SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Aug 25, 2024 • 7min

Margaret Atwood – Hier kommen wir nicht lebend raus | Buchkritik

Die gesamte Bandbreite von Atwoods Werk Margaret Atwoods neuer Kurzgeschichten-Band – die erste Story-Sammlung seit 2014 – enthält eigentlich gleich mehrere Bücher: Es gibt da einen langen, zweiteiligen Zyklus mit Texten um das Paar „Tig und Nell“ – und dazwischen stehen acht weitere, bunt zusammengewürfelte Erzählungen, die weder formal noch inhaltlich viel miteinanderverbindet. Die gesamte Bandbreite von Atwoods Werk ist in „Hier kommen wir nicht lebend raus“ abgedeckt: dem Realismus verpflichtete Texte, Science-Fiction (Atwood spricht lieber von „spekulativem Schreiben“), eine postapokalyptische Miniatur, ein Plausch mit George Orwell, eine Lockdown-Episode, eine Kafka-Paraphrase; es geht um Identität und Feminismus, um die Krisen der Gegenwart und die allgegenwärtige Vergangenheit. Der Titel deutet an, was sich als Leitmotiv durch viele der Short Storys schlängelt: Wie lässt sich das Leben angesichts der eigenen Vergänglichkeit und des Verlusts von geliebten Menschen ertragen? Wie geht man als älter werdender Mensch damit um, dass die Reflexionen über das Verschwundene so viel mehr Raum einnehmen als jene über das Jetzt oder gar die Zukunft? Niemand kennt den Ausgang. Der zu Recht so heißt. Alle müssen irgendwann hindurch. Und niemand kommt zurück. ‚Hier kommen wir nicht lebend raus‘, hatte Tig früher immer gewitzelt, obwohl es kein Witz war. Quelle: Margaret Atwood – Hier kommen wir nicht lebend raus Nell und Tig sind ein älteres, innig verbundenes Paar. In der ersten Geschichte erinnert sich Nell an einen Erste-Hilfe-Kurs, Vorbereitung auf eine Kreuzfahrt, bei der sie Vorträge über Naturthemen halten und sich im Notfall auch um ohnmächtig oder seekrank werdende Passagiere kümmern sollen, die meisten um einiges älter als sie selbst. Es sind die späten 80er Jahre, und die Erinnerung an den kauzigen, für alle Lebenslagen gerüsteten Rettungssanitäter Mr. Foote, der sie unterrichtet, hat etwas äußerst Erheiterndes. Der Kurs setzt zugleich Gedanken an „lebensbedrohliche Erlebnisse“ in Gang, eine ironische Bestandsaufnahme des gemeinsamen Lebens, das doch immerzu ziemlich glimpflich und glücklich verlaufen ist. Nell kommt dabei eben jener Satz in den Sinn: „Hier kommen wir nicht lebend raus“. Ja, ein Witz, aber einer der trifft und zugleich dabei hilft, mit der gar nicht so witzigen Unausweichlichkeit des Todes zurecht zu kommen. Kryptische Botschaften der Toten Atwood erzeugt immer wieder solche kleinen Räume, in denen man trotz allen Schreckens Luft holen und Trost finden kann. Selbst als Nell im zweiten Teil dieses Zyklus tatsächlich alleine ist. Tig ist gestorben. Für Nell aber scheint er gar nicht weg zu sein. Sie spricht mit ihm, er spricht zu ihr, und manchmal scheint er ihr Nachrichten zukommen zu lassen – in Form von Zetteln, die er irgendwann geschrieben hat und die unversehens irgendwo auftauchen. Sie streicht den Zettel vorsichtig glatt und verstaut ihn in ihrem Koffer. Es ist eine Botschaft, die Tig für sie hinterlegt hat. Magisches Denken, das weiß Nell genau, aber sie gönnt es sich trotzdem, weil es tröstend ist. (…) Was macht man mit diesen kryptischen Botschaften der Toten? Quelle: Margaret Atwood – Hier kommen wir nicht lebend raus Mit den Toten ist es eine merkwürdige Sache: Obwohl verschwunden, beanspruchen sie Zeit und Raum. In einer Geschichte entdeckt Nell einen Brief im Nachlass von Tigs Vater, den alle den „Lustigen Alten Brigadegeneral" genannt haben, den L.A.B. Der Brief stammt von der berühmten Kriegsreporterin Martha Gellhorn, und dieser unerwartete Fund setzt nicht nur eine Recherche über das Leben des L.A.B. in Gang, ein Gedankenspiel über diese rätselhafte Episode mitten im Zweiten Weltkrieg, als Tigs Vater längst verheiratet war, aber möglicherweise eine romantische Begegnung mit Martha Gellhorn hatte. Sogar Gedichte hat der „Lustige Alte Brigadegeneral" geschrieben, auch die entdeckt Nell in einer Mappe mit der Aufschrift „Vaters Gedichte“. Also hat Tig diese Gedichte gelesen, die sein Vater geschrieben hatte. Was hatte er gedacht? Als sie sie selbst liest, kann sich Nell kein rechtes Bild machen. Die Entdeckung eines vergrabenen Schatzes? Ein Eingriff in die Privatsphäre? Es hat immer etwas Heimtückisches, dieses Ausspionieren der Toten. Quelle: Margaret Atwood – Hier kommen wir nicht lebend raus Was weiß man über die Lebenden, und was können einem die Toten noch von sich verraten? Margaret Atwood hat ein genaues Gespür für die Fragen, Zweifel und Wunderlichkeiten; sie ist unsentimental und manchmal ironisch, aber das erzeugt eine noch größere Nähe zu den Trauernden, zu Nell, den anderen älteren Frauen und Witwen in diesen Texten. Ihr Buch ist unter anderem Graeme Gibson gewidmet, dem kanadischen Schriftsteller und Ornithologen, mit dem Atwood 45 Jahre lang verheiratet war und der vor fünf Jahren starb. Man darf vermuten, dass Tig und Nell viele autobiographische Züge tragen. Charme und Witz Die Verbindung zum Jenseits spielt auch in einem ebenfalls in den Band aufgenommenen Text eine Rolle: In „Interview mit einem Toten“ versucht die Erzählerin dem großen Dystopisten George Orwell unsere Zeit näher zu bringen, eine allerdings etwas vorhersehbare Gesprächs-Fantasie, in der auch die Corona-Krise zur Sprache kommt. Apropos Corona: Csilla und Lynne in der Erzählung „Schlechte Zähne“ treffen sich während der Pandemie regelmäßig im Garten der einen oder anderen. Csilla hat einen Hang zu erfundenen und provokanten Geschichten. Sie schreibt an einem Buch. Und behauptet, Lynne habe vor etlichen Jahren eine Affäre mit einem Journalisten gehabt, dessen hervorstechendstes Merkmal seine schlechten Zähne gewesen seien. Lynne zweifelt kurz an ihrem Erinnerungsvermögen, ist dann aber sicher, dass sich Csilla alles ausgedacht hat. Eigentlich Grund für ein Zerwürfnis. Aber kann denn Lynne ihr allen Ernstes so böse sein? Böse genug, um den Kontakt mit Csilla abzubrechen? Sie ist zu alt für finale Szenen und Türenknallen, sie schafft es nicht mehr, die angemessene Selbstgerechtigkeit und Empörung aufzubringen. Du bist für mich gestorben, das wär’s, was die jüngere Generation vielleicht sagen würde. Aber Csilla ist für sie alles andere als tot. Quelle: Margaret Atwood – Hier kommen wir nicht lebend raus Im Alter relativiert sich alles, und die Schrullen der anderen werden mit Wohlwollen übergangen. Alle Storys haben eine Klugheit und Raffinesse, Charme und Witz und einen besonderen erzählerischen Dreh, aber nicht alle sind so eindrücklich wie jene über „Nell und Tig“. Mehr literarische Neuerscheinungen: Eine große Leseempfehlung Manche hätte Atwood weglassen können, sie hätte dem Band dadurch eine größere Stringenz verliehen. Dazu gehört „Ungeduldige Griseldis“, die Geschichte eines krakenartigen Aliens, der zu verschreckten Menschen spricht. Oder „Metempsychose oder: Seelenwanderung“, in der eine arme Schnecke, die sich gerade an einem Salatblatt gütlich tut, dem Einsatz von Bio-Pflanzengift zum Opfer fällt. Meine klitzekleine Schneckenseele, eine durchscheinende Spirale aus sanft phosphoreszierendem Licht, schoss in die Luft – in die Geisterwelt, wo etwas andere Regeln herrschen, müsst ihr verstehen – und bahnte sich ihren Weg durch irisierende Regenbogenwolken und klimpernde Glöckchen und das Theremin-Gejammer dieser Regionen, um geradewegs im Körper einer Angestellten (mittleres Management) im Kundendienst einer namhaften Bank zu landen. Quelle: Margaret Atwood – Hier kommen wir nicht lebend raus Eine Frau, die sich in die Schneckenhaut zurücksehnt, muss allerhand allzu Menschliches durchleiden – Kafkas „Verwandlung“ verkehrt herum, ein bisschen zu sehr auf Effekt geschrieben. Mäkeleien auf hohem Niveau: Weil Margaret Atwood selbst in ihren schwächeren Texten noch schillernde und erkenntnisstiftende Sätze gelingen, souverän übersetzt von Monika Baark, ist „Hier kommen wir nicht lebend raus“ eine große Leseempfehlung.
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Aug 25, 2024 • 10min

Marie Aubert – Eigentlich bin ich nicht so | Gespräch

Marie Aubert erzählt eindrucksvoll und mit großer Sogkraft von der Kompliziertheit der Liebe in allen ihren Konstellationen - und von misslingender Kommunikation.
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Aug 25, 2024 • 8min

Eckhart Nickel – Punk | Buchkritik

Eine Welt ohne lärmende Gitarren und rotzigen Gesang muss für Eckhart Nickel ein Horrorszenario sein. In seinem neuen Roman „Punk“ erzählt er nämlich von einer seltsamen Kraft, die alles, was die Menschen „jemals unter Musik verstanden haben“, durch ein akustisches Nichts ersetzt. Anfangs wissen die Leute nicht, wie sie die Veränderungen einschätzen sollen. Die Ausbreitung des merkwürdigen „Phänomens“ macht zunächst „den Eindruck einer Reihe zufälliger Ereignisse, die gar nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben mussten“.  Dann kamen die Einschläge näher. Für eine Stunde fielen die Frequenzen aller beliebten Radiostationen zur Hauptsendezeit aus. Wir konnten nur Informationssender und Dauernachrichtenprogramme anwählen, und mein Vater erzählte uns, wie seine Fahrt im Feierabendverkehr sich wie eine einzige ausgedehnte Gesprächsstunde ohne irgendeine musikalische Untermalung anfühlte. Quelle: Eckhart Nickel – Punk Der weiße Lärm Bald ist ein Name für die globale Klangvernichtung gefunden: „Der weiße Lärm“ wird der akustische Terror genannt, der auch politische Veränderungen zur Folge hat. Kleinste Hinweise auf Musik werden verboten. Im Mittelpunkt der dystopischen Rahmengeschichte, die in naher Zukunft angesiedelt ist, steht die Studentin und Ich-Erzählerin Karen, die gerade auf der Suche nach einer neuen Bleibe ist. Denn abgesehen vom „weißen Lärm“ geht das Leben einigermaßen normal weiter. Wobei die Normalität in diesem Roman grundsätzlich zur Disposition steht. Tatsächlich geschieht in der anspielungsreichen Prosa nichts zufällig, sodass selbst die verrücktesten Wendungen einigermaßen plausibel erscheinen. Karen jedenfalls besichtigt ein Zimmer in der Wohnung der bizarren Brüder Ezra und Lambert. Nachdem die beiden ihre potenzielle Mitbewohnerin schon an der Wohnungstür penibel geprüft haben, betritt Karen ein Reich des Verbotenen.    Lambert öffnet feierlich die Tür, winkt uns durch und endlich kann ich einen Blick in den Rest der Wohnung werfen: Der Flur ist an der Wand mit quadratischen Klarsichthüllen gekachelt, in denen Plattencover stecken, und führt am anderen Ende in eine lichtdurchflutete Küche. Er beeilt sich, die Tür hinter uns zu schließen und malt ein Viereck in die Luft. Quelle: Eckhart Nickel – Punk Nur eine Band ist genial genug Das ist leider auch schon die einzige Form von Dekoration, die wir erlauben. Aber Pssst! Derartig verbotenes Zeug zeigen wir sonst niemandem. Es gibt auch nur eine Band, die wir für genial genug halten, um für sie Kopf und Kragen zu riskieren: The Smiths! Quelle: Eckhart Nickel – Punk Karen ist nicht nur ein Fan der britischen Band, die 1982 von dem Gitarristen Johnny Marr und dem Sänger Morrissey in Manchester gegründet wurde. Sie kennt sich auch gut aus in der Geschichte von Punk, Post-Punk, Rock und Independent. Und doch kann sie hier noch etwas lernen, beispielsweise über ein Lied, das ihren Namen trägt. In einem schalldichten Extraraum lagern die wahren Plattenschätze, die hier ohne Angst vorm weißen Lärm und den Kontrolleuren der musikfeindlichen Behörden bewundert werden können. Ezra reicht mir die Hülle, die gar nicht so aussieht wie das, was ich höre. Giftgrüne Äste vor tiefblauem Himmel, in dessen Mitte wie ein blasslila Ufo der Name steht: «The Go-Betweens 1978–1990». Quelle: Eckhart Nickel – Punk Nerdtalk, der zum Nachhören animiert Karen war die erste Single. Schau nur, eine total seltene Tape-Compilation auf Beggars Banquet, wahrscheinlich neben Rough Trade das legendärste Independent Label aus England. Quelle: Eckhart Nickel – Punk Nickels Roman lebt auf vielen Seiten von einem Nerdtalk, der zum Nachhören animiert. Fast erstaunlich, dass es kein Verzeichnis aller erwähnten Titel und eine passende Playlist auf Spotify gibt. Ezra und Lambert suchen aber nicht nur eine Partnerin fürs gemeinsame Plattenauflegen. Sie wollen mit Karen, gewissermaßen als Protest gegen die musikarmen Zeiten, eine Punk-Band gründen. Und sie soll die Sängerin sein! Karens Sorge, sie treffe keinen Ton, entkräftet Ezra mit der nötigen Punk-Expertise.    Alison Statton, die Sängerin der Young Marble Giants, hat auch keine Gesangsausbildung gehabt und als Zahnarzthelferin gejobbt, als sie die Band gegründet haben. Und sie ist unser absolutes IDOL. Das einzige Album heißt Colossal Youth und sie haben es im Rekordtempo von nur fünf Tagen in einem idyllischen Studio auf dem Land aufgenommen. Quelle: Eckhart Nickel – Punk Das Publikum hat keine Ahnung! Aus der selbstbewusst-dilettantischen Haltung der Young Marble Giants haben Ezra und Lambert sogar ein Manifest mit den zehn Punk-Gesetzen entwickelt. 1. Das Wort ist draußen. 2. Wer sprechen kann, der kann auch singen. 3. Es gibt keinen Soundcheck. 4. Wer ein Instrument richtig spielt, ist selber schuld. 5. Jeder Auftritt ist eine Katastrophe. 6. Was am Ende aus den Boxen kommt, ist egal. 7. Das Publikum hat keine Ahnung. 8. Ihr könnt das alle genauso. 9. Wir ziehen eine Linie, die Tinte ist Angst. 10. Ausdruck ist nichts, Haltung alles. Quelle: Eckhart Nickel – Punk Lässig, lustig, elaboriert Tatsächlich beginnt das neu gründete Punk-Trio mit der Arbeit an ersten Stücken, nimmt in der Badewanne auch Fotos fürs Cover des entstehenden Albums auf. Wer das Werk jemals kaufen oder gar hören soll, ist völlig unklar. Doch derlei Erwägungen spielen ohnehin keine Rolle. Im geheimen Studio haust auch ein weißer Hase, der wie andere Merkwürdigkeiten dieser Story an „Alice im Wunderland“ erinnert, den Klassiker der Nonsens-Literatur. Die drei Widerstandsmusiker glauben sogar an einen Auftritt bei einem geheimnisvollen „Bewerb“, der angeblich vom „Ministerium für Unterhaltung“ ausgerichtet wird. „Punk“ ist ein musikalisch-satirischer Lesespaß, in dem Logiklücken zum Stilprinzip gehören. In gewisser Weise folgt Eckhart Nickel damit den eigenen Punk-Kriterien. Nur dass am Schluss eben doch nicht egal ist, was auf den Buchseiten steht. Der Roman ist, wie alle Nickel-Texte, auf lässige und lustige Weise elaboriert. „Punk“ ist Eckhart Nickels dritter Roman. Die dystopische Geschichte im Debüt „Hysteria“ – nämlich die genetische Manipulation von Lebensmitteln – ist im Vergleich zu „Punk“ deutlich unheimlicher. Wer das Buch gelesen hat, wird beim sommerlichen Marktbesuch immer an den Einstiegssatz denken: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Mit dem Folgeroman „Spitzweg“ hat Nickel einen rätselhaften und betont artifiziellen Künstlerroman vorgelegt. „Punk“ liest sich nun wie die Mischung aus beiden Büchern, nur dass jetzt die Musik im Mittelpunkt steht und die Tonlage eher heiter-überdreht ist. Unter der amüsanten Textoberfläche aber lässt sich auch in „Punk“ ein ernstes Thema finden, nämlich die Verteidigung einer renitenten Geisteshaltung, die Neues nur hervorbringen kann, wenn die Tradition der kulturellen Rebellion lebendig bleibt und sich nicht im weißen Rauschen auflöst.
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Aug 25, 2024 • 5min

Clemens Meyer – Die Projektoren | Buchkritik

Dieser Cowboy erinnert kein bisschen an die „humpelnden Helden“ aus den Büchern von Karl May. Oder besser von „Dr. May“, wie der Schriftsteller in Clemens Meyers Roman „Die Projektoren“ beständig genannt wird. Der Mann, der wegen seines großen Halstuchs nur Cowboy heißt, steht in den 50er Jahren vor einem verfallenen Haus im jugoslawischen Velebit-Gebirge, das ganze Hab und Gut in einer Holzkiste. Alsbald zeigt sich: dieser Mensch hat eine mehrfach gebrochene Geschichte. Vor der Ankunft im Velebit war er auf „der Insel“, wie es im Roman heißt. Es ist die berüchtigte Gefangeneninsel Goli Otok. Der Cowboy ist mit dem Staat aneinander geraten, mit dem Kommunismus. Aber tragischerweise sagt er immer noch von sich, bis in die 70er, 80er Jahre hinein: Ich bin Kommunist. Was bleibt mir auch anderes übrig? Und er glaubt an Jugoslawien, an die Gemeinschaft der südslawischen Völker. Trotz der Tatsache, dass er auf dieser Insel gesessen hat. Quelle: Clemens Meyer – Die Projektoren Die Welten Karl Mays in Jugoslawien Stück für Stück wird die Geschichte von Cowboys entfaltet. Er stammt aus Belgrad, beim Überfall der Deutschen auf Jugoslawien 1941 hat er, halb noch ein Kind, seine Familie verloren. Er ging zu den Partisanen, wurde Kommunist. Zwanzig Jahre später, im Velebit lebend, wird er Komparse bei den Karl-May-Verfilmungen und darf sogar Lex Barker als Dolmetscher zur Seite stehen. Die in Jugoslawien entstandenen Leinwand-Märchen – wie auch „Dr. May“ – bilden die große Klammer für die unterschiedlichen Geschichten, die Clemens Meyer in „Die Projektoren“ erzählt. Georg, die zweite Hauptfigur, sieht die Filme – 20 Jahre später – im Kino in Leipzig, in einer kaputten und dreckigen Welt. Die Wintermorgen waren sehr dunkel, und er lief durch die Straßen Richtung Schule, Richtung Zeitungskiosk, und er sah die Schemen der anderen Schulkinder auf anderen Fußwegen, in den Seitenstraßen, wie durch einen Nebel, denn die Kälte drückte den Rauch in die Straßen des Viertels, in die Straßen der Stadt, der morgendliche Kohleatem der Häuser, Schornstein an Schornstein, schwarzrote Ziegeldächer, gesprenkelt vom Schnee, den der Rauch der Fabriken schwarz gefärbt hatte im langsamen Fall der Flocken; große Fabriken, Kombinate, Heizkraftwerke lagen um die Stadt herum. Quelle: Clemens Meyer – Die Projektoren Georg, eine Ost-West-Biographie Georg, schließt sich, auch er da noch halb Kind, in Leipzig einer Gang von Neonazis an. Die Eltern verlassen mit ihm in den 80er Jahren die DDR. Georg wird Mitglied einer rechtsextremen Gruppe im Ruhrgebiet und zieht schließlich, im Oktober 1991, als Freischärler in den kroatischen Bürgerkrieg, an der Seite faschistischer Kämpfer. Diese Figur – Georg – ist sieben Jahre älter als ich. Der ist Jahrgang 1970. Aber dass es in der DDR Neonazismus gab, dass diese maroden, kaputten Städte der DDR, dass da auch moralische Kaputtheiten und gesellschaftliche Kaputtheiten unter dem Deckmantel des Sozialismus stattfanden, das war mir immer bewusst. Und das gehörte da für mich hinein. Quelle: Clemens Meyer – Die Projektoren Krieg, Verrohung und Gewalt als Leitmotive Krieg, Verrohung und Gewalt sind Leitmotive in „Die Projektoren“. Die Geschichten von Georg und vom Cowboy – allein jeweils über 150 Seiten lang – sind verwoben mit etlichen anderen Erzählsträngen, mal märchenhaft anmutend, mal komisch, immer wieder eigensinnig konstruiert.  Plötzlich findet man sich lesend in einem Register mit Stichworten zu den Karl-May-Verfilmungen, dann wieder wird – in 293 Sätzen – von einer Reise von Pierre Brice und Intschu-tschuna-Darsteller Mavid Popović 1973 in die USA berichtet, zur von Indigenen Aktivisten besetzten Gedenkstätte in Wounded  Knee. Und immer wieder führt der Roman in eine fiktive psychiatrische Klinik in Leipzig. Dort untersuchen schräge Dottores ihre von den Kriegen gezeichneten Patienten, darunter auch einige Romanfiguren. Der Vater des Cowboy liest ihm schon in den 40er oder 30er Jahren ein Buch vor – oder zeigt ihm ein Buch, wo erwähnt wird, dass dort angeblich „Doktor May“ gesessen hätte. Denn der wäre ja verrückt. Und den soll er gar nicht lesen. Er soll lieber Kleist lesen, Heine und Büchner – und nicht den Doktor May. Der war verrückt. Der hat schon bei diesem Doktor Güntz gesessen, 1870 oder so. Da taucht das auch schon auf. Die sind überall unterwegs, die verrückten Dottores. Quelle: Clemens Meyer – Die Projektoren Rätsel, Grotesken, Verwirrspiele. Wer „Die Projektoren“, einen Roman von über 1.000 Seiten, in wenigen Sätzen angemessen wiedergeben will, scheitert unweigerlich. Die kühne literarische Konstruktion erlaubt gar nichts anderes. Kurz vor dem deutschen Überfall auf Jugoslawien im Frühjahr 1941 unterhält sich der Junge, der später zum Cowboy wird, mit seinem Vater über den Unterschied zwischen Film und Literatur. Der moderne Roman, so heißt es da, sei ein Monolith, ein Chaos aus Stimmen. Genau das führt Clemens Meyer vor. Und vermag es, das Chaos erzählend lustvoll zu bändigen.
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Aug 25, 2024 • 5min

Natasha Trethewey – Memorial Drive. Erinnerungen einer Tochter | Buchkritik

„Erinnerungen einer Tochter“ ist der Untertitel von Natasha Tretheweys autobiografischem Buch „Memorial Drive“, das sie zum Gedenken an ihre Mutter Gwendolyn geschrieben hat. Zwei Grundfragen versucht sie hier zu beantworten: Wie verlässlich sind Erinnerungen? Und: Wer bin ich, wo gehöre ich hin? Natasha Trethewey wird 1966 in eine sogenannte gemischtrassische Ehe geboren: Ihre Mutter ist eine Schwarze Amerikanerin, ihr Vater ein weißer Kanadier. Was war ich? „Du hast das Beste von beiden Welten“, erklärten sie mir (…) Draußen in der Welt, mit nur einem von ihnen, begann ich ein tiefes Gefühl der Entwurzelung zu verspüren. Wenn ich mit meinem Vater unterwegs war, registrierte ich die höflichen Reaktionen von Weißen, die Art, wie sie ihn mit „Sir“ oder „Mister“ ansprachen. Meine Mutter dagegen nannten sie „Gal“, nie „Miss“ oder „Ma’am,“ wie es sich doch angeblich gehörte. Quelle: Natasha Trethewey – Memorial Drive. Erinnerungen einer Tochter Eine Spurensuche nach der Schwarzen Mutter Wer ist Natashas Mutter Gwendolyn? Auf dem Titelfoto des Buches lächelt eine attraktive Schwarze junge Frau mit einem hellhäutigen Baby im Arm über die Schulter in die Kamera. Die junge Mutter und Ehefrau hat gerade ihr Bachelor-Studium abgeschlossen. Ihre Tochter Natasha wächst zunächst behütet in der Schwarzen Großfamilie der Mutter im ländlichen Mississippi auf. Natashas Vater setzt sich bald von der Familie ab und beginnt ein Promotionsstudium in New Orleans. Die Ehe der Eltern wird geschieden, als Natasha sechs Jahre alt ist.     Spannend sind die Spuren, die die Autorin mit dem Quellenmaterial legt, das sie ihren Erinnerungen zur Seite stellt. Dabei folgt sie keiner strengen Chronologie. Fotos, Schallplatten, Telefonmitschnitte, Gerichtsakten und Aufzeichnungen der Mutter geben Raum für Vermutungen, die sich nicht immer mit den Bildern decken, die Trethewey auf 250 Seiten entwirft. Aufbruch nach Atlanta Anfang der 1970er Jahre, kurz nach der Scheidung, zieht die 28-jährige Gwendolyn mit ihrer Tochter in die Großstadt Atlanta. Tagsüber studiert sie Sozialarbeit, abends kellnert sie – inzwischen mit modischem Afro-Look - im unterirdischen Vergnügungsviertel der Stadt. Ein hautenger schwarzer Body und schwarze Jeans mit schwerem Patronengürtel gehören zur Dienstkleidung. Gwendolyn ist ehrgeizig, taff und gut organisiert. Die guten Schulnoten ihrer Tochter belohnt sie mit Geschenken. Als sie wieder schwanger ist, heiratet sie den Schwarzen kriegstraumatisierten Vietnam-Veteranen Joel. Nach vielen Umzügen und Gwendolyns beruflichem Aufstieg wird der amerikanische Traum endlich wahr: Ein Haus am Stadtrand mit Swimmingpool. Aber das scheinbar intakte Familienleben hat Risse. Tochter Natasha geht auf Distanz zu ihrer Schwarzen Familie. Ihre väterlich geprägte bürgerliche Bildungswelt mit den Sagen des klassischen Altertums steht in scharfem Kontrast zur Musik der Blaxploitation-Filme im Drogenmilieu, die ihren Stiefvater Joel begeistert. Joel ist Hausmeister, ihr leiblicher Vater inzwischen Universitätsprofessor. Die Frage, wo sie hingehört, begleitet Trethewey bis heute.   Mein Leben lang haben sich Leute gefragt, „was“ ich bin, welcher ethnischen Zugehörigkeit oder Nationalität. (…) Einmal, in einem Kaufhaus, war der weiße Verkäufer (…) zu ängstlich oder zu höflich, um zu fragen - (…) Ich beobachtete sein Gesicht, als er nach einem (…) Blick auf (…) mein glattes, feines Haar, meine Hautfarbe und meine Kleidung mit sich zurate ging. Er bezog wohl auch ein, wie ich sprach und ob irgendwelche dieser Faktoren seiner Vorstellung von bestimmten Menschen entsprachen – Schwarzen Menschen. Quelle: Natasha Trethewey – Memorial Drive. Erinnerungen einer Tochter Gewalt in der Ehe Natasha will früh Schriftstellerin werden. Sprache und Schreiben sind ihre Zuflucht vor den gewaltsamen Übergriffen ihres Stiefvaters gegen  ihre Mutter und sie selbst. Und auch die Mutter findet ein Ventil im Schreiben: „Letzte Worte“ betitelt die Autorin Gwendolyns Aufzeichnungen über ihre Ehe. Ich wusste immer, dass ich aus meiner Ehe rauswollte. Sie gehörte zu den Dingen, zu denen es nie hätte kommen dürfen.  (…  ) Ich habe meinen Mann nie geliebt und hatte deswegen Schuldgefühle, darum stürzte ich mich in das Bemühen, die beste Hausfrau/Mutter und Arbeitskraft weit und breit zu sein. Er wusste, dass ich ihn nicht liebte … Quelle: Natasha Trethewey – Memorial Drive. Erinnerungen einer Tochter Als Gwendolyn sich nach zehn qualvollen Ehejahren von Joel scheiden lässt, fühlt sich der kontrollsüchtige Kriegsveteran als betrogenes Opfer.  Am 5.Juni 1985 erschießt er seine Ex-Frau Gwendolyn. Nach heutiger Definition ein „Intim-Femizid“. In kunstvollen erzählerischen Schleifen, Metaphern und Montagen von Erinnerungen und Aufzeichnungen kommt Natasha Trethewey zur Kernfrage: War der Tod der Mutter unausweichlich? Wie weit hat ihr eigenes Schweigen dazu beigetragen? „Sie hätten sie retten können“, schreibt Trethewey an die Polizei gerichtet. Aber so einfach ist es nicht, weil die Geschichte viel komplexer ist. Und genau deshalb ist dieses Buch über Rassismus, Klassenzugehörigkeit und die Folgen männlich-toxischerGewalt unbedingt empfehlenswert.
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Aug 22, 2024 • 4min

Steffen Mau – Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt

Dass der Osten und der Westen Deutschlands zusammenwachsen, weil sie zusammengehören, das glaubte nach dem Mauerfall nicht nur Willy Brandt. Ganz unrecht hatte der frühere Bundeskanzler sicher nicht. In vielerlei Hinsicht hat der Osten zum Westen aufgeschlossen. Der Aufbau Ost war ein Nachbau West Aber es gibt auch mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gravierende Unterschiede und Irritationen. Der Soziologe Steffen Mau spricht von einer „andauernden Zweiheit in der Einheit“. Aber warum ist das so?  Erstmal haben sich zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften verbunden. Und dann war die Wiedervereinigung selbst ein Ereignis der Ungleichheit, in dem der Westen dominant war, auch häufig die Spielregeln vorgegeben hat, und der Osten gesagt hat, wir treten zu euch bei. Und dann hat man im Osten viele Jahre der Transformation mit Massenarbeitslosigkeit, Deindustrialisierung in der Fläche, auch vielen sozialen Disruptionen. Und die haben auch Folgeschäden hinterlassen. Quelle: Steffen Mau – Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt Scharfe, aber trotzdem sachliche und ausgewogene Analyse Der Aufbau Ost war ein Nachbau West, fasst Steffen Mau die Entwicklung nach der Wiedervereinigung pointiert zusammen. Der Osten sei nicht in seiner Eigenheit begriffen worden, sondern nur als Abweichung. Es gibt viele solch einprägsamer Sätze in dem souveränen Buch. Steffen Maus Analyse ist scharf, aber nicht polemisch. Der Ton ist bei aller spürbaren Dringlichkeit angenehm sachlich und ausgewogen. Mau setzt sich dabei auch mit den Bestsellern von Dirk Oschmann und Katja Hoyer auseinander und zugleich deutlich von diesen ab. Er sieht sie als „Mentalpflegetexte“, die die Leser nicht fordern, sondern nur in ihren Alltagsgefühlen bestätigen. Der Soziologe widmet sich ausführlich Aspekten der politischen Kultur und kultureller Mentalitäten. Er schaut aber auch auf Sozialstrukturen und demografische Entwicklungen.  Ostdeutschland ist ein Land der kleinen Leute geblieben, auch mit einfachen arbeitnehmerischen Mentalitäten. So eine gehobene Mittelschicht hat sich im Osten nicht ausgeprägt. Das ist extrem wichtig für die gesamte gesellschaftliche Entwicklung. Was sind die tragenden Milieus? Wie werden soziale Veränderungen verarbeitet? Und das sieht im Osten und Westen jeweils anders aus.  Quelle: Steffen Mau – Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt Eigenes Demokratieverständnis im Osten Als demokratieverdrossen sieht Mau die Ostdeutschen nicht. Vielmehr habe sich in Wendezeiten ein anderes Demokratieverständnis herausgebildet. Während die etablierten politischen Parteien im Osten bis heute kaum verwurzelt seien, spiele die Straße eine wichtige Rolle, um Frust abzulassen und sich politisch zu artikulieren. Ich glaube, in Ostdeutschland gibt es so ein Demokratieideal, das an so eine Idee des Volkes Wille anhängt. Dass man das Gefühl hat, man will so unmittelbar seine Interessen vertreten. Das funktioniert in einer parlamentarischen Demokratie, in einer Parteiendemokratie nicht besonders gut. Weil die stark regelgebunden ist, weil es da langwierige Verfahren gibt, Abstimmung, Kompromissfindung. Das bringt viele Ostdeutsche auf die Straße, die denken dann, jetzt muss die Politik das machen, was wir sagen, weil wir Forderungen aufstellen.  Der Autor belässt es nicht bei der Diagnose. Der Vormarsch der AfD zwinge geradezu dazu, über eine Frischluftzufuhr für die Demokratie nachzudenken. Steffen Mau empfiehlt, sogenannte Bürgerräte zu etablieren. Der Soziologe meint damit per Losverfahren ausgewählte Gremien, die sich über politische Sachthemen austauschen und versuchen, Kompromisse zu finden.   Die Stärke dieses Models ist sicher, dass es immun ist gegen den Vorwurf, dass sich ein Elitenkartell etwas ausgedacht hat. Und dann gibt es die Einübung in die demokratische Praxis, indem man eben einander zuhören muss, indem man sich mit Respekt begegnet  Quelle: Steffen Mau – Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt Gerade weil die Not im Osten groß ist, könnte hier auch das Rettende wachsen, hofft der Autor. Steffen Mau betrachtet den Osten als „Labor der Demokratie“, in dem „alternative Formen der Partizipation“ erprobt werden. Solche Modelle in den Westen zu übertragen, könnte ein später Beitrag der Ostdeutschen dazu sein, die Demokratie weiterzuentwickeln. Darin mag viel Wunschdenken stecken. Doch nachdenkenswert sind Ideen, wie sich der Radikalisierung der Gesellschaft entgegenwirken lässt, allemal.
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Aug 21, 2024 • 4min

Emanuele Trevi – Zwei Leben

Ein Glück, dass Italien in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse ist. Und ein Glück, dass der Schriftsteller Emanuele Trevi 2021 den „Premio Strega“ für „Zwei Leben“ bekam. Sonst wäre dieses Buch, eine Mischung aus Biografie, Memoir und literarischem Essay, vielleicht nie ins Deutsche übersetzt worden. Denn Trevi ist einer dieser Schriftsteller, die im eigenen Land berühmt, im Ausland aber lange ignoriert worden sind. Vielleicht weil seine literarische Form ungewöhnlich, möglicherweise ein bisschen sperrig ist. Vielleicht auch, weil seine Bücher von Personen handeln, die zwar real existieren, aber nicht unbedingt bekannt sind.   „Zwei Leben“ erzählt die Geschichte von Trevis Freundschaft zu zwei früh verstorbenen italienischen Schriftstellern, Rocco Carbone und Pia Pera. Der Titel hat eine doppelte Bedeutung.   Denn wir leben zwei Leben, die beide dem Ende geweiht sind: Da ist zum einen das physische Leben aus Fleisch und Blut, und zum anderen das, was sich in den Köpfen der Menschen abspielt, die uns geliebt haben. Quelle: Emanuele Trevi – Zwei Leben Freundschaft als Liebesbeziehung Die Liebe spielt in „Zwei Leben“ eine große Rolle, jedoch nicht die romantische. In der sind weder Rocco noch Pia sonderlich begabt. Dafür haben sie ein anderes Talent, ein Talent zur Freundschaft. Das gilt – so darf man vermuten – auch für den Autor selbst. Es kommt nur selten vor, dass Bücher Freundschaft den gleichen Wert beimessen wie der Liebe. Trevi tut das und schreibt über sie wie andere über Liebesbeziehungen.  Doch es gibt in „Zwei Leben“ noch ein anderes großes Thema: das Schreiben. Zum einen, weil die beiden Menschen, um die es geht, nun einmal Schriftsteller sind. Und zum anderen, weil Trevi sich in essayistischen Passagen immer wieder die Frage stellt, wie man sich einem Menschen bestmöglich schreibend nähern kann.   Je näher man einem Menschen kommt, desto mehr erinnert er an ein impressionistisches Gemälde oder an eine Mauer, bei der im Lauf der Zeit und aufgrund der Witterung der Putz abgeplatzt ist: Irgendwann ist da nur noch ein Wirrwarr aus bedeutungslosen Flecken, Klumpen, unergründlichen Spuren. Entfernt man sich hingegen, ähnelt derselbe Mensch nach und nach unzähligen anderen. Das Einzige, worauf es bei solchen literarischen Porträts ankommt, ist, die richtige Distanz zu finden (…). Quelle: Emanuele Trevi – Zwei Leben Plastische und reale Charaktere Solche Überlegungen mögen auf den ersten Blick für Menschen, die keine Schriftsteller sind, wenig Relevanz haben. Doch Trevi will nicht nur seine eigene Poetik darlegen. Er sieht das Schreiben vielmehr als Mittel, seine Freunde am Leben zu erhalten; sie so plastisch, und real zu schildern, wie sie tatsächlich waren.   Das gelingt ihm. Am Ende von „Zwei Leben“ meint man Rocco Carbone und Pia Pera zu kennen, ja regelrecht vor sich zu sehen, wie Figuren eines Romans. Schon ihre Namen klingen ja wie ausgedacht. „Carbone“ bedeutet „Kohle“, „Pera“ ist die Birne. Passend deshalb, weil Pia sich im Lauf ihres Lebens immer mehr ihrem Garten widmet. Und über Rocco heißt es gleich zu Beginn:   Er war einer von diesen Menschen, die dazu bestimmt sind, ihrem Namen im Lauf der Zeit immer ähnlicher zu werden. Ein unerklärliches Phänomen, aber gar nicht mal so selten. Rocco Carbone klingt tatsächlich nach einem geologischen Gutachten. Und viele Facetten seines wahrhaftig nicht einfachen Charakters sprachen deutlich für eine Sturheit, eine Härte aus dem Reich der Mineralien. Quelle: Emanuele Trevi – Zwei Leben Wahrnehmung des Individuums mit all seinen Facetten und Besonderheiten In mancher Hinsicht ist „Zwei Leben“ ein unzeitgemäßes Buch. Denn Trevi, das schreibt er explizit, glaubt nicht daran, dass uns biografische Eckdaten, wie unsere soziale Herkunft, zu denen machen, die wir sind. Es geht ihm nicht darum, wie etwa der französischen Nobelpreisträgerin Annie Ernaux, am Schicksal des Einzelnen eine bespielhafte oder kollektive Geschichte zu erzählen. Sondern um das Individuum mit all seinen Besonderheiten. Rocco und Pia stehen deshalb – zumindest in seinen Augen – nur für sich selbst. Warum also über sie schreiben? Und warum von ihnen lesen? Weil Trevis Buch, auf sehr berührende Weise, trotzdem von etwas Allgemeingültigem erzählt. Wie wir, verschieden wie wir sind, zueinanderfinden. Wie wir Freundschaften führen, mit dem Tod umgehen und uns an einander erinnern.
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Aug 20, 2024 • 4min

Philipp Schönthaler – Wie rationale Maschinen romantisch wurden

Im Februar 2020 reiste der Schriftsteller Daniel Kehlmann ins Silicon Valley, um in Kooperation mit einem Computerprogramm eine Erzählung zu verfassen. Viel kam dabei jedoch nicht heraus, weil Kehlmann sich im Grunde wenig für computergenerierte Textproduktion interessierte. So sieht es jedenfalls Philipp Schönthaler, der diese Anekdote zum Besten gibt, bevor er sich in seinem Essay „Wie rationale Maschinen romantisch wurden“ mit aller Gründlichkeit daran macht, die Geschichte und Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und der maschinellen Literaturerzeugung in einer kenntnisreichen Analyse aufzurollen.   Die Überwindung der menschlichen Subjektivität  Angefangen hat alles, Schönthaler zufolge, mit einem Gegenentwurf zu der herkömmlichen Auffassung, dass Literatur allein als ein menschliches Geistesprodukt anzusehen sei. Max Bense dagegen, der hier als „Cheftheoretiker der Konkreten Poesie“ vorgestellt wird, wollte seit den 1950er Jahren Kunst und Literatur von den Unwägbarkeiten menschlicher Subjektiviät befreien und auf ein „naturwissenschaftlich-mathematisches Fundament“ stellen. Schönthaler erklärt:  In der maschinellen Programmierbarkeit von Texten, erkennt Bense nun das theoretische Ideal einer mathematisch-rationalen Texterzeugung, mit der das individuelle Autorsubjekt ausgeklammert werden kann. Quelle: Philipp Schönthaler – Wie rationale Maschinen romantisch wurden Schnell wurde jedoch klar, dass sich Innovation, Genie oder Originalität nicht durch maschinensprachliche Programmierungen herstellen ließen. So entstand die Frage, wie sich Kreativität in die künstliche Texterzeugung hineinbringen ließ, ein Problem mit vielen Antworten, doch nach wie vor ohne befriedigende Lösung.  Die Kreativität soll den Nachweis liefern, dass Maschinen mehr sind als ihr Code, was der Kreativität die Rolle zumisst, die dem Genie in der Romantik zugekommen ist. Quelle: Philipp Schönthaler – Wie rationale Maschinen romantisch wurden Eine Ideengeschichte der KI  Schönthaler referiert die verschiedenen Positionen und Theorien, die in den letzten Jahrzehnten zum Verhältnis zwischen Menschen und intelligenten Maschinen entwickelt wurden, und kommentiert ihre Besonderheiten und Konsequenzen. Wird Künstliche Intelligenz eines Tages besser denken können als der menschliche Verstand? Wird sie den Menschen als „Subjekt der Geschichte“ ablösen? Werden die Maschinen so normal und selbstverständlich werden wie die natürliche Umwelt und damit so komplex, magisch und geheimnisvoll, dass sie romantische Eigenschaften annehmen können? Dann könnte die Zukunft so aussehen:  Die Normalisierung der romantischen Maschine ist auch ein Zeichen dafür, dass die digitalen Technologien tief in die Gesellschaft und Lebensrealität der Einzelnen eingedrungen sind und sogar die computergenerierte Literatur mainstreamfähig geworden ist. Quelle: Philipp Schönthaler – Wie rationale Maschinen romantisch wurden Gedankenreich und hochinteressant  Natürlich ist das alles kein leichter Lesestoff, zumal sich der äußerst sachkundige Autor nicht sonderlich bemüht, seine sehr verdichteten Überlegungen leichter zugänglich zu machen. Doch wer sich einliest, wird durch Gedankenreichtum und hochinteressante Ausblicke belohnt. Denn Schönthaler schaut über den engen Horizont der aktuellen Diskussionen um Geschäftsmodelle und Gefahren der KI weit hinaus auf die großen Perspektiven. Und dazu gehört die faszinierende und beunruhigende Frage, wie sich das menschliche Selbstverständnis einst verändern könnte, wenn die intelligenten Maschinen erst einmal zu einem quasi natürlichen Teil unserer Umwelt geworden sind.
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Aug 19, 2024 • 4min

Rob van Essen – Hier wohnen auch Menschen

In Nettetal am Niederrhein, dem Sitz des Elif Verlags, ist die Grenze zu den Niederlanden nur zehn Kilometer entfernt. Vielleicht war es auch diese geografische Nähe, die den Verleger Dinçer Güçyeter bewogen hat, eine Auswahl kurzer Prosa des Niederländers Rob van Essen übersetzen zu lassen. Ein Dutzend Erzählungen zwischen fünf und 40 Seiten, entstanden zwischen 2010 und 2020, umfasst der Band „Hier wohnen auch Menschen“, und gemeinsam haben sie, dass sie sich jeder vorschnellen Einordnung entziehen.   Die jungen Herrchen sind alle tot  Viele warten mit krassen Überraschungen und zuweilen dann doch absehbaren Wendungen auf. Bei einigen schleicht sich, ähnlich wie bei Margriet de Moor oder Connie Palmen, ein mystisches Element ins Alltägliche ein, bei anderen herrscht von Anfang an eine alternative Realität. So im zweiten Text, betitelt „All die toten Herrchen“, der mit den ersten Sätzen mitten hineinspringt ins zunächst rätselhafte Geschehen:  Heute Nachmittag bin ich zu Johanna gegangen, um ihr mit den Hunden zu helfen. Ich habe einen kleinen Umweg gemacht, weil ich zum Martin-Luther-King-Park wollte, um mir das Monument für die Grippeopfer anzusehen. Quelle: Rob van Essen – Hier wohnen auch Menschen In dieser dystopischen Geschichte sterben an der sogenannten Grippe ausschließlich junge Menschen, nur die Alten überleben. Die Pandemiefolgen sind auf die Spitze getrieben, von Restaurantschließungen und Regierungskrise bis zu Übergriffen und Plünderungen. Die entleerten Kitas werden von Johanna zu Tier-Asylen umfunktioniert, denn die Herrchen sind ja alle tot.  Ungeheuerlichkeiten knapp neben der gewohnten Realität  Der Reiz dieser Erzählung liegt nicht etwa in einer konventionellen Spannungskurve, sondern in der Beiläufigkeit, mit der der Ich-Erzähler Ungeheuerlichkeiten streift, die knapp neben unserer gewohnten Realität liegen. Angesiedelt ist sie, wie alle Texte des Bandes, in teils wiedererkennbaren Schauplätzen in den Niederlanden, am Martin-Luther-King-Park in Amsterdam oder in x-beliebigen Vororten.  Viele der Geschichten greifen philosophische Probleme auf. Etwa das Zeitreiseparadox, konkret: die Frage, ob und, wenn ja, wie ein depressiver Zeitreisender aus der Zukunft seine Eltern davon abhalten könnte, ihn zu zeugen. Darum geht es im Text „Der lästigste Gast aller Zeiten“. Ein Besucher namens Erik nistet sich bei einem jungen Paar ein und verschwindet irgendwann spurlos. Er hinterlässt einen Brief, der die Ich-Erzählerin und ihren Mann aufklärt, er sei ihr späterer Sohn und in die Vergangenheit gereist, um die Familienplanung zu durchkreuzen, was ihm gelungen zu sein scheint. Nachträglich versuchen die beiden, die verhinderte Fortpflanzung doch noch hinzubekommen.  Ich dachte, es würde schwer werden, nach all dem Wein einen hochzukriegen, aber nein, die Vorstellung, Erik zu zeugen, macht ihn offensichtlich an, und mich auch, und nicht nur in dieser Nacht, wir haben eine Mission, wir vögeln in dieser Nacht und in den folgenden, als ginge es um unser Leben, oder zumindest um das von Erik. Quelle: Rob van Essen – Hier wohnen auch Menschen Das Schillern zwischen Tragik und Komik, Unheimlichem und Banalem, Realismus, Fantastik und Absurdität ist das Charakteristikum dieser Geschichten. Auch formal spielt Rob van Essen auf unterschiedlichen Registern, von scheinbar ganz einfacher Szenenfolge bis zu ambitionierter zeitlicher Verschachtelung. Manche erstrecken sich geradezu episch über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte.   Das Glück, ein Leben lang verpasst  So die Erzählung „Ich versprech’s dir“, in der ein junger Mann kurz das Glück erfährt und es durch passives Zuwarten lebenslang verpasst. Diese traurige Pointe ist allerdings ein bisschen durchsichtig, und auch im längsten Text der Sammlung, „Das Haus an der Amstel“, ahnt man früh, dass ein liebevoll gepflegter Kult um eine extrem aufwendige, angeblich koreanische Meditationstechnik den Realitätscheck vor Ort nicht überstehen wird. So bleibt der zwiespältige Eindruck eines bemerkenswert eigenständigen Autors, der bei allem Einfallsreichtum zuweilen unter seinen erzählerischen Möglichkeiten bleibt.
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Aug 18, 2024 • 7min

Sven Pfizenmaier – Schwätzer | Gespräch

Wie das alles zusammenpasst erklärt Sven Pfizenmaier im Lesenswert Gespräch. Sein neuer Roman „Schwätzer“ ist ernster als sein viel gelobtes Debüt, hat aber genau soviel absurd-komische Passagen.

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