

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Jul 29, 2024 • 4min
Urs Engeler – nicht nichts. Gedichte 1984 bis 2024
Zu Beginn der Schöpfung formt Gott den Menschen aus Erden-Staub und haucht ihm den Atem des Lebens ein. Dieser Atem macht den Menschen zu einer lebenden Seele und ist unter dem Namen Pneuma auch einer der zentralen Begriffe in der Geschichte der Philosophie, der Wissenschaft und Medizin in der Antike.
In seiner Verwendung als poetisches Bild kommt dem Atem eine entsprechend wichtige Bedeutung zu. Auch Urs Engeler greift ihn in seinem neuen Lyrikband „nicht nichts“ auf:
Auf, Atem, den andern ein-, das andere Haus atmen.
Quelle: Urs Engeler – nicht nichts. Gedichte 1984 bis 2024
Nur wenige Verse genügen Engeler, um mit kleinsten Mitteln eindrucksvoll wirkende Verse entstehen zu lassen, die deutliche Anklänge an das bekannte Gedicht „Im Atemhaus“ der jüdischen Lyrikerin Rose Ausländer aufweisen, das vom Spannen unsichtbarer Brücken zu Menschen und Dingen spricht, und an dessen Ende sich das lyrische Ich vorstellt, im Atemhaus zu wohnen, eine Menschenblumenzeit.
Wie das Gedicht der berühmten Vorgängerin, richten sich auch Urs Engelers Verse allesamt auf ein Gegenüber. Dieses Gegenüber kann ein geliebter Mensch oder ein besonderer Gegenstand sein, eine Blume oder eine Katze.
Es kann die Flüchtigkeit, die Vergänglichkeit, selbst das Sterben sein, also gewichtige philosophische Entitäten oder Existenzialien, denen sich das sprechende Subjekt meist vertrauensvoll, zugleich aber mit Behutsamkeit nähert, langsam, in winzigen Sprachgesten:
Ganz nun aufgegangen im langen Schatten – –so ganz verstummt und nur mehr Aug
Quelle: Urs Engeler – nicht nichts. Gedichte 1984 bis 2024
Die starke Neigung dieser Verse zum Verstummen, die schon Paul Celan dem Gedicht der Moderne in seiner Büchnerpreis-Rede „Der Meridian“ attestierte, kulminiert im Titel des Englerschen Bandes.
„nicht nichts“ ist in seiner doppelten Verneinung zwar etwas, aber nicht eben viel. Und doch prägen sich diese kleinen, vorsichtigen, fast scheuen Gedichte ein, die manchmal nur aus einem einzigen Vers bestehen.
Er fasst sich kurz dieser Dichterverleger, der mit großem Enthusiasmus und organisatorischem Geschick viele bedeutenden Lyriker und Lyrikerinnen durch sein Wirken bestärkt und befördert hat.
Doch trotz ihrer Kürze, oder besser gesagt aufgrund ihrer Kürze: Urs Engelers Gedichte sind etwas, in ihrer Luftigkeit erinnern sie an den göttlichen Lebensatem, sie verneigen sich vor Ariel, dem Luftgeist aus William Shakespeares „Der Sturm“, der den Geist der Poesie verkörpert, sie bezaubern in ihrem gestischen und kreatürlichen Ton, der Worte bewegt wie Gräser im Wind. Oder wie seltene, unauffällige Nachtschattengewächse, die in lyrische Prosa übergehen:
Man möchte ein Haus haben mit vielen Zimmern nur mit Pflanzen und den Stimmen von Vögeln und Bewegungen von Schmetterlingen und einen Tisch an dem man schreibt und ein Bett in dem man liegt und liest und liebt. Man bewohnte ein Treibhaus und wäre selber ein Pflänzchen und würde ein dunkles Leben führen tief unterirdisch und in der Wärme der Erde und in der Weite der Nacht. Man würde Blüten treiben und ein bisschen bunt sein in dem vielen Grün und ein bisschen weich und feucht bis in alle Ewigkeit.
Quelle: Urs Engeler – nicht nichts. Gedichte 1984 bis 2024
Urs Engelers „nicht nichts“ ist ein Gruß an die Sterblichkeit und ein leises Zwinkern hin zu der Ewigkeit, nach der sich das dichterische Wort nun einmal sehnen muss, um überhaupt aufgeschrieben zu werden, um Jahr um Jahr aufzublühen wie der Flieder, dem die abschließenden beiden Verse des Bandes gewidmet sind, die nur aus zwei Wörtern bestehen:
wieder flieder
Quelle: Urs Engeler – nicht nichts. Gedichte 1984 bis 2024

Jul 28, 2024 • 9min
Lawrence Ferlinghetti – Notizen aus Kreuz und Quer
Der Band „Notizen aus Kreuz und Quer. Travelogues“ versammelt Texte, die Ferlinghetti zwischen 1960 und 2010 unterwegs geschrieben hat. Eine Fundgrube für Freundinnen und Freunde der Beat-Literatur.

Jul 28, 2024 • 4min
Kerstin Kohlenberg – Das amerikanische Versprechen
Die US-Wahlen im November entwickeln sich zur Zitterpartie. Nicht nur für Amerika, sondern auch für Europa.
Kerstin Kohlenberg erzählt in ihrem Buch „Das amerikanische Versprechen“ anhand von drei Lebensgeschichten vom „Streben nach Glück in einem zerstrittenen Land“. Es sind Geschichten vom Rand der amerikanischen Gesellschaft in 27 Kapiteln, in denen Kohlenberg den zeitlichen Bogen von 1987 bis zur Gegenwart spannt.
Nichts scheint die drei Hauptfiguren zu verbinden: Der Krankenpfleger Stephen aus dem ländlichen Kentucky gehörte zu den Erstürmern des Kapitols im Jahr 2021. Der Schwarze Black-Lives-Matter-Aktivist Walter wächst in der New Yorker Bronx auf.
Die Latina Magali wird als Siebenjährige über die mexikanische Grenze nach Iowa geschmuggelt, wo ihre illegal eingewanderten Eltern in der Fleischindustrie arbeiten. Die Orte, an denen Kohlenbergs Protagonisten leben, spielen eine ebenso große Rolle wie die Herkunftsfamilien und die Zeitumstände.
Kentucky und die Opioid-Krise
Der Krankenpfleger Stephen ist der einzige weiße Protagonist im Buch. Der Sohn einer früh verstorbenen drogenabhängigen Mutter wächst in instabilen Familienverhältnissen auf; Hilfe durch ein unterstützendes Sozialsystem erfährt er nicht. Kerstin Kohlenberg nutzt immer wieder biografische Etappen ihrer Protagonisten, um den Blick auf das größere Ganze zu lenken.
Kentucky war schon immer der Vorbote für die Drogenprobleme Amerikas gewesen. Die Opioid-Krise hatte hier ihren Ursprung, das Opioid OxyContin war … von Ärzten massenhaft … verschrieben worden . … In den Jahren darauf stieg die Zahl der Abhängigen und Toten massiv an, der Hersteller … hatte das hohe Abhängigkeitsrisiko verschwiegen.
Quelle: Kerstin Kohlenberg – Das amerikanische Versprechen
Als abstrakten Fakt mag man sich solche Informationen nur schwer merken, aber verbunden mit Stephens deprimierender Familiengeschichte brennen sie sich ins Gedächtnis ein. Dass der junge Südstaatler im Januar 2021 schließlich die Absperrung zum Kapitol niederreißt, ist einer Kette von Zufällen geschuldet und seiner politischen Radikalisierung.
Kohlenbergs Reportagekunst ist es zu verdanken, dass wir uns vom Klischee des gewaltbereiten, stupiden Kapitolstürmers verabschieden können und den verlorenen Menschen Stephen sehen, dem das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten nie eine wirkliche Wahl ließ.
Wahlkampf und Migration
Warum der Schwarze politische Aktivist Walter 2024 nicht mehr zur Wahl gehen will, ist besonders vor dem Hintergrund des aktuellen US-Wahlkampfs interessant. Die amerikanische Politik-Maschine wird von unvorstellbar hohen Geldsummen angetrieben, von denen sie aber auch abhängig ist.
Walters politische Karriere nährt nachhaltige Zweifel an einem System, in dem der Einfluss von Lobbygruppen eine heiße, käufliche Ware ist.
Wer die Bedeutung des Themas Migration im US-Wahlkampf verstehen will, wird den Weg der jungen Latina Magali von der Illegalität in die amerikanische Mittelschicht mit Spannung verfolgen.
Geschickt verknüpft die Autorin die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie in der Kleinstadt Denison mit der Rolle der Gewerkschaften und der Einwanderungsgeschichte von Magalis mexikanischer Familie. Kerstin Kohlenberg spricht vom „amerikanischen Evangelium des Wohlstands“, und Magali macht es sich zu eigen.
Ein wichtiges Aufklärungsbuch über die USA
Magalis Eltern waren nicht wegen der Idylle nach Iowa gekommen. Denison war schon lange keine beschauliche Kleinstadt mehr. … In Denison wurden jeden Tag 10.000 Schweine geschlachtet, dazu Rinder und Hühner, …. Wenn der Wind von Westen blies, konnte man … den Gestank der Tierexkremente überall riechen.
Quelle: Kerstin Kohlenberg – Das amerikanische Versprechen
Kerstin Kohlenberg hat ein wichtiges Aufklärungsbuch über Amerika geschrieben, in dem sie mit einer Mischung aus Distanz und Empathie auf ein Land blickt, das uns zunehmend fremd geworden ist. Das Ergebnis der anstehenden Wahlen kennen wir nicht. Aber wer Kohlenbergs Buch liest, wird es einordnen und besser verstehen können.

Jul 28, 2024 • 5min
Laura Naumann – Haus aus Wind
Wie Treibgut wird Johanna an diesen Strand in der Algarve gespült. Sie kriegt keine Luft, schluckt Wasser, weiß nicht, wo unten, wo oben ist. Die Leine des Surfbretts verheddert sich und schneidet in ihren Körper.
Was hast du dir denn gedacht, Johanna? Dachtest du, das wär so einfach? Das hättest du einfach so drauf? Nur vom Zugucken gelernt? Könntest es nachmachen, ohne es geübt zu haben? Warum denkst du, sind hier überall Surfschulen? Nur du brauchst keine? Weil du den Cartoon mit den surfenden Pinguinen so mochtest? Was ist los mit dir? Wirst du endlich mal wieder normal?
Quelle: Laura Naumann – Haus aus Wind
Synchronsprecherin strandet im Surferparadies
Endlich wieder normal werden, endlich dieses diffuse Angst-Rasen in der Brust loswerden und über die Ex-Freundin hinwegkommen. Vielleicht hat Johanna einen Burnout, vielleicht auch eine Depression. Anstatt einen Arzt aufzusuchen, wählt sie eine andere Lösung: Sie reist ans Meer.
Zwei Wochen Algarve und eine Pause von der Arbeit. So der Plan. Seit ihrem 11. Lebensjahr hat sie eine Karriere als Synchronsprecherin. Als Kind lieh sie ihre Stimme der Hauptfigur einer erfolgreichen Serie. Danach ging die Arbeit einfach immer weiter:
Ich wurde die deutsche Feststimme von zwei sehr berühmten und drei mittelberühmten Schauspielerinnen. Ich habe Hörbücher und Lerneinheiten eingelesen und mich im Alltag aus unangenehmen Situationen herausgewunden, indem ich auf Synchrongeknödel umschaltete – ein Trick, mit dem sich jede Unterhaltung ad absurdum führen lässt: so sprechen, als würde man das synchronisieren, was man sagt. Wirkt Wunder, auch bei Streits, wenn man sagt:– Oh man ey, das macht mich echt wütend, das macht mich verdammt nochmal wütend, verstehst du das? - anstatt wirklich wütend zu werden.
Quelle: Laura Naumann – Haus aus Wind
Späte Coming of Age-Geschichte
„Haus aus Wind“ heißt Laura Naumanns Debütroman. Ihre Hauptfigur Johanna schickt sie darin mit Ende 20 auf eine späte Coming of Age-Reise mit schwerem Gepäck: Ihre Kindheit und Jugend waren bestimmt von ihrer Karriere.
Mit Eltern, die Johanna zwar unterstützten, aber sonst wenig Zeit für sie hatten, sogar froh waren, ihre Tochter nachmittags in Synchronstudios zu parken. In Johannas Hinterkopf - und in einigen SMS-Nachrichten - spukt außerdem noch immer ihre Ex-Freundin Rosa.
Und dann natürlich Johannas größtes Problem: 18 Jahre lang hat sie erfolgreich Sätze anderer Leute synchronisiert. Für sich selbst zu sprechen, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren, das kann sie nicht.
Ich hab Rosa im Ohr, die mir vorwirft, dass ich immer jemanden brauche, der oder die oder dey mir Sätze gibt, die ich nachplappern kann. Erschreckend glaubwürdig kann ich jeden Satz abliefern, oft beim ersten, spätestens aber beim dritten Take. So dass man sich im Umkehrschluss immer fragen muss, ob ich wirklich meine, was ich sage, oder ob es nur so klingt.
Quelle: Laura Naumann – Haus aus Wind
Sexismus im Surf-Sport
Mit all diesen Fragen reist Johanna an die Algarve. Surfen, Strand und Sonne, das könnte die ideale Zuflucht sein. Ist es auch irgendwie - dank der Menschen, die sie trifft. Wie etwa Luz: eine kleine, drahtige Person mit dreckigem Lachen und viel Energie. Sie arbeitet als Surflehrerin und nimmt Johanna unter ihre Fittiche.
Doch eigentlich ist sie Profisurferin, der Weltmeister-Titel war ihr so gut wie sicher. Ein Foto, mit dem sie als lesbisch geoutet wurde, kostete sie die Karriere. Luz küsst Frauen - damit wurde die Surferin zum Kassengift in diesem Sport, der noch immer voll von Sexismus ist.
Frauen müssen nicht nur gut Wellen reiten können, um eine Medaille zu gewinnen. Die meist männliche Jury erwartet bei Wettbewerben den sogenannten Rapunzel-Move: Die Athletinnen surfen dabei mit offenem Haar - für mehr Punkte, wie Johanna von Luz erfährt:
Vor dem Wettkampf lösen die Sportlerinnen ihre Zöpfe und Dutts, um sich anschließend mit wedelnden Zotteln in die Wellen zu stürzen. Das sei zum einen extrem unpraktisch, wie man sich ja vorstellen könne, weil die Haare einem so ständig ins Gesicht fliegen, und zum anderen auch die schlechtere Option für die kostbaren Haare, die eh unter dem ständigen Salzwasser leiden. Dennoch sei Haare auf eines der ungeschriebenen sexistischen Gesetze bei Surf-Wettkämpfen. Je länger die Haare, desto besser für die Karriere.
Quelle: Laura Naumann – Haus aus Wind
Schmerzhaft-schöner Sommerroman
Sexismus im Sport, Homophobie, aber auch die Suche nach neuen Formen von Freundschaft, Beziehung und weiblicher Solidarität - davon erzählt Laura Naumann ebenfalls in ihrem Roman, in dem Männer im Allgemeinen und Surferboys im Besonderen keine Rolle spielen.
Stattdessen findet sich Naumanns Heldin in einem Liebesdreieck mit zwei queeren Frauen wieder - natürlich mit Luz und mit der schon etwas älteren, sehr femininen und selbstbewussten Robyn. All das bringt Naumann leichtfüssig zusammen.
Sie lässt ihre Figuren in Interaktion treten, erzählt viel über Dialoge und gibt zugleich Johannas inneren Kämpfen Raum. Hier zeigt sich sprachliches und dramaturgisches Talent, das Laura Naumann als mehrfach ausgezeichnete und an großen deutschen Bühnen tätige Theaterautorin geschult hat.
Am Ende wird Johanna mehrere Monate an der Algarve bleiben. Das Meer lässt sie nicht gehen. Und der Sommerroman „Haus aus Wind“ entpuppt sich als schmerzhaft-schöne Geschichte über einen tiefen menschlichen Wunsch: Ohne Scham leben und lieben zu können.

Jul 28, 2024 • 57min
Queere Surferinnen und Beatnicks – Neue Bücher für den Sommer!
Diesmal im lesenswert Magazin: Queere Surferinnen und Beatnicks – Neue Bücher für den Sommer! Mit neuen Gedichten von Michael Köhlmeier u.a.

Jul 28, 2024 • 9min
Stephan Krass – Die Stunde des Seepferdchens. Ein MemoRandom
Die persönlichen Erinnerungsnotate verdichten sich zu einer bundesrepublikanischen Gesellschaftsgeschichte, die auch dem familiären Schweigen über den Nationalsozialismus nachgeht.

Jul 28, 2024 • 9min
Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
Mit den ersten Zeilen des Auftaktgedichts, das den programmatischen Titel „In klammen Zeiten“ trägt, wird eine neue Vorkriegsstimmung beschrieben. Eine kühle Feuchte scheint eine lange Lebens- und Wortgemeinschaft zu lähmen, während sich andere auf hitzige Schlachten vorbereiten.
Die Helden rüsten sich, / Unser Haus zu zerstören, / und wir – – / schleifen die Argumente.
Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
Der Alltag der meisten Menschen geht wie gewohnt weiter, mit Bootstouren und Spielen, die wie eine absurde Ablenkung vor der drohenden Apokalypse erscheinen. Anders als diese „Oper des kleinen Mannes“ sieht das Drama der Intellektuellen aus: Die mahnenden Reden sind gehalten, die politische Entwicklung war nicht aufzuhalten.
Das lyrische Wir zieht sich ins Private zurück. Michael Köhlmeier hat den Band seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Helfer gewidmet. Sie ist das vertraute Gegenüber in diesen autobiographischen Versen, in denen Liebeserklärung und politische Verzweiflung miteinander verbunden sind.
Deine Sorgen sind berechtigt, / dein Lachen ist schön. / Was soll ich nach größeren Worten suchen, / wenn die großen uns nicht schützen konnten.
Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
Gedichte als Schutz vor der Resignation
„… ja, wenn die großen Reden gehalten sind, wenn die größten Worte uns nicht schützen konnten, dann ist es eine Einsicht in diese erschütternde Begrenztheit des Intellektuellen, dass die größten Gedanken vor der kleinsten Handlung kapitulieren. Ich bin aber nicht resigniert. Allein die Tatsache zu schreiben, etwas zu beschreiben, zum Beispiel den Gaumen anzuregen, wenn man das Wort ‚Himbeer‘ niederschreibt, allein das tröstet mich und schützt mich vor der Resignation.“
Zahlreiche Gedichte im ersten Zyklus des Bandes, der mit dem Titel „Im Haus des Feindes, im Haus des Freundes“ überschrieben ist, gleichen einer aphoristischen Selbstbefragung.
Die Themen, die den bald 75-jährigen Schriftsteller Michael Köhlmeier immer schon beschäftigt haben, tauchen auch in seiner bitter-brillanten Poesie wieder auf: Die fortwährende Gewaltgeschichte der Menschheit, die ideologische Rechtfertigung terroristischer Mittel für angeblich heilige oder offen barbarische Zwecke.
Die Sehnsucht nach der Gartenidylle angesichts der gesellschaftlichen, aber auch persönlichen Leiderfahrung. „Was ist genug?“ fragt die lyrische Stimme und schaut zum Beispiel auf die letzte Ruhestätte des früh verstorbenen Kindes.
Die Kerzen auf dem Grab unserer Tochter – sind sie würdig / genug? / Die Gedanken an ihr Gesicht, wenn sie Sorgen hatte – sind sie / sorgenvoll genug?
Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
„Ich habe eine kleine Novelle geschrieben, die heißt: ‚Idylle mit dem trinkenden Hund‘, die sich um den Tod unserer Tochter dreht, aber erzählerisch das so auszubreiten, das habe ich nicht geschafft. Das geht vielleicht auch gar nicht, weil die Gedanken und alle diese Dinge, die mich an meine Tochter erinnern, sich nicht in eine wohl organisierte Erzählung fassen lassen. Da ist die die Lyrik näher. Da schützt mich die Lyrik mehr vor der Verzweiflung als die Erzählung.“
Höllenhymnen einer zerstörten Welt
Michael Köhlmeier verzichtet auf das große lyrische Besteck, auf festes Versmaß und strenges Reimschema, als wolle er seine Gedanken weder durch eine opulente noch durch eine zu strenge Ästhetik einhegen. Diese Lyrik muss, passend zum Inhalt, nahezu formlos sein. Das zentrale Stilmittel ist der fein gesetzte Zeilenumbruch.
In vielen Versen geht es um eine politische Elite, die nur noch schwer zu fassen ist: „Wer kein Gesicht hat, / beansprucht Macht.“ Und um die Macht zu erhalten, werde dann die altbekannte Propaganda abgespult, etwa für den Schutz der Familie sei gesorgt.
„Noch als wir uns sicher fühlten, war bereits Krieg“ heißt es im Gedicht „Gebt Obacht!“. Der „Bürger am Bahnsteig“ hält nämlich schon einen faustgroßen Stein in der Hand, und Offiziere „töten den Nachwuchs anderer“. Nahezu folgerichtig landen wir im zweiten Teil des Bandes in einer zerstörten Welt.
Das titelgebende Zentralstück des Buchs ist ein düsteres Langgedicht. „Im Lande Uz – Kantate zu den wüsten Jahren“ heißen die Höllenhymnen, die an Allen Ginsbergs „Howl“ erinnern. Köhlmeiers „Im Lande Uz“ ist allerdings nicht nur ein Heulgesang mit Bezügen zur Beatliteratur, sondern eben auch die Fortschreibung einer biblischen Geschichte, die den Autor bis heute beschäftigt.
„Das Buch Hiob in der Bibel beginnt mit den Sätzen: Im Lande Uz lebte ein Mann namens Hiob, und diese schmerzliche Tatsache, dass diesem Mann Hiob alles angetan wurde, was man einen Menschen nur antun kann, ihm die Kinder nehmen, ihm all seinen Besitz nehmen, ihn schlagen mit Ausschlag und mit der Verachtung seiner Freunde – und das alles nur wegen einer Wette zwischen dem Teufel und Gott. Der Teufel sagt, na ja, gut, dass der Hiob zu dir hält, das ist deswegen, weil du ihm alles hinten und vorne reingeschoben hast. Und Gott sagt, dann nimm ihm alles weg, und dann schauen wir mal, wie er dann reagiert. Das ist so schmerzlich, das hat die Menschen nie losgelassen und hat mich auch nie losgelassen, die Lektüre vom Buch Hiob.“
Was aber hat die biblische Figur uns heute noch zu sagen? Wie verhalten wir uns, wenn wieder neue Schreckensnachrichten eintreffen? Hiob blieb bis zuletzt gottesfürchtig. Köhlmeier beklagt in seiner Kantate, dass nicht wenige Zeitgenossen ihre letzten Wertmaßstäbe ins Gegenteil verkehrt haben und sich ein erlösendes Unheil herbeiwünschen.
Haben nicht die Kühnsten unserer Generation sich nach der / Katastrophe gesehnt, die ihnen die Nadel in der Beuge, die / Flasche am Hals, die Selbstmordgedanken in der Freizeit, die / heimlichen Hochzeiten im späten Herbst, die Karrieren ins / Graue, die Blamagen vor den diversen Vermittlungsinstituten erspart hätte? / Und die Klügsten, haben sie nicht gehofft, ihre Genossen retten zu / dürfen am Tag der Rache? / Und was ist mit den Frommen, glaubten sie nicht, einen Unter- / gang verdient zu haben, wenigstens einen?
Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
Kulturpessimismus und Selbstkritik
Der Niedergang im Lande Uz, das für Köhlmeier nicht nur in der Bibel existiert, sondern auch noch im Hier und Heute, betrifft alle Bereiche: „In Film und Fernsehen herrscht Schäbigkeit“, heißt es an einer medienkritischen Stelle.
Der „Mangel an Schönheit“ habe alle und jeden verdorben. Der radikale Kulturpessimismus spart auch nicht mit Selbstkritik, die in Form eines Reuegebets mit repetitiver Struktur gleich einem Rosenkranz gefasst ist.
Mangel an Schönheit machte mich unglücklich und böse. / Mangel an Schönheit machte mich zynisch und bleich. / Mangel an Schönheit machte, dass ich mich langweilte und zu den / Sternen aufsah, ohne zu staunen. / Mangel an Schönheit machte mich verlegen vor meinem eigenen / Leben. / Mangel an Schönheit machte mich müde und lebensmüde. / Mangel an Schönheit machte mich neidisch und missgünstig. / Mangel an Schönheit machte mich feige. / Mangel an Schönheit verheerte die Welt, und ich frohlockte / darüber.“
Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
Im dritten und letzten Teil des Buchs gibt es eine „Landkarte eines Verbrechens“ mit biographischen Fetzen. In wenigen Zeilen werden die Lebensläufe von Menschen umrissen, die aus unterschiedlichen Gründen schuldig geworden sind.
Ob nun aus einem „Mangel an Schönheit“ oder einfach nur, weil es in den gegenwärtigen Verhältnissen offenbar kaum Chancen auf einen alternativen Lebensweg gab:
Alwin war / der jüngste Sohn / der letzten Familie, deren Leben / darin bestand, / vor die Hunde zu gehen. Drei / seiner Brüder / saßen / im Gefängnis, / da war er / erst dreizehn.
Quelle: Michael Köhlmeier – Im Lande Uz. Gedichte
„Das ist ein abwesender Roman. Wenn man sagen würde, schreib einen Roman und dann hau neunzig Prozent raus. Das sind kleine Anhaltspunkte, die dem Leser sagen: Lass deine Einbildungskraft spielen und ergänze das dazwischen.“
Ein reflektierter Wahrheitssucher
Der Moralist Köhlmeier hat also doch noch nicht aufgegeben, sein Publikum zum Selberdenken zu animieren; er feiert die literarischen Zwischenräume, weil den Worten zunehmend nicht zu trauen ist.
„Es wird so viel gelogen heutzutage“ lautet der letzte Satz des Gedichtbandes, der etwas zu allgemein und etwas zu pathetisch klingen könnte, wenn nicht zuvor sehr detailliert von den Unwahrheiten im „Haus des Freundes“ und den noch viel schlimmeren Lügen im „Haus des Feindes“ die Rede gewesen wäre.
Michael Köhlmeier bleibt auch in seiner lyrischen Wehklage ein reflektierter Wahrheitssucher. Den „bis ans Ende wohlgebauten Sätzen“, wie es im Schlussgedicht heißt, misstraut er. Es sind daher gerade die Momente der sprachlichen Verstörung, die diesen Gedichtband stark machen.

Jul 28, 2024 • 6min
Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse
Alles beginnt mit einem Regentropfen. Im siebten Jahrhundert vor Christus fällt er in Ninive, der blühenden Metropole Mesopotamiens, auf den Kopf des Herrschers. Der Tropfen wird Zeuge, wie der assyrische König Assurbanipal, ebenso belesen wie grausam, vor der Tür seiner sagenhaften Bibliothek seinen alten Lehrer als Verräter verbrennen lässt, bei lebendigem Leib. Und mit ihm seine eigenen Kindheitserinnerungen. Der Tropfen bleibt im Haar des Königs verborgen, bis er verdunstet.
Doch er wird nicht verschwinden. Über kurz oder lang wird die durchsichtige kleine Wasserperle wieder zum Himmel aufsteigen und dort auf den rechten Augenblick zu warten, um erneut auf die Erde zu fallen ... und wieder und wieder.Das Wasser erinnert sich.Nur die Menschen vergessen.
Quelle: Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse
Derselbe Tropfen landet viele Jahrhunderte danach in London als Schneeflocke im Mund eines Neugeborenen. Die kleine Wasserperle wird im Irak die Lippen einer verdurstenden Jesidin netzen und später als Träne aus dem Auge einer jungen Wasserwissenschaftlerin rinnen.
Drei Lebensgeschichten – wie die drei Atome des H2O-Moleküls
Drei Hauptpersonen verbindet Elif Shafak in ihrem neuen Roman „Am Himmel die Flüsse“ mit dem einen Wassertropfen. Drei Handlungsstränge bewegen sich über 600 Seiten aufeinander zu, vom Tigris an die Themse. An deren verdrecktem Ufer kommt in einer kalten Nacht des Jahres 1840 Arthur Smyth zur Welt, der „König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere“, wie er bald genannt wird.
Inspiriert von einem historischen Vorbild erzählt der Roman von dem hochbegabten Jungen aus ärmlichsten Verhältnissen, dem es nach einer David-Copperfield-haften Jugend als Autodidakt gelingt, die assyrische Keilschrift zu entziffern. Bei der Arbeit an den Tontafeln aus der Bibliothek des Assurbanipal im British Museum entdeckt Arthur, die ersten Fragmente des lang verschollenen Gilgamesch-Epos:
Der die Tiefe sah ...Einen weiten Weg legte er zurück, müde und erschöpft.All seine Mühsal ist niedergeschriebenauf einem Gedenkstein ...
Quelle: Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse
Fasziniert von der Dichtung, deren Sintflut-Erzählung viel älter ist als die des Alten Testaments, setzt Arthur alles daran, zu den Ausgrabungen in Ninive zu reisen. Während seine Entdeckungen zu Hause in England als Sensation gefeiert werden, taucht er tief ein in die Rätsel Assyriens und die Geheimnisse der Jesiden, die dort seit Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden siedeln. Wo einst Bewässerungssysteme die Gärten Ninives speisten, findet Arthur um 1870 eine Wüste vor.
Kein Verständnis für deutsche Wannenbäder
Die Dürre hat in unseren Tagen weitere große Teile des Fruchtbaren Halbmonds erobert. In dieser Region verweilt das Buch mit der zweiten Hauptfigur, springt aber ins 21. Jahrhundert. Flussaufwärts des Tigris, in der Türkei nahe Hasankeyf, dem antiken Castrum Kefa, ist die Heimat von Narin.
2014 ist das jesidische Mädchen neun Jahre alt. Als Nachfahrin einer Familie von Heilerinnen und Seherinnen wächst Narin bei ihrer Großmutter auf. Sie bringt dem Mädchen den tradierten Sinn der Jesiden für die Natur nahe, die Ehrfurcht vor ihren Kräften, die Bedeutung des Wassers. So erzählt sie von der bestürzenden Erfahrung einer Nachbarin, die nach Deutschland gegangen ist:
Als sie erfuhr, dass die Leute dort ganze Wannen mit Wasser füllten und sich darin einseiften, machte sie das fassungslos und traurig. Sie konnte nicht glauben, dass man so töricht sein kann und sich in sauberes Wasser setzt, ohne sich zuvor gewaschen zu haben.
Quelle: Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse
Die Jesiden werden in der muslimischen Welt seit Jahrhunderten als „Teufelsanbeter“ verunglimpft und mit Pogromen überzogen. Den Hass bekommt auch Narin zu spüren.
Am Berg Sindschar im Nordirak gerät sie in das genozidale Massaker des IS an tausenden jesidischer Frauen und Kinder, das die deutsch-jesidische Autorin Ronya Othmann kürzlich in ihrem Buch „Vierundsiebzig“ dokumentiert hat. Narin wird verschleppt, versklavt, vergewaltigt und nach Anatolien verkauft.
Die vergessenen Flüsse und das gefährdete Gedächtnis
Wie dieses Mädchen am Ende des Romans auf die dritte Hauptfigur trifft, die Londoner Hydrologin Zaleekhah Clarke, soll hier nicht verraten werden. Die Wissenschaftlerin mit irakischen Wurzeln hat ein zwiespältiges Verhältnis zum Wasser.
Als sie ein Kind war, sind ihre Eltern vor ihren Augen ertrunken, heute erforscht sie hingebungsvoll den Zustand der allzu oft verschmutzten, verdrängten, verbauten Flüsse und glaubt an so etwas wie das Gedächtnis des Wassers.
Ihrem Trauma zum Trotz zieht sie in ein Hausboot auf der Themse und lernt dank der Begegnung mit einer von der assyrischen Keilschrift begeisterten Tattoo-Künstlerin, sich endlich ihrer Trauer zu stellen.
Sie liegen mit ineinander verschränkten Fingern in dem Einzelbett unter Deck und lauschen dem Wasser, das an den Bootsrumpf schlägt.,Ich höre vergessene Flüsse‘, sagt Zaleekhah.,Ich höre dein Herz‘, sagt Nen.
Quelle: Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse
Mit großer Freude am sinnlichen Detail schildert Elif Shafak London, den Moloch des 19. Jahrhunderts und bis heute die Stadt der Gegensätze zwischen Arm und Reich, ebenso das osmanische Konstantinopel, die unbekannte, oft verkannte Kultur der Jesiden und deren herzzerreißendes Geschick.
Die „vergessenen Flüsse“, die Zaleekhah hört, werden zum Bild des bedrohten Gedächtnisses, der Auslöschung alten Wissens und überlieferter Erfahrung. Sei es durch Staudammprojekte, die steinerne Zeugen der mesopotamischen Vergangenheit verschwinden lassen, sei es durch deren lange Zeit unhinterfragte Entführung in westliche Sammlungen, sei es durch die Erinnerungspolitik der assyrischen Könige, die weibliche Urgottheiten durch männliche Götter ersetzten.
Der spannend geschriebene Roman fesselt auch mit seiner aufwendig recherchierten Faktenfülle. Zwar knirscht die Konstruktion gegen Ende hin, Shafaks Stil ist zuweilen allzu blumig, zuweilen hölzern und ihr Erzählen nicht frei von Klischees.
Dennoch überwiegt beim Lesen die Lust, in diese detailreichen Welten einzutauchen, immer wieder Überraschendes über die Figuren und ihren Platz in der Geschichte zu erfahren, mit ihnen zu hoffen und zu leiden und das Wasser auf diesem Planeten mit anderen Augen zu sehen.

Jul 24, 2024 • 4min
Alex Lissitsa – Meine wilde Nation
Alex Lissitsa, der im Jahr 1974 in einem kleinen Dorf in der Nähe der nordukrainischen Stadt Tschernihiw geboren wurde, blickt auf sein Land mit den Augen des studierten Agrarökonomen. Im Lauf seiner beruflichen Karriere stieg er zum Leiter eines riesigen ukrainischen Landwirtschaftskonzerns auf, der sein Geld mit Getreide und Milchwirtschaft verdiente.
Zwangsläufig hatte Lissitsa vielfältige Verbindungen in die Politik und kann daher in seinem Buch, das von den beiden Kriegsjahren 2022 bis 2024 erzählt, mit dem Blick des Insiders berichten, der weiß, was hinter den verschlossenen Türen des Präsidialamts gesprochen wird.
Lissitsa versteht genau, wie seine Landleute ticken, er kennt ihre Tugenden wie ihre Laster und nimmt sie von der Kritik nicht aus, vor allem wenn es um die grassierende Korruption im Land geht. Doch mit der gleichen Aufrichtigkeit erzählt er von der Unbeugsamkeit, mit der sich seine Mitbürger gegen die russische Aggression behaupteten.
Ich habe ernsthaft befürchtet, dass sie sofort das Handtuch werfen, die weiße Fahne herausholen und die Invasion, so sie denn kommt, gleichgültig über sich ergehen lassen werden. „Na ja, jetzt kommen eben die Russen. Das ist auch in Ordnung.“ Doch nun geschieht etwas völlig anderes. Die Leute halten zusammen. Sie lehnen sich gegen die Besatzer auf. Das erfüllt mich mit Stolz. Sie haben etwas gelernt und verhalten sich nicht mehr so, wie es die Ukrainer jahrhundertelang getan haben.
Quelle: Alex Lissitsa – Meine wilde Nation
Anhaltender Widerstand gegen die Russen über Generationen hinweg
Von dem anhaltenden Widerstand gegen die Russen gibt Lissitsa in seinem Buch, das der Chronologie der Ereignisse in einem losen Tagebuchstil von 2022 an folgt, eindrucksvolle Beispiele. Der Hass, den die Russen mit ihrem Angriff und ihrer brutalen Besatzung geschürt hätten, werde über Generationen wirksam bleiben.
Lissitsa ist ein entschiedener Patriot, aber das heißt für ihn, auch seine eigenen Landsleute nicht von der Kritik auszunehmen. So prangert er schonungslos die Kriegsgewinnler und politischen Karrieristen an.
Vor allem berichtet Lissitsa mit dem Wissen des Experten davon, wie er dem von ihm geleiteten Agrarbetrieb im Krieg zum Überleben half: Zerstörungen der Infrastruktur zwingen ihn, einen einst florierenden Milchbetrieb zu schließen, auf den Anbauflächen müssen Minen geräumt, auf einer internationalen Konferenz zum Wiederaufbau des Landes Kredite besorgt werden.
Lissitsas Rückblick auf die Entstehung des Agrarkonzerns ist ein anschaulicher Beitrag zur postsowjetischen Wirtschaftsgeschichte des Landes. Ebenso anschaulich schildert er seine persönlichen Erlebnisse im Krieg – die Flucht bei Kriegsausbruch nach Westen, sein Wiedersehen mit der Familie, die Sorge um die in der Wohnung zurückgelassene Katze, die Probleme mit der eigenen Gesundheit.
Dichte Beschreibung von Land und Leuten
Die dichte Beschreibung der sozialen und politischen Verhältnisse in der Ukraine weckt ein tiefes Verständnis für Land und Leute, deren Charakter Lissitsa durch einen halsstarrigen Individualismus und einen Zustand der Wildheit gekennzeichnet sieht. Das Festhalten an Traditionen, auch eine gewisse Rückständigkeit aus sowjetischer Zeit verbänden sich mit neuen Erfahrungen aus 30 Jahren Kapitalismus:
Der wahre Ukrainer hat sehr wohl das neueste iPhone, aber er nutzt es als Taschenlampe, um nachts draußen den Weg über den dunklen Hof zum Plumpsklo zu finden.
Quelle: Alex Lissitsa – Meine wilde Nation
Kulturhistorische Exkurse, politische Reflexionen und die mit spitzer Feder gezeichneten Portraits seiner ukrainischen Landsleute verbindet Lissita auf eine zwanglose Weise. Sein Buch über die „Ukraine auf dem Weg in die Freiheit“, wie der Untertitel lautet, ist ebenso spannend wie lehrreich zu lesen. Und es ist das Plädoyer eines engagierten Patrioten, der sein Land fit machen will für die Aufnahme in die EU.

Jul 23, 2024 • 4min
Burkhard Müller – Die Elbe
Der Rhein und die Donau sind oft besungen worden. Das haben der zum Mythos verklärte Vater Rhein und die schöne blaue Donau, die im Walzer von Johann Strauss gefeiert wird, der Elbe voraus, dem drittgrößten, aber weit weniger beachteten deutschen Strom. „Warum ist es am Rhein so schön?“, fragt das Volkslied. Warum es an der Elbe so schön ist, das fragt nun der Journalist Burkhard Müller. Seine knappe Antwort:
Weil dieser Fluss ein so weites, reiches und tiefes Land durchfließt; und weil so wenige, auch wenn sie schon mal in Hamburg eine Hafenrundfahrt gemacht oder die Dresdner Semperoper besucht haben, ihn wirklich kennen.
Quelle: Burkhard Müller – Die Elbe
Unbekanntes und Übersehenes
Über das zweite „weil“ stutzt man zunächst. An der Elbe soll es schön sein, weil wenige den Fluss kennen? Vermutlich meint Müller damit, dass gerade in der Abgeschiedenheit vieler Elbe-Regionen deren besonderer Reiz liegt.
Die unklare Formulierung ist eine Ausnahme in einem Buch, das in einer flüssigen, pointierten Sprache geschrieben ist. In seinem „Porträt eines Flusses“ holt der Autor viel Unbekanntes und Übersehenes ein.
Müller hat für das Buch zehn Reisen an die Elbe unternommen. Er war mit dem Auto, zu Fuß und auf Schiffen unterwegs. Er berichtet von der Gegenwart und taucht mit langem Atem ab in die Geschichte.
Überhaupt, was für Berufsbilder es damals am Strom gab! Jedes Schiff hatte seine Mannschaft. Es gab Wassermüller, die auf Schiffsmühlen arbeiteten (diese schwammen auf dem Fluss, hoben und senkten sich mit ihm und waren daher immun gegen Hoch- und Niedrigwasser), Waschfrauen, die heftig scheuernd ihre Wäsche im Fluss reinigten, auch sie ausgerüstet mit eigenen Waschschiffen, Fischer, Gastwirte, Blumenverkäuferinnen ... Die Elbe muss damals ein anderes Bild geboten haben als heute, wo sie über die längsten Strecken so gut wie menschenleer ist (immer die Elbradler abgerechnet).
Quelle: Burkhard Müller – Die Elbe
Die Elbe, so hält Müller fest, war einmal „die Achse Preußens“ und des Kaiserreichs. Die Bedeutung, die ihr aufgrund der Mittellage einmal zukam, entfiel jedoch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Russen und Amerikaner trafen sich 1945 als Verbündete an der Elbe.
Aber nur wenige Jahre später wurde ein Teil des Flusslaufs zur innerdeutschen Grenze und zugleich zur Grenze zweier Machtblöcke. Für den Rheinländer Adenauer begann östlich der Elbe die asiatische Steppe.
Jahrzehntelang lag der Hauptteil des Flusslaufs in der DDR, die Mündung aber in der Bundesrepublik. Als wichtiger Schiffsweg fiel die Elbe deshalb größtenteils aus, und so ist es bis heute geblieben.
Abstecher ins Umland
Burkhard Müller folgt der Elbe von der Quelle im tschechischen Gebirge, die offenbar nur schwer aufzufinden ist, bis zur Mündung, wo der breite Strom hinter Hamburg beinah einem Meer gleicht. Kapitel über Dresden, Magdeburg und Hamburg dürfen in einem Buch über die Elbe kaum fehlen.
Aber reizvoller ist die Begegnung mit den ländlichen, weniger bekannten Räumen. Immer wieder unternimmt der Autor auch kleinere, lohnende Abstecher ins Umland. Zum Porträt des Flusses gehört für Müller auch dessen Einzugsgebiet.
Bitterfeld verfügt heute über eine Weiße Flotte, die über die alten Kohlelöcher fährt; das tief im Binnenland gelegene Leipzig hat sich eine weitgefächerte Badezone zugelegt. So ungeheuer sind die Abmessungen dieser Umwälzung, dass noch längst nicht alles davon entwickelt worden ist. Manche der alten Tagebaue laufen erst allmählich voll und werden dafür noch Jahre brauchen.
Quelle: Burkhard Müller – Die Elbe
Burkhard Müller ist nicht der erste Fluss-Biograf. Es gibt Biografien der Donau und des Rheins. Und auch über die Elbe wurde schon geschrieben. Es sind Reisen in den Raum und in die Zeit, zu denen all diese Autoren einladen. Einem so kenntnisreichen und eloquenten Führer wie Burkhard Müller vertraut man sich gerne an.


