulassen, denn in dieser Art des Denkens besitze ich wenig Geschick. Aber vielleicht darf ich unwidersprochen behaupten, dass die Welt eine zwiespältige Schöpfung ist. Quelle: Anthony Burgess – Der Mann aus Nazareth Die Mission dieses merkwürdigen Evangelisten besteht darin, eine der größten Geschichten der Welt noch einmal zu erzählen – so unterhaltsam, dass auch bibelresistente Leser Zugang finden, mit der Treue zu den alten Texten und der Liebe zu neuen, aber plausiblen Details. Das beginnt mit der äußeren Gestalt von Jesus. Er war ein großer, charismatischer Redner auf öffentlichen Plätzen. Also – schlussfolgert Burgess – war er kein hagerer Asket, sondern muss eine mächtige Stimme gehabt haben und einen kräftigen, Resonanz gebenden Körper. Sein Jesus ist eine Art „Tiger“, ein Mann wie ein Baum, der seine Stärke zugunsten der Nächstenliebe zähmt.   Jesus als Ehemann Als junger Mann genießt er, anders als in der Bibel, eine Weile die Freuden der Ehe; allerdings stirbt seine Frau früh. Die berühmte Hochzeit von Kana ist bei Burgess jedenfalls Jesus‘ eigene. Dabei vollbringt er sein erstes Wunder, als er von den Durstigen gedrängt wird, Wasser in Wein zu verwandeln: „Ah, dieser Geschmack. Kommt. Alle. Trinkt. Aber“ – er hielt einen strengen Finger in die Höhe – „zuerst eine Warnung. Es liegt im Wesen dieser Verwandlung, dass der Wein für Sünder – Männer, die Geld schulden, Frauen, die über ihre Nachbarn tratschen, Unzüchtige, Ehebrecher und Gotteslästerer, aussieht wie Wasser, wie Wasser schmeckt und zu Kopfe steigt wie Wasser. (…) Wer will als erster probieren?“   Quelle: Anthony Burgess – Der Mann aus Nazareth Ein cleverer Trick – und eine humoristische Lösung des Unwahrscheinlichkeitsproblems. Denn mit seinen Wundertaten konnte Jesus in der wundersüchtigen Zeit der Antike seine göttliche Abkunft beglaubigen; in der aufgeklärten Gegenwart machen die Wundererzählungen den biblischen Bericht für viele Leser dagegen fragwürdig. Man bemüht sich dann um „symbolische“ Lesarten. Das ist Burgess‘ Sache aber nicht. Auch wenn er mit der Kirche haderte, war er doch wie Heinrich Böll ein gläubiger Katholik. Sein Jesus treibt böse Geister aus und heilt Blinde und Lahme fast im Akkord. Den toten Lazarus ins Leben zurückrufen? Kein Problem. Darstellung der Jünger Um die zur Mission gehörende Verfolgung und Kreuzigung in Gang zu bringen, muss Jesus provozieren, sich mit dem religiösen Establishment anlegen, richtig Ärger machen. Mit seinen Jüngern bildet er – um eine kleine Parallele zu „A Clockwork Orange“ zu ziehen – sozusagen eine schlagkräftige Gang, allerdings eine des Guten. So werden aus manchen eher statischen Motiven der Bibel lebendige, fast filmische Szenen. Während die Jünger die Tische umwarfen und Gold und Silber klimpern und klirren ließen, peitschte Jesus auf die Wechsler und Verleiher ein und brüllte: ‚Mein Haus soll heißen ein Bethaus allen Völkern. Ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht.‘Das Hinauswerfen der fluchenden Geldleute überließ Jesus den Jüngern, besonders Jakobus, der seine rohe Kraft eines Jahrmarktsringers zum Einsatz brachte. (…)Judas sagte: ‚Ich glaube, Meister, mit größtem Respekt, dass wir die Obrigkeit nicht zu sehr gegen uns aufbringen sollten.‘ Quelle: Anthony Burgess – Der Mann aus Nazareth Zu den Reizen des Romans gehört es, wie Burgess den Jüngern Profil verleiht. Judas etwa zeichnet er als jungen Intellektuellen. In den Evangelien von Lukas und Johannes verrät er Jesus aus eigener Initiative, weil der Teufel von ihm Besitz ergriffen hat. Burgess dagegen schildert psychologisch hintergründig, wie der Hohe Jüdische Rat Judas in eine perfide Falle lockt. Gerade weil seine Liebe zu Jesus so groß ist und er sich nicht mit dessen Tod abfinden will, kann er zum Opfer einer teuflischen Intrige werden. Auch die jüdischen Schriftgelehrten und Pharisäer bekommen im Roman eigene Kapitel, allen voran der Hohepriester Kaiphas, an dessen biblischer Darstellung sich der christliche Antisemitismus entzündete. Man kann nicht sagen, dass Burgess seine Ehrenrettung vornehmen würde. Fern liegt Burgess auch die sadomasochistische Feier von Schmerz und Blut bei der Kreuzigung, wie sie Mel Gibson im Film „Die Passion Christi“ zelebriert. Lieber reflektiert er über technische Details der Kreuzaufrichtung. Sogar Jesus selbst – der Überlieferung gemäß ein gelernter Zimmermann – blickt in der Werkstatt des Kreuzschreiners fachmännisch auf das Gebälk, an dem er sterben wird: ‚Zedernholz‘, sagte Jesus, während er über das Holz strich und daran roch. (…) ‚Ich war auch Schreiner. Ein guter Schreiner müsste die Verbindung nicht so nageln. Die Zapfenverbindungen sind sehr nachlässig.‘‚Nun“, und der Alte rieb sich das Kinn. ‚Fällt nicht vielen auf.‘‚Gott fällt es auf. Gott lobt die gute Arbeit und verachtet die schlechte.‘ Quelle: Anthony Burgess – Der Mann aus Nazareth Konventionell und humoristisch Der Roman erschien 1979, also im gleichen Jahr wie Monty Pythons Jesus-Filmkomödie „Das Leben des Brian“, eine fulminante Satire auf den religiösen Dogmatismus. Dagegen wirkt Burgess‘ Adaption zahm. Er hat keine Entlarvungs- oder Entmythologisierungsambitionen, sondern will eine moderne, zeitgemäße Fassung der großen Geschichte bieten. Die bis heute faszinierenden Gleichnisreden des Neuen Testaments übernimmt er dabei fast wörtlich. Die Erzählweise ist aber konventionell; die Experimentierfreude und den Sprachwitz von Werken wie „A Clockwork Orange“ wird man vergeblich suchen. Das Beste, was man über diesen Roman sagen kann: Jesus predigt die Nächstenliebe bei Burgess nicht nur; er macht sie sich selbst zur Aufgabe und lebt sie auf überzeugende Weise.
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Dec 19, 2025 • 1min

Diego Rodriguez-Robredo — Legendäre Tiere

Tierische Zeitreise Hier kommt ein Weihnachtsgeschenktipp für alle, die neugierig sind auf die wahren Helden der Weltgeschichte! Im Kindersachbuch „Legendäre Tiere“ von Diego Rodriguez-Robredo hab auch ich, Theresa Hübner, noch eine Menge gelernt. Mit dem Buch kann man eine Zeitreise machen aber nicht entlang der üblichen großen Schlachten, Kaiser oder Könige - sondern zu den Tieren der Weltgeschichte. Leider muss man ja sagen, wurden Tiere schon immer als Kriegswaffe eingesetzt, als exotisches Geschenk übergeben oder zur Belustigung als Haustier gehalten. Von manch anderen tierischen Berühmtheiten haben Sie bestimmt schon gehört: vom weißen Wal Moby Dick oder der Kosmonautenhündin Laika zum Beispiel. Aber auch eine mumifizierte Gazelle, oder Surus, den Lieblingselefanten von General Hannibal, lernt man kennen, oderJenny, den Orang-Utan, dessen Intelligenz selbst Charles Darwin verblüffte.   Der Autor liefert dazu viel Hintergrundwissen zu jedem „legendären Tier. Auf 48 reich illustrierten Seiten nimmt uns Autor Diego Rodríguez Robredo mit auf diese oft vergessenen Pfade der Weltgeschichte — spannend aufbereitet, lehrreich, und für Kinder ab etwa 8 Jahren geeignet.
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Dec 19, 2025 • 3min

Giovanni Boccaccio — Decameron

Düstere Pandemie Mein Weihnachtstipp hat einen düsteren Hintergrund. In ihm wird von einer Pandemie erzählt, davon dass eine Seuche über eine Welt hereinbricht, die man nicht versteht. Plötzlich ist sie da, sie rafft die Menschen hinweg ohne Ansehen der Klassen. Es trifft die Reichen und die Armen, die Leichenberge türmen sich, die Verwaltungen versuchen, einen Überblick zu bewahren, aber sie scheitern. Dann werden die Sitten lose, der Anstand verschwindet, die tradierten Verkehrsformen, man brüllt, schreit, glaubt an nichts mehr, oder gleich an irgendwelche Scharlatane. Klingt vertraut? Nein, ich spreche nicht über die Covid-Pandemie, die uns gerade mal vor fünf Jahren den Atem geraubt hat. Es geht um die Pest im Jahr 1348. Und es geht um Florenz. Erzählt wird dieses düstere und tragische Zeit- und Sittengemälde von Giovanni Boccaccio, denn es ist der Auftakt seines berühmten Novellenzyklus „Decameron“. 100 Geschichten Aber die apokalyptischen Bilder sind nur der Anfang, dann verschieben sich die Gewichte. Eine Gruppe von 10 jungen Menschen, sieben Frauen, drei Männer, flüchten aus der sterbenden Stadt aufs Land, wo sie sich Geschichten erzählen, hundert an der Zahl, die vom Leben in den italienischen Städten berichten, humoristische, vergnüglich, aber auch derb-anzüglich, mal pädagogisch orientiert, mal einfach pointiert-parodistische-effektvoll, ein wunderbarer Kranz von Novellen, aber so hat man sie erst später benannt. Kirchenkritisch sind sie alle, und das liegt nicht nur am korrupten Klerus, nein, mit der Pest ist auch der Glaube abhanden gekommen. Gott ist tot, könnte man sagen, von der Seuche dahin gerafft. Keine Ordnung, nirgends. Es scheint, als müssten die Menschen neu ansetzen, auf sich selbst zurückgeworfen. Ihre Geschichten testen aus, wie ein Zusammenleben ohne den tradierten geistigen und weltlichen Überbau möglich ist, kein Gott, kein Herrscher. Mensch und Mitgefühl Als Orientierung, als Material bleibt nur der einzelne Mensch und das, was ihn vor allem auszeichnet, seine Fähigkeit zum Mitgefühl. Darum sind die Geschichten auch so individuell, voller Mehrdeutigkeiten, Unsicherheiten, gleichsam ein großes Experimentierfeld der condition humaine. Und sie sind eine Feier der Literatur selbst, denn genau sie, die Dichtung, die Fiktion, ermöglicht das Probehandeln, das Durchspielen menschlicher Verhaltensweisen, ohne dass sie gleich wirklich werden müssten. Im Manesse Verlag, der uns immer wieder mit prächtigen Klassikerausgaben beglückt, ist jetzt eine neue Übersetzung des „Decameron“ erschienen. Übersetzt hat das Meisterwerk Luis Ruby und kommentiert hat es der Verleger Horst Lauinger selbst zusammen mit dem Übersetzer. Ein wirkliches Geschenk für uns und für jeden Leser, für jede Leserin! Ein MUSS für den Gabentisch.
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Dec 19, 2025 • 7min

Zwischen Liederrausch und Maschinenliebe: Tatsuzō Ishikawas „Die letzte Utopie“

Wir schreiben das Jahr 2026. Endlich ist die Menschheit zur Vernunft gekommen. Nationalstaaten gibt es nicht mehr, dafür eine sogenannte Weltrepublik, stolzer Garant eines ewigen Friedens, für dessen Sicherung es nur einiger tausend Polizeiroboter bedarf. Ebenso überwunden sind Hunger und Ungerechtigkeit: In der Zukunftsgesellschaft, die Tatsuzō Ishikawa 1953 vorhersagte, bekommt einfach jeder den gleichen Anteil an den Ressourcen. Was übrigens niemanden stört, schließlich gibt es auch keinen Individualismus mehr. Entsprechend zufrieden wirkt der Bericht eines namenlosen Reporters: Die Menschen (…) tragen ausnahmslos modische Kleidung. Ihre Gesichter wirken sorglos und zufrieden, Liebespaare schlendern Arm in Arm. Alle haben ein glattes Antlitz, denn sie leben in einer glückverheißenden Republik, in einer Utopie ohne Kummer (…), wo alle Wünsche wahr werden. Quelle: Tatsuzo Ishikawa – Die letzte Utopie Roman aus Zeitungsberichten und Interviews Tatsächlich besteht Ishikawas nun erstmals auf Deutsch zu lesender Roman „Die letzte Utopie“ ausschließlich aus Agenturmeldungen, Reportagen und Interviews aus der ganzen Welt. Erzeugnisse der klassischen Medien Zeitung und Radio also; so etwas wie Social Media war in den 50ern wohl unvorstellbar. Anstelle einer Hauptfigur gibt es etwa 20 Personen, deren Schicksale sich in diesen Artikeln spiegeln. Das macht die Lektüre anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, entwickelt aber bald schon einen ganz eigenen Reiz. Vor allem dann, wenn sich immer mehr Risse im Gefüge dieser sich überlegen glaubenden Weltrepublik zeigen. Und wenn den Reporterstimmen dafür immer weniger beruhigende Erklärungen einfallen. Ein Optimist war der 1985 verstorbene japanische Schriftsteller Tatsuzō Ishikawa also durchaus nicht, im Gegenteil. Vielmehr erweist sich die aufpolierte Welt seines satirischen Zukunftsromans als Hort der Unfreiheit, Konformität und Dekadenz. Und zudem als ausgesprochen fragil: Tausende Menschen nehmen sich allein aus unerwiderter Liebe zu einem Opernstar das Leben. Am Ende wird es der Gesang einer Ziegenhirtin aus den Wäldern von Sachalin sein, der zum Zerfall der Weltrepublik und sogar zur Selbstauslöschung der Menschheit führt. Rundfunk Manila antwortet nicht. Rundfunk Kairo antwortet nicht. Rundfunk Santiago antwortet nicht. Quelle: Tatsuzo Ishikawa – Die letzte Utopie Fehlerhafte menschliche Natur Der Fehler, zeigt Ishikawas Roman, liegt nicht im politischen System, sondern in der menschlichen Natur selbst, allem gesellschaftlichen Schein zum Trotz. Beispiel Rassismus, der in dieser Welt natürlich auch als überwunden gilt. Aber eben nur so lange, bis in den Medien publik wird, dass in den ehemaligen Südstaaten der USA Arbeits-Roboter mit schwarzer Hautfarbe produziert werden, offenkundig eine Verhöhnung der Afroamerikaner, woraufhin ein Schwarzer Roboterfabrikant weiße Roboter herstellt. Die Folge ist eine Welle von Hassverbrechen, mit der ein General, verantwortlich für die Sicherheit der Weltrepublik und ironischerweise deutschstämmig, auf seine Weise umgehen will: Es gibt nur eine einzige Lösung: Farbige und Weiße sollten sich unerbittlich bekämpfen, bis eine Partei vernichtet ist. Sonst wird das Problem für immer bestehen bleiben. Quelle: Tatsuzo Ishikawa – Die letzte Utopie Parallelen zu „Schöne neue Welt“ Wer genau hinsieht, entdeckt also durchaus Parallelen zwischen Ishikawas Zukunftswelt und unserer Gegenwart. Vergleicht man den Roman mit den beiden klassischen Dystopien, George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, so hat Ishikawas utopische Weltrepublik mit ihren Lifestyledrogen und sinnentleertem Konsumismus mehr mit letzterer gemein. Zumal ja auch bei Huxley ein edler Wilder eine kulturlose Massengesellschaft konfrontierte. Der Entdecker der singenden Ziegenhirtin Anna, George Hamada, sieht es so: Unsere Republik ist wirklich in einem makellosen Zustand, ohne jegliche Mängel in der Zivilisation. Aber der Mensch bleibt nun mal Mensch, im Grunde gehört er immer noch der Tierwelt an. Das kultivierte Leben hat mich inzwischen etwas ermüdet. Als ich Annas Gesang hörte, erwachte in meinem Inneren das Gemüt meiner Vorfahren, ihre Emotionen und ihre Leidenschaft. In mir entstand Sehnsucht nach Wildheit, die in der Zivilisation in mir erloschen war. Quelle: Tatsuzo Ishikawa – Die letzte Utopie Leidenschaftliche Roboter und queere Cocktails Hamada ist ein Ingenieur, der Roboter mit Moralsystem entwickelt. Ohne die Millionen menschenähnlicher Roboter, die den Menschen die Arbeit abnehmen, wäre diese fröhliche Weltgesellschaft gar nicht möglich. Unsere Bequemlichkeit, lautet eine Botschaft von Ishikawas Roman, lässt uns über kurz oder lang lebensuntauglich werden. Und so wie heutzutage längst über die Rechte von Künstlicher Intelligenz nachgedacht wird, fordern in Ishikawas Romanwelt gutmeinende Aktivisten die Gründung von Robotergewerkschaften zum Schutz vor Ausbeutung, vorbeugend sozusagen. Unsere Roboter mögen ausdruckslos wirken, wir können ihre Gedanken nicht lesen, und dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass auch sie insgeheim aufwieglerische Gedanken hegen. (…) Genauso wie die Arbeiter des 19. Jahrhunderts sich aus der Herrschaft der Bourgeoisie befreiten. Quelle: Tatsuzo Ishikawa – Die letzte Utopie Hormone und Sexualität Nur dauert es nicht lange, und ein fataler Nebeneffekt der Roboter mit Moral wird sichtbar: Sie können sich verlieben, und zwar mit einer rasenden Leidenschaft, die Frauen von der Männerwelt gar nicht mehr gewöhnt sind. Sexualität und Fortpflanzung sind in Tatsuzō Ishikawas Romanwelt die Bereiche, in denen sich für den japanischen Autor die Lebensuntauglichkeit dieser glückstrunkenen Weltgesellschaft am offensichtlichsten zeigt: Neue Hormone zum Beispiel versprechen eine stark verkürzte Schwangerschaft, sehr zur Freude der Frauenwelt, auch um den Preis von Babys mit Hasenscharten. Und weil Heterosex aus der Mode gekommen ist, trinken viele Menschen lieber Hormoncocktails, die ihre sexuelle Orientierung aufs eigene Geschlecht festlegen. Verhängnisvolle Bequemlichkeit Zugegeben, es gibt etliche Stellen im Roman, die auf ein verstaubtes Geschlechterbild Ishikawas schließen lassen. Und irritierend für das heutige Publikum sind auch Wörter wie „Mischlingsmädchen“ oder „farbige Menschen“. Mehr noch als ein Kind seiner Zeit war der japanische Autor aber ein Kritiker von Moderne und technologischem Fortschritt. Vieles hat Tatsuzō Ishikawa in „Die letzte Utopie“ vorhergesehen: den Boom der Reproduktionsmedizin zum Beispiel, den Hype um Langlebigkeit oder die Debatte um geschlechtliche Selbstbestimmung. Und egal, wie man zu diesen Fragen steht, eine faszinierende und fesselnde Lektüre bietet Ishikawas Roman in jedem Fall: Weil seine Dystopie mit schmerzhaftem Humor und staunenswerter Konsequenz die Frage nach dem Verhältnis von Individualität und Kollektivität stellt. Und die nach dem Preis für all die Annehmlichkeiten eines modernen Lebens. Und diese Fragen sind heute aktueller denn je.
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Dec 19, 2025 • 55min

Mit neuen Büchern von Anthony Burgess, László Krasznahorkai, Tarjei Vesaas und Jon Fosse, mit Weihnachtstipps und einem neuen Lexikon

Heute geht es um große Männer: um den Sohn Gottes, einen Möchtegern-König und die Autoritäten des 20. Jahrhunderts. Und zwei Literaturnobelpreisträger sind auch in der Sendung.
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Dec 19, 2025 • 13min

Onkel Józsi soll König von Ungarn werden. Der neue Roman des Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai

Endlich haben sie ihn gefunden – den rechtmäßigen König von Ungarn! Er wohnt in einem kleinen Häuschen irgendwo in der ungarischen Pampa, und er heißt József Kada. Das ist das Setting in László Krasznahorkais neuem Roman „Zsömle ist weg“. Natürlich möchten ihn seine Anhänger gern mit „Majestät“ ansprechen. József Kada aber präferiert die Anrede „Onkel Jószi“. Trotzdem ist klar: Onkel Józsi ist nicht der leicht verwahrloste Alte, der er zu sein scheint, sondern Abkömmling der mittelalterlichen Arpaden-Dynastie und also der rechtmäßige König von Ungarn. Weg mit der Demokratie, die ja nun wirklich nichts taugt! Hilfe! Ungarn geht den Bach runter! Mit einem Gegenwartspolitiker namens Orbán können die Königstreuen nichts anfangen. Überhaupt treibt sie das Gefühl um, dass es mit ihrem Land bergab geht. Das sieht man ja schon an der Dorfstraße, die einfach nicht frisch geteert wird. „Mit dem Gefühl, dass alles den Bach runtergeht, wird aktuell oft Politik gemacht“, sagt der Literaturkritiker Jörg Magenau im Gespräch auf SWR Kultur. „Es geht um Verlustängste und um die Frage nach nationaler Identität. Daran knüpft auch die AfD in Deutschland an. Es ist ein Stimmungsgemenge: Die Politik ist schlecht, die Politiker sind miserabel, die Straßen werden nicht mehr asphaltiert. So denken Onkel Józsis Anhänger. Sie hegen Ressentiments gegen die Moderne, gegen jede Art von Veränderung und auch gegen Technik.“ Verwandtschaft zu Prinz Reuß und seinen Reichsbürgern Im Zentrum des Romans steht der durchaus kauzig veranlagte Onkel Józsi. Er ist grundfreundlich, fühlt sich aber auch dem deutschen Prinz Reuß und seinen Reichsbürgern verwandt. Tatsächlich steht Prinz Reuß seit gut einem Jahr in Frankfurt vor Gericht. Vorwurf: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens. Das ist keine Kleinigkeit. Onkel Józsi aber ist ein bisschen vertrottelt. Verharmlost Krasznahorkai? „Nein“, findet Jörg Magenau. „László Krasznahorkai dämonisiert diese Leute nicht, denn ihre Verrücktheiten haben ja durchaus ihre Wirkung. Auch wenn es sich um liebenswerte Trottel und zurückgebliebene Landbewohner handelt, macht es sie nicht weniger gefährlich.“ Ein Roman, der aus elf Sätzen besteht Wie schon in früheren Werken ist „Zsömle ist weg“ in Langsätzen verfasst. Jedes der elf Kapitel besteht aus nur einem langen Satz. Immer wieder sprechen andere Figuren, nur getrennt durch zahlreiche Kommata. „Dieses Tiradenhafte bildet die Gedanken und Gefühle der ganzen Gruppe ab“, sagt der Kritiker Jörg Magenau. „Es formuliert die Gedanken dieser seltsamen Monarchisten, die zwischen Wahn und Wirklichkeit herummäandern.“ Literaturnobelpreis für ein fesselndes und visionäres Werk „Für sein fesselndes und visionäres Werk, das inmitten apokalyptischen Schreckens die Kraft der Kunst bekräftigt“, erhielt László Krasznahorkai dieses Jahr den Nobelpreis für Literatur. Er ist nach Imre Kertesz (2002) der zweite Ungar, der mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. In seiner Nobel Prize Lecture sprach Krasznahorkai über das Ende seiner Hoffnungen, denn es gibt „Krieg und nur Krieg, Krieg in der Natur, Krieg in der Gesellschaft“. Er sprach über heutige Engel, die unauffällig unter uns wandeln, aber weder Flügel noch Botschaft besitzen.
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Dec 19, 2025 • 10min

Wer braucht heute noch ein Lexikon?

Momentan können wir live erleben, wie ein neues Lexikon entsteht: „Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen“. Dieses „Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland“ will erfassen, wie sich die Bedeutung von Wörtern im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert hat. Dreißig Texte wurden online bereits publiziert. Einer dieser Artikel befasst sich mit den Stichworten Autorität, autoritär und antiautoritär. Ein wichtiger Text, da autoritäre Strukturen weltweit wieder zunehmen. Der Historiker Kristoffer Klammer hat ihn verfasst. Erschütterte Autorität nach dem Zweiten Weltkrieg Interessanterweise haben sich die Verwendung und Bedeutung der drei Stichworte aufgrund der Weltkriegserfahrung stark gewandelt. Autorität etwa besaß eine Person in der ersten Jahrhunderthälfte noch aufgrund von Tradition oder sozialer Position. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Autorität dagegen zunehmend problematisiert. Sie musste verstärkt begründet und immer wieder neu legitimiert werden, bevor sie so benannt werden konnte, fand Klammer bei seinen sprachhistorischen Untersuchungen heraus. Autoritär: zunächst neutral, dann durchweg negativ konnotiert Eine noch stärkere Bedeutungsverschiebung erlebte das Adjektiv autoritär, sagt Kristoffer Klammer: „Bis in die 1930er Jahre wird das Wort noch relativ wertneutral, teilweise sogar positiv konnotiert verwendet.“ Mit der Erfahrung der Nazi-Diktatur aber ändert sich das. „Von da an ist autoritär ein negativ konnotiertes Adjektiv, das sich praktisch nicht mehr positiv verwenden lässt.“ Die antiautoritäre Erziehung der 1960er Jahre In den 1960er Jahren kam dann das Adjektiv antiautoritär auf. Es stammt aus Sozialpsychologie und Pädagogik und wird vor allem im Kontext der Kindererziehung verwendet. Der Begriff wurde erfolgreich, weil die antiautoritäre Erziehung langlebige autoritäre Strukturen durchbrach und warnte „vor der potenziellen Rückfallanfälligkeit der Gesellschaft für undemokratische politische Systeme“, sagt Kristoffer Klammer. Methodische Stringenz statt Wikipedia Auch auf Wikipedia gibt es einen umfangreichen Text mit allerlei Gedanken zum Stichwort Autorität. Kristoffer Klammers Text aber ist methodisch stringenter. Für seine sprachhistorische Untersuchung hat er eine Vielzahl Schriften untersucht: Lexika, Zeitungen, Magazine, Reden, Parlamentsdebatten, Interviews, audiovisuelle Quellen und sogar Blog-Beiträge. Rund einhundert Artikel sind für das Kompendium „Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen“ geplant. Zum Abschluss des Projektes werden die Texte gedruckt und in fünf Bänden im Schwabe-Verlag erscheinen.
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Dec 19, 2025 • 2min

Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar

Bald ist Weihnachten. Und dann die Zeit zwischen den Jahren. Zeit für dicke Bücher! Ich bin Katharina Borchardt, Literaturredakteurin bei SWR Kultur, und ich empfehle das vielleicht dickste Buch des Jahres: „Das Lied von Storch und Dromedar“ von der Groninger Autorin Anjet Daanje. 976 dichtbedruckte Seiten – genau das Richtige für entspanntes Binge-Reading über die Feiertage! Der Roman erzählt vom Nachleben einer gewissen Eliza May Drayden. Sie ist der englischen Autorin Emily Brontë nachgebildet. In elf Großkapiteln erzählt Daanje von Menschen, die in irgendeiner Beziehung zu Eliza stehen. Außerdem enthält der Roman Briefauszüge und Biographiefragmente zu den fiktiven Draydens. Ein postmodernes Mosaik im Gewand eines üppigen historischen Romans. Wer war Eliza May Drayden wirklich? Anjet Daanje hebelt in diesem Mammutwerk mal eben die Zeit aus, zerlegt die Prinzipien von Chronologie und Kausalität und wendet Quantenphysik auf Erzähllogik an. Ein Roman wie ein Treppengemälde von MC Escher, der übrigens aus Leeuwarden kam, nicht weit von Groningen entfernt. Wie bei Escher kippt auch bei Daanje oft die Perspektive. Dieses Erzählabenteuer sollte man unbedingt miterleben. Dafür aber braucht man ganz profan: Zeit. Ein paar Wochen bestimmt. Zumal man den Roman am Ende gleich nochmal von vorne lesen will! Warum nicht an den Feiertagen damit beginnen?

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