SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Dec 26, 2025 • 8min

Tausendseitige Emily-Brontë-Phantasie: Besuch bei der Autorin Anjet Daanje in Groningen

Der Kirchturm der Martinikerk in Groningen. Mit Uhr und Glockenspiel. Das Wahrzeichen der Stadt und im unendlichen Flachland des niederländischen Nordens schon von weitem zu sehen. Auch vom Turm des fiktiven Dörfchens Baaiden. Der alte Turm steht etwas außerhalb des Dorfes, wie ein treuer Soldat, der auf seiner Warft Wache hält. Wenn man in das oberste Stockwerk steigt, überblickt man das ganze flache Land. An einem klaren Tag sieht man in der Ferne die Stadt Groningen mit der Martinikerk, und wenn man den Kopf nach Norden dreht, hat man den Eindruck, das Deichvorland und das Wattenmeer seien ganz in der Nähe. Quelle: Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar Die Martinikerk im Zentrum von Groningen So beschreibt es die Autorin Anjet Daanje in ihrem neuen Roman „Das Lied von Storch und Dromedar“. Anton Scheepstra hat ihn herausgegeben. Sein Verlag De Passage liegt schräg gegenüber der Martinikerk. Er erzählt: „Wir sind hier im Verlag De Passage. Seit 6½ Jahren sind wir inzwischen in diesem alten Kaufmannshaus. Im Hinterzimmer ist das Büro für alle redaktionelle Arbeiten. Vorne haben wir einen Raum mit hübschem Schaufenster, in dem ich unsere Bücher ausstelle.“ Auch die Bücher von Anjet Daanje sind dabei. Und ihre vielen Übersetzungen in andere Sprachen. 2023 erhielt sie für „Das Lied von Storch und Dromedar“ den „Libris Literatuurprijs“, den wichtigsten Buchpreis der Niederlande. Die Ehrung hat Anjet Daanje gefreut, der anschließende Rummel um ihre Person eher nicht. Sie ist ein ruhiger Mensch, vielleicht sogar etwas scheu. Sie reist wenig und gibt kaum Interviews. Ein Mammutwerk von knapp 1.000 Seiten Ihr neuer Roman ist ein Mammutwerk von knapp tausend Seiten, in dem es um das Nachleben einer gewissen Eliza May Drayden geht, einer fiktiven Version der englischen Autorin Emily Brontë. Im Roman spielen Uhren eine besondere Rolle, und auch Musik. „Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen. Auf dem Gymnasium hatte ich auch mal eine Popmusik-Phase. Aber mit 27 habe ich mich wieder der klassischen Musik zugewandt. Am liebsten höre ich Bach. Ich liebe Bach“, verrät die Autorin. Ihr Bruder ist der Musiker Dieb. Er gestaltet auch die niederländischen Cover ihrer Romane. Anjet Daanje kann ebenfalls Klavier spielen. Studiert aber hat sie Mathematik. „Bachs Musik hat etwas Logisches, hat aber auch Volumen und ist melodiös. Auch beim Schreiben höre ich Musik, und da ist Bach gefährlich. Ich höre ihn nur, wenn ich etwas sehr Dramatisches schreiben muss. Als ich „Das Lied von Storch und Dromedar“ schrieb, habe ich tatsächlich viel Bach gehört. Er hat etwas Tiefes. Es macht schon was aus, welche Musik man hört.“ Eliza ist von Anfang an tot Der Roman setzt ein am 12. Dezember 1847. Es ist Eliza May Draydens Todestag. Was für eine verrückte Idee: Die Hauptfigur ist von Anfang an tot! Die folgenden knapp 1.000 Seiten erzählen dann aus verschiedenen Perspektiven, wie die Figuren Eliza erlebt haben. Und dass ihre Spuren bis ins 21. Jahrhundert reichen. Ihre Schwester Millicent ist zunächst noch ganz nah dran. Heute Nachmittag haben wir sie beerdigt. […] Der älteste Sohn von Mr Hey – unser früherer Klavierlehrer – spielte eine Fuge von Bach auf der Orgel, das hätte ihr gefallen – und dann legten wir ihr geliebtes Haupt, ihr langes kastanienbraunes Haar, ihre wolkengrauen Augen, ihre gescheiten, lieben Worte, ihre ironischen Witze, ihre vielen Geheimnisse, ihr berührendes Klavierspiel, ihre schönen, schlanken Hände, ihren mageren Leib, alles, was ich an ihr geliebt habe, unter den kalten Fußboden der Kirche. Quelle: Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar Dies schrieb Millicent einer Freundin, vier Tage nach dem Tod ihrer Schwester Eliza. „Das Lied von Storch und Dromedar“ besteht aus Brieffragmenten und Auszügen aus Tagebüchern und späteren Biographien über Eliza May Drayden. Sowie aus elf Großkapiteln, in denen je eine Person von Eliza erzählt, sich Eliza anverwandelt oder sie auf andere Weise spiegelt. Das kann eine Leichenwäscherin sein, eine Weberin oder ein Uhrmacher. Inspiriert durch Emily Brontës Roman „Wuthering Heights“ „Das Lied von Storch und Dromedar“ ist ein multiperspektivischer Roman, der durch Emily Brontës doppeltes Erzählen im Roman „Sturmhöhe“ inspiriert wurde. Dadurch wirkt Daanjes Erzählen wie ein postmodernes Puzzle und besitzt zugleich die Eleganz eines englischen Gesellschaftsromans. Anjet Daanje sagt: „Man könnte sagen, dass dies das gemeinsame Lied von elf Personen ist. Die elf Kapitel bilden zusammen eine Art Gedicht, also ein Lied. Der ganze Roman ist ein bisschen wie ein Musikstück angelegt. Mit Themen, die variiert werden.“ Zum Beispiel Geschwisterbeziehungen. Klavierspiel. Oder der Umgang mit Zeit. „Ich sehe „Das Lied“ aber auch als Ballade. Früher wurden Balladen gesungen, um Geschichten zu erzählen. Und das macht Anjet in diesem Buch sehr stark. Und das nennt sie dann ein „Lied“, sagt Anton Scheepstra. Daanjes Ballade umfasst drei Jahrhunderte. Sie beginnt in England, geht weiter unter Auswanderern in den USA, macht im Ersten Weltkrieg einen Abstecher nach Frankreich, im Zweiten Weltkrieg nach England und kehrt am Ende geradezu heim nach Groningen. „Das letzte Kapitel spielt in den Niederlanden. Das hatte ich zuerst gar nicht vor", berichtet Daanje. „Ich dachte eher an England. Aber dann recherchierte ich zu Glockentürmen und dachte: Die gibt es auch bei uns. Warum den Roman also nicht in den Niederlanden abrunden?“ Ein Roman, der Ursache und Wirkung aushebelt Hier ist es der Uhrmacher Ties, der alles über Turm- und Armbanduhren weiß. Hat jemals jemand so poetisch über die Reparatur von Uhren geschrieben wie Anjet Daanje? Ties‘ Freundin Heleen ist Physikerin. Auch sie liebt Uhren. Aber ihr Zeitkonzept ist ein anderes. Auf subatomarer Ebene ist es immer möglich, dass die unwahrscheinlichsten Ereignisse eintreten, dass sie sich in einem anderen Zusammenhang wiederholen, identisch oder in einer anderen Reihenfolge, gleichzeitig oder unendlich oft oder nie, auch, dass eine Wirkung eher eintritt als die Ursache oder dass die Wirkung keine Wirkung sein kann, weil es nur eine absurd unlogische Ursache dafür gibt. Wie gesagt, es ist ein einziges Chaos. Was ich aber weiß, sagt sie, ist, dass wir selbst die wichtigste Komponente für Die Zeit sind. Quelle: Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar Mit Heleen hat sich die Mathematikerin Anjet Daanje vielleicht auch ein bisschen selbst ins Buch hineingeschrieben. Denn Heleens Quantenphysik ist das geheime Erzählprinzip dieses Romans, der Motive durch die Jahrhunderte spiegelt und Ursache und Wirkung vielfach aushebelt. Eine spektakuläre Erzählidee. So ist „Das Lied von Storch und Dromedar“ ein philosophisches Fadenspiel, das zwar vom Tod handelt, aber niemals an ein Ende kommt.
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Dec 26, 2025 • 11min

Aussortiert und gebannt – immer mehr Bücher stehen auf der „schwarzen Liste“

In einer Berliner Bibliothek Ein Samstagnachmittag in der Stadtbibliothek am Wasserturm in Berlin Pankow. Zwischen Bücherregalen und Lesesesseln geht ein Bastelnachmittag für Kinder zu Ende. Es ist viel los. „Wir sind hier inmitten einer sehr lebendigen Bibliothek, genauso wie das sein soll, deswegen ist es ein bisschen trubelig, aber es passt eigentlich ganz gut zur Vielstimmigkeit dieser Aktion.“ Inmitten des Trubels versammelt die Künstlerin Jana Maria Dohmann eine Handvoll Erwachsener um sich und einen Büchertisch. „Und zwar möchte ich euch alle einladen und das Experiment heißt: Ein Lautlesechor von banned books, wir stehen ja jetzt hier gerade vor einer kleinen Auswahl von Banned Books, also Bücher, die aus US-Schulbibliotheken, aber auch aus öffentlichen Bibliotheken verboten, herausgenommen, und eben gebanned wurden“. Ein Zeichen gegen Zensur Eine Geste der Solidarität soll diese Kunstaktion sein, ein Zeichen gegen Zensur und für die Meinungsfreiheit. Auf dem Tisch liegen deutsche und englische Ausgaben, Neuerscheinungen, Klassiker und Bestseller, Kinderbücher, Graphic Novels. „Ulysses“ von James Joyce. Maia Kobabe „Gender Queer“. „The Hate you Give“ von Angie Thomas. „Diese book bans beziehen sich in besonders großem Maße auf Autor*innen, die queere Geschichten erzählen, queere Perspektiven, migrantische Perspektiven, BIPOC-Geschichten, also Perspektiven von nicht-weißen Autor*innen, aber wir haben auch Klassiker dabei wie von Stephen King „Misery“, wir haben Anne Frank dabei.“ Auch verbannt: Anne Franks Tagebuch Ja, auch das Tagebuch der Anne Frank gehört - in seiner illustrierten Version - zu den verbannten Büchern. Die Graphic Novel nach den Aufzeichnungen des später im KZ ermordeten jüdischen Teenagers aus seinem Amsterdamer Versteck vor den Nazis, wurde schon 2022 und 23 in Texas und Florida aus Schulbibliotheken entfernt. Eltern-Initiativen hatten sich beschwert, die Graphic Novel verharmlose den Holocaust und sei nicht altersgerecht. In einer Szene sind nackte weibliche Frauenstatuen abgebildet und Anne schlägt einer Freundin vor, sich einander ihre Brüste zu zeigen. „Und ihr seid jetzt alle eingeladen euch ein Buch auszusuchen von diesem Büchertisch und dann bewegen wir uns laut lesend als Schwarm durch diese Bibliothek.“ Einladung zur Beschäftigung mit den Büchern Laut lesend bewegt sich die kleine Gruppe von verschiedenen Seiten durch die kleine Bibliothek, Besucher gucken von ihrer Lektüre auf, schauen irritiert. „Die Idee war, dass wir unsere Nutzerinnen und Nutzer dazu einladen wollten, sich verstärkt mit den Titeln zu beschäftigen“, sagt Danilo Vetter, Fachbereichsleiter der Stadtbibliothek Berlin-Pankow. „Und die Angriffe auf die Bücher oder auf die Medien kommen tatsächlich von gut organisierten Rechtskonservativen, Rechtsextremen. D.h. sie haben sich bestimmte Themen genommen, gegen die sie jetzt mobil machen, das sind vor allem LGBTQ-Themen, d.h. alles was vor allem Kinder einlädt, die Vielfalt der Gesellschaft anzuerkennen und sich damit auseinanderzusetzen wird verbannt, meistens mit dem Vorwurf der Pädophilie.“ Banned Books Week Ein Ausschnitt aus dem US-amerikanischen Dokumentarfilm „The Librarians“ über die zunehmenden Angriffe auf Mitarbeitende öffentlicher Schul-Bibliotheken.  Während der Banned Books Week konnte die Stadtbibliothek Berlin Pankow den Film zeigen, erzählt die stellvertretende Fachbereichsleiterin, Antje Hausner: „...und haben eine sehr bedrückte, aber große Resonanz darauf bekommen. Also, es ist harter Stoff wenn man sich das anschaut, gerade in dem Film kommt noch mal raus, selbst die Bibliothekar*innen werden als Pädophile und Päderasten beschimpft und erhalten beim School Board, wo wirklich Buch für Buch von einem Gremium durchgegangen wird, aus dem Publikum heraus Angriffe und Gewaltandrohungen.“ Angst vor den Book Bans Das bleibt nicht ohne Spuren. Zur internationalen Konferenz Next Library im dänischen Aarhuis seien in diesem Jahr viele US-Kolleg*innen angereist, erzählt Antje Hausner. Das Thema der „book bans“ sei von ihnen sehr emotional, aber auch sehr zurückhaltend diskutiert worden. „Also, man hat schon gemerkt, dass die Angst bei den Kolleg*innen, zu diesem Thema zu sprechen und sich öffentlich zu äußern, ziemlich massiv ist schon. – Aber was die Kolleg*innen aus den USA uns noch gesagt haben, war: Seid vorbereitet, habt eure Netzwerke parat wenn die Angriffe kommen und sie werden kommen, tauscht euch aus.“ Der Druck auf die Bibliotheken wächst Denn auch hierzulande wächst der Druck auf öffentliche Bibliotheken, das merken auch die Bibliotheken in Berlin. Ob es Angriffe auf queere Veranstaltungen mit Dragqueens sind, der Versuch, Einfluss aufs Programm zu nehmen oder gezielter Vandalismus. Danilo Vetter erzählt: „Wir hatten halt diese Vorfälle in Tempelhof Schöneberg wo ganz gezielt Bücher aus den Regalen genommen und zerstört wurden. Systematisch. Also immer wieder von gleichen Autor*innen, meistens aus dem linken Spektrum, oder das waren Medien die sich mit Rechtsextremismus beschäftigt haben. Die wurden immer wieder aufgeschnitten, beschmutzt. Und wir merken auch, dass aus rechtskonservativen und klar rechtsextremen Parteien verstärkt Anfragen zu den Beständen in den Bibliotheken kommen oder Fragen wie viel Verträge wurden mit Menschen gemacht die queer leben, solche Anfragen sind das. Das sind Anfragen, die noch nicht sehr häufig sind, aber die nehmen eben auch zu.“ PEN America äußert sich In den USA schlägt der Autor*innenverband PEN mittlerweile Alarm: „Noch nie zuvor haben so viele Bundesstaaten Gesetze oder Vorschriften erlassen, um das Verbot von Büchern zu erleichtern. Noch nie zuvor haben so viele Politiker versucht, Schulleiter dazu zu zwingen, Bücher entsprechend ihren ideologischen Präferenzen zu zensieren,“ so PEN America auf seiner Website. Seit 2021, so der Autor*innenverband auf seiner Website, wurden rund 23-Tausend Titel aus Bibliotheken öffentlicher Schulen in den USA entfernt. Längst sind es keine einzelnen Eltern mehr, die gegen Bücher Einspruch anmelden, wie noch vor der Pandemie. Im Jahr 2024, so die American Library Association, steckten zu 72 Prozent organisierte Lobbygruppen hinter den Book Bans. Vor allem rechte Gruppierungen wie die „Moms for Liberty“, die „Mütter für die Freiheit“. Hinter den vermeintlich besorgten Moms verbirgt sich ein mittlerweile hoch professioneller, aggressiver und bis zu Präsident Trump vernetzter Player und Stimmungsmacher im rechten Kulturkampf. „Das ist alles sehr unheimlich. Diese Art von weiterentwickelter Methodik der Zensur ist das Besordniserregendste daran. Sie wissen ganz genau was sie tun und sie haben gerade erst damit angefangen.“ Das sagt Joseph Dunnigan. Er betreibt das Banned Books Museum im Herzen von Tallinn, der Hauptstadt von Estland. Ein Raum, mehrere Glasvitrinen und Regale für mittlerweile 500 Bücher. Die Sammlung wächst weiter. „Durch die Sichtbarmachung von Zensur kann man Meinungsfreiheit stärken“ „Wir haben hier verbotene, verbrannte und zensierte Bücher aus der ganzen Welt. Die Besucher können sie sich nicht nur ansehen, sondern sie auch anfassen und lesen. Und das machen sie auch. Estland ist eines der Länder auf der Welt, die am entschiedensten Anti Zensur sind. Zensur ist ein sehr persönliches, ernstes Thema für Esten, natürlich wegen ihrer Geschichte. Und ich glaube für Esten, die ins Museum kommen, und die Bücher aus ihrer Vergangenheit sehen, und die Gelegenheit bekommen, über sie zu reden, sie anzufassen und darüber nachzudenken, kann das ein therapeutischer Prozess sein.“ Zeichen setzten in einem demokratischen Rechtsstaat „Durch die Sichtbarmachung von Zensur kann man Meinungsfreiheit stärken“, sagt auch Nikola Roßbach. Sie hat 2019 die Kasseler Liste mit aufgebaut, das weltweit größte, stetig wachsende Online-Verzeichnis zensierter und verbotener Bücher, quer durch die Jahrhunderte und Länder. Zwar könne man durch so eine Liste Diktatoren oder Autokraten nicht davon abhalten, Bücher zu verbieten oder Menschen zu verfolgen, aber: „In demokratischen Rechtsstaaten kann man auf jeden Fall dadurch ein Ausrufezeichen setzen und zeigen: Hallo, Leute, passt auf, Meinungsfreiheit muss immer verteidigt werden, die ist nie für alle Zeit sicher.“ Aktuelle Zensurversuche in verschiedenen Teilen der Welt Die USA, so sagt Nikola Roßbach, würden im Übrigen zwar viel zensieren, aber es gebe immerhin Listen. Viel problematischer seien die vielen aktuellen Zensurversuche in verschiedenen Teilen der Welt, die nicht zugegeben werden.  „Wo Zensur eher darin besteht, dass Menschen verfolgt oder sogar getötet werden, dass nicht unbedingt eine Liste verbotener Bücher existiert, aber ein so repressives Klima herrscht, dass eigentlich alle wissen, dass bestimmte Bücher verboten sind und nicht gelesen werden dürfen, aber es steht nirgendwo. Das ist ja übrigens etwas, das wir durchaus auch kennen aus unserer deutschen Geschichte, der ostdeutschen, in der Verfassung der DDR stand natürlich auch drin, dass eine Zensur nicht stattfindet und trotzdem.“ Margaret Atwood über die Book Bans Mitunter machen die in den USA kursierenden Listen Bücher erst recht interessant für Leserinnen und Leser. „Es ist immer ein Machtspiel. Lass uns dieses Buch verbieten und schauen, wie viel Gegenwind wir bekommen. Aber weil es immer noch eine offene Demokratie mit vielen Medien ist, schafft das Öffentlichkeit und die Leute gehen los und kaufen die Bücher um selbst herauszufinden, was drinsteht“, sagt eine, die es wissen muss: Margaret Atwood. Gerade war sie auf ihrer  Lesereise auch in Deutschland und hat dem SWR ein Interview gegeben. Vor allem ihr dystopischer Roman „Der Report der Magd“ landet immer wieder auf „book-ban“-Listen in den USA. Einmal sogar, ganz kurz, in ihrer Heimat Kanada. Sie protestierte erfolgreich dagegen mit einem satirischen Post auf X. „Es gibt viel Widerstand. Auch in den Buchläden. Dort gibt es Tüten mit dem Aufdruck: Diese Tüte ist voll mit „banned books“. „Ich finde die Listen sind Literaturempfehlungen!“ Zurück in der Stadtbibliothek Berlin Pankow, wo der Chor der verbannten Bücher auf auch eine Form des Protests ist. „Ich finde ja diese Listen sind Literaturempfehlungen!“ Im nächsten Jahr möchte Danilo Vetter die Aktion gerne wiederholen, dann aber mit Fokus auf Europa, Book Bans gibt es auch in Ungarn, Slowenien, der Slowakei. Und auch in Deutschland wird darüber diskutiert, wie sich Bibliotheken in Zukunft aufstellen müssen, um sich gegen Angriff und Einflussnahme zu wehren. Es geht nicht nur gegen Bücher, es geht gegen Menschen Von Zuständen wie in den USA sei man zwar weit entfernt. Aber man stehe vor großen Herausforderungen, sagen Danilo Vetter und Antje Hausner von der Stadtbibliothek Berlin Pankow: „Na, wir merken ja in der Gesamtgesellschaft, dass es ein Erstarken rechstkonservativer und rechtsextremer Bewegungen gibt und die spüren wir auch. Und unsere Bemühungen sind jetzt gerade die Bibliotheksgesetze die es gibt oder die jetzt noch kommen sollen, wie in Berlin, stärker darauf auszurichten, dass so ne Einflussnahmen nicht stattfinden können. Denn das ist natürlich für uns extrem schwierig wenn Regierungen wechseln und die Einflussnahme in die Bibliothek hineinkommt. Es geht nicht nur gegen Bücher, es geht gegen Menschen. Und es geht gegen Lebensentwürfe, gegen die Vielfalt, gegen die Demokratie. Es geht nicht mehr um die einzelne Person, sondern es geht jetzt auch schon um etwas viel Größeres.“
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Dec 26, 2025 • 56min

Neue Bücher von Anjet Daanje, Artur Becker und eine literarische Vorschau auf das Jahr 2026

Der Grenzgänger Artur Becker mit neuen Erzählungen, Anjet Daanjes gigantisches Lied auf Emily Brontë, die Liste verbotener Bücher und die literarischen Highlights im kommenden Jahr
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Dec 26, 2025 • 6min

Und weiter geht´s – Eine Vorschau auf Jubiläen und neue Bücher 2026

Schon im Januar stehen einige bedeutende Jahrestage auf dem Programm: der 250. Geburtstag von E.T.A. Hoffmann oder auch der 10. Todestag von Roger Willemsen. Vor 125 Jahren wurde außerdem Marie-Luise Kaschnitz in Karlsruhe geboren. Für SWR-Literaturchef Frank Hertweck hat ein Jubiläum besonderes Gewicht: im Juni vor 100 Jahren wurde die Autorin Ingeborg Bachmann geboren und ebenfalls im Juni vor 50 Jahren ging der Ingeborg-Bachmann-Preis aufs Gleis. Mit Spannung sei daher die neue Bachmann-Biografie von Andrea Stoll zu erwarten. Ein Literaturjahr mit guten alten Bekannten Wer in die Frühjahrsprogramme der Verlage schaut, wird sich über einige vielversprechende Namen freuen. Norbert Gstrein ist wieder dabei – ein Autor, der auf höchstem Niveau sehr viele Romane schreibe, meint Literaturchef Frank Hertweck. Sein neuer Roman „Im ersten Licht“ wirft eine große Frage in den Raum: wie leben im Schatten der Kriege und des Tötens? Auch der österreichische Schriftsteller Robert Menasse meldet sich mit einer neuen Novelle zurück: „Die Lebensentscheidung“ – ein Nachdenken über vermeintliche Sicherheiten. Von Vielen erwartet werde sicher auch der neue Roman von Judith Herrmann, schätzt Frank Hertweck: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ - eine Auseinandersetzung mit der SS-Vergangenheit des Großvaters der Autorin.
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Dec 26, 2025 • 11min

Wenn Geschichte durch Literatur erfahrbar wird

In seinem neuen Band „Von Barschen, Augustäpfeln und anderen Menschen“ ist der polnisch-deutsche Autor Artur Becker auch wieder in seiner alten Heimat Masuren unterwegs. Die 15 Erzählungen blättern ein beeindruckend weites Spektrum auf und führen diesmal sogar bis nach Südafrika. Sie zeigen einen Autor, der „literarisch ganz vorn dran“ ist, meint Literaturkritiker Christoph Schröder. Anschreiben gegen das Vergessen Mehr als 20 Bücher – Romane, Essays, Erzählungen und Gedichtbände – hat  Chamisso-Preisträger Artur Becker geschrieben, der aus dem polnischen Bartoszyce stammt, doch schon seit langer Zeit in Deutschland, in Frankfurt,  lebt. Die Geschichte seiner ostpreußisch-ermländisch-masurischen Familie aber trage er „wie in einer angestaubten Bibliothek“ mit sich herum. Und so führt auch sein neuer Erzählband in eine Welt, die zwar nicht mehr existiert, aber dennoch ihre Spuren hinterlassen hat. Erholungsheim mit Gruselfaktor Lange heiße Tage, unendliche Badefreuden, Lagerfeuer mit Schlager und Wodka – Artur Becker hat die Sommermonate seiner Kindheit regelmäßig in einem Erholungszentrum in Masuren zugebracht und macht diesen Ort zum Mittelpunkt einer längeren Erzählung. Während die Familien aus Polen und dem befreundeten Ostblock Urlaub machen, wird in den Danziger Werften gestreikt. Im Jahr 1980 riecht noch alles nach Sozialismus, Angst liegt in der Luft. Nicht nur vor einer ungewissen Zukunft, sondern vor einem gefürchteten Diktator, der die gesamte Ferienregion tyrannisiert. Ein großartiger Erzähler Herrlich grotesk, zugleich mit viel Tiefenschärfe zeichnet Artur Becker seine Figuren – eine bunte Gesellschaft skurriler Gestalten. Dass diese prallen Lebensgeschichten nicht ins Klischeehafte, Kitschige, abrutschen, darin sieht Literaturkritiker Christoph Schröder die große Klasse dieses beeindruckenden Autors, der in der Öffentlichkeit leider zu wenig Beachtung finde.
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Dec 26, 2025 • 8min

Ein Jahr der Möglichkeiten: Das war das Literaturjahr 2025

2025: Ein Jahr der Multikrisen. Schon wieder. Krieg in der Ukraine. Krieg in Gaza und Israel. Politische Verhärtungen und Unsicherheiten. In der Literaturwelt: Papierknappheit, steigende Kosten, Förderlücken, eine Druckerkrise. Aber jetzt von vorne. 2025 – neues Jahr, neue Bücher „Air“ – Luft, der neue Kracht kam im März und war mehr Ereignis als Roman. Sci-Fi trifft Fantasy, in Kracht’scher Ästhetik lotet der Schweizer Krisen eines Innenarchitekten auf einem fremden Planeten aus. Planeten und Halbinseln Hätte, hätte, Hipsterkram… Na, immerhin, ein Trost in schweren Zeiten: Wo Krise ist, gibt es auch Möglichkeiten. Literarische vor allem. Auf anderen Planeten oder auf Halbinseln. Kristine Bilkaus „Halbinsel“ erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse in der Disziplin Belletristik. Bilkau verhandelt Generationenfragen zwischen Mutter und Tochter, Möglichkeitsfragen, Klimakrise. Die Frage, was noch trägt, wenn alle Gewissheiten bröseln. „Wir schulden es den Jüngeren, diesen Kindern und diesen Teenagern und jungen Erwachsenen, uns besser um diese Zukunft zu kümmern, und uns vor allem auch mit allem, was wir haben, für eine Sprache der Menschlichkeit einzusetzen,“ sagte Kristine Bilkau. Leise Literatur für laute Zeiten. Leise Preise für Bücher, die schwierige Fragen verhandeln. Ursula Krechel wurde 2025 zur Büchner-Preisträgerin für ihre Texte, die nicht schreien, sondern insistieren. Longlist, Shortlist – man habe sie gelesen wie Zwischenberichte aus einer unruhigen Zeit. Bei all den Preisen habe man abgewartet auf die Verkündung des einen, des wichtigen Deutschen Buchpreises 2025. Der Deutsche Buchpreis im Konjunktiv 1 Dorothee Elmiger sei es gewesen. Äh, wurde es, ist Buchpreisträgerin 2025. Sei oder sein, hätte, hätte – ein Roman geschrieben im Konjunktiv I wurde mit dem Buchpreis ausgezeichnet. Ein Roman, der sich der Eindeutigkeit entzieht, bekommt den wichtigsten deutschsprachigen Literaturpreis. Als hätte das Jahr selbst gesprochen. Hätte man ihn dann nur kaufen können… „Die Holländerinnen“, nach der Auszeichnung vergriffen im Buchhandel. Krise, here we go again: Druckerkrise, die Buchlieferungen blieben aus. Nachdrucken mit Nachdruck hieß es in diesem Jahr beim Hanser Verlag. Da hilft nur Offenheit gegenüber dem Noch-Nicht und Möglichkeitsform statt Schlussstrich. Der International Booker Prize an Banu Mushtaq Banu Mushtaq gewann den International Booker Prize. Das zweite Buch einer indischen Autorin, das mit diesem Preis geehrt wurde, das erste in der Kannada-Sprache. “Tonight is not an End Point, it is a torch. May it light the way for more stories from unheard corners, more translations that defy borders and more voices, that remind us, the universe fits inside every eye”, wünschte sich die Schriftstellerin in ihrer Laudatio. Weiterlesen, über Länder- und Sprachgrenzen hinweg, Übersetzung als Einladung, als Möglichkeit, anderen zuzuhören – das kann sie, die Literatur, könnte sie, konnte sie, wird sie können. Und während Preise vergeben wurden, hat die Welt nicht aufgehört, schwierig zu sein. Nicht alle Möglichkeiten sind literarisch. Die rechte Buchmesse Seitenwechsel in Halle zeigte, wie die literarische Öffentlichkeit umkämpft ist. Wie die Freiheit des Wortes in diesem Jahr weiter umkämpft, verteidigt werden musste. Literaturnobelpreis an László Krasznahorkai Der Literaturnobelpreis ging in diesem Jahr nach Ungarn, an den Schriftsteller László Krasznahorkai. Nun? Wie dann weiter umgehen, mit den Krisen? Zusammenpacken, aufgeben? Sich mit Christian Kracht auf fremde Planeten beamen lassen? Literatur ist keine Konsensmaschine. Streit um „Die Assistentin“ Merkte auch, wieder, Caroline Wahl. „Die Assistentin“ war einer der am gespanntesten erwarteten Romane des Jahres. Und über ihn wurde gestritten: Über die Sprache, über Erwartungshaltungen. Darüber, wer wie sprechen, wer über was schreiben dürfe — und für wen. Wer urteilen darf. Literatur als Projektionsfläche. Anstrengend? Aber vielleicht notwendig. Denn Literatur, so habe sich gezeigt, war auch in diesem Jahr Streitfall. Krise auch im Literaturhauses Leipzig: Das Haus steht vor dem Aus. Übernimmt die Stadt nicht die Fördergelder, droht die Schließung des „Haus des Wortes“. In der Literaturstadt Leipzig, ausgerechnet. Was bleibt da noch? Na, feiern. Jubiläen wurden gefeiert Gefeiert wurde kräftig. Der 50. Todestag von Mascha Kaléko, 250 Jahre Jane Austen, Thomas Manns und Rainer Maria Rilkes 150. – Feste feiern, wie sie fallen. Und was bleibt die Pointe dieses Literaturjahres? Vielleicht, dass der Konjunktiv in den Texten zu finden war, während er über dem Betrieb schwebte. Und uns daran erinnert, dass sich immer auch neue Perspektiven eröffnen können. Ein Jahr im Konjunktiv Eine Einladung zum Lesen also, zum Denken im Konjunktiv. So blicken wir in die Zukunft. Was wäre, wenn… ? Was wäre, wenn alles anders würde? Das wird es sicher, bald in 2026. Hoffentlich. Vielleicht.
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Dec 22, 2025 • 4min

Liebe, Ehr‘ und „water closet“ – Der Anglist Manfred Pfister erforscht die Englische Renaissance

Die Renaissance bringt eine Rückbesinnung auf die Antike und dreht sich um kulturelle Neuerungen in Kunst und Literatur. Unter Königin Elisabeth I. erblüht England kulturell, während Shakespeare über Ehre und Sünde reflektiert. Das Werk von Manfred Pfister bietet spannende Einblicke in Dichtung und Philosophie dieser Zeit. Besondere Erwähnung finden alltägliche Innovationen wie das „water closet“ und die ersten Handbücher für Hebammen. Zudem stehen schreibende Frauen und frühe Science-Fiction, wie Margaret Cavendishs "The Blazing World", auf der Agenda.
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Dec 21, 2025 • 4min

Eva Baltasar – Mammut | Buchkritik

Planung und Frust Der Tag, an dem ich schwanger werden wollte, war mein vierundzwanzigster Geburtstag. Quelle: Eva Baltasar – Mammut Sie hat alles genau geplant, die junge Frau aus Eva Baltasars Roman „Mammut": Zu ihrer Geburtstagsparty lädt sie viele fremde Männer ein. Einen von ihnen verführt sie, obwohl sie eigentlich lesbisch ist. Doch der One-Night-Stand führt nicht zur ersehnten Schwangerschaft. Und auch sonst hat die Ich-Erzählerin aus Barcelona so einige Gründe, frustriert zu sein. Sie hadert mit ihrer Arbeit an der Uni im Fachbereich Soziologie und beginnt zu jobben: in einer Bäckerei, dann in der Küche eines Hotels, dann als Schuhverkäuferin. Jede der prekären Tätigkeiten: ein gefühlter Angriff auf ihre Würde.   Aus dem verhassten Metropolen-Leben aufs Land  Und dann kommt auch schon ein harter Cut im Roman – die Protagonistin setzt sich mit Sack und Pack ins Auto und flüchtet aus ihrem verhassten Metropolen-Leben aufs Land. Für einen Spottpreis mietet sie ein heruntergekommenes Bauernhaus ohne Bad und Heizung.   Ich habe weder Geld noch Arbeit, aber ich habe ein halbes Dutzend Hühner und einen Sack Maisschrot. Ich esse jeden Tag Eier. Der Schäfer ist mein einziger Nachbar. Er plaudert gern. Ab und zu kommt er mit seiner Herde von fünfhundert Schafen herauf und lässt sie vor dem Haus und im hohen Gras dahinter weiden. Sie fressen und kacken. Tatsächlich ist mein Haus ständig umgeben von Schafskötteln, kein einziges Plätzchen, um sich mal in die Sonne zu legen. In den Bergen gehört das Land dem Leben, und das Leben ist das Vieh. Quelle: Eva Baltasar – Mammut In ihrer lakonisch-direkten Sprache schildert Eva Baltasar, wie die Städterin lernt, Feuer zu machen, Brot zu backen und neugeborenen Lämmern die Flasche zu geben. Zu den Herausforderungen, die die Romanfigur meistern muss, gehört es etwa auch, sich auf brutale Weise einer Katzenplage zu entledigen. Die Bewältigung der Widrigkeiten des Landlebens bringt Verrohung mit sich, aber die junge Aussteigerin wirkt plötzlich glücklich und erlebt ihre Freiheit und Unabhängigkeit wie einen Triumph.    Sehnsucht nach einer Schwangerschaft  Das Bedürfnis der Protagonistin, fern der Gesellschaft zu leben, scheint nun viel stärker als ihr Kinderwunsch, der anfangs übermächtig und verzweifelt wirkte. Aber der Kinderwunsch ist noch da – oder ist es vielmehr die Sehnsucht, eine Schwangerschaft zu durchleben?   Eva Baltasars Romanfigur ist eine Frau mit großen inneren Widersprüchen. Wie in Baltasars vorherigem Roman „Boulder“ geht es auch in Mammut um queere Frauen und ihr Verhältnis zur Mutterschaft, um die komplexe Suche nach sich selbst. Dabei macht die Protagonistin Grenz-Erfahrungen:   Der Schäfer akzeptierte meinen Rückzug nicht. Er machte Anstalten, mich zu umklammern und nach meiner Brust zu grabschen. „Jetzt, wo dir dickere Titten wachsen, verlässt du mich?“ Ich knallte ihm die Pfanne auf den Kopf. Instinktiv, ohne nachzudenken. Ein Volltreffer, der ihn taumeln ließ. Wir starrten uns eine Sekunde lang an wie zwei Tiere, die einander noch nie zuvor gesehen hatten und sich trotzdem gegenseitig umbringen wollten. Ich fühlte mich wie eine Wilde und hatte unbändige Lust, noch einmal zuzuschlagen.  Quelle: Eva Baltasar – Mammut Ungewöhnliche Aussteigerinnen-Geschichte mit starkem Ende  „Mammut“ ist mal drastisch und schonungslos, mal amüsant und nie langweilig. Eva Baltasar ist auch Lyrikerin, ihre Romansprache ist zwar knapp und prägnant, aber auch bildreich. Die katalanische Autorin erzählt die ungewöhnliche Aussteigerinnen-Geschichte auf knapp über 100 Seiten – wahrlich kein „Mammutroman“ – mit viel Tempo und einem starken Ende. Die widerstreitenden Gefühle, die Zerrissenheit der Protagonistin werden da noch einmal ganz deutlich: „Ich habe ein großes Fragezeichen in den Armen gehalten“, heißt es auf der letzten Seite.
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Dec 19, 2025 • 1min

David Szalay – Was nicht gesagt werden kann

Ein Buch verschenken, das Verwirrung stiftet? Ich jedenfalls war verwirrt von David Szalays Roman „Was nicht gesagt werden kann“, der soeben mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Mein Name ist Christoph Schröder, und dieses Buch und sein Protagonist haben mir meine Sicherheiten genommen. Soll ich mit diesem István, so heißt Szalays Anti-Held, Mitleid haben? Soll ich ihn verachten? Es steckt eine Menge Drama in diesem Roman: István wächst in einer Plattenbausiedlung in Ungarn auf. Er wandert für drei Jahre in den Jugendknast. Er heuert als Soldat an und kämpft im Irak. Er geht nach London, erlebt dort erst einen Auf- und dann wieder einen Abstieg. Und was sagt er selbst dazu? „OK.“ Das sagt er ständig. Das Besondere ist Szalays Tonfall, den der Schriftsteller Henning Ahrens treffend ins Deutsche transportiert hat. Eine scheinbar unbewegte Sprache, die von einem leicht formbaren Mann ohne Eigenschaften erzählt. Von einer modernen Gruselgestalt, definiert von Körperlichkeit, geprägt von Gewalt. Und manchmal blitzt dann doch noch etwas anderes auf – eine Ahnung von der Dramatik eines globalisierten Schicksals.
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Dec 19, 2025 • 2min

Francesca Melandri – Eva schläft

Den Roman „Eva schläft“ empfehle ich nicht, weil ich als Eeva mit der Titelfigur namensverwandt bin. Und auch nicht, weil ich aus Südtirol komme, wo dieser Roman spielt. Dabei ist das zentrale Ereignis, dass der Roman in Südtirol spielt. Die Autorin Francesca Melandri erzählt die Geschichte einer deutschsprachigen Provinz, die als Spielball der Geschichte 1918 italienisch wurde. Warum ich den Roman wirklich empfehle? Weil Melandri es schafft, höchste historische Komplexität in zwei Erzählsträngen lebendig werden zu lassen. Die vierzigjährige Eva reist aus der nördlichsten italienischen Provinz in die südlichste. Dort liegt Vito im Sterben, er war die große Liebe ihrer Mutter, Gerda, deren Lebensgeschichte, eng verwoben mit jener Südtirols, im anderen Strang erzählt wird. Gerda wird in den italienischen Faschismus hineingeboren, der Südtirolern ihre Sprache und Kultur verbot. Wie sich das auf die Normalität der Bevölkerung ausgewirkt hat, figuriert Melandri vor allem in zwei starken Frauen, Mutter und Tochter. Dabei dröselt sie nicht nur historische Traumata auf, sondern entzaubert auch Idyllen: Mit der Köchin Gerda blicken wir hinter die kulinarischen Kulissen in Hotelküchen und wie nebenbei werden damit auch die politischen Hintergründe des Autonomiekampfes enggeführt. Das alles ist erzählerisch so klug und packend konstruiert, dass man den Roman gar nicht mehr aus der Hand legen will. Pflichtlektüre für alle Südtirol-Fans, ach was, für alle, die lebendige Geschichte lieben!

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