Regelmäßig fragen wir Autorinnen und Autoren, welche Bücher ihnen besonders wichtig sind. Heute ist es die Autorin Katerina Poladjan, die erzählt, dass sie die Romane des Norwegers Tarjei Vesaas (1897-1970) ganz besonders liebt.
Plötzlich steht eine fremde Familie vor der Tür
Poladjans aktueller Favorit ist
Vesaas‘ Roman „Frühlingsnacht“, in der zwei Geschwister über Nacht alleine zu Hause bleiben. Sissel ist achtzehn, Hallstein vierzehn Jahre alt. Ihre Eltern müssen zu einer Beerdigung.
Plötzlich steht eine vierköpfige Familie vor der Tür. Die Frau ist schwanger und braucht ärztliche Hilfe. Sissel und Hallstein lassen die Familie ein. „Es ist eine unheimliche, magische, bedrohliche und ungeheuer welthaltige Nacht, an deren Ende am nächsten Morgen alles anders zu sein scheint“, sagt Katerina Poladjan auf SWR Kultur.
„Der wohl beste Coming-of-Age-Roman, den ich kenne.“
Der Guggolz-Verlag hat in den letzten Jahren vier Romane des Norwegers publiziert. Stets übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, der für seine zahlreichen Übersetzungen aus dem Norwegischen 2018 sogar den Königlich Norwegischen Verdienstorden erhielt.
„Frühlingsnacht“ ist der wohl beste Coming-of-Age-Roman, den ich kenne“, unterstreicht Poladjan, „denn Vesaas erzählt so verdichtet, zart, schwebend und mit hintergründiger Komik vom fundamentalen Umbruch zwischen Kindheit und Erwachsensein, dass spürbar wird, wie dieses Umbruchgefühl ein Aspekt der menschlichen Existenz überhaupt ist.“
Tarjei Vesaas als literarisches Vorbild
Katerina Poladjan wurde ein Jahr nach Vesaas‘ Tod geboren. Mit
„Goldstrand“ ist dieses Jahr ihr fünfter Roman erschienen. Ebenfalls dieses Jahr wurde sie mit dem „Großen Preis des Deutschen Literaturfonds“ ausgezeichnet. Wenn sie Tarjei Vesaas liest, sieht sie Verbindungen zu ihrem eigenen Werk:
„Für mich ist Vesaas ein großes Vorbild, durch die poetische Verdichtung bei gleichzeitig ungeheurer Offenheit in seinen Texten, durch ihre Welthaltigkeit im Marginalen, durch ihre präzise Sprache und Vesaas‘ humanistische Konzentration auf das Individuum und seine Nöte, auf das kindliche Ich, das der Weltläufe machtlos gegenübersteht und dennoch nach Ermächtigung strebt.“