

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Sep 8, 2024 • 6min
Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling | Buchkritik
Im März 2023 ereignete sich das, was Ruth Schweikert die „Explosion in ihrem Körper" nannte. Dabei handelte es sich um den erneuten Ausbruch ihrer Krebserkrankung, die sieben Jahre zuvor erstmals diagnostiziert wurde. Von da an verwandelte sich ihr Leben in ein Dasein zum Ende hin.
Nun übernahm es ihr Ehemann Eric Bergkraut den unaufhaltsamen Lauf der Dinge festzuhalten. Entstanden ist daraus ein Bericht über extreme Erfahrungen, wie sie auch viele andere machen müssen, über die aber nur wenige öffentlich Zeugnis ablegen. „Hundert Tage im Frühling. Geschichte eines Abschieds" hat der Filmer und Schriftsteller seine Chronik genannt.
Grenzerfahrung des Lebens und Schreibens
In einer Vorbemerkung beschreibt Bergkraut seine schwierige, oft herzzerreißende Aufgabe folgendermaßen:
Meine Aufzeichnungen handeln zunächst von Deinem Willen zum Leben, ich werde nicht einmal die Bezeichnung der Krankheit benutzen, die Dich getroffen hat. Die Aufrichtigkeit rufe ich auf als Begleiterin meiner Reise. Es kann nicht anders sein, als dass ich dabei an Grenzen gehe. Genau wie Du es getan hast.
Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
So wie hier spricht der Autor seine Gefährtin oft direkt an, er schreibt nicht über sie, sondern gleichsam im Dialog mit ihr. Begründet ist das durch die emotionale Nähe, zugleich ist es aber auch ein Kunstmittel, das diesen Aufzeichnungen ihre lebendige, ergreifende Form verleiht.
Die Sinnfrage wird nicht gestellt
Wenn ein Mensch den Tod vor Augen hat, führt der Weg dorthin, entlang der Grenze zu jenen ungeheuren Räumen, die uns schaudern machen, um mit dem französischen Philosophen Blaise Pascal zu sprechen. Auf Deutungen jedoch, die ins Transzendente zielen, haben Schweikert und Bergkraut verzichtet.
Niemals habe ich erlebt, dass Du versucht hättest, Deiner Erkrankung eine Sinnhaftigkeit abzugewinnen. Oder Dich und andere zu fragen, weshalb sie Dich getroffen hat, warum in dieser Form. Sie war einfach da und es galt, daraus das Beste zu machen. Für Dich und für uns.
Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
Ruth Schweikert war eine Schriftstellerin der harten Lebensprobleme, der unglücklichen Herkunft, der jugendlichen Nöte, der fortwährenden Konflikte zwischen Rückschlägen und Freiheitslust. Auf ein vergeleichbares Konfliktfeld des nervenaufreibenden Auf und Ab wurde sie durch die Krankheit gezwungen. Über das Werk seiner Gefährtin sagt Bergkraut:
Was Du schreibst ist nicht Bekenntnis, es ist Literatur. Deine Erlebnisse flossen in Dein Werk, auch die schlimmen.
Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
Ähnliches lässt sich über Bergkrauts Buch sagen. In der Konfrontation mit dem Tod verwandelte sich die Intimität der Paarbeziehung in einen schwierigen Balanceakt, von dem der Autor mit Offenheit und sicherem literarischem Feingefühl Zeugnis ablegt.
Der lange Abschied - ein letztes Abenteuer
In dem SWR Kultur lesenswert Feature „Man stirbt ja nicht so zackbumm“ – Vom Schreiben über die Krankheit Krebs" hat Ruth Schweikert kurz vor ihrem Tod umrissen, welche Besonderheiten solch ein langer Abschied vom Leben mit sich bringt.
Sie sagte: „Das hat mir mal ein Schweizer Arzt gesagt: Weißt du, wenn es darum geht, Menschen in dieser manchmal langen Phase des Sterbens zu begleiten, da sind wir nicht sehr gut. Weil wenn jemand nicht als vollwertige Arbeitskraft zurückkehrt, ja, dann ist er oder sie eben nicht mehr so viel wert. Aber sie haben vielleicht Großkinder, sie tun vieles. Und auch ihre Erinnerungen sind durchaus etwas wert, weil sie eben ein bestimmtes Licht werfen auf eine bestimmte Zeit und Lebensgeschichte und so weiter."
In diesem Sinn hat auch Bergkraut die letzten hundert Tage von Ruth Schweikert festgehalten. Einmal erwähnt er den Maler Ferdinand Hodler, der Krankheit und Sterben seiner Geliebten Valentine Godé-Darel mit Stift und Pinsel festhielt. Doch in Bergkrauts eigenen Aufzeichnungen bilden solche Porträtmomente die Ausnahme. Für ihn bleibt auch der letzte gemeinsame Weg ein Stück Lebensprozess, „Abschiednehmen ist unser letztes Abenteuer", heißt es einmal.
Dazu gehören alle Lebensfacetten, die Stimmungsschwankungen, die Augenblicke der Innigkeit, das Aufbäumen gegen den Tod, Gedanken, Hoffnungen, Ängste und auch die unvermeidlich aufwallenden Affekte. Und dazu gehört natürlich genauso der mühselige Alltag, die Krankenhausbesuche, die Pflegearbeit. Ereignisse, Reisen, Familiengeheimnisse werden in Erinnerung gerufen, die Szenen einer Ehe. Im Wechselbad von Realismus und Zuversicht wird sogar einmal eine „intensive neue Verliebtheit" verzeichnet.
Verstehen, was uns widerfährt
Manchmal klappe ich auf dem Sofa sitzend den Laptop auf und notiere etwas, mein Gedächtnis lässt nach. Meine Notizen sind auch dazu da, besser zu verstehen, was Dir - und damit auch mir und uns - widerfährt.
Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
Das Verstehen einer solchen Extremsituation ist das, was Bergkraut auch seiner Leserschaft ermöglicht. Und obwohl er völlig freimütig Einblick gewährt, wird niemand durch die Lektüre in eine voyeuristische Position gedrängt.
Mit dieser Geschichte eines Abschieds hat Eric Bergkraut ein leidenschaftliches, klarsichtiges Stück Literatur geschrieben. Es atmet den Geist von Liebe, Empathie und Vernunft. Und zugleich weitet sich dieser Abschied zu einem sehr lebendigen Porträt der Schriftstellerin und des Menschen Ruth Schweikert. Ein schöneres Epitaph lässt sich kaum denken.

Sep 8, 2024 • 55min
Neue Bücher von Katja Lange-Müller, Daniel Kehlmann, Eric Bergkraut und Anna Katharina Hahn
Neue Bücher von Katja Lange-Müller, Daniel Kehlmann, Eric Bergkraut und Anna Katharina Hahn.

Sep 8, 2024 • 13min
Ansteckend: Daniel Kehlmanns Begeisterung „Über Leo Perutz“ | Gespräch
Die Begeisterung sei bis heute geblieben, betont Kehlmann im lesenswert Magazin, der sich in seinem neuen Buch „Über Leo Perutz“ mit einigen ausgewählten Werken des heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Autors beschäftigt.
„Einer der großen deutschen Romanautoren"
In seiner Auseinandersetzung mit Leo Perutz verzichtet Daniel Kehlmann ganz bewusst auf eine biografische Annäherung. Selbst anhand der Lebensäußerungen und Briefe des Schriftstellers entstehe kein scharfes Bild. Er wollte als Person nicht in Betracht kommen, meint Kehlmann.
Ein Grund, weshalb Perutz, „einer der großen deutschen Romanautoren“, in Vergessenheit geraten sei. Als jüdischer Autor von den Nationalsozialisten verfolgt, ging Leo Perutz 1938 mit seiner Familie ins Exil nach Palästina, konnte dort an seinen literarischen Erfolg jedoch nicht mehr anknüpfen.
„Wenn es ein Schicksal gibt, dann läuft das ungefähr so wie in den Romanen von Leo Perutz"
Hochexperimentell, originell, faszinierend – Daniel Kehlmann gerät ins Schwärmen über die verwegene Erzählkunst des Wiener Schriftstellers, der in seinen Werken immer wieder die Frage nach Schicksal und Zufall stellt.
Vor allem begeistert ihn „Nachts unter der steinernen Brücke“, das Hauptwerk von Leo Perutz. Darin sei alles, was einen an Literatur faszinieren könne. Wer sich von Daniel Kehlmanns aufschlussreichem Bekenntnis nicht anstecken lässt, dem ist nicht zu helfen.

Sep 8, 2024 • 13min
Anna Katharina Hahn – Der Chor | Autorinnen-Gespräch
Auf die Zwischentöne kommt es an
Für Anna Katharina Hahn ist der Chor ein spannender Handlungsort: „Da kann es Reibungen geben, es kann ungeheure Erwartungen erzeugen“. Manche Frauenfreundschaften entwickelten sich fast wie eine Liebesbeziehung, die in der Geschichte zu starken emotionalen Abhängigkeiten führen.
„Der Chor“ ist dabei alles andere als Frauenliteratur, geht es doch vielmehr um die Qualität von Beziehungen, darum, was sie tragfähig oder brüchig macht.
Stuttgart als Ort unerschöpflicher Geschichten
Wieder einmal ist die baden-württembergische Landeshauptstadt Schauplatz eines Romans von Anna Katharina Hahn, die sich ihre Geschichten mit langen Märschen durch den Talkessel und versteckte Stadtwinkel erlaufen hat.
„Der Chor“ zeichnet daher nicht nur ein gruppen- sondern auch ein stadtsoziologisches Porträt, das sehr präzise und vielschichtig ausfällt. Stuttgart gelte vielen Menschen im Land als „hässlich“ und „unsympathisch“, so die Feststellung der Autorin. Für Anna Katharina Hahn war es daher eine besondere Herausforderung, die Stadt als „einen verwunschenen Ort“ darzustellen.

Sep 5, 2024 • 4min
Mia Raben – Unter Dojczen
Hand aufs Herz: Was wäre unsere alternde Gesellschaft ohne all die Haushaltshilfen aus Osteuropa? So manch wacklige Familienkonstruktion mit hilfsbedürftigen Großeltern würde ohne sie zusammenbrechen. So gesehen ist es also sehr zu begrüßen, dass all den Pflegerinnen und Pflegern aus Polen oder Tschechien endlich ein literarisches Denkmal gesetzt wird.
Auch wenn man dem Debütroman der 47-jährigen Autorin und Journalistin Mia Raben mit dem Titel „Unter Dojczen“ ein wenig mehr spannungsförderndes Konfliktpotenzial wünschen würde, von seinem fast schon märchenhaften Happy End ganz zu schweigen.
Aufopferung bis zum Burn-out
Die Protagonistin heißt Jola. Sie ist Polin Anfang fünfzig, Mutter einer erwachsenen Tochter und pendelt seit zwölf Jahren zwischen Łódź und Deutschland. Um ihre Schulden bei Kredithaien abzuzahlen, arbeitet sie als sogenannte „Live-in“, als fest in einem Haushalt lebende Betreuerin.
Den Löwenanteil ihres Gehalts kassiert eine dubiose Agentur; dafür muss sie das Mädchen für alles spielen, rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche. Und wenn etwas schiefgeht, darf sie sich von ihren „seniorki“ auch noch antipolnische Vorurteile anhören. Wie beim Ehepaar Weiß, wo die aufopferungsvolle Jola einen Burn-out erleidet.
Die Ruhe kam mit den Wochen. Das Ausbleiben ewiger Forderungen war eine Tatsache. Kein schmerzerfülltes Stöhnen von Herrn Weiß, keine gehässige Stimme von Frau Weiß. (…) Kein ‚Schrubb!‘. Kein ‚Saug!‘. Kein ‚Kriech!‘. Kein ‚Trag!‘. Kein ‚Joooohhhlaaa!‘.
Quelle: Mia Raben – Unter Dojczen
Dass Deutsche Jolas Vornamen partout falsch, nämlich mit einem langen O, aussprechen, wird im Roman zum Zeichen für die fehlende Empathie auf der Gegenseite. Zu Romanbeginn wagt Jola trotzdem einen Neuanfang, bei einer gut situierten Familie in Hamburg, mit Arbeitsbedingungen, die fast zu schön klingen, um wahr zu sein. Weshalb man bei der Lektüre, quasi gemeinsam mit der Protagonistin, immer wieder auf den unvermeidlichen Haken wartet.
An der Grenze zur Übergriffigkeit
Doch es kommt keiner. Sicher, auch bei den von Klewens gibt es so manche kulturellen Missverständnisse. Die Szene etwa, als die hippe Schwiegertochter Jola zum gemeinsamen Saunieren mit ihren nicht minder hippen Freundinnen drängt, ist hart an der Grenze zur Übergriffigkeit – führt aber dennoch dazu, dass Jola sich und ihren Körper neu entdeckt. Und dann ist da noch Uschi, die zu betreuende Matriarchin, eine Vertriebene aus dem ehemaligen Ostpreußen, die ein rechtes Biest sein kann.
‚Theo … wir fahr’n nach Lodsch!‘, sang Uschi und lachte. Jola hasste es, wenn Deutsche dieses bescheuerte Lied von Vicky Leandros anstimmten, sobald es um ihre Heimatstadt ging. Ihre Lehrerin hatte ihnen damals erzählt, dass Überlebende des Ghetto Litzmannstadt berichtet hatten, dieses Lied sei von SS-Männern an der Rampe gesungen worden, aber Jola fehlte jetzt die Kraft, Uschi darauf hinzuweisen.
Quelle: Mia Raben – Unter Dojczen
Wie sich trotz aller Unterschiede eine Art Freundschaft zwischen den beiden Frauen entwickelt, ist durchaus anrührend zu lesen und erinnert ein wenig an den Kinohit „Ziemlich beste Freunde“. Zumal die Zeit bei den von Klewens Jola erlaubt, wieder zu sich zu kommen und endlich wieder zu träumen. Etwa davon, eine eigene Vermittlungsagentur zu gründen, mit fairen Arbeitsbedingungen für ihre Kolleginnen. Die Unterstützung der von Klewens macht es am Ende möglich.
Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung
Jola findet sogar die Kraft, nach jahrelangem schamvollem Schweigen wieder den Kontakt zu ihrer Tochter zu suchen. Gerade rechtzeitig, wie sich zeigt, ist diese doch kurz davor, in eine spanische Großfamilie einzuheiraten. Spätestens hier freilich wechselt Mia Rabens überwiegend flüssig zu lesender Roman einer weiblichen Selbstermächtigung das Genre: Aus einem psychologisch-realistischen Sozialroman wird quasi ein modernes Märchen mit Happy End. Mit einem solchen Ende wird die Autorin ihrem Thema leider nicht gerecht.

Sep 4, 2024 • 4min
Ines Geipel – Fabelland | Buchkritik
Was ist das nur für eine Familiengeschichte: beide Großväter waren bei der SS, der Vater spionierte jahrelang „unter acht verschiedenen Namen“ für die DDR-Staatssicherheit im Westen Deutschlands, die Mutter war von vornherein eingeweiht, aber sagte ihren Kindern nichts – und Ines Geipel erfuhr davon erst im Jahr 2003 durch die Akte ihres Vaters, also 14 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer.
Welche Nachwirkungen hat eine solche Familiengeschichte? Ines Geipel, die im August 1989 über Ungarn nach Westdeutschland geflohen war, hat die DDR-Diktatur am eigenen Leib erfahren: als Sprinterin war sie in das Drogenprogramm des DDR-Leistungssports eingebunden. Heute ist sie zu einer Schriftstellerin und Hochschullehrerin geworden, die sich aus eigener Erfahrung, aus der Erfahrung mit ihrer Familie, zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den beiden deutschen Diktaturen gezwungen sieht.
Verknüpfung von persönlicher Biographie und zeitdiagnostischem Essay
Aber Bewältigung der NS-Vergangenheit, Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur, so mag manche Leserin und mancher Leser einwenden, hatte Ines Geipel darüber nicht schon vor fünf Jahren in ihrem sehr guten Buch „Umkämpfte Zone“ geschrieben? Was also ist neu in ihrem aktuellen Buch?
Die Kluft zwischen Ost und West ist größer geworden
Mehr als noch vor fünf Jahren wird heute klar: Man kann Glück verspielen, das Glück ist dem Zorn gewichen. Klar ist auch: die Kluft zwischen Ost und West ist größer geworden.
Wie keine andere hat die bundesdeutsche 68er-Generation die politischen Debatten im Land geprägt. Die Intervention der Jungen hatte Wirkung und war ein Katalysator für die Liberalisierung der westdeutschen Gesellschaft. Und im Osten? Dort hatte der korrumpierte Buchenwald-Komplex die Gesellschaft ins gedächtnispolitische Nirwana geschickt.
Quelle: Ines Geipel – Fabelland
Die Opfer des Holocaust kamen in der Legende von den kommunistischen Buchenwald-Kämpfern nicht vor. Der instrumentalisierte, rote Antifaschismus kreiste – schreibt die Autorin - „um die 72 deutschen Kommunisten, die in Buchenwald ums Leben gekommen waren. 72 von insgesamt 56.000“.
Ines Geipel dagegen geht ganz anders vor: Sie berichtet von ihrer eigenen Familie: von Täterfamilien, von einem doppelten Schweigen, das zu einem doppelten Trauma führte.
Anders als der Generation im Westen war es im Osten nicht möglich, sich auf die Siegerseite der Geschichte hinüberzuerzählen.
Quelle: Ines Geipel – Fabelland
Die Schuldverdrängung macht anfällig für die Rechtsradikalen
Seit über 20 Jahren schon, so diagnostiziert Ines Geipel, kommt „etwas Altes“ zurück: „Der Hass, das Nationale, die Identitätsfrage.“ Das „DDR-Schlafdelirium“, das „antifaschistische Entlastungsprogramm“, wie Geipel es nennt, führte zu einem „brachialen Gesellschaftsloch“. Das sogenannte „neue ostdeutsche Selbstbewusstsein“ wurde, so ihre These, von den Rechtsradikalen gekapert.
Die erinnerungspolitische Entlastungserzählung, die versucht, den Westen zum Buhmann zu machen, macht ihrer Ansicht nach deutlich, wie sehr die älteren, diktaturbelasteten Ost-Generationen immer noch zusammenhalten. Am Ende, im Gespräch mit der neuen Generation an der Schauspielschule Ernst Busch, stimmt Geipel – wider Erwarten – hoffnungsvolle Töne an:
Sie wollen es anders machen. Sie wollen auf der Bühne gemeinsam über Sehnsucht nachdenken. Die Sehnsucht nach Aufarbeitung. Das sagen sie wirklich.
Quelle: Ines Geipel – Fabelland
Es ist eine aufregende Reise durch das verminte Gelände der Schuldverdrängung, die die Autorin unternimmt. Auf jeden Fall lesenswert.

Sep 3, 2024 • 4min
Frank Klötgen und Anton G. Leitner (Hg.) – Das Gedicht, Band 31: Laut & Leise
Wer sich in der deutschsprachigen Lyrikszene bewegt, kommt an Anton G. Leitner nicht vorbei. Der Dichter, Übersetzer und Herausgeber wurde 1961 geboren. Seit Beginn der Neunzigerjahre schickt er ausdauernd, schier unermüdlich beinahe lückenlos Jahr um Jahr eine neue Ausgabe der Zeitschrift „Das Gedicht“ auf eine der Umlaufbahnen dieses Kosmos.
Kraft der Poesie gegen die Ökonomisierung der Welt
Die Kraft der Poesie will er stärken, gegen die totale Ökonomisierung der Welt. Auch er, der schier Unermüdliche, ist aber unter den Zeichen der Zeit, unter dem Druck von Krieg und Krisen vor Zweifeln nicht sicher. Im Vorwort zur 31. Ausgabe schreibt er:
In solch finsteren Momenten kommt es mir dann fast verrückt vor, zig Stunden, Tage, Wochen, ja schon etliche Monate lang meine ganze Energie darauf gerichtet zu haben, im 31. Jahr in Folge, unter immer schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und unter dem wachsenden Druck der ausufernden Bürokratie, eine neue GEDICHT-Ausgabe auf die Beine zu stellen. Aber dann werde ich schnell wieder ganz ruhig und entspannt, wenn ich mich hochkonzentriert und mit allen Sinnen hineingebe in die lyrische Welt meiner Mitpoetinnen und Mitpoeten.
Quelle: Frank Klötgen und Anton G. Leitner (Hg.) – Das Gedicht, Band 31: Laut & Leise
Klares und deutliches Bekenntnis zur Poesie
Mag Leitner auch manchmal zweifeln, seine Arbeit ist ein klares und deutliches Bekenntnis zur Poesie, und sie ist im wahrsten Sinn des Wortes Arbeit an der Basis der Lyrik. Immer enthält sie einen Schwerpunkt mit Gedichten für Kinder, immer ist sie offen für Einreichungen, die dann zwar kuratiert, aber stets mit viel Wohlwollen angeschaut werden.
Um die 1000 Einreichungen waren es für die vorliegende Ausgabe von „Das Gedicht“. Neben flüchtigen und manchmal etwas banaleren Versen finden sich in jeder Ausgabe auch immer poetische Perlen:
die Stille dort wie der Wind im Glas/ob es damit zusammenhängt, weiß ich nicht/im Zimmer meiner Mutter gibt es ein Sofa/auf dem seit fünfzig Jahren nur eine Puppe sitzt/ehe ich jedenfalls zu Ende abwäge/ob die Stille dort wie der Wind im Glas oder/doch eher wie eine Gegenwartsschleppe ist/verschwindet der laut dröhnende/Mittagsflieger über mir und/Nimmt seinen ganzen Schall mit […]
Quelle: Frank Klötgen und Anton G. Leitner (Hg.) – Das Gedicht, Band 31: Laut & Leise
Die Verse aus diesem eindrucksvollen Gedicht des 1962 geborenen, noch viel zu wenig bekannten Heinz Peter Geißler herauszugreifen, mag angesichts der Breite dieser 31. Ausgabe von „Das Gedicht“ zwar ungerecht erscheinen.
Ohne Basis keine Spitze
Andererseits beweisen diese Verse eben, was Leitner in seinem Vorwort schreibt: „Ohne Basis keine Spitze“. Man muss vergleichen, um die Unterschiede zu erkennen. Und es braucht die Geduld von geschulten Lesern von Gedichten, die in manchen weniger gelungenen Texten doch vielleicht schon die Anlagen eines Autors oder einer Autorin ausmachen. Es braucht die Erfahrung eines Lyrikviellesers wie Leitner aber eben auch, um die Qualität von Versen wie die Geißlers zu erkennen.
Und es braucht auch besonders die feste Rubrik mit den Kindergedichten, die in dieser Ausgabe „remmi demmi“ heißt. Die Kindergedichte setzen ganz auf die spielerische, rhythmische und frei bewegliche Seite der Sprache, die durch Verse eine so lebendige und gedankenvolle Stille nachhallen lassen kann, wie durch dieses witzige Gedicht von Heike Nieder:
Endlich still/ich ess so gern ein Ei,/Das ist mein großes Glück/So beiß ich vom GESCHREI/Grad ab das letzte Stück. Hab ich mein Ei zerkaut/Klau ich noch R und GE/Dann bleibt als letzter Laut/Ein leises SCHschsch... wie Schnee.
Man wünscht Anton G. Leitners Projekt alles Gute und weiterhin Zähigkeit und Leidenschaft.

Sep 2, 2024 • 4min
Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst!
Achim Bubenzer, Jahrgang 1949, appelliert mit seinem Buch an die Verantwortung seiner Generation. Im Hinblick auf die existenziell bedrohliche Klimakrise teilt er sie in verschiedene Kategorien ein: Leugner, Relativierer, Engagierte und Resignierte. Erkenntnisse im Umgang mit diesen Typen – und das macht sein Buch unterhaltsam – zieht er dabei häufig aus seinen Alltagsbegegnungen.
Mein berufliches Engagement für die Themen Solarenergie und Nachhaltigkeit ließ bei mir gar nicht erst den Gedanken aufkommen, die Menschheit könnte den Wettlauf gegen die Erderhitzung verlieren. Bis mich auf einer Strategietagung bei einer hitzigen Debatte über Klimaschutz einer meiner engsten Kollegen abends beim Bier mitleidig ansah und meinte: „Du bist doch verrückt. Sei mal realistisch: Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten. Genieß Dein Leben und gib Ruh!“
Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst!
Relativierung statt Klimaleugnung
Es sollte nicht der einzige Bekannte bleiben, der so sein Buchprojekt mit inspirierte. Auch wenn sich Achim Bubenzer noch auf einigen Seiten an Klimaleugnern abarbeitet, gesteht er: Klimaleugner haben heute wegen der wissenschaftlichen Sachlage einen schweren Stand.
Vielmehr nehme die Anzahl der Resignierten und Relativierer zu, die meinen: Ja, es gibt die Klimakrise. Aber wir müssen pragmatisch bleiben, und deswegen können wir notwendige Maßnahmen zum Klimaschutz nicht im nötigen Umfang umsetzen. Eine Haltung, die auch für viele Politiker und Konzernlenker gelte, meint Bubenzer.
Dieses Handlungsmuster des Wegschauens und Augenverschließens ist natürlich zutiefst menschlich und sogar verständlich. Es entspricht den ersten Reaktionen auf eine schlimme Nachricht, die uns überfordert, sei es eine lebensbedrohliche medizinische Diagnose, [..] die Aussicht auf einen ruinösen Rechtsstreit oder eben die Prognose der Klimawissenschaften.
Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst!
Mit gut nachvollziehbaren Zusammenfassungen und Vergleichen appelliert Bubenzer an das Verständnis seiner Leserinnen und Leser, vergleicht die Atmosphäre mit einer Allmende, deren Nutzung ebenso wie zum Beispiel die des Wassers gemeinsamer Regeln bedürfe. Und Eile sei geboten.
Es besteht die konkrete und akute Gefahr, dass in 50 bis 100 Jahren weite Teile unserer Erde nicht mehr bewohnbar und Millionen von Menschen auf der Flucht vor Hitze, Überflutung, Hunger und Krieg sein werden.
Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst!
Weder Atomenergie noch CO²-Speicherung
Bubenzer benennt auch, was unumgänglich ist: den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern. Atomenergie als Ersatz lehnt er gut begründet und kenntnisreich ab. Mit Solar, Wind und Investitionen in die Entwicklung von Energiespeichern hingegen könnte eine Versorgungssicherheit hergestellt werden, die der heutigen um nichts nachsteht.
Um das Ziel zu erreichen, setzt Bubenzer auf staatlich regulierte Marktmechanismen und den Gang durch die rechtlichen Instanzen. Aktionen von Gruppen wie der Letzen Generation hält er für verständlich, aber kontraproduktiv, weil sie die Gräben zwischen Aktivisten und konservativen Kreisen vertieften. Dennoch ist er wie die Letzte Generation auch davon überzeugt, dass Kompromisse nicht zum Ziel führen werden.
Mit dem Klima [..] kann man keine Deals aushandeln. Die Natur ist der Boss. Und der ist völlig leidenschaftslos, weder gut noch böse. Aber: er ist fair und berechenbar. Denn er hat seine Regeln, die Naturgesetze, ihre Zusammenhänge und komplexen Wechselwirkungen, unseren Naturwissenschaftlern zur Erforschung offengelegt.
Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst!
Achim Bubenzer setzt auf einen grünen Kapitalismus im Kampf gegen die Klimakrise. Andere bedeutende Ansätze der internationalen Debatte, die den kapitalistischen Markt und seinen Wachstumszwang als Grundproblem betrachten, spielen bei seinen strategischen Erwägungen keine Rolle.
Und, anders als es der Titel nahelegt, enthält sein Buch überhaupt keine Dialoge mit der Enkelgeneration. Achim Bubenzer hat das Buch offensichtlich für ein konservativ eingestelltes, älteres Lesepublikum geschrieben, dem es sicher einige Denkanstöße geben kann.

Sep 1, 2024 • 55min
Alte Wunden und neue Erkenntnisse: Bücher, die aus der Vergangenheit lernen. Neue Bücher von Tommy Orange, Katja Oskamp und Roman Ehrlich
Diesmal im „lesenswert Magazin“: Literarische Reisen in die USA zum Ende des Vietnamkrieges und zu indigenen Stämmen, in eine bayerische Videothek in den 90ern und mit Gesprächen zu jüdischen Erzählungen und 100 Jahre Büchergilde Gutenberg.

Sep 1, 2024 • 16min
100 Jahre Büchergilde Gutenberg – „Vorwärts mit heiteren Augen“
Das Markenzeichen: Leinenbindung und Illustrationen
Er schaue mit großer Ehrfurcht auf das Jubiläum, sagt der Büchergilde-Geschäftsführer Alexander Elspas. Dass es sie so lange gibt, hätten sie sicher auch einem Quäntchen Glück zu verdanken.
Aber auch ihrer Leidenschaft für schöne Bücher: „Die Buchdrucker hatten von Anfang an ein Auge für schöne Bücher.“ Das erste Buch, das bei der Büchergilde erschien, ist der Erzählband „Mit heiteren Augen“ von Mark Twain.
Im Vorwort beschreibt darin Cheflektor Ernst Preczang die Idee hinter der Buchgemeinschaft: „Bücher geben, die Freude machen, Bücher voll guten Geistes und von schöner Gestalt.“
Das Ziel: Bildungsferne Leser:innen erreichen
Schöne Form und schöner Inhalt – das klingt bildungsbürgerlich. Dabei wollte die Büchergilde damals vor allem die sogenannte Arbeiterschaft erreichen, „die sich durch die Büchergilde diese schönen Bücher auch leisten konnten.
Mit dem Ziel, Bildung in Schichten zu tragen, wo sie damals vielleicht nicht ganz so selbstverständlich angesiedelt war“, sagt Elspas.
Kein Mitgliedsbeitrag
Die Mitgliedschaft gestaltet sich dabei so: Es gibt keinen Mitgliedsbeitrag, sondern die Pflicht, sich in jedem Quartal aus etwa 20 bis 25 ausgewählten Büchern einen Titel auszusuchen. Sollte man nicht fündig werden, wird ein Vorschlagstitel zugesendet.
Dieses Modell hält sich seit hundert Jahren und hatte früher sogar einen speziellen Lieferservice, erinnert sich Alexander Elspas: „Das war historisch tatsächlich so, dass die Büchergilde Leute hatte, die teilweise mit dem Fahrrad in die Betriebe gefahren sind, um den Menschen am Arbeitsplatz ihr Quartalsbuch vorbeizubringen.“
Genau das, vier Bücher im Jahr zu bestellen, sei bis heute ein großer Anreiz, Mitglied der Büchergilde Gutenberg zu werden, sagt Elspas.
Lesenachwuchs präsentiert Bücher auf Social Media
Dabei sei die Mitgliederzahl mit rund 60.000 Mitgliedern sehr stabil, freut sich der Geschäftsführer. In Zukunft wolle man mit Kinder- und Jugendbüchern und englischsprachigen Titeln den Fokus vermehrt auf ein jüngeres Publikum setzen.
Dabei kommt eines der Büchergilde zugute: Ihre aufwendig gestalteten Bücher, die junge Leser:innen auf Social Media gern vor der Kamera präsentieren.
Zahlreiche Jubiläumsveranstaltungen
Zum Jubiläum zeigt das Museum für Druckkunst in Leipzig eine Ausstellung. Zudem gibt es zahlreiche Feste und Veranstaltungen in den Partner-Buchhandlungen wie zum Beispiel in der Buchhandlung „Erlesenes und Büchergilde“ in Mainz. Außerdem erscheint eine Festschrift mit dem Titel „Vorwärts mit heiteren Augen“.


