

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Jul 22, 2024 • 4min
Barbara Bleisch – Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre
In den mittleren Jahren, also zwischen fünfunddreißig und fünfundsechzig, stellt sich oft ein Gefühl innerer Leere ein. Man blickt auf das bisher Erreichte zurück und fragt sich, ob das nun alles gewesen sein soll oder ob da noch etwas ganz Neues kommen kann. Die Philosophin Barbara Bleisch, Jahrgang 1973, lässt keinen Zweifel daran, dass sie die Lebensmitte für eine Zeit großer Fülle hält.
Die mittleren Jahre können sich als eine Zeit erweisen, in der wir hoffentlich von unserer Lebenserfahrung profitieren und gefestigt im Leben stehen, zugleich aber den jugendlichen Übermut abgelegt haben, weil wir bereits erfahren konnten, dass sich Langmut, Sorgfalt und Geduld auszahlen. Sie werden damit – aristotelisch verstanden – zu ‚Jahren des Mittleren‘, in denen wir zu den besten Versionen unserer selbst heranzuwachsen vermögen.
Quelle: Barbara Bleisch – Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre
Die Landschaft der eigenen Möglichkeiten
Die mittleren Jahre sind eine Art terra incognita. Die früheren Entscheidungen sind oft nicht mehr stimmig, aber neue Wege sind noch nicht in Sicht. Eine gute Ausgangssituation für eine philosophische Untersuchung, findet Barbara Bleisch und zitiert Ludwig Wittgenstein, der die Einsicht, sich nicht auszukennen, als Grundform jedes philosophischen Problems ansah.
Barbara Bleisch erteilt keine wohlfeilen Ratschläge. Sie hat vielmehr eine, wie sie es nennt, „Landkarte für die Wanderung durch die Landschaft der eigenen Möglichkeiten“ geschrieben. Mit Barbara Bleisch auf diese Wanderung zu gehen, ist faszinierend und erhellend.
Während wir in der Jugend lernen mussten, uns gegen Autoritäten abzugrenzen und eine eigene Stimme zu finden, müssen wir uns in der Lebensmitte aufrichtig mit uns selbst befassen ...
…indem wir uns die Freiheit nehmen – aber auch immer von Neuem den Mut aufbringen -, uns dem zuzuwenden, was uns überzeugt, begeistert und erfüllt. Dabei ist dieser Prozess stets ein suchender, schrittweiser, ein Vor und Zurück, nicht zuletzt auch weil das, was wir erfahren, uns seinerseits wieder prägt und formt und wiederum anders und neu wählen lässt.
Quelle: Barbara Bleisch – Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre
Endlichkeit bedeutet Bedrohung, aber auch Intensivierung
Im Sinne Sokrates’ dreht und wendet Barbara Bleisch jedes Argument und fragt, ob nicht auch das Gegenteil zutreffen könnte. Unsere Endlichkeit zum Beispiel bedeutet sowohl Bedrohung, lässt sich aber auch als Intensivierung erleben: In der uns noch verbleibenden Zeit müssen wir unsere Entscheidungen bewusster treffen, lernen aber das, was wir erleben, mehr zu schätzen.
Für Heidegger war das Nachdenken über den eigenen Tod sogar eine „Bedingung des gelingenden Lebens“.
Die mittleren Jahre sind allerdings auch anfällig für Krisen, denn die vorläufige Bilanz des gelebten Lebens enthält Erfolge und Höhepunkte ebenso wie enttäuschte Hoffnungen. Barbara Bleisch empfiehlt, Umwege und Abwege nicht zu bereuen, denn oft fehlten uns zum Zeitpunkt der Entscheidung wichtige Informationen oder der eingeschlagene Weg hat uns so verändert, dass wir die Entscheidung heute anders bewerten. Gerade die Umwege, schreibt Bleisch, gehören zu unserem wichtigsten Erfahrungsschatz.
Ein inspirierender Wanderführer
Dieses Buch bietet eine Fülle an Fragen und Einsichten und ist ein inspirierender Wanderführer durch eine Lebenszeit, die voller Stolpersteine ist. Welches Fazit zieht Barbara Bleisch aus dieser Lebenszeit, in der sie sich selbst befindet?
Lieber überschäumend vor Träumen und Sehnsüchten sein und einsehen müssen, dass nicht alles gelebt werden kann, was einen reizt, als ein langweiliges Schalentier oder eine deprimierte Person, die gar keine Sehnsucht kennen.
Quelle: Barbara Bleisch – Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre

Jul 21, 2024 • 55min
Erhitzte Gemüter – Wetter, das literarische Heldinnen auf dumme Gedanken bringt
Wir gratulieren zu 60 Jahre Verlag Klaus Wagenbach, sprechen über den neuen Comic von Joann Sfar und über Miranda Julys Roman „Auf allen Vieren".

Jul 21, 2024 • 2min
Sommer-Lesetipp: Maria Borrély – Mistral
Der Mistral ist ein fieser Wind. Er kann zu jeder Jahreszeit auftreten und quält vor allem Südfrankreich. Was überrascht: Er kommt nicht vom Mittelmeer, sondern zieht übers Festland. Deswegen ist er auch so trocken.
„Mistral“ erschien schon 1930, ist also fast hundert Jahre alt. Gerade wird Maria Borrély wiederentdeckt. Was für ein Glück! Denn „Mistral“ erzählt nicht nur von einem jungen Mädchen, sondern auch von einer alten, sich verändernden Landschaft. Man kann „Mistral“ auch als frühen Klimaroman lesen.

Jul 21, 2024 • 3min
Sommer-Lesetipp: Raymond Chandler – Roter Wind
Red Wind, deutscher Titel: Blutiger Wind, ist eine Story von Raymond Chandler. Wie immer bei Chandler geht es um die verworrenen Verhältnisse im kapitalistischen Wahnsinn. Aber eines ist diesmal anders. Chandlers Geschichte wirbelt die Figuren und ihre Beziehungen so durcheinander, dass alles möglich scheint: Man kann den Boden unter den Füßen verlieren oder einen freien Kopf bekommen.
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Jul 21, 2024 • 2min
Sommer-Lesetipp: Albert Camus – Der Fremde
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Jul 21, 2024 • 8min
Alle sieben Jahre eine Plage. Comic „Alles Gute“ von Lena Steffinger | Gespräch
Zwischen Hysterie und Kommerz
Von diesem Zustand zwischen Vorbereitung und Unwissenheit, Hysterie und Kommerz erzählt die Stuttgarter Comiczeichnerin Lena Steffinger in ihrem Band „Alles Gute“.
Inspiriert dazu hat sie das Leben in der Corona-Pandemie: „Ich mir hab mir gedacht, es wäre ganz praktisch, wenn ein Unglück nur alle sieben Jahre passiert, aber gleichzeitig habe ich mich gefragt, ist das wirklich eher gut oder eher schlecht. Es ging um die Regelmäßigkeit und die Vorhersagbarkeit und was das mit den Menschen macht“ sagt Lena Steffinger im Gespräch mit SWR Kultur.

Jul 21, 2024 • 10min
Ausbruch aus dem Leben mit Mitte Vierzig – Furioser Roman von Miranda July „Auf allen Vieren“ | Gespräch
Das Buch erkundet die komplexen Sehnsüchte von Frauen jenseits von Hochzeit und Familiengründung und widmet sich einem Lebensabschnitt, der sonst in der Literatur kaum Beachtung findet: der Perimenopause, der Dekade vor dem Einsetzen der Wechseljahre. Ein Buch, das selbstbestimmt und wahrhaftig von Sexualität und vielfältigem Begehren handelt, das sich von den Konventionen der Ehe nicht mehr bändigen lässt. Ein utopisches Nachdenken über den Raum, den Frauen brauchen, um ihr Leben neu zu definieren – meint Eva Marburg im Gespräch.

Jul 21, 2024 • 6min
Jessica Lind – Kleine Monster | Buchkritik
Man darf sich Pia, Jakob und ihren kleinen Sohn Luca eigentlich als eine glückliche Familie vorstellen. Bis zu jenem Tag, an dem Lucas Grundschullehrerin die Eltern zu einer Unterredung in die Schule bittet. Etwas ist passiert. Ein Zwischenfall mit einer Mitschülerin, als Luca mit ihr allein im Klassenzimmer war. Mädchen, so sagt die Lehrerin, denken sich so etwas nicht aus.
Der Vorfall, dessen Details Jessica Lind ganz bewusst im Vagen lässt, hat Folgen. Zunächst einmal werden Jakob und Pia stillschweigend aus der Eltern-WhatsApp-Gruppe der Klasse entfernt. Dort, so wissen sie, wird nun über ihren Sohn geredet, ohne dass sie ihn verteidigen können.
Was hat der eigene Sohn getan?
Vor allem aber in Pia, der Ich-Erzählerin von „Kleine Monster“, nisten sich Zweifel gegenüber ihrem Sohn ein. Verschweigt Luca den Eltern etwas? Sind Kinder so unschuldig, wie die Eltern stets glauben? Oder stecken in ihnen tatsächlich, wie der Romantitel suggeriert, manipulative „Kleine Monster“? Jessica Lind beschreibt den Wandel, der in ihrer Ich-Erzählerin schleichend vonstatten geht, folgendermaßen:
Jessica Lind erzählt: „Zu Beginn ist Pia eine ganz normale Mutter, die ihren Sohn Luca über alles liebt, doch durch diesen Vorfall in der Schule beginnt sie ihn mit anderen Augen zu sehen und fragt sich, ob er irgend etwas vor ihr verbirgt. Gleichzeitig erinnert sie sein Verhalten an ihre eigene Kindheit und das Aufwachsen mit ihren Schwestern. Sie sieht vor allem ihre Adoptivschwester Romi in ihm, und um Romi war immer ein Geheimnis. Ihre Schwester hatte sie irgendwie nie ganz verstanden, das ist aber keine Frage der Liebe an sich. Pia fühlt sich für Luca verantwortlich und deswegen sieht sie es als ihre Aufgabe, hinter sein Geheimnis zu kommen.“
„Kleine Monster“ ist ein raffiniert gebauter, doppelbödiger Roman. Denkt man zunächst, dass Jessica Lind wieder einmal den Versuch unternehmen könnte, das Zeitgeistthema „Regretting Motherhood“ einem Roman überzustülpen, zeigt sich bald, dass es Lind um etwas Anderes geht.
Der zweite Handlungsstrang des Romans erzählt von Pias Aufwachsen und von ihrem Verhältnis zu den eigenen Eltern. Pia war die älteste von drei Schwestern. Romi, die mittlere Schwester, kam als Adoptivkind in die Familie und versuchte seit der frühen Kindheit ihren eigenen Weg zu gehen. Linda, die jüngste Schwester, der Pias Sohn Luca verblüffend ähnlich sieht, ist im Alter von vier Jahren in einem See in der Nähe ihres Elternhauses ertrunken. Pia lag zu diesem Zeitpunkt krank im Bett; Romi hat, so wird es erzählt, noch versucht, die Schwester zu retten.
Tragischer Unfall ist das Herz des Romans
Dieser tragische Unfall ist das heimliche, traumatische Zentrum des Romans. Er bestimmt Pias Blick auf Erziehung, Partnerschaft und ein Familiengefüge, das nach dem Tod der Schwester zu implodieren drohte. Die Eltern wurden hart, peinigten die Kinder, vor allem Romi, so lange mit Strafen, ellenlangen Verbotslisten und Züchtigungen, bis diese sich lossagte und das Haus verließ. Jessica Lind hat an der Wiener Filmakademie Drehbuch studiert.
Und auch wenn sie hin und wieder etwas überexplizit wird und die Handlungsmotive ihrer Figuren eine Spur zu deutlich kommentiert, hat Lind andererseits ein gutes Gespür für den Aufbau von Szenen und auch für Dialoge. Sei es in Pias Kommunikation mit ihrer Mutter, sei es in der Auslotung ihrer Beziehung zu Jakob oder auch im Umgang mit ihrem Sohn Luca – Lind inszeniert die Institution Familie als eine permanente Konkurrenzsituation. Um ein Buhlen um Zuwendung, Aufmerksamkeit, Zeit und Status. Zugleich aber bewertet Pia ihre Erinnerung an ihre Kindheit noch einmal neu, wie Jessica Lind erklärt:
„Ich glaube, Pia ist am Anfang gar nicht bewusst, wie sehr sie das Trauma ihrer Kindheit begleitet und wie sehr es auch ihr Verhalten prägt. Dieser Prozess, dass sie sich mit der Vergangenheit beschäftigt, sich ihre eigene Kindheit noch einmal anschaut und beginnt, Sachen neu zu bewerten – das passiert erst im Laufe des Romans und ist auch das Zentrum der Geschichte. Ich glaube, dass wir in unserem Dreißigern, egal ob wir Kinder haben oder nicht, plötzlich mit anderen Augen auf unsere Kindheit blicken und vielleicht draufkommen, dass manches, was wir sicher geglaubt haben, doch zumindest mit einem anderen Beigeschmack, mit einer anderen Note auch noch betrachtet werden kann.“
Ein Text voller Falltüren
Auch diese Einsicht hebt „Kleine Monster“ über eine rein privatistische Geschichte heraus ins Allgemeingültige. Der Roman wirft auch die Frage auf, inwieweit Generationen untereinander fair und gerecht übereinander urteilen. Das Geschehen bekommen wir ausschließlich durch den Filter von Pias Weltsicht präsentiert. Eine Weltsicht, in der durchaus auch finstere, zerstörerische Tendenzen Platz haben. Vor dem Spiegel übt Pia das Lächeln, denn wenn sie lächele, so sagt sie es, sehe man ihr ihre Gedanken nicht an. Auf engem Raum von rund 250 Seiten ist „Kleine Monster“ ein an der Oberfläche eher distanziert-kühler Text, in dem sich immer wieder Falltüren öffnen. Das weiß auch die Autorin:
„Generell ging es mir bei „Kleine Monster“ darum, dass große Gefühle in Familien eben sehr nah beieinander liegen können. Liebe und Hass, Nähe und Distanz sind nur zwei Beispiele, und sich das anzuschauen in diesem Schmelztiegel Familie, wo das Ganze auch hochkochen kann, das interessiert mich sehr und deswegen mache ich das auch gerne zum Schauplatz meiner Geschichten.“
Einer Geschichte, die im Fall von „Kleine Monster“ auf hintergründige Weise zu überzeugen vermag.

Jul 21, 2024 • 2min
Sommer-Lesetipp: Caroline Wahl – Windstärke 17
Bereits mit ihrem Debüt „22 Bahnen“ erzielte Caroline Wahl große Erfolge. Der klare und rhythmische Erzählstil der Autorin überzeugt viele Lesende. Das prägende Element in beiden Romanen: Wasser. In der Fortsetzung, „Windstärke 17“, zieht sich der Himmel nochmal mehr zusammen und das unruhige Inselwetter kommt dazu.
Für Katrin Ackermann ist die Geschichte um Ida mitreißend, nah am Leben und trotz der traurigen Momente auch erfrischend. Ihr stürmischer Lesetipp für den Sommer: „Windstärke 17“ von Caroline Wahl.
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Jul 21, 2024 • 2min
Sommer-Lesetipp: T. C. Boyle – Blue Skies
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