

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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May 26, 2024 • 55min
Sterne, Schlaf, Italo-Pop – Der neue Knausgård und andere neue Bücher im lesenswert Magazin
Theresia Enzensberger ist eine von vielen Schlaflosen: Jetzt hat sie den politischen Implikationen und den heilenden Kräften des Schlafes ein interessantes Buch gewidmet. Wir sprechen mit ihr.
Suchtpotential: Der neue Roman von Karls Ove Knausgård
Der Norweger Karl Ove Knausgård legt den dritten Teil seines neuen Roman-Großprojektes vor: „Das dritte Königreich“. Ein Buch, das süchtig nach mehr macht, findet unser Kritiker.
In Mainz wird der puerto-ricanische Schriftsteller Carlos Fonseca mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet. Wir haben mit ihm über sein großes Thema Erinnerung und den aktuellen Roman „Austral“ gesprochen.
Italienische Popmusik ist auch in Deutschland sehr beliebt - kaum etwas anderes bringt einen so direkt in eine gewisse, lässige Urlaubsstimmung wie Italo-Pop: Der Musikjournalist Eric Pfeil widmet in „Ciao, Amore, ciao“ 100 alten und neuen Songs kluge und die Italien-Sehnsucht befeuernde Betrachtungen.
Wiederbegegnung mit Agatha Christie
Unvergessen sind Figuren wie der sehr von sich überzeugte belgische Privatdetektiv Hercule Poirot und die schrullige britische Miss Marple: Schöpfungen der Krimi-Königin Agatha Christie. Jetzt gibt es eine schöne Wiederbegegnung mit ihnen in einem „Very best of“-Hörbuch.
Max Czollek ist vor allem bekannt als streitbarer Zeitgenosse, unermüdlicher Twitterer und Autor von politischen Essays. Er kann auch leisere Töne anschlagen, wie er in seinem neuen Gedichtband „Gute Enden“ beweist. Gut ist darin allerdings nichts - ein Buch der Trauer und der Unruhe.
Musik:Angèle - Nonante-Cinq La SuiteLabel: Angèle VL recordsLucio Battisti - Il mio canto libero Label: Numero Uno Milva - Alexanderplatz Label: EMM

May 26, 2024 • 11min
Theresia Enzensberger – Schlafen
Die Schlaflosigkeit nimmt in unserer Gesellschaft rasant zu. Was sind die Ursachen? Theresia Enzensberger widmet dem Schlafen und auch seinen politischen Implikationen jetzt ein sehr interessantes Buch.

May 26, 2024 • 5min
Eric Pfeil – Ciao Amore, ciao. Mit 100 neuen und alten Songs durch Italien
Mit dem Schlager „Abbronzatissima“ – „stark gebräunt“ von Edoardo Vianello beginnt Eric Pfeils zweite musikalische Italienrundreise. Dass dieser Sommerhit aus dem Jahr 1963 den Auftakt bildet, ist zwar schlicht der alphabetischen Aufzählung nach Liedtiteln geschuldet. Aber auch inhaltlich ergibt es Sinn:
Die Wirtschaft boomt, Italien hebt ab ins scheinbar ewige Blau, und da darf es an leichtfüßigem Liedmaterial nicht mangeln. Doch nicht genug damit, dass hier eine italienische Musiktradition ihre Geburt erlebt; wir dürfen gewissermaßen dabei sein, wie Italien, so wie wir es kennen, sich überhaupt erst erfindet. Der Großteil dessen, was wir heute als „typisch italienisch“ wahrnehmen – Esskultur, Aperitivo-Tradition, Caffé-Rituale, Mode, Kino, Musik – ist ein Produkt der Nachkriegszeit und des „Boom economico“, des wirtschaftlichen Aufschwungs. „Abbronzatissima“ ist in diesem Sommer 1963 mithin der Soundtrack zur Erschaffung der italienischen Leichtigkeit.
Quelle: Eric Pfeil - Ciao Amore, ciao
Ein Buch wie eine riesige gemischte Antipasti-Platte
100 Lieder in 100 Kapiteln – wie schon das erste Italien-Buch von Eric Pfeil ist auch dieser Band wie eine riesige gemischte Antipasti-Platte: bunt, abwechslungsreich, überraschend, aber auch tiefgründig.
So erklärt der Autor beispielsweise anhand von Ivano Fossatis „La mia banda suona il rock“ das Verhältnis des Einzelnen zur Nation. Der Genueser Fossati nahm das Album 1979 in den USA auf, um der provinziellen Kleinteiligkeit seiner Heimat zu entfliehen.
Man denkt weniger national als regional – als piemontese, napoletano oder pugliese. Sich kollektiv unter dem Banner Italia zu versammeln, fällt den Bewohnern des Bel Paese bis heute schwer. In Italien spricht man vom Campanilisimo, der extremen Bezogenheit auf den örtlichen Glockenturm.
Quelle: Eric Pfeil - Ciao amore, ciao
Leidenschaftlicher Italien-Forscher
Pfeil, das scheint auf jeder Seite durch, ist nicht einfach nur Tourist. Er ist ein leidenschaftlicher Italien-Forscher, der das Land in all seiner kulturell und regional fragmentierten Gesamtheit erfassen will. Dafür hat er es über Jahrzehnte hinweg bereist, sich in die Geschichte eingelesen und mit vielen Menschen gesprochen. Dieses Wissen vermittelt er uns anhand der ausgesuchten Lieder.
Ich gehör erstmal auch zu diesen Leuten, die sich unschuldig in dieses Land verknallt haben – sah einfach alles besser aus, war sehr überzeugend, zumal wenn man wie ich aus Bergisch Gladbach kommt. Irgendwann läuft man dann natürlich vor sehr viele Wände. Dann stehen die Widersprüche im Raum herum. Der Katholizismus, die Frauen, die Männer, die Mütter, die Mafia…. Die Musik, die für mich immer parallel lief, die ich auch immer faszinierend fand, weil sie so ein anderes Flirren hatte als anglo-amerikanische Musik, hat sich für mich irgendwann als das Mittel herausgestellt, mit dem man das Land wirklich verstehen kann.
Quelle: Eric Pfeil
Große Themenvielfalt der italienischen Popmusik
Weil, so Pfeil, in der Musica leggera, wie sie in Italien heißt, wirklich jedes Thema abgehandelt werde. Die Anni di piombo, die bleiernen Jahre des Links-Rechts-Terrors in den 70ern, haben genauso ihre musikalische Entsprechung wie die LGBTQ-Bewegung oder die Rückkehr des Rechtspopulismus. Wir erfahren zudem, welche Künstler politisch wo zu verorten zu sind, und Pfeil erinnert daran, wie wichtig das San Remo-Festival für italienische Liedkultur ist. Und dass die wahren Superstars des italienischen Lieds nicht die sind, die wir in Deutschland dafür halten - statt Ramazotti, Zuccero und Cutogno nämlich: De Andre, di Gregorio, Mina und immer wieder Lucio Battisti.
Manchmal versteigt sich Pfeil etwas in seinen Formulierungen, verfällt dann in eine Art Jugendfreizeitleiter-Sprech der 80er-Jahre oder in Manager-Denglisch: da wird mächtig aufs Pedal gedrückt, direkt durch den Käse geschnitten und Themen werden adressiert, statt sie – nun ja – eben einfach an- oder auszusprechen. Das jedoch sind lässliche Verfehlungen dieses Reiseführers der anderen Art. Eric Pfeil trifft darin nämlich genau den Ton, den er am Gegenstand seiner Betrachtung so liebt: glitzernd und flirrend.

May 26, 2024 • 6min
Carlos Fonseca – Ein außergewöhnlicher Schriftsteller aus Costa Rica
Carlos Fonseca kommt aus einem Land, das bei uns nicht gerade für seine Literatur bekannt ist, sondern eher für seine Schönheiten. Dieser 37-jährige Schriftsteller gilt jedoch bereits als „einer der 25 wichtigsten jüngeren Schriftsteller der spanisch-sprachigen Welt“. Dazu hat ihn jedenfalls vor einigen Jahren die einflussreiche, englische Literaturzeitschrift Granta-Magazine erklärt.
Ich war also sehr gespannt auf diesen Autor aus einem Land, von dessen literarischen Stimmen sich bei uns bisher keine wirklich eingeprägt hatte. Liegt das nur an der Ignoranz unseres Buchmarktes? – fragte ich ihn. Und Carlos Fonseca begann unser Gespräch mit einem Zitat.
Ein costa-ricanischer Kollege, den ich sehr schätze, Carlos Cortés, eröffnete seinen Roman Kreuz des Vergessens mit den ironischen Worten: „Über was soll man in einem Land schreiben, in dem nichts passiert bis zum Big Bang.“ Es ist nun mal so: Anders als in Nachbarländern wie Guatemala oder Nicaragua oder El Salvador, deren Geschichte eine Fülle von Gewalttaten, von politischen und klimatischen Katastrophen charakterisiert, kennzeichnet Costa Rica ein fortgesetzter Frieden. Deshalb dürfte unsere Literatur weniger sichtbar geworden sein als die der anderen Länder. Aber auch sie besitzt eine reiche Tradition.
Quelle: Carlos Fonseca
Bruch mit der literarischen Tradition
Carlos Fonseca hat sie mit den drei Romanen, die er bisher veröffentlicht hat, auf außerordentliche Weise fortgesetzt. Er bricht darin mit dem traditionellen Erzählkanon der lateinamerikanischen Literatur, verzichtet auf eine sich linear entfaltende Story, fragmentiert vielmehr das Geschehen, besonders in Austral, seinem dritten Roman.
Darin geht es um einen costa-ricanischen Schriftsteller, der den Auftrag erhält, das letzte Manuskript einer verstorbenen Freundin herauszubringen, von der er sich vor dreißig Jahren getrennt hat. Er begibt sich dazu auf eine Suche nach dieser Vergangenheit und damit seiner eigenen Identität. Carlos Fonseca beschreibt die Wege und Irrwege individueller und kollektiver Erinnerung mit einer Fülle von kulturellen, philosophischen, literarischen und historischen Bezügen oder Chroniken.
Wir leben ja nicht in einem luftleeren Raum, sondern inmitten von Plänen und Ideen unserer Vorgänger, die ähnliche Fragen wie wir heute zu beantworten versuchten. Und deshalb bewegen sich meine Figuren auf den verschiedenen Ebenen der Vergangenheit, erinnern sich an Utopien und Dystopien, um von ihnen zu lernen. Ich möchte die Ideengeschichte, zumindest ihre Restbestände sichtbar machen, und so ist eine Collage von Geschichten anstelle einer linearen, klassischen Erzählweise entstanden.
Quelle: Carlos Fonseca
Autobiographische Bezüge
Dieser Julio scheint autobiografische Züge seines Urhebers zu haben. Beide sind in Costa Rica geboren und leben seit langem im Ausland, vor allem in den USA. Nur hat Fonseca an der Princeton University promoviert, ist inzwischen nach England übergesiedelt und arbeitet an der University von Cambridge als Professor für lateinamerikanische Literatur. Gibt es darüber hinaus autobiografische Details?
Julio ist Akademiker wie ich, ist Costa-Ricaner, lebt seit langem in den USA und beginnt sich irgendwann zu fragen, ob er überhaupt noch Lateinamerikaner ist oder nicht überall ein Fremder. Er glaubt sogar, seine Sprache zu verlieren, denn er vergisst spanische Wörter. Er fühlt sich als Fremder, als Tourist in Lateinamerika und denkt daran, zurückzukehren. Im Roman gelingt ihm das, weil er dieses Manuskript herausgeben will. Dabei findet er seine alten Wurzeln wieder. Aber was bedeutet wirklich Rückkehr? Das sind Fragen, die auch ich mir immer wieder stelle nach so vielen Jahren im Ausland.
Quelle: Carlos Fonseca
Ergründung der karibischen Wurzeln
In seinem nächsten Roman, an dem er gerade schreibt, wird es jedoch um eine ganz andere Frage gehen. Denn Carlos Fonseca ist zwar in Costa-Rica geboren, doch in Puerto Rico aufgewachsen, wo seine Mutter zu Hause ist. Und deshalb will er endlich seine puertoricanischen, seine karibischen Wurzeln ergründen.
Doch erstmal wird er in Kürze den Anna-Seghers-Preis in Empfang nehmen. Die große, deutsche Schriftstellerin hat von 1941-1947 in Mexico im Exil gelebt, und deshalb wird der nach ihr benannte Preis auch jeweils an einen lateinamerikanischen Autor oder eine Autorin vergeben. Was bedeutet er für Carlos Fonseca?
Er hat für mich einen sehr großen Stellenwert, denn durch ihn wird eine literarische Region wie Costa Rica, wie Mittelamerika wieder einmal sichtbar gemacht. Aber er hat auch durch den großen Namen von Anna Seghers besonderes Gewicht. Kurioserweise habe ich in der letzten Zeit an einer Studie über den berühmten kubanischen Künstler Wifredo Lam geschrieben, der auf demselben Schiff wie Anna Seghers von Marseille aus seine Reise nach Lateinamerika angetreten hat. Für ihn eine Rückreise, für sie eine Fahrt ins Exil. Als ich von dem Preis erfuhr, steckte ich also bereits tief in dieser transatlantischen Vorstellungswelt von Anna Seghers und der Beziehung zwischen Europa und Lateinamerika.
Quelle: Carlos Fonseca
Dem zentralen literarischen Thema von Carlos Fonseca, einem außergewöhnlichen Autor aus Costa Rica.

May 26, 2024 • 6min
Karl Ove Knausgård – Das dritte Königreich
Eine der vielen Figuren im literarischen Kosmos von Karl Ove Knausgård ist der Architekt Helge. Zu seinem 60. Geburtstag hat eine große norwegische Tageszeitung ein Interview mit ihm geführt, das er nun zu Hause in seinem Arbeitszimmer liest. Da sagt er unter anderem:
Ich glaube, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Und dass das, was zwischen den Menschen entsteht, was wir gemeinsam erschaffen, mehr ist als das, was jeder für sich ist. Und dass das vielleicht eine Form des Göttlichen ist.
Quelle: Karl Ove Knausgård
Eine Summe von Selbstporträts, die größer ist als ihre Teile
An dieser Stelle hört der Architekt auf weiterzulesen, weil er den Blick auf sich selbst und seine Bedeutungshuberei nicht länger erträgt. Und doch sind diese Sätze zentral, weil sie genau das beschreiben, was Knausgård literarisch unternimmt: Alle seine Figuren – sympathische und weniger sympathische – sind gleich viel wert, schon deshalb, weil sie alle als Ich-Erzähler auftreten.
Aus der Summe der Selbstporträts erschafft Knausgård zugleich etwas, das größer ist als jede einzelne Person. Da ist zum Beispiel der Lehrer Gaute, der von einer krankhaften Eifersucht auf seine Frau umgetrieben wird. Seine Frau Kathrine, eine Pastorin, ist von ihm schwanger, hat es ihm aber noch nicht gesagt, denn sie denkt über Trennung nach.
Da ist der Polizist Geir, der einen grausamen Ritualmord an drei jungen Musikern einer Black-Metal-Band aufklären soll und der zwischen zwei Frauen lebt, die nichts voneinander wissen. Oder die neunzehnjährige Line, die sich in einen so undurchschaubaren wie attraktiven Philosophiestudenten verliebt und ihm zu einem geheim gehaltenen Konzert auf dem Land hinterher reist.
Am Himmel erscheint ein neuer Stern
„Das dritte Königreich“ ist der dritte, mit 650 Seiten vergleichsweise schmale Band eines groß angelegten Romanprojektes. Man muss die beiden ersten Bände nicht gelesen haben, um in den dritten hineinzufinden, doch ohne Kenntnis der früheren entgeht einem Vieles. Die Figuren und die Ereignisse sind zum größten Teil bekannt, denn Knausgård schildert erneut dieselben zwei Tage, bevor ein mysteriöser neuer Stern am Himmel erscheint.
Nun jedoch dreht er Perspektiven um. So schilderte im ersten Band mit dem Titel „Der Morgenstern“ der Literaturwissenschaftler Arne seine Ferien mit den drei Kindern und seiner Frau Tove an einem fischreichen Fjord. Tove erleidet dort einen psychotischen Schub, so dass er sie schließlich in die Psychiatrie bringen muss. Jetzt erzählt Knausgård dieselbe Episode aus ihrer, Toves Sicht, so dass sich aus dem Bekannten eine ganz andere Ereignisfolge ergibt.
Er erzählt nicht weiter, sondern verharrt an selber Stelle und geht über neue Einzelheiten in die Tiefe. Das ist raffiniert gemacht und aufregend zu lesen, weil es zeigt, wie sich Wirklichkeit und Wahrnehmung unterscheiden, wie Rationalität und Wahn als zwei Systeme getrennt nebeneinander existieren und die Figuren dennoch in derselben Welt leben. Tove ist es dann auch, die in ihrem Wahn als erste erfasst, dass sich seltsame Phänomene ereignen. Sie hört Stimmen, die zu ihr sprechen:
In zwei Tagen wird ein Stern am Himmel aufsteigen. Die Tore zum Totenreich werden sich öffnen. Du wirst sehen, was kein anderer sehen kann. Das ist unser Geschenk an dich.
Quelle: Karl Ove Knausgård – Das dritte Königreich
All das sind spannende Geschichten, die Knausgård auch in diesem Band nicht zu Ende erzählt, sondern gekonnt in der Schwebe hält. Doch es geht ihm nicht primär um den Plot, sondern viel mehr um die Frage, was der Mensch überhaupt ist und was die Substanz des Lebens ist. Auch in diesem dritten Band lotet er immer wieder die Grenze von Leben und Tod aus und stellt dem detailversessen dargestellten Alltag das Unerklärliche, Unbegreifliche gegenüber.
Dafür steht symbolhaft der neue Stern als Menetekel am Nachthimmel. Seit er erschienen ist, so stellt sich heraus, sind in ganz Norwegen keine Menschen mehr gestorben. Selbst ein Mann, der nach einem Unfall mit schweren Hirnschäden im Koma liegt und der von den Ärzten schon für tot erklärt wurde, zeigt zum Erstaunen der Mediziner Spuren von Bewusstsein.
Knausgård wagt es sogar, ein Kapitel aus der Perspektive dieses Komapatienten zu schreiben und dessen traumartige Gedankenschleifen abzubilden. Die Experten, die sich über ihn beugen, versuchen, das Bewusstsein zu messen und zu verstehen, was ein Gedanke ist. Kann es Gedanken geben, wo kein Bewusstsein ist? Oder umgekehrt? Was ist ein Gedanke überhaupt? Und wie kann es sein, dass die fleischliche Materie des Leibes Immaterielles wie das Bewusstsein hervorbringt?
Es war wie ein Blick ins Unbekannte. Es war eine Sprache, aber so fremd und unverständlich, dass sie aus den Tiefen des Weltalls zu uns hätte gesandt sein können. Es war unfassbar, dass wir uns selbst sahen. Dass unsere Kodierung der Welt und all dessen, was wir waren, sichtbar wurde. Das Mysterium bestand darin, dass es sich von innen nicht wie ein Code anfühlte, sondern wie die Welt.
Quelle: Karl Ove Knausgård – Das dritte Königreich
Dem Mysterium Leben auf der Spur
Karl Ove Knausgårds „Das dritte Königreich“ ist wie das gesamte „Morgenstern“-Projekt ein abgründiger philosophischer Roman über die Liebe und das Leben mit Mystery-Elementen und einer Kriminalhandlung. Auch mit diesem dritten Teil ist nichts erklärt und nichts gelöst.
Knausgård zieht es vor, Fragen zu stellen, die Unruhe und Unentschiedenheit der Menschen zu zeigen, um gerade durch diese Offenheit das Geheimnis der Existenz zu erfassen. Da draußen in der Welt geschehen viele seltsame Dinge.
Das Allermerkwürdigste ist aber das eigene Leben und die Tatsache, als ein „Ich“ in der Welt zu sein. Diesem Mysterium ist Knausgård auf der Spur. Ihm dabei zu folgen ist ein Leseabenteuer mit enormem Suchtpotential.

May 26, 2024 • 6min
Max Czollek – Gute Enden
da ist die hosentasche, da der strohhalm, da das feuerzeug in der zigarettenschachtel aus papier, das ist unser land,unberechenbar wie aprildas ist unser körper, eine durchgeschüttelte flasche krimsekt, die wir huckepack richtung morgenlicht tragen
Quelle: Max Czollek – Gute Enden (Gedicht: Gemeinsame Kriege)
„Gute Enden“ heißt der neue Gedichtband von Max Czollek – ein Titel wie eine Irreführung, denn es ist ja gar nichts gut in unserer Gegenwart und wird wahrscheinlich auch nicht gut enden. Seit dem erweiterten Angriffskrieg auf die Ukraine, seit dem 7. Oktober 2023, seit Hanau oder seit dem Treffen Rechtsradikaler in Potsdam – ist die Hoffnung endgültig verschüttet, dass die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts beendet wurde.
„Und plötzlich sind wir in einer Situation, die auf so vielen Ebenen klar macht, wir sind jenseits dieser Guten Enden. Und welche Sprache, auch welche Sprache für die Emotionen, die das auslöst, brauchen wir jetzt eigentlich? Und ich habe schon den Eindruck - und aus diesem Eindruck heraus ist glaub ich auch dieser Gedichtband gehoben, wenn man so will – dass wir in einer ziemlich heftigen Verleugnungsphase gerade sind: wir wollen uns dieser neuen Realität nicht stellen.“
Traurigkeit auf 125 Seiten
Der Gedichtband „Gute Enden“ stellt und stemmt sich jedoch mitten hinein in diese Realität, in diese Gegenwart. Auf 125 Seiten türmt sich Traurigkeit und spannt ihr Netz in Raum und Zeit.
Das lyrische Ich bereist die Welt, hat die Trauer immer im Gepäck und findet sie auch vor: in Berlin oder Los Angeles, in Vancouver, Venedig, Pompeij, in Tel Aviv und in Prag. Gewaltgeschichte ähnelt sich und verbindet Orte, das bezeugen die Gedichte. Die Sterne im Hollywood Boulevard erinnern an Stolpersteine, des einen Exil ist des Anderen Vertreibung. Von überall schickt ein ramponiertes Herz Ansichtskarten von der Schlaflosigkeit.
Es ist beeindruckend und bewegend, mit welcher Sprache Max Czollek die tiefe Verstörung herausarbeitet, die sich dem lyrischen Ich in den Gegenwartsphänomenen offenbart. Eine bildlich komplexe Sprache, die sich nicht zufriedengibt, mit den äußeren Erscheinungen, sondern stehen bleibt, Schichten von Geschichte abträgt, genau hinsieht.
In dieser Sprache hat alles seine Unschuld verloren, auch die vermeintlich schöne Natur. Wenn in Brandenburg „für jeden der danach greift / Gärten blühender Zucchinischläger“ bereit liegen, dann evoziert das eine Landschaft, in der die Gewalt tatsächlich verwurzelt ist, in der selbst die Früchte an Baseballschläger und rechten Terror erinnern. „Dachte ich könnte keine Idyllen, nichts ohne Zweifel mehr schreiben“ heißt es an anderer Stelle.
„Lyrik ist eine Form, zu der ich seit langer Zeit immer wieder zurückkehre. Ist sicher der Punkt auch von dem ich gestartet bin, und zwar nicht nur persönlich künstlerisch, sondern auch familiär. Mein Vater war Lyriker, mein Großvater war Verleger und hat unter anderem Lyrik verlegt. Lyrik ist sehr sehr nah an mir dran und damit auch nah an einem Gespräch mit den Toten, was ich als ein Kernstück meiner Kunst verstehen würde. Zu sagen: das ist die Möglichkeit, diese Oberfläche des Lebenden zu durchbrechen in eine Vergangenheit.“
Wachheit für die Wiederholung für Geschichte
Die Vorfahren von Max Czollek wurden im Nationalsozialismus ermordet, nur der Großvater Walther Czollek überlebte im Exil. Ihm mitgegeben ist deshalb vielleicht eine besondere politische Wachheit, wie es in dem Gedicht „ich komme vom stamme der asra“ in Anlehnung an Heine deutlich wird.
Diese Wachheit für die Wiederholung von Geschichte sowie die Tatsache, dass die gewaltsamen Ereignisse nicht jeden gleichermaßen betreffen oder zu interessieren scheinen – dieses Auseinanderdriften von gesellschaftlicher Wahrnehmung, all das bündelt sich in den unerbittlichen Beobachtungen des lyrischen Ich. Wie in der Zeile:
manche stehen schon in flammen / andere riechen nicht einmal den rauch.
Quelle: Max Czollek – Gute Enden
In dem Eröffnungsgedicht des Bandes „Eigentlich hätten wir ja den Reichstag stürmen müssen“ werden die Ereignisse in einem poetischen Akt des Widerstands umgedichtet. Lyrik als Ort der Trauer, aber auch als Möglichkeit, für einen Moment die Dinge umzukehren:
treffen uns am wannsee, laden alle eindie verstreut auf feldern, unter trümmern verschüttetverbrannt in wohnungen, aus straßenbahnen geschleudertabschied genommen habenschreiben tausendfach: wir vermissen euch, wir sind weiterohne jede fassung, wir hätten euch verdammtnochmal gebraucht all die tage, jahre
Quelle: Max Czollek – Gute Enden (Gedicht: Eigentlich hätten wir ja den Reichstag stürmen müssen )
Gedichte wie die Alpträume unserer Gegenwart
Gedichte müssen so schrecklich sein wie unsere Gegenwart, wie Alpträume, aus denen wir schweißgebadet erwachen – so wird in dem Gedicht „unsere gemeinsamen kriege“ die existenzielle Aufgabe von Lyrik beschrieben. Hoffnung besteht vielleicht nur noch darin, dass diese Gedichte jemanden erreichen:
denke meine gedichte als lunte, die in eure herzen reicht. eure ohren als letztes streichholz in meiner aufgeweichten packung
Quelle: Max Czollek – Gute Enden (Gedicht: Unsere gemeinsamen Kriege)
„Ich schreibe doch keinen ganzen Gedichtband über die Guten Enden oder das, was danach kommen wird, wenn es mir egal wäre. Ich glaube, es gibt eine große Trauer, die im Zentrum meiner Arbeit steht, die ist familiär, die ist über Generationen jetzt weitergegeben worden – und diese Trauer wächst natürlich auch aus einem großen Verlust. Sicher auch aus einer großen Liebe zu dem, was nicht mehr da ist oder zu dem, was man verliert gerade - immer und immer wieder. Und was das eigentlich heißt, dass diese Dinge einem andauernd verloren gehen? Und ich glaube, sich darüber immer wieder zu empören, dieses Gefühl nicht fallen zu lassen – das scheint mir doch eine Aufgabe meiner Kunst zu sein, vielleicht auch eine Aufgabe einer Kunst, die mich interessiert.“
„Gute Enden“ ist ein Buch der Unruhe - ein großer Gedichtband, der an der Erkenntnis festhält, dass wir durch die Trauer und Traurigkeit hindurchmüssen. Sprache, die klarmacht, nur so sind die Kontinuitäten von der Gewalt der Geschichte zu verstehen. Gedichte, die auf schreckliche Weise gegenwärtig sind und zum Glück gekommen, uns zu stören.

May 24, 2024 • 57min
"Ich stelle mich schlafend" - Deniz Ohde erzählt von Liebe und Manipulation
Als 13-Jährige war Yasemin in Vito verliebt. Mit 35 lässt sie wieder auf ihn ein. Keine gute Idee. In „Ich stelle mich schlafend“ erzählt Deniz Ohde von einer haltlosen jungen Frau.

May 23, 2024 • 4min
Rainald Goetz – Wrong | Buchkritik
Rainald Goetz trägt für seinen Vortrag einen pinkfarbenen Trainingsanzug. Aus einer gar nicht so großen Tasche packt er erstaunlich viele Bücher aus und deponiert sie vor sich auf dem Tisch. Das dauert ein bis zwei Minuten. Dann fördert er Papierstapel zu Tage. Rasch macht er sich noch ein paar letzte Notizen. Dann lässt sich der Vortrag nicht länger aufschieben: Rainald Goetz spricht.
So geschehen vergangenen Herbst nach der Uraufführung seines Dramas „Baracke“ am Deutschen Theater in Berlin. So zu sehen auf Youtube.
Pretty in Pink am Deutschen Theater
Abgedruckt ist dieser Vortrag jetzt in einem Band mit Essays, Gesprächen, Kritiken, Notaten, Tagebüchern aus den letzten zwanzig Jahren. Er erscheint pünktlich zu Rainald Goetz‘ 70. Geburtstag unter dem Titel „Wrong“.
Daraus ergibt sich das Bild eines originellen Denkers, seines irrlichternden Suchens, seines präzisen Empfindens und seiner ganz eigenen Art, Dinge und Menschen wahrzunehmen. Als „huschendes Schreiben“ und „flatterndes Denken“ hat Goetz selbst das bezeichnet.
Dabei sehnt er sich, wie er 2022 in einem Interview verriet, nach Güte, Zärtlichkeit und Mitleidsfähigkeit. Dass Literatur dennoch „vor Negativität bersten“ soll, wie er 2019 in seinem Arbeitsjournal notierte, muss dazu nicht unbedingt ein Gegensatz sein.
Ich träume den irrationalen, extrem simplen Traum von GÜTE, dass die Leute nett miteinander umgehen, rücksichtsvoll, zartfühlend, vernünftig, höflich. Das wäre eine Revolution, das schon, aber die könnte nur jeder für sich selbst machen, wenn er sie machen wollen würde.
Quelle: Rainald Goetz – Wrong
Der Körper im öffentlichen Raum
Berühmt wurde Rainald Goetz 1983, als er sich bei seiner Bachmann-Preis-Lesung mit einer Rasierklinge in die Stirn schnitt und sein Blut aufs Papier tropfen ließ. Inzwischen lehnt er ab, was zu Performance und Verkleidung tendiert, auch wenn der Auftritt im pinkfarbenen Trainingsanzug dagegen sprechen mag.
Über sein Erscheinungsbild nachzudenken ist schon deshalb unausweichlich, weil er in seinen Texten immer wieder über die Wirkung von Körpern im öffentlichen Raum nachdenkt. So beobachtete er jahrelang, weil er einen Roman über den Politikbetrieb schreiben wollte, Politikerauftritte im Bundestag.
Ein Porträt seines verehrten Verlegers Siegfried Unseld beginnt er damit, wie der raumgreifende Mann sich rasch in den Schritt fasst, während er auf ihn zukommt. Und einen Vortrag im Berliner Wissenschaftskolleg leitete Goetz im Februar 2023 mit der Überlegung ein, was wohl in all den Köpfen vor ihm im Publikum vor sich geht:
Was sind das für Leute? Wie reden sie, wie bewegen sie sich, wie schauen sie aus und was haben sie an? Wie also drückt ihr körperliches Sein, ihre Kleidung und ihr Habitus das aus, was sie gedanklich sind. Wie steht das im Verhältnis zueinander, wie passt es zusammen?
Quelle: Rainald Goetz
Jung mit 70
Rainald Goetz ist auch mit 70 noch jung, weil er sich eine unstillbare Neugier auf alles Gegenwärtige bewahrt hat. Coolness lehnt er erklärtermaßen ab. Sie passt schon deshalb nicht zu ihm, weil er sich vor allem durch eine überbordende Begeisterungsfähigkeit auszeichnet; das verbindet alle die disparaten Texte in „Wrong“.
Goetz ist ein manischer Leser und auch ein vorzüglicher Kritiker, der aggressive Gedankenschärfe mit Empathie verbindet. So schrieb er unter anderem über Michel Houellebecq, über Joachim Bessing und die Popliteratur und immer wieder über Wolfgang Herrndorf und dessen Suizid, betätigte sich aber auch als Kunstkritiker, als er 2007 anlässlich der Berliner Impressionisten-Ausstellung über das Licht nachdachte.
All sein Schreiben ist eine fortgesetzte, unendliche Verstehensbemühung. In „Wrong“ kann man Rainald Goetz dabei zuschauen. Seine quecksilbrigen „Textaktionen“ sind Protokolle dieser das Leben ausmachenden Gedankenbewegung. Das macht sie so lebendig wie unberechenbar.

May 22, 2024 • 4min
Daniel Etter – Feldversuch
Folgen des Klimawandels
In Spanien sind die Folgen des Klimawandels früher und heftiger spürbar als in Deutschland. Dürren und Starkregen führen zu hohen Ernteeinbußen und vermindern die Bodenqualität.
Der 44 -jährige Fotojournalist und Hobby-Landwirt Daniel Etter beobachtet in seinem Buch „Feldversuch“, was dies in seiner Wahlheimat Spanien ganz konkret bedeutet: Etter folgt dem Lauf der Jahreszeiten auf seinem Hof in Katalonien, wo nach einem vielversprechenden Aufleben im Frühjahr die Pflanzen in der Sommerhitze kläglich verdorren.
Er begibt sich auf die Suche nach Landwirten und überzeugten Quereinsteigern, die mit regenerativem Landbau neue Wege gehen. Die Rückbesinnung auf traditionelle Landbewirtschaftung ohne künstliche Düngemittel ist hier einer von vielen Ansätzen. In der Landwirtschaft sieht der Autor den größten Hebel, der uns im Kampf gegen die Klimakatastrophe verblieben ist.
Auf der Suche nach Alternativen
Journalistisch kommen in diesem Sachbuch die Vorteile der klassischen Reportage wieder zu Ehren. Daniel Etter recherchiert zwar auch Daten und Fakten im Internet, aber seine sinnlichen Eindrücke vor Ort sind durch kein online-Interview zu ersetzen. Er lernt Waldgärtner, Umweltaktivistinnen, ein junges Schäferehepaar und einen Biobauern persönlich kennen und geht mit ihnen in England, Frankreich und Deutschland über Felder, Äcker und Weiden.
So bekommt er ein Gespür für die körperliche Anstrengung, die etwa mit den steilen Anstiegen in den französischen Cevennen verbunden ist und kann die psychischen Herausforderungen eines Landwirts nachempfinden, der in Brandenburg kilometerweit auf knochentrockenen Boden schaut.
Etter sieht den Regenwürmern bei der Auflockerung des Bodens zu, teilt einfache Mahlzeiten mit zwei Schafhirten und provoziert den Zorn seiner Nachbarn, als er das Gras auf seinem Grundstück nicht kurz hält, sondern hoch wachsen lässt. Immer wieder probiert er neu Erlerntes auf seinem Hof aus und muss dabei auch Niederlagen verkraften.
Als Leserin merkt man bald: Es gibt nicht die eine alternative Methode, mit der ausgelaugter Boden nach jahrzehntelanger Ausbeutung wieder in nährstoffreiches Ackerland verwandelt werden kann. Herauszufinden, was wo unter welchen Bedingungen funktioniert, erfordert Geduld und feinstes Austarieren.
Auch Leserinnen und Leser, die nichts mit Landwirtschaft zu tun haben, werden dieses Buch mit Interesse lesen, denn es vermittelt wichtige Grundsatzeinsichten. Ob es um die Speicherung von Kohlenstoff im Boden geht, um den Verzicht aufs Pflügen oder um klimaresistente Gemüsegärten: Entscheidend ist die Haltung, die wir alle gegenüber Boden und Tieren auf dieser Erde einnehmen. Das macht der Umweltrechtsanwalt Gus Speth deutlich, den Etter in seinem Buch zitiert:
Ich dachte, dass die größten Umweltprobleme der Verlust von Biodiversität, der Zusammenbruch von Ökosystemen und Klimawandel seien. Aber ich lag falsch. Die größten Umweltprobleme sind Egoismus, Gier und Apathie.
Quelle: Daniel Etter – Feldversuch
Ein Mutmacher-Buch
Was kann man diesen negativen Faktoren entgegensetzen? Nach Etter fängt es schon bei der Sprache an, die wir im Bereich Landwirtschaft benutzen. Den Begriff „konventionelle Landwirtschaft“ empfindet er als Euphemismus. Zutreffender sind für ihn Bezeichnungen wie „industrielle“ oder „chemische Landwirtschaft“.
Wenn man sich das Ausmaß künstlicher Düngung vor Augen führt, kann man ihm nur zustimmen. Dass Gemüseanbau unter Plastikfolien weder nachhaltig noch „bio“ ist, selbst wenn das Etikett auf der Packung dies suggeriert, ist auch einsichtig. Wir sollten also den Mut haben, uns von irreführenden Bezeichnungen zu verabschieden. Fraglich ist auch, ob die Vorgabe der Ertragsmaximierung in der Landwirtschaft sich inzwischen nicht längst als Auslaufmodell erwiesen hat.
Letztendlich ist Daniel Etters Buch mit seinen eindrücklichen Fotos von Landschaften, Tieren und Menschen, die das Land anders bearbeiten wollen, ein Mutmacher -Buch. Dass sich Landwirte, die alternative Methoden der Landwirtschaft und Tierhaltung ausprobieren, oft den Unmut der Nachbarn zuziehen, muss auch Daniel Etter erfahren. Aber hier hilft vielleicht eine Rückbesinnung auf einen alten 68er-Spruch: „Revolution ist machbar, Herr Nachbar!“

May 21, 2024 • 4min
George Saunders – Tag der Befreiung
Für manche ist George Saunders der amtierende Weltmeister der Kurzgeschichte. Bei ihm ist jede Erzählung ein liebevoll und mit höchstem Formbewusstsein gearbeitetes Werkstück. Seine neue Sammlung „Tag der Befreiung“ beweist aber auch, dass Saunders die formale Experimentierfreude mit hoher sozialer Erzählmoral verbindet. So verschieden die Themen seiner Geschichten auch sind – immer schlägt sein Erzähler-Herz für die Benachteiligten und Gedemütigten.
Büro-Intrige mit Kaffeekapseln
Beispielhaft zeigt das „Eine Sache auf der Arbeit“, die Geschichte einer Büro-Intrige. Drei Perspektiven stehen hier gegeneinander. Da ist die ehrgeizige, etwas arrogante Genevieve, die ihren Mann während der Arbeitszeit mit einem Kollegen im nahen Hotel betrügt.
Sie blickt herab auf die mollige Brenda aus eher prekären Verhältnissen, die in der Firma die Drecksarbeit erledigt und gelegentlich Kaffeekapseln mitgehen lässt. Und dann ist da noch Chef Tim, der Konflikten lieber aus dem Weg geht, sich aber als guter Mensch fühlen möchte und deshalb Brenda nach ihrem kleinen, nun ja, Gefängnisaufenthalt eingestellt hat. Als Genevieve über Brenda ablästert, macht er nicht mit:
Stattdessen kriegte sie eine betrübte, mit Rüge gewürzte Miene serviert. „Na ja“, sagte Tim. „Sie hatte zuletzt einen ganz schön schweren Packen wegzustecken.“ Was? Na super. Jetzt sah Tim sie als den Snob, der auf gute Weine und hausgemachte Senfsorten stand und gern auf der weißen Proll-Lady rumhackte, wenn sie schon am Boden lag? Eine oberflächliche Elitäre, die die Wohnmobil-Tussi disste?
Quelle: George Saunders – Tag der Befreiung
Bissige Komödie mit psychologischer Tiefenschärfe
Wie diese drei Menschen sich einschätzen und abschätzen, wie sie übereinander denken und herziehen, wie Genevieve Brenda wegen der kleinen Diebstähle denunziert, Brenda im Gegenzug Genevieves firmenfinanzierte Liebesfreuden verrät und Tim schließlich eine Lösung für den Konflikt findet, die naturgemäß auf Kosten der Schwächsten geht – das erzählt Saunders als bissige Komödie. Erzählt es mit psychologischer Tiefenschärfe, in figurennaher, plastisch-drastischer Sprache, glänzend übersetzt von Frank Heibert.
Menschen als Apparaturen an der Wand
Zugespitzt wird die soziale Konfrontation in den drei dystopischen Erzählungen des Bandes. In der achtzigseitigen Titelgeschichte „Tag der Befreiung“ etwa werden Menschen als Apparaturen versklavt. Sie sind Accessoires der Wohlhabenden, werden in arrangierten Posen an die Wand gehängt, um als sogenannte „Künder“ zu dienen.
Ihre Identitäten sind gelöscht, stattdessen bekommen sie einen Bewusstseinsinput, den sie wie Sprechpuppen aufsagen. Mitten in der großen Show vor geladenen Gästen aber lässt der renitente Sohn des Hauses ein Befreiungskommando herein, das sich nicht von der Behauptung entwaffnen lässt, dass die „Künder“ einvernehmlich arbeiten würden:
Wie kann es einvernehmlich sein, wenn ihr Opfer ein leergefegtes Hirn hat, an eine Wand fixiert ist und sich an nichts außerhalb des Raumes erinnern kann? Erklären sie uns das doch mal. Ist es aber, sage ich.
Quelle: George Saunders – Tag der Befreiung
Dieses „Ich“, das hier dazwischenfunkt, ist die Hauptfigur der Geschichte, der Künder Jeremy. Weil er sich in die Hausherrin verliebt hat, schlägt er sich auf die Seite seiner Unterdrücker und sabotiert die Aktion. Es ist ein altes Lied: Die Ausgebeuteten verweigern sich der Revolution, wollen sich partout nicht befreien lassen.
Diese Geschichte ist voller grotesker Einfälle, und sie entfaltet eine komplexe Psychologie des Herr-Knecht-Verhältnisses. Dennoch wirkt sie allzu ausgetüftelt und konstruiert. George Saunders hat uns so viel über die wirklichen Verstrickungen zwischen Menschen mitzuteilen, dass er sich eigentlich keine dystopischen Gleichnisse ausdenken muss, in denen ausgebeutete Menschen an Wänden hängen.
In den besten Geschichten dieses Bandes werden die inneren und äußeren Gefangenschaften, in denen Menschen feststecken, mit den Mitteln eines nuancierten Realismus deutlich genug.


