
SWR Kultur lesenswert - Literatur Tausendseitige Emily-Brontë-Phantasie: Besuch bei der Autorin Anjet Daanje in Groningen
Dec 26, 2025
07:36
Der Kirchturm der Martinikerk in Groningen. Mit Uhr und Glockenspiel. Das Wahrzeichen der Stadt und im unendlichen Flachland des niederländischen Nordens schon von weitem zu sehen. Auch vom Turm des fiktiven Dörfchens Baaiden.
Der alte Turm steht etwas außerhalb des Dorfes, wie ein treuer Soldat, der auf seiner Warft Wache hält. Wenn man in das oberste Stockwerk steigt, überblickt man das ganze flache Land. An einem klaren Tag sieht man in der Ferne die Stadt Groningen mit der Martinikerk, und wenn man den Kopf nach Norden dreht, hat man den Eindruck, das Deichvorland und das Wattenmeer seien ganz in der Nähe.Quelle: Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar
Die Martinikerk im Zentrum von Groningen
So beschreibt es die Autorin Anjet Daanje in ihrem neuen Roman „Das Lied von Storch und Dromedar“. Anton Scheepstra hat ihn herausgegeben. Sein Verlag De Passage liegt schräg gegenüber der Martinikerk. Er erzählt: „Wir sind hier im Verlag De Passage. Seit 6½ Jahren sind wir inzwischen in diesem alten Kaufmannshaus. Im Hinterzimmer ist das Büro für alle redaktionelle Arbeiten. Vorne haben wir einen Raum mit hübschem Schaufenster, in dem ich unsere Bücher ausstelle.“ Auch die Bücher von Anjet Daanje sind dabei. Und ihre vielen Übersetzungen in andere Sprachen. 2023 erhielt sie für „Das Lied von Storch und Dromedar“ den „Libris Literatuurprijs“, den wichtigsten Buchpreis der Niederlande. Die Ehrung hat Anjet Daanje gefreut, der anschließende Rummel um ihre Person eher nicht. Sie ist ein ruhiger Mensch, vielleicht sogar etwas scheu. Sie reist wenig und gibt kaum Interviews.Ein Mammutwerk von knapp 1.000 Seiten
Ihr neuer Roman ist ein Mammutwerk von knapp tausend Seiten, in dem es um das Nachleben einer gewissen Eliza May Drayden geht, einer fiktiven Version der englischen Autorin Emily Brontë. Im Roman spielen Uhren eine besondere Rolle, und auch Musik. „Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen. Auf dem Gymnasium hatte ich auch mal eine Popmusik-Phase. Aber mit 27 habe ich mich wieder der klassischen Musik zugewandt. Am liebsten höre ich Bach. Ich liebe Bach“, verrät die Autorin. Ihr Bruder ist der Musiker Dieb. Er gestaltet auch die niederländischen Cover ihrer Romane. Anjet Daanje kann ebenfalls Klavier spielen. Studiert aber hat sie Mathematik. „Bachs Musik hat etwas Logisches, hat aber auch Volumen und ist melodiös. Auch beim Schreiben höre ich Musik, und da ist Bach gefährlich. Ich höre ihn nur, wenn ich etwas sehr Dramatisches schreiben muss. Als ich „Das Lied von Storch und Dromedar“ schrieb, habe ich tatsächlich viel Bach gehört. Er hat etwas Tiefes. Es macht schon was aus, welche Musik man hört.“Eliza ist von Anfang an tot
Der Roman setzt ein am 12. Dezember 1847. Es ist Eliza May Draydens Todestag. Was für eine verrückte Idee: Die Hauptfigur ist von Anfang an tot! Die folgenden knapp 1.000 Seiten erzählen dann aus verschiedenen Perspektiven, wie die Figuren Eliza erlebt haben. Und dass ihre Spuren bis ins 21. Jahrhundert reichen. Ihre Schwester Millicent ist zunächst noch ganz nah dran.Heute Nachmittag haben wir sie beerdigt. […] Der älteste Sohn von Mr Hey – unser früherer Klavierlehrer – spielte eine Fuge von Bach auf der Orgel, das hätte ihr gefallen – und dann legten wir ihr geliebtes Haupt, ihr langes kastanienbraunes Haar, ihre wolkengrauen Augen, ihre gescheiten, lieben Worte, ihre ironischen Witze, ihre vielen Geheimnisse, ihr berührendes Klavierspiel, ihre schönen, schlanken Hände, ihren mageren Leib, alles, was ich an ihr geliebt habe, unter den kalten Fußboden der Kirche.Dies schrieb Millicent einer Freundin, vier Tage nach dem Tod ihrer Schwester Eliza. „Das Lied von Storch und Dromedar“ besteht aus Brieffragmenten und Auszügen aus Tagebüchern und späteren Biographien über Eliza May Drayden. Sowie aus elf Großkapiteln, in denen je eine Person von Eliza erzählt, sich Eliza anverwandelt oder sie auf andere Weise spiegelt. Das kann eine Leichenwäscherin sein, eine Weberin oder ein Uhrmacher.Quelle: Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar
Inspiriert durch Emily Brontës Roman „Wuthering Heights“
„Das Lied von Storch und Dromedar“ ist ein multiperspektivischer Roman, der durch Emily Brontës doppeltes Erzählen im Roman „Sturmhöhe“ inspiriert wurde. Dadurch wirkt Daanjes Erzählen wie ein postmodernes Puzzle und besitzt zugleich die Eleganz eines englischen Gesellschaftsromans. Anjet Daanje sagt: „Man könnte sagen, dass dies das gemeinsame Lied von elf Personen ist. Die elf Kapitel bilden zusammen eine Art Gedicht, also ein Lied. Der ganze Roman ist ein bisschen wie ein Musikstück angelegt. Mit Themen, die variiert werden.“ Zum Beispiel Geschwisterbeziehungen. Klavierspiel. Oder der Umgang mit Zeit. „Ich sehe „Das Lied“ aber auch als Ballade. Früher wurden Balladen gesungen, um Geschichten zu erzählen. Und das macht Anjet in diesem Buch sehr stark. Und das nennt sie dann ein „Lied“, sagt Anton Scheepstra. Daanjes Ballade umfasst drei Jahrhunderte. Sie beginnt in England, geht weiter unter Auswanderern in den USA, macht im Ersten Weltkrieg einen Abstecher nach Frankreich, im Zweiten Weltkrieg nach England und kehrt am Ende geradezu heim nach Groningen. „Das letzte Kapitel spielt in den Niederlanden. Das hatte ich zuerst gar nicht vor", berichtet Daanje. „Ich dachte eher an England. Aber dann recherchierte ich zu Glockentürmen und dachte: Die gibt es auch bei uns. Warum den Roman also nicht in den Niederlanden abrunden?“Ein Roman, der Ursache und Wirkung aushebelt
Hier ist es der Uhrmacher Ties, der alles über Turm- und Armbanduhren weiß. Hat jemals jemand so poetisch über die Reparatur von Uhren geschrieben wie Anjet Daanje? Ties‘ Freundin Heleen ist Physikerin. Auch sie liebt Uhren. Aber ihr Zeitkonzept ist ein anderes.Auf subatomarer Ebene ist es immer möglich, dass die unwahrscheinlichsten Ereignisse eintreten, dass sie sich in einem anderen Zusammenhang wiederholen, identisch oder in einer anderen Reihenfolge, gleichzeitig oder unendlich oft oder nie, auch, dass eine Wirkung eher eintritt als die Ursache oder dass die Wirkung keine Wirkung sein kann, weil es nur eine absurd unlogische Ursache dafür gibt. Wie gesagt, es ist ein einziges Chaos. Was ich aber weiß, sagt sie, ist, dass wir selbst die wichtigste Komponente für Die Zeit sind.Mit Heleen hat sich die Mathematikerin Anjet Daanje vielleicht auch ein bisschen selbst ins Buch hineingeschrieben. Denn Heleens Quantenphysik ist das geheime Erzählprinzip dieses Romans, der Motive durch die Jahrhunderte spiegelt und Ursache und Wirkung vielfach aushebelt. Eine spektakuläre Erzählidee. So ist „Das Lied von Storch und Dromedar“ ein philosophisches Fadenspiel, das zwar vom Tod handelt, aber niemals an ein Ende kommt.Quelle: Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar
