
SWR Kultur lesenswert - Literatur László Krasznahorkais neuer Roman „Zsömle ist weg“: Vom Wahnsinn der Herrscher und herrschendem Wahnsinn
Dec 10, 2025
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Zsömle ist ein alter Hund. Er kann kaum noch den Kopf heben, und am Ende des ersten Kapitels ist er tot. Aber dann kommt ein neuer Zsömle ins Haus, der den Platz des alten einnimmt. Mit Hunden ist es wie in der Monarchie: Der König ist tot, es lebe der König.
László Krasznahorkai hat diesen Hund zum Titelhelden seines neuen, irrlichternden Romans gemacht. Weil es in „Zsömle ist weg“ um die Wiedereinführung der Monarchie in Ungarn geht, ist er das völlig zurecht, auch wenn er die meiste Zeit an der Kette liegt.
Zsömle gehört einem uralten, einundneunzig Jahre alten Herrn, der sich für einen Enkel des Enkels von Dschingis Khan und für einen Nachfahren der Arpaden-Dynastie und also den legitimen König von Ungarn hält. Er lebt zurückgezogen in einem heruntergekommen Haus auf einem Berg und hat eigentlich längst alles hinter sich.
… was zum Teufel hatte er hier noch zu suchen, sollte doch das Ende kommen, was kümmerte es ihn, er hatte genug gesehen, hatte genug gekämpft, und das Blut und die Lymphe, die Muskeln und Nerven in ihm hatten genug gearbeitet, der Himmelsvater sollte ihn hier und jetzt holen kommen, sie konnten ihm gut zureden, aber auch dann nicht, gut zureden, o Eure Majestät, …Quelle: László Krasznahorkai – Zsömle ist weg
Der König und die Königstreuen
An das Hoftor klopft dann aber nicht der Himmelsvater, sondern eine Gruppe königstreuer Männer, die all ihre Hoffnungen darauf setzen, den Monarchen aufgespürt zu haben. Der verbittet sich zwar, mit „Majestät“ angesprochen zu werden. Er möchte lieber „Onkel Jozsi“ bleiben, während alle um ihn herum in der kalten Küche sitzen und aus vier Kaffeetassen trinken, weil er mehr Tassen nicht besitzt. Aus der Diskrepanz zwischen hinterwäldlerischer Dorfwelt und Königsträumen, zwischen Wirklichkeit und Wahn, entsteht eine Komik, die dem Roman seine Energie gibt. Dabei nimmt Krasznahorkai seine eher trottelhaften als revolutionären Protagonisten so ernst, dass man durchaus mit ihnen sympathisiert. Wäre die Monarchie nicht wirklich ein Schritt aus dem Schlamassel der verkorksten Gegenwart? Würde dann vielleicht endlich auch die Dorfstraße asphaltiert, unter deren schlechtem Zustand der „Drübennachbar“ so sehr leidet?… und überhaupt, solange dieser Orbán an der Macht ist, und das sind noch zwei Jahre, wird in Wahrheit ohnehin nichts passieren, zwei Jahre, brummte der Professor und brummten auch die anderen und sahen einander fragend an, darunter zwei namhaft zu nennende Historiker, die sich als eine der Ersten den Besuchern angeschlossen hatten, …Quelle: László Krasznahorkai – Zsömle ist weg
