SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Jun 2, 2024 • 16min

George Saunders: Tag der Befreiung

Saunders kehrt zu den Erzählungen zurück und hebt die Grenze zwischen Gegenwart und Zukunft auf. Befinden wir uns in einer Dystopie? Oder in einer grell verzerrten Gegenwart? Saunders Welt ist dunkel, aber noch nicht verloren.
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Jun 2, 2024 • 1h 5min

SWR Bestenliste Juni mit Büchern von Salman Rushdie, George Saunders, Claire Keegan und Heinrich Steinfest

Warum das Unheimliche rätselhaft bleiben muss: Shirin Sojitrawalla, Denis Scheck und Jan Wiele diskutieren vier auf der SWR Bestenliste im Juni verzeichneten Werke im Mozartsaal des Schwetzinger Schlosses. Die düsteren Erzählungen von George Saunders, die in herausragender Übersetzung von Frank Heibert unter dem deutschen Titel „Tag der Befreiung“ erschienen sind, haben die Runde gleichermaßen beeindruckt und verstört. Denis Scheck feiert Heinrich Steinfests Kunstroman, Detektivgeschichte und Familiendrama „Sprung ins Leere“, den Jan Wiele für zwar unterhaltsam, aber deutlich zu lang hält. Shirin Sojitrawalla zeigt sich begeistert von Claire Keegans Erzählung „Reichlich spät“, über dessen Kürze sich wiederum Denis Scheck freut. Jan Wiele kritisiert Keegans eindimensionales Erzählkonzept zum Thema „Misogynie“, kann der in Irland spielenden Geschichte aber mit der Perspektive des „touristischen Lesens“ durchaus etwas abgewinnen. „Gedanken nach einem Mordversuch“ lautet der Untertitel von Salman Rushdies Memoir „Knife“, in dem er über das Attentat auf ihn im August 2022 berichtet. Ein wichtiges und ein intimes Buch, wie die Runde befand – selbst wenn es unter literarischen Gesichtspunkten – wie Scheck und Sojitrawalla meinen – nicht Rushdies bestes Buch sei. Jan Wiele verweist auf die vielen inhaltlichen und formalen Ebenen des Textes, von der freien Assoziation als schriftliche Eigentherapie, über essayistische Passagen bis zu fiktiven Dialogen mit dem Attentäter. Aus den vier Büchern lesen Isabelle Demey und Dominik Eisele. Durch den Abend führt Carsten Otte.
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Jun 2, 2024 • 16min

Claire Keegan: Reichlich spät

Claire Keegan ist eine Meisterin der kurzen Form. Kein Wort zuviel steht in ihren Erzählungen. Ihr neues Buch hat gerade einmal 60 Seiten. Keegan erzählt von einem Durchschnittsmann und von internalisierten Machtstrukturen.
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Jun 2, 2024 • 17min

Heinrich Steinfest: Sprung ins Leere

Eine Museumsaufseherin, die die Exponate liebt. Eine Großmutter, die vor Jahrzehnten spurlos verschwand. Und eine burleske Reise nach Japan. Steinfests neuer Roman ist Detektivgeschichte und Generationenporträt zugleich.
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Jun 2, 2024 • 16min

Salman Rushdie: Knife. Gedanken nach einem Mordversuch

Unfassbar ist die Freude, mit der Salman Rushdie im Leben steht. Am 12. August 2022 wurde er bei einem Attentat schwer verletzt. In „Knife“ setzt er der rohen Gewalt das entgegen, woran er immer geglaubt hat – die Kraft der Literatur.
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Jun 2, 2024 • 56min

Krieg ist keine Metapher - Über Lyrik im Ausnahmezustand

"Krieg ist keine Metapher", lautet die These der ukrainischen Dichterin Halyna Kruk. Sie und andere Lyrikerinnen und Lyriker sprechen über die Bedingungen einer Poesie im Ausnahmezustand. Manche unter ihnen setzen nun ganz neu an. Dabei wiederholen sich die Debatten aus den Weltkriegen. Und eigentlich begann alles schon mit Homer. Norbert Hummelt hat für das SWR Kultur lesenswert Feature die Autoren Durs Grünbein, Slata Roschal, Yevgeniy Breyger, Karl-Heinz Ott und Halyna Kruk getroffen.
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May 30, 2024 • 5min

Saša Stanišić – Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne | Buchkritik

Das Leitmotiv: Ein Proberaum für das Leben Sie hängen in den Weinbergen ab, werfen dann und wann Steine in die Luft: Fatih, Piero, Nico und Saša, vier Jungs um die 16, mitten in der Pubertät und kurz vor den großen Ferien. Fatih hat eine bestechende Idee – einen Proberaum für das Leben. Jeder, der will und 130 Mark zahlt, darf zehn Minuten lang die eigene Zukunft testen. Und überlegen: Will ich das? Oder will ich etwas ganz anderes? Dieses allzu menschliche Verlangen wird zum Leitmotiv im neuen durch und durch spielerischen Prosaband von Saša Stanišić. Saša Stanišić: Literatur ist ja so ein Möglichkeiten-Raum. Da probieren wir Geschichten aus der Vergangenheit, aus der Gegenwart – und eben auch die Zukunfts-Geschichten – aus. Und das wäre eine doppelte Vorstellungskraft, die dann zu Werke geht. Einmal haben wir diese Sci-Fi-Idee vom Proberaum. Und zweitens haben wir die literarische Umsetzungskraft dieser Biographien, die sich verändern. Und ich lasse meinen Figuren immer diese zweite Chance gewähren – dass sie noch einmal zehn Minuten von ihrem Leben leben können. Die sie sonst nicht hätten. Kein Roman, auch kein Erzählungsband Saša Stanišić nennt sein Buch mit dem Titel „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“: eine Chimäre. Es ist kein Roman, es ist auch kein klassischer Erzählungsband. Vielmehr beständiges Dazwischen, furios, voller Witz, oft in kurzen Sätzen, rhythmisch und mit knappen Dialogen: Geschichten von unterschiedlichen Menschen aus unserer Zeit, auf magische Weise miteinander verbunden – nicht nur, weil alle Figuren den Proberaum für das Leben betreten. Ein Saša Stanišić ist auch dabei. Er war angeblich als Jugendlicher auf Helgoland und wird dreißig Jahre später dort beschuldigt, das alte Wirtshausschild aus dem „Inselkrug“ gestohlen zu haben. Hochironische Autofiktion, voller Brechungen. Saša Stanišić: Wir haben da einen dahin gereisten Jugendlichen, der aber in Wirklichkeit nicht dahin gereist ist. Er hat nur seinen Freunden erzählt, dass er dahin reist, weil er sich geschämt hat oder Geltungsbedürfnis hatte, weil er auch einmal etwas erleben wollte. Dann haben wir den erwachsenen Saša Stanišić, den Schriftsteller, der sich wohl eine Geschichte durchliest, in der er selber Protagonist ist, die er aber nicht gut finden. Die Bilder gefallen ihm nicht, die Sprache gefällt ihm nicht. Und dann gibt es die Geschichte, die erzählt wird, dass ein Kneipenschild geklaut worden ist. Dieses Kneipenschild hat eine große Wichtigkeit für die Wirtin auf dieser Insel, auf Helgoland. Immer wieder kommen Saša Stanišić‘ Geschichten ungestüm daher, mancher erzählerische Kniff ist rotzfrech. Unter der Oberfläche aber liegen Melancholie und tiefer Ernst. Eben: der großen Frage folgend, welches Leben verpassen wir, während wir ein anderes leben? Und was wollen wir hinter uns lassen? Einige der Figuren erfahren Ausgrenzung, aufgrund ihrer Herkunft, aufgrund ihrer Sprache. Der Helgoland-Fahrer Saša Stanišić etwa begegnet – in der literarischen Imagination – Heinrich Heine. Lebens- und Zeitgeschichten verbinden einander: die Ablehnung, die Angst. Fatihs Anproberaum, das wäre es jetzt. Die Gegenwart war klar. Wie Heine hätte ich sie oft am liebsten verlassen. Wäre lieber woanders gewesen. Woanders und vor allem wer anders. Wenn die Albträume der Abschiebung uns heimsuchten. Wenn zu Hause gestritten und gelitten und das Geld am Ende des Monats knapp wurde. Oder wenn die Bullen uns mal wieder anhielten und: Leert die Taschen, Jungs, alles. In unserem Viertel, idyllisch zwischen Weinberg und Wald, reichte es unterwegs zu sein, um verdächtig zu sein. Hattest du dunklere Haut, fuhr keine Streife an dir vorbei. (aus: Saša Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne) Ein paar Sätze – und abgrundtiefe Traurigkeit. Und doch behaupten sich die Figuren von Saša Stanišić. Auch die beiden Frauen, die jeweils eine Art Zentrum in den vielen Prosatexten bilden: die Hamburger Witwe Gisel – die unter anderem über die entsprechende Platzierung der Gießkanne am Grab ihres Mannes räsoniert. Und Dilek, in einer Geschichte in Heidelberg zu Hause, in einer anderen – einer „Traumnovelle“ – Putzfrau in Wien, angestellt bei einer reichen wie unverschämten Wienerin. Dilek merkt bei ihrer Arbeit, dass die Zeit plötzlich stehen bleibt. Oder vielleicht auch ihr Herz, man weiß es nicht. Sie erlebt einen utopischen Moment der Freiheit. Und emanzipiert sich. Ein erzählerisches Labyrinth Saša Stanišić: Fast alle meine Figuren schaffen es, zumindest in Gedanken, wenn auch nicht in Vorstellungen und Wünschen und Zielen, die sie haben, sich ihres Lebens zu bemächtigen und zu sagen: Okay, ich will es aber so! Das ist meine Entscheidung, das ist mein neuer Weg. Bei ihr gelingt es mir, glaube ich, am intensivsten, diesen Kampf gegen die Konventionen – die Konvention, mit ihrem Mann zurück in die Türkei zu gehen, die Konvention, sich um die Kinder gekümmert zu haben und jetzt gar kein eigenes Leben gehabt zu haben, all diese Dinge zu verlassen und für sich einen kleinen Weg zu finden, wie klein der auch ist – aber es ist ein Weg in die Freiheit. Ja, ein Weg in die Freiheit. Das ist der Kern der nicht nur in emotionaler Hinsicht vielschichtigen Prosa von Saša Stanišić. Man verschwindet lustvoll in diesem erzählerischen Labyrinth, all denen folgend, die von einem anderen Leben träumen. Könnte man selbst einen Proberaum für die Zukunft betreten – die Geschichten von Saša Stanišić wären unbedingt mitzunehmen, aus welcher Gegenwart auch immer.
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May 29, 2024 • 4min

Sebastian Guggolz (Hg) – Kafka gelesen: Eine Anthologie

Franz Kafka hat nur ein schmales Werk hinterlassen: drei unvollendete Romane, einige Erzählungen, Briefe und Tagebücher. Trotzdem wurde der Prager Autor zum wirkmächtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, zum großen Vorahner der technologischen und bürokratischen Moderne. Benjamin, Adorno, Canetti, Deleuze – um nur einige zu nennen – haben die rätselhafte Welt Kafkas zu deuten versucht. Von dem Berg literaturwissenschaftlicher Analysen ganz zu schweigen, der immer weiter anwächst. Fast jedes Wort dieses Autors wurde unter die Lupe genommen. So begegnet man der Anthologie, in der 26 Autorinnen und Autoren über ihre Erfahrung mit Kafka schreiben, erst einmal mit einiger Skepsis. Der Herausgeber, der Verleger und Lektor Sebastian Guggolz, weiß um solche Vorbehalte. „Kafka gelesen“ versteht er dennoch als Einladung, fremden Lektüren zu folgen und in die Textwelt Kafkas aufzubrechen.    Kafkas Wirkung auf die eigene Biografie   Man kann sich auf einzelne Sätze, Motive oder Lieblingserzählungen konzentrieren, wie das einige Autoren tun, um diese mal mehr mal weniger originell zu dechiffrieren. Oder man erinnert sich an die Begegnung mit Kafkas Texten und rekapituliert deren Wirkung auf die eigene Biografie und das eigene Schreiben. Viele Autoren erzählen so sehr unmittelbar nicht zuletzt auch von sich selbst. Und das ist durchaus spannend zu lesen. Michael Kumpfmüller arbeitete sich als Gymnasiast nahezu durch das komplette Werk Kafkas. Ein später Widerhall der frühen Lektüre ist der gerade verfilmte Bestseller Kumpfmüllers „Die Herrlichkeit des Lebens“ über Kafkas letztes Lebensjahr und seine Liebe zu Dora Diamant. Aber vor dem souveränen späteren Umgang stand die umstürzende Erfahrung der ersten Begegnung.     Schwer zu sagen, wie und mit welchem Ergebnis ich ihn damals gelesen habe; ich sehe die Dunkelheit, vor allem sie; dass ich alles gut kannte oder zu kennen glaubte – die Figur des übermächtigen Vaters, dass die Liebe schwierig bis unmöglich ist und der Einzelne klein und für sich, verdammt und zugleich seltsam frei.  Quelle: Sebastian Guggolz (Hg) – Kafka gelesen: Eine Anthologie Schreiben als Ausweg aus den Begrenzungen der Gegenwart  Katerina Poladjan schreibt einen Brief an den liebsten Franz und erzählt von kafkaesken Erfahrungen. Isabella Lehn kennt – wie Kafka – das Gefühl nur zu gut, den Anforderungen der Welt nicht zu genügen. Das Schreiben ist für sie ein Ausweg aus den Beschränkungen der Gegenwart. Für Kafka war es noch mehr: die eigentliche Existenz. Dana Grigorcea berichtet ebenfalls von ihrer frühen Kafka-Lektüre. Im kommunistischen Rumänien waren die Bücher des Prager Autors für sie geradezu überlebenswichtig:  Da wurden Stimmungen, die ich bestens kannte, in Worte gefasst, in einprägsamen, repetitiven Bildern festgehalten. Nie mehr würden sie wieder formlos, als beunruhigende Ahnungen um mich schweben. Es war bei Kafka, wo ich die wirksamen Bannsprüche gegen die Angstlähmungen fand, das Gegengift für meine Erfahrungen von Diktatur und Willkür.  Quelle: Sebastian Guggolz (Hg) – Kafka gelesen: Eine Anthologie Ein Buch, das die Neugier auf Kafka weckt  Kafka habe dafür gesorgt, dass das Fragmentarische, das Abgebrochene und Verstümmelte Zugang in die Literatur findet und dort seine eigene Würde bekommt, hat sein Biograf Reiner Stach einmal gesagt. In einem der besten Beiträge der Anthologie bekennt Jan Faktor, dass „der ganz große Kafka“ für ihn der fragmentarische ist. Auch den unvollendeten Werken sei nichts mehr hinzuzufügen.  Da in der von Kafka geschaffenen Realität so vieles nicht stimmt, wäre es – jedenfalls in den umfangreicheren Werken – sowieso fast unmöglich, aus derartigen Konglomeraten ein rundes Ganzes zu erschaffen. Auf das sogenannte „Process“-Fragment bezogen: Kann sich jemand vorstellen, wie Kafka Josef K. vor irgendwelchen unteren, mittleren oder hohen Richtern antreten lässt?  Quelle: Sebastian Guggolz (Hg) – Kafka gelesen: Eine Anthologie Vorstellen können wir uns, dass diese Anthologie die Neugier weckt auf Kafka. Und dass sie dazu führt, ihn neu oder wieder zu lesen. Es wäre sicher der schönste Ertrag dieses Buches.
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May 28, 2024 • 4min

Hans-Gerd Koch – Kafkas Familie. Ein Fotoalbum

Mit seiner Familie hätte Franz Kafka lieber nichts zu tun gehabt. Diesen Eindruck erwecken zumindest bestimmte Passagen in seinen Tagebüchern, Briefen und vor allem sein berühmter „Brief an den Vater“. In diesem Prosatext wird nicht nur der Vater Hermann als übermächtig und übervital porträtiert, auch die Schwestern Elli und Valli werden wenig schmeichelhaft gezeichnet. Die große Ausnahme: Ottla, die jüngste der drei Schwestern. So schreibt der 29-jährige Kafka 1912 an seine spätere Dauerverlobte Felice Bauer:  Im übrigen ist meine jüngste Schwester (schon über 20 Jahre alt) meine beste Prager Freundin, und auch die zwei anderen sind teilnehmend und gut. Nur der Vater und ich, wir hassen einander tapfer. Quelle: Hans-Gerd Koch – Kafkas Familie. Ein Fotoalbum Der Dichter im Hauptquartier des Lärms  Hier kommen also auch die anderen beiden Schwestern gar nicht so schlecht weg. Aber insgesamt bemüht sich der junge Dichter, das Image des vom familiären Trubel in der elterlichen Wohnung Gemarterten zu kultivieren, im „Hauptquartier des Lärms“, wie er schreibt. Dass der neue Text-Bild-Band des Kafka-Herausgebers Hans-Gerd Koch den Titel „Kafkas Familie“ und den Untertitel „Ein Fotoalbum“ trägt, könnte deshalb verwundern. Aber ebenso, wie die Arbeit des promovierten Juristen Franz Kafka bei der Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt nicht die reine Fron war, sondern ein vergleichsweise lauer Job mit Feierabend ab mittags um zwei, ebenso wenig ist Kafka vorstellbar ohne seine große Verwandtschaft.   Hans-Gerd Koch dokumentiert dies mit mehr als 100 Fotografien, zum Großteil aus dem vom Verleger Klaus Wagenbach aufbewahrten Kafka’schen Familien-Archiv, ergänzt um schlaglichtartig ausgewählte Auszüge aus Tagebuchnotizen und Briefen. Anhand der so eingeordneten Aufnahmen führt der Herausgeber durch die Familiengeschichte, von den Großelternpaaren Kafka und Löwy über die Eltern Julie und Hermann Kafka und deren zahlreiche Geschwister bis zu den Kindern der Schwestern Elli, Valli und Ottla, Franz‘ Nichten und Neffen also, für die der Onkel sich durchaus und sehr wohlwollend interessierte.   Unverdüsterte Mitteilungen aus der Sommerfrische  In einigen dieser Briefe ist Kafka ganz der verantwortungsvolle große Bruder, der etwa der Schwester Elli nahelegt, sie möge ihre kleine Tochter in die Reformschule Dresden-Hellerau schicken. In anderen schreibt er aus der Sommerfrische in böhmischen Bädern, an der Ostsee oder, nach Ausbruch seiner Tuberkulose-Erkrankung, bei Schwester Ottla, die während des Ersten Weltkriegs das Gut ihres Schwagers bewirtschaftete. Ihr vom Kriegsdienst freigestellter Bruder genoss derweil den heiteren Landaufenthalt, wie er im September 1917 einem Freund schreibt:  „Dabei sieht mich infolge vorteilhafter Anlage der nächsten Umgebung kaum irgendjemand, was bei der komplicierten Zusammenstellung meines Liegestuhles und bei meiner Halbnacktheit sehr angenehm ist. [...] Vielleicht werde ich noch Dorfnarr werden, der gegenwärtige, den ich heute gesehen habe, lebt eigentlich wie es scheint in einem Nachbardorf und ist schon alt.“  Quelle: Hans-Gerd Koch – Kafkas Familie. Ein Fotoalbum Franz Kafka ließ sich nicht gern fotografieren. Von den bekannten Kinderbildnissen und Passfotos abgesehen, ist er nur auf wenigen der Schnappschüsse und Gruppenbilder vertreten. Umso reichlicher sind die Aufnahmen der Verwandtschaft. Auf diese Weise vervollständigt sich nicht nur das Porträt Franz Kafkas, es entsteht auch ein Zeitbild jüdischen Aufstiegs in den letzten Jahrzehnten des Habsburgerreichs und der Umbrüche, die Weltkrieg und Gründung der tschechoslowakischen Republik mit sich brachten.   Hans-Gerd Koch fasst in seiner Nachbemerkung zusammen, wie es für die Familie nach Kafkas Tod am 3. Juni 1924 weiterging. Während der deutschen Besatzung starben alle drei Schwestern Anfang der Vierzigerjahre in Konzentrationslagern, auch viele der Nichten und Neffen, deren Kinderbildnisse in diesem Album versammelt sind, wurden ermordet. Angesichts dessen wirken die fotografischen Zeugnisse dieses lebendigen Familienzusammenhangs umso eindrücklicher.
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May 27, 2024 • 4min

Günter Karl Bose – Kafka im Ostseebad Müritz (1923) | Buchkritik

Meer und Wald-in diesen beiden Worten liegt der Zauber Müritz. Still und friedlich ist Müritz, kein Luxusbad, doch auch nicht altmodisch, sondern ein wirkliches Erholungsbad. Quelle: Günter Karl Bose – Kafka im Ostseebad Müritz (1923) Für Franz Kafka wird der verträumte Ort an der Ostsee mit viel Wald und Wellen, Sonne und Strand einen letzten, ungeahnten Sommer bereithalten: vier Wochen des Jahres 1923, die sein Leben noch einmal und grundlegend verändern. Davon ahnt Kafka noch nichts, als er sich am 10. Juli auf die Reise begibt. Es geht ihm sehr schlecht.   Ein letzter, ungeahnter Sommer für Franz Kafka im Jahr 1923  Vor einem Jahr ist er vorübergehend pensioniert worden, regelmäßige Büroarbeit kann er nicht mehr leisten. Immer wieder drücken ihn Fieberanfälle oder Magen-Darmkrämpfe nieder. Die Tuberkulose schreitet voran, Kuren zeigen keinen Erfolg.  Die schrecklichen Zeiten, unaufzählbar, fast ununterbrochen. Spaziergänge, Nächte, Tage, für alles unfähig außer für Schmerzen. Quelle: Franz Kafka notiert der Niedergeschlagene am 12. April 1923 in sein Tagebuch. Wenige Wochen später aber wagt er zusammen mit seiner Schwester Elli und deren Kindern die Fahrt nach Müritz. Sie wohnen im Haus „Glückauf“, Kafka bezieht ein Zimmer im zweiten Stock mit Blick auf den Wald.  50 Schritte von meinem Balkon ist ein Ferienheim des jüdischen Volksheims in Berlin. Durch die Bäume kann ich die Kinder spielen sehen. Fröhliche, gesunde, leidenschaftliche Kinder. Die halben Tage und Nächte ist das Haus, der Wald und der Strand voll Gesang. Wenn ich unter ihnen bin, bin ich nicht glücklich, aber vor der Schwelle des Glücks. Quelle: Franz Kafka Folgenreiche Begegnung mit Dora Diamant  Bereits drei Tage nach Ankunft im Ostseebad hat sich die Stimmung Kafkas deutlich aufgehellt, wie seinem Brief an den Schulfreund Hugo Bergmann zu entnehmen ist und es wird nicht mehr lange dauern, bis er in eben jenem Haus des Jüdischen Volksheims Dora Diamant begegnet. Sie arbeitet dort als Wirtschafterin und Köchin. Dora stammt aus einer Familie orthodoxer Juden in Lodz. Um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, hat sich die junge Frau bis Berlin durchgeschlagen und eine Anstellung gefunden. Den Sommer verbringt sie nun in Müritz. Eines Abends kommt Kafka, um den Sabbat mitzufeiern. Zum ersten Mal richtet er das Wort an Dora Diamant. Sie beschreibt es in den wenigen von ihr erhaltenen Notizen.  Als ich von meiner Arbeit aufblickte – der Raum hatte sich verdunkelt, es stand jemand draußen vor dem Fenster – erkannte ich den Herrn vom Strand wieder . Dann trat er ein – ich wusste nicht, dass es Kafka war und dass die Frau, mit der ich ihn am Strande zusammen gesehen hatte, seine Schwester war. Er sagte mit sanfter Stimme: ‚So zarte Hände, und sie müssen so blutige Arbeit verrichten!‘  Quelle: Dora Diamant Eine folgenreiche Begegnung Sie ist die erste Frau, mit der er sich ein gemeinsames Leben vorstellen kann, ein „anderes Leben“ in Berlin, nicht in ferner Zukunft, vielleicht im nächsten Monat schon. Nun hat er dafür eine „Komplizin“ gefunden. Erzählen wird er es niemandem. Noch können die Dämonen, die seit Jahren seinen Spuren folgen, die Pläne durchkreuzen. Quelle: Günter Karl Bose – Kafka im Ostseebad Müritz (1923) befürchtet mit Kafka der in Wort und Gestaltung feinsinnige Günter Karl Bose. In seinem wunderbar gestalteten Buch „Franz Kafka im Ostseebad Müritz (1923)“ beschreibt und bebildert der Germanist und Typograf die letzte große Vision des todgeweihten Autors.  Ein bibliophiles Kleinod  Was alles Platz findet in diesem bibliophilen Kleinod! Annoncen, Fotos, historische Beschreibungen, Karten des Ostseebades Müritz, Abbildungen der Häuser und Bewohner bereichern den sorgsam recherchierten Text. Dieser, immer aufs Neue durchfurcht von Zitaten, Briefen oder Berichten, erzählt nicht nur die Geschichte von Kafka und Dora Diamant (die glückliche in Müritz wie auch die traurige danach). Doras Kollegin und spätere Palucca-Tänzerin Tile Rössler erfährt ebenso ausführliche Erwähnung wie die Geschichte des Jüdischen Volksheims und seiner Gründer oder auch der Pension „Glückauf“ und was aus ihr wurde. Die Lektüre dieses Buches gleicht einer Reise – an die See und in die Seele eines großen Sommers.

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