Alles Geschichte - Der History-Podcast

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Aug 1, 2024 • 13min

ERSTER WELTKRIEG - Die Schüsse von Sarajewo

Sarajewo, 28. Juni 1914: Schüsse eines Attentäters treffen Erzherzog Franz Ferdinand, den Thronfolger vonÖsterreich-Ungarn, und seine Gattin Sophie. Einen Monat später stellt sich heraus: Es waren die ersten Schüsse des Ersten Weltkriegs. Die Hintergründe, die zum Ausbruch dieser "Urkatastrophe" führten, sind komplex. Bis heute werden sie intensiv diskutiert. Von Thomas Morawetz (BR 2008) Credits Autor: Thomas Morawetz Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Christian Baumann, Rahel Comtesse, Friedrich Schloffer, Rainer Buck Technik: Lydia Schön-Krimmer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Katrin Boeckh, Dr. Peter Helmberger Anmerkung der Redaktion: Prof. Dr. Katrin Boeckh war zum Zeitpunkt des Interviews Historikerin am Osteuropa-Institut in Regensburg. Inzwischen arbeitet sie am Leibniz.Institut für Ost- Und Südosteuropaforschung. Linktipps: ARD alpha (2014): Europas letzter Sommer – Die Julikrise 1914 Am 28. Juni 1914 wird in Sarajewo der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ermordet. International nutzen Diplomaten und Staatslenker das Attentat als Vorwand, die eigene Macht zu vergrößern und alte Rechnungen zu begleichen. In nur wenigen Wochen stürzen Kompromisslosigkeit, Größenwahn und blinder Gehorsam den Kontinent in den bis dato größten Krieg der Menschheitsgeschichte. Das Dokumentarspiel von ARD-alpha aus der Reihe "Vom Reich zur Republik" beleuchtet die Zeit zwischen Attentat und Kriegsausbruch, die rückblickend auch als "Julikrise" in die Geschichte eingegangen ist. Im Fokus stehen dabei die komplexen Motivationen und Entscheidungsfindungen der Staatslenker und Diplomaten Europas. Basierend auf Originaldokumenten führt der Film den Zuschauer durch die Arbeits- und Konferenzzimmer der verschiedenen Machtzentren des Kontinents sowie durch die Clubs und Cafés der Hauptstädte, in denen die Gespräche zwischen den beteiligten Diplomaten stattfanden. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk (2018): Gavrilo Princip, der Attentäter von Sarajewo   Er war der Mann, der 1914 zur Pistole griff und den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau tötet: Gavrilo Princip, Unabhängigkeitskämpfer der Serben und Kroaten und Gegner der österreichisch-ungarischen Monarchie. Seine Tat löste mit den Ersten Weltkrieg aus. Princip starb am 28. April 1918. ZUM BEITRAG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKENTimecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 - IntroTC 02:00 – Folgen eines MachtvakuumsTC 05:33 – Die KriegsschuldfrageTC 09:12 – Von der Julikrise bis zum WeltkriegTC 12:29 – OutroLesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:TC 00:15 - IntroATMO Straßengeräusch SPRECHERINSarajewo, die Hauptstadt Bosniens – Sonntag, der 28. Juni 1914, kurz nach 10 Uhr morgens: SPRECHEREine Fahrzeugkolonne von sechs Autos setzt sich in Bewegung Richtung Innenstadt. Höchster Besuch! Seit wenigen Jahren ist Bosnien ein Teil von Österreich-Ungarn. Im dritten – offenen – Wagen sitzen der Österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie. SPRECHERINAm Ende dieser Fahrt wird sich der Anlass für den Ersten Weltkrieg ergeben haben. Und am Ende des Krieges wird Deutschland dafür die Verantwortung zugesprochen werden. SPRECHERDie Route der Kolonne haben die Zeitungen schon vor Wochen bekannt gegeben. An den Straßen drängen sich die Schaulustigen und Jubelnden. Plötzlich wirft ein junger Mann eine Bombe gegen das Auto des Thronfolgers. Die Handgranate prallt ab und explodiert vor dem nächsten Wagen. Ein Insasse wird schwer verletzt. SPRECHERINVerwirrung. Die Kolonne erreicht das Rathaus, dort fasst man sich wieder. Jetzt will der Thronfolger weiter, direkt ins Hospital zu seinem verletzten Begleiter.SPRECHERWenige hundert Meter vom Rathaus entfernt springt auf einmal ein junger Mann aus der Menge auf. Zwei Schüsse fallen. Der Erzherzog wird in die Halsschlagader getroffen, Sophie in den Unterleib. Der Mitfahrende Graf Harrach sagt später aus: ZITATOR: Mitfahrender HarrachWährend das Auto zurückstieß, spritzte ein dünner Blutstrahl aus dem Munde seiner kaiserlichen Hoheit auf meine rechte Backe. … Den Erzherzog hörte ich dann sagen: `Sopherl, Sopherl, stirb mir nicht, bleibe für meine Kinder´.“ SPRECHERINEs ist zu spät. Die beiden erliegen ihren Verletzungen.TC 02:00 – Folgen eines Machtvakuums MUSIK „Der Balkan: Hexenkessel Europas“ SPRECHERDer Schütze, Gavrilo Princip, ist ein Heißsporn, ein junger bosnischer Student. Er und seine Mitattentäter sind serbische Nationalisten; in Bosnien leben etliche Serben! Für sie ist der Erzherzog nichts anderes als ein verhasster Besatzer. Denn Bosnien – finden die Serben – ist unser! SPRECHERINSerbien – das kleine junge Königreich im Osten von Bosnien – erlebt gerade ein nationales Hochgefühl der Sonderklasse. Wie ein Luftballon bläht sich sein Selbstbewusstsein zwischen zwei alten Großmächten in der engen Region auf: zwischen Österreich und den Osmanen. Denn auf dem Balkan ist alles ins Rutschen geraten. SPRECHERSeit einigen Jahrzehnten sind die Osmanen auf dem Rückzug und hinterlassen ein Machtvakuum. Den Serben ist es deshalb vor kurzem gelungen, sich einen fetten Teil der Beute zu sichern: einen satten Gebietszuwachs und Hoffnung auf mehr! SPRECHERINDenn Serbien träumt von einem jugoslawischen, wörtlich: „südslawischen“ Großreich unter seiner Führung auf dem Balkan. Katrin Boeckh ist Historikerin am Osteuropa-Institut in Regensburg: ZUSP: BOECKHAlso, dieses Südslawische ging davon aus, dass man eben eine kulturelle, eine sprachliche, eine religiöse Gemeinsamkeit aller Südslawen hat, … und dass das eben dazu führen soll, dass man eine politische Einheit unter allen Südslawen herbeiführt. SPRECHERExotisch ist der Gedanke nicht. Überall in Europa ist der Nationalismus modern und aggressiv. Doch gerade der serbische Traum ist brandgefährlich! Denn das Mittelmeer ist eine hoch sensible Region. SPRECHERINÜber das Mittelmeer muss Russland seine lebenswichtigen Getreideexporte abwickeln. Engländer und Franzosen laufen von dort Kolonien in Nordafrika an. Über den Suezkanal führen die Routen in den Indischen Ozean. SPRECHERUnd: Für Österreich-Ungarn geht es auf dem Balkan vielleicht um alles: Die alte Großmacht ist angezählt. Ihr Hauptproblem: 12 Völker leben in ihr – hochexplosiv in nationalistischen Zeiten! Gelingt es nicht, den serbischen Nationalismus zu bändigen, könnte das ganze Reich in die Zentrifuge geraten. SPRECHERINDie Doppelmonarchie sieht nur noch eine Lösung: stärker werden auf dem Balkan! Deshalb hat sie ihrerseits erst vor kurzem Bosnien annektiert – ihre Beute aus dem Türken-Erbe. Der Besuch des Thronfolgers war also tatsächlich eine Art Inspektion auf hoch gefährlichem Gelände. SPRECHERSteckt also Serbien hinter dem Attentat? SPRECHERINSicher scheint heute so viel: Die jungen Heißsporne um Princip hatten Hilfe gesucht für die Durchführung ihres Anschlags. Dabei sind sie an eine serbische Geheimorganisation geraten – die „Schwarze Hand“. Katrin Boeckh: ZUSP. BoeckhAlso, die „Schwarze Hand“ – Crna ruka – ist eigentlich zu charakterisieren im heutigen Sinn als eine terroristische Vereinigung mit militärischem Hintergrund, also, hier spielen Offiziere eine große Rolle. Aber eine direkte Beteiligung der serbischen Regierung für dieses Attentat lässt sich nicht nachweisen. SPRECHERHexenkessel Balkan! Doch was hat Deutschland damit zu tun? Immerhin formuliert nach dem Krieg eine Alliierte Note: Das Deutsche Reich trägt allein die Schuld am Ausbruch des Großen Krieges!TC 05:33 – Die Kriegsschuldfrage MUSIK „Rückblende – Die Großmächte auf dem Weg zur Katastrophe“ SPRECHERINDie so genannte „Kriegsschuldfrage“ gehört zu den am leidenschaftlichsten diskutierten Streitfragen der jüngeren Geschichte. Im engeren Sinn bezieht sie sich auf die jetzt folgenden Julitage nach den Schüssen - dazu gleich. SPRECHERDoch zuerst die weiteren Zusammenhänge: Wie sehen die Machtverhältnisse in Europa aus, dass Deutschland in einen Balkankrieg geraten kann? Noch einmal also die Uhr zurückdrehen; gut 40 Jahre vor das Attentat, ins Jahr 1871, zur Gründung des Deutschen Reichs. Peter Helmberger ist Historiker an der Universität in München: ZUSP. HelmbergerMit dieser Gründung des neuen Deutschen Reiches … gibt es auf dem Kontinent eine große Zentralmacht – erstmals wieder – die von der Größe des Landes wie von der Bevölkerung für alle anderen Mächte erst einmal eine Neuerung darstellt und durchaus auch eine Herausforderung. SPRECHERINWelchen Platz wird also der frisch geschlüpfte Riese im Kreis der Großen finden? Bismarck hat sich die Reichsgründung durch einen Krieg mit Frankreich ertrotzt. Ein Auftakt mit Gewalt. SPRECHERUnd auch schon eine erste Ursache für die spätere Katastrophe: Frankreich wird das nicht vergessen. Und Deutschland weiß daher genau: Es muss sich in Acht nehmen: vor Frankreich und – vor Russland! Denn beide zusammen könnten das junge Reich von Westen und Osten her in die Zange nehmen. Geometrie der Macht. SPRECHERINErste Absicherungsmaßnahmen: 1879 schließt Deutschland mit Österreich-Ungarn den Zweibund der Mittelmächte. Nun würde es am liebsten auch Russland noch ins Boot bekommen. Doch das misslingt während der nächsten Jahre gründlich. SPRECHERMit dramatischen Konsequenzen: Russland findet einen neuen Partner – ausgerechnet Frankreich! Großes Malheur! MUSIK SPRECHERINNächste Etappe, die Jahre ab 1900: Deutschlands Selbstbewusstsein ist ungebrochen. Kaiser Wilhelm II. verkündet neue Ansprüche: Ein „Platz an der Sonne“ muss her! Das heißt: Deutschland will nun auch ins große Kolonialgeschäft einsteigen. Dafür beschließt es den Bau einer mächtigen Schlacht-Flotte. Es ist natürlich eine klare Ansage an die übrigen europäischen Großmächte und in dem Fall insbesondere an die … SPRECHERSeemacht England – Das 19.Jh. war das Jahrhundert des Britischen Empire. Doch nun stößt es weltweit auf starke Konkurrenz: die aufstrebenden USA, auf Russland vom Mittelmeer bis zum Pazifik, auf Frankreich in Afrika! Und jetzt auch noch Deutschland! SPRECHERINWer sind die Guten, wer die Bösen? Es ist die Zeit des Hochimperialismus. Alle Großmächte kämpfen um Kolonien und um weltweite Marktzugänge. Jede Macht ein Hai für sich! Der Neuling Deutschland hofft, die Haie auszuspielen – bis er selbst umkreist wird. SPRECHERLondon versucht, sich Luft zu schaffen. Und tatsächlich: Ein Bündnis mit Frankreich gelingt – die Entente Cordiale. Bald darauf sitzt man auch mit dem Zaren am Tisch. Der Kreis der Entente-Mächte um Deutschland schließt sich. SPRECHERINDie zehn Jahre vor Sarajewo sind nervenaufreibend – eine Krise nach der anderen. England, Frankreich, Russland werden dabei ein immer besseres Team. Der deutsche Kaiser zieht regelmäßig den Kürzeren. Die Stimmung im Reich ist geladen. Was kann man gegen die Einkreisung noch aufbieten? Peter Helmberger: ZUSP HelmbergerUnd dann ist Österreich-Ungarn tatsächlich der einzige Bündnispartner, den man noch hat, den man dann auch nicht schwächen kann. SPRECHERAch ja, der Zweibund von 1879! Der Partner mit den schier unlösbaren Problemen! Durch ihn kommt Deutschland nun anstatt zu einem Platz an der Sonne – zu einem Krieg auf dem Balkan. ATMO Schüsse SPRECHERINDenn nun fallen die Schüsse von Sarajewo. Österreich kocht und will sich an den Serben rächen. Doch die haben einen mächtigen Beschützer für ihre südslawischen Träume: den großen slawischen Bruder – Russland! Der Zar braucht einen festen Stand am Mittelmeer. Was liegt also näher, als den kleinen Bruder zu beschützen?TC 09:12 – Von der Julikrise bis zum Weltkrieg MUSIK„Die Julikrise – 31 Tage bis zu einer Menschheitskatastrophe“ SPRECHERDer Countdown läuft. Die Tage nach dem Attentat heißen „Julikrise“. „Krise“ – denn immer noch gibt es politische Kräfte, die versuchen, am Krieg vorbei zu denken. Aber vor allem den Militärs brennt die Zeit schon auf den Nägeln! SPRECHERINBesonders den Deutschen. Denn Österreich wartet auf Antwort aus Berlin: Wenn Österreich nämlich Serbien angreift, wird zwangsläufig auch Russland in den Krieg eintreten! Alleine hätte Österreich aber gegen Russland keine Chance. Wird Deutschland also zu seinem Bündnispartner stehen? SPRECHERSeit Jahren hat Deutschland einen Plan für einen möglichen Krieg gegen Russland: den Schlieffenplan. Er geht aus vom Zweifrontenkrieg. Das heißt: Russland kann nur besiegt werden, wenn vorher blitzartig auf der Westseite Frankreich bezwungen wird. Erst dann können sich alle Kräfte gegen das langsamere aber viel gewaltigere Russland richten. Die deutschen Generäle fordern also: jetzt oder nie! SPRECHERIN6. Juli: Deutschland gibt Österreich die berüchtigte Blanko-Vollmacht: Jede Reaktion gegenüber Serbien wird gedeckt. Am 28. Juli erklärt Österreich Serbien den Krieg. Die klaren Konsequenzen: Russland macht mobil. Dann erklärt Deutschland dem Zaren den Krieg: 1. August 1914! SPRECHERSchlieffenplanmäßig entfaltet sich das Desaster: Deutschland greift Frankreich an. SPRECHERINAllerdings: Über das neutrale Belgien! Es liegt im Aufmarschgebiet der deutschen Divisionen. Ein klarer Völkerrechtsbruch mit enormen Folgen: Denn jetzt hat auch England einen Grund, um sich auf die Seite seiner Entente-Verbündeten zu schlagen. England erklärt Deutschland den Krieg. SPRECHERDeutschland, der eingekreiste Riese, hat nun endgültig einen schrecklichen Platz im Kreis der Großen gefunden. Es hat Österreich von der Leine gelassen, das neutrale Belgien überfallen und Frankreich angegriffen, damit es letztlich Krieg gegen Russland führen kann – um dadurch Österreich zu helfen. Nach dem Krieg wird es dafür zum Verursacher der Katastrophe erklärt werden. TC 12:29 – Outro
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Jul 11, 2024 • 32min

OMAS TASCHE UND DAS HITLER-ATTENTAT - Das Erbe (4/4)

"Der 20. Juli war der Schicksalstag unserer Familie". Das hat die Oma von Thies Marsen immer wieder behauptet. Und tatsächlich ändert sich nach dem misslungenen Attentat auf Adolf Hitler für das junge Paar alles. Von Thies Marsen (BR 2024)Credits Autor: Thies Marsen Regie: Martin Heindel Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit   Technik: Robin Auld & Roland BöhmSounddesign: Dagmar Petrus  Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam Literaturtipp: Sophie von Bechtolsheim, Verlag Herder (2019): Stauffenberg – Mein Großvater war kein Attentäter (Gesprächspartnerin in Folge 4) Linktipps: Gedenkstätte Deutscher Widerstand Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE Dokumentation Obersalzberg    Die Dokumentation Obersalzberg ist ein Lern- und Erinnerungsort. Sie setzt sich mit der Geschichte des Obersalzbergs und der NS-Diktatur auseinander. Regelmäßige Veranstaltungen, öffentliche Rundgänge und ein umfangreiches Bildungsangebot ergänzen unsere Dauerausstellung. Fachlich betreut wird die Dokumentation Obersalzberg vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. ZUR WEBSITE Bundesarchiv Berlin: Benutzung und Auskunft aus der digitalisierten NSDAP-Mitgliederkartei Recherchen zu einzelnen Personen in der Mitgliederkartei werden auf Antrag durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs durchgeführt. Nutzerinnen und Nutzer erhalten daraufhin eine entsprechende Auskunft und – sofern vorhanden – Scans der Karteikarten. ZUM ARCHIV Militärarchiv Freiburg ZUM ARCHIV Besonderer Linktipp der Redaktion: 11 KM: der tagesschau-Podcast Geschichten zum Weitererzählen und Recherchen, die bewegen. 11KM ist ein aktuelles Thema in aller Tiefe – spannend, investigativ und hochwertig. Victoria Koopmann und die besten Journalist:innen der ARD nehmen euch mit ins Geschehen, liefern euch neue Perspektiven und tauchen mit euch ab. So steht "11KM" für die rund elf Kilometer, die es hinab geht zum tiefsten messbaren Punkt der Erde im Marianengraben. ZUM PODCAST Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
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Jul 11, 2024 • 27min

OMAS TASCHE UND DAS HITLER-ATTENTAT - Der Anschlag (3/4)

Schon wenige Tage vor dem 20. Juli wollen die Attentäter um Stauffenberg Hitler töten - und zwar bei Berchtesgaden, auf dem Obersalzberg, dem zweiten "Führerhauptquartier". Zur selben Zeit sind ebenfalls in Berchtesgaden: Oma und Opa des Autors. Und eine Tasche, in der die Bombe für das Attentat versteckt ist... Von Thies Marsen (BR 2024)Credits Autor: Thies Marsen Regie: Martin Heindel Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit   Technik: Robin Auld & Roland BöhmSounddesign: Dagmar Petrus  Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam Linktipps: Gedenkstätte Deutscher Widerstand Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE Dokumentation Obersalzberg    Die Dokumentation Obersalzberg ist ein Lern- und Erinnerungsort. Sie setzt sich mit der Geschichte des Obersalzbergs und der NS-Diktatur auseinander. Regelmäßige Veranstaltungen, öffentliche Rundgänge und ein umfangreiches Bildungsangebot ergänzen unsere Dauerausstellung. Fachlich betreut wird die Dokumentation Obersalzberg vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. ZUR WEBSITE Bundesarchiv Berlin: Benutzung und Auskunft aus der digitalisierten NSDAP-Mitgliederkartei Recherchen zu einzelnen Personen in der Mitgliederkartei werden auf Antrag durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs durchgeführt. Nutzerinnen und Nutzer erhalten daraufhin eine entsprechende Auskunft und – sofern vorhanden – Scans der Karteikarten. ZUM ARCHIV Militärarchiv Freiburg ZUM ARCHIV Besonderer Linktipp der Redaktion: Archivradio – Geschichte im Original   Das Radio: Seit einem Jahrhundert Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Historische Tondokumente vermitteln ein Gefühl für wichtige Ereignisse und Stimmungen vergangener Jahrzehnte. Im Podcast „Archivradio – Geschichte im Orignal“ lassen sich so einmalige Momente und Ereignisse der Geschichte – fast wie live – anhören und miterleben. ZUM PODCAST Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
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Jul 11, 2024 • 37min

OMAS TASCHE UND DAS HITLER-ATTENTAT - Der Opa (2/4)

Was hat sein Opa während des Nationalsozialismus gemacht? Thies Marsens Recherchen ergeben: Sein Großvater war ein Karriere-Offizier, der es tatsächlich bis in den Generalstab geschafft hat - in den näheren Umkreis von Hitler. Und er war an Wehrmachtseinsätzen beteiligt, von denen die Oma nie erzählt hat. Von Thies Marsen (BR 2024)Credits Autor: Thies Marsen Regie: Martin Heindel Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit   Technik: Robin Auld & Roland BöhmSounddesign: Dagmar Petrus  Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam Linktipps: Gedenkstätte Deutscher Widerstand Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE Dokumentation Obersalzberg    Die Dokumentation Obersalzberg ist ein Lern- und Erinnerungsort. Sie setzt sich mit der Geschichte des Obersalzbergs und der NS-Diktatur auseinander. Regelmäßige Veranstaltungen, öffentliche Rundgänge und ein umfangreiches Bildungsangebot ergänzen unsere Dauerausstellung. Fachlich betreut wird die Dokumentation Obersalzberg vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. ZUR WEBSITE Bundesarchiv Berlin: Benutzung und Auskunft aus der digitalisierten NSDAP-Mitgliederkartei Recherchen zu einzelnen Personen in der Mitgliederkartei werden auf Antrag durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs durchgeführt. Nutzerinnen und Nutzer erhalten daraufhin eine entsprechende Auskunft und – sofern vorhanden – Scans der Karteikarten. ZUM ARCHIV Militärarchiv Freiburg ZUM ARCHIV Besonderer Linktipp der Redaktion: Tatort Geschichte – True Crime meets History Bei Tatort Geschichte verlassen Niklas Fischer und Hannes Liebrandt, zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit: eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. "Tatort Geschichte" ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie. ZUM PODCAST Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
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Jul 11, 2024 • 28min

OMAS TASCHE UND DAS HITLER-ATTENTAT - Der Auftrag (1/4)

War Oma am Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt? Der Autor Thies Marsen ist zunächst sehr skeptisch, als ihm seine Großmutter eröffnet: Sie habe die Aktentasche besorgt, in der Graf von Stauffenbergs Bombe platziert war. Dann taucht er in die Familiengeschichte ein. Was er herausfindet, lässt ihn bis heute nicht los. Von Thies Marsen (BR 2024)Credits Autor: Thies Marsen Regie: Martin Heindel Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit   Technik: Robin Auld & Roland BöhmSounddesign: Dagmar Petrus  Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam Linktipps: Gedenkstätte Deutscher Widerstand Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE Dokumentation Obersalzberg    Die Dokumentation Obersalzberg ist ein Lern- und Erinnerungsort. Sie setzt sich mit der Geschichte des Obersalzbergs und der NS-Diktatur auseinander. Regelmäßige Veranstaltungen, öffentliche Rundgänge und ein umfangreiches Bildungsangebot ergänzen unsere Dauerausstellung. Fachlich betreut wird die Dokumentation Obersalzberg vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. ZUR WEBSITE Bundesarchiv Berlin: Benutzung und Auskunft aus der digitalisierten NSDAP-Mitgliederkartei Recherchen zu einzelnen Personen in der Mitgliederkartei werden auf Antrag durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs durchgeführt. Nutzerinnen und Nutzer erhalten daraufhin eine entsprechende Auskunft und – sofern vorhanden – Scans der Karteikarten. ZUM ARCHIV Militärarchiv Freiburg ZUM ARCHIV Besonderer Linktipp der Redaktion: BAYERN 3 True Crime – Unter Verdacht Wer wird hier zu Recht, wer zu Unrecht verdächtigt? Was, wenn Menschen unschuldig verurteilt werden und ihnen niemand glaubt? Oder andersherum: Wenn der wahre Täter oder die wahre Täterin ohne Strafe davonkommen? In der 7. Staffel des erfolgreichen BAYERN 3 True Crime Podcasts sprechen Strafverteidiger Dr. Alexander Stevens und BAYERN 3 Moderatorin Jacqueline Belle über neue spannende Kriminalfälle. Diesmal geht es um Menschen, die unter Verdacht geraten sind. Wer ist schuldig? Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? Und werden am Ende immer die Richtigen verurteilt? ZUM PODCAST Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
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Jul 5, 2024 • 23min

VORSTÖSSE - Pickelhaube und Kokosnuss

Wer auf der Südsee-Insel Samoa einen Blick ins Telefonbuch wirft, kann sich auf eine Überraschung gefasst machen. Nachnamen wie Keil, Thieme und Retzlaff zeugen von einer Zeit, die in Deutschland fast vergessen ist: Einen "Platz an der Sonne" suchte das Deutsche Reich auch auf Neuguinea, Samoa und anderen Südseeinseln. Die deutsche Kolonialzeit in der Südsee ist mehr als nur eine kuriose Randnotiz der Geschichte. Von Klaus Uhrig (BR 2014) Credits Autor: Klaus Uhrig Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Stefan Wilkening, Hemma Michel, Jerzy May Technik: Susanne Herzig Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Joseph Hiery Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD Crime Time (2024): Tatunca Nara – und die Toten im Dschungel Die 31. Staffel der erfolgreichen Doku-Serie begibt sich auf die Spuren eines außergewöhnlichen Falls, der bereits als Vorlage für Indiana Jones diente: Ende der 1960er Jahre wandert Günther Hans Hauck nach Brasilien aus und erfindet sich dort eine neue Identität als Nachfahre einer indigenen Kultur, die bislang unentdeckt tief im Dschungel in einem gigantischen Reich lebe. Viele Menschen packt die Faszination und sie folgen dem selbst ernannten Oberhaupt „Tatunca Nara“ in den Regenwald. Für einige endet die Expedition tödlich. Ein Team der ARD Crime Time begibt sich auf Spurensuche. Das Ziel der Reise: ein Ort im brasilianischen Regenwald, wo der Hochstapler auch heute noch leben soll. IN DER MEDIATHEK Linktipps: WDR (2023): Die deutsche Kolonialzeit – Was wir heute über sie wissen Am Ende des 19. Jahrhunderts gehörte das Deutsche Reich zu den Kolonialmächten Europas. Mit mörderischer Brutalität unterdrückten deutsche Kolonialherren die Bewohner der besetzten Länder. Ein düsteres Geschichtskapitel, über das bis heute noch wenig bekannt ist. JETZT ANSEHEN Das Kalenderblatt (2011): Deutsch-Neuguinea wird reguläre Kolonie (01.04.1899) Der 1. April 1899 bedeutete für die Papua-Bevölkerung den Anbruch einer neuen Zeit, denn Deutsch-Neuguinea wurde reguläre Kolonie des Deutschen Reichs. Bis heute ist es schwer, die Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung vor der Kolonisierung zu rekonstruieren. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKENLesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:MUSIK Erzählerin:Ob seine melanesischen Diener Otto Ehlers wirklich aufgegessen haben, das lässt sich mit letzter Sicherheit nicht sagen. Unwahrscheinlich ist es aber nicht. Im tiefen Dschungel Neuguineas gibt es keine großen Tiere, die man jagen könnte und überhaupt kaum Nahrungsquellen. Wem hier die Vorräte ausgehen, den könnte so ein wohlgenährter Deutscher schon in Versuchung bringen. MUSIK ENDE Erzähler:Vielleicht haben sie ihn auch einfach nur erschossen, weil sie genug von seinen abstrusen Plänen hatten. Einmal die größte Insel der Südsee von Norden nach Süden durchqueren, zu Fuß, durch den unerforschten, dichten Dschungel. Das wäre selbst heute eine Schnapsidee. Im Jahre 1895 ist es der reinste Selbstmord. Erzählerin:Obendrein lässt sich Ehlers auch noch eine Kiste Gold und ein Stahlrohrbett durch den Urwald tragen. Ein zivilisierter Forschungsreisender schläft doch nicht in der Hängematte. Was er allerdings mit dem Gold vorhatte …. keine Ahnung. Erzähler:Klar ist nur: Ehlers kommt nie auf der Südseite der Insel an. Von seinen 40 Dienern überleben nur 22. Und als der deutsche Landeshauptmann von Neuguinea, Curt von Hagen, später die Mörder stellen will, wird auch er im Urwald erschossen. Erzählerin:Spätestens jetzt reibt sich wohl so mancher in der Heimat verwundert die Augen: Was genau wollten wir noch mal auf diesen gottverlassenen Dschungel-Inseln? MUSIK Erzähler:Ja genau, was eigentlich? MUSIK Erzählerin:Das deutsche Kolonialreich in der Südsee wirkt erst mal wie eine Randnotiz der Geschichte. Ein Kuriosum. Reichsdampfer am Korallenriff. Kuckucksuhr an der Kokospalme. Vielen Deutschen ist bis heute völlig unbekannt, dass das Deutsche Reich Kolonien im Südpazifik hatte. Also ein paar ganz kleine Kolonien. Erzähler:Die Inseln der Südsee sind der letzte weiße Fleck auf den Landkarten der Europäer. Erst im 18. Jahrhundert entdecken Handelsschiffe und Weltreisende die weitläufigen Inselreiche im Südpazifik – von den Hawaii-Inseln im Norden, über die winzigen Atolle Mikronesiens, bis hin zu den polynesischen Inselgruppen Tahiti und Samoa. Paradiesische Eilande – und dazwischen: Tausende Meilen offene See. Erzählerin:Bald stecken Engländer und Franzosen ihre Claims ab, Spanier, Holländer, Portugiesen, Amerikaner. Jeder will ein Stückchen vom Paradies abhaben. Und die Deutschen? O-Ton Joseph Hiery:Das ist ne durchaus interessante Geschichte: Was machten die Deutschen da in der Mitte des 19. Jahrhunderts?Erzählerin:Professor Joseph Hiery ist einer der wirklich seltenen Südsee-Kolonial-Experten, die es in Deutschland gibt. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Historiker von der Universität Bayreuth mit diesem Thema; diesem kolonialen Spezialfall, der so ganz anders verlief, als die Kolonisierung Afrikas. O-Ton Joseph Hiery:Kolonialismus bedeutet normalerweise, dass eine christliche Mission zuerst kommt, und dann übernimmt der koloniale Staat. Das haben wir häufig auch in der Südsee. Bei den Deutschen hat die Mission nie eine Rolle gespielt für die Kolonialisierung in der Südsee. Eine Mission kam erst, nachdem das Kolonie war, aber der Handel, der Handel, wenn man will, das Geld. Erzähler:Statt Soldaten oder Priester sind es nämlich deutsche Händler, die sich zuerst in die Südsee vorwagen. Und Walfänger. Zu diesem Zeitpunkt ist Waltran eine unersetzliche Ressource – vor allem für die Kerzenherstellung, elektrisches Licht gibt es ja noch nicht. Und die größten Walherden durchstreifen in dieser Zeit eben den Südpazifik. Erzählerin:Immer wieder lassen sich deutsche Matrosen auf den paradiesisch wirkenden Eilanden nieder. Diese sogenannten „Beachcomber“ gründen Familien mit einheimischen Frauen und gehen ganz in der Kultur der Einheimischen auf. O-Ton Joseph Hiery:Und dann kam von Südamerika Mitte des 19. Jahrhunderts ein deutscher Geschäftsmann, der in Valparaiso Geschäfte machte für ein deutsches Handelshaus, und kam nach Samoa und fand vor Ort auf fast jeder Insel einen Deutschen. Und das waren so die geborenen Agenten für seine Handelstätigkeit, denn über diese gemeinsame Zugehörigkeit, es gab ja noch keinen deutschen Nationalstaat, aber über die gemeinsame Sprache, die gemeinsame Kultur, lag es nahe, die mit Geschäften zu beauftragen. Das Wirtschaftsunternehmen wuchs. Und das fiel dann zufällig mit der Zeit in die Reichsgründung durch Bismarck hinein. Dann kam die Idee: Na ja, da, wo die Engländer noch nicht sind, da setzen wir uns ein. Schützen eigentlich die Wirtschaftsinteressen. MUSIK Erzähler:Im November 1884 hisst Otto Finsch, der sogenannte „Forschungsagent des Neuguinea-Konsortiums“, im fernen Nordosten Neuguineas die erste deutsche Flagge in der Südsee. Bis Ende Dezember reklamieren verschiedene Kapitäne dazu noch zahlreiche umliegende Inseln für das Deutsche Reich, und dazu die – Zitat – „unbestritten herrenlosen“ Archipele der Marshall-, Providence- und Brown-Inseln. Erzählerin:Wobei „unbestritten herrenlos“ sich natürlich nur auf weiße Kolonialherren bezieht. Die Inseln sind alles andere als unbewohnt. Aber die dunkelhäutigen Melanesier und Mikronesier werden von der Kolonial-Ideologie der Zeit bestenfalls als „edle Wilde“ gesehen – aus der Zeit gefallene Steinzeitvölker, die es zu zivilisieren gilt. Erzähler:Wohlgemerkt: Es sind Handelskapitäne, die die deutsche Flagge hissen. Deutsche Kolonie wird Nordost-Neuguinea erst 15 Jahre später. Bis dahin steht dieses sogenannte „Kaiser-Wilhelm-Land“ zwar unter dem Schutz des Reiches. Doch die  Verwaltung liegt in den Händen der privaten „Neuguinea-Kompagnie“ – ein Konsortium aus Berliner Bankiers und Finanzinvestoren. Erzählerin:Lange bleibt das Schutzgebiet die einzige deutsche Besitzung in der Südsee. Deutsche Missionare versuchen, den äußerst unwilligen Melanesiern ihre Religion nahezubringen und ihnen den unter wahren Christenmenschen dann doch eher verpönten Kannibalismus auszureden. Deutsche Unternehmer gründen Kokos-Plantagen und deutsche Verwaltungsbeamte geben den melanesischen Inseln anständige deutsche Namen: Neupommern. Neubrandenburg. Bismarck-Archipel. Erzähler:Dann, Ende der 1890er Jahre, können die Deutschen ihr Kolonialreich noch einmal entscheidend erweitern. Von den schwächelnden Spaniern kauft man für 25 Millionen Peseten Palau, sowie die Marianen- und Karolineninseln. MUSIK Erzählerin:Und schließlich fällt der Blick der Deutschen auf ein mögliches Juwel in der kolonialen Perlenkette: das Polynesische Samoa. Ein Archipel aus wunderschönen Inseln, ein zweites Hawaii sozusagen. Offiziell noch keine Kolonie, wirtschaftlich gesehen aufgeteilt zwischen deutschen, englischen und amerikanischen Interessen. Erzähler:An dieser Stelle kommt wieder Otto Ehlers ins Spiel. Der exzentrische Reisende mit dem Stahlrohrbett, der einige Zeit später im Dschungel Neuguineas mutmaßlich ein unrühmliches Ende als Abendessen finden wird. MUSIK ENDE Erzählerin:1894 ist eben dieser Otto Ehlers noch wohlauf, und widmet sich fleißig seinem liebsten Hobby, der Fernreise. Genauer gesagt: Der patriotischen Fernreise. Joseph Hiery: O-Ton Joseph Hiery:Ja, also Otto Ehlers ist so ein deutscher Dandy-Reisender, der relativ wohlhabend ist, wohl nichts arbeitet, weil er so viel Geld hat, und meint, er müsse die Welt sehen und dann auf den Spuren der deutschen Flaggenhissungen in die Welt reist und als erster da sein will, wenn da die deutsche Fahne gehisst wird. Und glaubt, er kommt nach Samoa, und die deutsche Fahne wird gehisst, und er kann da Beifall klatschen. Erzähler: In dieser Hinsicht ist Samoa eine Enttäuschung für Ehlers: Das Deutsche Reich denkt zunächst gar nicht daran, auf Samoa irgendeine Fahne aufzuziehen. Zu fragil scheint das Mächtegleichgewicht mit Amerikanern und Engländern. Zu unsicher der Nutzen eines solchen Unternehmens. Erzählerin:Dass sich das keine fünf Jahre später ändert, ist dann allerdings wohl auch Ehlers zu verdanken. Genauer gesagt: Dem Buch, das Ehlers nach seiner Rückkehr nach Deutschland schreibt: Samoa – Perle der Südsee. MUSIK Zitator Ehlers:Im Westen tauchte die matt leuchtende Scheibe des Vollmonds in die Wogen, während im Osten ein rosiger Schein das Nahen der Sonne verkündete. Und in diesem zauberhaften Zwielicht aus opalfarbig schillernder Flut sich erhebend, lag vor mir, vom Fuße zum Gipfel in dem üppigen Tropengrün prangend, die Insel Upolu. Wo soll ich armer Reisender Worte hernehmen, den wunderbaren Reiz dieses Bildes zu schildern, wie in trockener Prosa den Zauber eines lyrischen Gedichts, den Duft eines Blütenstraußes wiedergeben. MUSIK ENDE Erzähler:Zusammengefasst: Die Samoa-Inseln sind das reinste Paradies. In ihm leben besonders edle und schöne Menschen mit bronzefarbener Haut – kein Vergleich zu anderen Wilden. Und die Deutschen sollten sich diese Inseln unbedingt holen, bevor jemand anders schneller sein könnte. Erzählerin:Eine exotistische Schwärmerei eben. In einer an Schwärmereien nicht eben armen Zeit. Nichts Besonderes, dieser Bericht – könnte man meinen. Doch dann wird Ehlers‘ Reisebericht überraschend zum Bestseller. O-Ton Joseph Hiery:Und dann wird das im Reichstag zitiert in der Debatte, ob man Samoa Geld geben soll. Das Geld sei doch alles ins Meer geschmissen, argumentieren die Linksliberalen und die Sozialdemokraten, Taifun geht regelmäßig darüber, alles geht wieder kaputt. Und dann zitiert damals der Gouverneur Deutsch-Neuguineas das Buch – ja und: Das müssen sie doch kennen! Wie toll! Und wir haben solche prächtigen Menschen da. Und es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Deutschen, diese prächtigen Menschen zu schützen vor den bösen Franzosen, den bösen Engländern, den bösen Amerikanern und keiner kann’s so gut machen wie wir! Erzählerin:Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das Argument, das schließlich den Reichstag zur Bewilligung der Gelder für eine Kolonie bringt, ist nicht etwa das deutsche Handelsinteresse, und auch kein militärisches Kalkül. Es ist der ebenso arrogante wie naive Wunsch, den edelsten aller edlen Wilden vor der Inkompetenz der anderen Kolonialmächte zu schützen. Erzähler:Diese Reichstagsdebatte ist dabei alles andere als eine besonders kuriose Episode innerhalb des deutschen Kolonialbetriebs. Sie ist vielleicht der Schlüssel zu dem, was in den nächsten Jahren entstehen sollte: der „Sonderfall Samoa“, die mit Abstand ungewöhnlichste aller deutschen Kolonien. O-Ton Joseph Hiery:Zunächst einmal ist’s ein, wenn man so will, klingt merkwürdig, ein positiver Rassismus hier zu erkennen. Das heißt, das Kolonialamt und seine Vorläuferbehörde im Auswärtigen Amt haben mal festgelegt, die Südsee-Insulaner sind anders zu behandeln als die Afrikaner. Erzähler: Konkret heißt das: keine Prügelstrafe. Keine Eisenkette. Keine Sklavenarbeit auf den Plantagen wie in den deutschen Kolonien in Afrika. Erzählerin:Zumindest nicht für die Samoaner. Bei den deutlich dunkelhäutigeren Bewohnern Neuguineas ist die Kolonialverwaltung weniger zimperlich. O-Ton Joseph Hiery:Bei den Samoanern heißt es dann sogar: Das sind eigentlich Arier. Die sind mit uns verwandt. Und vielleicht jetzt nicht so ganz auf unserer Stufe, aber da bringen wir sie ja da hin. Und sie sind alle besser als die anderen, die da rumwohnen. Erzähler:Samoa wird eine Art Modell-Kolonie. Aber nicht im Sinne einer effizienten Ausbeutung, ganz im Gegenteil. Gouverneur wird Wilhelm Solf, ein Bürgerssohn und Schöngeist, der in der Heimat zunächst Literatur und Sanskrit studiert hatte. Erzählerin:Solf lässt die gesellschaftlichen Strukturen der Samoaner weitgehend weiterbestehen – unter deutscher Oberherrschaft, versteht sich. Und versucht, sich ansonsten möglichst wenig in ihre Angelegenheiten einzumischen. Während sich andere Kolonialbeamte verwundert die Augen reiben, verkündet Solf: Eigentlich sei doch Samoa primär das Land der Samoaner. Joseph Hiery: O-Ton Joseph Hiery:Während es Deutsch-Neuguinea hieß und Deutsch-Westafrika und Deutsch-Südwestafrika, hieß das Samoa, es hieß nicht Deutsch-Samoa offiziell, und die Deutschen, die da waren, mussten gemäß Diktion des Gouverneurs „Fremde“ genannt werden. Erzähler:Vielleicht trägt diese Haltung der Deutschen zu der Souveränität bei, mit der die Samoaner auf die koloniale Situation reagieren: Sie bewahren, was sie bewahren wollen, und nehmen begierig alles auf, was ihre Lebenssituation verbessern könnte. Erzählerin:Vor allem in der Medizin und der Landwirtschaft sind die Deutschen den Samoanern so weit voraus, dass jedes Dorf einen riesigen Vorteil hat, wenn ein Weißer dort lebt. Möglicherweise liegt darin auch die Ursache für den phänomenalen Erfolg der christlichen Missionare bei den Samoanern. O-Ton Joseph Hiery:Die wollten Weiße haben – sag ich jetzt mal platt – weil der „Besitz“ eines Weißen aus einheimischer Sicht bedeutete Zugriff auf dessen Wissen und die Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse. Und den, den man am ehesten haben konnte, der länger da blieb, das war ein Priester oder ein Pastor. MUSIK Erzähler:Während in Samoa einzelne Dörfer regelrecht darum kämpfen, wer denn nun einen Missionar bekommen würde, führen deutsche Missionare auf der melanesischen Insel Neupommern über 4.000 Kilometer westlich von Samoa einen ganz anderen Kampf. MUSIK ENDE Erzählerin:Den ums nackte Überleben. MUSIK Erzähler:Am 13. August 1904 richten Melanesier vom Volk der Baining unter den katholischen Missionaren der Missions-Station St. Paul ein Massaker an. Der fieberkranke Missionschef Pater Rascher wird im Bett liegend erschossen, die Missionsschwester Angela am Fuß des Altars mit einer Axt erschlagen. Erzählerin:Was war geschehen? Woher kam dieser grenzenlose Hass? MUSIK ENDE Erzähler:Den hatten sich die Missionare wohl weitgehend selbst zuzuschreiben. St. Paul war keine einfache Missionsstation. Hier sollte eines von vielen sogenannten „Christendörfern“ entstehen, in denen umerzogene Melanesier ein christliches Leben führen sollten – völlig losgelöst von ihrer eigentlichen Kultur, die die Missionare regelrecht verteufelten. Vor allem den allesbestimmenden Ahnenkult der Melanesier wollten die Missionare rigoros ausmerzenErzählerin:Pater Raschert hatte sogar das erste Gebot extra für seine melanesischen Schäfchen umgeschrieben. Zitator Pater Raschert:Ich bin der Herr, dein Gott – du sollst keinen Totenkult treiben! Erzählerin:Hinzu kam die strenge Sexualmoral – den Melanesiern völlig fremd – und ihre rigide Durchsetzung mit Prügelstrafen und Predigten vom Höllenfeuer – sowie ein völliges Unverständnis der Missionare für die politischen Verhältnisse unter den Einheimischen. MUSIK Erzähler:Als die Gewalt schließlich nach einer besonders brutalen Prügel-Orgie in der Missionsstation eskaliert, sind kurze Zeit später alle zehn deutschen Missionare von St. Paul tot. Erzählerin.Es ist eine ganz ähnliche Gemengelage aus Arroganz, Selbstherrlichkeit und der unseligen Prügelstrafe, die sechs Jahre später zum größten Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft in der Südsee führt. Ort des Geschehens: Ponape, eine mikronesische Insel, auf der fünf Völker in winzigen Stammes-Staaten leben. Erzähler:Am 18. Oktober 1910 wird Gustav Boeder, Leiter des Verwaltungsbezirks Ostkarolinen, durch einen Gewehrschuss in den Bauch niedergestreckt und von einem aufgebrachten Einheimischen schließlich durch einen weiteren Schuss in den Kopf getötet (MUSIK ENDE). Auch zwei weitere deutsche Kolonialbeamte und fünf Mikronesier in deutschen Diensten werden von Aufständischen ermordet, die allesamt dem Volk der Sokehs angehören. Ein Blutvergießen mit Ansage. Erzählerin:Auf Ponape gibt es da bereits seit einigen Jahren große Spannungen zwischen einzelnen Völkern der Insel und den deutschen Kolonialherren. Sie beginnen im Jahr 1901, als der äußerst diplomatische und friedliebende Gouverneur Hahl abberufen und durch Victor Berg ersetzt wird. Berg hatte zuvor in den deutsche Kolonien in Afrika gedient - wo ein deutlich brutaleres Kolonialregime geführt wurde. Erzähler:Bereits 54 Tage nach seiner Ankunft schickt Berg ein Memorandum nach Berlin, in dem er die „energische wirtschaftliche Erschließung“ der Insel fordert und für den Fall eines Aufstandes eine „schonungslose Strafexpedition“ vorschlägt. MUSIK Erzählerin:1907 schändet Berg persönlich eine Grabstätte, als er im Auftrag des Leipziger Völkerkundemuseums Ausgrabungen vornimmt. Einen Tag später stirbt Berg. Sonnenstich, sagt der Arzt. Die Rache der Geister, sagen die Ponapesen. Erzähler:Es folgt eine Zeit der Unruhe. Lange bleibt der Posten vakant. Gouverneur eines potentiellen Pulverfasses am Ende der Welt zu werden, ist für deutsche Beamte nicht unbedingt ein Traumjob (MUSIK ENDE). Schließlich wird Gustav Boeder Inselchef. Wie Berg ist auch er Afrika-erprobt. Und ein großer Freund der Prügelstrafe. Joseph Hiery:O-Ton Joseph Hiery:Der hat gemeint, er müsse hier afrikanische Methoden einführen. Daraufhin hat eine Ethnie, oder wie wir deutsch sagen: Stamm, revoltiert und es gab einen Aufstand. Der hat allerdings nur diese eine Ethnie betroffen. Das ist ohnehin schon ne kleine Insel mit sehr vielen anderen Ethnien, die haben sich nicht dem angeschlossen. Erzählerin:Die völlig überrumpelten Deutschen verschanzen sich nach dem Beginn des Aufstands in ihrer Hauptstadt Kolonia und fordern Hilfe aus der Heimat an - die nach langen Wochen des zermürbenden Wartens tatsächlich auch kommt. O-Ton Joseph Hiery:Das Kaiserreich hat relativ brutal reagiert – Schiffe hingeschickt und dann die Aufständischen exekutiert, die Ethnie weggebracht von der Insel auf ne andere Insel exiliert, wenn man so will. MUSIK Erzähler:Es bleibt die einzige größere Kriegsaktion der Deutschen in der Südsee. Das allerdings liegt vielleicht auch daran, dass die Zeit des deutschen Kolonialreiches vier Jahre später schon wieder vorüber ist. MUSIK ENDE Erzählerin:Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, sind die Deutschen in der Südsee völlig chancenlos. Und das Reich denkt gar nicht daran, die dann doch ziemlich unbedeutenden Kolonien zu unterstützen. Kämpfe gibt es nur – ganz kurz – auf Neuguinea, das aber innerhalb von kürzester Zeit von australischen Truppen eingenommen wird.Erzähler:Auf Samoa ergeben sich die deutschen kampflos einer neuseeländischen Flotte. Die Neuseeländer – als sogenanntes britisches „Dominion“ selbst noch eine halbe Kolonie – übernehmen die Kolonialverwaltung. Erzählerin:Dabei stellen sie sich so ungeschickt und arrogant an, dass sie innerhalb von kürzester Zeit die Ablehnung der einheimischen Samoaner provozieren. Erzähler:Als die Neuseeländer 1918 ein Seuchenschiff im Hafen von Apia anlegen lassen, stirbt ein Drittel der gesamten Bevölkerung an der spanischen Grippe. Spätestens jetzt setzt auf Samoa eine Verklärung der deutschen Herrschaft ein. Im Gegensatz zur neuseeländischen Verwaltung sei das „die gute alte Zeit“. O-Ton Joseph Hiery:Als ich da hinkam, lebten ja noch Leute, ich hab viele befragt aus der deutschen Kolonialzeit. Und dann hört man dann Stereotype, die positiv sind über Deutsche. Die haben die besten Ärzte und so weiter und so weiter. Das ist relativ stark verankert, aber im Kontrast zur Erfahrung mit den Neuseeländern. MUSIK Erzählerin:Deutschland und die Südsee – das bleibt ein kurzes Abenteuer. Allzu prägend ist die deutsche Zeit für viele der Kolonien nicht. Dazu ist die Kolonialzeit zu kurz und die Zahl der Deutschen zu gering. Zu keinem Zeitpunkt leben viel mehr als 4.000 von ihnen in der Südsee. Erzähler:Allerdings: Wenn man genau hinsieht, kann man schon noch einige deutsche Einflüsse erkennen. Zum Beispiel in der Mischsprache „Tok Pisin“, die heute noch in Papua-Neuguinea gesprochen wird. In ihr finden sich zahlreiche, häufig verfremdete, deutsche Lehnworte – „spaisesima“ zum Beispiel, also „Speisezimmer“. Oder, selbsterklärend: „saiskanake“. MUSIK ENDE Erzählerin:Den stärksten Einfluss hatte Deutschland sicherlich auf Samoa. In Apia steht bis heute ein Gerichtsgebäude im Kolonialstil, es gibt eine zu deutscher Marschmusik paradierende Polizei-Kapelle und eine der bekanntesten Persönlichkeiten des Landes – ehemaliger Vizepremier und Autor eines eher mäßigen Liebesromans – hört auf den illustren Namen Misa Telefoni Retzlaff... Erzähler:… wobei Misa ein traditioneller Samoanischer Würdentitel ist, und der Retzlaff von seinem Großvater Erich Retzlaff stammt, einem deutschen Kolonialbeamten. Telefoni schließlich heißt die ganze Familie ehrenhalber, (MUSIK: C1205330 012 [00‘43‘‘]) seitdem eben jener Erich Anfang des 20. Jahrhunderts in Samoa das Telefon eingeführt hatte. Erzählerin:Und was wurde eigentlich aus Wilhelm Solf, dem deutschen Gouverneur Samoas? Erzähler:Der wird 1918 kurz deutscher Außenminister, 1920 dann schließlich deutscher Botschafter in Tokio. Dort erreicht ihn 1923 ein Brief aus Samoa. Ob es nicht irgendwie möglich wäre, dass er zurückkäme und wieder Gouverneur in Apia werde. Noch heute hat Solf in Samoa einen ausgezeichneten Ruf.MUSIK Erzählerin:Gustav Boeder dagegen, der prügelnde Inselchef Ponapes, hat da wohl andere Spuren in der Erinnerung hinterlassen. 1983 stürzen Unbekannte seinen Grabstein um und schänden seine letzte Ruhestätte.
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Jul 5, 2024 • 22min

VORSTÖSSE - Entdecker ohne Ruhm

Alle großen Entdeckungsreisenden von Kolumbus über Humboldt und Cook hatten einheimische Begleiter. Ohne die Leistungen der indigenen Helfer wären die großen europäischen Forschungsexpeditionen nie gelungen. Und auch unter den indigenen Helfern gab es natürlich Menschen mit Forscherdrang und Entdeckergeist. Auch wenn sie nie so berühmt wurden, wie ihre europäischen Kollegen. Von Sabine Straßer (BR 2018) Credits Autorin: Sabine Straßer Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Benedict Schregle, Katja Schild Technik: Peter Urban Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Volker Matthies, Dr. Detlev Quintern, Prof. Dr. Fuat Sezgin, Prof. Thomas Höllmann, Dr. Moritz von Brescius Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD Crime Time (2024): Tatunca Nara – und die Toten im Dschungel Die 31. Staffel der erfolgreichen Doku-Serie begibt sich auf die Spuren eines außergewöhnlichen Falls, der bereits als Vorlage für Indiana Jones diente: Ende der 1960er Jahre wandert Günther Hans Hauck nach Brasilien aus und erfindet sich dort eine neue Identität als Nachfahre einer indigenen Kultur, die bislang unentdeckt tief im Dschungel in einem gigantischen Reich lebe. Viele Menschen packt die Faszination und sie folgen dem selbst ernannten Oberhaupt „Tatunca Nara“ in den Regenwald. Für einige endet die Expedition tödlich. Ein Team der ARD Crime Time begibt sich auf Spurensuche. Das Ziel der Reise: ein Ort im brasilianischen Regenwald, wo der Hochstapler auch heute noch leben soll. IN DER MEDIATHEK Linktipps: funk (2018): Mount Everest – Klettern für die Träume anderer am höchsten Berg der Welt Jedes Jahr ziehen hunderte Bergsteiger und Abenteuerlustige los, um sich ihren Traum vom Mount Everest zu erfüllen. Einmal auf dem Dach der Welt stehen – eine lukrative Touristenattraktion für den kleinen Himalaya-Staat Nepal, eines der ärmsten Länder der Welt. Doch was auf der einen Seite Arbeitsmöglichkeiten für die lokalen Bergführer und Träger – die Sherpas – bedeutet, bringt auf der anderen Seite lebensbedrohliche Risiken für sie mit. Dennis und Patrick Weinert sind zum Everest Base Camp getrekkt und haben mit Bergsteigern, Sherpas und ihren Familien gesprochen, um herauszufinden, was passiert, wenn nicht jeder vom Everest zurückkehrt. JETZT ANSEHEN Terra X (2022): Die größten Irrtümer des Christoph Kolumbus Kolumbus entdeckte im Jahr 1492 Amerika - zumindest aus europäischer Sicht. Doch begeisterten sich die Menschen seiner Zeit für sein Vorhaben? Und hat er ich bei der Routenplanung verrechnet? Zum Film mit Christoph Kolumbus größten Irrtümern geht es HIER  Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:Zitator:„Christoph Kolumbus, spanisch Cristóbal Colón, geboren um 1451 in der Republik Genua, gestorben 1506 in Valladolid, war ein spanischer Seefahrer in kastilischen Diensten, der im Jahr 1492 Amerika entdeckte, als er eine Insel der Bahamas erreichte.“ (Wikipedia) Zitatorin:1492! Das Jahr der Entdeckung Amerikas! Zusp.1 Quintern:Kolumbus hat Amerika entdeckt,.. ja...(lacht). Ich denke, Kolumbus steht für die nach wie vor anhaltende Mythenbildung eurozentristischer Provenienz, im Hinblick auf eine sogenannte Entdeckungsgeschichte. Meiner Meinung nach war er in erster Linie ein Eroberer, ein Konquistador. wir wissen beispielsweise, dass er als Pirat tätig war und Schiffe der Maya überfallen und geplündert hat. Also, ich denke, es bedarf einer Neuschreibung des Kolumbus in der Geschichte. (0:40) Sprecherin:Sagt Detlev Quintern, Islamwissenschaftler, Historiker und Direktor für Lehre und Entwicklung an der Fuat Sezgin Research Foundation for the History of Science in Islam in Istanbul. Ein Institut, an dem unter anderem zu der Frage geforscht wird, wie sehr die europäischen Entdecker sich auf Erkenntnisse arabischer Wissenschaftler gestützt haben. Denn: die Araber konnten schon Jahrhunderte vor den Europäern Längen- und Breitengrade ermitteln und brauchbare Karten zeichnen. Aber dazu später. Zunächst steht fest: Kolumbus war in Amerika nicht alleine. Der Kontinent, den er zeitlebens für Indien hielt, war zur Zeit seiner sogenannten „Entdeckung“ bereits vollständig bewohnt. Sprecher:Kolumbus traf auf der Bahamas-Insel Guanahani, wie sie von den Einheimischen genannt wurde, das Volk der Arawak. Sie haben dem fremden Spanier und dessen Besatzung wohl gezeigt, was man auf ihrer Insel essen konnte und was nicht. Wo man gefahrlos sein Lager aufschlagen konnte. Vermutlich auch, wie man von ihrer Insel auf andere Inseln kam. Meeresrauschen? Atmo? Musikakzent? Sprecherin:Die sogenannte Entdeckungsgeschichte der Welt müsste dringend umgeschrieben werden, findet auch der Politik- und Kulturwissenschaftler Prof. Volker Matthies von der Universität Hamburg. Zusp. 2 Matthies:Es handelt sich um eine Heldengeschichte, die Entdecker wurden gesehen als omnipotente Heroen, als Helden, die nicht der Hilfe der Einheimischen bedurften, um ihre Ziele zu erreichen, das war aber nicht der Fall. Diese Entdecker waren oft ganz jämmerliche Gestalten, die lebensnotwendig auf die Unterstützung indigener Begleiter angewiesen waren. (0:27) Musik-Akzent Sprecher:Christoph Kolumbus schrieb über das indigene Volk auf den Bahamas, die Arawak, in seinen Logbüchern, diese seien naiv und immer gerne bereit zu teilen. Die Spanier begannen schon bald, sie für Arbeitsdienste zu versklaven. Morde, Plünderungen, Krankheiten kamen dazu: Gut einhundert Jahre nach der Ankunft von Kolumbus auf den Bahamas gab es keine Arawak mehr. Musikakzent Zusp. 3 Matthies:Es ist so, dass die europäischen Entdecker die Vorreiter des Imperialismus und Kolonialismus waren, und sie haben die Indigenen ja nur als passive Objekte ihrer Entdeckung gesehen. (0:14) Sprecherin:Der Politikwissenschaftler Volker Matthies hat in seinem Buch über indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender zusammengetragen, wofür die europäischen Reisenden über Jahrhunderte Ureinwohner oder Angehörige fremder Völker gebraucht oder besser: missbraucht haben: Zusp. 4 Matthies:Zum einen als politische Autoritäten, die ihnen überhaupt erst erlaubten, in diesen Ländern zu reisen, dann als Sprach- und Landeskundige, beziehungsweise als Dolmetscher, Wegweiser, Mediatoren, interkulturelle Vermittler, und Diplomaten im Umgang mit indigenen Ethnien, ferner als Transporteure, als Lastenträger, als Bootsführer, Paddler, Tiertreiber und Tierpfleger, als Expeditionsleiter und Führer von Karawanen, schließlich als persönliche Diener, als Köche oder Krankenpfleger und nicht zuletzt auch als Jäger und Sammler zur Beschaffung von Naturalien für die naturkundlichen Sammlungen. (0:44) Sprecher:Die meisten dieser indigenen Helfer blieben in der Geschichtsschreibung namenlos. Nur einzelne Ureinwohner fanden Eingang in die Logbücher und Aufzeichnungen der großen Eroberer. Musik-Akzent Sprecherin:Das vielleicht berühmteste Beispiel ist die Aztekin Malinche, die dem Konquistador Hernán Cortés im 16. Jahrhundert bei der Eroberung Mexikos behilflich war. Zusp. 5 MatthiesSie war eine Aztekenfürstentochter, ihre Familie gehörte zum mittleren Landadel, sie wurde dann aber zu einer Sklavin der Maya, und sie fiel dann in die Hände der Spanier, als diese im Konflikt mit den Maya gesiegt hatten. (0:17) Sprecherin:Malinches neuer Besitzer Cortés merkte schnell, dass ihm diese Frau ihm nicht nur als Sexsklavin gute Dienste leisten würde: Zusp. 6 MatthiesDiese Aztekin namens Malinche war ein Sprachgenie, sie konnte Aztekisch oder Nahuatl, wie man auch sagt, und sie konnte auch Maya und lernte ganz schnell Spanisch; und wurde sozusagen die Art Chefdolmetscherin des Konquistadors Cortés. Man muss wohl sagen, dass ohne ihr Verhandlungsgeschick und ihre Dolmetscherkünste die Eroberung Mexikos viel schwieriger und langwieriger geworden wäre. (0:26) Sprecherin:Was Malinche in ihrer Heimat Mexiko übrigens bis heute nachgetragen wird: Zusp. 7 Matthies:Dort gilt sie als eine Verräterin an der Sache des mexikanischen Volkes, denn ihr schiebt man die Hauptschuld daran zu, dass die Eroberung Mexikos so erfolgreich verlaufen ist. Interessant ist, dass es sozusagen abgeleitet von ihrem Namen den Begriff des Malinchismo gibt, der so etwas bedeutet, wie Verrat an der mexikanischen Kultur und der Hinwendung zu fremdem Kulturen. (0:29)Sprecherin:Der eigenen Kultur entrissen, in der fremden nicht anerkannt – das war oft das Schicksal der Dolmetscher – oder, bei den Entdeckern oft noch beliebter: Dolmetscherinnen. Das galt auch für spätere Forschungsreisen: Atmo Pferdegetrappel? Westernmusik? Zusp. 8 Matthies:Ein berühmtes Beispiel ist die Expedition von Lewis und Clark, 1804 bis 1806, die Durchquerung Nordamerikas im Auftrag der amerikanischen Regierung. Lewis und Clark, zwei Offiziere, waren überlebenswichtig angewiesen auf eine […] Dolmetscherin, eine Shoshonin […] namens Sacagawea, die shoshonisch und andere Sprachen sprach, und was ihnen erlaubte, mit den Gruppen, die sie unterwegs trafen, überhaupt in Verhandlungen einzutreten. (0:34) Sprecherin: Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass die Frau auf der Expedition ihr gerade mal zwei Monate altes Baby dabeihatte. In Regionen, die sie aus ihrer Kindheit kannte, erwies sie sich wohl als besonders gute Wegführerin – und sie begegnete dort auf traurige Weise auch ihrer eigenen Vergangenheit. Zusp. 9 MatthiesHier traf sie eine Freundin aus Jugendtagen, die ihr aber leider auch erzählen musste, dass der Großteil ihrer Familienangehörigen verstorben war, ein ganz dramatisches Wiedersehen fand statt mit ihrem Bruder, hier kam es dann auch zu Ausbrüchen von Tränen, sie musste die Verhandlungen immer wieder unterbrechen, weil der Tränenfluss lief. (0:25) Sprecherin:Eine der seltenen Überlieferungen, in denen eine indigene Helferin der europäischen Entdeckungsreisenden als menschliches   beschrieben wird. Über Jahrhunderte tauchen die Führer, Dolmetscher und Wegbegleiter in den Aufzeichnungen nur in ihren Funktionen auf - oder als Forschungsgegenstand. Sprecher:Ein trauriges Beispiel dafür sind der bayerische Naturforscher Johann Baptist Spix und sein Botaniker-Kollege Carl Friedrich Philipp von Martius. Die beiden reisten Mitte des 19. Jahrhunderts im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ins Innere Brasiliens und hatten dort natürlich Kontakt mit der indigenen Bevölkerung, allerdings mit fragwürdiger Einstellung, erzählt der heutige Akademie-Präsident Prof. Thomas Höllmann. Zusp. 10 HöllmannDa hat man festzuhalten, dass die zwei Kinder mit nach München gebracht haben, zwei Kinder, die zwei unterschiedliche Sprachen sprachen und nicht miteinander kommunizieren konnten, und ganz übel anzumerken, diese Kinder haben in München nur noch kurze Zeit überlebt und wurden dann am südlichen Friedhof beigesetzt. (0:21) Sprecherin:Zwei Kinder einfach so nach Europa zu verschleppen, galt in der Wissenschaftswelt des 19. Jahrhunderts nicht als unmenschlich. Ähnlich wie Kolumbus und die Konquistadoren betrachteten auch spätere Forscher und Wissenschaftler die Indigenen als Objekte ihrer Entdeckung und als Arbeitskräfte. Obwohl de facto viele von ihnen an Ausführung und Planung von Expeditionen maßgeblich beteiligt waren. Musik-AkzentSprecher:Wie zum Beispiel der ehemalige Sklave Sidi Mubarak Bombay, der dem Entdecker John Hanning Speke und einigen anderen Forschungsreisenden Mitte des 19. Jahrhunderts in Ostafrika als Karawanenführer bei der Suche nach den Quellen des Nils half. Zusp. 11 MatthiesSeine Verdienste waren die eines anerkannten Führers der Expedition, er war Dolmetscher, Informant und Diplomat in den Verhandlungen mit den lokalen Autoritäten, wenn es darum ging, Durchmarschrechte zu bekommen oder Wasserstellen nutzen zu dürfen, oder Proviant zu erwerben. (0:24) Sprecherin:Die berühmte Nilquellen-Expedition war ein von Großbritannien und der Royal Geographic Society großzügig unterstütztes Projekt. Der Sklave und spätere Karawanenführer Sidi Mubarak Bombay wird in den Aufzeichnungen darüber wohl auch deshalb so viel erwähnt, weil er ein markanter Charakter war. Zusp. 12 MatthiesDie Europäer nannten als seine kritischen Punkte seine Trunksucht, seine Vorliebe für Frauen und seine Neigung zur Nutzung von Expeditionsressourcen für seine privaten Zwecke. (0:13) Sprecherin:Der sansibarische Trunkenbold, Frauenheld und Dieb Sidi Mubarak Bombay war aber de facto wohl der eigentliche Anführer der Expedition zu den Nilquellen. Der Kulturwissenschaftler Matthies geht sogar davon aus, dass die berühmte „europäische“ Nil-Expedition in Wahrheit ein afrikanisches Unternehmen war – die ohne Erlaubnis der Regierung von Sansibar nie hätte stattfinden können. Zusp. 13 MatthiesDenn nominell herrschte der Sultan von Sansibar auch über große Teile Ostafrikas, dieser hatte immenses Interesse, seine Handelsinteressen zu intensivieren, es ging vor allem um Elfenbein und Sklavenhandel. Und er gab der Expedition seine Fahne mit, die blutrote Fahne von Sansibar, die sie vorweg tragen sollten. Es wehte also nicht die britische Flagge der Expedition voraus, sondern die Flagge Sansibars. (0:29) Sprecherin:Was die europäischen Forschungsreisenden natürlich nicht an die große Glocke hängten. Akzent Sprecher:Als positives Beispiel im Umgang mit den einheimischen Helfern sind dagegen die Gebrüder Schlagintweit zu nennen, die berühmten Münchner Naturforscher, die Mitte des 19. Jahrhundert für ihre großen Indien- und Himalaya-Expeditionen bekannt wurden. Der Historiker Moritz von Brescius von der Universität Bern hat in deren Aufzeichnungen erstaunlich viele Hinweise auf indigene Partner gefunden. Beispielsweise auf einen Indo-Portugiesen namens Mr. Monteiro, der von den Schlagintweits zunächst für das Präparieren und Verpacken von Sammlungsgegenständen eingestellt wurde – sich aber schnell zum Oberaufseher der riesigen ethnografischen und naturhistorischen Sammlung – und ihrer indigenen Sammler - entwickelte. Zusp. 14 von BresciusMr. Monteiro war eben in der Lage, aufgrund seiner eigenen Sprachfertigkeiten und seiner persönlichen Autorität diese Sammler zu koordinieren, aber dabei blieb es nicht. Die indigenen Helfer der Schlagintweits zeigten selber eine große Reisefreude oder eine große Neugierde, auch neue Techniken zu erlernen, sich auch mit wissenschaftlichem Instrumentarium aus Europa auseinanderzusetzen. (0:45)Sprecherin:Der indisch-portugiesische Mr. Monteiro und andere nicht-europäische Assistenten wie der multilinguale Schriftgelehrte Sayad Mohammad Said aus Kalkutta, der indische Arzt Harkishen, der usbekische Experte für Handelsrouten Murad aus Bokhara und der muslimische Karawanenführer Mohammed Amin – sie alle spielten eine wichtige Rolle bei der Himalaya-Expedition der Schlagintweits: Zusp. 15 Von BresciusIch würde so weit gehen, dass das Monopol des Forschers nicht bei den Schlagintweits lag, bei dieser Expedition. Mr. Monteiro aber auch andere indigene Assistenten der Expedition, Wegführer und Übersetzer, waren zum Teil durchaus ausgebildete Forscher, das waren zum Teil geschulte Kartografen, es waren zum Teil ausgebildete Doktoren, die geschult waren und viel praktische Erfahrung mitbrachten und die selbst auch zu Entdeckern wurden, im Zuge der Schlagintweit-Expedition, weil sie die Brüder in Gebiete begleiteten, die für sie selbst zum Teil unbekannt waren. (0:37) Sprecherin:Insbesondere wenn die Brüder Schlagintweit das britisch kontrollierte Gebiet verließen, kam es dann auch oft zu einem Rollenwechsel: Zusp. 16 Von BresciusDas heißt, die Brüder waren gezwungen, die ganze Führung der Expedition an ihnen gänzlich unbekannte Personen abzugeben, die dann eben über die Routenwahl entschieden, die für die Proviantversorgung verantwortlich waren und die Brüder hatten ständig Angst vor Verrat, weil sie diesen Karawanenführern ausgeliefert waren. (0:21) Sprecher:Erstaunlich ist bei den Schlagintweit-Brüdern, dass sie die Rolle ihrer asiatischen Assistenten und Führer in ihren Aufzeichnungen offen würdigen. Zusp. 17 Von BresciusDamals gab es Publikationskonventionen in Europa, die es den meisten europäischen Reisenden untersagten, zuzugeben, wie abhängig sie von der Führung und der Hilfe dieser unbekannten indigenen Helfer waren, in Übersee. Das brach mit dem Bild des allmächtigen, allwissenden, mutigen, europäischen Forschers, der immer an der Spitze seiner Expeditionstruppe ins Unbekannte schreitet. Die Brüder hingegen waren sehr offen darin. // Musik-Akzent Sprecher:Nochmal zurück in der Geschichte: auch vom berühmten englischen Seefahrer James Cook weiß man, dass er auf seiner berühmten Seefahrt durch die Südsee im 18. Jahrhundert einen Nautiker namens Tupaia oder Tupia an seiner Seite hatte, der von den Einheimischen oft für den Anführer der Schiffsexpedition gehalten wurde. Zusp. 18 MatthiesTupia war ein Polynesier, er stammte von der Insel Rai Ratea, in der Nähe von Tahiti und er entstammte einer polynesischen Adelsfamilie und einer Familie von Navigatoren und Seefahrern. Er selbst war Priester eines Götterkults und ausgewiesener Navigator. (0:18) Sprecherin:.. und er konnte dolmetschen und diplomatische Verhandlungen führen. Was James Cook sehr entgegen kam. Eines der spannendsten Artefakte, die Cook von seinen Reisen durch den Pazifik mitbrachte, ist die berühmte Tupia-Karte, eine Art „mental map“, die der Polynesier damals gezeichnet hat. Zusp. 19 MatthiesDas Orginal dieser Karte ist nicht mehr vorhanden, es gibt aber drei Kopien, drei Abschriften. Es geht vor allem um den Seeraum zwischen den Gesellschaftsinseln. Dutzende von Inseln hat er sozusagen aus dem Kopf heraus in der oralen Tradition seiner Familie angeordnet auf Segelrichtungen, bezogen auf die Insel Raiatea als Zentrum der Gesellschaftsinseln. (0:30) Sprecher:Nicht zuletzt jahrhundertealtes polynesisches Wissen hat James Cook also erfolgreich durch die Südsee geleitet. Sprecherin:Andere wieder profitierten vom uralten Wissen der arabischen Seefahrt. Auch hier bringt die Forschung interessante Beiträge zum sogenannten „europäischen Entdeckungszeitalter“ ans Licht. So gilt als sicher, dass der berühmte portugiesische Seefahrer Vasco da Gama den Seeweg nach Indien gar nicht selbst entdeckt hat, sondern wohl eher auf altbekannten Wegen der arabischen Handelsschifffahrt unterwegs war, sagt der Islamwissenschaftler Detlev Qintern. Zusp. 20 QuinternAus Forschungen portugiesischer Kollegen wissen wir, dass Vasco da Gama von einem arabischen Piloten der Weg gezeigt worden ist, so dass er nach Indien gelangen konnte. Dass er während dieser Fahrt arabische Seekarten gesehen hatte, mit Längen- und Breitengraden versehen, das ist bekannt, und dass er Hilfe hatte von arabischen Nautikern, die ihm den Weg zeigten. (0:43) Sprecher:Es sind nämlich nicht nur die Leistungen der Ureinwohner Amerikas, Afrikas oder Asiens in der europäischen Entdeckungsgeschichte systematisch unterschlagen worden. Auch die Beiträge der arabischen Wissenschaften und der arabischen Nautiker kommen in den Expeditionsgeschichten der Europäer nicht vor. Sprecherin:Womit wir wieder bei Kolumbus wären. Forschungen deuten darauf hin, dass der berühmte Spanier auf seinem Weg nach Amerika das uralte Wissen arabischer Seefahrer im Gepäck hatte. Ein Thema, das den im Sommer 2018 verstorbenen berühmten türkischen Arabisten und Islamwissenschaftler Fuat Sezgin sehr beschäftigt hat. An seinem Vermächtnis arbeitet Detlev Quintern an der Fuat Sezgin Research Foundation in Istanbul. Er sagt, die Forschung weiß zwar nicht genau, wer Kolumbus auf seiner ersten Schiffsreise zu den Bahamas begleitet hat… Zusp. 21 QuinternGleichwohl wissen wir aus seinen Tagebüchern, dass er über Karten verfügte, Seekarten, die die vorgelagerten Inseln in der Karibik zeigten und diese Karten - das ist der große Beitrag von Fuat Sezgin - diese Karten in einen langzeithistorischen Kontext zu stellen, und zurückzuführen auf arabisches Wissen. (0:26) Sprecher:Kolumbus könnte also bei der Überfahrt nach Amerika tatsächlich auf alte arabische Seekarten zurückgegriffen haben – möglicherweise sogar arabische Lotsen dabeigehabt haben – so die Ansicht der Forscher am Fuat Sezgin-Insitut. Keine abwegige Vorstellung. Schließlich währte die Maurenherrschaft in Spanien und die sogenannte Reconquista, die Rückeroberung, ja bis in die Zeit von Kolumbus hinein. Spätere Denkschulen der Renaissance waren zudem bemüht, die gesamte europäische Kultur auf griechische Quellen zurückzuführen – und islamische Wurzeln möglichst zu tilgen. Sprecherin:Und was haben die Angehörigen des einheimischen Volkes der Arawak auf der Bahamas-Insel Guanahani für Kolumbus und dessen Besatzung getan? Waren sie die ersten, die den Spaniern ihr wertvolles Wissen über den fremden Kontinent anvertrauten – bevor diese anfingen, ihn zu unterwerfen? Haben die Arawak die ersten Europäer eingewiesen, in Flora, Fauna und Kultur der Karibik? Sprecherin:Es gibt noch einiges zu entdecken, im „großen europäischen Entdeckungszeitalter“. Als sicher gilt schon jetzt: Die meisten der berühmten europäischen Expeditionen und Forschungsreisen waren aus heutiger Sicht wohl eher Gemeinschaftsprojekte. Internationale, multiethnische und multireligiöse Unternehmungen. Reisen, die oft auf dem uralten Wissen anderer Völker aufbauten. „Europäisch“ war am „europäischen Entdeckungszeitalter“ vor allem die Idee der Kolonialisierung, und: die tiefe Überzeugung von der eigenen kulturellen Überlegenheit.
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Jul 5, 2024 • 23min

VORSTÖSSE - Die Expeditionen der Brüder Schlagintweit

Ochsenfrösche, Steine, Tibetisches Edelweiß, sogar Wasser - die Münchner Brüder Schlagintweit brachten von ihrer Indien-Expedition in den 1850er-Jahren nach Bayern mit, was ihnen von die Forschernasen kam. Ihr Anspruch auf Wissen und Erkenntnis war allumfassend, ganz nach dem Vorbild von Alexander von Humboldt. Von Bettina Weiß (BR 2015) Credits Autorin: Bettina Weiz Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Thomas Birnstiel, Carsten Fabian Technik: Jochen Fornell Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Hermann Kreutzmann, Prof. Felix Driver, Dr. Cornelia Lüdeke, Dr. Shekhar Pathak Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD Crime Time (2024): Tatunca Nara – und die Toten im Dschungel Die 31. Staffel der erfolgreichen Doku-Serie begibt sich auf die Spuren eines außergewöhnlichen Falls, der bereits als Vorlage für Indiana Jones diente: Ende der 1960er Jahre wandert Günther Hans Hauck nach Brasilien aus und erfindet sich dort eine neue Identität als Nachfahre einer indigenen Kultur, die bislang unentdeckt tief im Dschungel in einem gigantischen Reich lebe. Viele Menschen packt die Faszination und sie folgen dem selbst ernannten Oberhaupt „Tatunca Nara“ in den Regenwald. Für einige endet die Expedition tödlich. Ein Team der ARD Crime Time begibt sich auf Spurensuche. Das Ziel der Reise: ein Ort im brasilianischen Regenwald, wo der Hochstapler auch heute noch leben soll. IN DER MEDIATHEK Linktipps: BR (2015): Die Gebrüder Schlagintweit Einst erforschten die drei Brüder Adolph, Hermann und Robert Schlagintweit in ausgedehnten Expeditionen den Himalaya. Heute sind diese bayerischen Entdecker fast vergessen, doch damals waren sie Pioniere auf dem Dach der Welt. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk Kultur (2021): Der schmale Grat zwischen Triumph und Tragödie   2021 war ein besonderes Bergjahr: Der K2 wurde von zehn Alpinisten aus Nepal als letzter Achttausender erstmals im Winter bezwungen. Andere Bergsteiger stürzten dort ab. Was treibt sie an, sich unter extremen Bedingungen in Lebensgefahr zu begeben? JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:MUSIK SPRECHERIN:Die Welt erkunden. Selbst losgehen. Selbst ermessen, wie hoch die Berge sind und wie tief die Wässer und wie unterschiedlich die Menschen: Hermann und Adolf Schlagintweit aus München beginnen damit als Teenager. ATMO Schritte SPRECHERIN:Im Jahr 1842, im Alter von 16 und 13, unternehmen die Brüder aus der feinen Theatinerstraße in München eine weite Wanderung in die bayerischen und tiroler Berge. Sie schwärmen von der... SPRECHER:...einfach erhabenen Pracht der Natur, die uns hier umgibt. SPRECHERIN:Auf Fotos posieren die Arztsöhne bukolisch mit Schäferhüten und Hirtenstäben. Sie wagen sich auf Berge, deren Gipfel vor ihnen noch keiner erklommen hat. Romantik. Sportliche Herausforderung. Das sind die Grundlagen dafür, dass sich die Schlagintweits für etwas begeistern, was zu ihrer Zeit neu ist: Expeditionen. Dazu kommt der Wissensdurst. MUSIK SPRECHERIN:Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Globus längst umrundet. Wer fürs europäische Publikum noch Neues erkunden will, muss Expeditionen machen, also aufwändig in Extremregionen vordringen: zum Nord- oder Südpol, in Dschungel, die von Schlafkrankheit versucht sind – oder eben ins Hochgebirge, wie die Schlagintweits. Im Gymnasium interessieren sich Hermann und Adolf besonders für Erdkunde. Eifrige Einserschüler. Hinterher studieren sie das Fach. Und immer intensiver bereisen sie die Alpen. Es ist die Ära, in der Enzyklopädien wie der „Brockhaus“ die Bücherregale vieler Bildungsbürger füllen und das Wissen der Welt verheißen, vollständig von A bis Z. ATMO Schritte SPRECHERIN:Und so bestimmen die Schlagintweits auf ihren Touren durch die Alpen Luftdrücke, Temperaturen, Seehöhen und Schneedicken. Sie zählen Blumen. Sie vermessen Gletscher in Österreich und der Schweiz. Sie fertigen mit großer Akribie Zeichnungen und Aquarelle von Gebirgszügen an, produzieren das Monte-Rosa-Massiv und die Zugspitze in mini, als Reliefs aus Zinkguss. MUSIK SPRECHERIN:Messen, bestimmen, zählen, aufzeichnen, in Beziehung setzen, und zwar alles: Menschen, Tiere, Pflanzen, das Klima und die Gesteine und die Gestirne: So hat es auch Alexander von Humboldt gemacht, als er durch Südamerika gereist ist. Er ist das große Vorbild der Schlagintweit-Brüder. Die Schlagintweits besuchen ihn in Berlin und gewinnen seine Sympathie. Der Preuße ist zu der Zeit achtzig Jahre alt, berühmt und bestens vernetzt am Königshof und im europäischen Wissenschaftsbetrieb. Mit seiner tatkräftigen Unterstützung wagen die Münchner Brüder – in den Worten von Robert Schlagintweit... SPRECHER: die Verwirklichung eines Wunsches, der mich seit Jahren lebhaft beschäftigt hatte, oder besser gesagt, seit meiner frühesten Jugend (und der durch wiederholte Reisen in den Alpen stetig genährt und am Leben erhalten wurde), dessen Erfüllung jedoch über sehr lange Zeit vollkommen jenseits der Grenzen des Möglichen erschienen wäre. SPRECHERIN:Der Traum der Schlagintweits ist eine Expedition in den Himalaya. MUSIK SPRECHERIN:So eine Expedition ist ein Großunternehmen. Um das Gebirge nach ihren Vorstellungen vollständig zu erkunden, brauchen die Forscher Theodoliten, Barometer, verschiedene Thermometer, Magnetometer und andere Instrumente. Bestes und modernstes Gerät. Alleine eine Fotoausrüstung wiegt damals 200 Kilo. Ihr Gepäck wird so umfangreich sein, dass es 20 Kamele brauchen wird, um alles zu transportieren. Dazu kalkulieren sie mit einem Tross von Kameltreibern, Trägern, Köchen, Kartographen, persönlichen Dienern, Dolmetschern und vielen anderen. SPRECHER: Ungeachtet aller Einschränkung konnte man bei der indischen Art zu Reisen ohne acht bis zehn Menschen für einen von uns nicht vorwärts kommen. SPRECHERIN:So versuchen die Brüder, öffentliche Mittel für ihre geplante Expedition zu bekommen. Was die Könige von Bayern und Preußen zahlen, sind Tropfen auf den heißen Stein. Da ebnet Alexander von Humboldt den Schlagintweits den Weg nach England, zur britischen Ostindiengesellschaft in London. MUSIK SPRECHERIN:Die britische Ostindiengesellschaft ist gerade dabei, ihre Macht in Indien auszuweiten. Im 17. Jahrhundert hatte sie als private Handelsfirma angefangen, gestützt auf ein paar Kontore an der indischen Küste. Diese Niederlassungen baute sie später zu Kolonien aus. Zur Zeit der Brüder Schlagintweit ist sie Territorialmacht geworden. Sie beherrscht Gebiete, die mehrmals so groß sind wie England. Es ist der Übergang von Kolonialismus zu Imperialismus, erklärt der Berliner Geograph Hermann Kreutzmann. Kurz darauf wird der Staat die Ostindiengesellschaft übernehmen und die Königin von England wird sich zur Kaiserin erklären, zum „Emperor“ von Indien. 1. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)Das war die wertvollste Kolonie, die England jemals gehabt hat, und die möchte sie schützen. Und Imperialismus ist die Antwort darauf. SPRECHERIN:Mit dem „Imperialismus“, dem Drang, ein „Empire“ weit über die Grenzen des eigenen Landes hinaus zu beherrschen, kommt die Expedition à la Schlagintweit als Forschungsweise auf. 2. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)Wenn man ein Territorium dominieren möchte, muss man wissen, welche Menschen dort leben, welchen Tätigkeiten sie ausüben, welche Reichtümer es dort gibt, und wir sind in einer Phase des Cartesianischen Denkens, also des rechenhaften Denkens, also wo es beginnt, Statistiken aufzulegen. Zahlen zu erheben, Messungen durchzuführen, und das ist dann auch, was die Expedition der Gebrüder Schlagintweit ausmacht. Das ist die Zeit, wo die Rechenhaftigkeit eine zentrale Rolle spielt. Und das ist ja auch verbunden mit Imperialismus, mit der Kontrolle, mit der Einführung von Verwaltung. Alles ist zweckgebunden. Und die Wissenschaft ist die Dienerin des Imperialismus. SPRECHERIN:Wie sich die Interessen von Wissenschaft und Imperialismus treffen können, zeigen die Verhandlungen der Brüder Schlagintweit mit der Britischen Ostindiengesellschaft. Die möchte eigentlich nur, dass die Schlagintweits eine von anderen begonnene Studie zu Ende führen und messen, wie magnetisch verschiedene Regionen Indiens sind. Aber die Brüder wollen mehr. Schließlich zielt ihr Humboldtscher Ansatz auf Vollständigkeit. Sie werben: SPRECHER:Sehr gerne werden wir unsere größte Aufmerksamkeit auch allen Fragen von praktischem Nutzen zuwenden, wie etwa der geologischen Altersbestimmung der verschiedenen Kohlevorkommen Indiens, dem Vorkommen von Salz oder der praktischen Verwendung des Schwefels, der im westindischen Sindh vorkommt. SPRECHERIN:Mehr als vier Jahre planen, verhandeln und taktieren die Brüder Schlagintweit. Am Ende zahlt die Britische Ostindiengesellschaft den Löwenanteil ihrer Expedition und macht sie damit möglich. MUSIK SPRECHERIN:1854 schiffen sich Hermann, Adolf und ihr jüngerer Bruder Robert nach Indien ein. Schon auf der Reise beginnen sie, Wasser an  verschiedenen Stellen aus dem Meer zu schöpfen und sein spezifisches Gewicht zu bestimmen. Sie messen wie besessen, in Indien angekommen erst recht, außer Magnetismus unter anderem auch die Temperatur, Entfernungen, Seehöhen, den Luftdruck, die Horizontal- und Vertikalwinkel von Bergen, die Dicke von Schneedecken auf Fels und die Länge und Breite der Hände und Füße von Indern und Inderinnen aus verschiedenen Regionen. Sie erklimmen Berge, schaffen es bis zu einer Höhe von 6.788 Metern, wagen sich in Wälder. SPRECHER:Am Fuße des Berges ließen wir auch die Pferde zurück, und sogleich begann ein steiles Hinaufsteigen. Aber nur langsam kamen wir auf dem Abhange vorwärts, denn es war eine mühsame und zeitraubende Arbeit, in dem Dschungel, der an Großartigkeit und Dichtigkeit Alles bisher von mir Gesehene übertraf, irgendeinen Weg hindurch zu hauen. Mir waren in kurzer Zeit die Kleider zerfetzt; das geringste Vergnügen schienen meine Hindus aus dem Flachland an dieser Expedition zu haben, obwohl sie ihre zahlreichen Dornenwunden fast vergaßen über den Gedanken, unerwartet dem Tiger zu begegnen. SPRECHERIN:Abenteuer und Gefahr gehören zur Expedition – aber auch generalstabsmäßige Planung. Der Londoner Geographiehistoriker Felix Driver beleuchtet diesen sehr praktischen Zusammenhang von Imperialismus und Expeditionen. 3. ZUSPIELUNG (Felix Driver)by the 19th century European military might is extending itself around the world, and I think that idea about expeditions and explorations also diffuse around the world... Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER:Im 19. Jahrhundert hat sich europäische Militärmacht rund um die Welt ausgedehnt, und die Idee der Expedition hat sich auch weltweit verbreitet. In gewisser Weise wurden die größeren Expeditionen auch in militärischer Weise organisiert. Man musste unter sehr schwierigen Bedingungen von A nach B kommen, man musste für die Logistik, Nahrungsmittel und Vorräte sorgen, und es überrascht nicht, dass das Militär entweder an den Expeditionen beteiligt oder ein wichtiges Vorbild war. ... and it is not surprising that the military were either involved in expeditions or were an important model for how to get from A to B in very difficult environments. So it is a sort of military the model. SPRECHERIN:Die Schlagintweits werden manchmal von Soldaten begleitet, immer führen sie Pistolen mit sich. SPRECHER:Waffen sind - neben ihrer Wichtigkeit für den persönlichen Schutz -, besonders als Artikel zu erwähnen, die als Geschenke geeignet sind. SPRECHERIN:Seine Waffen verschenken – das klingt nach Frieden und Vertrauen. Tatsächlich steht die Expedition in weniger friedlichem Zusammenhang, als die Brüder Schlagintweit es vielleicht selbst wahrhaben wollen. Im 19. Jahrhundert ist die Zeit vorbei, in der Reisende Entdecker und Händler auf Augenhöhe waren – wie etwa Marco Polo oder Mitarbeiter der Britischen Ostindiengesellschaft in deren Anfängen. Nun geht es den europäischen Auftraggebern von Expeditionen darum, Gebiete in fremden Erdteilen zu beherrschen, erklärt der Geograph Hermann Kreutzmann 4. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)Das ist der Übergang vom Handelsaustausch in eine Dominanzphase hinein, und die endet mit Grenzziehung. Die afghanischen Grenzen werden um 1893, 95 geschaffen, und in dieses Spiel geraten die Brüder Schlagintweit hinein. SPRECHERIN:Um die Macht in Afghanistan und dem übrigen Mittelasien ringen England, Russland und China. Die Schlagintweits, in britischem Auftrag unterwegs, erkunden dabei nicht nur die britische Machtsphäre, sondern auch Gebiete außerhalb. Sie sind Kundschafter. Spitzel. Wie andere Expeditionsreisende, die etwa von Russland oder Frankreich finanziert sind. 5. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)Das sind Reisende, die mit einem - Sie könnten sagen Vorwand kommen, sagen, Botanisierer oder Geologen, oder sie interessieren sich für die Gletscher, das Klima oder für andere Dinge, das sind Reisende, die dann sich der Wissenschaft verschrieben haben, die ein Bürgertum bedienen in unseren Landen, in den geographischen Gesellschaften, wenn die Vorträge halten, die verkehren in Zirkeln, erzählen interessante Geschichten, werden gesponsert von Wohlhabenden, jedes Jahr an Weihnachten gibt es die Reiseberichte von diesen Leuten als Buch gebunden, da - unter dem Mantel der Wissenschaft reisen Leute, die gleichzeitig aber auch Informationen liefern, die für die politischen Interessen der Staaten, aus denen sie stammen, sehr gut verwertbar sind. SPRECHERIN:Außerhalb der britischen Machtsphäre gehen die Schlagintweits unterschiedlich vor. In Kaschmir etwa warten und verhandeln sie, bis sie von örtlichen Machthabern eine Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung bekommen. In Turkestan etwa verkleiden sich die Münchner als einheimische Händler. SPRECHER:Hier war es, wo wir zuerst unsere Turki-Bekleidung anlegten, da wir nun, so weit vorgeschritten, bei etwaiger Begegnung mit Turkistani-Caravanen nicht als Europäer auffallen sollten. Dabei bekamen wir auch den Kopf geschoren; wir zogen vor, dies mit einer Schere in der Art ausführen zu lassen, als hätte das Rasiren mit dem Messer schon einige Zeit vorher stattgefunden. SPRECHERIN:Diese Tricks klappen nicht immer. Die Schlagintweits werden hingehalten, absichtlich fehlinformiert und beraubt. Diener von ihnen werden als Geiseln genommen. Trotzdem lassen sie nicht locker. Sie reisen weiter, trennen sich zeitweise, damit jeder einzelne Bruder noch mehr messen, noch mehr sammeln kann, überqueren raue Hochpässe, erkunden Gletscher und mittelasiatische Weiten bis nach Kaschgar. Die Stadt liegt an einem wichtigen Knotenpunkt der Seidenstraßen. Im Kampf um die Macht in Mittelasien ist Kaschgar strategisch so wichtig, dass es zu jener Zeit verbotenes Land für Europäer ist. Adolf Schlagintweit wagt sich trotzdem hin. 6. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)Das waren junge Leute, die wollten sich einen Namen machen, und die wollten etwas schaffen, was andere vor ihnen nicht geschafft haben. SPRECHERIN:Adolf Schlagintweit bezahlt den Besuch in Kaschgar mit dem Leben. Bald nach seiner Ankunft im August 1857 wird er enttarnt und geköpft. MUSIK SPRECHERIN:Adolfs Brüder Hermann und Robert kehren nach Europa zurück. Der Tod ihres Bruders während der Expedition schockiert sie zutiefst. Trotzdem schreiben sie den Bericht über ihre Reise wie eine Empfehlung, auch Expeditionen zu machen, mit allerhand praktischen Tipps: wo man im Himalaya Zigarren kaufen kann, wann Gamaschen hilfreich sind, dass sich Brandy besser als Wein oder Bier fürs Reisen eignet, was Maultiere für den Gepäcktransport kosten, wie man mit kleinen Papieraufklebern an den Verschlüssen von Vorratsbüchsen, die wie Talismane wirken, verhindern kann, dass die Köche wertvolle Vorräte verplempern, und dass man die Dolmetscher und Reiseführer am besten erst am Ende der Reise bezahlt und am Erfolg beteiligt. Der Geographie-Historiker Felix Driver weist darauf hin, dass sich im 19. Jahrhundert, als Expeditionen „in“ wurden, vielerorts eine regelrechte Industrie von Reiseleitern und Expeditionsausstattern entwickelte. 7. ZUSPIELUNG (Felix Driver)There are parallels between the ways in which certain local figures become guides, become experts, become interpreters. And they help a series of expeditions, they might be British expeditions, they might be ... Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER:Es gibt Parallelen darin, wie bestimmte Leute Reiseleiter, Experten oder Dolmetscher werden. Sie helfen einer Reihe von Expeditionen, egal ob es britische, deutsche oder amerikanische sind, und sie sammeln einen gewaltigen Erfahrungsschatz an. So wie die Sherpas die Experten auf den Bergen werden gibt es andere, die Experten darin werden, durch Amazonien oder Ostafrika zu navigieren. Sie kennen das Land, die politische Situation und die Sprachen. Sie sind oft nicht aus der Gegend selbst, aber sie spielen diese sehr wichtige Vermittlerrolle. Und die Europäer werden sehr abhängig von ihnen. Dass sie mit solchen Vermittlern arbeiten ist eine Gemeinsamkeit von Expeditionen in sehr, sehr verschiedenen Teilen der Welt. ... And Europeans become very dependent on them. So that is a common feature which you find actually in very, very different parts of the world. SPRECHERIN:Für die Logistik mögen solche Dienstleister praktisch sein. Aber für die Wissenschaft bergen sie Probleme, sagt der Geograph Hermann Kreutzmann. 8. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)Die Schlagintweits waren sehr stark auf Dolmetscher und Begleiter angewiesen, und diese Dolmetscher und Begleiter haben auch diese Situation häufig genutzt, um ihnen Räuberpistolen zu erzählen. Geschichten zu machen, für die es keine Belege gab, weil sie wussten, sie sind das einzige Sprachrohr, das mit ihnen spricht. Und sie haben ihre Version einer Geschichte geliefert. Oder auch interessante Geschichten geliefert, wenn man damit viel Geld verdienen konnte. SPRECHERIN:Die Brüder Schlagintweit kehren jedoch mit mehr als mit Geschichten, Daten und Bildern aus Indien zurück. Sie haben auch handfestere Dinge gesammelt, unter anderem SPRECHER:20.000 Steine, 12.000 Pflanzen, 6000 Vögel, ausgestopft oder als Skelett, fast 600 Baumdurchschnitte, 250 Gipsabgüsse von Menschengesichtern, 46 Schädel und 21 komplette Skelette von Indern und Inderinnen, dazu Tierskelette, präparierte Fische, Muscheln, Schmuck, Hausgeräte, Kleider und Waffen sowie lebende Wildesel, Pferde und Kamele für den Berliner Zoo SPRECHERIN:Das alles melden sie nach ihrer Rückkunft Alexander von Humboldt, ihrem Förderer und wissenschaftlichem Vorbild. An dessen Anspruch, „die ganze materielle Welt“ darzustellen, scheitern sie jedoch. Niemand zahlt ihnen die Arbeit, die Sammlung vollständig auszuwerten und auszustellen. Sie muss mehrfach umziehen. Dabei zerfallen die Tierskelette. Motten zerfressen kostbare Stoffe. Fast ein Vierteljahrhundert müht sich Hermann Schlagintweit mit dem Material. Mit 56 Jahren stirbt er, bald darauf auch sein Bruder Robert. Musikakzent SPRECHERIN:Die Erben verkaufen von der verrottenden Sammlung, was zu verkaufen ist. Viele Steine und einige Fische in Spiritus geben sie einem Mineralienhändler in Kommission. Der verhökert ein paar Dinge, ansonsten schreibt er von SPRECHER:Wertlosem Geröll. Wenn Sie – wie ich hoffe und darum bitte – mich einmal in Bonn besuchen, wollen wir einen Spaziergang auch über den Weg machen, der damit gepflastert worden. MUSIK SPRECHERIN: Je mehr die Welt vermessen und machtpolitisch verteilt ist, desto weniger Expeditionen im Stil der Schlagintweits finden statt. Für sein Fach meint der Berliner Geographie-Professor Hermann Kreutzmann: 9. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)Heute würden wir von solchen Expeditionen nicht mehr sprechen. In unserem Fall hat sich das vollkommen verändert zu der damaligen Zeit, SPRECHERIN:An die Stelle der Expedition tritt – wenn nicht gleich auf die Erkundung vor Ort verzichtet und die Welt am Computer modelliert wird – die Feldforschung: Statt wie die Schlagintweits ganz Indien plus Himalaya plus Teile Mittelasiens möglichst vollständig in vier Jahren zu bereisen, zu vermessen und darzustellen, spezialisiert sich der Forscher oder die Forscherin nun lieber gründlich auf einen einzigen Ort. 10. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)Das ist heute häufig anders, weil wir doch junge Leute haben, die dann auch lokale Sprachen erlernen, bevor sie Feldforschung durchführen und nicht auf Dolmetscher angewiesen sind, wenn sie da etwas machen. Ein Doktorand von mir hat sich über Heiratsverhalten in Kaschgar promoviert, der hat vorher Uighurisch und Chinesisch gelernt, um dort zu arbeiten SPRECHERIN:Er ist auch ohne Verkleidung gereist und lebendig wiedergekehrt. Die Forscher präsentieren ihre Ergebnisse idealerweise nicht nur in Berlin und London, sondern entwickeln sie gemeinsam mit Wissenschaftlern in den erforschten Gebieten weiter. 11. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)Ich habe mehrfach in Kaschgar Konferenzen gemacht, ich habe in Lhasa in Tibet Konferenzen organisiert, in Khorog in Tadschikistan, in Duschanbe, in Gilgit in Pakistan, gemeinschaftlich mit den Partnern vor Ort werden diese Konferenzen organisiert. SPRECHERIN:Der Erkenntniswert einer einzelnen Expedition ist gering, auch für Naturwissenschaften. Die Meteorologin und Wissenschaftshistorikerin Cornelia Lüdeke betrachtet zum Beispie die Klimawerte. 12. ZUSPIELUNG (Cornelia Lüdeke)Die Daten der Schlagintweits sind natürlich auch nur ausschlaggebend für die drei Jahre, die sie damals im Himalaya unterwegs waren. Und wir wissen ja selber: Es gibt Winter, wo viel Schnee ist, und dann gibt es wieder Jahre, wo wenig Schnee fällt. Im Grunde ist das ein Zufallsergebnis, man müsste da auch  längere Zeitreihen über 30 Jahre haben. Weil Klima wird über 30 Jahre sozusagen bestimmt. SPRECHERIN:Allerdings sind die Schlagintweitschen Messungen so gut nachvollziehbar, dass sie für weitere Forschungen heutzutage wertvolle historische Bezugswerte liefern. 13. ZUSPIELUNG (Cornelia Lüdeke)Heute kann man beispielsweise untersuchen, wie sich die Schneehöhen ändern, vielleicht aufgrund der Klimaänderung. MUSIK 14. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak – englisch ohne overvoice)Due to Nain Singh Rawat many people also know about Schlagintweit brothers! Otherwise Schlagintweit brothers also forgotten in India. SPRECHERIN:In Indien wäre die Expedition der Brüder Schlagintweit vergessen – wäre da nicht Nain Singh Rawat, sagt der Historiker Shekhar Pathak aus Nainital im Himalaya. 15. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak)He was just doing portering! But when he joined the group, he was great learner. he was so sensitive - everything which the Schlagintweit brothers were doing, he followed that... Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER:Nain Singh Rawat war nur ein Träger! Aber als er zur Expedition dazustieß, hat er sehr viel gelernt. Er hat alles, was die Schlagintweits taten, mitverfolgt, Barometer und Prismen bedient und Landkarten gezeichnet. Er hat den Brüdern Tibetisch beigebracht und gleichzeitig von ihnen Englisch gelernt. Es war ein großartiges Lernen, und zwar in beide Richtungen. Die Schlagintweits entdeckten den Funken, der in Nain Singh Rawat schlummerte. Nicht einmal sein eigener Cousin hatte es entdeckt. Nur die Schlagintweits! ...And they realized the spark inside Nain Singh Rawat! otherwise nobody else, even his own cousin Mani singh never realized the spark inside Nain Singh Rawat. But Schlagintweit brothers did! SPRECHERIN:Nach dem Dienst für die Schlagintweits arbeitete Nain Singh Rawat auch für britische Wissenschaftler und Landvermesser. Er erkundete viel Neuland für die Briten und erhielt höhere Auszeichnungen von britischen Institutionen als seine ehemaligen Arbeitgeber aus München. 16. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak)I am not only proud of him. I always been thinking how such a person emerged in our part of Himalaya! From zero how he reached to a certain summit!Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER:Ich bin nicht nur stolz auf ihn. Ich denke immer: dass so jemand aus unserem Himalaya stammt! Von null aus hat er so einen Karrieregipfel erreicht! SPRECHERIN:Auch andere Inder hätten viel von den Briten gelernt, und in manchen Dingen sei man in Indien England wissenschaftlich voraus gewesen, hebt Shekhar Pathak hervor. So begann die Vermessung Indiens über 60 Jahre, bevor in England die Königliche Geographische Gesellschaft gegründet wurde. Der Berliner Geograph Hermann Kreutzmann erinnert an den machtpolitischen Hintergrund der Vermessung und Erkundung von Bergen und Bodenschätzen. 17. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann)Es war dieses Experiment, was man in der Imperialismustheorie derart beschreibt: Fertigware wird aus Europa nach Asien, Afrika und Übersee geliefert, und Rohstoffe kommen aus der Gegenrichtung, und das ist zum großen Nutzen Europas und zum Schaden des Restes der Welt. SPRECHERIN:Trotzdem. Sein Kollege aus Indien verteidigt Expeditionen wie etwa die der Schlagintweits. 18. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak)So it was part of larger colonial scheme. Definitely. But it is also contributing to the larger human knowledge. This is the positive point in whole history of exploration. And this exploration not only contributed in the scheme of colonialism in Asia, or in Orient, it also contributed in larger context the knowledge about lesser known, unknown places to the larger world. Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER:Sie waren Teil eines kolonialen Plans. Na klar! Aber sie haben auch zum größeren Wissen der Menschheit beigetragen. Das ist das Gute an der Geschichte der Expeditionen. Sie haben dazu beigetragen, dass die Welt jetzt mehr über Orte weiß, die einst unbekannt waren.
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Jun 28, 2024 • 40min

EINFACH MODE! Die Unterwäsche, präsentiert von ICONIC

Alles Geschichte stellt vor: "ICONIC - Modegeschichte mit Aminata Belli”. Es gibt entsetzliche Worte für Kleidungsstücke, die wir doch eigentlich sehr schätzen: Brunzhosen, zum Beispiel. Oder es ist nur sehr verschämt von ihnen die Rede. Dabei können wir uns heute ein Leben ohne Unterwäsche kaum noch vorstellen. Dabei kam die Menschheit die längste Zeit "ohne" aus. Wie dann aus einem langen Untergewand unsere heutige Unterwäsche wurde, erzählt Host Aminata Belli in dieser Episode. Von Mariia Fedorova (BR 2024) Credits  Autorin: Mariia FedorovaRegie: Martin ZeynEs sprachen: Aminata Belli, Ann-Kathrin MittelstraßRedaktion: Vanessa Schneider und Martin Zeyn, BR KulturIm Interview: Abby Cox, Julia Fritzsche Besonderer Linktipp der Redaktion: BR: ICONIC – Modegeschichte mit Aminata Belli Dieser Podcast erzählt in jeder Episode die Geschichte eines ikonischen Kleidungsstück von Kapuzenpulli und Doc Martens zu Fußballshirt, Handtasche und Jeans und den gesellschaftlichen, technologischen und sozialen Umbrüchen, die Modetrends oft begleiten. Aminata Belli nimmt mit in die Geschichte vieler Lieblingsteile. Woher kommt ihre Coolness? Wie schaffen sie es, für große popkulturelle Momente, Subkulturen oder Underdogs zu stehen? JETZT ANHÖREN Linktipps: radioWissen (2022): Unterwäsche – Hautnahes im Wandel der Zeit Noch bis vor kurzem trugen Mann und Frau ganz wie im Mittelalter nur ein langes Hemd auf der nackten Haut. Erst seit dem 19.Jahrhundert findet Unterwäsche reißenden Absatz. Zu dieser Folge vom Podcast radioWissen geht es HIER Deutschlandfunk (2023): Lernen geht auch in Jogginghose Im letzten Jahr ging diese Schlagezeile durch die Medien: „Der Bundeselternrat will Kleiderregeln an den Schulen etablieren“  – nicht zu freizügig und auch nicht zu „lottrig“ sollen die Klamotten der Kids sein. Macht das Sinn? Katharina Hermes kann dem Vorschlag in ihrem Kommentar nichts abgewinnen. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
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Jun 28, 2024 • 23min

EINFACH MODE! Wer hat die Hosen an?

Von Männern in Strumpfhosen zu Frauen im Hosenanzug - jahrhundertelang war die Hose in Europa Symbol von Männlichkeit und Macht, Klassenkonflikten und Geschlechtsunterschieden. Und nicht zuletzt deshalb heiß umstritten: Von der Rolle der Hose in der Französischen Revolution wie im Kampf um die Emanzipation und der Jugendrevolte des 20. Jahrhunderts. Von Ulrike Rückert (BR 2024)Credits Autorin: Ulrike Rückert Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Stefan Wilkening, Katja Bürkle Technik: Susanne Herzig Redaktion: Nicole Ruchlak Besonderer Linktipp der Redaktion: BR: ICONIC – Modegeschichte mit Aminata Belli Dieser Podcast erzählt in jeder Episode die Geschichte eines ikonischen Kleidungsstück von Kapuzenpulli und Doc Martens zu Fußballshirt, Handtasche und Jeans und den gesellschaftlichen, technologischen und sozialen Umbrüchen, die Modetrends oft begleiten. Aminata Belli nimmt mit in die Geschichte vieler Lieblingsteile. Woher kommt ihre Coolness? Wie schaffen sie es, für große popkulturelle Momente, Subkulturen oder Underdogs zu stehen? JETZT ANHÖREN Linktipps: funk (2021): Männer im Rock – Darum irritiert uns das! Männer in Kleidern oder Röcken - das ist nicht nur ein echter Fashiontrend, sondern auch ein riesiges Aufregerthema. Männer, die im Alltag Röcke tragen sind selten und es erfordert viel Mut. Nur was hält Männer eigentlich davon ab, Sommerkleider zu tragen? Historisch gibt es die strikte Trennung von Männer- und Frauenkleidung noch gar nicht so lange: Im 18. Jahrhundert brachte das aufsteigende Bürgertum neue Moralvorstellungen mit, die strikt zwischen Mann und Frau unterschieden und damit unseren Geschmack mitprägten. Heute sehen Modeexpert:innen darin einen neuen Trend, der sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Die Nachfrage nach gender-neutraler Kleidung, die Geschlechtergrenzen sogar gänzlich überwindet, sei da und das Ganze auch nicht mehr nur ein kurzlebiger Trend, sondern liege an einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderung. Zum Film geht es HIER. ARD alpha (2022): Mode und Geschlechterrollen Für die einen ist sie die schönste Nebensache der Welt, für andere überflüssiger Luxus. Und doch kommt keiner an ihr vorbei: der Mode. Sie ist das ausdruckstärkste und augenfälligste Kommunikationsmittel, über das wir Menschen verfügen. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKENTimecodes (TC) zu dieser Folge:TC 00:15 – IntroTC 01:34 – Von barbarisch bis populärTC 07:31 – Die Bedrohung der „Männlichkeit“TC 10:14 – Andere Zeiten rücken anTC 14:48 – Das amerikanische Bloomer-KostümTC 17:33 – Eroberung des SportsTC 19:07 – Wer hat jetzt die Hosen an?TC 22:00 – OutroLesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:TC 00:15 – Intro   MUSIK ERZÄHLERIN Die Sängerin Esther Ofarim trug edlen schwarzen Samt und Perlenkette, als sie an einem Abend im September 1966 die Bar im Hamburger Grandhotel Atlantic betrat. Ein Angestellter forderte sie auf, die Bar zu verlassen und sich umzuziehen, wenn sie wiederkommen wolle. Der Grund für den Affront: Das todschicke Outfit des Weltstars war – ein Hosenanzug. MUSIK ERZÄHLERIN Die Sache schlug Wellen. Einer Reporterin erklärte der Hoteldirektor, man erwarte von den Gästen „vorschriftsmäßige Garderobe“, und sobald die Damenhosen „offiziell anerkannt“ seien, werde man sie selbstverständlich akzeptieren. Die Hamburger Hosenaffäre ist ein Beispiel für das Konfliktpotential in der Geschichte des zweigeteilten Beinkleids. ZITATOR Hosen. Sind eine bekannte Kleidung, womit die Manns-Personen den Unter-Leib bedecken. ERZÄHLERIN So definiert ein Lexikon aus dem 18. Jahrhundert und erläutert weiterhin: ZITATOR „Hosen ihres Mannes hat das Weib.“ Ist ein bekanntes Sprüchwort, so von denen herrschsüchtigen Weibern gesaget wird, welche ihren Männern in allen befehlen und das Regiment über selbige führen wollen.TC 01:34 – Von barbarisch bis populär ERZÄHLERIN Die Geschichte der Hose ist lang. Ötzis Beinlinge aus Fell waren ein Vorläufer. Die ältesten richtigen Hosen, die Archäologen ausgegraben haben, gehörten asiatischen Reiten vor dreitausend Jahren. Germanen und Kelten trugen Hosen, Griechen und Römer allerdings fanden die Dinger barbarisch. Auch ist die Hose nicht von Natur aus männlich, zwischen Indien und Grönland finden sich in der Geschichte der Menschheit viele Völker mit behosten Frauen. Aber im Mittelalter wurde die Hose in Europa zum Symbol von Männlichkeit und von Macht im Verhältnis der Geschlechter zueinander. Die Redensart von der Frau, die die Hosen anhaben will, war schon im 13. Jahrhundert geläufig, jedoch ging es damals nicht um das Oberbekleidungsstück, das im Deutschen heute Hose heißt. Denn das war auch bei Männern aus der Mode. MUSIK ZITATOR Der Gast schritt an das Bett,da war ein weißes Gewand für ihn bereitet.Einen Bruchgürtel von Gold und Seidezog man darunter.Rote Hosen aus Scharlach streifte man ihm über. ERZÄHLERIN So beschreibt Wolfram von Eschenbach in seinem Roman „Parzival“ um das Jahr 1200 das Outfit eines Ritters bei Hofe. Das Gewand war lang, und „Hosen“ ist das mittelhochdeutsche Wort für Strümpfe oder Beinlinge. Die trugen auch Frauen unterm Kleid. Der „Bruchgürtel“ hielt die Bruch – eine Unterhose. MUSIK ERZÄHLERIN:In Heinrich Wittenwilers Satire „Der Ring“, verfasst rund zweihundert Jahre später, bekommt der Bräutigam bei einer Bauernhochzeit guten Rat: ZITATOR Das sag ich dir ganz grad heraus:Du bist der Herr in deinem Haus!Wiss’, und trägt dein Weib die Bruch,Sie wird dein Unglück und dein Fluchwider Gott und sein Gebot!Hierzu wirst du der Leute Spott. ERZÄHLERIN Die Unterhose machte den Mann. Und der Mann hatte dafür zu sorgen, dass er der Herr im Haus war, wie es auch die Bibel bestimmte. Frauen galten als launisch, eitel, gierig und herrschsüchtig, und hielt man sie nicht unter Kontrolle, geriet die Welt aus den Fugen. So waren französische Schwänke, italienische Novellen und deutsche Fastnachtsspiele bevölkert von Frauen, die – oft ganz handgreiflich – versuchten, ihrem Mann die Hose zu entreißen. Die Geschichten warnten unbotmäßige Frauen vor drastischen Strafen oder führten dem männlichen Publikum vor, welche Demütigungen ihm bei einer Niederlage drohten: MUSIK ZITATOR Die Betten machen, kehren, waschen,sudeln und prudeln in der Aschen. ERZÄHLERINEine Revolution in der Männermode nach der Großen Pest im 14. Jahrhundert brachte die Hose als Oberbekleidung zurück. In einer Chronik ist zu lesen: ZITATOR Nachdem das Sterben ein Ende hatte, da hob die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein, und machten die Männer neue Kleidung. Die Röcke waren so eng, dass ein Mann nicht darin schreiten konnte, und waren eine Spanne über die Knie. Danach machten sie die Röcke ganz kurz, eine Spanne über den Gürtel. ERZÄHLERIN Die jungen Männer schnitten immer mehr von ihren Gewändern ab, bis nur ein Wams übrigblieb, das kaum noch den Po bedeckte. Das rückte wohlgeformte Beine – Gipfel männlicher Schönheit – in vorteilhaftes Licht, aber zwischen dem Wams und den langen Strümpfen blitzte die Bruch und womöglich blanke Haut hervor. Zur Abhilfe nähte man die Beinlinge hinten zusammen und setzte vorn einen Latz ein. Voilà, die Hose war wieder da, und im Deutschen trug sie nun auch diesen Namen. Von nun an war sie das männliche Kleidungsstück. Und bald in den wunderlichsten Erscheinungen zu sehen. MUSIK ZITATOR Mir kann keiner eine zu abenteuerliche Form eines Kleids aufbringen, denn je seltsamere Kleidung, nach Schnitt von Hosen, Wams und Schuhen, einer aufbringt, je lieber trag ich’s. ERZÄHLERIN  … bekannte der Augsburger Konrad Schwarz im 16. Jahrhundert, durchaus typisch für den modebewussten Mann der Renaissance. Männer von Adel und nun auch die stolzen Bürger der Städte zeigten nicht nur Figur, sondern auch, wer sie waren und was sie sich leisten konnten. Wie ein Pfau spreizte man das schillernde Gefieder. Nach der Strumpfhosenphase waren Hosen für drei Jahrhunderte mehr oder weniger kurz und meist farbenfroh. Die Hosenwissenschaft kennt Dutzende von Namen für Modestile, die miteinander konkurrierten oder sich abwechselten - eng anliegend oder bauschig weit, kugelig rund ausgepolstert, geschlitzt mit kontrastfarbig herausquellendem Futter, bestickt, mit Bändern und Schleifen verziert. Und das Gemächt verpackt in protzig großen Schamkapseln. ZITATOR Und möchte mancher meinen, er sehe einen Kramladen aufgetan, so mit mancherley Farben von Nesteln, Bändeln, Schlüpffen sind sie an Haut und Haaren, an Hosen und Wambs, an Leib und Seel behenket, beschlencket, beknöpfet und beladen. ERZÄHLERIN … spottete der Satiriker Johann Michael Moscherosch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Und dann kam die Rheingrafenhose – die ein Rock war. Ein knielanger, weiter Rock, üppig garniert mit Spitzen, Bänderbüscheln und Schleifen, und darunter schaute eine Pluderhose mit breiten Spitzenvolants heraus. Eine Zeitlang war das der Hit an Europas Fürstenhöfen. Zur selben Zeit sah Samuel Pepys in London Irritierendes: ZITATOR In den Gallerien finde ich die Hofdamen in ihrer Reitkleidung, mit Mänteln und Wämsern gerade wie meine, mit Perücken und mit Hüten, so dass, würde nicht ein langer Unterrock unter ihren Männermänteln schleifen, niemand sie für Frauen halten könnte, was ein seltsamer Anblick war und mir nicht gefiel. TC 07:31 – Die Bedrohung der „Männlichkeit“ MUSIK ERZÄHLERIN Die Ordnung der Geschlechter verlangte auch sichtbare Verschiedenheit, was ebenfalls auf biblischem Gebot beruhte: ZITATOR Ein Weib soll nicht Mannsgewand tragen und ein Mann soll nicht Weiberkleider antun. ERZÄHLERIN Das Verbot galt für beide Geschlechter, doch es ist nicht für beide dasselbe, wenn die Frau dem Mann untergeordnet ist. Der Unterschied besteht darin, so der Schriftsteller Eugen Isolani, dass … ZITATOR … die erhabene und herrschende Stellung des Mannes nicht erniedrigt werden solle durch das Weib, das sich als Mann zeigt, und nicht durch die Selbsterniedrigung des sich als Weib gebärdenden Mannes. ERZÄHLERIN Wenn Frauen sich Männerkleider aneigneten, sah man die Männermacht bedroht. Das war nicht nur eine Frage der Optik - man hegte den Verdacht, dass die Kleidung Frauen auch ein anderes Selbstgefühl gebe. Im 16. Jahrhundert schrieb der englische Humanist Richard Hyrde: ZITATOR Eine Frau soll nicht Männerkleidung verwenden, denn es ließe sie denken, sie hätte den Stolz eines Mannes. ERZÄHLERIN Etwas prosaischer bemerkte das Journal des Luxus und der Moden 1802 über die damals aktuellen absatzlosen Frauenschuhe: ZITATOR Flache Sohlen geben Sicherheit und Bestimmtheit, der Gang wird selbständiger, und niemand kann läugnen, daß die hohen Hacken jedem Weibe ungesehene Fesseln anlegen, wodurch die Hülfe des Mannes ihm auf jedem Schritte nöthig wurde. ERZÄHLERIN Hutformen, Jackenschnitte und Absätze waren eine Sache, doch die Hose blieb ein Tabu. Aber auch dieses wurde oft gebrochen. Viele Frauen reisten in Hosen, weil es bequemer war. Englische Aristokratinnen gingen in Hosen auf die Jagd. Königin Christina von Schweden trug gern Männerkleider. Katharina die Große und Marie Antoinette ritten im Herrensitz in Hosen, Männerrock und Dreispitz, und ließen sich auch so malen. Und was ist mit dieser Anmerkung in einem Lexikon aus den Siebzehnhundertachtzigern gemeint? ZITATOR Bisweilen trägt auch das Frauenzimmer, besonders zur Winters=Zeit, Beinkleider, um sich desto besser vor der Kälte zu verwahren; und es wäre zu wünschen, daß sich das Frauenzimmer, der Gesundheit wegen, dieser Tracht mehr bediente. ERZÄHLERIN Um 1700 herum hatte die Männerhosenpracht ein Ende. Man trug nun schlichte Kniebundhosen, die fast völlig verschwanden unter langen Jacken mit weiten Schößen. Im Laufe des Jahrhunderts wurde die Silhouette schlanker, die Jacken offen getragen und die Schöße schräg zurückgeschnitten. Man zeigte wieder Bein, in knallengen Hosen. Wer keine muskulöse Adonis-Statur vorweisen konnte, packte gern Polster und Wachsprothesen unter die Hosen. TC 10:14 – Andere Zeiten rücken an MUSIK ERZÄHLERIN Die Revolution in Frankreich war auch eine Revolution der Hosen. Die radikalsten Umstürzler erklärten die Kniebundhose, die „Culotte“, zum Symbol der aristokratischen Willkürherrschaft, weshalb man sie „Sansculotten“ nannte, „ohne Kniehosen“. Zeichen des republikanischen Geistes sollten die „Pantalons“ sein, lange Hosen. Mit diesen zeigten sich auch einige Revolutionärinnen. Frauen waren überall dabei, sie diskutierten in der Öffentlichkeit mit, gründeten politische Clubs und forderten gleiche Bürgerrechte für ihr Geschlecht. Das ging den Herren dann doch zu weit. Sie verboten den Frauen die Clubs und Versammlungen, und die Männerhosen auch. Da vermeldete das Journal des Luxus und der Moden eine neue Revolution: MUSIK ZITATOR Der Anzug der Damen ist ganz ohne Beyspiel. Sie tragen nemlich, wie die Männer, Pantalons von fleischfarben seidnem Zeuche, und darüber einen Rock von feinstem Mousseline, der an der Seite bis aufs Knie aufgeschürzt, und mit einer Agraffe befestigt wird. ERZÄHLERIN Tatsächlich hatten diese Pantalons mit denen der Männer nichts gemein, es waren Leggings aus Trikotstoff - so ziemlich das einzige, was die Pariserinnen noch unter hauchdünnen Kleidern trugen, nachdem sie Korsetts und Unterröcke beiseite geworfen hatten. Dennoch hielt man die offensichtlich für gewagter als die sogenannte „Nuditäten-Mode“ der durchsichtigen Chemisenkleider. Diese Welle überrollte Europa, doch die Pantalons machten nur wenige mit. Die spätere Schriftstellerin Bettina Brentano schrieb an Goethes Mutter: ZITATORIN Jetzt raten Sie einmal, was der Schneider für mich macht! Ein paar Hosen? Ja! Vivat! Jetzt kommen andre Zeiten angerückt. ERZÄHLERIN Andere Zeiten kamen in der Tat, allerdings brachten sie keine größeren Freiheiten, nicht einmal modische. In der auf göttliches Gebot gegründeten Weltordnung war jedem sein Platz zugewiesen, bestimmt durch Stand und Geschlecht, und man hatte sich dementsprechend zu verhalten. Mit der Aufklärung und der Erschütterung des Ständesystems war diese Ordnung obsolet geworden. Die Unterordnung der Frauen war damit nicht abgeschafft, aber sie brauchte eine neue Begründung. Sie fand sich im Geschlechtscharakter. Frauen und Männer seien, so Wilhelm von Humboldt, von Natur aus völlig verschieden, mit ganz gegensätzlichen Eigenschaften, so dass … ZITATOR … vernünftiger Weise auch nicht einmal der Gedanke entstehen kann, den Charakter des einen mit dem des anderen zu vertauschen. ERZÄHLERIN Bislang waren Sanftmut, Geduld und Fügsamkeit Verhaltensweisen, die von Frauen erwartet wurden. Nun war es ihre Natur. Benahmen sie sich anders, galten sie nicht mehr als widerspenstig, sondern als unnatürlich, krankhaft. Eine richtige Frau war der liebevolle Engel im Haus und verlangte weder in der Ehe noch in der Gesellschaft gleiche Rechte. Damit war das Thema des Zanks um die Hosen keineswegs aus der künstlerischen Welt geschafft. Die Frau, die die Hosen anhaben will, war im 19. Jahrhundert ein höchst beliebtes Sujet für Karikaturisten. Eine Zeichnung allein wurde über Jahrzehnte in mehreren Ländern mit kleinen Veränderungen immer wieder kopiert: Ein Mann und ein Frau zerren an einer Hose, angefeuert von einem anderen Paar, bei dem er schon der Hose beraubt ist, die sie unter ihrem Rock trägt. Aus den Bildtexten der deutschen Version: MUSIK ZITATORIN Grosser Zank, Zwischen einem Mann und seiner Frau: wer von beyden die Hosen tragen und im Haus die Ober-Herrschaft haben soll. ZITATOR Lieber sterbe ich, als meiner Frau die Hosen zu lassen; der Mann soll immer der Herrscher seyn. ERZÄHLERIN Dabei lassen sich in den verschiedenen Versionen dieser Karikatur auch die Hosenmoden der Zeit verfolgen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigten sich die Männer in engen Pantalons zu Frack und Weste noch figurbetont und gedämpft farbenfreudig, am Ende steckten sie in der Uniform des dunklen Anzugs. Industrialisierung und Gründerboom verlangten Effizienz statt eitler Selbstpräsentation. Mit den Worten des Ästhetikprofessors Friedrich Theodor Vischer aus dem Jahr 1879: ZITATOR Das männliche Kleid soll überhaupt nicht für sich schon etwas sagen, nur der Mann selbst, der darin steckt, mag durch seine Züge, Haltung, Gesicht, Worte und Thaten seine Persönlichkeit geltend machen.TC 14:48 – Das amerikanische Bloomer-Kostüm MUSIK ERZÄHLERIN Zur Ausstellung des männlichen Erfolgs war die Ehefrau da, in dekorativen Kleidern, in denen man schwerlich arbeiten konnte, selbst wenn man das musste. Um 1850 waren Frauen wieder fest ins Korsett geschnürt und schleppten unter ihren weiten Röcken ein halbes Dutzend steife Unterröcke mit sich herum. Zu dieser Zeit lebte Elizabeth Cady Stanton in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat New York. Einige Jahre zuvor hatte sie hier die erste Frauenrechtsversammlung in den Vereinigten Staaten organisiert und radikale Forderungen nach Gleichberechtigung gestellt. ZITATORIN Mrs. Miller kam mich besuchen, gekleidet im türkischen Stil – kurzer Rock, weite Hosen aus feinem schwarzem Tuch, ein spanischer Umhang, der bis zum Knie reichte, ein sehr kleidsames Kostüm und überaus geeignet zum Gehen bei jedem Wetter. Meine Kusine zu sehen, wie sie, mit einer Laterne in einer Hand und einem Baby in der andern, mit Leichtigkeit und Anmut die Treppe hinaufstieg, während ich, mit wallenden Gewändern, mich mit Mühe hinaufzog, von Laterne und Baby gar nicht zu reden, überzeugte mich sogleich, dass eine Reform der Frauenkleidung sehr nötig war, und ich legte umgehend einen ähnlichen Anzug an. ERZÄHLERIN Ähnliche Kostüme hatten schon andere ausprobiert. Aber Stanton und ihre Freundin Amelia Bloomer, die eine kleine Frauenzeitschrift herausgab, rührten die Trommel dafür. Es wurde bekannt als „Bloomer-Kostüm“, schlug Wellen in den USA und in Europa und löste eine Flut von Karikaturen, bissigen Pressekommentaren und Spottliedern aus. Vermutlich verstanden die Lästermäuler durchaus, dass es Elizabeth Cady Stanton und Amelia Bloomer keineswegs nur um praktischere Kleidung ging. ZITATORIN Mir scheint, wenn die Frau völlige Freiheit genösse, würde sie sich genau wie ein Mann anziehen. In männlicher Kleidung könnten wir reisen, durch alle Straßen unserer Städte gehen ohne einen Beschützer, siebenhundert Dollar im Jahr fürs Unterrichten bekommen statt dreihundert und zehn Dollar fürs Nähen eines Mantels statt zwei oder drei, wie wir es jetzt haben. ERZÄHLERIN … schrieb Stanton an einen Freund. Einige hundert Frauen in Amerika, über mehrere Staaten verteilt, trugen das Bloomer-Kostüm. Dafür wurden sie auf der Straße begafft, von johlenden Kindern verfolgt und mit Hohn übergossen. Nach zwei, drei Jahren hatten fast alle Frauen entnervt aufgegeben. Die radikalen Suffragetten der Jahrhundertwende vermieden solche Experimente. Sie wollten nicht schrullig wirken und damit andere Frauen abschrecken. Die Hosenfrage war damit nicht gestorben, allerdings tauchte sie nun in einem anderen Bereich wieder auf: als Frauen sich den Sport eroberten. TC 17:33 – Eroberung des Sports ZITATORIN Man redet der Frau ein, daß sie kränklich sei und schwach und daher des männlichen Schutzes bedürfe; denn ahnte sie die ihr angeborne Kraft und Gesundheit, so könnte der souveräne Mensch in ihr erwachen ERZÄHLERIN … schrieb die Schriftstellerin Hedwig Dohm 1874. Mediziner warnten eindringlich, dass Sport Frauen zu Mannweibern mache und die Gebärfähigkeit beeinträchtige. Sie sollten sich auf maßvolle Gymnastik und Reigentanz beschränken. Sportbegeisterte Frauen ließen sich damit aber nicht von Hockey, Schwimmen, Skifahren, Rudern, Bergsteigen und Boxen abhalten und mussten dabei Lösungen für die Kleiderfrage finden. In der Turnhalle setzten sich knielange Pluderhosen als Sportdress durch. Ansonsten verwandten Frauen viel Erfindungsgabe darauf, um selbst auf Alpengipfeln nicht in einer Hose gesehen zu werden. Lieber konstruierten sie textile Verwandlungsapparate, wie die Rockhose dieser Bergtouristin: ZITATORIN Über der Wäsche trage ich eine Hose, am Knie seitlich geknöpft und durch einige Falten so erweitert, dass ich frei ausschreiten kann. Der fußfreie Rock ist sehr faltig. Ich kann ihn entweder rings mit einem Riemen schürzen, oder ich ziehe ihn an der Stelle empor, welche durch den An- und Abstieg freie Bewegung fordert. ERZÄHLERIN Mit dem Fahrrad-Hype um 1900 wurden Frauenbeine in Hosen dann auch öffentlichkeitstauglich. Die Knickerbocker-Trägerinnen riskierten dennoch, von aufgebrachten Passanten mit Matsch beworfen oder in Ausflugslokale nicht eingelassen zu werden. TC 19:07 – Wer hat jetzt die Hosen an? MUSIK ERZÄHLERIN 1907 wollte die Sängerin Claire Waldoff in einem Berliner Kabarett kess in Herrenanzug und Zylinder auftreten, doch da griff die Obrigkeit ein. Sie durfte nur im Kleid auf die Bühne. Ein paar Jahre später später kreierten Pariser Modeschöpfer „Hosenkleider“. Wagemutige Damen flanierten damit durch europäische Metropolen und ernteten Hohn und Spott. In München allerdings blieb man gelassen. ZITATOR Die neuen Kostüme, die man bei der Parademusik vor der Residenz, des Nachmittags im Englischen Garten und des Abends im Hoftheater sah, fanden ein aufmerksames Interesse, das sich aber in schicklichen Formen kundgab. ERZÄHLERIN Im Ersten Weltkrieg übernahmen Frauen viele bisherige Männerjobs, aber nicht die männlichen Arbeitshosen. Wenn ein Rock ganz unbrauchbar war, wurden von der Männerkleidung verschiedene Modelle eingeführt. So bekamen Streckenläuferinnen bei der Eisenbahn und Arbeiterinnen in der Schwerindustrie des Ruhrgebiets Kniebundhosen. In den Zwanzigerjahren schnitten sich Frauen die Haare und die Röcke ab und Fliegerinnen in Hosen und Lederjacke waren die Idole junger Mädchen. Trotzdem hieß es auch in den Dreißigern kategorisch: ZITATORIN Hosen? Nur im Heim, für den Strand und den Sport! ERZÄHLERIN Als Marlene Dietrich sich in einem Hosenanzug im Herrenschnitt sehen ließ, verbot ihr Filmstudio ihr das prompt, doch sie hatte schon eine neue Mode gestartet. In den USA brachte Levi’s „Lady Levi“ auf den Markt, die erste Jeans speziell für Frauen. In der Schweiz trat Nelly Diener, Europas erste Stewardess, ihren Dienst an. Ihre selbstkreierte Uniform bestand aus Sakko und Hosenrock. Erst vierzig Jahre später durften die ersten Flugbegleiterinnen wieder Hosen tragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Keilhose und die Capri-Hose erfunden. Als Audrey Hepburn in dem Film “Sabrina” eine schwarze Capri-Hose trug, prophezeite eine Zeitschrift: MUSIK ZITATOR Mehr Frauen als je zuvor werden in diesem Sommer „die Hosen anhaben“, daran besteht kein Zweifel! Glücklicherweise nur im modischen Sinn. ERZÄHLERIN In den Sechzigern und Siebzigern waren Hosen aus der Mode für Frauen schon nicht mehr wegzudenken, von den jungen Jeansträgerinnen bis zur Pariser Haute Couture. In der Bundesrepublik kauften Frauen schon mehr Hosen als Röcke. Aber in Büros waren Hosen immer noch tabu, bei offiziellen Anlässen galten sie als unpassend, und Esther Ofarim war nicht die einzige Frau, die wegen ihrer Hose aus einem Restaurant oder Hotel verwiesen wurde. Heute sind Hosen für Frauen kein Thema mehr. Und Männer experimentieren mit Röcken, wenn auch nur eine winzige Minderheit.TC 22:00 – Outro

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