

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Dec 19, 2025 • 2min
Katerina Poladjan empfiehlt Tarjei Vesaas‘ Roman „Frühlingsnacht“
Regelmäßig fragen wir Autorinnen und Autoren, welche Bücher ihnen besonders wichtig sind. Heute ist es die Autorin Katerina Poladjan, die erzählt, dass sie die Romane des Norwegers Tarjei Vesaas (1897-1970) ganz besonders liebt.
Plötzlich steht eine fremde Familie vor der Tür
Poladjans aktueller Favorit ist Vesaas‘ Roman „Frühlingsnacht“, in der zwei Geschwister über Nacht alleine zu Hause bleiben. Sissel ist achtzehn, Hallstein vierzehn Jahre alt. Ihre Eltern müssen zu einer Beerdigung.
Plötzlich steht eine vierköpfige Familie vor der Tür. Die Frau ist schwanger und braucht ärztliche Hilfe. Sissel und Hallstein lassen die Familie ein. „Es ist eine unheimliche, magische, bedrohliche und ungeheuer welthaltige Nacht, an deren Ende am nächsten Morgen alles anders zu sein scheint“, sagt Katerina Poladjan auf SWR Kultur.
„Der wohl beste Coming-of-Age-Roman, den ich kenne.“
Der Guggolz-Verlag hat in den letzten Jahren vier Romane des Norwegers publiziert. Stets übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, der für seine zahlreichen Übersetzungen aus dem Norwegischen 2018 sogar den Königlich Norwegischen Verdienstorden erhielt.
„Frühlingsnacht“ ist der wohl beste Coming-of-Age-Roman, den ich kenne“, unterstreicht Poladjan, „denn Vesaas erzählt so verdichtet, zart, schwebend und mit hintergründiger Komik vom fundamentalen Umbruch zwischen Kindheit und Erwachsensein, dass spürbar wird, wie dieses Umbruchgefühl ein Aspekt der menschlichen Existenz überhaupt ist.“
Tarjei Vesaas als literarisches Vorbild
Katerina Poladjan wurde ein Jahr nach Vesaas‘ Tod geboren. Mit „Goldstrand“ ist dieses Jahr ihr fünfter Roman erschienen. Ebenfalls dieses Jahr wurde sie mit dem „Großen Preis des Deutschen Literaturfonds“ ausgezeichnet. Wenn sie Tarjei Vesaas liest, sieht sie Verbindungen zu ihrem eigenen Werk:
„Für mich ist Vesaas ein großes Vorbild, durch die poetische Verdichtung bei gleichzeitig ungeheurer Offenheit in seinen Texten, durch ihre Welthaltigkeit im Marginalen, durch ihre präzise Sprache und Vesaas‘ humanistische Konzentration auf das Individuum und seine Nöte, auf das kindliche Ich, das der Weltläufe machtlos gegenübersteht und dennoch nach Ermächtigung strebt.“

Dec 17, 2025 • 4min
Liebe, Lügen, Lampenladen: Wie ein queerer Junge die Berliner Mauer überwand
Preisfrage: Wie überlebte man in den Achtzigern als friedensengagierter Heranwachsender die DDR, noch dazu als schwuler Sohn einer strammen Sozialistin?
Antwort: Mit viel Humor und den Songs von Prince, David Bowie und Tina Turner.
Anschlussfrage: Und wie entkam man als junger Mann diesem Arbeiter- und Bauernstaat, der jedes seiner Schäfchen überwachte?
Antwort: Mit viel Chuzpe, gerade während stundenlanger Stasi-Verhöre – und im Vertrauen auf die Hilfe guter Freunde im Westen.
Queerer Schelmenroman
Das ist kurz gesagt die Quintessenz von Victor Schefés herrlich verrücktem autobiografischem Schelmenroman „Zwei, drei blaue Augen“. 1986, drei Jahre vor der Wende, durfte Schefé als Achtzehnjähriger nach Westdeutschland ausreisen.
Nach langem Kampf mit den DDR-Behörden ebenso wie mit seiner Mutter. Die war als Rostocker Radiojournalistin Teil der Funktionseliten der DDR und konspirierte hinter dem Rücken ihres Sohnes mit der Stasi.
Mutter sagt, sie wird alles dafür tun, dass mein Vorhaben nie aufgeht. Ich streite nicht mehr mit ihr. Nehme zur Kenntnis, nicke und denke, muss alles Persönliche, alles Verfängliche, alles Schriftliche aus der Wohnung schaffen. Ihre Kriegserklärung ist klipp und klar – nicht nur als Mutter, auch als Genossin.
Quelle: Victor Schefé – Zwei, drei blaue Augen
Das notierte Victor Schefé, der damals noch den Vornamen Tassilo trug, seinerzeit in sein Tagebuch. Die Aufzeichnungen seines jüngeren Ichs sind eine der Quellen dieses Romans, neben seinen Briefwechseln mit Freunden sowie, natürlich, den Stasi-Akten.
Aus ihnen erfuhr der bekannte Schauspieler Jahrzehnte später die ganze traurige Wahrheit. Zum Beispiel wie früh ihn das Ministerium für Staatssicherheit schon auf dem Radar hatte. Und mit welchem Aufwand sein Leben damals überwacht worden war.
Verfolgungsjagd mit der Stasi
Die erzählerisch beste Passage dieses großartigen Lebensromans ist eine Art Parallelmontage: Da ist sein 17-jähriges Ich auf dem Weg zu einem konspirativen Treffen in Berlin und versucht, einen Mann mit auffällig weißen Schuhen abzuschütteln.
Und da ist der Bericht des Stasi-Agenten über den vermeintlich impulsiven Jugendlichen – eine herrlich verrückte Verfolgungsjagd voller Missverständnisse mit Zügen einer absurden Komödie. In zwischengeschalteten Kapiteln rekonstruiert der Autor seine Kindheit und Jugend:
Wie sich langsam Zweifel in sein naives sozialistisches Weltbild schleichen, wie er wegen seiner Fragen rasch Probleme in der Schule bekommt oder wie er seine sexuelle Orientierung entdeckt, die ihn früh zum Außenseiter stempelt. Vor allem seine Liebe zu Mikis, einem jungen Mann aus Zypern, führt zum Entschluss, einen Ausreiseantrag zu stellen.
Ist schon crazy, wie forsch der ist. Und eine kleine Zahnlücke, vorn oben, hat er auch! Vorm Roten Rathaus schlage ich vor, einen Kaffee »in Honecker’s lamp shop«, in Erichs Lampenladen, zu trinken. Mikis guckt wie zwei Autos. Ich erkläre, dass der Palast der Republik den Spitznamen vom Volk bekommen habe, weil es nirgendwo sonst so viele Leuchten gibt. Er prustet los. Mann, hat der eine Lache!
Quelle: Victor Schefé – Zwei, drei blaue Augen
Krebserkrankung nach der Wende
Schefés Sprache platzt geradezu vor Lebendigkeit und Lebenslust, inklusive immer neuer Wortschöpfungen wie „Körperwinter“ oder „Schulkackpolitdeutsch“.
Ganz nah ist dabei das heutige, erzählende Ich bei seinem jüngeren, erlebenden. Bizarr gestaltet sich, nach dem überraschenden Fall der Mauer 1989, das Wiedersehen in Rostock mit der Mutter, die sich trotzig der Realität verweigert.
Kurz darauf übersteht Schefé eine schwere Krebserkrankung, feiert erste Erfolge auf Theaterbühnen, eröffnet eine queere Szenebar in Westberlin. Inzwischen konnte man den Schauspieler sogar schon in einem „James Bond“ und einem Stephen-Spielberg-Film sehen.
Wie schön, dass Victor Schefé Tassilo, sein jüngeres Ich, noch einmal zum Leben erweckt hat.

Dec 16, 2025 • 4min
Kapitalismuskritik im Popmodus „Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten haben müssen"
PeterLicht ist ein Tausendsassa auf Bühnen, hinter Mikrofonen und zwischen Buchdeckeln. Darüber lässt er auch in seiner neuesten Textsammlung keinen Zweifel. In diesem Fall empfiehlt er sich sogar in der Rolle des Propheten.
Daran lässt zumindest der Buchtitel denken. Der orakelt in warnendem Ton: „Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten haben müssen“.
Das heißt, in diesem Buch geht es um Zustände und Befindlichkeiten im Hier und Jetzt, über die sich eines künftigen Tages nichts Gutes wird sagen lassen. Zum Beispiel um den Zeitgeist, von dem eine kurze knackige Gesellschaftssatire handelt. Sie trägt den bösen Titel „Kleine Gala nach der Party zum Krieg“.
Das fühlt sich so gut an
Die Gäste dieser Party sind Spitzenkräfte der Zivilgesellschaft, sie haben gespendet für den Krieg und seine Opfer. Nun brüsten sie sich am kalten Büfett mit ihrem Beitrag zur Rettung der Welt. Ihre Grundsätze sind auf dem neuesten Stand.
Einfach, regional, saisonal. Alles andere ist nicht mehr tragbar. Wir bauen hier zu Hause gerade alles um in Richtung Nachhaltigkeit und reißen im Haus alles raus, was nicht einfach, regional, saisonal ist. Das fühlt sich so gut an.
Quelle: PeterLicht – Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten
PeterLicht hat in diesem Band um die fünfzig Texte versammelt. Kolumnen und Glossen finden sich darunter ebenso wie Betrachtungen über dies und das, es gibt Selbsterlebensbeschreibungen und immer wieder Dialoge, in denen der Talk unserer Tage satirisch aufgespießt wird.
Kapitalismus und Kreativität
Zum Beispiel in einem korrekt gegenderten Gespräch zweier Theaterleute über die Tücken von Kapitalismus und Kreativität, das sich zu einer großen Arie über die allgemeine Genervtheit auswächst:
O Gott, was bin ich genervt, ich kann gar nicht sagen, wie. Weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, das fängt schon an mit den ewigen Wiederholungen des Immergleichen. Immer wird alles ewig wiederholt.
Quelle: PeterLicht – Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten
PeterLicht schreibt einen ganz eigenen Stil, in dem bombastischer Ernst, große Gesten und verspielter Unernst ständig im Clinch liegen. Dabei geht es munter hin und her zwischen Komik und Schmerz, trotziger Selbstbehauptung und schwarzen Gedanken.
Alltagsmomente, wie der bedrohlich sich aufplusternde Restschaum in einer Kaffeetasse, werden mit paranoider Genauigkeit beschrieben. Über große Fragen des Daseins wie den Kapitalismus, den Wegwerfkonsum oder den Ausbruch einer depressiven Revolution fabuliert der Autor mit manischer Formulierungslust.
In der Klemme der Zeitgenossenschaft
Durch die kabarettreife Effektsicherheit mancher Stücke gibt sich PeterLicht als der Bühnenperformer zu erkennen, der er auch ist. Ein fingierter Brief an die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags geht so:
Hiermit bewerbe ich mich um die noch nicht ausgeschriebene Stelle des Parlamentssängers. Ich benötige dafür nur ein Büro im Reichstag und ein monatliches Gehalt in Höhe von möglichst was über 3000 €. Meine Gitarre bringe ich selber mit.
Quelle: PeterLicht – Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten
PeterLichts Texte sind mal virtuos, mal abgedreht und oft genau auf den Punkt. Er schreibt über eine Gesellschaft, die saturiert erscheint, doch in vieler Hinsicht notleidend ist.
Das heißt, er schreibt aus der Klemme unserer heutigen Zeitgenossenschaft heraus. Und das macht er auf seine gescheit-naive Art mit Witz, Scharfsinn und schrägen Einfällen, die es in sich haben.

Dec 14, 2025 • 4min
Make Nostalgie Great Again - Historikerin Agnes Arnold-Forsters „Geschichte eines gefährlichen Gefühls“
Was haben Musik, Mode und Moral gemeinsam? Sie waren früher alle besser – angeblich. Sich zurückwünschen in vermeintlich sorglosere Zeiten erscheint harmlos, wenn es sich um Kindheitserinnerungen oder den Lieblings-Historienfilm handelt. Doch im politischen Diskurs ist Nostalgie oft kein bittersüßes Gefühl, sondern eher ein Vorwurf.
Die Historikerin Agnes Arnold-Forster meint, wir tun der Nostalgie unrecht, wenn wir sie lediglich zur Begleiterscheinung rechten Gedankenguts herabwerten. Sie möchte dem zwiespältigen und komplexen Gefühl historisch auf den Grund gehen und es rehabilitieren. Dazu nimmt sie uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit - ganz ohne Verklärung.
Diagnose: Nostalgie
Chronologisch führt uns die Autorin in zehn Kapiteln durch die Jahrhunderte. Dabei überrascht es, wie viele Narrative offensichtlich immer wiederkommen oder uns nie ganz verlassen:
Nostalgie wird bereits seit Jahrhunderten empfunden, diagnostiziert und besorgt diskutiert […]. Auch die Kritik an populistischen Politikern und ihren als Dummköpfen gebrandmarkten Anhängern ist schon Jahrzehnte alt. Man denke nur an die Psychologen nach dem Zweiten Weltkrieg, die chronischen Nostalgikern vorwarfen, in ihrer Entwicklung stehengeblieben zu sein.
Quelle: Agnes Arnold-Forster – Nostalgie
Was unter „Nostalgie“ verstanden wurde, durchlief immense Verwandlungen. Doch ob als tödliche Krankheit, sentimentales Heimweh oder effektives Marketing-Tool: Stets ging es im Festhalten am Gestern vielmehr um den Umgang mit der Gegenwart, um die Suche nach dem eigenen Platz in einer sich ständig wandelnden Welt.
„Das war schon immer so!“
Arnold-Forster bringt den Lesenden durch zahlreiche Studien und ausführliche Anekdoten die fernsten Zeiten in einem wissenschaftlichen, aber zugänglichen Stil näher. In der Fülle an Material geht sie häufig jedoch so sehr ins Detail, dass die interessanten Fragen, Thesen und Beobachtungen – wie die folgende – des Öfteren untergehen:
So etwas wie der Brexit oder Donald Trumps politischer Erfolg widersprechen der weitverbreiteten Vorstellung, dass sich die westliche Welt in eine ganz bestimmte Richtung entwickeln sollte – weg vom Nationalismus und hin zu internationaler Kooperation und politischem Liberalismus. Nostalgie bietet eine ziemlich einfache Erklärung, die es einem erspart, einigen dieser Annahmen und dem potentiellen Schaden, den sie anrichten können, wirklich auf den Grund zu gehen.
Quelle: Agnes Arnold-Forster – Nostalgie
Interdisziplinärer Ansatz
In ihrer historischen Rekonstruktion baut die Autorin auf einen interdisziplinären Ansatz - die große Stärke des Buches. Es werden nicht nur historische, sondern auch medizinische, kulturwissenschaftliche und psychologische Aspekte verhandelt, die sehr eindrücklich zeigen, wie unstet Welt- und Körperbilder doch eigentlich sind und dass die wenigsten Dinge „schon immer so“ waren.
Deshalb benutzt dieses Buch das Gefühl gewissermaßen als Brennglas, unter dem man Vergangenheit und Gegenwart der Wissenschaft und Medizin genauer betrachten kann, aber auch gesellschaftlichen Wandel […]. Nostalgie ist eine Möglichkeit, unsere Sehnsucht nach der Vergangenheit, unsere Unzufriedenheit mit der Gegenwart, aber auch unsere Vorstellung von der Zukunft auszudrücken.
Quelle: Agnes Arnold-Forster – Nostalgie
Ein zeitloses Thema
Das Buch zeigt: Nostalgie ist so vielfältig wie die Menschen, die sie verspüren. Mit ihrer „Geschichte eines gefährlichen Gefühls“ präsentiert Agnes Arnold-Forster einen Text, bei dem es gleichzeitig falsch und genau richtig ist zu sagen, dass er „gerade heute“ relevant ist.
Falsch, da es – wie sie darlegt – bei weitem kein Phänomen des 21. Jahrhunderts ist, dass Menschen sich nach Vergangenem sehnen.
Aber genau richtig, weil es gerade deswegen schließlich zu jeder Zeit von Bedeutung ist, diese Gefühle zu erkennen und sich differenziert mit ihnen auseinanderzusetzen.

Dec 10, 2025 • 4min
Tezer Özlüs Roman „Die kalten Nächte der Kindheit“: Der Schmerz des Stillstands | Buchkritik
Der Zufall will es, dass in diesem Jahr zwei türkische Autorinnen hierzulande wiederentdeckt werden, die ungefähr derselben Generation angehören. Sevgi Soysals „Vor dem Morgengrauen“, erstmals 1975 erschienen, ist eine Aufarbeitung der Repressionen, denen Intellektuelle und die Autorin nach dem Militärputsch in der Türkei 1971 ausgesetzt waren.
Auch Tezer Özlüs Roman „Die kalten Nächte der Kindheit“ ist ein politisches Buch, aber auf indirekte Weise. Erzählt Soysal eindringlich eine autobiographisch grundierte Geschichte rund um den Militärputsch, besteht Özlüs memoirhafter Roman aus kleinen Fragmenten, die nicht-chronologisch eine Zeit von der Kindheit bis zum Ende der 70er Jahre umspannen.
Ist bei Soysal der Terror in der Sprache und im Alltag präsent, so brodelt er im fast protokollierenden Ton Özlüs unter der Oberfläche.
Mein Vater hat die Trillerpfeife aus seiner Zeit als Sportlehrer behalten. Noch bevor er morgens den übergroßen gestreiften Pyjama auszieht, bläst er in seine Pfeife: – Was willst du in der Armee, wenn du so empfindlich bist? Los, aufstehen! Aufstehen! Er klingt wie eine Trompete.
Quelle: Tezer Özlü – Die kalten Nächte der Kindheit
So beginnt Özlüs Roman – mit einem Morgenappell. Die Ich-Erzählerin wächst in einer kemalistisch geprägten Welt und ihren strengen Ritualen und Werten auf, aber das Verlangen richtet sich auf etwas anderes, auf Nähe und Verständnis, aufs Offene und Unkonventionelle.
Eingesperrtsein und Ausbrüche
Wir begleiten das Mädchen durch Kindheit und Pubertät. Die Sexualität spielt früh schon eine wichtige Rolle. Die Sehnsucht nach der Metropole Istanbul bestimmt das Denken; später folgt das Mädchen der Schwester aus der Provinz in die „sündige Stadt“.
Der Besuch einer Nonnenschule – der Unterricht findet auf Deutsch statt – lehrt sie weniger Gottesfurcht, eher lernt sie etwas über Bigotterie. In den kleinbürgerlichen Vierteln beneidet man sie darum, eine internationale Schule zu besuchen – auch wenn sie vermutet, dass die Schwestern dort allesamt verrückt seien.
In fast jedem deutschen Wort kommt ein o vor. Wir ziehen es in die Länge, um unsere Münder an das deutsche o zu gewöhnen. Danach erzählt [die Nonne] uns die Geschichte des Tages. Die Geschichte von Nietzsches Tod. Da er Gott verleugnet habe, sei Nietzsche bestraft worden, er sei wahnsinnig geworden und kläglich verreckt.
Quelle: Tezer Özlü – Die kalten Nächte der Kindheit
Durch Heirat versucht die Erzählerin dem Eingeschnürtsein zu entkommen. Landet aber in einer anderen Art von Gefängnis. Lieber tummelt sie sich in den Kreisen ihres Bruders, bei Theaterleuten, Künstlern, Aufbegehrenden.
Diese Schizophrenie fordert Tribut. Sie hegt Selbstmordgedanken. Und landet immer wieder in Kliniken, einem Apparat unterworfen, der ihren Eigensinn brechen soll.
Kühl und abgründig
Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt. Ich bin eine Frau. Ich erlebe das Nachspiel des euphorischen Wahns. Dazwischen lag der Schmerz des Stillstands. Jahre später begreife ich, dass sie mir nach der Narkose Elektroschocks verabreichten. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus bin ich völlig durcheinander.
Quelle: Tezer Özlü – Die kalten Nächte der Kindheit
Tezer Özlü war Mitte 30, als sie diese Prosasplitter zusammenmontierte. In ihrem Roman herrscht eine klare, aber abgründige Sprache. Da ist eine Kühle der Darstellung, wie man sie bei Annie Ernaux bewundert.
Unter dieser Schicht der präsentischen Nüchternheit aber spürt man jenen Tumult, der auch durch psychiatrische Disziplinierungsmaßnahmen nicht gebändigt werden kann. Allerdings weiß die Erzählerin sich zu behaupten, indem sie irgendwann Spielregeln befolgt, ohne sie zu akzeptieren.
Die Ereignisse rund um das Jahr 1971 sind präsent, nehmen bei Özlü aber keinen allzu großen Raum ein. Sie sind ein Spiegel ihres Aufbegehrens.
Aber dass es in diesem Buch um den Kampf gegen das geht, was in jener Zeit geschieht und aus dem Normenspektrum ausscherenden Frauen angetan wird, das ist von Anfang an klar. Das Politische ist immer privat, das Private politisch.

Dec 10, 2025 • 4min
László Krasznahorkais neuer Roman „Zsömle ist weg“: Vom Wahnsinn der Herrscher und herrschendem Wahnsinn
Zsömle ist ein alter Hund. Er kann kaum noch den Kopf heben, und am Ende des ersten Kapitels ist er tot. Aber dann kommt ein neuer Zsömle ins Haus, der den Platz des alten einnimmt. Mit Hunden ist es wie in der Monarchie: Der König ist tot, es lebe der König.
László Krasznahorkai hat diesen Hund zum Titelhelden seines neuen, irrlichternden Romans gemacht. Weil es in „Zsömle ist weg“ um die Wiedereinführung der Monarchie in Ungarn geht, ist er das völlig zurecht, auch wenn er die meiste Zeit an der Kette liegt.
Zsömle gehört einem uralten, einundneunzig Jahre alten Herrn, der sich für einen Enkel des Enkels von Dschingis Khan und für einen Nachfahren der Arpaden-Dynastie und also den legitimen König von Ungarn hält. Er lebt zurückgezogen in einem heruntergekommen Haus auf einem Berg und hat eigentlich längst alles hinter sich.
… was zum Teufel hatte er hier noch zu suchen, sollte doch das Ende kommen, was kümmerte es ihn, er hatte genug gesehen, hatte genug gekämpft, und das Blut und die Lymphe, die Muskeln und Nerven in ihm hatten genug gearbeitet, der Himmelsvater sollte ihn hier und jetzt holen kommen, sie konnten ihm gut zureden, aber auch dann nicht, gut zureden, o Eure Majestät, …
Quelle: László Krasznahorkai – Zsömle ist weg
Der König und die Königstreuen
An das Hoftor klopft dann aber nicht der Himmelsvater, sondern eine Gruppe königstreuer Männer, die all ihre Hoffnungen darauf setzen, den Monarchen aufgespürt zu haben. Der verbittet sich zwar, mit „Majestät“ angesprochen zu werden. Er möchte lieber „Onkel Jozsi“ bleiben, während alle um ihn herum in der kalten Küche sitzen und aus vier Kaffeetassen trinken, weil er mehr Tassen nicht besitzt.
Aus der Diskrepanz zwischen hinterwäldlerischer Dorfwelt und Königsträumen, zwischen Wirklichkeit und Wahn, entsteht eine Komik, die dem Roman seine Energie gibt. Dabei nimmt Krasznahorkai seine eher trottelhaften als revolutionären Protagonisten so ernst, dass man durchaus mit ihnen sympathisiert.
Wäre die Monarchie nicht wirklich ein Schritt aus dem Schlamassel der verkorksten Gegenwart? Würde dann vielleicht endlich auch die Dorfstraße asphaltiert, unter deren schlechtem Zustand der „Drübennachbar“ so sehr leidet?
… und überhaupt, solange dieser Orbán an der Macht ist, und das sind noch zwei Jahre, wird in Wahrheit ohnehin nichts passieren, zwei Jahre, brummte der Professor und brummten auch die anderen und sahen einander fragend an, darunter zwei namhaft zu nennende Historiker, die sich als eine der Ersten den Besuchern angeschlossen hatten, …
Quelle: László Krasznahorkai – Zsömle ist weg
Komik und Trauer
Krasznahorkai schreibt, wie man das von ihm gewohnt ist, in langen, nahezu endlosen Sätzen, die wechselnde Figurenrede in sich aufnehmen und alles mit allem verbinden. Diesmal ist es nicht, wie zuletzt in „Herscht 07769“, ein einziger Satz, denn es gibt elf Kapitel, die jeweils mit einem Punkt enden. Doch das Prinzip ist dasselbe.
Ging es in „Herscht 07769“ um eine Gruppe von Neonazis in Thüringen, erinnern die ungarischen Umstürzler in ihrer monarchischen Traumwelt an Reichsbürger. Sie können sogar auf ein eigenes Waffenlager zurückgreifen. Doch damit will Onkel Jozsi nichts zu tun haben.
Auch auf Seiten des Staates gibt es offenbar zwei einander widerstreitende Strömungen. Die einen laden den Arpaden-Nachfolger zum Gespräch und bereiten die Inthronisierung vor, die anderen kommen mit Hubschrauber und Sondereinsatzkommando, um den schwächlichen Greis zu verhaften wie einen Mafiaboss.
Happy End ausgeschlossen
„Zsömle ist weg“ ist ein so komisches wie trauriges Buch. Man kann es politisch oder psychologisch lesen, wobei Krasznahorkai niemals psychologisiert, sondern einfach nur die wirren Gedanken aufschreibt, als wären sie wahr. In jedem Fall ist es eine tragische Geschichte über den klaffenden Abgrund, der sich in der Gesellschaft und in der Wunschökonomie der Menschen auftut.
Ein Happy End ist dabei von vornherein ausgeschlossen. Man braucht gute Nerven in dieser Welt, die vom Wahnsinn regiert wird.

Dec 9, 2025 • 4min
Verteidigung der Freiheit gegen Denkverbote
Das Spektrum zeitgenössischer Krisen ist groß: Angesichts des Aufschwungs populistischer Parteien droht eine Krise der parlamentarischen Demokratie, die Klimakrise erzeugt apokalyptische Ängste, Künstliche Intelligenz stellt die menschliche Kreativität in Frage, und die Cancel Culture bedroht die Freiheit des Denkens und Sprechens.
Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann geht all diesen Krisenphänomenen in seinem neuen Buch nach und fragt, wie man auf die diversen Herausforderungen unseres freiheitlichen Gemeinwesens reagieren kann.
So empfiehlt er angesichts des Legitimationsverlustes demokratisch gewählter Parlamente durch rechtsextreme Parteien und außerparlamentarische Bewegungen, aber auch durch die zunehmende Zersplitterung der Öffentlichkeit durch soziale Medien – Stichwort Blasenbildung – ein Mehr an direkter Demokratie.
Nach dem Modell von Schöffengerichten sollten mehr Bürger an Entscheidungen des Gemeinwesens beteiligt werden, auch ein Losverfahren könnte Menschen zur politischen Teilhabe verhelfen, die im parlamentarischen System nicht repräsentiert werden.
Mit Kant gegen selbstverschuldete Unmündigkeit
Liessmanns philosophisches Grundmotiv geht dabei auf den Aufklärer Immanuel Kant zurück, der Unmündigkeit als selbstverschuldet ansah und eine liberale Kultur auf den Eigensinn selbstständigen Denkens gründen wollte.
Vehement streitet Liessmann gegen alle Versuche, die gesellschaftliche Kommunikation durch Moralismus, Denk- und Redeverbote einzuschränken. Konformismus aus politischer Korrektheit bedrohe, wie er grimmig-polemisch formuliert, die Grundlagen freiheitlicher Gemeinwesen.
Schmutzige Gedanken und Worte werden geächtet, unliebsame Autoren und Wissenschaftler gemobbt, Redner werden am Sprechen gehindert, Denkmäler wie das von Christoph Kolumbus in Chicago gestürzt, die Spielpläne von Theater- und Opernhäusern von vermeintlich rassistischen und sexistischen Stücken befreit, die Literatur vergangener Tage wird nach den moralischen Maßstäben der Gegenwart korrigiert und umgeschrieben.
Quelle: Konrad Paul Liessmann – Was nun? Eine Philosophie der Krise
Gegen Cancel Culture als Bevormudnung
Cancel Culture gilt Liessmann als Bevormundung und Zensur, die die Autonomie von Wissenschaft und Kunst untergräbt und damit den Universalismus der Aufklärung. Eine prohibitive Gesellschaft werde leicht zur illiberalen.
Auch irrtümliche Behauptungen, unsinnige und sogar extremistische Äußerungen müssten toleriert werden, allerdings mit der Einschränkung, dass deren Vertreter nicht zur Gewalt aufrufen, um ihre Positionen durchzusetzen.
Darf man der Auffassung sein, dass ethnisch homogene Gesellschaften besser funktionieren als multikulturelle und dies in der Öffentlichkeit äußern? Selbstverständlich! Darf man dafür demonstrieren? Jederzeit! Darf man eine Organisation gründen, die mit Gewalt diese Ansicht durchsetzen will? Nein!
Quelle: Konrad Paul Liessmann – Was nun? Eine Philosophie der Krise
Kritisches Denken statt reiner Gesinnung
Liessmann plädiert in alteuropäisch-aufgeklärter Tradition für radikale individuelle Freiheit, die heute auch gegen neue Überwachungstechnologien verteidigt werden müsse: Gesichtserkennung kann zu Gesichtsverlust führen. Und durch Künstliche Intelligenz droht eine „Antiquiertheit des Menschen“, wie Liessmann in Bezugnahme auf den Philosophen Günter Anders schreibt.
Die Unterwerfung unter die digitale Maschinerie berge die Gefahr einer neuen Unmündigkeit: „Was nun?“ – Angesichts der vielfältigen Krisen und Bedrohungen der Gegenwart empfiehlt Liessmann: Mehr Skepsis gegen herrschende Ideologien, trotzigen Eigensinn gegen autoritäre Bevormundungen, kritisches Denken statt reiner Gesinnung, Humor statt Moralismus.
Wer sich einem illiberalen Zeitgeist entgegenstellen will, findet in Konrad Paul Liessmann einen engagierten und klugen Verbündeten.

Dec 8, 2025 • 4min
Hanif Kureishi ‒ Als meine Welt zerbrach
Der zweite Weihnachtsfeiertag 2022 markiert einen tiefen Einschnitt im Leben von Hanif Kureishi: Gemeinsam mit seiner Frau verbringt er die Weihnachtstage in Rom.
Nach einem Spaziergang durch die Gärten der Villa Borghese wird ihm schwindelig. Kureishi stürzt und wird in ein Krankenhaus gebracht. Dort sagen ihm die Ärzte, dass einige seiner Wirbel durch den Sturz eine Art Schleuder-Trauma erlitten haben.
Kureishi ist größtenteils gelähmt. Er hat zwar etwas Gefühl in seinen Armen und Beinen, bewegen kann er sie aber nur sehr eingeschränkt. Schon im Krankenhaus beginnt er, seiner Familie kleine Zustandsberichte zu diktieren.
Das Erzählen, das sein Leben bislang bestimmt hat, gibt ihm auch in dieser Situation Halt:
Die Literatur als Kunstform ist, was ihr zur Ehre gereicht, ein schmutziger Bastard. Vom Vulgärsten und Skurrilsten bis zum Erhabensten und Poetischsten – alles kann man in ein Buch packen, formen und zu etwas Unvergesslichen machen. Ein Insekt, einen Helden, ein Gespenst oder Frankensteins Monster. […] Jeden Tag öffne ich beim Diktieren dieser Gedanken das, was von meinem zerstörten Körper übrig ist, um dem Chaos, in dem ich versinke, eine Form zu geben; um zu verhindern, dass ich innerlich sterbe.
Quelle: Hanif Kureishi ‒ Als meine Welt zerbrach
Spannungsbogen vom Vulgären bis zum Erhabenen
Auch Kureishis Berichte spannen den Bogen vom Vulgären bis zum Erhabenen: Er informiert ausführlich über seinen Stuhlgang und Urin. Darüber hinaus erzählt er von neu geschlossenen Freundschaften und Momenten, in denen er mit Pflegern aneinandergerät.
Mit trockenem Humor bemerkt Hanif Kureishi: Er würde niemanden zu einem Unfall wie seinem raten. In seinen Einträgen hält er aber auch auf bewegende Weise fest, wie sich der Blick auf die Welt verändert, wenn sich diese auf die Zimmer eines Krankenhauses beschränkt:
Als ich heute Nachmittag im Fitnessraum sah, wie all die anderen Patienten mit ihren lädierten und deformierten Körpern von Physiotherapeuten behandelt und gestreichelt wurden, veränderte sich etwas in mir. Wenn man nur die Nachrichten und Fernsehen schaut, dachte ich, gewinnt man den Eindruck, die Welt sei hart, bewohnt von geldgierigen und narzisstischen Verbrechern. Sieht man aber die gemeinschaftliche Arbeit im Fitnessraum, erscheint sie einem als Ort der Schönheit, der gegenseitigen Unterstützung und des Respekts voreinander.
Quelle: Hanif Kureishi ‒ Als meine Welt zerbrach
Im Original lautet der Titel des Buches Shattered, also Zerbrochen, und er ist Programm. Hanif Kureishi sortiert beim Erzählen das Leben, das in Scherben vor ihm liegt. Wiederholt kehrt er zu seiner Kindheit in den 1960er-Jahren zurück, zu seinen Erfolgen als Drehbuchautor und dem endgültigen Entschluss, Schriftsteller zu werden.
Vom Drehbuchautor zum Erfolgsschriftsteller mit Der Buddha aus der Vorstadt
Eine gewichtige Rolle spielten dabei der Erfolg von Salman Rushdies preisgekrönten Roman „Mitternachtskinder“ und die Erkenntnis, dass noch niemand einen Roman aus Sicht der zahlreichen Einwanderer geschrieben hatte, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Großbritannien kamen.
Die Geschichten, wie sie in Kureishis Debütroman „Der Buddha aus der Vorstadt“ vorkommen, sind dem Leben abgelauscht, berichtet er:
Da in den 1960er-Jahren viele Pakistaner nach Großbritannien kamen, […] bekam ich damals viele faszinierende Geschichten über den multiethnischen Wandel Großbritanniens zu hören. Geschichten über Rassismus und Not, aber auch über arrangierte Ehen, indische Restaurants, kleine Läden an der Ecke, Fabrikarbeiter, Familien, die anfingen, Immobilien zu kaufen, und über die neuen Communitys, die damals rund um den damaligen London Airport, heute Heathrow, entstanden.
Quelle: Hanif Kureishi ‒ Als meine Welt zerbrach
Berührendes Buch über die Widerstandskraft des Erzählens
Kureishi schreibt, dass er als Autor stets hofft, seine Geschichten mögen jemanden berühren. Indem er offen, schonungslos und mal mit sanftem, mal mit derbem Humor von seinem Schicksal berichtet, gelingt ihm mit „Als meine Welt zerbrach“ genau das.
Das Buch ist ein bewegendes Zeugnis davon, welche Widerstandskraft sich aus dem Erzählen schöpfen lässt.

Dec 7, 2025 • 16min
Hanif Kureishi: Als meine Welt zerbrach | Lesung und Diskussion
An Weihnachten 2022 verliert Hanif Kureishi das Bewusstsein, stürzt und wacht im Krankenhaus wieder auf, vom Hals abwärts gelähmt. Sein Leben danach beschreibt er mit Gnadenlosigkeit, aber auch erstaunlichem Witz.

Dec 7, 2025 • 18min
Sidonie-Gabrielle Colette: Chéri | Lesung und Diskussion
Der bekannteste Roman der 1873 im Burgund geborenen Autorin in neuer Übersetzung. 1920 war der Roman im konservativen Frankreich eine Provokation: Ältere Frau begehrt jungen Mann. Quel scandale!


