

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Sep 1, 2024 • 6min
Roman Ehrlich – Videotime
Es beginnt auf einem Parkplatz vor einer Blechbaracke, in der einst die Träume des Ich-Erzählers von Roman Ehrlichs neuem Roman gelagert waren: „Videotime“, so hieß die Videothek in der bayerischen Kleinstadt, in der der Erzähler aufgewachsen ist.
Dorthin fuhr der Vater in den 1990er-Jahren mit seinen Kindern regelmäßig, um Videokassetten auszuleihen. Mit einem für damalige Verhältnisse großen technischen Aufwand kopierte der Vater die Filme auf Leerkassetten und baute sich im Keller des Mehrfamilienhauses, in dem die Familie lebte, ein illegales Raubkopienarchiv auf, gesichert durch ein Zahlenschloss, dessen Kombination der Erzähler und sein älterer Bruder selbstverständlich herausgefunden hatten.
Parallel zu den Filmen legte der Vater dicke Ordner mit Klarsichthüllen darin an, in denen er schreibmaschinengetippte Beschreibungen der Filme und dazu passende Zeitungsausschnitte sammelte.
Ein geheimes Raubkopienarchiv
Willkommen im prädigitalen Zeitalter, in dem die Videothek mit ihren neonbeleuchteten Gängen als Ort ebenso eine Aura entwickelte wie die Filme selbst in ihrer nicht selbstverständlichen Dauerverfügbarkeit. Roman Ehrlich beschreibt die Bedeutung, die das Medium Video für seinen jungen Erzähler hat, folgendermaßen:
Jede neue Kassette aus der Videothek ist für den Jungen eine Versprechung, dass da noch viel mehr ist auf der weiten Welt als die eine Wirklichkeit, die ihn umgibt. Und dann geht von diesem aufregenden Leben aus dem Filmen auch noch der Reiz des Verbotenen aus. Er schaut ja vor allem Filme, die nicht für sein Alter freigegeben sind, und meint, dass man als einer, der die Prüfung dieses Schauens besteht, mit einer besonderen Macht ausgestattet und dem Leben in der Kleinstadt begegnen kann.
Quelle: Roman Ehrlich
Ein brillanter und überraschender Roman
„Videotime“ ist ein brillanter, überraschender und vor allem unter der Oberfläche einer bundesdeutschen Kleinstadtkindheit und -jugend höchst unheimlicher Roman. Das Buch hat drei Erzählebenen: In der Gegenwart kehrt der erwachsene Ich-Erzähler in seine Heimatstadt zurück, um nach seinem kranken Vater zu sehen, der die Mutter fortgeschickt hat und eine prekäre Außenseiterexistenz führt.
Der erwachsene Mann streift durch die Straßen, und jeder Ort, den er passiert – ein Spielplatz, ein Wohnblock, eine Turnhalle oder eben auch der nun leerstehende „Videotime“-Blechcontainer – lösen bei ihm Erinnerungsschübe aus. Zudem scheint es, als würde sich sein Bewusstsein im Lauf des sehr heißen Tages nach und nach trüben.
Die dritte Erzählebene ist die präzise und auch ausführliche Beschreibung von Filmen, die der Junge einst gesehen hat. Heimlich zumeist, mit Freunden oder auch mit seinem älteren Bruder.
Die Bandbreite reicht von „Die Unendliche Geschichte“ über „Total Recall“ bis hin zu „The Devil in Miss Jones“, einem 1973 gedrehten Arthouse-Porno, der heute ikonisch ist.
Das Staunenswerte an diesem Buch ist die Raffinesse, mit der Roman Ehrlich diese drei Ebenen schlüssig und bis zur Unkenntlichkeit miteinander verschwimmen lässt; so lange, bis das eigentlich unscheinbare Setting eines Aufwachsens in der klassischen bundesrepublikanischen Vater-Mutter-zwei Kinder-Sicherheit in ein diffuses Licht des Dämonischen getaucht ist.
Endloses Tennistraining
Zu dieser Dämonie des Alltags tragen der Vater, ein Kind der Kriegsgeneration, und sein Gebaren in der Familie wesentlich bei: Als Ausbilder bei der Bundeswehr ist er unehrenhaft entlassen worden; nun arbeitet er als Aufseher im Gefängnis.
Seinen älteren Sohn drillt er in endlosen Tennis-Trainingseinheiten so lange, bis er sich verletzt. Seine übergewichtige Frau demütigt er gewohnheitsmäßig; seinen jüngsten Sohn, den übergewichtigen und unsportlichen Ich-Erzähler, straft er mit Missachtung.
Seine Wertmaßstäbe sind unverrückbar; seine Härte ist undurchdringlich. Roman Ehrlich sagt über die Figur des Vaters:
„Diese Unbarmherzigkeit ist ein Erbe der vorangegangenen Vätergeneration. Im Buch wird es auch an einer Stelle explizit gemacht, dass der Vater sozusagen in direkter Linie von der Gewalt abstammt. Er hat eben keinen anderen Zugang als den Militärischen, selbst zu seiner eigenen Familie. Dem Erzähler dämmert irgendwann, dass all die Filme aus der Bibliothek sehr gut zu diesem Zugang gepasst haben; also, dass sie vor allem für Jungs und Männer gemacht waren und dass in ihnen auch ständig ein patriarchales Kräfte- und Machtverhältnis mit aller Gewalt aufrecht erhalten wird."
Ein Roman voller Geheimfächer
Es gibt großartige Szenen in „Videotime“, die man so tatsächlich noch nicht gelesen haben dürfte. Nur ein Beispiel: Als der Ich-Erzähler sein Schulpraktikum bei einem Fernsehtechniker – wo sonst? – absolviert, besteht seine erste Aufgabe darin, eine riesige Menge an Fernbedienungen aufzuschrauben und mit Methylalkohol und Wattestäbchen von dem Schmutz zu befreien, der die Geräte funktionsunfähig gemacht hat: Popel, Nikotin, Hundespeichel, Pfefferminzlikör.
Dieser Roman ist voll von Geheimfächern, verschlossenen Räumen und glatten Oberflächen, unter denen das Unappetitliche lauert. Zugleich ist „Videotime“ auch der Abgesang auf ein Medium, die Hommage an die Gestaltungsmacht kindlicher Fantasie und eine Reflexion über den Entstehungsprozess von Erinnerungen. Roman Ehrlich sagt darüber:
Im Kern des Buches steht die Erkenntnis, dass wir Fiktionen erschaffen, wenn wir uns erinnern, und dass Erinnern deshalb immer auch eine Frage des Glaubens an die fantastischen Gestalten und Ereignisse dieser Fiktion ist.
Quelle: Roman Ehrlich
„Videotime“ gehört zu den Höhepunkten der deutschsprachigen Literatur der vergangenen Jahre. Ein Roman, der auf vielen Ebenen zeigt, welchen Einfluss Prägungen unterschiedlicher Art durch die Jahrzehnte hindurch auf Menschen haben.
Ein indirektes und dennoch scharf gezeichnetes Epochenbild. Und ein Buch, das die Kunst und ihre Wirkmacht ernstnimmt. Im Klappentext steht zu lesen, dass die Familie des Autors nicht mit den Figuren im Roman verwandt sei. Das ist eine beruhigende Nachricht.

Sep 1, 2024 • 6min
Joan Didion – Demokratie
Es ist eine Szene, die sich ins Gedächtnis einbrennt:
„Da spricht ein Waffenhändler und erzählt seiner Geliebten von ganz romantischen Inseln im Pazifik und er beschreibt so ein Bild vom rosa Himmel und Sonnenaufgängen und nach ein paar Zeilen begreift man, dass er eigentlich Atolle beschreibt, auf denen Atomtests stattfanden."
So beginnt Didions „Demokratie“. Die Anfangsszene, die die Übersetzerin Antje Rávik Strubel hier beschreibt, ist dabei emblematisch für den ganzen Roman: Hinter dem, was oberflächlich glatt und schön scheint, verbergen sich dunkle Realitäten und moralische Abgründe, gesellschaftlich und – ganz besonders – politisch.
„Demokratie“: Darum geht es im Roman
Antje Rávik Strubel übersetzte schon viele Joan Didion Werke ins Deutsche, zum Roman „Demokratie“ hat die Übersetzerin, Autorin und Deutsche Buchpreisträgerin, ein ganz besonders Verhältnis: „Demokratie war der Roman, mit dem ich Joan Didion eigentlich entdeckt hab.“
Besonders auch die Form: Es ist kein klassischer „von vorne nach hinten“ erzählter Roman: „Es ist eigentlich die Recherche einer Journalistin und im Mittelpunkt dieser Recherche steht Inez Victor, die Frau eines Senators, der dann auch für die Präsidentschaft in den USA kandidiert. Diese Recherche ist aber natürlich eine fiktive Recherche, also Joan Didion ist die Erzählerin, die Journalistin, die den Fall quasi recherchiert, und es geht um Inez Victor und ihre Beziehung zu Jack Lovett, dem Waffenhändler, also sie hat eine Affäre mit ihm, die dauert, aber schon seit sie 17 Jahre alt ist.“
Eigentlich sind es intensive Figurenporträts, über die mir etwas über die amerikanische Gesellschaft erzählt wird.
Quelle: Antje Rávik Strubel über Joan Didion: Demokratie
Der Roman erzählt von Familientragödien, Drogen, Skandale, sogar Mord. All das entspinnt sich vor einem hochpolitischen Hintergrund. Inez Victor ist der Angelpunkt des Geschehens, die Gattin des Präsidentschaftskandidaten. Es ist 1975. „Demokratie“ spielt vor der Kulisse des endenden Vietnamkriegs, auf Hawaii, in New York, in Jakarta.
Opulenter Titel und Kampfbegriff
„Demokratie“ – was für ein opulenter Titel für einen Roman! Mit Blick auf den laufenden US-Wahlkampf ist dieses große Wort ein Schlüssel- ja vielleicht sogar – ein Kampfbegriff? 1984 erschien Didions Roman erstmals, nun in Neuübersetzung, im Ullstein Verlag. Sehr passend zum Zeitgeschehen, findet Strubel.
„Der Titel „Demokratie“ ist ja auch ironisch letztendlich gemeint. Sie beschreibt ja eine Gesellschaft, sie beschreibt die Schattenräume der amerikanischen Politik, wenn man so will.
Diese Machenschaften, die im Hintergrund abliefen zum Ende des Vietnamkriegs, die durch diesen Waffenhändler deutlich werden. Man sieht einen ganz desillusionierten Standpunkt und sie blickt nicht besonders optimistisch auf diese Gesellschaftsform.
Gleichzeitig, aber das ist bei Didion auch immer der Fall, sagt sie, dass es eine Verpflichtung gibt über diese Schwachstellen und Schattenräume unbedingt zu reden, wenn man denn in einer Demokratie leben will und daran erinnert auch dieser Roman wieder.
Quelle: Antje Rávik Strubel über Joan Didion: Demokratie
Gekonnte Neuübersetzung von Antje Rávik Strubel
Didions sehr präzise Sprache, die Reduktion und den Rhythmus übertrug Strubel gekonnt ins Deutsche. Das sei nicht ganz einfach, meint die Übersetzerin, ohne, dass es eckig oder holprig wirke.
„Das ist das eine, das andere ist, dass Didion ihre Figuren hauptsächlich dadurch charakterisiert, wie sie sprechen“, meint Strubel. „Also eins der wesentlichen Gegenstände von Didion ist die Sprache und die Frage, wie wir sprechen. Ihre Dialoge sind so gestaltet, dass man im Sprechen der Figuren den Kern der Figuren versteht.“
Besondere Bedeutung im US-Wahlkampf
Die Sprache: Sie ist Didions und Strubels Arbeitswerkzeug. Und Didions Überlegungen zur Sprache sind es, die mit Blick auf den US-Wahlkampf zwischen Trump und Harris nochmal besonders an Bedeutung gewinnen. Denn die politische Rhetorik und ihre Verrohung war ein Thema, das Didion schon zu Lebzeiten thematisierte.
So Strubel: „Sie war eine der ersten, die diese Verrohung der politischen Sprache, eigentlich auch mit Newt Gingrich, beobachtet hat und vor der zunehmenden Popularisierung in den 80ern schon gewarnt hat.“
„Das war einfach Didions Methode. Sich selbst zum Seismografen zu machen“
Wie die 2021 in New York verstorbene Didion den aktuellen Wahlkampf und die politische Lage in den USA wohl gerade bewertet hätte? Darauf gibt es keine klare Antwort – ganz Didion-typisch.
In ihrem Vorwort zum Roman schreibt Strubel, Didion zu lesen bedeute, sich einer Sache nicht mehr so sicher zu sein. Sie war eine Autorin mit skeptischem Blick. Didions Texte geben keine klaren Antworten, sondern stellen die richtigen Fragen, sagt ihre Übersetzerin:
„Das war einfach Didions Methode. Sich selbst zum Seismografen zu machen, für etwas, das sie beobachtet, und das dann in Frage zu stellen. Also an sich ein Gefühl zu bemerken, was sie dann ins Gesellschaftliche hinein überträgt und das dann in Frage zu stellen. Und ich glaube, sie war grundsätzlich ein total desillusionierter Mensch, aber sie hat gesagt, es gibt sowieso keinen Fortschritt in dem Sinne, dass irgendwann alles viel besser ist. Aber gerade aus dieser Sicht hat sie eben diese Verpflichtung abgeleitet, sich das eigene Denken anzugucken und auch die eigenen Vorurteile und alles was damit zusammenhängt anzugucken. Also ganz krass:
Sie hat gesagt, jede Gesellschaft ist fehlerhaft, jede Form von Gesellschaft, weil das Herz der Finsternis den Menschen im Blut liegt. Also, alles, was Menschen tun, dort gibt es immer Fehler und deswegen müssen wir sie genau angucken.
Quelle: Antje Rávik Strubel über Joan Didion: Demokratie
Eine Botschaft von ungebrochener Relevanz
Didion fordert ihre Leser und Leserinnen auf, kritisch zu bleiben und sich nicht mit den einfachen Antworten zufrieden zu geben. Oder wie Antje Rávik Strubel in ihrem Vorwort schreibt: „Didion geht nicht davon aus, dass etwas ist, wie es scheint.“
Es ist eine Botschaft von ungebrochener Relevanz. „Demokratie“ erinnert daran, sich mit den unbequemen Wahrheiten auseinanderzusetzen – eine Aufgabe die 40 Jahre nach Ersterscheinen des Romans, genauso ungebrochen wichtig bleibt - damals wie heute.

Sep 1, 2024 • 6min
Tommy Orange – Verlorene Sterne
Unser Wissen über Native Americans in den USA wird oft überlagert von Klischees aus Karl-May-Romanen, US-Western und Winnetou-Filmen der 1960er Jahre. Wir haben ein nostalgisches Bild der Indianer: Sie lebten ein nachhaltiges, naturnahes Leben in weiten Landschaften.
Aber das sind romantisierte Bilder aus der Vergangenheit. Der amerikanische Autor Tommy Orange, Mitglied des Cheyenne und Arapaho Tribe, führt uns in seinem zweiten Roman „Verlorene Sterne“ in eine ganz andere Welt ein.
Eine Welt jenseits romantischer Klischées
„Verlorene Sterne“ erzählt die Vorgeschichte zu seinem ersten Roman „Dort, dort“ und ist zugleich die Fortsetzung. Der Autor entwirft über sieben Generationen hinweg eine Familiengeschichte, die durch Erfahrungen von Unterdrückung, Landraub und Sucht geprägt ist.
Dieser Erzählung stellt der Autor einen Prolog voran, der den schockierenden politischen Slogan zur Lösung des sogenannten „Indianerproblems“ auf den Punkt bringt: „Den Indianer töten, um den Menschen zu retten.“
Historischer Ausgangspunkt: das Massaker von Sand Creek
Historischer Ausgangspunkt von Tommy Oranges Roman ist das Massaker von Sand Creek in Colorado, wo im November 1864 Milizen 180 Cheyenne und Arapaho-Indianer in ihrem Winterlager niedermetzelten, die meisten davon Frauen und Kinder.
Einer der wenigen Überlebenden ist Jude Star, der gemeinsam mit einem jungen Stammesbruder vor der US-Kavallerie in ihren blauen Uniformen fliehen kann.
Ich meinte Vögel zu hören, kurz bevor es hell wurde, nachdem ich aufgeschreckt war voller Angst vor Männern so weiß, dass sie blau wirkten. Ich hatte oft Träume von blauen Männern mit blauem Atem, das Vogelgezwitscher wurde zum Quietschen träger Räder, als im Morgengrauen Gebirgsgeschütze auf unser Lager zurollten.
Quelle: Tommy Orange – Verlorene Sterne
Die Erfahrung des brutalen Massakers schreibt sich in Körper und Psyche der Kinder, Enkel und Urenkel ein. Tommy Orange schreibt über Indianer im Hier und Jetzt .
Mit seinem Erstlingserfolg „Dort, dort“ hat Orange ein Thema gefunden, das bisher kaum literarisch bearbeitet wurde: Das Leben der indigenen Amerikaner in den Städten. Von den etwa fünf Millionen Native Americans leben heute circa siebzig Prozent in Städten, nicht in Reservaten.
Identitässuche über Generationen hinweg
Wie sie dort leben und warum sich die immer gleichen Probleme von Identitätssuche, Sucht und familiärer Instabilität über Generationen fortsetzen, ist das Thema von Oranges zweitem Roman.
Aber bevor er in seinem aktuellen Roman in der Gegenwart ankommt, blättert er an den Beispielen von Jude Stars Sohn und der Tochter eines Stammesbruders die deprimierende Geschichte ihrer Nachkommen über die folgenden 150 Jahre auf.
Wesentliche Wegmarken sind die Internierung einer Gruppe von Indianern in einer Gefängnisfestung in Florida und die Einrichtung der später berüchtigten Indianerinternate. Jude Stars Sohn gehört zu den Schülern des ersten Internats, das 1879 in Pennsylvania gegründet wurde.
Er hegt den Verdacht, dass sich noch etwas Schlimmeres unter seinen schlimmsten Erinnerungen an die Schule verbirgt, unter den Haarschnitten und dem Abbürsten, den Märschen, den Prügeln, dem Hunger und dem Arrest und den zahllosen Bloßstellungen, weil er Indianer blieb, während sie sich fortwährend bemühten, ihn zu bilden, zu christianisieren, zu zivilisieren. (…) Selbst manche der anderen Indianerkinder hänselten ihn, weil er halb weiß war.
Quelle: Tommy Orange – Verlorene Sterne
Dass die Kinder aus Verbindungen zwischen Indianern und weißen Amerikanern besonderen Anfeindungen ausgesetzt sind, zieht sich als Thema durch den Roman, bleibt aber im Vagen.
Verfehlte US-Politik gegenüber der Indigenen
Tommy Orange führt Beispiele der verfehlten US-Politik gegenüber der indigenen Bevölkerung im ersten Teil des Romans auf 115 Seiten quasi im Schnelldurchlauf mit verschiedenen Protagonist*innen an, die aber so rasch durch die Jahrzehnte wechseln, dass man den Überblick verliert.
Als Personen sind sie kaum ausgearbeitet, weil sie zu bloßen Bedeutungsträgern schrumpfen. Der Autor streift viele wichtige Themen, bleibt aber durch die zeitliche Straffung an der Oberfläche.
Erneute Begegnung mit Orvil Red Feather
Im zweiten Teil des Romans mit dem Titel „Nach 2018“ wird die Geschichte des jungen Orvil Red Feather weitererzählt, der am Ende von „Dort, dort“ auf einem Powwow-Festival angeschossen wurde. Nachdem bereits Orvils Vorfahren Laudanum, Mescalin und Alkohol konsumierten, wird auch er als Teenager abhängig von Schmerzmitteln.
Jung und frei sein klingt wie eine gute Option. Obdachlos sein klingt schon anders und so könnte man Lonys Leben auch beschreiben. Zugang zu gut dotierten Jobs gibt es für die indigene Familie kaum.
In einem Nebenstrang der Geschichte driftet der Schüler zeitweise in die Dealer-Szene ab, weil der Vater eines Schulfreundes illegal Drogen im heimischen Labor herstellt, die Orvil dann verkauft.
Orvils jüngster Bruder Lony hält zwar durch bis zum Highschool-Abschluss, aber den Schritt ins bürgerliche amerikanische Leben macht er nicht. Jahrelang bleibt der Junge verschwunden, ohne Kontakt zur Familie. Im letzten Kapitel „Unzustellbar“ lesen wir seinen sechsseitigen Brief als erstes Lebenszeichen:
Ich habe gelebt, wie die Indigenen damals, als unsere Welt das erste Mal untergegangen ist. Frei sein und umherziehen und es alles verstehen, (…) nur das wollte ich. (…) Ich war kein guter Mensch, habe nichts zur Gesellschaft beigetragen, aber andererseits auch nichts zu den Arschlochkonzernen und der US-Regierung, die mehr Leben zerstören, als man zählen kann, (…) .
Quelle: Tommy Orange – Verlorene Sterne
Auch wenn der Roman bisweilen unter inhaltlicher Überfrachtung leidet, wird er seinem aufklärerischen Anspruch gerecht. Durch seine historischen Bezüge regt er dazu an, sich die oft vergessenen Grausamkeiten bewusst zu machen, die mit der Vertreibung der Indigenen verbunden waren. Allein das ist Grund genug, um „Verlorene Sterne“ zu empfehlen.

Sep 1, 2024 • 6min
Katja Oskamp – Die vorletzte Frau
Dem passionierten Leser begegnen ja ständig Menschen, die sagen, sie kämen in ihrem Leben gar nicht zum Lesen. Aber dieses Leben sei ja eh so spannend und voller Abenteuer, dass man es auch als Roman bezeichnen könnte, den sie mit Leichtigkeit schreiben könnten, wozu sie jedoch nicht kämen.
Das stimmt natürlich überhaupt nicht, denn erst einmal muss jemand in der Lage sein, aus so einer Lebensmasse einen Roman zu schnitzen oder eine Schneise durch diesen Lebensdschungel zu schlagen, eine Perspektive zu finden, hinzuweisen, auf erzählenswerte Details am Wegrand.
Und genau darin ist die ostdeutsche Schriftstellerin Katja Oskamp eine echte Meisterin. In ihrem neuen Buch „Die vorletzte Frau“ schlägt sie eine beeindruckende Schneise durchs eigene Leben, und ein bisschen ist es die berühmte Schneise der Verwüstung.
Die Erzählung einer Dichterliebe
Katja Oskamp erzählt von einer Dichterliebe. Eine ostdeutsche Frau verliebt sich im Studium in den 19 Jahre älteren Dozenten, einen berühmten Schweizer Schriftsteller mit einem Hang zur Hochliteratur wie zu den besseren Kreisen.
Er ist unglücklich mit einer hysterischen Schauspielerin liiert, sie hat ein Kind mit einem Generalmusikdirektor, der zur Selbstinszenierung neigt – die Szene, in der er auf einem Arm das gemeinsame Kind und in der anderen eine flammenschlagende Pfanne hält, ist ikonisch.
Und auch der Beginn der Liebe zum Schriftsteller ist, sagen wir mal, recht drastisch:
Als wir die Kneipe verließen, griff ich Tosch zwischen die Beine. Das war neu. Tosch legte mich vor dem Joseph Pub mit Krawumm auf die Motorhaube eines parkenden Autos.
Quelle: Katja Oskamp – Die vorletzte Frau
Robert Musils aphrodisierende Wirkung
Katja Oskamp schreibt flüssig, sehr leicht, mit einem sicheren Gespür für Komik, Drastik, Peinlichkeit und Spannung. Die literaturhistorische Institution Robert Musil, ja genau, der vom „Mann ohne Eigenschaften“, hat selten in seiner Wirkungsgeschichte aphrodisierende Wirkung gezeigt– aber zwischen der Heldin und Tosch funkt es ausgerechnet über die Erzählung „Tonka“.
Sie schneidet eine Kopie der Geschichte zu Papierschnipseln, wirft sie auf den Boden und fischt daraus Schnipsel, um sie zu einer neuen Erzählung zu kompilieren. Sie bückt sich, er sieht ihren Hintern, als er ihr das sagt, erwidert sie: Du verarschst mich.
Und damit sind wir beim zentralen Thema: Die Heldin schreibt, nach einem Gespräch mit der Psychotherapeutin:
Ich war gern unten. Dr. T tippte das Thema an; verstanden habe ich es erst mit Tosch.
Quelle: Katja Oskamp – Die vorletzte Frau
Ein Buch ganz nah an Oskamps Leben
Die Unterwerfung der Frau, teils gewollt, teils sozialisiert, ist eins der großen Themen im Buch. Sie rutscht vor den Männern herum, bückt sich, will die untere Hälfte vom Brötchen, saugt lieber den Boden, als den Staub von der Lampe zu wischen. Dem Mann dagegen, Tosch
bereitete es Freude ganz oben mitzuspielen. … Der Sohn eines Politikers kannte sich aus mit den ungeschriebenen Gesetzen der höheren Kreise.
Quelle: Katja Oskamp – Die vorletzte Frau
„Die vorletzte Frau“ wirkt beeindruckend ungestelzt und würde als reine Geschichte einer Mesalliance gut funktionieren, aber es gibt noch eine weitere Ebene. Denn gleichzeitig ist das Buch ja nun mal nah am Leben Katja Oskamps.
Der Held, der Tosch genannt wird, ähnelt schon sehr Thomas Hürlimann, dem Schweizer Großschriftsteller, der z. B. durch „Fräulein Stark“ bekannt wurde und von dem man weiß, dass er sehr lange mit Katja Oskamp zusammen war. Das Buch erzählt von seiner schweren, mehrfach lebensgefährlichen Krebserkrankung.
Biografie, Erzählung oder Autofiktion?
Die Erzählung schmiegt sich so eng an die bekannten Fakten ihrer Biografie, dass man beim Rezensieren immer wieder zögert, ob man hier ein Buch oder ein Leben bespricht.
Aber das ist natürlich Unsinn. Zu besprechen gibt es nur das Buch. Das destilliert aus dem ganzen Leben eine Geschichte der Liebe, aber auch eine der Krankheit und der fortgesetzten Kränkungen. Das Lesen wird manchmal geradezu zur Zumutung: Will man wirklich wissen, was bei einer Prostata-Erkrankung im Bett passiert – und an welcher Stelle der Werkbiographie ein Blasenverschluss steht?
Es ist ein wenig so, wie in einer Backstage-Geschichte aus dem Theater: Vorne läuft die Geschichte, ihre Erzähler aber führen ein von dieser Geschichte getrenntes, in diesem Fall, schwieriges Leben. Die Krankheit tobt, die Heldin wird zur Pflegerin, das oben und unten gilt weiterhin, sie opfert sich, er kämpft heroisch ums Leben.
Eine Beziehung zwischen Oben und Unten, Ost und West
In dieser Phase fängt sie, zunächst auch aus wirtschaftlichen Gründen und wegen einer Schreibblockade, an, als Fußpflegerin zu arbeiten. Die Geschichten, die sie hört, schreibt sie natürlich auf. Es sind viele, während sie die Füße ihrer Klienten mitten im Plattenbau-Ghetto Marzahn pflegte, daraus wird eine Zeitungskolumne, danach ein veritabler Bestseller: „Marzahn, mon amour“.
Aber da ist die Beziehung zwischen Oben und Unten, zwischen Ost und West, der Oskamp-Figur und der Hürlimann-Figur, kurz zwischen Mann und Frau nach 12 Jahren endlich zu Ende und man erfährt, warum der Roman „Die vorletzte Frau“ heißt.
Später, wenn man dieses Buch gelesen hat und anschließend über Katja Oskamps Bestseller stolpert, werden diese Bücher einen Hauch dunkler. Die Erzählung von der Literatenmesalliance verändert die Erinnerung an ihre Bücher, wenn man sie gelesen hat.
Manches bleibt sehr lange im Kopf
So, und damit kommt noch eine Ebene dazu: Es ist halt auch, muss man in diesen in Ost-West-Dingen aufgeladenen Zeiten noch einmal sagen, so, dass die Erzählung von Oben und Unten auch eine von Ost und West ist, von westlicher Arroganz und östlicher Selbstverkleinerung.
Und auf einmal blitzt die Idee auf, dass der Osten evtl. in seinen Ego-Problemen etwas geradezu Weibliches hat, der Westen dagegen hier als untergehendes, altes weißes Männersystem geschildert wird, die kapitalistischen Krisen also solche des Unterleibs sind, aber da gerät das Buch in eine wohl besser literaturwissenschaftlich weiterzuverfolgende Sphäre.
Es sind 200 Seiten, über die man auch länger nachdenken könnte – Autofiktion und hochliterarische Verdichtung des gegenwärtigen Deutschlands – beides steckt in Katja Oskamps neuem Buch. Und auch noch ein gutes Stück Liebeskomödie. Man liest es gerne, und manches bleibt sehr lange im Kopf.

Sep 1, 2024 • 18min
Dana von Suffrin (Hg.) – Wir schon wieder. 16 jüdische Erzählungen
Alle 16 Autoren und Autorinnen sind sie jüdisch sozialisiert. Mit dabei sind unter anderem Elfriede Jelinek, Dana Vowinckel, Eva Menasse und Maxim Biller.
Einer der Schreibenden ist Journalist und Autor Dmitrij Kapitelman. In seinen Romanen „Eine Formalie in Kiew“ oder „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ setzt er sich mit seiner jüdisch-ukrainisch-ostdeutschen Herkunft auseinander. In der Anthologie „Wir schon wieder“ schreibt er über 13 tote Nachbarinnen, denen er sich langsam angenähert hat.
13 tote Nachbarinnen im Berliner Scheunenviertel
In seinem Text begegnet Kapitelman dem Mahnmal mit einem Witz. Symbolisch als eine jüdische Überlebensstrategie, meint der Autor im Gespräch. Außerdem spricht der Schriftsteller mit Kristine Harthauer über den Krieg in Israel und Gaza, über Dana von Suffrins Text im Band, Kaffeesahne, die Aiwanger-Affäre, Ostdeutschland, die Ukraine und sein nächstes Buch, das im Februar erscheint.

Aug 29, 2024 • 4min
Mikael Ross – Der verkehrte Himmel
Dieses Berlin hat man im Comic noch nicht gesehen. Straße um Straße nur Plattenbauten, ab und zu ein Gewerbegelände oder Supermarkt, dazwischen Schrebergärten: Lichtenberg, im Nordosten der Stadt. Und obwohl alles in schwarzweiß gezeichnet ist, wird sofort die drückende Hitze des Sommers spürbar.
Aber die Graphic Novel „Der verkehrte Himmel“ lässt keine Zeit für Bildbetrachtungen. Zeichner Mikael Ross setzt auf Tempo und sage und schreibe ein Dutzend Figuren, um eine Geschichte über Freundschaft und Verantwortung zu erzählen. Dafür strickt er einen raffinierten Krimi-Plot.
Zum Auftakt lässt er das Mädchen Tâm auf seinen neuen Inline-Skates in ein parkendes Auto knallen. Einfach abhauen geht nicht – also hinterlassen Tâm und ihr Bruder Dennis einen Zettel mit ihrer Adresse.
Dabei entdecken sie im Wagen eine schöne, junge Frau. Vietnamesin wie sie selbst. Sofort wird klar: Mit ihr stimmt etwas nicht. Weder weiß sie, wo sie sich befindet, noch kann sie die Autotür öffnen.
Eine junge Vietnamesin auf der Flucht vor ihrem Schleuser
Knapp 100 Seiten später sehen die drei sich wieder. Da ist die junge Frau namens Hoa Binh schon ein paar Tage auf der Flucht. Der Fahrer des Autos ist hinter ihr her. Denn sie ist illegal in Europa und der Fahrer ihr Schleuser.
Hoa Binh: Er hat mich gezwungen, einen Schuldschein zu unterschreiben: 25.000 Dollar! Das sollte ich dann abarbeiten. (...) Tâm: Aber warum bist du dann nicht einfach abgehauen? Hoa Binh: Ich hab's versucht. Das erste Mal vor zwei Wochen. Aber er hat mich wieder gekriegt. Er war schrecklich wütend, weil er dachte, ich wäre zur Polizei gegangen. Dann steckte er mich in den Van. Wir fuhren zwei Tage lang bis zu dem Parkplatz, wo ihr mich gesehen habt.
Quelle: Mikael Ross –Der verkehrte Himmel
Hoa Binhs Flucht ist an sich dramatisch genug. Der Comiczeichner verknüpft sie zusätzlich mit der Geschichte von Alex, einem Mitschüler von Tâm. Der verfolgt seinerseits den Schleuser, aus ganz persönlichen Gründen. Doch als er dabei zusammen mit Tâm einen abgetrennten Finger findet, will er nicht die Polizei einschalten.
Viel Stoff für einen Krimi. Und das sind nicht die einzigen losen Enden, die Mikael Ross auf über 300 Seiten immer neu verknüpft. Seine komplexe Dramaturgie hält auch Leserinnen und Leser jenseits der Teenagerjahre in der Spur.
Manga, Krimi und Sozialstudie in einem
Viel Handlung verlangt nach schnellen Dialogen und einer Bildkomposition wie im Actionfilm. Der Manga, bei dessen Ästhetik Ross sich bedient, eignet sich dafür ideal. Allein wie gekonnt Ross das Tempo bei Verfolgungsjagden durch Bewegungslinien steigert, ist ein optischer Genuss.
Und die überzeichnete Mimik der Figuren, auch typisch für den Manga, nutzt er, um komische Akzente zu setzen. Allerdings: viel Action und Komik bergen die Gefahr, dass die Geschichte ihre Glaubwürdigkeit verliert. Aber in „Der verkehrte Himmel“ finden sich auch Momente von Traurigkeit und unverhoffter Nähe.
Dann durchbricht Ross das harte Schwarzweiß mit zarten Lichtstimmungen – ein paarmal sogar in Rosa-Rot. Hinzu kommt: Gute Krimis sind auch Sozialstudien. Da Mikael Ross als Hilfslehrer in Berlin-Lichtenberg gearbeitet hat, liefert sein Comic ein ziemlich genaues Porträt des Kiezes.
Diskussionen über Herkunft spielen hier keine Rolle, Tâm und Dennis sind als viet-deutsches Geschwisterpaar der Normalfall. In diese Normalität lässt Ross das Verbrechen Menschenhandel einziehen. Was alle Figuren zwingt, sich damit auseinanderzusetzen. Das sorgt für Konflikte, vor allem zwischen dem zurückhaltenden Dennis und der energischen Tâm.
Dennis: Damit muss sie zur Polizei! Tâm: Nein! Die würden sie sofort abschieben! Sie ist illegal hier. Dennis: Illegal? Tâm, das ist kein Kinderspiel! Tâm: Sie hat keinen Ort, an den sie gehen kann, okay? Und wir können ihr helfen. Was ist dein Problem damit? Dennis: Dass es uns nichts angeht! (...) Tâm: Aber mich geht es an.
Quelle: Mikael Ross –Der verkehrte Himmel
Weder Tâm noch den anderen Figuren bietet Mikael Ross ein Happy End. Trostlos lässt einen die Lektüre von „Der verkehrte Himmel“ trotzdem nicht zurück. Selten vereint ein Comic so gelungen Action mit Nachdenklichkeit, Komik und Abwechslung fürs Auge. Auch beim zweiten oder dritten Lesen.

Aug 28, 2024 • 4min
Dror Mishani – Fenster ohne Aussicht
Der Krimischriftsteller und Literaturwissenschaftler Dror Mishani ist am 7. Oktober 2023 nicht zu Hause bei seiner Familie in Tel Aviv, sondern auf einem Literaturfestival in Toulouse.
Er kann die Dimension des Hamas-Angriffs auf Israel zunächst nicht einschätzen, aber mit jedem Blick auf die Nachrichten- und Social-Media-Seiten wird ihm das Ausmaß der Katastrophe deutlicher. Er reist kurzfristig ab, zurück nach Israel. Er ahnt, dass ein Krieg um „unsere nackte Existenz“ beginnen wird, er sorgt sich um seine Frau und Kinder.
Ich versuche zu verstehen, warum ich jetzt Angst habe wie noch nie zuvor. Warum ich das Gefühl habe, durch die Straßen einer zerstörten Stadt zu fahren. Schließlich hat jeder, der lange genug hier lebt, schon Katastrophentage erlebt.
Quelle: Dror Mishani – Fenster ohne Aussicht
Tagebuch statt Kriminalroman
Mishani beschließt, ein Tagebuch zu schreiben – zu notieren, was um ihn herum geschieht, die durcheinanderwirbelnden Eindrücke und Emotionen zu ordnen und dabei nicht selbst von Irrationalem mitgerissen zu werden. Der bezeichnende Titel: „Fenster ohne Aussicht“. An normale Arbeit ist nicht zu denken; der begonnene Kriminalroman bleibt erst einmal liegen.
Mishani beobachtet, wie die tiefe Trauer des Landes sich auf politischer Ebene rasch in einen Rachefeldzug verwandelt, wie die Situation eskaliert. Er versucht, Trost in der Literatur zu finden, auch so etwas wie Orientierung.
Mit Homers „Ilias“ blickt er auf den aktuellen Krieg, der etwas Apokalyptisches hat. In sechs Tagebuch-Teilen und einem Epilog versucht er, mit seiner Rat- und Rastlosigkeit umzugehen, die Geschehnisse auch für sich selbst in Phasen einzuteilen – „Verwirrung und Furcht“ oder „Atempause“ oder „Flucht und Fantasien“ nennt er diese.
Immer wieder sinnt er darüber nach, politische Artikel über die aufgeladene Stimmung zu schreiben, auch über sein Entsetzen, dass zur Bedächtigkeit aufrufende Stimmen herabgewürdigt werden.
Die Zahl der Kriegsopfer steigt minütlich, so wie die der Ermordeten am 7. Oktober in Israel. Unter den Hunderten von Toten sind viele Kinder. Eltern tragen ihre Kinder auf dem Arm zu den Krankenhäusern. Auf unseren Nachrichtenkanälen dagegen bekommt man Gaza so gut wie nicht zu sehen, wird nicht einmal darüber berichtet, dass die Bodenoffensive bereits begonnen hat.
Quelle: Dror Mishani – Fenster ohne Aussicht
Spaltung von Gesellschaft und von Familien
Mishani gehört zu jenen Israelis, die an ein Miteinander geglaubt haben, an ein Miteinander weiterhin glauben wollen. Sein beeindruckendes Tagebuch spricht von den sich vermischenden Gefühlen von Angst, Trauer und Wut. Der Spalt, der durch Individuen geht, geht auch durch die Gesellschaft und die Familien.
Mishanis Bruder, der bei einer Kampfeinheit gedient hat, prophezeit einen Krieg mit dem Libanon; die Mutter streitet sich mit ihm über Politik, provoziert ihn mit der Aussage, die Hamas-Kämpfer seien schlimmer als Nazis.
Aus Sicht meiner Mutter ist die Teilhabe am Krieg durch das Anschauen von Videoaufnahmen des Massakers und den fortlaufenden Nachrichtenkonsum so etwas wie ein Initiationsritus in Israelisch-Sein für unbeschwerte Jungen und Mädchen, die gedacht haben, das Leben bestehe nur aus Katzenvideos auf TikTok oder Taylor-Swift-Songs. So eine Art Bund der Beschneidung, eine nationale Brit-Mila.
Quelle: Dror Mishani – Fenster ohne Aussicht
Eine Stimme der Vernunft inmitten des Krieges
Nicht allein an solchen Sätzen merkt man, welch tiefe Wunden dieser Angriff gerissen hat, wie das Selbstverständnis der Israelis herausgefordert wurde. Mishani aber bleibt in seinem fragenden, vom eigenen Unbehagen erschütterten Tagebuch eine Stimme der Vernunft.
Er erkennt hellsichtig, welche Auswirkungen der Krieg haben wird: Nichts, schreibt er, rechtfertige das furchtbare Morden am 7. Oktober. Aber was Israel zum Unfrieden beigetragen hat und beiträgt, müsse mitbedacht werden.
Niemand ist ganz unschuldig, Rache kein Fortschritt: Das sagt dieses Tagebuch. Lösungen liefert es keine. Mishani ist so ohnmächtig wie wir alle. Aber die Ohnmacht überhaupt auszusprechen ist der erste Schritt, wieder durch ein „Fenster mit Aussicht“ zu blicken.

Aug 27, 2024 • 4min
Peter Probst – Was ist afrikanische Kunst?
„Afrika“ – das meint Länder wie Senegal, Nigeria, Angola oder Südafrika. Mit „Kunst aus Afrika“ ist zudem die langjährige und düstere Geschichte des Kolonialismus mitgemeint.
Der Ethnologe und Kunsthistoriker Peter Probst liefert in seinem Buch „Was ist afrikanische Kunst? Eine kurze Geschichte“ einen Überblick. Und das Wort „kurz“ ist relativ zu bewerten. Denn immerhin hat sein Buch 337 Seiten mit 92 Abbildungen.
Ich schlage vor, (Kunst-)Objekte nicht primär als ästhetische, sondern als soziale Objekte zu verstehen. (…) Vielmehr bin ich daran interessiert, auf welche Weise die als ›afrikanische Kunst‹ bezeichneten Werke in jenen historischen Prozessen und sozialen Interaktionen erscheinen, die das Feld der afrikanischen Kunstgeschichte konstituieren.
Quelle: Peter Probst – Was ist afrikanische Kunst?
Eine Gesamtschau von späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart
Das, was Peter Probst mit seinem Buch liefern will, ist eine in die Tiefe gehende Gesamtschau: Der erste Teil dieses Buches behandelt die Periode vom späten neunzehnten Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg, in der die afrikanische Kunst sowohl von ethnologischem Interesse war als auch zum musealen Sammlerobjekt avancierte.
Teil zwei beschreibt die Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre, wobei die zeitgenössische Kunst aus Afrika – zögernd, aber doch – ins Blickfeld rückt. Der dritte und letzte Teil untersucht das Aufkommen der postmodernen und postkolonialen Theorien, die zu einem eigenständigen Bewusstsein afrikanischer Künstlerinnen und Künstler hinsichtlich ihrer Kreativität, Produktion und Tradition geführt haben.
Afrikanische Kunst und Kolonialismus
Die Ausbeutung Afrikas durch den Kolonialismus ist die eine, tragische Seite. Die andere ist das ethnologische und kunsthistorische Interesse an afrikanischer Kunst durch die Europäer. Ein schönes Beispiel, das Probst anführt, ist das Königliche Museum in Berlin: Im Gründungsjahr 1873 bestand die Afrika-Sammlung aus 875 Objekten.
Und bis 1914 umfasste die Sammlung über 55.000 Objekte. Dieses Interesse zeigte sich auch bei zeitgenössischen Künstlern: Pablo Picasso hatte eine eigene Sammlung und in vielen seinen Bildern kann man Motive afrikanischer Kunst aufspüren.
Nur eines macht Peter Probst auch klar: Das Interesse galt der Tradition afrikanischer Kunst, also dem Kunsthandwerk als Kultobjekt.
Afrikanische zeitgenössische Kunst als selbstbewusste Manifestation
Erst in den 1970er Jahren stieg in Europa und den USA das ernsthafte Interesse an „neoafrikanischen“, also zeitgenössischen Kunstformen. Damit stärkte sich auch das Selbstbewusstsein afrikanischer Künstlerinnen und Künstler.
Yinka Shonibare, nigerianisch-britischer Abstammung und in den Bereichen Skulptur, Fotografie, Malerei und Installation tätig, hat es in einem ironisch-provokativen Statement auf den Punkt gebracht:
Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Primitiver, und zwar ein echter Primitiver. Ein Primitiver, der jenseits der Zivilisation lebt, ein Primitiver im Zustand eines immerwährenden Genusses, ein Primitiver des Exzesses. Ich glaube, mir würde das wirklich Spaß machen.
Quelle: Peter Probst – Was ist afrikanische Kunst?
Mit seinem Buch „Was ist afrikanische Kunst?“ leistet Peter Probst einen kaum zu unterschätzenden Beitrag. Auf der einen Seite hat er stets den geschichtlich-sozialen Raum im Blick, in dem afrikanische Kunst sichtbar wird.
Andererseits liefert er eine detaillierte Übersicht zu zeitgenössischen Kunstmanifestationen, die in immer stärkerem Maße von kreativer Eigenständigkeit zeugen. Wer über Kunst aus Afrika mehr wissen möchte, wird an Peter Probsts „Was ist afrikanische Kunst?“ nicht vorbeikommen.

Aug 26, 2024 • 4min
Hua Hsu – Stay True
Manche Freunde ergänzen uns, heißt es in Hua Hsus eindringlichem Erinnerungsbuch. Andere dagegen verkomplizieren uns. Die kurze, allzu kurze Freundschaft zwischen dem damals 18-jährigen Autor und einem Kommilitonen namens Ken im Kalifornien der Neunziger gehörte eindeutig zur zweiten Gruppe.
Schonungsloses Selbstporträt
Zum Glück für den Autor, muss man sagen. Denn sein schonungsloses Selbstporträt als Student in Berkeley ist das eines verklemmten, egozentrischen Nerds, der um jeden Preis anders sein wollte als der verachtete „Mainstream“. Seine Hemmungen habe er hinter aufgesetzter Coolness und fragwürdigen Prinzipien versteckt.
Schon eine schlechte CD-Sammlung galt ihm damals als eine „moralische Schwäche“. Erst sein Freund Ken, der so ganz anders tickte als er, brachte ihn dazu, seine selbstgesteckten Grenzen infrage zu stellen.
Er stichelte oft gegen die Persona, die ich mir aufgebaut hatte. Warum bestand ich darauf, so seltsam zu sein? Was veranlasste mich, immer das ungewöhnlichste Gericht auf der Speisekarte zu bestellen? War das nicht alles ein Trick, um andere auf mich aufmerksam zu machen? Insbesondere, sagte er, ‚künstlerisch veranlagte, alternative‘ Mädchen?
Quelle: Hua Hsu – Stay True
Wie werden wir zu denen, die wir sind?
„Stay true“, bleib dir treu, habe unter jeder von Kens E-Mails gestanden, erinnert sich der Ich-Erzähler. Der liebevoll spöttische Insiderwitz dient nun auch als Titel dieses eindrucksvollen Memoirs über die Geschichte einer Freundschaft und die Vielschichtigkeit unserer Identität.
Hua Hsus von Anette Grube vorzüglich übersetzte Prosa ist luzide und von einer ganz eigenen Mischung aus Verzweiflung und Humor geprägt. In ihr stellt der Autor Fragen wie: Wie werden wir zu denen, die wir sind?
Welchen Einfluss haben Freunde und Herkunft auf unsere Persönlichkeit? Wie sähe unser Leben aus, hätte das Schicksal eine Freundschaft nicht vorzeitig beendet? Und wie lässt sich die Erinnerung an einen Menschen schreibend bewahren?
Hua Hsu ist Sohn taiwanischer Einwanderer und wurde 1977 in den USA geboren. Heute schreibt er für den „New Yorker“ und lehrt Englische Literatur. Sein Memoir führt zurück in die Zeit von Nirvana, Bill Clinton und AOL-Chatrooms.
Als der Ich-Erzähler Ken erstmals im Wohnheim begegnet, ist sein Urteil über den selbstbewussten Kommilitonen schnell gefällt: Er kann ihn mit seiner Lebensfreude und seiner weißen Freundin „nicht ausstehen“.
Dennoch freunden sich die beiden allmählich an, in nächtelangen Debatten auf dem Balkon über Derrida und die Subtexte in Kung-fu-Filmen. Bald schon fahren die beiden, Songs grölend, durch die San Francisco Bay oder machen sich in Internetforen über konservative Vertreter der weißen Mehrheitsgesellschaft lustig.
Als Asiate zu wenig „Persönlichkeit“ fürs Fernsehen
Denn Ken und der Ich-Erzähler haben einen ähnlichen Hintergrund, sie sind beide asiatischer Herkunft. Es ist nicht zuletzt Kens Suche nach Vorbildern für junge „Asian-Americans“, die beim Ich-Erzähler zu einem erwachenden politischen Bewusstsein führt.
Als Ken mit seinem Talent als Komiker eine Castingagentin kontaktiert, lässt die ihn abblitzen; asiatische Amerikaner hätten einfach zu wenig „Persönlichkeit“ fürs Fernsehen.
Ich dachte nie daran, meinesgleichen im Kino oder im Fernsehen zu sehen. Wir waren viel zu cool für diesen Mist. Es geht ums Prinzip, sagte er. Unsere Generation ist aufgeklärter und toleranter und bunter als je eine zuvor. Wir hatten Mauern fallen sehen. Und doch gab es in der Version der Realität dieser mächtigen Casting-Agentin keinen Platz für Leute wie uns?
Quelle: Hua Hsu – Stay True
Zufallstat oder Hassverbrechen?
Am Ende sind dieser Freundschaft keine drei Jahre beschieden; eines Nachts wird Ken das Opfer eines Raubmordes. Gleich nach der Tat versucht der Ich-Erzähler, seinen Freund im Schreiben wieder auferstehen zu lassen.
Er sammelt Erinnerungsstücke, stellt sich quälende Fragen wie die, ob die Tat wirklich nur Zufall oder doch ein Hassverbrechen war. Oder ob er sie hätte verhindern können, hätte er sich nicht vorzeitig verabschiedet, um früher bei seiner Freundin zu sein.
Keine Frage: Mit seinem Memoir „Stay true“ hat Hua Hsu ein Buch von langsam glühender Intensität vorgelegt, dessen Lektüre noch lange nachhallt.

Aug 25, 2024 • 55min
Familienhölle, Punk - und was zum Lachen. Neue Bücher von Clemens Meyer, Eckhart Nickel, Margaret Atwood u. a.
Diesmal im lesenswert Magazin: Familienhölle, Punk - und was zum Lachen. Mit neuen Bücher von Sven Regener, Clemens Meyer, Eckhart Nickel, Margaret Atwood und Natasha Trethewey


