

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Episodes
Mentioned books

Sep 15, 2024 • 6min
Clemens J. Setz zum Schreiben: Ohne Nebenjobs geht es nicht!
„Ich brauche immer mehrere kleine Nebenjobs wie Übersetzungen oder Artikel“, erzählt er im Lesenswert-Gespräch. Über das Thema Geld wird unter Autorinnen und Autoren kaum gesprochen, sagt er, das sollte sich ändern.

Sep 15, 2024 • 6min
Sieben Jahre Haft für einen Roman? Gespräch mit Sandra Hetzl (PEN-Berlin)
Der Vorwurf: Terrorpropaganda. Sandra Hetzl von der Autorenvereinigung PEN Berlin begleitet den Prozess in Istanbul. Im Lesenswert-Gespräch spricht sie darüber, wie die türkischen Behörden zusammen mit regierungstreuen Medien, unbequeme Autoren, wie Yavuz Ekinci verfolgen.
Ein weiterer Roman von Yavuz Ekinci wurde auf Deutsch übersetzt:

Sep 15, 2024 • 6min
Wie gut lebt es sich vom Schreiben: „Für die Villa reicht es nicht" | Gespräch
Im Lesenswert-Gespräch erklärt er, warum Lesungen immer wichtiger werden und warum Neulinge kaum noch eine Chance haben ohne Agentur auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen.

Sep 15, 2024 • 7min
Marta Barone – Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand
Wenn er im Auto sang, bewegte er die Arme dazu wie Windmühlenflügel, unterstrich einzelne Verse mit feierlichen Gesten und rief: »Verstehst du? ›Le grandi gelaterie di lampone che fumano lente‹ – die großen, qualmenden Himbeereisfabriken. Was für Poesie!« »Lass die Hände am Steuer! Wenn wir draufgehen, ist Schluss mit Poesie«, erwiderte ich trocken. Aber meistens sang ich mit, genauso falsch und mit beinahe genauso wilden Gesten.
Quelle: Marta Barone - Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand
Es ist einer der wenigen unbeschwerten Momente an die sich Marta Barone in „Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand“ erinnert. Die beiden teilen die Leidenschaft für die Literatur, die Poesie und das Meer. Und doch erlebte die Autorin ihren 1945 geborenen Vater Leonardo meist als distanzierten, oft rätselhaften Mann.
Marta Barone geht auf Spurensuche
Nach seinem Tod begibt sich die junge italienische Schriftstellerin deshalb auf Spurensuche. Sie trifft ehemalige Bekannte des Vaters, liest seine Briefe, Presseberichte und sammelt Fotos. Schließlich erfährt sie von Leonardos Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei PCIM-L und von schwerwiegenden Anschuldigungen gegen ihn.
Rasch blätterte ich [die Verteidigungsschrift] durch. Sechzehn Seiten, Fotokopien des maschinengeschriebenen, paginierten Originals. ‚In erster Instanz wurde der Berufungskläger der Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung Prima Linea für schuldig befunden, da als erwiesen angesehen wurde, dass „der Barone“ […] der Organisation substanzielle Dienste geleistet hat, indem er die medizinische Versorgung eines ihrer Aktivisten übernahm […]‘
Quelle: Marta Barone - Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand
Jedes Gespräch und jedes Dokument fördern neue Erkenntnisse zutage – und werfen zugleich neue Fragen auf, die Archivfotos und Akten nicht beantworten können: Warum kehrt der reflektierte junge Mann dem akademischen Leben den Rücken? Was führt dazu, dass der examinierte Arzt einer Parteiideologie folgend als Straßenbahnputzer arbeitet?
Marta Barone weiß, dass diese Fragen nach dem Tod Leonardos für immer unbeantwortet bleiben. Und doch versucht sie, sich dem Unbekannten vorsichtig anzunähern. Ihre Gedankenspiele ermutigen auch Leserinnen und Leser dazu, Situationen wie etwa Leonardos Ausharren in der Untersuchungshaft nachzuempfinden.
Was mag er da drin wohl empfunden haben, abends, wenn es nichts zu tun gab? Während er in der stickigen Zelle saß und das Tageslicht schräg durch das kleine Fenster fiel? Wenn er auf einen Stuhl stieg, so schreibt er in einem Brief, konnte er die umliegenden Dächer sehen. Fragte er sich, wann er wieder echtes Tageslicht zu sehen bekäme, außerhalb der Mauern?
Quelle: Marta Barone - Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand
Vieles erinnert an heutige Entwicklungen
Nach und nach löst sich die Erzählung von der Familienbiografie und widmet sich den gesellschaftlichen Entwicklungen im Italien der 70er und 80er Jahre. Die Autorin erzählt von den prekären Lebensumständen der Arbeiter, von den Sorgen und Nöten der Bevölkerung und der schleichenden Radikalisierung einer Protestbewegung – die am Ende ein ganzes Land in Angst versetzt.
Im sogenannten ‚Heißen Herbst‘ 1969 demonstrieren die Fabrikarbeiter des Automobilherstellers Fiat in Turin gegen den übermächtigen Konzern. Sie lösen eine Protestwelle aus, die sich bald über ganz Italien erstreckt. Die Stimmung heizt sich immer mehr auf und bald stehen Messerstechereien und Straßenkämpfe in fast allen Großstädten auf der Tagesordnung.
Mit Sorge erkennt man beim Lesen die Parallelen zur heutigen Gesellschaft: Wohnungsnot, finanzielle Sorgen und das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden befeuerten die populistischen Kräfte schon damals. Das macht den Roman hochaktuell – und die Szenen, in denen sich zeigt, wie plötzlich Frust und Wut in Gewalt umschlagen können, umso beklemmender.
[…] Tonino Miccichè, ein fünfundzwanzigjähriger Sizilianer [...] war ein geschickter Organisator […] und hatte alles so hervorragend geregelt, dass man ihn scherzhaft den »Bürgermeister von Falchera« nannte. Dort, in Falchera, war einem der »offiziellen« Wachmänner versehentlich eine zweite Garage zugeteilt worden, und die Besetzer hatten ihn mehrfach gebeten, sie ihnen für ihre Treffen zu überlassen, damit sie abends nicht immer so viel Lärm auf der Straße veranstalten mussten. Doch der Wachmann blieb eisern. Eines Abends brachen sie deshalb kurzerhand die Garagentür auf und schoben das Auto davor. […] Ein paar Minuten später schnappte der Wachmann sich seine Pistole und kam […] herunter. Miccichè trat versöhnlich lächelnd auf [ihn][…] zu. Der Wachmann schoss ihm genau zwischen die Augen.
Quelle: Marta Barone - Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand
Die Autorin hält sich an Fakten, vergisst aber die Emotionen nicht
Marta Barone deckt die dunklen Ecken der jüngeren italienischen Geschichte auf und orientiert sich dabei eng an den Fakten. Sie verzichtet auf aufbauschende, dramatisierende Formulierungen und vermeidet Spekulationen über die persönlichen Motive und Gefühle der Menschen.
Trotz der sachlichen Beschreibungen weckt die Erzählung auch Emotionen. Fesselnd und in wunderbaren Sprachbildern erzählt Marta Barone von dem, was sie selbst wahrnimmt und mit Sicherheit sagen kann. Diese detailverliebten, poetischen Skizzen übersetzt Jan Schönherr hervorragend ins Deutsche.
Meine Vergangenheit erschien mir wie ein einziger, langer Tag […] Vage, aber deutlich wahrnehmbar, empfand ich völlige Kontinuität zwischen meinem Bewusstsein von mir selbst mit acht, zwölf oder zwanzig Jahren und dem von heute. Das meiste, was ich gesehen und erlebt hatte […], war mir so präsent wie meine gelbe Obstschale, wie die Grille, die den Sommer überlebt hatte und noch immer einsam vor meinem Fenster zirpte, wie das Glucksen des Neugeborenen von nebenan.
Quelle: Marta Barone - Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand
Gastland Italien hält noch viele Entdeckungen bereit
Der autofiktionale Roman ist eine vielschichtige Erzählung, die weit über die Biografie des Vaters hinausgeht. Kunstvoll verwebt Marta Barone die persönliche Geschichte des Vaters mit der Geschichte Italiens und Vergangenes mit Gegenwärtigem. Erstmals wurde ein Roman der erfolgreichen italienischen Schriftstellerin ins Deutsche übersetzt. „Als mein Vater in den Straßen von Turin verschwand“ zeigt, dass Italien, das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse, nicht nur mit politischen Kontroversen auf sich aufmerksam macht, sondern es dort vor allem literarisch noch viel zu entdecken gibt.

Sep 15, 2024 • 55min
Wer schreibt, lebt gefährlich (und arm) - Kluge Bücher für den Frühherbst. Mit neuen Büchern von Ulrike Draesner, Mithu Sanyal und Marta Barone
Diesmal im „lesenswert Magazin“: Ein Gespräch über die gefährlichen Seiten des Schreibens und die ernüchternden Antworten auf die oft gestellte Frage, ob es sich von der Schriftstellerei leben lässt.

Sep 12, 2024 • 4min
Patrick Modiano – Memory Lane | Buchkritik
Leben heiße, beharrlich einer Erinnerung nachzuspüren, schrieb Patrick Modiano einmal. Das gilt auch für das Schreiben, zumal für das des französischen Nobelpreisträgers. Die Erinnerungen sind meist leicht vergilbt wie die Seiten eines alten Notizbuches, verblasst wie zu lange dem Licht ausgesetzte Fotografien. Und manchmal sogar ein wenig pathetisch wie das Lied “Memory Lane”, das Patrick Modiano zum Titel eines Buches gemacht hat. Der Refrain geht übersetzt ungefähr so:
Memory Lane / Nur einmal traben Pferde die Memory Lane hinunter, / die Spuren ihrer Hufe jedoch bleiben für immer …
Quelle: Patrick Modiano – Memory Lane
In diesen schlagerhaften Zeilen verbirgt sich das Geheimnis des Erinnerns und die Poetologie Modianos: Die Spuren von Begegnungen und Ereignissen mögen verwischen, aber da sind sie gleichwohl. Manchmal genügt eine unscheinbare Gefühlsregung, um das Verlangen zu wecken, ihnen nachzugehen, ihnen zurück in eine andere Zeit zu folgen, zurück in die Jugend.
Das hat etwas Detektivisches, und auch wieder nicht. Denn bei Modiano werden keine Fälle gelöst. Im Gegenteil: Das Mysterium des Verschwundenen, der Toten oder eines längst nicht mehr existierenden Paris wird nur immer größer, niemals jedoch zu den Akten gelegt.
Der Nebel der Zeit
„Memory Lane“ also. Das Lied wird im Buch zur gemeinsamen Hymne einer Gruppe von mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelten Menschen. Patrick Modianos Erzählung wurde 1979 geschrieben und kam 1981 erstmals zusammen mit realistischen schwarz-weiß Illustrationen des seinerzeit sehr bekannten Zeichners und Grafikers Pierre Le-Tan heraus.
Die kongeniale Übersetzerin Elisabeth Edl hat sie nun das erste Mal ins Deutsche gebracht. Modianos Erzähler erinnert sich 15 Jahre nach einem intensiven Sommer an das „Grüppchen“, das sich um das mondäne, längst aber am Abgrund des Ruins stehende Paar Paul und Maddy Contour schart:
Paul Contour: sein Leichtsinn, aber auch sein Gesicht, das mir zerfurcht schien in der Sonne von Antibes. Maddy: sie hielt besser stand, dank ihrer schön geschwungenen Brauen, ihrer Augen, in denen Fjorde aufblitzten, und ihres Lächelns. Bourdon: er trug oft eine Seglermütze, hatte seine Pfeife im Mund, und es ging einem zu Herzen, dass er aussehen wollte wie ein Südseekapitän.
Quelle: Patrick Modiano – Memory Lane
Dazu kommt Bourdons Kindheitsfreund Winegrain mit seinem leeren Blick und dessen Freundin Françoise, schüchtern und ihrem Liebhaber hoffnungslos ergeben. Da ist der alte Antiquitätenhändler Claude Delval. Und der Amerikaner Doug „mit dem roten, pockennarbigen Gesicht“, immerzu „Memory Lane“ vor sich hin singend. Der Krieg ist noch nicht lange vorbei, das Leben muss in vollen Zügen genossen werden, aber es ist ein Vergnügen auf Kredit – hinter der Fassade entdeckt man eine Müdigkeit und Melancholie.
Das Alter nagt an den Figuren
Das Alter nagt an diesen Überlebenden und sich überlebt Habenden. Der Erzähler, jung und neugierig, ist unversehens in das Grüppchen hineingeraten, und er wird – wie auch Françoise – weiterziehen. Aber doch bleibt etwas aus dieser Zeit bewahrt, ein elegisches Sentiment, auch eine ungelebte Liebe zu Maddy. Erinnerung ist ohne Wehmut nicht zu haben.
Ich, der so oft bei den anderen das Älterwerden beobachtete, musste mich nun meinerseits an die Vorstellung gewöhnen, dass meine Jugend zu Ende ging.
Quelle: Patrick Modiano – Memory Lane
Mit welcher unaufdringlich simplen Eleganz und in welch schwebend-dämmriger Stimmung das erzählt wird, ist wie immer bei Patrick Modiano betörend und schmerzhaft zugleich. Je stärker das Vergangene sich in die Gegenwart schiebt, desto deutlicher spürbar wird die Vergänglichkeit.
Pierre Le-Tans Zeichnungen sind realistische Illustrationen von Interieurs und vage bleibender Figuren, versehen mit Unterzeilen, die nicht dem Text entnommen sind, sondern ihn weiterführen. „Memory Lane“ ist zweifelsohne ein Nebenwerk Modianos, schmaler noch als seine üblicherweise schmalen Romane. Aber kondensiert ist auch hier das Besondere dieses Autors zu spüren.

Sep 11, 2024 • 4min
Thilo Wydra – Alma & Alfred Hitchcock | Buchkritik
Was zunächst nach romantischer Liebesgeschichte klingt, entpuppt sich schnell als gut recherchierte und anschaulich erzählte Biografie eines außergewöhnlichen Künstlerehepaars. Thilo Wydra bietet Einblicke in die Entstehungsgeschichte von Filmen wie „Psycho“ oder „Der Mann, der zu viel wusste“.
Er zeigt, vor welchen Herausforderungen Alfred Hitchcock, oder „Hitch“, wie er oft genannt wird, dabei stand. Viele dieser Filme sind, so der Biograf, „längst in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingegangen“. Allerdings stieß nicht jeder Film sofort auf Begeisterung: Von heute hochgelobten Filmen wie „Marnie“ oder „Topaz“ waren Presse und Publikum zunächst enttäuscht.
Ehefrau Alma war Hitchcocks wichtigste Kritikerin
Weit wichtiger für Alfred war aber das Feedback seiner Frau Alma. Der hochbegabten Cutterin standen zahlreiche Karrierewege offen. Doch sie widmete sich voll und ganz ihrer großen Leidenschaft: Dem Schnitt. Die Tätigkeit im Hintergrund entsprach wohl auch ihrer scheuen und bescheidenen Art. Zugleich erwies sie sich als selbstbewusste Kritikerin, deren aufmerksamem Blick kein Detail entging.
Die Hitchcocks beeinflussen die Filmkultur bis heute: Einige von Hitchs dramaturgischen Mitteln sind heute fest etabliert. Etwa der Suspense, den der Meister selbst einmal so erklärt hat:
You see mystery is an intellectual process, like in a „Who-done-it“. But suspense is essentially an emotional process. Therefore you can only get the suspense element going by giving the audience information.Das Geheimnisvolle ist ein intellektueller Prozess, wie in einem Who-done-it. Aber „Suspense“ ist ganz wesentlich ein emotionaler Prozess. Und den bringt man nur in Gang, wenn man dem Publikum Informationen gibt.
Im Buch macht Hitchcock seine Idee von „Suspense“ noch deutlicher:
Die Bombe ist unterm Tisch, und das Publikum weiß es. Es weiß, dass die Bombe um ein Uhr explodieren wird, und jetzt ist es 12 Uhr 55. Die unverfängliche Unterhaltung wird plötzlich interessant, weil das Publikum an der Szene teilnimmt. Es möchte den Leuten auf der Leinwand zurufen: ‚Reden Sie nicht über so banale Dinge, unter dem Tisch ist eine Bombe und gleich wird sie explodieren!‘.
Quelle: Thilo Wydra – Alma & Alfred Hitchcock
Lebendige Collage aus Anekdoten, Filmwissen und Bildmaterial
Thilo Wydra lässt nicht nur die Hitchcocks zu Wort kommen. Er zitiert auch Familienmitglieder, Presseberichte, Freundinnen und Kollegen. Tippi Hedrens Äußerungen bieten zum Beispiel Einblick in die Arbeit hinter den Kulissen des Klassikers „Die Vögel“ und Tochter Pat erzählt vom Familienurlaub in St. Moritz. Dabei entsteht eine wunderbare, lebendige Collage aus Anekdoten, Filmwissen und Bildmaterial.
Doch das Berufs- und Privatleben der Hitchcocks war nicht nur von Erfolg gekrönt: Krankheit und Verlust kennen Hitch und Alma ebenso. Am Ende seiner Karriere betritt der mittlerweile schwer herzkranke und von Depressionen geplagte Meisterregisseur ein letztes Mal die Bühne: Für sein Lebenswerk erhält er den AFI Live Achievement Award.
Unter großen Mühen erhebt er sich vom Stuhl, fällt einmal in diesen zurück, erhebt sich erneut und hält seine Dankesrede. Es ist eine Liebeserklärung vor einem Millionenpublikum. Es hat etwas sehr Ergreifendes, wenn diese pragmatische, selbst so schwerkranke Frau, Alma Reville, kurz ihr Gesicht hinter den Händen verbirgt und die Tränen zu sehen sind, die ihr in den Augen stehen.
Quelle: Thilo Wydra – Alma & Alfred Hitchcock
Leidenschaftlich erzählte Biographie eines außergewöhnlichen Filmgenies
Thilo Wydra erweist sich als leidenschaftlicher Erzähler. Eindrückliche Momente schildert er mit viel Liebe zum Detail, Cliffhanger sorgen für Spannung und skurrile Szenen für Humor - ganz wie in Hitchcocks Filmen. Die informative und zugleich unterhaltende Biografie bringt uns Alfred und Alma näher und macht Lust, sich Hitchcocks Filme erneut anzusehen: Mit neuem Hintergrundwissen und voller Respekt für die leidenschaftliche und präzise Arbeit eines außergewöhnlichen Filmgenies.

Sep 10, 2024 • 4min
Millay Hyatt – Nachtzugtage
Auf dem Cover strahlen verschlungene Linien in Blau und Orange, darauf der Schriftzug „Nachtzugtage“. Auch auf dem Vorsatzpapier und nach dem letzten Kapitel hat die Gestalterin diese Linien verwendet.
Sie mögen wohl symbolisch stehen für die verschlungenen Wege, auf die uns die Philosophin Millay Hyatt mitnehmen will. Sie hat ein Buch geschrieben, das sich ganz dem Zugreisen bei Nacht und manchmal auch bei Tag widmet.
Am Abend auf Reisen zu gehen hat etwas unabweisbar Beglückendes, man kann es sich eigentlich nicht recht erklären, aber da es anhält, vertraut man irgendwann darauf.
Quelle: Steffen Kopetzky
Zitiert sie den Autor Steffen Kopetzky, der im Buch immer wieder auftaucht. Bevor es aber losgehen kann, gibt es oft jede Menge Hürden zu überwinden: Da gibt es Verbindungen, die im Internet nicht angezeigt, Fahrkarten, die online nicht gebucht werden können, Fahrkartenschalter, die kaum zu finden sind und deren Personal teilweise nicht in der Lage ist, sagen wir, ein Ticket von Berlin nach Istanbul zu buchen.
Ungepolsterte Begegnung mit der Welt
Dennoch ist die 1973 in Dallas/Texas geborene und in Deutschland aufgewachsene Millay Hyatt eine leidenschaftliche Zugreisende: Es ist der Reiz der „ungepolsterten Begegnung mit der Welt“, wie sie schreibt, der dazu führt, dass sie, wo immer sie kann, der Reise auf der Schiene den Vorrang gibt, vor dem Auto und vor allem dem Flugzeug.
Erstens: Die Bewegung des Zuges und mein Ruhezustand innerhalb dieser Bewegung schärfen die Aufmerksamkeit. Zweitens, weil ich hier die Muße habe, meiner Ausdruckslust freien Lauf zu lassen.
Quelle: Millay Hyatt – Nachtzugtage
In dreizehn Kapiteln, denen jeweils eine Karte der betreffenden Fahrtstrecke vorangestellt ist, umkreist Hyatt verschiedene Aspekte ihrer Nachtzugreisen, die sie unter anderem nach Edinburgh, Valencia, Athen oder sogar ins georgische Tbilissi führen.
Eingeschlossensein mit Fremden
Mal geht es um die Faszination für Modellbahnen, mal um das Eingeschlossensein mit Fremden in der Kapsel des Abteils, stets in Form anschaulicher kleiner Geschichten: Da ist der Kampf mit dem renitenten deutschen Nachtzugbegleiter, der erst behauptet, in dem Zug seien keine Betten mehr frei, nur um ihr dann nach zäher Diskussion doch ein Schlafabteil aufzuschließen, in dem die Autorin sogar allein nächtigen kann.
Da ist die Begegnung mit einer jungen Frau in einem türkischen Nachtzug, mit der sich Hyatt nicht einmal verständigen kann und die dennoch ihr Essen mit ihr teilt. Da ist die Schönheit Belgrads und anderer Städte, die Hyatt beim Umsteigen unverhofft entdeckt.
Da ist die improvisierte Fahrt mit einem Nachtbus ins bulgarische Nirgendwo, die ihr den Anschlusszug nach Budapest sichert. Und nicht zuletzt sind da die unzähligen Beobachtungen auf den Bahnhöfen, aus dem Zugfenster, im Abteil, hinter die Hyatt sogar selbst zurücktritt:
Ich löse mich auf, werde unsichtbar, es bleibt nichts von mir übrig als mein Beobachtungsvermögen.
Quelle: Millay Hyatt – Nachtzugtage
Wenn sie dem Streit fremder Paare lauscht oder beobachtet, wie sich eine Frau auf einem Bahnhofsklo verstohlen den Schritt wäscht, ist Millay Hyatt immer auch Voyeurin, aber eine, die stets versucht, sich dies bewusst zu machen und das Bewusstsein für den eigenen Blick zu schärfen.
Hyatt gibt darüber hinaus oft Einblick in ihr Leben, etwa wenn sie über ihre Trennung schreibt oder an der Pariser Gare de l’Est einer vor kurzem wieder aufgeflammten Liebe nachspürt.
Unüberwindbare Grenzen
All diesen Wegen folgt man ihr äußerst gerne, denn das Buch ist locker geschrieben in einem feinen literarischen Ton.
Sehr selten stockt die Lektüre in reflektierenden Passagen, wo die Philosophin Millay Hyatt durchscheint und ihr Formulierungen etwas verkopft geraten. Aber das schmälert das Lesevergnügen in keiner Weise.
Gleichzeitig ist „Nachtzugtage“ auch ein politisches Buch: Ihrer Sehnsucht, nach Russland zu reisen kann die Autorin aufgrund des Krieges in der Ukraine nicht mehr so nachgehen wie gedacht, in Ankara wird sie an den Putsch von 2016 erinnert und in Griechenland wird sie auf einer Fähre zur Zeugin von Pushbacks der dortigen Polizei gegen Flüchtlinge. Das Überwinden von Grenzen ist eben nicht für alle so mühelos wie für eine weiße Mitteleuropäerin.
Das und die zahlreichen literarischen Anspielungen auf berühmte Zugreisen, sei es bei Proust, Schwarzenbach oder Nabokov machen „Nachtzugtage“ zu einer vielschichtigen Lektüre, die Lust macht, sich trotz aller Widrigkeiten selbst auch einmal wieder auf das Abenteuer Nachtzugreise einzulassen.

Sep 9, 2024 • 4min
Ulrike Edschmid – Die letzte Patientin
Es ist eine gespenstische Szene, mit der Ulrike Edschmid ihren Roman eröffnet: Die Ich-Erzählerin hat erfahren, dass eine alte Freundin von ihr in Barcelona im Sterben liegt und wird per Telefon in deren Krankenhaus-Zimmer durchgestellt. Das letzte, was sie von der Freundin hört, ist eine flüsternde, ersterbende Stimme.
Nach diesem verstörenden Auftakt erfolgt ein Zeitsprung. Wer war diese Frau, die man als Leser in dieser intimen Situation belauscht hat? Im Jahr 1973, so die Erzählerin, die ebenso wie ihre Freundin namenlos bleibt, sei jene Frau in ihre Frankfurter Wohngemeinschaft eingezogen.
Drei Jahre verbringen die beiden in einer Wohnung; die aus Luxemburg stammende Frau sei vor ihrem Elternhaus geflohen, so erzählte sie, und absolviert in Frankfurt erfolgreich ein Studium.
Lange Jahre der Unrast
Doch trotz dieser räumlichen Nähe, die die beiden Frauen verbindet, bleibt immer eine Distanz, eine unsichtbare Wand zwischen ihnen. Schließlich bricht die Luxemburgerin auf in ihre langen Jahre der Unrast, der Heimatlosigkeit.
Sie lässt sich durch die Welt treiben oder reist Männern hinterher; Männern, vor denen sie dann aber flieht, wenn eine Bindung zu eng zu werden droht. Das Alleinsein hält sie ebenso wenig aus wie sie zu einer verlässlichen Partnerschaft im Stande ist. Die Ich-Erzählerin zitiert aus einem Brief, den die Freundin ihr aus Mexiko City geschrieben hat:
Liebe sei eine Kunst, die sie nicht beherrsche. Jeder ihrer Versuche sei gescheitert. Sie taumele von Affäre zu Affäre. Es sei eine Sucht. Sie sehe keinen Ausweg aus der Grundmelodie ihres Lebens, der Klage, dem Lamento. Für sie gebe es nirgendwo einen Platz, nicht in einer Familie, nicht in einer Gruppe, nicht innerhalb der Gesellschaft oder einer anderen sozialen Ordnung.
Quelle: Ulrike Edschmid – Die letzte Patientin
Gerade einmal 110 Seiten umfasst „Die letzte Patientin“. Das ist selbst für Ulrike Edschmid ein kurzes Buch. Ein Buch allerdings, in dem die Stärken der mittlerweile 84 Jahre alten Schriftstellerin voll zum Tragen kommen.
Auf den ersten Blick erscheint die Ich-Erzählerin nur als Medium, das aus Briefen Telefonaten und Tonbandaufzeichnungen ein Leben rekonstruiert. Doch das, was den Roman ausmacht, seine Kälte und seine ungeheure Verdichtung, ist das Werk derjenigen, die all diese Informationen ordnet und versprachlicht.
Kälte und Verdichtung
Und die im ersten Teil des Romans die Flucht und die Sinnsuche ihrer Freundin protokolliert: Guatemala, Bolivien, Paraguay, Uruguay oder Argentinien sind nur einige wenige Stationen, die auch den politisch-historischen Kontext der Figur umreißen.
Der zweite Teil von „Die letzte Patientin“ ist eine Spiegelung: Nach einer Krebsdiagnose lässt die Freundin sich in Barcelona nieder, absolviert spät ein Studium der Psychologie und praktiziert auch als Therapeutin. Ihre letzte Patientin, die dem Roman den Titel gibt, ist ein Mädchen aus Deutschland:
Sie nahm Drogen und war mit vierzehn Jahren von zu Hause zum Sozialamt geflohen und hatte Hilfe gesucht. Die Eltern getrennt. Zur Mutter kein Kontakt. Vater Geschäftsmann mit Unternehmen im Ausland. Sie war sechzehn. Schwer traumatisiert, hatte die Leiterin der Anlaufstelle gesagt, sei ihr Inneres angefüllt mit Schreckensbildern.
Quelle: Ulrike Edschmid – Die letzte Patientin
Die junge Ausreißerin wird in den letzten Jahren der Luxemburgerin zu deren Lebensthema: N., so wird das Mädchen genannt, spricht nicht. Über zehn Jahre hinweg sitzt N. in der Praxis ihrer Therapeutin und schweigt, unwillig oder unfähig, die eigenen Verletzungen in Worte zu fassen.
Eine unheilbar erkrankte Therapeutin
Ob das realistisch ist oder nicht, hat keine Bedeutung für den Roman. Viel wichtiger ist, dass sich in diesem Prozess des Schweigens zwei Menschen ineinander erkennen, bis es zu einer Art von kathartischem Ausbruch und zu jenem Moment kommt, in dem die nun unheilbar erkrankte Therapeutin erstmals so etwas wie Geborgenheit spürt.
Man darf sich von Ulrike Edschmids kühlem, vermeintlich protokollarischen Tonfall nicht täuschen lassen – dieser Roman ist ein kurzes und scharfes Kunststück.

Sep 8, 2024 • 5min
Katja Lange-Müller „Unser Ole“: Vom Los ungeliebter Töchter | Buchkritik
Die Geschichte beginnt – nachdem die Autorin uns versichert hat, sie sei wahr, auch wenn sie die handelnden Personen unkenntlich gemacht habe – mit einem populären Lied aus frühen DDR-Zeiten:
'Kleines Haus am Wald/Morgen komm ich bald…' diesen Herbert-Roth-Schlager aus der Zeit ihrer Jugend hatte Ida vor sich hin gesummt, während sie ihren Koffer packte, um am nächsten Tag bei Elvira einzuziehen.
Quelle: Katja Lange-Müller – Unser Ole
Eine Zweck-WG gezeichneter Figuren
Ida und Elvira: Zwei höchst verschiedene alte Frauen, die eint, dass sie von ihren Müttern nicht geliebt wurden. Ida war eine besonders schöne Frau, die ihr Leben an der Seite ebenso wohlhabender wie egoistischer Männer verbracht hat. Irgendwann waren die Herren jedoch stets von ihr gelangweilt und nach der letzten Trennung ist sie ziemlich weit unten angekommen.
Im wahren Sinn des Wortes: in einer dunklen Ein-Zimmer-Erdgeschoss-Wohnung. Sie hat eine miese Rente, die sie mit gelegentlichen Auftritten bei Seniorinnen-Modeschauen aufbessert. Auf einer solchen Veranstaltung trifft sie die lange schon verwitwete Elvira, die bis zur Pensionierung mit Leidenschaft berufstätig war. Ihr gehört ein kleines Haus und dort gibt es ein Zimmer für die Freundin.
Elviras ‚Eigenheim‘, ein rauputzgrauer Würfel mit Eternitdach, befindet sich auf einem Eckgrundstück am Rande eines Dorfes nahe der Hauptstadt, von der aus es per Auto gut, per Regionalbahn und Bus aber nur bis neun Uhr abends zu erreichen ist. Elvira nannte ihre abgelegene Gegend einmal „das letzte Loch im Berliner Speckgürtel“.
Quelle: Katja Lange-Müller – Unser Ole
Es ist also nicht direkt das schlagersehnsüchtige „kleine Haus am Wald“, in das die stets perfekt geschminkte, auf Kleidung wertlegende Ida zieht. Sie muss keine Miete zahlen. Als Ausgleich soll sie der Freundin im Haushalt zur Hand gehen und bei der Betreuung des halbwüchsigen, titelgebenden Enkel Ole helfen.
Familiengeschichten zwischen Grauen und Humor
Zwei alte Frauen, ein hässliches Haus und ein gestörter 15-Jähriger, der sich nur rudimentär verständlich machen kann, der viel und immer das Gleiche isst und am liebsten im Bett liegt. Das ist die Ausgangskonstellation in dem neuen Roman der Berliner Autorin Katja Lange-Müller. Und dann passiert ein Unglück. Ein Sturz. Hat Ole nachgeholfen oder ist die Großmutter gestolpert? Das wird nicht aufgeklärt, auch nicht von den freundlichen Kommissaren, die für kurze Zeit eine wichtige Rolle spielen und nicht wenig Humor in die nicht gerade komische Lage bringen.
Entscheidender als die Polizei ist jedoch Oles Mutter, die rechtmäßige Erbin, die jetzt das Spielfeld betritt. Womit das Trio im hässlichen Haus wieder komplett wäre. Nur sind es jetzt eine alte und eine mittelalte Frau, die am Küchentisch sitzen und nicht wissen, wie sie mit dem behinderten Ole zurechtkommen sollen.
Sein Intelligenzquotient soll etwa bei vierzig liegen, zudem gilt er als autistisch. Von der allgemeinen Schulpflicht ist er jedenfalls befreit und in die Sonderschule geht er auch nicht. Seine Oma Elvira hat ihn unterrichtet, so gut es ging. Lesen, schreiben, rechnen kann er nicht, dafür hantiert er gern mit Buntstiften und Elvira gefielen seine Bilder…
Quelle: Katja Lange-Müller – Unser Ole
Oma Elvira war wohl nicht unschuldig an der Behinderung des Neugeborenen. Jedenfalls erzählt Katja Lange-Müller eine ziemlich schreckliche Mutter-Tochter-Geschichte, in deren Folgen ein hirngestörter Säugling auf die Welt kommt. Überhaupt gelingt es ihr, die Lebensgeschichten dieser drei Frauen in Rückschauen lebendig werden zu lassen.
Ein leichthändiges Prosadrama mit mysteriösem Ende
In der Gegenwart entwickelt sich ein spannendes weibliches Herr-und-Knecht-Verhältnis, das geprägt ist von sozialer Einsamkeit und emotionaler Unfähigkeit. Die Autorin entwirft in diesem Roman traurige Figuren und Konstellationen, zeichnet verlorene Leben, die trotzdem von Widerstand geprägt sind. Und deren Erinnerungen immer wieder Anlass für ziemlich komische Episoden geben. In der Musik wäre es wohl ein Capriccio, „frei in der Form und von lebhaftem Charakter“.
Und dann gibt es ja noch Ole, der wie ein Elefant im Erzählraum steht und der für ein mysteriöses Ende sorgt in diesem leichthändigen – wie die Autorin es nennt – Prosadrama. Gerne hätte man eine Auflösung, aber da es eine wahre Geschichte ist, die erzählt wird, müssen wir ohne auskommen. Im Leben geht es eben nicht zu wie im Roman. Und alle Spuren verlaufen sich hier sowieso im märkischen Sand.


