SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Aug 5, 2024 • 4min

Lavie Tidhar – Maror

Mit „Maror“ hat sich Lavie Tidhar etwas vorgenommen: Die Geschichte Israels von 1974 bis 2008 erzählen – und zwar als Geschichte der Gewalt, Korruption und Skrupellosigkeit.   Es kamen immer mehr. Die Diebe, die Vergewaltiger, und hatte Bialik – oder war es Ben Gurion? – nicht geschrieben: »Erst wenn wir unseren eigenen hebräischen Dieb, unsere eigene hebräische Hure und unseren eigenen hebräischen Mörder haben, haben wir wahrhaftig einen Staat.« Hier wurde es wahr, dachte Benny. Hier wurde es Wirklichkeit.   Quelle: Lavie Tidhar – Maror Das denkt der Verbrecher Benny auf der Party eines russischen Milliardärs in Tel Aviv 1994, auf der Politiker und Armee-Generäle mit Callgirls feiern – und fasst damit das programmatische Anliegen dieses Romans zusammen. Ein brisantes Vorhaben: In Israel ist der im Original auf Englisch geschriebene Roman bisher nicht erschienen. Bislang sicherheitshalber nur auf Englisch erschienen  In einem Interview mit dem „Spiegel“ sagte Lavie Tidhar dazu, das Land sei noch nicht so weit, in israelischen Krimis gehe es immer darum, mit der Aufklärung der Tat die Welt vor dem Verbrechen wiederherzustellen. In „Maror“ lässt sich nichts wiederherstellen, das System läuft, ist im Innern aber kaputt. Eine streitbare, in sich aber stimmige Darstellung.   Manches lässt sich unmöglich verhindern. Krieg. Drogen. Aber man kann sie verwalten. Und das machen wir. Wir halten die Stellung. Wir wahren den Frieden.  Quelle: Lavie Tidhar – Maror Das ist die Überzeugung des korrupten Chief Inspector Cohen, der in diesem gewaltigen Epos im Hintergrund alle Strippen zieht. Ein Mann mit eiskalten Augen, stets ein Bibelzitat auf den Lippen. Ein Polizist, der auch fürs organisierte Verbrechen arbeitet, um die Stabilität des Landes zu wahren. Nach seiner Auffassung. Ob Attentat, Waffenschmuggel oder Landbesetzung, er tut, wovon er glaubt, was getan werden muss. Als der Libanonkrieg die Drogengeschäfte stört, sorgt er für einen neuen Lieferweg. Ab den 1980er Jahren führt ihn der Handel mit Drogen und Waffen bis nach Lateinamerika und Kalifornien. Nie zweifelt er, nie ist er zu fassen. Auch erzählerisch bleibt er im Hintergrund. Eine kluge Entscheidung: So spiegelt die Erzählung sein Wirken, wird er von den Figuren mal als eiskalter Mörder, mal als manipulierender Helfer wahrgenommen.  Knapp 40 Jahre Kriminalitätsgeschichte In den knapp 40 Jahren, die die Handlung umfasst, steigt Cohen innerhalb der Polizei auf. Aber „Maror“ ist kein linear erzählter Roman: Episodisch springt er durch Raum und Zeit, in 18 Teilen tauchen Figuren auf und verschwinden wieder. Bis auf Cohen. Der bleibt. Die Verbrechen haben Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten und Personen. Dazu reichert Tidhar seine Verbrechensgeschichte mit vielen Alltagsbeobachtungen an. Wir laufen durch die Straßen von Tel Aviv, besuchen an der Seite von Polizisten, einer Reporterin oder auch einer Dealerin Nachtclubs und Bars. Oft läuft irgendwo Musik, die die Figuren hören und kommentieren. Im Mittelpunkt aber stehen stets die Verbrechen.   Lavie Tidhar wuchs in einem Kibbuz auf  Der 1976 in Israel geborene, in einem Kibbuz aufgewachsene und in London lebende Lavie Tidhar – bisher für seine Science-Fiction-Romane bekannt – ist nicht der erste Autor, der die Geschichte eines Landes anhand seiner Verbrechen erzählt. James Ellroy etwa hat das in seiner „Underworld USA“-Trilogie gemacht. Im Gegensatz dazu ist „Maror“ aber keine Verschwörungserzählung. Tidhars Erzählung folgt ausschließlich der knallharten Logik von Gier, Korruption und Macht. Es geht nicht um Ideologie, sondern um Kontrolle. In „Maror“ ist Israel ein Staat wie jeder andere – ein Staat, in dem Armeeangehörige unantastbar sind, Politiker, Polizisten und das organisierte Verbrechen zusammenarbeiten. In jeder Generation werden die Hoffnungen junger Menschen auf Frieden und Normalität aufs Neue zerstört.   „Maror“ übt brachiale und provokative Kritik am israelischen Staatsapparat, ist aber niemals moralisierend, sondern mit viel Tempo und Härte erzählt. Fertig ist Tidhar mit seiner erschütternden Gegenerzählung der Geschichte Israels noch nicht: Mindestens einen Teil, der weiter in die Vergangenheit Israels hineinreicht, wird es noch geben.
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Aug 4, 2024 • 2min

Martina Hefter – Hey guten Morgen, wie geht es dir?

Ein Chat mit einem Love Scammer Wenn Juno sich langweilt, chattet sie mit Männern. Es sind so genannte „Love Scammer“: meist afrikanische Männer, die einsamen Europäerinnen erst Liebesschwüre schicken und sie dann um Geld bitten. Eines Abends chattet sie mit dem Nigerianer Benu, mit dem sich nach und nach ein unerwartet ehrliches Gespräch entwickelt. Vertrauen entsteht und ein echtes Interesse am anderen. Trotzdem bleibt Wahrheit ein unsicheres Terrain. Juno weiß das. Deswegen dreht sie den Spieß um, denkt sich lustige Biographien aus und spielt ihrerseits mit den fernen Männern. Sie braucht Ablenkung, denn im Hinterzimmer ihrer Leipziger Wohnung liegt ihr schwerkranker Mann Jupiter. Ein Lesetipp von Anne Weber „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ heißt der neue Roman von Martina Hefter. Ein Titel so locker wie ein Chatbeginn. Die Autorin Anne Weber, die selbst einmal in ihrem Roman „Luft und Liebe“ über einen Liebesbetrug schrieb, mag Hefters Internet-Roman sehr. Sie empfiehlt ihn auf SWR Kultur. Hefters neuer Roman sei ein erstaunlicher Roman, so Weber. Eine Geschichte „von großem Ernst und existenzieller Wucht und Schönheit“.
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Aug 4, 2024 • 6min

40 Jahre E-Mail

Jetzt ist Montag ½ 11 Uhr vormittag. Seit Samstag ½ 11 Uhr warte ich auf einen Brief und es ist wieder nichts gekommen. Quelle: Franz Kafka Das schreibt Franz Kafka an seine künftige Verlobte Felice Bauer am 4. November 1912. Eine leichte Verzweiflung ist in diesen Zeilen enthalten, aber auch ein behutsamer Vorwurf. Unzulänglichkeiten des "analogen" Postwegs Die Unzuverlässigkeit des Fräulein Bauer ist das eine. Das andere ist die Post: Briefe haben einen langen Weg zurückzulegen, und es kann ihnen etwas dazwischenkommen – ein verpeilter Postbeamter, eine Schlamperei, ein ungeplanter Umweg durch fremde Städte, undurchschaubare Briefverteilungszentren. Wenn das Schreiben nicht bis zu einer gewissen Stunde zugestellt ist, dann heißt es warten bis zum nächsten Tag. Im bürgerlichen Zeitalter des ausgiebigen Briefeschreibens musste man Geduld erlernen und gute Nerven besitzen, gerade wenn es um Liebesdinge ging. Ein falsches Wort, eine skeptische Anmerkung, eine bohrende Beunruhigung konnte erst zeitverzögert, möglicherweise Tage, wenn nicht Wochen später bereinigt oder geklärt werden. In ganz dringenden Fällen blieb einem nur das Telegramm, in dem man sich kurz zu fassen hatte. Die erste telegrafische Leitung gab es allerdings nicht vor Mitte des 19. Jahrhunderts. In den frühen 1990er Jahren, als ich bei der Deutschen Bundespost als Eilbote jobbte, war das Telegramm schon vom Faxgerät verdrängt worden – aber ein- bis zweimal am Tag kam es doch noch vor, dass ich ein Fernschreiben mit meinem VW-Post-Golf zustellen durfte, meistens einen Glückwunsch zum Geburtstag oder die Nachricht eines Todesfalls. Dass ich einer in Kürze aussterbenden Tätigkeit nachging, der des Eilboten, war mir wohl sehr viel weniger bewusst als vielen meiner Generationsgenossen, die bereits ihren Commodore C64 gegen einen Macintosh eingetauscht hatten und die digitale Zukunft am Horizont aufleuchten sahen. Die erste elektronische Post im Jahr 1971 Ich hingegen schrieb Briefe mit der Hand, Hausarbeiten mit einer Schreibmaschine und las Goethes „Werther“ oder Kafkas schön-schmerzliche Briefe. Spät kapierte auch ich, was das ausgehende Jahrhundert geschlagen hatte: Bereits 1971 hatte der US-amerikanische Informatiker Roy Tomlinson ja den ersten elektronischen Brief verschickt, von einer größeren Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Am 3. August 1984 um 10:14 Uhr wurde in Deutschland dann die erste Internet-E-Mail empfangen: Michael Rotert von der Technischen Hochschule Karlsruhe erhielt eine Grußbotschaft von der Internet-Pionierin Laura Breeden. Die saß in Massachusetts, also auf einem anderen Kontinent, und hatte irgendetwas in ihren Computer getippt, was nur Sekunden später seinen Empfänger fand. 360 Milliarden E-Mails täglich Heute, 40 Jahre danach, werden weltweit jeden Tag gut 360 Milliarden E-Mails verschickt. 360 Milliarden! Täglich! Die E-Mail-Kommunikation ist beruflich und privat inzwischen so selbstverständlich geworden, dass wir uns ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen können. Selbst SMS und WhatsApp konnten der E-Mail bislang nichts anhaben. Das hat nicht zuletzt literaturhistorische Folgen: Das Literaturarchiv in Marbach, in dem Hunderte von Dichternachlässen und selbstverständlich auch Briefwechsel wie in einer heiligen Grabkammer verwahrt werden, muss sich nun auch mit den neuen technischen Gegebenheiten arrangieren. Es werden Verfahren entwickelt, wie digitale Nachlässe – wozu auch E-Mails gehören – dauerhaft archiviert werden können. Der Briefroman des 18. Jahrhunderts erfährt ebenfalls eine Aktualisierung – als E-Mail-Roman. So hat Daniel Glattauer etwa mit „Gut gegen Nordwind“ im Jahr 2006 einen großen Publikumserfolg gefeiert; Zsuzsa Bánk lässt in „Schlafen werden wir später“ zwei Freundinnen von Computer zu Computer schwermütige Nachrichten austauschen. Im Prinzip aber sind solche Bücher dem klassischen Briefroman verhaftet, auch wenn E-Mail drübersteht – eine ausschweifende, wohlformulierte, auf Antwort und Erwiderung basierende Schriftverkehrs-Prosa. Schnelligkeit auf Kosten der Sprachfeinheit Für den Großteil der heute täglich versandten 360 Milliarden Mails trifft weder ausschweifend noch wohlformuliert zu: Das Medium treibt uns zur Eile an, die Feinheiten der Sprache gehen dabei meist verloren. Mails sollen kurz, schnell beantwortet und ohne formalen Schnickschnack verschickt sein. Manchmal provozieren sie impulsive Reaktionen, die uns später durchaus reuen können. Quillt das Postfach über oder ist man unkonzentriert, vertut man sich auch schon mal im Adressfeld und antwortet dem falschen Empfänger – was fürchterliche Verwicklungen nach sich ziehen kann: Aus Versehen schickt man einem Bekannten eine gehässige Beschreibung von dessen Charakter, die eigentlich in lästerlicher Absicht an einen gemeinsamen Freund gerichtet sein sollte. Oder ein grammatikalisch zweifelhaftes Liebesbekenntnis landet – einer Freudschen Fehlleistung geschuldet – bei der falschen Frau respektive dem verkehrten Mann, die oder der daraus wiederum verhängnisvolle Schlüsse ziehen wird. Die Bedächtigkeit, die sich durch das Schreiben eines Briefes, das Adressieren, das Frankieren, das Zum-Postkasten-Bringen notwendigerweise ergibt, fällt bei der E-Mail dem elektronischen Eilverfahren zum Opfer. Ein Klick auf Senden – und das Unheil ist da. Schriftliche Kommunikation in Echtzeit Die Rasanz hat natürlich auch Vorzüge, aber die liegen eher im Ökonomischen. Zeit wird gespart, Porto wird gespart, Schreibarbeit wird gespart. Schriftliche Kommunikation findet in Echtzeit statt, Räume werden in Windeseile überwunden, Wegstrecken sind auf digitalen Autobahnen eigentlich nur noch abstrakte Entfernungen. Selbst Kafka hätte das wohl als höchst zwiespältig empfunden. Die Gleichzeitigkeit regiert. Keine Postkutsche, kein Flugzeug, kein VW-Post-Golf kann da jemals mithalten. Wer heute noch von einem Dasein als Eilbote träumt, ist der Gegenwart irgendwie verloren – so viele E-Mails er zu den 360 Milliarden auch täglich beitragen mag.
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Aug 4, 2024 • 15min

Stephan Orth – Couchsurfing in der Ukraine

Jetzt hat Stephan Orth, der früher Redakteur im Reiseressort von Spiegel Online war, die Ukraine bereist. Seine erste Reise in ein Land im Krieg. Ausgehend von Kiew, wo seine Freundin lebt, hat er große und kleine Städte im Norden, Westen, Süden und Osten der Ukraine bereist. Überall waren die Auswirkungen des russischen Angriffs spürbar, besonders natürlich in den Städten nahe der Front. Davon erzählt Stephan Orth in seinem neuen Buch „Couchsurfing in der Ukraine“. SWR-Literaturredakteurin Katharina Borchardt hat mit ihm über seine Reiseerfahrungen gesprochen.
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Aug 4, 2024 • 7min

Can Xue – Schattenvolk

Ein Buch der chinesischen Autorin Can Xue zu lesen, ist als würde man Achterbahn fahren und gleichzeitig halluzinogene Drogen konsumieren. Immer meint man, irgendetwas wie eine Realität zu erkennen – da wird man schon weiterbefördert in eine neue Dimension von Zeit und Raum. Trotzdem haben Can Xues Geschichten immer eine Basis in der Gegenwart: Ihr geht es um das urbane China – das sich seit Jahrzehnten radikal und schnell verändert, rücksichtslos, teils auch gnadenlos. Von diesem China handeln auch die 16 Erzählungen, die ursprünglich in den Jahren 1996 bis 2018 erschienen und die nun unter dem Titel „Schattenvolk“ von Eva Schestag nuancenreich ins Deutsche übertragen worden sind. Der Titel ist programmatisch. Denn Can Xue – die ihre Geschichten bewusst nicht zeitlich verortet – zeichnet ein eher düsteres Bild vom fortschrittsverliebten China, indem sie uns mitnimmt in dessen Unterleib: Ihre Figuren navigieren durch verschmutzte Tunnel, klaustrophobische Räume, durch Höhlen und Abwasserrohre. Sprich: durch ein Welt gewordenes Unterbewusstes. Gleich die erste Geschichte spielt im Slum einer namenlosen Stadt, von der man einzig erfährt, dass sich dort eine große Chemiefabrik befindet. In diesem Slum lebt auch der Ich-Erzähler. Für die Menschen ist dieser Ort eine Qual, besonders die Kinder finden nachts kaum Schlaf. Sie schreien vor Schreck auf, springen aus dem Bett und rennen barfuß aus dem Haus. Sie laufen und laufen durch die engen Gassen, sobald sie stehen bleiben, erstarren sie vor Kälte. Ihre Eltern kommen erst im Morgengrauen, um sie einzusammeln. Die Väter und Mütter sind ganz schwarze, ganz magere Leute, solche, in deren Gesichtern man nur noch die Augäpfel hin und her rollen sieht. Quelle: Can Xue – Schattenvolk Rabenschwarzer Humor, märchenhafte Elemente Gefahren lauern an diesem Ort überall, auch für den Ich-Erzähler: Der Hausherr versucht, ihn zu vergiften, nachts wird er Zeuge, wie ein Mann wieder und wieder einen schwarzen Kater umbringt. Und dann ist da noch die Hausratte, die sich eines Tages an den Fersen eines Großväterchens festbeißt: Ich hörte etwas an einem Knochen nagen und dachte, es sei die Katze. Also sprang ich vom Ofen hinunter und lief hin, um nachzusehen. Ah, es war nicht die Katze, es war eine Hausratte, sie war doppelt so groß wie eine gewöhnliche Hausratte. Verdammt! Sie nagte an Großväterchens Ferse. Ich sah den nackten weißen Knochen, doch kein Blut. Die Hausratte war freudig erregt, zitterte am ganzen Körper, als knaknakna-knabbere sie am besten Knochen der Welt. Quelle: Can Xue – Schattenvolk Solch rabenschwarze und zugleich märchenhafte Elemente sind immer wieder kunstvoll in Can Xues Geschichten eingestreut. Subtiler Horror wirkt da, aber auch dezenter Humor. Auch Träume und Alpträume, Fakt und Fiktion, Surreales und Reales – wie etwa der Verweis auf Hunger und Not – gehen darin Hand in Hand. Das macht die Lektüre so rätselhaft wie spannend. Lange fragt man sich etwa in dieser Geschichte, wer und was eigentlich der Ich-Erzähler ist: ein Mensch – oder ein Tier? Blick in die menschliche Seele durch den Spiegel der Tiere Kafka – einer von Can Xues favorisierten Autoren – lässt tatsächlich in mehreren Erzählungen grüßen: Verwandlungen durchlaufen viele der Figuren. Und viele von ihnen sind sowieso Tiere: Eine ältere Elster etwa – die jeden Tag fürchtet, dass ihr Nest von böswilligen Menschen zerstört wird. Zikaden, die in der Abenddämmerung singen, notgedrungen von den Menschen geduldet: Was konnte man schon tun? Die Zikaden, Pappeln und Weiden wuchsen und gediehen zusammen, und die Zikaden waren nicht auszurotten, es sei denn, man fällte die Bäume. Dann aber würde die Temperatur im gesamten Wohnviertel um mindestens drei Grad steigen. Quelle: Can Xue – Schattenvolk Can Xue spielt damit womöglich auf die 1958 von Mao ausgerufene Kampagne „Ausrottung der vier Arten“ an, die einst mit zur Großen Hungersnot beitrug. Vor allem aber erzählt sie von den Abgründen der menschlichen Seele im Spiegel der Tiere. Diese durchleben das ganze Register an Leid, Verzweiflung und Gewalt, das allen widerfährt, die unter die Räder des sich modernisierenden Chinas geraten. Wie die Menschen sind auch die Tiere konfrontiert mit dem Verlust von Heimat und Zugehörigkeit. Die Landschaften in allen Erzählungen sind entsprechend feindlich gezeichnet: extrem heiß oder heimgesucht von sintflutartigen Unwettern; gleißend grell oder beklemmend dunkel. Leben, so macht Can Xue in solchen Bildern deutlich, bedeutet hier eher Überleben. Statt Konstanz herrscht Kontingenz: durch Entwurzelung, durch Umsiedelung, ob erzwungene oder freiwillige. So gesteht gleich zu Beginn der titelgebenden Erzählung „Schattenvolk“ der Ich-Erzähler, dass er falschen Verheißungen von einem besseren Leben in der Stadt aufgesessen ist: Es war ein langer und mühsamer Weg in die Feuerstadt. Bis heute erinnere ich mich an den Durst, die Sehnsucht, die ich unterwegs verspürte. Mir war, als ginge ich zum Kristallpalast! In den Sagen und Märchen ist der Kristallpalast der allerschönste Ort. Ich kam nachts an. Ich erinnere mich, wie mich zwei Hände in ein altes Haus zogen, wo es nach Fleischbrühe roch, und dann irgendjemand sagte: »Der läuft uns nicht weg.« Quelle: Can Xue – Schattenvolk Schattenwelten, Parallelwelten: zwischen Himmel und Hölle Und doch sind die Sinnesorgane aller Lebewesen in diesen Erzählungen mit feinem, ja feinstem Radar ausgestattet. Sie nehmen Kontakt auf mit Geistern, Verstorbenen und Ahnen – und damit mit all jenen, die den verdrängten vergessenen Humus bilden für die von Can Xue beschriebene Gegenwart. Kurz: Das Sichtbare ist in dieser Welt so real wie das Unsichtbare. Diese Form der Wirklichkeitswahrnehmung prägt die vorliegenden Erzählungen ebenso wie das daoistische Konzept des Wu Wei, das Nichthandeln als Handeln begreift. Das stille Glück aller Figuren liegt genau hierin: zu akzeptieren, was ihnen widerfährt. An Aufbegehren denkt jedenfalls keine von ihnen. Ist das weise – oder totale Resignation? Zudem schließt der Band mit Geschichten, in denen der Erdenschwere eine erträumte Flucht entgegensteht: Die Erzählung „Glück“ etwa spielt in einem Haus, das kein Oben und Unten besitzt, sich aber unverkennbar zum Himmel hin öffnet. Und mit einem Sturz in den Himmel endet auch die letzte der Geschichten. Dante – ein weiterer literarischer Ahnherr der Autorin – dürfte Pate gestanden haben für den formalen Bogen, den auch Can Xues Erzählungen vollzieht: von der Unterwelt hin zu einem nicht verortbaren Anderswo. Tatsache ist: Mit ihren mesmerisierenden Geschichten lotet Can Xue die Abgründe und Verwerfungen des modernen China aus – und bietet zugleich Erzählkunst auf höchstem Niveau.
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Aug 4, 2024 • 6min

Leonardo Padura – Anständige Leute

Havanna im März 2016: Kubas Hauptstadt ist im Ausnahmezustand. US-Präsident Barack Obama wird zu einem historischen Besuch erwartet, wenige Tage später wollen die Rolling Stones zum ersten Mal in dem sozialistischen Inselstaat auftreten. Als wäre all dies nicht schon genug Arbeit für die Polizei, wird ein ehemaliger hochrangiger Funktionär – ein gefürchteter Kunst-Zensor – tot aufgefunden. Grausam verstümmelt liegt er in seiner Luxuswohnung in einem Hochhaus mit Panorama-Blick. Mit diesem fiktiven Mord in einem realen zeithistorischen Kontext beginnt Leonardo Paduras Roman „Anständige Leute“. Wieder einmal wird der Ex-Polizist Mario Conde mit dem berühmt-berüchtigten siebten Sinn von seinen ehemaligen Kollegen um Hilfe gebeten, ein Verbrechen aufzuklären. Kurze Zeit später kommt noch ein zweiter Toter hinzu: Ex-Schwiegersohn des ersten Mordopfers. Beide hatten unter Fidel Castro viele Menschen in Angst und Schrecken versetzt.  Die Geschichte eines Kunst-Zensors unter Fidel Castro In Paduras Roman heißt der Zensor Reynaldo Quevedo. Personen wie ihn gab es tatsächlich im sozialistischen Castro-Regime. Quevedo verfolgte Künstlerinnen und Künstler wegen „ideologischer Abweichung“ und stellte Homosexuelle und Christen an den Pranger. Im Roman nimmt sich eine Dichterin deswegen das Leben. Nicht nur werden die Geächteten hart bestraft und dürfen ihre Kunst nicht mehr ausüben – Quevedo reißt sich auch Werke seiner Opfer unter den Nagel. Leonardo Padura schreibt: In den düsteren siebziger Jahren verkörperte Quevedo für die Künstlerkreise des Landes das Böse schlechthin. Er war ein bestenfalls mittelmäßiger Dichter, hatte einen ebenfalls bloß mittelprächtigen militärischen Dienstgrad inne und entsprach in jeder Hinsicht dem Typus des unerbittlichen Politikers, der krank vor Hass und Neid gegen alle Andersdenkenden vorgeht und seine Macht dabei rücksichtslos missbraucht. (…) Offensichtlich wegen seiner ausgeprägten inquisitorischen Neigung und angeborenen Boshaftigkeit hatte man ihn zum Anführer einer mit der Verfolgung, Schikanierung und Ausgrenzung von kubanischen Schriftstellern und Künstlern beauftragten Gruppe bestimmt, die jahrelang ungehindert ihr Unwesen trieb. Quelle: Leonardo Padura – Anständige Leute Mit der Unterdrückung der kubanischen Kunstwelt, die in den 1970er Jahren besonders brutal war, berührt Leonardo Padura ein kaum aufgearbeitetes Kapitel der jüngeren Geschichte seines Landes. Dass die beiden Morde in seinem Roman etwas mit diesen schmerzhaften Geschehnissen zu tun haben, wird rasch klar. Der berühmte kubanische Zuhälter Alberto Yarini (1882-1910) tritt auf Aber in „Anständige Leute“ gibt es auch noch einen zweiten, nicht minder fesselnden Erzählstrang. Padura vertieft sich in das abenteuerliche Leben einer kubanischen Legende: Alberto Yarini, Zuhälter-König und charismatischer Patriot mit politischen Ambitionen, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Havanna vom Volk verehrt wurde. Auch sein Leben endete nicht gut. Auf den ersten Blick haben die beiden abwechselnd erzählten Geschichten nichts miteinander zu tun, aber nach und nach offenbaren sich Berührungspunkte. Anständig, was für ein schönes Wort, nicht wahr? Auch ich war zeitlebens ein anständiger Mensch. (…) Ach ja, und vergessen Sie nicht: Die Vergangenheit lässt sich nicht auslöschen, und die Geschichte geht nie zu Ende. Quelle: Leonardo Padura – Anständige Leute schreibt der Mörder des Kunst-Zensors, nachdem er aufgeflogen ist, an den Ermittler Conde. Paduras Roman kommt immer wieder auf den Begriff der Anständigkeit zurück. Kann man einen Mord begehen und trotzdem anständig sein – weil das Opfer ein skrupelloses Monster war? Oder: Wie bleibt man anständig, wenn Doppelmoral und Korruption alles beherrschen? – ob nun in der heutigen Diktatur oder vor 100 Jahren, als Prostitution, Drogenhandel und Glücksspiel auf Kuba blühten und auch Polizei und Politik durchdrangen. Leonardo Padura schlägt mit diesen Fragen gekonnt einen Bogen zwischen beiden Handlungssträngen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ermittler Conde wirft einen luziden und desillusionierten Blick auf Kuba Er lässt sein Alter Ego, den chronischen Pessimisten Mario Conde, luzide und desillusionierte Blicke auf seine Heimat werfen. Gerade auch auf die Prostitution, allgegenwärtig im vorrevolutionären Havanna, aber auch heute für viele Kubanerinnen und Kubaner ein Ausweg aus ihrer wirtschaftlichen Misere. Wir erleben durch die Augen Condes, der abends in einem angesagten Restaurant als Security-Mann jobbt, die krassen Gegensätze im Land: Da sind die Pechvögel, die im realexistierenden Sozialismus kaum über die Runden kommen, und die Glücklichen, die Devisen ergattern und sich viele Annehmlichkeiten leisten können. In den Tagen rund um den Obama-Besuch und das Stones-Konzert, in denen Leonardo Padura seinen Roman ansiedelt, herrschte bei vielen Kubanern Euphorie und Hoffnung auf mehr Freiheiten und wirtschaftliche Besserung. Dass das nicht anhalten würde, sieht Ermittler Mario Conde voraus: Die Leute tun so, als wäre die Schule aus, dabei ist das hier bloß die kleine Pause. Die Lehrer und ihre Helfer stehen immer noch mit dem Stock in der Hand da und überwachen alles, aber das scheinen die Leute überhaupt nicht mitzubekommen. Quelle: Leonardo Padura – Anständige Leute Ein unterhaltsamer und traurig aktueller Roman „Anständige Leute“ ist ein traurig aktuelles Buch, denn die Kunst-Zensur auf Kuba gehört nicht der Vergangenheit an. Auch heute werden unabhängige Kulturschaffende gegängelt. 2018 erließ die Regierung ein Dekret, das Zensur und Einschränkungen der Kunstfreiheit festschrieb. Auf Proteste aus der Kulturszene folgten Verhaftungen und Verurteilungen. Künstler sitzen im Gefängnis, andere sind ins Exil gegangen. Padura packt das schwere Thema in einen unterhaltsamen, allerdings etwas ausschweifenden Krimi, vor allem aber ist „Anständige Leute“ ein Gesellschaftsroman mit erhellenden Einblicken in Kubas Abgründe und Umbrüche.
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Aug 4, 2024 • 5min

Was liest Kamala Harris?

Buchempfehlungen von Politprominenz sind meistens dreierlei: Fast immer geht es um Imagepflege, nicht selten um die Darstellung intellektueller oder politischer Positionen und oft auch um echte persönliche Interessen. Bei Kamala Harris treffen alle drei Aspekte zusammen. Und seit Präsident Joe Biden sie als demokratische Präsidentschaftskandidatin ins Spiel gebracht hat, ist das Interesse an ihren bevorzugten Lektüren umso größer. Da kommt das „Börsenblatt des Deutschen Buchhandels“ gerade recht, indem es uns verrät, was die Hoffnungsgestalt aller Trump-Gegner gerne liest und weiterempfiehlt. Neu ist das allerdings nicht, denn die fünf Titel, die Kamala Harris als ihre All-Time Favourites bezeichnet, sind seit rund zehn Jahren die gleichen. Was also steht auf dieser Bücherliste? Was lässt sich daraus ablesen? Fulminante Einwanderergeschichten Sofort ins Auge fällt der Roman „Drachenläufer“ des afghanischen Diplomatensohnes Khaled Hosseini, dessen Familie 1980 Asyl in den USA erhielt. Der Roman handelt vom Niedergang Afghanistans unter den Taliban und von der Emigration in die USA. Er wurde nach der amerikanischen Erstausgabe 2003 zum Weltbestseller, es folgte die Verfilmung, der Autor gewann Prominentenstatus. Zu den Migranten mit fulminanter Einwanderungskarriere gehört auch die Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie. Sie zählt mit ihrem Erzählband „Heimsuchung“ ebenfalls zu den Auserwählten von Kamala Harris. Mit 19 kam die Professorentochter zum Studium in die USA und absolvierte erfolgreiche Abschlüsse an den Ivy-League-Universitäten Princeton und Yale. Gute Voraussetzungen also, um aus feministischer Sicht über Erfahrungen zu schreiben, bei denen sich Identitätsprobleme und postkoloniale Verhältnisse reibungsvoll überlagern. Auch Harris‘ Eltern gehören zur migrantischen Oberklasse Anders als Donald Trump, der für einen Kapitalismus der ungebremsten persönlichen Bereicherung steht, zeigt Kamala Harris viel Empathie für Zuwanderer und ihre Herkunftsgeschichten. Unverkennbar ist sie aber auch fasziniert von sozialem Aufstieg und Erfolg. Denn der Afghane Hosseini und die Nigerianerin Adichie stehen für die Literatur einer migrantischen Elite. Dasselbe Erfolgsmuster bestätigt auch Amy Tans Roman „Töchter des Himmels“, die dritte Buchempfehlung mit Migrationsthematik. In diesem Fall handelt es sich um die chinesische Variante einer Aufstiegsgeschichte in den USA. Parallelen mit Kamala Harris eigener Biographie sind leicht zu erkennen. Auch ihre Eltern gehören zur migrantischen Oberklasse. Die Tochter machte standesgemäß eine steile Karriere als Juristin und Politikerin. Rassismus, Polizeigewalt und Justizwillkür Das andere große Thema der Reading List von Kamala Harris ist der Rassismus gegenüber Afroamerikanern. Dazu nennt sie zwei Bücher: Zum einen den afroamerikanischen Klassiker „Sohn dieses Landes“ von Richard Wright aus dem Jahr 1940 über den unaufhaltsamen Weg eines jungen Schwarzen vom armseligen Ghetto-Alltag bis hin zum elektrischen Stuhl. Wie ein aktueller Kommentar dazu liest sich die fünfte Empfehlung: Das ist ein Erfahrungsbericht des Strafverteidigers und Bürgerrechtlers Bryan Stevenson, der sich unter dem Titel „Ohne Gnade“ mit „Polizeigewalt und Justizwillkür in den USA“ auseinandersetzt. Diese Empfehlung könnte bedeuten, dass eine Präsidentin Kamala Harris der Verbesserung eines ethnisch ungerechten Justizsystems besondere Aufmerksamkeit widmen möchte. Mehr menschliche Anteilnahme im Weißen Haus? Kamala Harris setzt mit ihren Buchfavoriten starke Signale. Dazu gehört auch dieses: Alle fünf der genannten Bücher stammen von People of Colour. Weiße Literatur kommt nicht vor, die Liste all dessen, was Kamala Harris bei ihren Lektüren ignoriert, wäre lang. Das könnte zu einem Problem werden. Denn die schwierigen Wählergruppen der Modernisierungsverlierer, gleich ob schwarz oder weiß, werden sich in diesen Lektüreempfehlungen kaum wiedererkennen. Trotzdem verraten die literarischen Vorlieben von Kamala Harris einen großen Sinn für menschliche Anteilnahme. Und der wäre im Weißen Haus auf jeden Fall gut zu gebrauchen.
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Aug 1, 2024 • 4min

René Aguigah – James Baldwin. Der Zeuge

Der Ort, in den ich hineinpasse, wird nicht existieren, bis ich ihn schaffe. Quelle: James Baldwin Ein Satz von James Baldwin. Seine Zitate trenden in den sozialen Medien, Madonna ist Fan, es gibt Kinofilme über ihn – und trotzdem:  Man muss James Baldwin auch heute noch vielen Menschen vorstellen, gerade in Deutschland. Dabei war er eine wirklich wichtige Figur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. 1924 in den ärmlichen New Yorker Stadtteil Harlem geboren. Sein Stiefvater, ein Baptistenprediger, ungeheuer streng und selten da. Seine Mutter neunmal, also eigentlich immer schwanger. Es ist die Zeit der strengsten Rassentrennung, des Antikommunismus, der Homophobie.   Ein Realist mit klarer politischer Haltung  James Baldwin begann früh mit dem Schreiben von Rezensionen mit Ende 20. Dann der erste, vielbeachtete Roman mit dem programmatischen Titel: „Von dieser Welt“. In Filmdokumenten merkt man ihm die Herkunft bis heute an: Seine intensive Art zu reden, seine Überzeugungskraft, sein Appell an sein Gegenüber, seine Anrufung der Liebe als universaler Kraft. Unscharfe Sonntagsreden hielt er nie – er war jemand, der tatsächlich Wärme und Genauigkeit miteinander verbinden konnte – und dabei noch Platz hatte, um aus der Analyse heraus eine klare politische Haltung zu entwickeln. René Aguigah ist Leiter des Literaturressorts im Deutschlandfunk. Er hat das Leben Baldwins und sein Werk in einem Buch zusammen gedacht. Sein Baldwin-Porträt schreibt Aguigah entlang des Werks, an den Romanen und Essays entlang, vom frühen Bericht „Von dieser Welt“ (der sich in drei Wochen 250.000 Mal verkaufte) über die bisexuelle Liebesgeschichte „Giovannis Zimmer“ hin zu „Ein anderes Land“ oder „Beale Street Blues“. Baldwins Literatur ist immer nah an seinem eigenen Leben. Und sie ist vor allem nah an der Wirklichkeit. Baldwins Realismus ist keine Behauptung – er lässt seine Figuren tatsächlich mit ihren Widersprüchen leben.   Baldwin, meint Aguigah,  wechselte zwischen zwei unterschiedlichen Modi der Wahrnehmung, des Sprechens, der Arbeit: ein Modus der Entschiedenheit, ein Modus der Ambivalenz. Quelle: René Aguigah – James Baldwin. Der Zeuge Baldwin war ein Wanderer zwischen den Welten  James Baldwin war immer ein Wanderer zwischen den Welten. Schwarz und Schwul, Schriftsteller und Aktivist. Als Schriftsteller auch noch zerrissen zwischen Essays und Romanen. Und als Schwarzer spürte er in Amerika und Europa gleichermaßen eine Art von Unzugehörigkeit. Diese Zwischenstellung ist so etwas wie ein zentrales Motiv.   In dem beeindruckenden Buchporträt bezeichnet Aguigah Baldwin als einen “Zeugen”. Denn im Zeugen verbinden sich die Gegensätze.  Bezogen auf die Aufgabe an der Schreibmaschine betont die Zeugenschaft, dass es dem Schreiben nicht um Kunst um der Kunst willen, sondern um etwas in der Welt geht. Bezogen auf den politischen Protest rückt sich der selbsternannte Zeuge ein wenig an den Rand der Arena: Er war dabei, aber nicht im Zentrum; er lief mit, aber mit dem Notizbuch in der Hand. Quelle: René Aguigah – James Baldwin. Der Zeuge Damit ist auch ein bisschen erklärt, warum James Baldwin fast 40 Jahre nach seinem Tod so eine Bekanntheit erlangt in Deutschland? Er macht uns verständlich, was wir lange geahnt haben: Nämlich, wie die weiße Dominanzgesellschaft große Teile der Gesellschaft außen vor lässt. Baldwin meinte:    Die Welt ist nicht mehr weiß, und sie wird nie mehr weiß sein Quelle: James Baldwin James Baldwin ist unser Zeitgenosse  Die Blackpower-Bewegung fremdelte mit Baldwins Queerness und die schwule Bewegung mit seiner Hautfarbe. Die Stars im politischen Kampf wurden in den 50er Jahren Martin Luther King und Malcolm X – die sich beide auf die Politik festlegten und keine Romane schrieben. James Baldwin ging nach Paris, glaubte, in Europa besser leben zu können. Man muss ihn trotzdem als dritte große Figur der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung dazu zählen. Am Anfang seiner Biographie steht der Satz:    James Baldwin ist unser Zeitgenosse. Quelle: René Aguigah – James Baldwin. Der Zeuge Das glaubt man, wenn man Baldwins Romane gelesen hat, und man versteht es nach diesem Buch noch sehr viel besser.
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Jul 31, 2024 • 4min

Ling Ma – Glückscollage

Wann fühlen wir uns der Realität besonders nah? Im Storyband „Glückscollage“ der US-Amerikanerin Ling Ma heißt es einmal, es seien gerade die surrealen Situationen im Leben, die den Eindruck von Präsenz erzeugen. An solch surrealen, unheimlichen Momenten ist in den acht Storys dieses Bandes kein Mangel.   Wendungen ins Fantastische  Egal, ob es um einen One-Night-Stand geht, eine Schwangerschaft oder um eine Reise ins Heimatland des Ehemannes, stets kommt es zu verblüffenden Wendungen ins Fantastische. Ein Unbekannter aus der Bar entpuppt sich zuhause als sagenumwobener Schneemensch. Ein Arm des Fötus baumelt schon lange vor der Geburt außerhalb der Fruchtblase zwischen den Beinen der Protagonistin. Und ein Ehemann will nur deshalb sein Heimatdorf besuchen, um sich einem alten Ritus folgend über Nacht lebendig begraben zu lassen, in der Hoffnung, anderntags seiner Frau als neuer Mensch wiederzubegegnen.   Verblüffend sind diese Wendungen aber nur für die Leserschaft. Denn die weiblichen Hauptfiguren dieser Storys nehmen das Übernatürliche mit auffallender Selbstverständlichkeit hin. Ihr allenfalls von leichter Neugier durchsetzter Gleichmut manifestiert sich nicht zuletzt sprachlich, in einem für diese Erzählungen typischen trocken-sachlichen Ton, den Zoë  Beck vorzüglich ins Deutsche übertragen hat.   Ihr abendliches Ritual nach dem Duschen bestand darin, den Babyarm anzuziehen. […] Der Arm war jetzt dick und kräftig, die Muskulatur fester als zuvor. Sie massierte ihn ein wenig. Jede Woche schnitt sie ihm die Fingernägel. Quelle: Ling Ma – Glückscollage Hellsichtiger Debütroman  Diese zum erzählten surrealen Inhalt gleichsam querstehende sachliche Prosa kennt man bereits aus dem gefeierten Debütroman der 1983 in China geborenen Autorin, der Postapokalypse „New York Ghost“. In ihr wurde die Welt schon 2018 von einer in China ausbrechenden Seuche heimgesucht. Der amerikanische Literaturbetrieb feierte übrigens auch Ling Mas neues Buch „Glückscollage“, und das durchaus zu recht, so eindrucksvoll und originell sind diese Storys, so viel verraten sie über die gesellschaftspolitischen Verhältnisse der Gegenwart.  Toxische Mädchenfreundschaft  Ihre Protagonistinnen sind, wie die Autorin, junge Amerikanerinnen chinesischer Herkunft. Von den Erwartungen ihrer Mütter und Community versuchen sie sich ebenso zu befreien, wie sie sich in der weißen Mehrheitsgesellschaft zu behaupten suchen, mit Jobs in Regierungsbehörden oder, wie Ling Ma heute selbst, an der Uni. Der Titel des Bandes „Glückscollage“ ist übrigens die Übertragung eines Begriffs aus der Filmwissenschaft: Als „Bliss Montage“ bezeichnete einst die Filmhistorikerin Jeanine Basinger ein wiederkehrendes Hollywoodmotiv, wenn sich Frauen für einen kurzen Moment als Herrinnen ihres Schicksals fühlen dürfen. Das Glück von Ling Mas Heldinnen ist nicht minder doppelbödig.  In der stärksten, aber auch abgründigsten Geschichte des Bandes mit dem Titel „G“ – der Buchstabe steht für Gravitation – geht es um eine toxische Frauenfreundschaft und um eine Droge, die die Protagonistinnen gleichermaßen schweben lässt wie unsichtbar macht. Ein befreiendes Erlebnis, jedenfalls so lange man bei der Dosierung aufpasst:  Weißt du, wie sich die Welt dir fügt, wenn du dich in einem unsichtbaren Kokon durch sie hindurchbewegst? Niemand sieht dich an, niemand beurteilt dich. Der kleine Amboss der Unsicherheit hebt sich. Du kannst überall hingehen, ungehindert von den Mikroaggressionen Fremder, den gezwungenen, bleischweren Höflichkeiten von Freunden und Bekannten. Quelle: Ling Ma – Glückscollage Nach dem Muster der Traumlogik  Andere von Ling Mas Ich-Erzählerinnen erleiden auch handfeste Aggressionen, geraten etwa an gewalttätige Partner, die sie auch nach der Trennung nicht loswerden. Wie in der Story „Los Angeles“, in der die Ich-Erzählerin in ihrem Haus mit ihren 100 Ex-Liebhabern nicht nur lebt, sondern mit ihnen auch nachmittags zum Shoppen fährt. In ihrem Porsche, wohlgemerkt. Dass die Vergangenheit oft länger lebendig ist, als einem lieb ist, ist eine Erfahrung, die wohl jeder schon einmal gemacht hat. In Mas Erzählung wird sie nach dem Muster der Traumlogik einfach wörtlich genommen und voller Erzähllust bis ins absurdeste Detail ausbuchstabiert.
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Jul 30, 2024 • 4min

James Baldwin – Ich weiß, wovon ich spreche

Die Wiederentdeckung des 1987 gestorbenen Autors James Baldwin in den letzten Jahren ist ein erstaunliches Phänomen. Der Romancier und Essayist wird vor allem von einer jüngeren Generation gelesen. Seine Rolle in der Bürgerrechtsbewegung und sein mutiges Auftreten als Schriftsteller machen ihn nicht nur zur Ikone der Black-Lives-Matter-Bewegung, sondern weltweit zu einer Stimme gegen Rassismus. Spricht man mit jüngeren Autor:innen, dann wird das sehr deutlich. Rowan Ricardo Phillips, Lyriker, Übersetzer und Präsident des New York Institute for Humanities, fasste das im Interview kürzlich so zusammen:  Wenn man an die 70er und frühen 80er Jahre denkt, (...) bin ich mir nicht sicher, ob seine Botschaft und seine Präsenz so sehr durchgesickert sind wie jetzt, wo er im Grunde das Zentrum darstellt, wenn wir an Studien über schwarzes Bewusstsein oder sogar an Schriften über die schwarze Diaspora denken. Baldwin steht dabei im Mittelpunkt. Ungeheuerlich. (...) Baldwin wurde uns in der Schule als Romancier nahegebracht, weniger als Aktivist. Ich denke, das hat sich jetzt völlig geändert, denn Baldwin ist in erster Linie ein Aktivist.]  Quelle: Rowan Ricardo Phillips  Schwarze und Weiße sind aneinander gebunden   Seinem Denken, seiner Präsenz als public intellectual, seiner Emphase und Empathie kommt man in seinen Essays nahe – und nicht zuletzt auch in den zahlreichen Gesprächen, die er zu Lebzeiten vor der Kamera oder auf dem Papier geführt hat. Einige davon versammelt nun der Band „Ich weiß, wovon ich spreche“ aus Anlass seines 100. Geburtstages am 2. August.  Als Schwarzer in diesem Land – und das hat Ralph Ellison sehr treffend formuliert – wirst du eigentlich nie gesehen. Was weiße Leute sehen, wenn sie dich anschauen, ist nicht sichtbar. Was sie sehen, wenn sie dich anschauen, sind ihre Zuschreibungen. Und das sind Qual und Schmerz, Gefahr, Lust und Pein. Sie wissen schon, Sünde, Tod und Hölle – davor fürchtet sich jeder in diesem Land. Quelle: James Baldwin – Ich weiß, wovon ich spreche Die Gespräche drehen sich um dieses Nicht-gesehen-Werden. Sie drehen sich um die Entwicklung schwarzen Bewusstseins, um die Identität als Amerikaner, um das unverbrüchliche Aneinandergebundensein von Schwarzen und Weißen, um die eigene Rolle als Wortführer, um eine Revolution, die das ganze Land verändern sollte, die Unterdrücker sogar noch stärker als ihre Opfer. Befreit werden müssten, laut Baldwin, nicht die Afroamerikaner, sondern die Weißen selbst.  Wütende Unbedingtheit  Von den Schrecken, die sie plagen, von ihrer Unwissenheit, von ihren Vorurteilen und vor allen Dingen von dem Recht, Unrecht zu tun, auch wenn man weiß, dass es Unrecht ist. Die Weißen in den Südstaaten sind, glaube ich, die ärgsten Opfer und die traurigsten Geschöpfe auf der ganzen Welt. Sie wissen, dass es unrecht ist, sie wissen, dass man nicht einen Hund auf ein Kind hetzen oder einen Wasserstrahl auf ein Kind richten kann, ohne sich bewusst zu sein, dass man etwas Unrechtes tut. Quelle: James Baldwin – Ich weiß, wovon ich spreche  Das Großartige an diesen Gesprächen – ob mit Margaret Mead oder Audre Lorde, mit Nikki Giovanni oder Fritz J. Raddatz – ist die äußerst sorgfältige Auseinandersetzung mit Argumenten, Geschichte und Vorurteilen. Man kann den Sprechenden bei ihrer sorgsamen, tastenden Suche nach Wahrheiten und Erkenntnissen förmlich zuhören, aber auch die wütende Unbedingtheit im Reden spüren. Baldwin ist ein mitreißender, genauer, immer wieder seine Punkte deutlich und prägnant hervorhebender Intellektueller, der sich selbst gerade in den Diskussionen mit jüngeren Vertretern des Schwarzen Kampfes hinterfragt oder um Verständnis für eigene Positionen wirbt. Die Interviews decken gründlich das öffentliche, gesellschaftliche Engagement Baldwins ab. Der Schriftsteller, der Künstler, der sich davon nicht trennen lässt, kommt lediglich am Rande vor. Wer ein komplettes Bild dieses Lebens erhalten will, sollte etwa auf die neue Biographie von René Aguigah zurückgreifen – und neben den Essays und Gesprächen Baldwins auch dessen Romane lesen.

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