

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Mentioned books

Aug 12, 2024 • 4min
Hiromi Itō – Hundeherz
Es kommt nicht oft vor, dass eine Autorin mitten im Text eine Warnung ausspricht:
Vielleicht sollte ich als Untertitel hinzufügen: Nicht während des Essens lesen!
Quelle: Hiromi Itō – Hundeherz
Tatsächlich geht es über weite Strecken dieser autobiographischen Erzählung von Hiromi Itō um Fäkalien in diversen Aggregatzuständen. Der nett-niedliche Titel „Hundeherz“ führt in die Irre. Denn vor allem macht sich hier der Hundedarm geltend. Kaum erstaunlich, denn es geht ums Altern und Hinsterben.
Heldin des Buches ist die vormalige 40-Kilo-Schäferhündin Take. Am Ende ist sie – in Menschenjahren gerechnet – eine abgemagerte Hundertjährige, dement und inkontinent und kaum noch fähig zu laufen. Und dennoch ein unverzichtbarer Teil im Rudel der Schriftstellerin.
Dazu gehören weitere Hunde, darunter ein an Epilepsie leidender Papillon, ein bissiger Schuppenpapagei, drei Töchter und der zweite Ehemann, ein erklärter Hundefeind, der hier viel zu erdulden hat.
Von Hunden und Menschen
Wenn Hiromi Itō von Hunden erzählt, erzählt sie zugleich von Menschen. Das hat bisweilen fast etwas Magisches. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Kalifornien, alle paar Wochen macht sie die weite Reise in die japanische Stadt Kumamoto, wo ihr hochbetagter Vater zum Pflegefall geworden ist. Aber sie kann nicht ständig bei ihm sein, wie es ihr Gewissen eigentlich von ihr fordert.
Die unendlich geduldige Fürsorge, die sie der siechen Schäferhündin zukommen lässt, ist nicht nur eine rituelle Kompensation für das Versäumte. Vielmehr scheint es ihr, als würde die Liebe, die sie Take entgegenbringt, irgendwie doch auch dem Vater zugutekommen. Menschlicher und tierischer Pflegefall werden eins:
Mein Vater ist so schwach, dass er mit offenem Mund schläft, wie eine Mumie kurz vor der Vollendung. Take liegt mit schlaffen Gliedmaßen da, wie ein toter Kojote am Straßenrand. (…) Ihre hilflose Haltung, wenn sie gestürzt ist, ihr trauriger Gesichtsausdruck, das alles sieht so sehr nach meinem Vater aus, als sei mein Vater in sie gefahren.
Quelle: Hiromi Itō – Hundeherz
Die Philosophie der Ausscheidung
Der inkontinente Vater trägt eine Windelhose, beim Hund geht das nicht. Da sich Take überall unwillkürlich entleert und die anderen Hunde sich daraufhin auch keinen Zwang mehr auferlegen, gibt es ständig etwas einzusammeln und aufzuwischen.
Immer unerträglicher wird der Gestank im Haus und der beißende Uringeruch auf der Terrasse. Die Autorin entschuldigt sich für den „total verkoteten Text“, aber so sei das eben, wenn man mit alten Hunden lebe. Auch mit dem Vater ist es ein Dauerthema:
Wenn ich mit meinem Vater telefoniere, sprechen wir meistens über Durchfall und Stuhlgang; manchmal rührt es mich, wie wesentlich die Ausscheidung das menschliche Leben bestimmt. Es fängt mit der Ausscheidung an und endet mit der Ausscheidung.
Quelle: Hiromi Itō – Hundeherz
Hiromi Itō erscheint die tätige Hilfe bei der Notdurft als größte Probe auf die Liebe zu einem Wesen, ob Mensch oder Hund. Take einschläfern? Das kommt für sie nicht in Frage.
Komik und Elend
Zum Charme des Textes gehören die scherzhaften Einwürfe und die raffinierten Perspektivwechsel von Mensch zu Hund. Gerade weil das Schreiben aus Tier-Sicht heikel ist, bedarf es des Humors, der sich besonders schön im Kapitel „Take ist hetero und sexistisch“ entfaltet.
Erstaunlicherweise richten sich die Gefühle der Hündin für das andere Geschlecht auch auf gut aussehende Menschenmänner, denen gegenüber sie sich in ihren vitalen Jahren kokett und schmeichelnd verhielt.
Das habe ich häufiger erlebt. Ein Ausdruck, der besagte, sie wäre jederzeit bereit, eine Ehe zwischen Mensch und Tier einzugehen, wenn die Männer es nur wünschten.
Quelle: Hiromi Itō – Hundeherz
„Hundeherz“ ist ein Tierbuch wie kein anderes, ungemein ehrlich und erfahren, voller scharfer Beobachtung und freundlichem Verzeihen; Elend und Ekel mit Komik bändigend. Und es ist mehr als ein Tierbuch: eine tabulose Reflexion über Gebrechlichkeit und Fürsorge.

Aug 11, 2024 • 7min
Renate Müller-Buck – "...zitternd vor bunter Seligkeit". Nietzsche in Venedig
Im Lesenswert Magazin spricht er über die Liebe des Philosophen zur Lagunenstadt und seine komplizierte Beziehung zu Richard Wagner.

Aug 11, 2024 • 5min
Nora Bossong – Reichskanzlerplatz
Frühe Begegnung mit Magda Quandt
Von einem Friedhof stammt das Motto, das dem Buch vorangestellt ist: „Was Ihr seid – das waren wir; was wir sind – das werdet Ihr“. Etwas Bedrohliches geht von diesen Worten aus und legt sich als Grundstimmung über die ganze Lektüre. Der fiktive Ich-Erzähler Hans Kesselbach entführt uns in die Zeit zwischen 1919 und 1945.
In der Schule freundet er sich mit Hellmut Quandt an, dem Sohn des sehr wohlhabenden und einflussreichen Industriellen Günther Quandt. Bei ihm zu Hause lernt er auch Magda kennen, Hellmuts sehr junge Stiefmutter, die später in zweiter Ehe zu Magda Goebbels wird.
Feine Nuancen von Nora Bossong
Wie sich das gesellschaftliche Klima und mit ihm die Menschen in den 1920er allmählich verändert, das zeichnet Nora Bossong in sehr feinen Nuancen nach.
Von der Uhlandstraße herunter marschierten einige Männer mit Fahnen und im Gleichschritt. Dieses Bild sah man jetzt häufiger, seit das Verbot der SA aufgehoben worden war, und ich hatte mich schon daran gewöhnt, wie man sich mit Baulärm oder zankenden Nachbarn abfindet. Wenn jemand bereit sei, sein Leben für ein Idee zu opfern, ob man dafür, fragte Magda, nicht doch mehr Achtung empfinden müsse als für jene, die im ewigen Einerlei immer weitermachten wie Zirkustiere, die dressiert im Kreis liefen.(…) Sogar Hellmut sah sie verwundert an, denn ihre Bemerkung passte so gar nicht zu dem, was man in Neubabelsberg zu sagen pflegte.
Quelle: Nora Bossong – Reichskanzlerplatz
Psychologische Entwicklung verknüpft mit gesellschaftlichen Veränderungen
Wie in ihren früheren Büchern „Webers Protokoll“ und „Schutzzone“ schafft es Nora Bossong, die psychologische Entwicklung ihres Protagonisten mit den gesellschaftlichen Veränderungen zu verweben.
Hans entdeckt seine homosexuellen Neigungen schon als Jugendlicher. Um der Strafverfolgung nach Paragraph 175 zu entgehen, pflegt er später auch sexuelle Kontakte zu Frauen. Als die Ehe zwischen Günther Quandt und Magda in die Brüche geht, wird er ihr Geliebter:
Magda bat mich, das Licht zu löschen. Im Halbdunkel öffnete ich den Rückenverschluss ihres Kleides, und sie ließ es von ihren Schultern hinuntergleiten. Sie stand in schlichter Unterwäsche vor mir, setzte sich aufs Bett, um die Seidenstrümpfe anzurollen, hielt inne und wartete, bis ich mich entkleidet hatte. (…) Kurz öffnete sie die Lider und erschrak, als sie merkte, dass ich ihr ins Gesicht blickte. Ich habe sie nie wieder derart nackt gesehen, und später, als sie für die Zeitungen posierte, ihre Kinder vorzeigte als Beweis ihrer gewonnenen Kämpfe, dachte ich wieder daran. Sie wollte so unbedingt gesehen werden, und sie hatte so unbedingte Angst davor erkannt zu werden.
Quelle: Nora Bossong – Reichskanzlerplatz
Täter bleiben Täter, Verbrecher, Verbrecher
Die Autorin umschifft bei der literarischen Gestaltung der historischen Figuren erfolgreich jede Kitsch- und Cliché-Klippe. Täter bleiben Täter, Verbrecher, Verbrecher und zugleich werden sie zu Blaupausen für Persönlichkeitsentwicklungen, die weit bis in unsere Gegenwart reichen und die mit dem Ende des Nationalsozialismus keinesfalls untergegangen sind.
Stellvertretend dafür steht die Geschichte der Familie Quandt. Ihren Wohlstand hat sie im Ersten Weltkrieg begründet und in den Nazi-Jahren gnadenlos ausgebaut. Und bis heute gehört sie, wie Bossong am Ende schreibt, zu „den reichsten und wirtschaftlich mächtigsten Familien Deutschlands“. Was geschah etwa während der Wirtschaftskrise 1929?
Quandt tat noch einmal, was er im Frühsommer getan hatte, er setzte Menschen vor die Tür. Anders als bei Magda trauerte er ihnen nicht nach, und er zahlte ihnen auch keine Abfindung. Er handelte wie fast jeder Unternehmer in diesem Herbst, und die Stadt war plötzlich überfüllt mit Zeit. Niemand brauchte noch die Minuten und Stunden und Jahre der Arbeiter, sie waren keine Sekunde eines Günther Quandt mehr wert, und die Entlassenen drängten sich vor den Volksküchen oder saßen mit einer Flasche Bier in der Hand auf dem Bordstein und blickten ins Nichts.
Quelle: Nora Bossong – Reichskanzlerplatz
Der Blick in die Vergangenheit erhellt unsere Gegenwart
Der Berliner Reichskanzlerplatz, der dem Roman den Titel gibt, heißt heute übrigens Theodor-Heuss-Platz und hieß von 1933 bis 1945 Adolf-Hitler-Platz. Dort lebte Magda Goebbels nach ihrer Scheidung von Quandt und brachte wohlhabende Industrielle mit Hitler in Verbindung.
Den schleichenden Prozess, in dem eine instabile Demokratie, erst allmählich und dann explosiv, auseinanderbricht und dann das daraus erwachsende faschistische Regime eine globale Katastrophe auslöst, schildert Bossong sehr eindringlich. Durch die Folie der Vergangenheit lässt sie uns unsere Gegenwart besser erkennen. Einfach grandios!

Aug 11, 2024 • 5min
Mario Vargas Llosa – Die große Versuchung
„Die große Versuchung“ heißt Mario Vargas Llosas jüngster Roman – und sein letzter, wenn man der Schlussbemerkung im Buch Glauben schenken darf. Er handelt von dem abgehalfterten Musikkritiker Toño Azpilcueta, der sich in den Kopf gesetzt hat, der kreolischen Musik endlich den ihr gebührenden Rang zukommen zu lassen.
Kreolische Musik wird auch „peruanischer Walzer“ genannt, es ist eine Variante des europäischen Walzers im ¾ Takt - für Toño Azpilcueta eine identitätsstiftende, zwischen Arm und Reich vermittelnde Kunst.
Die tiefsten Schichten dessen, was Peru als Nation ausmachte, dieses Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, zusammengehalten von ein und denselben Nachrichten und Verordnungen, sie waren durchdrungen von volkstümlicher Musik und volkstümlichen Gesängen.
Quelle: Mario Vargas Llosa – Die große Versuchung
Toño, der proletarische Intellektuelle
Toños Universitätskarriere endete einst in einer Sackgasse. Er schlägt sich nun mit Artikeln für kleine Zeitschriften durch, hat geheiratet und eine Familie gegründet, die er nicht ernähren kann; er sucht den Dunstkreis der Musiker, die er verehrt, und liebt heimlich die Sängerin Cecilia Barraza. Eines Tages hört er einen unbekannten, aber höchst virtuosen Gitarristen namens Lalo Molfino.
Es war Weisheit, Konzentration, meisterliche Beherrschung, ein Wunder.
Quelle: Mario Vargas Llosa – Die große Versuchung
Dieses geradezu erleuchtende Erlebnis weckt neue Energien: Toño schreibt nun über Jahre an einem Buch, das ihm schließlich mindestens so viel Begeisterung wie Spott einträgt.
Immer mehr verrennt er sich in seine Idee, Peru sei Dank der Huachafería entstanden – ein Wort mit schillernder Bedeutung, das eigentlich so etwas wie Kitsch oder Affektiertheit bedeutet, mit dem Toño aber die eigentümliche Sentimentalität der kreolischen Musik zu beschreiben sucht.
Der „proletarische Intellektuelle“ Toño ist einer jener in Vargas Llosas Werk öfter auftauchenden Träumer und Utopisten –obsessiv, sich unverstanden fühlend, leidgeprüft.
Toño will Peru mit seinen Thesen einigen
Es sind die 1980er und 90er Jahre in Peru. Eine Zeit, als die kommunistische Partei „der Leuchtende Pfad“ zum bewaffneten Kampf aufruft und das Land zerrissen scheint. Toño hat die überhebliche Vorstellung, diesen Riss durch seine Thesen zu kitten. Nicht zuletzt aber gehen Risse durch ihn selbst, lauern in ihm gefährliche Dämonen.
Als wären da Ratten, die an meinem Rücken knabbern. Und dann möchte ich das Hemd ausziehen, die Hose. Und mich kratzen, bis ich tot umfalle.
Quelle: Mario Vargas Llosa – Die große Versuchung
„Die große Versuchung“ ist der Roman über einen Mann, dessen Leidenschaft mit seinem Hang zur Depression konkurriert. Dazu ein Künstlerroman, den Toño dem musikalischen Erneuerer Lalo Molfino widmet, einer schemenhaften Gestalt.
Und es ist eine Geschichte der kreolischen Musik – zahlreiche Namen bekannter Interpretinnen und Interpreten tauchen auf. Bald merkt man: In eingefügten Kapiteln lesen wir den Essay, den Toño schreibt, in dem er den Spuren Felipe Pinglo Alvas folgt oder den Liedern der gefeierten Sängerin Chabuca Grande lauscht.
In Essays und Artikeln hat der Literaturnobelpreisträger immer wieder den Niedergang der Hoch- und den Siegeszug der Massenkultur angeprangert. In seinem Roman versucht er nun mit seiner Hauptfigur in der Musik des Volkes eine alle Unterschiede überwindende Kunst heraufzubeschwören – ein romantischer Gedanke, ein naiver auch, denn die Kraft der Musik reicht kaum aus, alle Gegensätze zu überwinden.
Diese Ambivalenz – das Überschwängliche und Unbedarfte – ist dem Buch durchaus eingeschrieben. Und eine Trauer darüber, dass Peru den Weg der Einheit immer wieder verfehlt.
Der Abschiedsroman eines 88-jährigen Literaturstars?
Vargas Llosa ist mit diesem Roman ein durchaus würdiger Abschluss seines literarischen Werks gelungen, ein strahlender Abgesang. Gewiss wären einer strengeren Lektorin so manche erzählerische Umständlichkeit und Redundanz aufgefallen, auch gewisse Längen und Verästelungen hätten sich vermeiden lassen.
Aber wer würde einem inzwischen 88-jährigen Literaturstar mit dem Rotstift kommen wollen? Gerade im Moment des Abschieds. Einmal zitiert der Erzähler den früh verstorbenen Gitarristen Lalo Molfino, der zu Cecilia Barraza einen bedeutsamen Satz sagt, der dem Roman „Die große Versuchung“ auch zu seinem viel passenderen Originaltitel „Le dedico mi silencio“ verhalf:
Ihnen widme ich mein Schweigen.
Quelle: Mario Vargas Llosa – Die große Versuchung
Fast scheint es, als sei Vargas Llosas Buch um diesen auch an uns Leser gerichteten Satz herum geschrieben worden.

Aug 11, 2024 • 7min
Literaturvermittlung mit Playmobilfiguren
Alte Klassiker von Shakespeare und Schiller, aber auch zeitgenössische Werke wie die von Arno Geiger oder Elfriede Jelinek stellt Michael Sommer in seinen Videos mit Playmobilfiguren nach. Mit seinen bereits über 500 Videos auf YouTube hat Sommer eine Marktlücke gefüllt.
Deutsch-Abitur gerettet
Auf spielerische und unterhaltsame Weise macht Michael Sommer größtenteils Studierenden, Schülerinnen und Schülern die Inhalte von Literatur-Klassikern zugänglich. Vor allem vorm Deutsch-Abitur steigen die Abrufzahlen.
Im Lesenswert Gespräch erklärt Michael Sommer, wie er mit seinen Clips für Literatur begeistert.

Aug 11, 2024 • 55min
Twitterpoesie, Nietzsche in Venedig und Weltliteratur to go
Diesmal im lesenswert Magazin: Weltliteratur to go und Nietzsche in Venedig. Mit neuen Gedichten von Clemens J. Setz und neuen Büchern von u.a. Nora Bossong

Aug 11, 2024 • 7min
Clemens J. Setz – Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Kritik an Clemens SetzDu postest nur noch HasenbilderVon Löffelohrn und PfotenDu bist wie diese BodybuilderDie sich nur selbst promotenDu schreibst von Ziegen sehr genauDer Rest bleibt unerwähntWo bleibt die Politik du SauWer hat dich so verwöhnt
Quelle: Clemens J. Setz – Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Ein Clemens Setz-kritisches Gedicht von Clemens Setz. Es steht im wirklich beeindruckenden Buch „Das All im eigenen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitter-Poesie.“ Achtung: Man muss hier zwischen Poesie und Lyrik unterscheiden.
Es geht nicht immer um Gedichte, es geht darum, dass Dinge eine poetische Wirkung haben, dass sie den Lesenden mit seltsamer Paradoxie überraschen, mit Unstimmigkeiten, über die man nachdenkt – dadurch wird der Kopf frei, selbst zu denken.
Und das ist etwas, was man im Netz gut gebrauchen kann, bei stundenlangem Gedaddel an Handy oder PC. Im Netz ist man schnell verloren, die Erfahrung hat wahrscheinlich jeder schon mal gemacht.
Ein Zappelphilipp im Sinfonieorchester
Die „Bibliothek Suhrkamp“ ist ein spannender Ort für solche Überlegungen, sie ist immerhin Heimat des ehrwürdigen Kanons der literarischen Moderne. Am Ende des Buchs von Clemens Setz findet sich, sozusagen in der Nachbarschaft, noch ein Verzeichnis früherer Bücher, von Kafka, Thomas Brasch, James Joyce und Elke Erb.
Darein reiht sich jetzt das Buch von Clemens Setz wie ein ADHS-kranker Zappelphilipp ins Sinfonieorchester. Kurze Texte, äußerste Geschwindigkeit, Präzision, extreme Leser-Orientierung - Ungeduld liegt über allem, passend zum im Buch erwähnten Motto der Twitterpoetin Carla Kaspari.
Ein Jahr im Internet sind sieben Menschenjahre
Die Einsamkeit des Kanarienvogels ist zum Heulen
Clemens Setz liefert mit der kurzen Geschichte der Twitterpoesie eigentlich gleich zwei Bücher – seine eigene Geschichte als Twitter-Autor und die höchst unvollständige Literaturgeschichte der Poesie auf dem Kurznachrichtendienst.
Zunächst geht es um Clemens Setz selbst, und um das, was er von 2015 - 2022 auf Twitter postete. Er, als ordentlicher, auf den Büchner-Preis zusteuernder Schriftsteller mit einem Anrecht auf das Marbacher Literaturarchiv, er speicherte seine Tweets natürlich akkurat ab und kann so jetzt aus den Vollen schöpfen.
IDEE FÜR KINDERBUCH Ein Mann breitet abends ein Tuch über den Vogelkäfig. Nachts kommt er daran vorbei und sieht ein Glühen dahinter. Er hebt das Tuch und sieht: Der Kanarienvogel strampelt auf einem winzigen Fahrrad, das Licht erzeugt, um in der Dunkelheit keine Angst zu haben.
Quelle: Clemens J. Setz – Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Man muss schon poetisch sehr unterbelichtet sein, um keine Bilder im Kopf zu entwickeln und sich Gedanken, um das Schicksal des strampelnden Kanarienvogels zu machen. Die Einsamkeit ist zum Heulen, es ist aber auch ein Akt des Empowerments, der Selbstermächtigung.
Kurz – es ist ein Bild des Menschen, der conditio humana schlechthin, ein geradezu faustisches Bild des Satzes: „Wer immer strebend sich bemüht, den werden wir erlösen“ – und das auf 276 Zeichen komprimiert. Man will gleich noch ein Gedicht – bitte schön.
Da postet Setz ein Bild seines Knies, in dem man mit etwas Phantasie eine seltsam unheimliche, wie von einer Strumpfmaske überzogene, Visage erkennen kann.
Es wohnen neue Wesen in meinem rechten Knie Bei ihrem Anblick sinkt man in Allmelancholie Geschnäbelt wie die Geier wie Venen aufgestaut verharren sie und atmen stumm unter meiner Haut Warum sind sie in mir Warum in meinen Knien? Ich fühle ihre Schnäbel und gehe so durch Wien
Quelle: Clemens J. Setz – Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Dutzende eigene Tweets hat Clemens Setz für den Band zusammengestellt und kommentiert. Die Gedichte verlieren nichts dadurch, im Gegenteil, sie sind ikonisch geworden – und endlich kann man sie lesen, ohne immer das Handy vor dem Gesicht zu haben.
Die Poesie ist auf der Strecke geblieben
Die zweite Geschichte ist die offizielle „twittersche“ Literaturgeschichte. Das ist ein melancholisches Unternehmen für nicht-Twitterer. Elon Musk nämlich hat den zwitschernden Vogel, wie Twitter heißt, bekanntlich angekettet, in eine Galeere gesperrt, damit er nicht nur eine Glühlampe, sondern seine ganze E-Auto-Tesla-Flotte erhelle.
Die Poesie ist dabei gründlich auf der Strecke geblieben, auch Clemens Setz hat aufgehört dort zu schrieben. Jetzt heißt das Ding „X“, und wer immer literarisch etwas auf sich hält, hat sich zurückgezogen. Aber es muss einmal herrliche Zeiten auf Twitter gegeben haben, als DJ Lotti, Computerfan 2001 und Carla Kaspari zum „Sprachwettstreit“ antraten und Twitter mit Kürzesttexten fluteten.
Ich las sie jeden Tag, sogar mehrmals, das heißt, ich las zusammengerechnet weit mehr von ihnen, als ich von meinen herkömmlichen Lieblingsautor:innen in Buchform konsumieren könnte, und zugleich wusste ich praktisch nichts über sie, meist nicht einmal, wie sie heißen oder wie sie aussehen. Ihr Profilbild könnte weiß Gott wen darstellen
Quelle: Clemens J. Setz – Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Davon ist heute nichts mehr übrig – außer ein paar versprengten Dateien auf alten Festplatten bei Setz oder irgendwelchen Sammlern. Twitter selbst hat sie gelöscht, die Reste trägt Clemens Setz hier zusammen – und endet melancholisch mit zwei Bots, die sich gegenseitig in Kochrezepten adressieren, die, weil sie immer nur die Fehler des anderen replizieren und variieren, einsam in die Depression versinken. „Alle zerplaten“, so heißt eine der letzten Nachrichten, für das Z war beim Zerplatzen schon keine Zeit mehr.
Armer Doombot. Ich kann ihn nicht mehr ohne Mitleid lesen. Tapfer ersinnt er Tag für Tag neue Variationen über das Weltende. Und er ahnt dabei nicht, dass sein eigener Verstand nachzulassen beginnt, dass ihm von jenen, die ihn erschaffen haben, die eigene Auflösung mitgegeben wurde
Quelle: Clemens J. Setz – Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Clemens Setz hat mit „Das All im Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie“, Literaturgeschichte geschrieben. Wie quasi alles, was er anfängt, baut das Buch Brücken in eine Welt, die alles Digitale immer noch als etwas minderwertig abstempelt.
Mancher glaubt ja mit Kafka, Bücher müssten immer Äxte sein für das gefrorene Meer in uns. Dieses gefrorene Meer aber ist längst in der Klimakrise geschmolzen, meint Setz. Im Fluiden der Poesie von Heute wenigstens einmal schwimmen kann heute, wer dieses kleine, kluge Buch liest.

Aug 8, 2024 • 4min
Jason Stanley – Wie Faschismus funktioniert
Auch wenn einige seiner Leser dächten, er übertreibe: Jason Stanley will die Sache beim Namen nennen: Faschismus. Nicht: Populismus, Extremismus, Rechtsradikalismus. Nein, Faschismus. Trump ist ein Faschist, Bolsonaro, Le Pen. Faschisten. Dieser Begriff sei nicht für Hitler und Mussolini reserviert, denn „Faschismus ist eine ständige Versuchung“, so Jason Stanley.
Der Philosophieprofessor der US-Elite-Universität Yale liefert mit seinem Buch „Wie Faschismus funktioniert“ einen knappen, kompakten, auch meist lehrreichen Überblick zum Thema, leider in einer weitgehend formelhaften Sprache.
Aus seiner 10-Punkte-Aufstellung mit den markanten Erkennungsmerkmalen des Faschismus sollen hier nur drei Aspekte wiedergegeben werden:
Faschismus, die immerwährende Versuchung
Zum Beispiel: Der Anti-Intellektualismus. Menschen, die ihre Arbeitszeit mit Denken, Abwägen, präzisem Formulieren verbringen, verachtet der Faschist.
Faschistische Anführer sind ‚Männer der Tat‘, die für Beratungen und Überlegungen nichts übrighaben. (...) In der gegenwärtigen Phase der US-Politik, in der Trump und seine Anhänger die Klimaforschung verspotten und verhöhnen, erleben wir einen Siegeszug der Verunglimpfung wissenschaftlichen Sachverstands.
Quelle: Jason Stanley – Wie Faschismus funktioniert
Der faschistische Anführer ist ein Mann, ein Patriarch. Denn die Frau gehört wie früher an Heim und Herd. Dass allerdings gerade ein paar weibliche Rechtsaußen in Europa an der Spitze ihrer Parteien stehen, ist ein Widerspruch, den Stanley nicht weiter beachtet.
Die Rache der Provinz an der Stadt
Im Kapitel „Sodom und Gomorrha“ fasst Stanley die Dynamik zwischen Stadt und Land ins Auge. Denn der Rechtsruck kommt vom Land. Peter Sloterdijk sagte kürzlich in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“, gemünzt auf die Situation in Frankreich: „Der Populismus ist größtenteils die Rache des Landes an der Stadt.“
Stanley neigt nicht zu solch griffigen Thesen. Aber er sagt auf kompliziertere Art das Gleiche. Sinngemäß etwa: Von den Städtern wirtschaftlich und kulturell abgehängt, fantasiert sich der Faschist vom Land als der wahre, der ehrliche und fleißige Amerikaner und beschere den als faule Schmarotzer empfundenen Städtern eine faschistische Regierung. Stanley zitiert Trump in einer Rede an seine Anhänger aus der Provinz: „Schauen Sie nur die Innenstädte an, da gibt es keine Bildung, da gibt es keine Arbeit, da wird man auf der Straße erschossen."
Obama, der angebliche „Agent Allahs“ und andere Geschichten
Im Kapitel namens „Unwirklichkeit“ behandelt Stanley die absurd klingenden aber viral gegangenen Lügen der Faschisten, etwa die, Präsident Obama sei in Wahrheit Muslim.
Solche Verschwörungstheorien sind wirksam, weil sie rationale Erklärungen für ansonsten irrationale Emotionen wie Ressentiments oder fremdenfeindliche Ängste angesichts einer vermeintlichen Gefahr liefern. Die Vorstellung, Obama sei in Wirklichkeit ein Muslim (...) begründet das irrationale Gefühl der Bedrohung, das viele Weiße bei seinem Amtsantritt hatten.
Quelle: Jason Stanley – Wie Faschismus funktioniert
Stanleys blinder Fleck
Zusammenfassend lässt sich sagen: Stanley beschreibt den „alten“ Faschismus von rechts zutreffend. Wovon sein Buch jedoch nicht handelt, das sind die aktuellen Spielarten eines Faschismus von links. Beispiel: Der Anti-Kolonialismus, unter dessen Banner linke Aktivisten und Studenten, auch in Yale, die Judenhasser, Frauenverächter und Schwulenfeinde der Hamas unterstützen.
Der Jude und frühere Nazi-Jäger Serge Klarsfeld machte im Juni mit einer schockierenden Wahlempfehlung von sich reden. Er habe Angst vor den französischen Linken. Würden sie stärkste Kraft in der Regierung Frankreichs, fühle er sich seines Lebens nicht mehr sicher. Deshalb wähle er zum ersten Mal Le Pen.
So gesehen sollte Jason Stanley sein Buch „Wie Faschismus funktioniert“ unbedingt noch einmal überarbeiten und dem Faschismus-Begriff auch eine linke Facette hinzufügen.

Aug 7, 2024 • 4min
Sidik Fofana – Dünne Wände
Ein Chor aus acht Stimmen – laut, pulsierend, fast wie ein Sprechgesang. Sidik Fofana, Sohn westafrikanischer Immigranten, lässt in seinem Short-Story-Zyklus „Dünne Wände“ acht Mieter*innen aus einem Hochhaus in Harlem ihre Geschichten erzählen. Sie machen uns zu Zeugen einer erbarmungslosen Gentrifizierung.
Acht Nachbarn aus Harlem erzählen
Mit Einfallsreichtum, Kampfgeist und Wohlfahrtsschecks halten sich die meisten Mieter*innen hier knapp über Wasser. Mimi, Mitte zwanzig und alleinerziehende Mutter, ist genervt von dem Gerede über das Haus. Mit welchen Nachbarn sie hier wohnt, stellt sie in der ersten Geschichte „Handbuch für Mieter“ klar:
Manche leben von Kindergeld. Ihre Onkel sind im Gefängnis, ihre Tanten auf Crack, ihre Cousins in Gangs, ihre Schwestern auf dem Strich. Das sind die Geschichten, auf die alle geil sind. Der Scheiß, der vielleicht einmal im Jahr passiert. Da quatschen die niggas heut noch von, als wäre es gestern gewesen.
Quelle: Sidik Fofana – Dünne Wände
Wer das liest, braucht keinen Stadtplan, um zu wissen, wo die Geschichten spielen. Sidik Fofana schreibt über das Leben in einer Schwarzen Nachbarschaft und der Übersetzer Jens Friebe hat das N-Wort politisch korrekt im englischen Original belassen.
Für diese authentischen, frischen Stimmen wünscht man sich sofort ein Hörbuch, das die forschen Töne ebenso zum Klingen bringt wie die bedrückende Hilflosigkeit.
Man hat die Protagonist*innen also im Ohr und fast vor Augen, während man ihre Geschichten liest, die alle aus der Ich-Perspektive erzählt werden: Da ist zum Beispiel Mimis Ex-Freund Swan, der kaum Geld für den gemeinsamen Sohn abdrückt und bei seiner Mutter wohnt, die mit zwei Jobs die Miete finanziert. Oder der schwule Nachbar Dary, der die Kellnerin Mimi bei ihrer Schwarzarbeit als Haarstylistin unterstützt. Ein bisschen Glamour im trüben Alltag. Der amerikanische Traum vom sozialen Aufstieg lässt die Mieter*innen in dem verwohnten Hochhaus mit kaputten Waschmaschinen und defekten Aufzügen nicht aufgeben.
Mahnschreiben und Mieterhöhungen: Gentrifizierung droht!
Dramaturgisch werden die eng verzahnten Geschichten durch die drohende Gentrifizierung des Viertels vorangetrieben. Mit Mahnschreiben und Mieterhöhungen versucht ein Investor, die Bewohner*innen hinauszudrängen. Solidarität, Kreativität und Mut sind die Basis einer Resilienz, die den Menschen am Rand der Gesellschaft hilft, der Macht der Verhältnisse zu trotzen.
Auch wenn sich beim Lesen einzelner Geschichten Resignation einschleichen mag, überwiegt doch der Respekt vor der Widerständigkeit der bedrängten Mieter*innen mit ihren unterschiedlichen Biografien.
Fofanas Perspektivwechsel sind sprachlich gewagt, denn eine gestandene fünfzigjährige Schulbegleiterin spricht und denkt anders als ein Zwölfjähriger, der zwar verblüffende Dance-Moves beherrscht, aber keine Rechtschreibung. Den Brief an die Mutter seines toten Freundes schreibt der Junge nach Gehör.
Gelungene Übersetzung des amerikanischen Slangs
Dem Übersetzer Jens Friebe gelingt es, die Mischung aus Black English mit doppelter Verneinung, Umgangssprache und Jugend-Soziolekt in ein Deutsch zu übertragen, das den Alltag in einem New Yorker Sozialbau zumindest annähernd vermittelt. Dass Friebe auch Musiker ist, kommt der vibrierenden, rhythmisierten Sprache des Buches zugute, denn Fofanas Schreibstil ist von literarischen Vorbildern ebenso geprägt wie von HipHop und Rap.
Besonders aufrüttelnd sind die Geschichten, in denen junge Protagonist*innen sich aus der bitteren Realität hinausträumen. „Luxuswohnungen in den Wolken“ plant der Investor, während Mimis Nachbar Dary überlegt, ob er als Stricher die nächste Miete finanzieren soll.
Kann man sich nicht vorstellen, man würde es einfach aus Spaß machen? Seit meiner Geburt war mir klar, aus mir wird mal was Großartiges. Ich hab das volle Paket, einnehmendes Wesen, Talent, fotogen bin ich auch. Weißt du, wie viele Menschen da draußen keinen Traum haben, für den sie leben? Du musst immer bereit sein für den großen Durchbruch.
Quelle: Sidik Fofana – Dünne Wände
„Das Thema, das die Geschichten verbindet, ist der amerikanische Traum und die Enttäuschung des amerikanischen Traums“, sagt Sidik Fofana. Das ist ihm literarisch so überzeugend gelungen, dass man dieses realitätssatte Buch mit dem gleichen Erkenntnisgewinn liest wie eine gut recherchierte Reportage.

Aug 6, 2024 • 4min
Simon Sahner, Daniel Stähr – Die Sprache des Kapitalismus
In vielen gesellschaftlichen Bereichen spielt Sprachkritik eine immer größere Rolle. Sie basiert auf einer Grundüberzeugung der modernen Sprachphilosophie: Realität werde durch Sprache erst geschaffen oder zumindest stark mitgeformt. Wer die Sprache ändert, ändert auch die Realität, so der Glauben.
In diesem Sinn haben sich der Literaturwissenschaftler Simon Sahner und der Ökonom Daniel Stähr nun die Sprache des Kapitalismus vorgenommen. Sie wollen den Bildern, Mythen und Selbsterzählungen unserer Wirtschaftsform auf den Grund gehen.
Preise, die keine sind
So kritisieren sie die Rede von den „steigenden“ oder gar „explodierenden“ Preisen. Das klinge so, als handelte es sich um einen Automatismus. In Wahrheit würden die Preise jedoch von den Unternehmern erhöht. Die oft katastrophischen Metaphern dienten dazu, davon abzulenken.
Sahner und Stöhr sehen – nicht nur hier – die Notwendigkeit staatlichen Regulierens: „Die ‚Tsunamis‘ der Finanzwelt lassen sich verhältnismäßig einfach aufhalten. Wenn wir Angst vor einer ‚Flut‘ an Preiserhöhungen haben, hat die Regierung die Möglichkeit, durch Preisobergrenzen zu reagieren. Dadurch wird aus dem vermeintlichen Tsunami eine harmlose Welle.”
Das mag in einzelnen Fällen funktionieren. Erstaunlich aber, dass die beiden Sprachkritiker nicht mitbedenken, dass staatlich festgesetzte Preise im Wortsinn gar keine Preise mehr sind. Preise bilden sich per definitionem auf Märkten.
Die Heldengeschichten der Finanzwelt
Interessant sind die Ausführungen über die Helden-Narrative der Finanzwelt, etwa in den Selbstdarstellungen erfolgreicher Börsenhändler oder in Filmen wie „Wall Street“, die vordergründig die Gier kritisieren, deren skrupellose Helden aber vielfach zu Idolen junger Börsenhändler wurden. Auch im Silicon Valley ist der geniale Einzelkämpfer der Protagonist vieler Heldenreisen ins Reich der Milliardäre. Steve Jobs zum Beispiel.
Sahner und Stähr relativieren sein Genie mit Thesen der linken Mode-Ökonomin Mariana Mazzucato, die dargelegt habe, “…dass keines der technischen Bestandteile des iPhones tatsächlich von Apple geschweige denn von Steve Jobs persönlich erfunden wurde. Vielmehr handelt es sich bei allem, was Smartphones so nützlich macht, um staatlich geförderte und innerhalb staatlicher Strukturen entwickelte Neuerungen: der Touchscreen, der Zugang zum Internet oder auch das GPS. Steve Jobs ist kein technischer Visionär, sondern eher ein Marketing-Genie, das staatlich finanzierte Innovationen in die richtige Kombination gebracht hat und so zum Multimillionär geworden ist.”
Eine interessante Perspektive. Allerdings zeigt sich auch hier, dass das Vertrauen der Autoren in staatliche Lenkung und staatliche Institutionen ebenso groß ist wie ihr Misstrauen gegenüber marktwirtschaftlichen Akteuren.
Über weite Strecken ihres Buches stellen sie wirtschaftsliberale Formeln auf den Prüfstand, wie die von „Leistungsträgern der Gesellschaft“, der „unsichtbaren Hand des Marktes“, der „Gratismentalität“ oder der schwarzen „Welfare Queen“. Manchmal ist das eher banal als augenöffnend, etwa wenn die Autoren uns von der Fragwürdigkeit des Begriffs „Arbeitnehmer“ überzeugen wollen, weil die doch eigentlich ihre Arbeitskraft „geben“.
Ideologische Schlagseite
Am Ende wird die „Sprache des Kapitalismus“ als Hindernis beim Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel kritisiert. Wohllautende Formeln wie „grünes Wachstum“, „Technologieoffenheit“ oder das Konzept der „Klimaneutralität“ würden hinwegtäuschen über die massiven Transformationen, die die Autoren für nötig erachten.
Spätestens, wenn sie eine postkapitalistische Zukunft beschwören und sich dabei auf Theorien wie Ulrike Hermanns „Überlebenswirtschaft“ oder den „Degrowth-Kommunismus“ des japanischen Marxisten Kohei Saito beziehen, wird die ideologische Schlagseite ihres ostentativ gegenderten Buches offenkundig. Wenn man es jedoch kritisch liest, kann man dennoch einige Orientierung für die aktuellen ökonomischen Debatten gewinnen.


