SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Aug 18, 2024 • 5min

Arno Geiger – Reise nach Laredo | Buchkritik

Karl, Carlos, Charles V, Kaiser des Heiligen römischen Reiches Deutscher Nation, ein Habsburger, bei dem gleich vier Erbreiche zusammenkamen, katholischer Führer des Abendlands zwischen Osmanenkriegen und Reformation. Ein einsamer, alter Mann, der kein König mehr ist Dieser Karl interessiert Arno Geiger nicht. Oder jedenfalls nur als Vorleben des Menschen, der schließlich diese seine höchste Position freiwillig aufgab. Was dann? 1556 zog Karl V. sich von seinen Ämtern in ein Kloster im spanischen Cuacas de Yuste zurück. Und dort treffen wir ihn als die zentrale Figur in „Reise nach Laredo“: einen ausgelaugten, mürrischen, von sieben Krankheiten zerfressenen und einsamen alten Mann, der kein König mehr ist. Arno Geiger: Ich glaube, es ging ihm um seine Person. Er wollte sich selber retten. Das ist mein Karl. Er ordnete sich diesen Ämtern unter und dann sagt er: Schluss, ich mag nicht mehr. Und das sind schwere Kronen, die er da vom Kopf herunternimmt.   Quelle: Arno Geiger Er erkennt nur, dass er nichts Wichtiges über sich weiß und dass wenig Zeit bleibt, dahinterzukommen. Manchmal meint er, das Königtum habe ihn verbraucht und besitze weiterhin alle Macht, und er selbst ist abgereist nach Yuste als leerer Knochen. Quelle: Arno Geiger – Reise nach Laredo Die Fallhöhe ist kaum zu übertreffen für dieses Thema: das Loslassen nämlich. Das Zurücktreten. Die Frage, was danach kommen kann. Tizian, Karls Hofmaler, von dem mehrere Porträts des Kaisers existieren, hat seine eigene Weisheit dazu, die er seinem Herrscher bei einer Porträtsitzung mitgibt. Der letzte Pinselstrich, meint Geigers Tizian, sei eigentlich immer überflüssig. Und er ist dem Autor da sehr nahe. Als Künstler muss man eben auch loslassen können, an einem bestimmten Punkt seines Lebens. Also ich bin kein Freund des Überarbeitens /  ... mache dann schon noch diese zwei drei Pinselstriche, aber dann ist das Aufhören wichtig, um die Lebendigkeit des Geschaffenen zu bewahren. Quelle: Arno Geiger Karl und Geronimo ergreifen die Flucht Und dann ist sie da, die Chance für das Neue. Arno Geiger lässt den 58jährigen, todgeweihten Karl, um den sein Hofstaat nur noch abwartend herumschleicht, eines Nachts die Flucht ergreifen. Das ist zwar medizinisch völlig unplausibel und beim Lesen wird man lange im Ungewissen gelassen über den Charakter dieses Ausbruchs, aber am Ende ist der auch ganz unwichtig. Wichtig ist die Freiheit, die Geiger dem pflichtverknöcherten Karl zuwachsen lässt. Gemeinsam mit dem 11 jährigen Geronimo, der nicht weiß, dass er ein illegitimer Sohn des Alten ist – schickt er ihn ins Abenteuer, in gefährliche Schlägereien und brutale Gegenden, sie retten zwei Unschuldige, erreichen die tote Stadt, finden ein Wundertier und eine unheimliche Herberge, bis sie schließlich ans Meer kommen.  Das ist ein schöner Kontrast, dieser Mann, der immer an Vergangenheit und Zukunft denken muss, und dieser 11jährige, der sich jeden Morgen freut auf das was der Tag bringt. Quelle: Arno Geiger Karl sagt sich: So war ich nie, so frei, so unabhängig. Vielleicht könnt ich’s jetzt, für einige Augenblicke, für drei Tage, das wäre immerhin etwas. Kann man Unbeschwertheit lernen? Wird man so geboren? ... Wäre das gut? Will ich tanzen oder kotzen? Quelle: Arno Geiger – Reise nach Laredo Die Begegnung mit der Welt hilft dem früheren König Arno Geiger beantwortet diese Frage im Roman durch den Roman mit JA, Ausrufezeichen! Tanzen, und Kotzen auch. Nicht der Rückzug in Kontemplation und Selbstbefragung, den Karls Beichtvater ihm nahelegt, hilft dem König ohne Krone weiter mit sich selbst, es ist die Begegnung mit der Welt. Das macht die „Reise nach Laredo“ erneut zu einem sehr persönlichen Buch dieses ungewöhnlichen Autors. Man kann das einen historischen Roman nennen, denn er ist ja fraglos im 16. Jahrhundert verortet, historische Figuren treten auf, und Tizians Gemälde lassen sich im Museum anschauen. Aber das Herz dieses Buchs schlägt zeitlos.
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Aug 18, 2024 • 4min

Daniela Krien – Mein drittes Leben | Buchkritik

Der Name Linda, die Sanfte, scheint nicht zu passen zu der Frau, die sich in ein trostloses Dorf zurückgezogen hat. Die gut bezahlte Stelle in einer Kulturstiftung hat sie gekündigt und ihren entsetzten Mann in Leipzig zurückgelassen. Ihr Leben zerbrach, als Sonja starb Seit zwei Jahren kämpft sie sich jetzt auf einem abgewirtschafteten Hof durch die Tage, nur die Hühner und den Hund hat sie behalten. Verzweifelt sucht sie den größtmöglichen Abstand zu ihrem früheren Leben. Es zerbrach, als ihre Tochter Sonja starb. Eine Ampel schaltete auf Grün, eine siebzehnjährige Fahrradfahrerin mit blondem Pferdeschwanz und lauter Musik in den Ohren trat in die Pedale ihres Rennrads, ein LKW-Fahrer, der vergessen hatte, in den Seitenspiegel zu schauen, bog über den Radweg nach rechts ab. Quelle: Daniela Krien – Mein drittes Leben Linda quält sich mit Selbstvorwürfen Anfangs trauern Linda und Richard gemeinsam. Aber weil in Leipzig alles an die Tochter erinnert, ist Linda in die Einöde geflohen. Sie quält sich mit Vorwürfen: immer fand sie Sonja zu angepasst, zu unsportlich, ohne Ehrgeiz. Beim Holzhacken verausgabt sie sich, müde wird sie trotzdem nicht, nur starke Schlaftabletten verschaffen ihr einige Stunden Ruhe. Richard bittet sie inständig zurückzukommen, meist weist sie ihn schroff ab. Daniela Krien erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Linda, sie ist die Ich-Erzählerin, die lieber sterben als leben möchte. Nur einmal steht sie neben sich, sie rutscht in die 3. Person als Richard ihr von einer neuen Frau erzählt, einer Schriftstellerin, die ihn aus der Einsamkeit befreit. Linda verstummt. Nur eine Bekannte findet noch Zugang zu ihr. Sie wollen, dass er sich ebenso aufgibt, wie Sie es tun. Aber er lebt weiter. Und das nehmen Sie ihm übel…Auf dem schmalen Grad zwischen Leben und Tod hat er sich für das Leben entschieden, während Sie versucht haben, ihn zu den Toten hinüberzuziehen. Quelle: Daniela Krien – Mein drittes Leben Zuviel Moral für Kriens Heldin Richards neue Partnerin ist eine energiegeladene selbstbewusste Schriftstellerin namens Brida. Die trauernde Linda beobachtet sie skeptisch, sie guckt inzwischen kritisch auf Menschen, die besonders sein möchten, aber in der eigenen Blase ziemlich uniform wirken. Die Freunde der alten Linda trugen Sneaker zu teuren Leinenkleidern oder lässigen Anzügen, fuhren Rennrad und hängten sich Taschen aus recycelten Tetra Paks über die Schulter…und sobald sie Kinder bekamen, pachteten sie einen Schrebergarten, in den sie ein schwedisch anmutendes Holzhäuschen stellten. Quelle: Daniela Krien – Mein drittes Leben Daniela Krien lädt ihrer Heldin eine zu große Portion Moral auf. Ein Beispiel: Nach dem Verkauf der alten Familienwohnung steht ihr plötzlich viel Geld zur Verfügung. Einleuchtend, dass sie Menschen unterstützt, die ihr in der Verzweiflung Halt gegeben haben. Aber dass sie an lauter fremde Hilfsorganisationen spendet, passt nicht zu ihrem nüchternen Wesen. Zuviel des Guten. Zum Glück gibt es Richard, die heimliche Hauptfigur in diesem Roman. Niemand tue Gutes, ohne etwas dafür zu bekommen, sagte Richard, und sei es das Gefühl von Überlegenheit. Quelle: Daniela Krien – Mein drittes Leben Linda zieht zurück nach Leipzig, sie sieht Lichtblicke im Leben und lässt es Richard wissen. Als er ihre Hilfe braucht, steht sie ihm bei. Daniela Krien erzählt von einem unerträglichen Verlust. Aber sie erzählt auch von einer großen Liebe. Was sie in einem früheren Roman angerissen hat, wird hier lebendig: „Liebe ist keine Romantik. Liebe ist eine Tat. Man muss die Liebe vom Ernstfall aus betrachten.“
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Aug 18, 2024 • 6min

Sandra Newman – Das Verschwinden

Als es passiert, als ihr Sohn und ihr Ehemann von einer Sekunde auf die nächste an einem Augustabend verschwinden, bemerkt es Jane nicht. Um 19:14 Uhr passierte ein intensives Nichts, ein Taumel, der nicht von den Nerven oder dem Gehirn herrührte. Es würde mir später als eine Art Drogenrausch im Gedächtnis bleiben. Als es vorbei war, hatte ich das Gefühl, Leo und Benjamin wären verschwunden, doch ich tat es schnell als Albernheit ab. Ich sah zum Zelt, wo das Tablet leuchtete, ein belebter Flecken. Ich rief nicht nach ihnen. Ich wollte Benjamin nicht wecken und gab mich wieder meinen Gedanken hin. Quelle: Sandra Newman – Das Verschwinden Alle Menschen mit einem XY-Chromosom verschwinden Jane ist mit ihrem Mann Leo und ihrem 5-jährigen Sohn Benjamin in den kalifornischen Bergen zelten. Sie verbringt die Nacht draußen auf der Hängematte und merkt erst am nächsten Morgen, dass die beiden verschwunden sind. Und nicht nur sie: Alle Menschen mit einem Y-Chromosom. Alle Männer, trans Frauen und nicht binäre Menschen. Auch alle ungeborenen Föten mit einem Y-Chromosom verschwinden und mit ihnen ganze Regierungen und Sportmannschaften. Flugzeuge stürzen ab, weil das Cockpit leer ist, Raffinerien und Kraftwerke schließen, weil qualifizierte Arbeitskräfte fehlen, Strom- und Wasserversorgung stürzen in der ersten Zeit nach dem Schock ein. Und noch etwas ist weg: Das Patriarchat. Herrenclubs. Männerrechte. Frauenzeitschriften. Feminismus. Verschwunden. Die breite Hand auf deiner Schulter. »Du bist wunderschön«, gesprochen mit dieser bestimmten Autorität. Vorbei. Oder wenn du an einer Straßenecke auf eine Gruppe von Männern triffst. Wie sie verstummen und dich anstarren. Deinen Körper, nicht dein Gesicht. Schritte hinter dir in der Dunkelheit. Große Hände um deinen Hals. Ihn nicht aufhalten können. Vorbei. Quelle: Sandra Newman – Das Verschwinden Eine Welt ohne Patriarchat – eine Idylle? Ganz unmittelbar zeigt Autorin Sandra Newman die Folgen des Verschwindens auf: Plötzlich sind die Zurückgebliebenen befreit von den Zwängen der patriarchalen Gesellschaft. Der erste Eindruck dieser neuen Welt: eine Idylle, gleichzeitig ist die aber auch nicht frei von Schmerz und Trauer. Denn natürlich gab es auch Männer, die geliebt wurden. Eine Gleichzeitigkeit, die für Jane mitunter schwer auszuhalten ist und die sie von Anfang an spürt. Sie trifft auf eine Gruppe von Frauen und Mädchen. Die Kinder spielen, es läuft Musik, die Frauen unterhalten sich angeregt und helfen sich gegenseitig. Eine liebliche, märchenhafte Szene. Eine Welt ohne Wölfe, denkt Jane. Und da war der Moment – in dem mich die Erkenntnis traf, dass die neue Welt die bessere war. Schon jetzt war sie besser. Es gefiel mir hier. Der Gedanke brachte mich zum Weinen. In meinem Kopf behauptete ich Gott gegenüber das Gegenteil. Ich sagte Gott, dass ich in einer Welt ohne Männer nicht leben wollte, selbst wenn meine eigene Familie wundersamerweise verschont geblieben wäre. Dieser Welt würde eine ganze Dimension von Erfahrung fehlen. Quelle: Sandra Newman – Das Verschwinden Sind Frauen die besseren Menschen? Schnell wird man in diese neue Welt, die Sandra Newman in ihrem Roman „Das Verschwinden“ zeichnet, hineingezogen. Was auffällt: Die große Frage des Warums steht zunächst nicht im Vordergrund. Newman liefert erst gegen Ende des Romans eine mythische Erklärung für das Verschwinden, die einen etwas unbefriedigt zurücklässt. Viel wichtiger und anregender ist, wie Newman die Hintergrundgeschichten der Frauen mit den aktuellen Ereignissen im Roman verwebt. Und so im Laufe der Geschichte mit zwei Behauptungen aufräumt: Frauen seien die besseren Menschen. Und eine Welt ohne Männer automatisch eine bessere. Da ist etwa Evangelyne, eine schwarze Politikerin. Sie ist die Gründerin und Anführerin einer Partei, die schnell das Machtvakuum für sich nutzt und im Raum Los Angeles von der Müllabfuhr bis zum Elektrizitätswerk die Dinge wieder in Gang bringt. Wie eine Messias wird sie von ihren Anhängerinnen verehrt. Auch Jane wird von ihr angezogen. Sie schließt sich Evangelynes Partei an und wird zur Liebhaberin und Unterstützerin der Politikerin. Ambivalente und komplexe Figuren Die beiden verbindet eine alte Freundschaft, die auf einer geteilten Erfahrung beruht: Beide waren in der alten, patriarchalen Welt sowohl Opfer als auch Täterin. Jane ist eine verurteilte Sexualstraftäterin. Ihr Ballettlehrer manipulierte sie und brachte sie dazu, Sex mit minderjährigen Jungen zu haben. Evangelyne hingegen hat als junge Frau zwei Polizisten erschossen, die ihre Familie auf dem Gewissen haben. Es sind ambivalente und komplexe Figuren, die Newman hier in einem reduzierten, fast nüchternen Stil zeichnet. Und die ihren Roman zu einem Lesevergnügen machen, weil mit ihnen die utopischen und politischen Ideen mit Leben gefüllt werden. Später in dem hübschen Hotel, nach Mitternacht und nachdem wir stundenlang gevögelt hatten, stand Evangelyne auf und stellte sich nackt ans Fenster. Natürlich liefen die Frauen zu dieser Zeit oft nackt herum; die ganze Welt war eine Mädchenumkleide. Quelle: Sandra Newman – Das Verschwinden Die ganze Welt eine Mädchenumkleide Doch wie in jeder Mädchenumkleide, gibt es auch in dieser männerlosen Welt Missgunst, Neid und Geheimnisse – und ein großes Gesprächsthema: Die Männer. Die sind nämlich zu sehen in kurzen Videoclips, die im Netz auftauchen und von denen keine weiß, wer dahintersteckt. „The Men“ heißen diese verstörenden Clips. Sie zeigen Gruppen von verschwundenen Männern, die zombie-haft durch eine apokalyptische Landschaft wandern. Zuschauerinnen erkennen in den Videos Angehörige wieder und nach einiger Zeit auch die verbrannten Landschaften und zerstörten Städte. Den Frauen wird klar: Was sie hier sehen, wäre die ausgebeutete, verbrannte Zukunft einer patriarchalen Welt gewesen. Wir schauten „The Men“, während Nord- und Südkorea wiedervereinigt wurden und die ersten weiblichen Kardinäle die erste weibliche Päpstin wählten. Kanada wurde von Waldbränden und Südamerika von Dürre heimgesucht. Die Fischpopulationen im Atlantik erholten sich, und auf Moskaus Straßen wurden Elche gesichtet. Quelle: Sandra Newman – Das Verschwinden Politische Parabel mit fein erdachten Figuren Eine Welt ohne Männer, ohne Sexismus, ohne Patriarchat und Unterdrückung – ist das eine feministische Utopie? Newman gibt darauf vielschichtige Antworten. Ihre Figuren hadern mit dem Verlust der Männer, ebenso wie mit den neuen ambivalenten Verhältnissen. Zu denen gehört auch eine neue Politpopulistin wie Evangelyne, die ein ähnliches Macht-Monopol anstrebt wie die dominanten Männer vor ihr. Sandra Newmans politische Parabel überzeugt. Denn hier erschlägt die politische Fantasie nicht die Literatur. Vielmehr öffnet Newman mit ihren fein erdachten Figuren und ihren Lebensgeschichten das Denken. Und das ist gerade in den verhärteten Debatten unserer Zeit besonders wichtig.
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Aug 18, 2024 • 8min

Karlsruher Verlag Edition Converso: Monika Lustig im Gespräch

Viel mehr als Pizza, Pasta und Dolce Vita: Das Gastland der Frankfurter Buchmesse In der Edition Converso, einem unabhängigen Karlsruher Verlag, erscheinen literarische Schätze aus Italien in deutscher Übersetzung. Werke, jenseits der deutschen Klischees über das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Gegründet hat den Verlag Monika Lustig. Sie lebte viele Jahre an verschiedenen Orten in Italien, bewunderte die Sprache mit ihren vielen Dialekten und war bei der Entstehung italienischer Literatur aus nächster Nähe dabei. Wie das Buch des Autors Santo Piazzese, „Blaue Blumen zu Allerseelen", ein Palermo-Krimi, Lustig den Anstoß zum Projekt Verlagsgründung gab, verrät sie Theresa Hübner im „lesenswert Magazin". Literatur aus dem Mittelmeerraum Der Schwerpunkt der Edition Converso liegt zwar auf Literatur aus Italien, allerdings verlegt Monika Lustig auch Werke aus dem gesamten Mittelmeerraum. Im Gespräch empfiehlt Monika Lustig den Roman „Tief ins Fleisch“ der marokkanischen Autorin Yasmine Chami.
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Aug 18, 2024 • 7min

Sven Pfizenmaier – Schwätzer | Gespräch

Wie das alles zusammenpasst erklärt Sven Pfizenmaier im Lesenswert Gespräch. Sein neuer Roman „Schwätzer“ ist ernster als sein viel gelobtes Debüt, hat aber genau soviel absurd-komische Passagen.
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Aug 18, 2024 • 6min

Colson Whitehead – Die Intuitionistin | Buchkritik

Lila Mae Watson ist Fahrstuhl-Inspektorin, die erste Schwarze Frau in diesem Job und stolz auf ihren Aufstieg. Aus den Südstaaten ist sie in die Stadt gezogen, die wie keine andere für Aufbruch und Modernität steht. New York, der Name fällt nicht, wie auch das Jahr der Handlung nicht klar benannt wird. Und doch ist klar, dass Lila Mae genau hier, in New York, einen neuen Anfang wagt – und das in einer Zeit, in der rassistische Begriffe wie „colored“ ganz selbstverständlich gebraucht werden. Weiße sind Weiße, sagt ihr Vater Der jungen Frau steckt dabei die Kindheit im Süden der USA noch in den Knochen, und der Vater im Ohr, der ihr vor dem Umzug zuraunte, sie solle sich doch nichts vormachen. Weiße seien Weiße, im Süden wie im Osten. Mit dieser Prägung bewegt sich Lila Mae nun also durch New York. Sorgt sich um die Sicherheit von Aufzügen. Und um die eigene: Lila Mae war ab und zu im O’Connor’s, wenn ein Baseballspiel oder ein Boxkampf übertragen wurde, und bei jedem Jubeln sah sie sich nach einer potenziellen Waffe um. Da hilft es wenig, dass der Wirt stets mit einer großen Messingglocke läutet, wenn ein Gast kein Trinkgeld gibt; sie erschrickt jedes Mal. Sie erschrickt bei diesem Geräusch und auch bei dem der Startpistole, mit der hier Streit unterbunden wird, etwa hitzige Debatten über die diversen Vor- und Nachteile der Kühlung der Bremssysteme von United Elevator. Die Leute können jederzeit tollwütig werden; das ist das wahre Resultat verbesserter Integration: Der sichere Ausbruch von Gewalt wird durch den verzögerten Ausbruch von Gewalt ersetzt. Quelle: Colson Whitehead – Die Intuitionistin Empiristen versus Intuitionisten Colson Whitehead hat sich für diese Protagonistin ein irrwitziges Szenario ausgedacht: Er verstrickt sie in einen Kriminalfall, lässt einen Fahrstuhl – just von ihr überprüft – im freien Fall abstürzen. Ausgeschlossen, dass sie etwas übersehen hat, denn: Sie irrt sich nie. Quelle: Colson Whitehead – Die Intuitionistin Also muss detektivisch alles andere durchgespielt werden: Wer könnte ihr schaden wollen? Einer Schwarzen Frau, die aufsteigt? Was hat dieser Fall mit den zwei Lagern unter den Fahrstuhl-Experten zu tun? Es gibt die Empiristen – die jede Schraube von Aufzügen kontrollieren – und die Intuitionisten – die das Kontrollieren intuitiver angehen – und gerade stehen sich die beiden Seiten so verfeindet gegenüber wie heute Demokraten und Republikaner. Ich bin in New York City aufgewachsen und da gab es ein Gesetz, nach dem Aufzüge dieses Inspektions-Zertifikat aufweisen müssen, das ich im Buch beschreibe. Und ich dachte: Wäre es nicht witzig, wenn ein solcher Aufzugs-Inspektor einen Kriminalfall lösen müsste? Also bin ich in die Bibliothek, habe nachgelesen, was ein solcher Inspektor an Fähigkeiten für einen Kriminalfall mitbringen würde. Und die Antwort war – natürlich – keine. Der inspiziert halt Aufzüge. Also dreht sich das Mysterium jetzt um Aufzüge und ich musste eine Welt erfinden, in der Aufzüge sehr wichtig sind. Eine alberne Idee, nüchtern durchgezogen. Quelle: Colson Whitehead Albern nur auf den ersten Blick, denn je länger Colson Whitehead diese Idee durchzieht, umso vielschichtiger und produktiver wird sie. Das Spiel mit Hell und Dunkel, schwarz, weiß, oben, unten, Absturz und Höhenflug steckt im Aufzug. Man denkt an „racial uplift“ Gleichzeitig ist es das Symbol der Großstadt, ein Vehikel, ohne das modernes urbanes Leben nie möglich wäre, was einerseits an die Hybris des Menschen – des Menschen oder: des Weißen – denken lässt, sich über alles zu erheben. Und andererseits an „racial uplift“, diesen enorm ambivalenten Begriff, der die afroamerikanische Elite an der Schwelle zum 21. Jahrhundert antrieb und die Idee beschrieb, sie, die Elite, müssten die Schwarzen im Ganzen „upliften“, materiell und moralisch nach vorne bringen. Ein Konzept, das selbst tief verstrickt ist mit dem Klassismus und Rassismus der Zeit, aus der es stammt. Eine banale Entscheidung also: Wäre das witzig, eine postmoderne Detektivgeschichte mit einem Aufzugsinspektor als Protagonisten? Aber als ich begann, darüber nachzudenken, wurde der Aufzug keine rhetorische Spielerei, sondern eine Quelle von Metaphern ganz verschiedener Art. Quelle: Colson Whitehead Whitehead sprengt die Form Überhaupt entwickelt der Roman „Die Intuitionistin“ eine enorme Tiefenstruktur. Eine Detektivgeschichte ist er nur auf den ersten Blick, nur oberflächlich: ein lustvolles Spiel mit dieser hoch-regelhaften Literaturform. Denn Colson Whitehead sprengt die Form – lässt seine Detektivin, Lila Mae, am Ende keinen Kriminalfall lösen – eigentlich gibt es da nämlich keinen Fall –, sondern wenn schon, dann den Fall Lila Mae aufklären: Lässt sie ihre eigene Identität neu anschauen, lässt sie Fragen nach race, nach Orientierung, nach Aufstieg und Solidarität, neu stellen. Ein Bildungsroman also vielleicht, oder ein Künstlerroman, eine Emanzipationsgeschichte, getarnt als neue Variante der Watson-detective-story. In jedem Fall: ein großes Debüt! Je älter ein Buch ist, umso mehr scheue ich mich, es nochmal in die Hand zu nehmen. Aber ich fühl mich gut damit – der junge Colson hat getan, was er konnte. (lacht) Er war 29, klar, würde ich heute was anders machen, aber: Ich hab das Beste gegeben und so werde ich das auch beim nächsten Buch machen: Das Beste geben, es nicht verderben. Quelle: Colson Whitehead
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Aug 15, 2024 • 4min

Christian Drosten, Georg Mascolo – Alles überstanden?

Nach wie vor fehlt es an einer überzeugenden Aufarbeitung der Covid-Pandemie. Doch angesichts der großen gesundheitlichen wie auch gesellschaftlichen Schäden wäre es fatal, wenn aus der Pandemie keine allgemein akzeptierten Lehren gezogen würden, sei es für das Gesundheitswesen, sei es für Medien und Wissenschaft, sei es für das politische Krisenmanagement. Aus diesem Grund hatte der Virologe Christian Drosten die Idee, zusammen mit dem Journalisten Georg Mascolo ein Gespräch zu führen, in dem nachträglich – ohne Hektik und Aufgeregtheit – ein Resümee gezogen werden sollte.  Was können wir aus der Pandemie lernen?  Was also können wir lernen? Zunächst einmal sollten wir uns vergegenwärtigen, dass Pandemien immer überraschend kommen und dass die anfängliche Situation immer von zahlreichen Unsicherheiten bestimmt wird. Natürlich kann man es sich bei der weiteren Beurteilung leicht machen und sagen, alles lief falsch, aber wenn man jenseits von Voreingenommenheit und Parteilichkeit urteilen will, fällt das Urteil nicht leicht. Deutlich arbeiten aber Christian Drosten und Georg Mascolo in ihrem Gespräch heraus, dass die Voraussetzungen in verschiedenen Ländern unterschiedlich waren: dass Schweden sich eher einen lockeren Umgang leisten konnte als Deutschland und Großbritannien aufgrund eben dieses lockeren Umgangs sehr, sehr viele Tote zu beklagen hatte, mit anderen Worten: dort eine hohe Übersterblichkeit aufgrund von Covid zu verzeichnen war. Klar wird in dem Gespräch auch, dass Schulschließungen – jedenfalls im März 2020 – nicht nötig gewesen waren, aber umgekehrt schnelle Impfungen sehr nützlich waren, je schneller, desto wirkungsvoller. Selbstkritisch gesteht Christian Drosten ein, dass er zunächst allzusehr auf Freiwilligkeit gesetzt hatte:   Ich habe gedacht, das läuft rein über die Kommunikation und übers Erklären, jeder erkennt die Gefahr und verhält sich entsprechend. Ich lag bei meiner persönlichen Einschätzung zur Freiwilligkeit von Verhaltensänderungen komplett falsch.  Quelle: Christian Drosten, Georg Mascolo – Alles überstanden? Das Präventionsparadox bleibt ein Problem  Ein Problem bleibt – nicht nur bei den Impfgegnern und den Corona-Leugnern – das sogenannte Präventionsparadox. Gerade weil die Maßnahmen Erfolg haben, erkennt man deren Wirkung nicht. Christian Drosten:   Man sieht die Krankheit nicht, die man verhindert hat, und ist dann blind für die Folgen, die ohne Präventionsmaßnahmen eingetreten wären. Man sieht also nur den Schaden der Präventionsmaßnahmen und übersieht den Nutzen. Quelle: Christian Drosten, Georg Mascolo – Alles überstanden? Wissenschaftler wie Drosten, die sich damals öffentlich exponiert haben, wurden durch ihre klaren Stellungnahmen verschiedentlich belästigt, angegriffen und mit Hassmails überschüttet. Die Charité schickte die Mails gleich weiter an eine Anwaltskanzlei, sodass inzwischen viele der Absender angezeigt bzw. schon verurteilt sind.   Wir sollten in Sachen Pandemie klüger werden und nicht erregter  Inzwischen wissen wir, dass man zwar nicht verhindern kann, dass sich viele Menschen infizieren, aber durch die Impfungen vermeiden kann, dass sie daran sterben. Das sollte man sich, so Drosten und Mascolo, für künftige Infektionen merken. Klar ist aber auch, dass durch das Vordringen in tropische Regenwälder, durch Wildtiermärkte, die Art und Weise der Nutztierhaltung und durch den weltweiten Reiseverkehr ziemlich perfekte Voraussetzungen für das Entstehen neuartiger Viren und damit Krankheiten geschaffen werden. Das Gespräch von Drosten und Mascolo ist zwar keineswegs alarmistisch, lässt aber insofern keine Zweifel offen. In jedem Fall sollte eine mediale Polarisierung vermieden werden, es geht also darum, einen Journalismus zu praktizieren, der klüger macht und nicht erregter.
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Aug 14, 2024 • 4min

Paul Lynch – Das Lied des Propheten | Buchkritik

Europa hat Zukunftsangst. Im Zentrum stehen dabei politischer Extremismus, die Angriffe auf Demokratie und Rechtsstaat, eine gespaltene Gesellschaft und zunehmende Gewalt. Was passieren kann, wenn all diese toxischen Elemente zur vollen Entfaltung kommen, das hat der Ire Paul Lynch in seinem Roman „Das Lied des Propheten” ausgemalt.  Es passiert in einem EU-Land  Der erste dramaturgische Kunstgriff seines dystopischen Romans besteht darin, dass er die Handlung in Irland ansiedelt. Damit stößt er seine Landsleute also gleichsam von den Tribünenplätzen, von denen wir Europäer das Unglück der Welt zu betrachten pflegen, hinab in eine Arena der Grausamkeiten. Dort geht es bald genauso zu, wie in den Ländern, die von Tyrannei und Krieg heimgesucht werden.  Es beginnt mit der klassischen Urszene, die aus allen Diktaturen bekannt ist. Es klingelt, zwei Männer mit Hut verlangen Mr. Stack zu sprechen. Stack ist der Generalsekretär der Lehrergewerkschaft. Bei der Vernehmung durch die Geheimpolizei wird er beschuldigt, zum Hass gegen den Staat aufzustacheln.  Larry Stack schweigt lange. Damit ich Sie richtig verstehe, sagt er, Sie fordern mich auf, Ihnen zu beweisen, dass mein Verhalten nicht staatsgefährdend ist? Ja, das ist korrekt, Mr. Stack.  Quelle: Paul Lynch – Das Lied des Propheten Diktatur, Not, Bürgerkrieg  Larrys Frau Eilish wird ihren Mann nie wieder sehen. In Irland regiert eine Partei namens National Alliance, durch Notverordnungen hat sie sich diktatorische Vollmachten verschafft. Unter diesen Umständen muss sich Eilish mit ihren vier Kindern und ihrem dementen alten Vater allein durchschlagen. Die Hoffnung der Protagonistin, dass es in einem EU-Land ja wohl nicht zum Äußersten kommen wird, fegt der Autor mit einer unbarmherzigen Eskalation der Handlung hinweg. Eilish wird zum Opfer von Sippenhaft, sie verliert aus politischen Gründen ihren Job als Biotechnikerin, auf Ämtern wird sie schikaniert.  Sie sieht vor sich das Bild einer zerschlagenen Ordnung. Die Welt ergibt sich dem Chaos, der Boden, auf dem man geht, fliegt in die Luft. Quelle: Paul Lynch – Das Lied des Propheten Gegen das diktatorische Regime erhebt sich eine Rebellenarmee, der sich Eilishs ältester Sohn anschließt. Die Städte werden zum Schlachtfeld mit wechselnden Frontlinien. Als Eilish in den Krankenhäusern nach ihrem verletzten jüngeren Sohn sucht, gerät sie in das Visier von Heckenschützen.  Das Lied vom Unglück der Welt  Paul Lynch schildert das Geschehen Schritt für Schritt in aufwühlenden Bildern und gedrängten Satzfolgen, die Eilishs Überlebenskampf bei zunehmender Panik nachzeichnen.   Sie sieht ihre Kinder in eine Welt von Hingabe und Liebe geboren und sieht sie verdammt zu einer Welt des Terrors, und sie sieht, dass aus Terror Mitleid entsteht und aus Mitleid Liebe. Quelle: Paul Lynch – Das Lied des Propheten So geht, durchaus in biblischer Tradition, „Das Lied des Propheten”, auf das der Titel des Romans verweist. Wie es zu dem totalitären Regime in Irland kommen konnte, das lässt der Autor weitgehend im Dunkeln. Umso ausführlicher hebt er die Parallelen zu Krisenregionen wie dem Nahen Osten hervor, deren Bewohner durch Krieg und Gewaltherrschaft zur Flucht gezwungen werden. Die Botschaft des Romans lautet: Das Unglück der Welt kann überall zuschlagen. Paul Lynch entfaltet diese Einsicht mit beklemmender Intensität und erzeugt damit genau das, worauf es bei jeder dystopischen Schwarzmalerei ankommt: Hochspannung, Schrecken und Anteilnahme.
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Aug 14, 2024 • 9min

Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder

Anfangs brennen noch keine Felder. Es regnete den ganzen September, den ganzen Oktober und den ganzen November lang. Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder Über diesen etwas eintönigen Satz denkt Luisa Fischer seit geraumer Zeit nach, weil es vor ihrer Tür offenbar dauernass ist. Das Wetter und die sogenannte Wirklichkeit bieten Luisa den Stoff für einen ersten Roman. Sie ist zurückgekehrt in die oberösterreichische Heimat und möchte sich als Schriftstellerin neu erfinden. In der von landwirtschaftlichen Betrieben geprägten Region sieht sie auch ihre Halbbrüder Alexander und Jakob wieder, die in Kaiser-Mühleckers Prosawerken „Fremde Seele, dunkler Wald“ bzw. „Wilderer“ im Mittelpunkt standen: Während der ehemalige Soldat Alexander unter den psychischen Nachwirklungen eines Auslandseinsatzes leidet, hat Jakob den verschuldeten Bauernhof der Eltern übernommen. Beide Söhne schaffen es nicht, sich von familiären Prägungen zu lösen und ein glückliches Leben zu führen. Weil Luisa lange Zeit im Ausland lebte, stand sie bislang am Rand der Verwicklungen im heimischen Rosental. Sie hat zwei Kinder, die in Schweden und Dänemark bei unterschiedlichen Vätern leben und die in Luisas Gedankenraserei gar nicht gut wegkommen. Ihre beiden Ex-Männer, die Väter ihrer Kinder waren schrecklich gewesen, der eine wie der andere, in gewisser Hinsicht eigentlich richtige Monster, von denen sich zu trennen ihr im Innersten nicht schwergefallen war. Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder Unzuverlässige Erzählerin Reinhard Kaiser-Mühlecker hat sich für eine personale Erzählperspektive entschieden: Die Geschehnisse werden ausnahmslos aus der Sicht Luisas vorgetragen, die zwar von Beginn an nicht zuverlässig, aber eben doch so reflektiert wirkt, dass man ihr manche Übertreibung durchgehen lässt. Andere Menschen waren schon eigenartige Wesen, und wie war man selbst eigentlich? Sich kannte man schließlich auch nicht besonders gut, wenn man ehrlich war. Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder Das Spiel mit Fremd- und Eigenzuschreibungen, die Projektion eigener Leiderfahrung auf andere Familienmitglieder ist ein zentrales Thema in „Brennende Felder“. Nach dem Scheitern der Ehen beendet Luisa ihre amourösen Eroberungsfeldzüge keineswegs. Auf die „Liste ihrer Liebhaber“ gerät auch Robert Fischer und damit jener Mann, der sie zwar aufgezogen hat, aber nicht ihr leiblicher Vater ist. Die Mutter hatte einen One-Night-Stand, und der Erzeuger war noch in der ersten Liebesnacht verschwunden. Kein Wunder, dass Luisa oft im „Nebel der Erinnerung“ herumirrt und selten zur Ruhe kommt. Kaum hat sie einen Typen verführt, wird ihr auch schon wieder langweilig. …allmählich spürte sie, wie diese Unrast und diese Unzufriedenheit zurückkehrten. Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder Ökonomische und emotionale Verwerfungen in einer Bauernfamilie Es ist nicht leicht, die emotionalen Wirrnisse und wirtschaftlichen Verwerfungen in der Familie Fischer immer nachzuvollziehen. Im Mittelteil des Buchs fragt man sich, worauf die Geschichte hinauslaufen mag. Auch Luisas Ausführungen zu dem Roman, an dem sie gerade arbeitet, lesen sich alles andere als erhellend. Die Vermutung, man lese das Werk, das Luisa gerade schreibt, wird sich als Trugschluss erweisen. Fest steht: Die Härte des Bauernlebens hat alle Mitglieder der Familie Fischer schwer gezeichnet. Eine gewisse Rücksichtslosigkeit, die im betrieblichen Überlebenskampf nötig ist, scheint auch Luisas Handeln zu bestimmen. So unklar die Motive der Hauptfigur nämlich sein mögen, so dominant zeichnet Kaiser-Mühlecker ihr Verhalten: Mit Robert, den Luisa nun liebevoll Bob nennt, bezieht sie eine Villa am Rande des Heimatdorfs. Das ungleiche Paar wird von den Nachbarn skeptisch beäugt. Vor allem Halbbruder Jakob, der unter den nicht nur ökonomisch waghalsigen Aktionen des Vaters immer gelitten hatte, lehnt die seltsame Liaison ab. Eines Tages kommt Bob schwerverletzt nach Hause. Seine eine Gesichtshälfte war völlig zerschlagen, am Jochbein war die Haut abgeschürft und nässte, es sah aus, als wäre er mit dem Gesicht über Asphalt geschleift worden. Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder Der Tod ist immer präsent Bob will sich zu den Hintergründen der brutalen Auseinandersetzung nicht äußern, spricht lediglich von einer „alten Geschichte“. Was in diesem Setting nicht ungewöhnlich ist. Alle haben hier irgendwelche Leichen im Keller. Schließlich kommt Robert Fischer auf sehr mysteriöse Weise ums Leben. War es ein tragischer Unfall oder doch Mord, wie Luisa vermutet? Der Tod ist allgegenwärtig in Kaiser-Mühleckers agrarischen Romanmilieu. Mal stirbt ein Bauer in einem „Futterautomaten“, dann nimmt sich die Frau eines Landwirts das Leben. Luisas Partnerjagd aber geht unverdrossen weiter: Sie lernt Ferdinand kennen, einen Bauern in der Nachbarschaft, den sie zwar erst für Bobs Tod verantwortlich macht, ihn dann aber an sich zu binden weiß. Ferdinand hat einen autistischen Sohn, was nicht nur in der Schule zu Problemen führt. Der alleinerziehende Vater bewirtschaftet allen Widrigkeiten zum Trotz den Familienbesitz, arbeitet fürs Landwirtschaftsministeriums in Wien und schreibt Fachartikel über „trockenresistente Kulturpflanzen“. Luisa setzt alles daran, sich in die neue Umgebung einzufügen, emotionale Abhängigkeiten zu etablieren. Sie hilft Anton bei den Mathe-Aufgaben, unterstützt Ferdinand im Haushalt. Doch die Stimmung kippt abermals. Luisa stört sich zunehmend am schwer zugänglichen Anton, der wohl immer auf Hilfe angewiesen sein wird. Auch Ferdinand kann es der Frau, die um mehr Aufmerksamkeit bettelt, nicht länger recht machen, vor allem …     …seit er sich so viel mit dem Thema Wasserrückhaltung und Wasserspeicherung beschäftigte und überall auf der Hofstätte, an den Fallrohre der Dachrinnen, aber auch andernorts, hässliche Wassertonnen und Wassertanks aufstellte. Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder Brennende Mähdrescher Nach den Regenmonaten herrscht nun auch in Oberösterreich eine für die Landwirtschaft bedrohliche Trockenheit. Mit der mühsamen Arbeit der Bauern möchte sich Luisa aber nicht beschäftigen. Fasziniert schaut sie in die Ferne und bewundert das vermeintliche Naturspektakel: Es sieht aus, als würden die Felder brennen. Die Mähdrescher und Ballenpressen sind bei den hohen Temperaturen tatsächlich in Brand geraten, das Feuer hat aber noch nicht auf die trockenen Äcker übergriffen. Die Wahrheit interessiert Luisa nicht. Im Grunde freut sie sich, dass das Werk der Bauern, unter deren Lieblosigkeit sie in Kindertagen gelitten hat, nun in Flammen steht. Luisa lebt zunehmend in einer Wahnwelt, was sich auch in der Sprache des Romans niederschlägt. Mit unheimlicher Konsequenz hat Kaiser-Mühlecker die regendurchnässte Prosa, die zunächst von dunklen Wäldern und vereinsamten Seelen handelte, in brennende Wortfelder überführt. Überall lodern nun die Lügen, die sich auf überraschende Weise zu einem stringenten Gesamtbild fügen. Aus einer triebfixierten Narzisstin ist ein Engel des Todes geworden, der Empathie zu simulieren weiß, um die hergestellte Nähe kaltblütig auszunutzen. Luisa wartet nur noch auf die passende Gelegenheit, um Anton aus dem Weg zu räumen.  Ja, Hass. Und wann war er aufgekommen in ihr, dieser Hass, über den sie seit Wochen, ja Monaten Abend für Abend wieder nachdachte, weil sie ihn nicht verstand? Den sie gar nicht wollte. Den sie nicht einmal kannte. Nie empfunden hatte (…). Und jetzt auf einmal doch? Quelle: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Brennende Felder Abschluss einer herausragenden Familientrilogie Ob Luisa auch ihre ehemaligen Gatten, die sich inzwischen mit allen Mitteln von ihr fernzuhalten versuchen, mit solchen Hassgefühlen verfolgte? Selbst die eigenen Kinder verweigern sich den Spontanbesuchen in Dänemark und Schweden. Ob sie insgeheim ahnen, wie gefährlich der Umgang mit der Mutter ist? Die erstaunlichen Wendungen dieser Geschichte lassen auch die beiden vorangegangen Romane von Kaiser-Mühleckers Familientrilogie in einem anderen Licht erscheinen, vor allem das Drama des Bauern Jakob im Vorgängerbuch „Wilderer“. Der Autor führt seine Figuren zwar grundsätzlich in den Abgrund. Aber Luisas Lebensweg ist besonders schrecklich. Was über viele Seiten als weibliche und literarische Selbstbehauptung daherkommt, hat sich zu einem pathologischen Zerstörungsprogramm entwickelt. „Brennende Felder“ ist der überzeugende Abschluss einer dreiteiligen Familiengeschichte, die als Psychogramm einer bäuerlichen Gesellschaft am wirtschaftlichen und auch kulturellen Abgrund zu lesen ist. Der Schriftsteller und Landwirt Reinhard Kaiser-Mühlecker kann die Nöte seiner Figuren so anschaulich beschreiben wie kaum jemand in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Empathische Introspektion trifft bei ihm auf metaphorischen Realismus. Die präzisen Naturbeschreibungen kommen dabei ohne Verklärung aus; charakterliche Defizite und verwerfliche Handlungen werden nicht mit moralinsauren Erklärungen entschuldigt. Insofern sind die Stoffe, die der Schriftsteller in langen Spannungsbögen und mit schwarzem Humor auszubreiten vermag, nichts für zarte Gemüter. Reinhard Kaiser Mühlecker hat mit seiner Romantrilogie um die Bauernfamilie Fischer ein herausragendes Werk vorgelegt.
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Aug 13, 2024 • 4min

Oliver Schlaudt – Zugemüllt. Eine müllphilosophische Reise durch Deutschland

Der Philosophieprofessor Oliver Schlaudt unternimmt eine Bildungsreise durch Deutschland: Nicht Kirchen, Museen, reizvollen Landschaften gilt sein Interesse, sondern den Müllbergen und unserem Verhältnis zu dieser Hinterlassenschaft. Müll ist in der Moderne immer komplexer und gefährlicher geworden. Wir haben allzu lange verdrängt, dass Schadstoffe überall zu finden sind, von den entlegensten Regionen der Erde bis zum Ungeborenen im Mutterleib.  Eine Deutschlandreise zu den Müllhalden  Oliver Schlaudt besucht Bitterfeld, das Ruhrgebiet, die Insel Flotzgrün, wo BASF seinen Sondermüll ablud, und Gorleben. Als Physiker beschreibt er die überaus kritische Lage mit naturwissenschaftlich geschultem Blick, als habilitierter Philosoph mit kulturhistorischem Interesse: Der Leser kommt in den Genuss beider Betrachtungsweisen. Analysiert wird der unvermeidliche Müll, den jeder Organismus mit seinem natürlichen Stoffwechsel produzieren muss. Zum einen als eine naturhistorische Tatsache (…) als unvermeidliche Folge der Entstehung komplexer Systeme und schließlich des Lebens im All. Quelle: Oliver Schlaudt – Zugemüllt. Eine müllphilosophische Reise durch Deutschland Mit der Herstellung von Feuer aber wird erstmals ein Energiestrom zum Kochen genutzt, ohne dass man ihn selbst körperlich verzehrt. Mit dem Verbrennungsrückstand ist auch der Müll in der Welt. Schlaudt spricht von einem „unheilbaren Riss“: Die Moderne ist dreckig – dreckig wie noch keine Zeit zuvor. Dahinter (…) steckt die Entwicklung des „exosomatischen“ Stoffwechsels, also die Auslagerung körperlicher Funktionen in externe Technologien, mit der erstmals in der Natur- und Kulturgeschichte Müll anfällt, der von der Biosphäre nicht mehr resorbiert werden kann.   Quelle: Oliver Schlaudt – Zugemüllt. Eine müllphilosophische Reise durch Deutschland  Müll als mahnende Altlast  Betrachtet man indes den Müll philosophisch, so ist er in Form und Ausdehnung ein weitgehend unbekanntes Gebiet. Ein Beispiel dafür sind die toxischen Hinterlassenschaften des Chemiekombinats in Bitterfeld. 5000 Chemikalien sind im Boden gelagert, deren untereinander eingegangene Verbindungen unbekannt sind. Ohne ständiges Abpumpen und Klären des Grundwassers wäre dort in weitem Umkreis kein Leben möglich. Die Schadstoffschleuder Bitterfeld, so schlägt Schlaudt vor, sollte als mahnende Altlast in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen werden.  Was also tun? Stellt sich sowohl als philosophische, wie auch als technische Frage. Paradoxerweise entsteht Müll dort, wo Sauberkeit und Ordnung besonders großgeschrieben werden. Schon nach kurzem Gebrauch im Alltag sortieren wir industriell gefertigte Gegenstände aus, da sie nicht mehr den aseptischen Glanz des Neuen und Perfekten ausstrahlen und übergeben sie dem Müll: Der industrielle Dreck ermöglicht uns die Illusion von Reinheit, und diese lässt uns umgekehrt jenen übersehen. Hygiene ist die Form, in welcher unser Müllregime sich selbst verhüllt. Diese Einsicht ergänzt die Kritik der Hygiene um eine ganz neue Dimension: Hygiene als Ideologie (...) ohne die die Müllmoderne nicht funktionieren würde, weil der Müll dann als das erschiene, was er ist: ein unhaltbarer Skandal Quelle: Oliver Schlaudt – Zugemüllt. Eine müllphilosophische Reise durch Deutschland Recycling ist nur bedingt eine Lösung.   Ein Buch wie guter Humus, das Privates und Hochtheoretisches mischt  Schlaudt sieht mit dem Künstler Friedensreich Hundertwasser das Prinzip des Humus als metaphorischen Gegenpart zum Recycling. Beim Humus gibt es keine Trennung der Substanzen und keine Vorkehrung für die Zukunft: Jedes neue Leben wächst heran auf dem Humus der alten, abgestorbenen Lebewesen. Was das für die Müllberge bedeuten mag, bleibt offen. Empfehlenswert ist das Buch vor allem, da es wie guter Humus verschiedene Denkweisen und konkrete Eindrücke vor Ort miteinander vermengt. Es wird analysiert und erzählt, Privates und Hochtheoretisches finden zueinander, das kurzweilige Vorgehen schafft für das bedrückende und gerne verdrängte Thema die notwendige Aufmerksamkeit.

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