SWR Kultur lesenswert - Literatur

SWR
undefined
Sep 22, 2024 • 4min

Sally Rooney – Intermezzo | Buchkritik

Sally Rooney ist ein echtes Phänomen: Drei Romane hat die 33-jährige Irin bislang geschrieben – alle Bestseller. Zwei wurden zu Fernsehserien, zwei mit dem Titel „Buch des Jahres“ in Irland ausgezeichnet. Die Autorin scheint – vor allem bei jungen Menschen weltweit – einen Nerv zu treffen. In einem ihrer wenigen Interviews erklärte Sally Rooney 2021 ihre Erzählweise so: „Ich kann nicht über Welten schreiben, die ich nicht gut kenne. Ich bin noch nicht groß herumgekommen, habe noch nie außerhalb Irlands gelebt und wohne seit vielen Jahren in Dublin. Das sind die einzigen Orte, über die ich schreiben kann. Ich glaube, um eine Geschichte zu erzählen, die in einer bestimmten Gemeinschaft spielt, brauche ich das sichere Gefühl, wie sich die Menschen benehmen, wie sie reden und muss wissen, wie die sozialen Regeln in diesem Setting aussehen." Zwei ungleiche Brüder trauern um ihren Vater Diese Herangehensweise verleiht ihren Romanen echte Glaubhaftigkeit. Das setzt sich auch in „Intermezzo“ fort. Sally Rooney erzählt von den Brüdern Peter und Ivan Koubek, die gerade ihren Vater beerdigt haben. Peter, der Ältere, Anfang dreißig, smart und weltgewandt, arbeitet als Anwalt. Ivan, fast zehn Jahre jünger, introvertiert mit einer Zahnspange, tingelt als spätes „Schach-Wunderkind“ durch Irland.  Am nächsten Tisch streckt Ivan seinen Arm üben den Kopf, legt die Hand zwischen die Schultern und massiert sich den unteren Nacken mit den Fingerspitzen. Unter den Armen hat er zwei dunkle Schweißflecke. Er ist nicht besonders warm in dem Raum, obwohl es sehr hell ist, also schwitzt er wahrscheinlich vor Konzentration. Quelle: Aus: Sally Rooney – Intermezzo Flucht in die Liebe Ivan lernt eines Abends Margaret kennen, die ein Kulturzentrum in der Provinz leitet, in dem er Schach spielt. Die beiden verbringen die Nacht miteinander und aus dem vermeintlichen one-night-stand entwickelt sich mehr, trotz aller Bedenken. Denn Margaret lebt von ihrem Ehemann getrennt und ist deutlich älter als Ivan. Als Peter von der Beziehung der beiden erfährt, ist er empört. Doch wer im Glashaus sitzt… Peter selbst führt eine Affäre mit der Studentin Naomi und hegt immer noch Gefühle für seine Ex-Freundin. Seine Trauer bekämpft er mit Sex, Drogen und Medikamenten: Morgens, zischendes Eisen, gebuttertes Brötchen, Milligramm Alprazolam, blaue oder grüne Krawatte. Er steht am Esstisch, sortiert seine Papiere, während der Kaffee abkühlt, Gedanken rasen in abgebrochenen Sätzen, Diskussionsfetzen, Ideen strömen auseinander und treffen sich wieder, schweißkalte Hände beim Umblättern der Seiten. Quelle: Aus: Sally Rooney – Intermezzo Das ist die Grundkonstellation dieses Romans. Wenig Handlung, viel Innenschau Und dann? Wer handlungsgetriebene Bücher mag, würde sagen – es passiert nicht viel. Die Protagonisten kreisen in ihrem Kosmos, reden, philosophieren. Wer Sally Rooneys Bücher liebt, sieht hier genau darin die Stärke der Autorin: Die Innenschau, die psychologische Betrachtung ihrer Figuren. Eine Frage, die Rooney immer wieder beschäftigt: „Wie lernen Menschen sich selbst kennen, wenn sie nicht mehr täglicher Teil einer Familie sind?" Ganz klar: Sally Rooney kann wortgewaltig und intelligent erzählen. Ob das jedem Leser und jeder Leserin gefällt, ist eine andere Frage. „Intermezzo“ ist mitunter etwas langatmig geraten. Aber darüber könnte man auch noch hinwegsehen, wenn nicht das überraschend süßliche Ende dieses Romans vollkommen aus dem Rahmen fallen würde. Schade!
undefined
Sep 22, 2024 • 4min

Maria Stepanova – Der Absprung | Buchkritik

Den Absprung wagen – eine häufig gebrauchte Wendung, die vom Verlassen einer unhaltbaren Situation und zugleich von einem Neubeginn spricht. „Der Absprung“ heißt das neue Buch der russischen Lyrikerin, Essayistin und Erzählerin Maria Stepanova. Ihr Roman ist eine direkte Reaktion auf die Erschütterung des Krieges, auf jenen Rückfall in die Barbarei des 20. Jahrhunderts. Das Buch beginnt mit der seltsam berührenden Beobachtung, dass die Welt trotz aller Katastrophen weitermacht: Im Sommer 2023 wuchs das Gras weiter, als wäre nichts geschehen: es wuchs, als ginge es gar nicht anders, wie um ein weiteres Mal zu zeigen, dass es an seiner Absicht festhielt, aus der Erde zu sprießen, ganz egal, wie viel auf deren Oberfläche gemordet wurde. Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung Das Exil als Ort der Konfrontation Die Schriftstellerin M., das Alter Ego Stepanovas, ist in einem sicheren Land, weit entfernt von ihrer Heimat und doch fortwährend in Gedanken bei den monströsen Ereignissen in der Ukraine. Das Exil ist ein Ort der absoluten Konfrontation mit der zugeschriebenen Rolle, den Zweifeln an der Urteilsfähigkeit, der Verantwortung, sogar der Schuld, obwohl man selbst nicht schuldig ist, weil das eigene Handeln und Denken eigentlich Zeugnisse des Widerstands sind. Die Stadt im Ausland, wo M. jetzt wohnte, war voll mit Menschen, die aus beiden Ländern geflohen waren, und diejenigen, über die M.s Landsleute hergefallen waren, blickten mit Schrecken und Argwohn auf die einstigen Nachbarn, als hätte deren Leben vor dem Krieg, wie auch immer es ausgesehen hatte, keinerlei Bedeutung mehr, als diente es nur zur Tarnung ihrer Verwandtschaft mit diesem Untier, das immer weiter fraß. Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung Das „Untier“ namens Putin Das Untier – der Leviathan – das ist Putin. Das Untier ist nicht mehr zu verstehen, gesteht sich M. ein. Sie funktioniert zwar, aber nichts mehr ist an seinem Ort, die Arbeit wird zu einer sinnlosen Angelegenheit, die verständnisstiftenden Einzelteile fügen sich nicht mehr zusammen. Selbst die Sprache, älter als das Untier, scheint kontaminiert. … und doch schien auch sie plötzlich von einer verdächtigen Schleimschicht bedeckt. Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung Im Gegensatz zu M., die eine halbtote Maus im Mund zu verspüren meint, wenn sie nach Worten sucht, verfügt Stepanova über Sprache: Sie schickt ihre haltlose Heldin auf eine Reise. Eigentlich ist das Ziel ein Literaturfestival. Aber die Bahn macht ihr einen Strich durch die Rechnung, ein Anschluss wird verpasst; das Handy gibt den Geist auf, die Veranstalter versetzen sie; so werden die Pläne zugunsten eines ziellosen Treibens aufgegeben. Wir durchstreifen nicht nur M.s Gedanken, sondern mit ihr auch eine fremde Stadt, folgen mit ihr einem Mann, der sie fasziniert und den sie später kennenlernt. Es scheint, als würde der geplatzte Termin eine Last von ihr nehmen. Fast ist es, als würde sie sich für einen Moment ihrer Identität entledigen, sich häuten, den Absprung schaffen. Sie heuert als zersägte Jungfrau bei einem Wanderzirkus an, gerät immer weiter in eine märchenhaft anmutende Szenerie, und am Ende scheint sie im Zirkusdirektor Peter Cohn einen blinden Seher vor sich zu haben. Du bist keine Rumänin, sagte Cohn noch einmal; in seinen schwarzen Brillengläsern schaukelten zwei große Glühbirnen. Du bist eine von uns, Liebes, eine Jüdin, ja? Und M., die sich seit Monaten immer nur als Russin bezeichnet hatte, als russische Schriftstellerin, als russischsprachige Person, wiederholte beinahe verwundert: ja. Quelle: Maria Stepanova – Der Absprung Ein Buch wie eine traurige Abschiedsmelodie Maria Stepanova hat einen äußerst dichten Text geschrieben, eine reflektierende, assoziationsreiche Prosa mit leisen Anspielungen, literarischen Verweisen, traumhaft und realistisch zugleich. Vor allem scheint das Buch eine traurige Abschiedsmelodie – ein Abschied vom Selbst, das sich durch das Geschehen ringsum überlebt hat. Auch der Name verschwindet: Aus M. wird A. Ob ihr der Absprung aber wirklich gelingt und damit ein Neubeginn, das bleibt – wie meist im Leben und in der Literatur – erst einmal offen.
undefined
Sep 22, 2024 • 5min

Olga Grjasnowa – Juli, August, September | Buchkritik

Am Ende dieses Sommers bleiben viele Fragen offen, eigentlich fast alle! Auch nach über 200 Seiten persönlicher wie kollektiver Sinnsuche im Juli, August, September 2023. Wer bin ich eigentlich wirklich: Ludmila, Ljuda, Lou? Sergej war derjenige, der Ljuda, meinen Kosenamen, zu Lou abkürzte, was mir gefiel, denn so hatte er nichts mit mir zu tun und gab mir eine neue Identität. Quelle: Olga Grjasnowa – Juli, August, September Jüdische Heldin mit autobiographischen Zügen der Autorin Eine neue Identität? Aber welche? Ob Ludmila, Ljuda, Lou, fest steht, sie ist liiert mit dem Konzertpianisten Sergej, ist Galeristin in Berlin, in ihren Dreißigern, Mutter der 5-jährigen Rosa. Ludmila, Ljuda, Lou ist Jüdin und vor vielen Jahren als sogenannter „Kontingentflüchtling“ aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen –  ihrer Schöpferin Olga Grjasnowa damit sehr ähnlich. Der Roman hat natürlich autobiographische Züge. Und es ist auch etwas, womit der Roman spielt. Es ist nicht wirklich meine Autobiographie, aber es sind sehr viele Dinge, die ich mit Lou gemeinsam habe. Es ist zum Beispiel unser beidseitiges Unverständnis der klassischen Musik, es sind bestimmte biographische Anhaltspunkte. Und ich glaube, im Prinzip ist es einfach so, dass ich den Roman so geschrieben habe, dass ich mir überlegt habe, wie mein Leben unter Umständen auch hätte verlaufen können. Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa Im Juli, zu Beginn des Romans, stellt sich Lou und Sergej, dem wohlsituierten Künstlerpaar aus Berlin, immer drängender die Frage, wie jüdisch sie eigentlich seien und ihre kleine Tochter erziehen wollen – als nachgeborene, nicht wirklich religiöse Juden im Land der Täter. Jüdisch sein? Hier? Heute? Tatsächlich hat für mich angefangen, mein Jüdischsein eine größere Rolle zu spielen, als ich selbst Mutter war, weil sich dann die Frage gestellt hat: Was gebe ich weiter? Wie erziehe ich meine Kinder? Und vor allem bin ich nicht wirklich religiös. Das heißt, mein Judentum hat per se etwas von einer kulturellen Performance und nicht etwas von einer Religion. Die Kultur spielt eine sehr große Rolle, aber nicht die Religion. Und wenn das dann so ist, was mache ich dann mit meinen Kindern? Gebe ich ihnen bestimmte Teile der Kultur mit? Kann man überhaupt sagen, was eine jüdische Kultur ist? Was ist denn dann das Spezifische, was ich weitergeben möchte? Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa Eine Familie zwischen Erinnern, Lügen und Schweigen Lou stürzen diese Fragen in keine große Identitätskrise. Dazu ist sie viel zu selbstbewusst, viel zu sehr mit sich, ihrem Kind, ihrer Beziehung beschäftigt. Sie stellen sich ihr halt nur, diese Fragen, erst recht, als sie – wir schreiben mittlerweile den Monat August – mitsamt der in alle Welt verstreuten Mischpoke zum 90. Geburtstag ihrer Tante Maya nach Gran Canaria eingeladen wird. Und da sind sie dann, die ganzen noch lebenden Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, deren Söhne und Töchter – und es wird so skurril wie Familienfeiern nun einmal skurril sind Ich glaube nicht, dass es bei jüdischen Familien etwas anderes ist, sondern ich glaube, dass tatsächlich Lügen zum Familienalltag mitunter gehören. Vielleicht auch noch nicht einmal Lügen, sondern in jeder Familie gibt es bestimmte Geschichten, die man im Laufe des Lebens unterschiedlich erzählt. Man fängt an, dass man manche Geschichten zum Beispiel für die Kinder runterbricht, sie einfacher gestaltet, das Traumatische daran wegnimmt oder auslässt. Und irgendwann hat sich dieses Narrativ verfestigt, und nach und nach fangen die Leute an, mehr zu erzählen, oder sie lassen es einfach. Und die Erinnerung ist auch nicht immer gleich. Man erinnert sich mal besser, mal weniger besser, mal erscheinen andere Sachen in der Erinnerung wichtiger zu sein, Manchmal sind es Lügen, manchmal sind es auch einfach nur Auslassungen, manchmal ist es das Schweigen und all das macht eine Familie eben auch aus. Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa In Lous Familie ist es – wie bei so vielen jüdischen Familien – die Frage danach, welche Katastrophe der Holocaust unter ihnen angerichtet hat und welche traumatischen Folgen er bis heute hinterlässt. Für Lou ist auf Gran Canaria die Chance gekommen, die Geschichten, die ihre Tante Maya darüber verbreitet, mit denen der Mutter abzugleichen. In meiner Kindheit war der Holocaust allgegenwärtig gewesen, an ihn wurde überall von Nachbarn oder Freunden erinnert. Maya war die letzte Zeugin, und sie veränderte die Geschichte vom Überleben nach ihren Bedürfnissen. Sie stellte sich selbst in den Mittelpunkt, was ihr gutes Recht war, nur hätte das nicht auf Kosten von Rosa geschehen müssen. Sie manipulierte die Erinnerung und war doch zugleich die Einzige, die sich überhaupt noch erinnern konnte. Darum galt nun Mayas Wort, und ich hatte das Bedürfnis, dem etwas entgegenzusetzen. Quelle: Olga Grjasnowa – Juli, August, September Eine Geschichte, die sich im Kreis dreht Für Lou rücken sich am Rande der Familienfeier einige Verdrehungen, Verzerrungen, Verstümmelungen ihrer Familiengeschichte zurecht. Doch statt danach schnurstracks in ihren Alltag, in ihr altes Leben nach Berlin zurückzukehren, fliegt sie außerplanmäßig nach Israel. Etwa auf der Suche nach weiteren Antworten auf die Frage nach ihrer Zugehörigkeit, ihrer Verwurzelung? Das wäre plausibel und folgerichtig. Doch so zwingend scheint es dann doch nicht zu sein. Lou verbringt in Israel ja eigentlich nur ein paar Tage. Sie versucht einfach nur, kurz auszureißen und sich noch ein bisschen mehr Zeit zu verschaffen. In Berlin erwarten sie nicht die schönsten Sachen, sondern ziemlich viele Probleme. Ich glaube, sie sehnt sich einfach nur danach, noch einmal auf die Pausentaste zu drücken und sich eine ganz winzige Auszeit zu verschaffen. Aber natürlich kann sie sich das nicht selber eingestehen, sie tut es vielleicht sogar an der ein oder anderen Stelle, sondern sie flieht einfach nur und möchte etwas Zeit rausschinden. Quelle: Interview mit Olga Grjasnowa Und so kehren Lou aus Spanien bzw. Israel und Sergej von einer Konzertreise mit einem potenziellen Seitensprung fast gleichzeitig nach Berlin zurück. Ende Juli aufgebrochen haben sie sich drei Monaten lang um sich selbst und im Kreis gedreht, ohne irgendwie weitergekommen zu sein. Entwicklung ist nicht erkennbar. Olga Grjasnowas neuer Roman ist zwar so souverän und temporeich wie dessen Vorgänger, aber leider deutlich weniger erkenntnisreich. Wenig, was man über heutiges jüdisches Selbstbewusstsein oder eben auch jüdische Selbstzweifel nicht längst gewusst hätte. Wenig, was man als originelle Wendung oder Einsicht verbuchen könnte. Lous Identitätssuche bringt leider nicht weiter. Sie nicht. Und uns nicht. Schade.
undefined
Sep 19, 2024 • 4min

Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock

Sascha Kowalczuk ist stocksauer. Die Dauernörgelei im Osten, das Wahlverhalten der Wutbürger - in alledem schwingt für Kowalczuk ein Stück Realitätsblindheit mit. Denn: Die deutsche Einheit ist nicht nur längst vollzogen. Sie ist auch eine Erfolgsgeschichte geworden. Das ist nur noch nicht durchgedrungen. Quelle: Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock Aus Kowalczuks Sicht nämlich haben viele Ostdeutsche nie begriffen, dass Demokratie im Kern nicht D-Mark, Mallorca-Reisen und Rundumversorgung bedeutet. Sondern dass Diktatur-Sozialisierte zu citoyens heranreifen müssen: Freiheit ist eine Angelegenheit, die nur funktionieren kann, wenn sich der Einzelne bewegt und sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt. Quelle: Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock Freiheit bedeutet Einmischung Mit Einmischen meint Kowalczuk nun keineswegs den tumben Stammtisch um die Ecke oder  bei X  und Tiktok. Sondern dass man kapiert, dass Demokratie Interessenausgleich und Kompromiss bedeutet. Also sich einmischen, den Mund aufmachen mit Verständnis für die Gegenseite. Aber, so der Autor weiter: Genau das wird einem in der Diktatur mit allen Mitteln abgenommen, abtrainiert, brutal weggenommen. Quelle: Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock Zwei Gesellschaften trafen aufeinander, die sich längst auseinander gelebt hatten Denn dort gab es nur eine Wahrheit. Was das in den Köpfen hinterlassen hat, haben auch die verbohrtesten Antikommunisten im Westen nie erfasst. 1990 sind zwei Gesellschaften zusammengeführt worden, die sich so weit auseinandergelebt hatten, wie es nur denkbar war. Naiv glaubten viele gelernte Bundesbürger, die Ostdeutschen hätten ja nur auf sie gewartet - denn nach 28 Jahren Gefängnis und 40 Jahren SED-Gängelung lechze man naturgemäß nach genau der Freiheit, die der Westen nun bringe. Umgekehrt dachten die meisten DDR-Bürger genauso naiv. In ihrer einzigen freien Volkskammerwahl im März 1990 votierten sie für den schnellen Beitritt. Vor lauter Euphorie waren sie blind. Kowalczuk konstatiert: Sie erfanden einen Westen, den es nie gab. Sie konstruierten eine Idylle, die sie am 18. März 1990 herbeiwählen wollten. Eine Fehlwahrnehmung, die fast niemand dem eigenen Unvermögen anlastete, sondern dem Westen selbst, der sie angeblich getäuscht, betrogen, belogen hätte. Quelle: Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock Hier muss man Kowalczuk allerdings entgegenhalten, dass alle bundesdeutschen Parteien außer den Grünen den Volkskammerwahlkampf aktiv gekapert hatten - und mit ihm die eigene Demokratie-Bewegung der DDR. Ost-Oppositionelle wie Rainer Eppelmann, Markus Meckel, Konrad Weiß, Jens Reich - sie bekamen nie wirklich die Chance, ihre Landsleute adäquat mit den Anforderungen der parlamentarischen Demokratie vertraut zu machen. In der großen Unsicherheit danach wurde die DDR bald rosarot verklärt. Und Kowalczuk trifft ins Schwarze, wenn er über diese Verklärer schreibt: Sie repräsentieren eine große ostdeutsche Mehrheit, die mit ihrer unverarbeiteten Diktatursozialisation weder die Vergangenheit verarbeitet, noch die Herausforderungen der repräsentativen Demokratie und die Kraft der Freiheit verarbeitet hat. Es gab keine Demokratie- und Freiheitsschulung im Osten. So etwas wie Re-Education in Westdeutschland fehlte. Quelle: Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock Dringlicher Appell, viele eingeübte Denk-Schemata endlich abzustreifen Umgekehrt hätten die meisten Westdeutschen nie begriffen, dass drei Vierteln der Ostdeutschen in den 90er Jahren der Boden unter den Füßen weggezogen worden sei: Mit ihrem vertrauten Arbeitsplatz verloren sie ihre gesamte gesellschaftliche Einbindung, den Großteil ihrer menschlichen Beziehungen. Kowalczuk hat völlig recht, wenn er feststellt, dass beide Seiten bis heute viel zu wenig voneinander wissen. Sein Buch Freiheitsschock ist da aber nur ein aktueller Problemaufriss. Um die Dimensionen genauer zu erfassen, sollte man auch zu Kowalczuks Buch Die Übernahme von 2019 greifen. Erst beide Bände zusammengenommen können wertvolle Denkanstöße liefern: indem sie Ost und West aufrütteln und an uns alle in Deutschland appellieren, viele eingeübte Denk-Schemata endlich abzustreifen.
undefined
Sep 18, 2024 • 4min

Pajtim Statovci – Meine Katze Jugoslawien

Katzen, immer wieder Katzen. Sie spielen im Leben des rund dreißig Jahre alten Bekim ebenso eine Rolle wie in dem seiner Eltern, die Anfang der 1990er Jahre aus dem albanischen Kosovo nach Finnland emigrierten, als der Kosovokrieg sich schon abzeichnete. Bekim wuchs in Helsinki auf und sah die Heimat nur in den Sommerferien. Fremd ist er dort genauso wie in dem Land, dessen Sprache er jetzt spricht. Soweit decken sich seine Erfahrungen mit denen des Autors Pajtim Statovci. Er kam 1992 im Alter von zwei Jahren mit seinen kosovo-albanischen Eltern nach Finnland und schreibt in finnischer Sprache.   Mit Schlange und sprechender Katze  In seinem Debütroman „Meine Katze Jugoslawien“ berichtet er abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Bekim und seiner Mutter Emine. Bekim lebt alleine, er ist schwul und hat lieblosen Sex mit Männer, die er in Chatrooms kontaktet. Vertrauter ist ihm die Würgeschlange, die er in seiner kleinen Wohnung hält, und eine Katze, die er in einer Schwulenbar kennenlernt. Sie trägt einen Anzug und kann sprechen – ein magisches Menschen-Tier, das bei Bekim einzieht, sich aber bald als verfressener Spießer mit homophoben und fremdenfeindlichen Ansichten entpuppt.   Ausländer sind dumm und laut, und wenn sie an einem vorbeigehen, betäubt einen der Gestank, den sie absondern. Wenn man ihnen Arbeit gibt, stehlen sie Geld. Und gibt man ihnen eine Wohnung, machen sie darin alles kaputt, auch wenn sie nicht einmal selbst dafür bezahlen.   Quelle: Pajtim Statovci – Meine Katze Jugoslawien Auf der zweiten Erzählebene beginnt Bekims Mutter Emine ihre Lebensgeschichte mit ihrer Verheiratung im Jahr 1980, einem archaischen, kosovarischen Fest, das nach festen Regeln abläuft. Es findet ein abruptes Ende, weil Tito stirbt und das Land in Trauer versinkt. Früher, so erfährt Emine vor der Hochzeitsnacht, sei es Brauch gewesen, dass der Ehemann eine Katze ins Schlafgemach brachte, um sie vor den Augen der Braut zu erwürgen und so seine Macht zu demonstrieren.   Erst in dem Moment begriff ich, dass ich mein ganzes restliches Leben mit ihm verbringen würde, und dieser Gedanke schlug in meine Rippen ein wie eine Abrissbirne in ein Haus. (…) Und wenn wir nie lernen würden, uns zu lieben? Was würde dann geschehen? Quelle: Pajtim Statovci – Meine Katze Jugoslawien Verlust der Gewissheiten  Bekims Mutter entflieht schließlich nicht nur dem Krieg, sondern auch dieser patriarchalen Welt. Sein Vater ist als Lehrer und Literaturinteressierter fast ein Intellektueller, ist aber auch in Finnland von seiner Herkunft geprägt. Es ist ein weiter Weg aus der traditionsbestimmten Dorfwelt in die anonyme finnische Großstadt. Denn die Befreiung vom Althergebrachten bedeutet zugleich den Verlust der Gewissheiten und des sicheren Bodens.  Auch Bekim steckt in den patriarchalen Strukturen fest. Mag sein, dass er sich mit seiner Homosexualität möglichst weit vom Vater und seiner Familie entfernt zu haben glaubt, doch im Verhältnis zu der fiesen Katze aus dem Schwulenclub verhält er sich selbst wie eine unterwürfige Frau, kocht und wäscht und putzt für sie. Vielleicht versucht er damit aber auch die Traumata seiner Kindheit loszuwerden, als Katzen und Schlangen Albträume verursachten. Parallel zu dieser surrealen Tierfabel entfaltet sich in Emines Erinnerungen eine realistisch genau erzählte Ehe- und Migrationsgeschichte.  Fremdheit und Heimatverlust  Eindrucksvoll schildert Statovci vor allem die Angst und die Scham der Migranten zur Zeit des Kosovokrieges, den sie vor dem Fernseher erleben, ohne zu wissen, was in den Dörfern passiert und wer überhaupt noch am Leben ist. „Die Katze Jugoslawien“ ist ein ungemein politischer und doch spielerischer Roman, der erlebbar macht, was es bedeutet, das Land, die Sprache, das Klima und die Kultur zu wechseln. „Migrationshintergrund“ ist dafür ein viel zu niedliches Wort. Migration ereignet sich immer im Vordergrund. Die Fremdheit ist in jedem Moment spürbar und erfasst den ganzen Menschen. Selten ist davon so eindrucksvoll erzählt worden wie in diesem finnisch-kosovarischen Roman.
undefined
Sep 17, 2024 • 4min

Sara Weber – Das kann doch jemand anderes machen!

KI ist heute allgegenwärtig und wird auch im Berufsalltag immer relevanter: Sie übernimmt lästige Aufgaben und beschleunigt so manchen Arbeitsprozess. In „Das kann doch jemand anderes machen! Wie KI uns alle sinnvoller arbeiten lässt“ beleuchtet Autorin Sara Weber Risiken und Chancen der KI.   KI, Dampfmaschine, Elektrizität – Technologische Entwicklungen verändern die Arbeitswelt   Zunächst verweist sie darauf, dass der technologische Fortschritt die Arbeitswelt schon immer verändert hat: Der mechanische Wecker ersetze den menschlichen Aufwecker und der Beruf der Telefonistin wurde mit der Automatisierung der Ortsnetze obsolet. Allerdings verschlechterten sich mit der Industrialisierung auch die Arbeitsbedingungen und die Löhne sanken.   Bessere Technologie sorgt nicht einfach für bessere Arbeitsbedingungen oder bessere Bezahlung. Diese Veränderungen mussten in der Vergangenheit und müssen auch heute noch erkämpft und erstritten werden. Quelle: Sara Weber – Das kann doch jemand anderes machen! Dass das auch in Hinblick auf KI der Fall ist, zeigt Weber anhand des Streiks der Drehbuchautorinnen und -autoren in Hollywood. Die Gewerkschaft forderte unter anderem, dass die KI bei tarifgeschützten Projekten kein literarisches Material schreiben darf. Damit soll sichergestellt werden, dass KI die Autorinnen und Autoren auch in Zukunft nicht ersetzt. Bekannte Schauspieler wie George Clooney unterstützen die Forderungen. Zudem erläutert Weber, welche Strategien verschiedene politische und gesellschaftliche Akteure für den Umgang mit KI entwickeln: Etwa den AI-Act der Europäischen Union, der den Einsatz von KI in Forschung und Wirtschaft regulieren soll. Vieles davon ist weitläufig bekannt und die zugehörigen Argumente nicht unbedingt neu. Doch Webers kompakte Zusammenstellung des Status Quo macht deutlich, wie vielschichtig die KI-Debatte ist.  Spannende Recherchen und innovative Konzepte  Erfrischend sind die Abschnitte, in denen die Autorin von ihren eigenen Recherchen erzählt: Mit Physiklehrer Patrick Bonner spricht Weber über den Einsatz von KI im Schulunterricht. In der Bäckerei Wildbadmühle schaut sie sich an, wie mithilfe von KI die Nachtarbeit reduziert und Arbeitsprozesse verbessert werden. Am Essener Uniklinikum lässt sie sich vom Ärztlichen Direktor das Konzept ‚Smart Hospital‘ erklären und testet selbst einen KI-Assistenten.  Wir fragen die KI: Hat der Patient Vorerkrankungen? Es dauert kurz, dann erscheint ein ausführlicher Satz, der alle Vorerkrankungen beschreibt. Weil die KI nicht nur eine These ausspuckt, sondern auch die Quellen angibt, können die Ärztinnen und Ärzte nachsehen, ob alles stimmt, ohne sich durch Berge an Dokumenten zu wühlen. Eine Zeitersparnis, die gleichzeitig die medizinische Versorgung verbessert. Quelle: Sara Weber – Das kann doch jemand anderes machen! Bei aller Begeisterung für die neuen Möglichkeiten verliert Weber nicht aus den Augen, dass der Einsatz von KI auch höchst problematisch sein kann: Wenn etwa Konzerne wie Amazon mithilfe von algorithmischem Management ihre Mitarbeitenden überwachen oder KI in Bewerbungsprozessen vorhandene Ungleichheiten reproduziert. Denn:  Am Ende formalisiert die KI ja nur die Muster, mit denen sie trainiert wird – und wenn diese Muster sexistisch oder rassistisch sind, wird es eben auch die KI. Quelle: Sara Weber – Das kann doch jemand anderes machen! Plädoyer für einen konstruktiven und bewussten Umgang mit KI  Die anschaulichen Beispiele machen die Lektüre kurzweilig, und die Autorin verzichtet auf komplizierte Technik-Exkurse. Stattdessen diskutiert sie innovative Ansätze und Ideen und eröffnet interessante Einblicke in verschiedene Berufsfelder, die sich mit dem Einsatz von KI verändern. Ihr Resümee: Wir sollten uns dem technologischen Fortschritt nicht verschließen, sondern KI bewusst und konstruktiv nutzen.  Technologien sind kein Selbstzweck. Wir als Menschen, als Gesellschaft müssen aktiv überlegen, entscheiden und umsetzen, wie eine positive Zukunft unserer Arbeitswelt aussehen soll, die gut für möglichst viele von uns ist. Dafür bleibt nicht mehr viel Zeit. Denn die KI-Revolution ist weitreichender als viele glauben – und sie hat längst begonnen.   Quelle: Sara Weber – Das kann doch jemand anderes machen!
undefined
Sep 16, 2024 • 4min

Julia Phillips – Cascadia

Ein viel beachteter TikTok-Trend in den vergangenen Monaten war eine Umfrage unter jungen Frauen: Ob sie alleine im Wald lieber einem Bären oder einem Mann begegnen wollten, wurden die Frauen gefragt. Die überwältigende Mehrheit entschied sich für den Bären. Die Frage, die in Julia Phillips neuem Buch unter anderem aufgeworfen wird, lautet: Wie lebt es sich, wenn man vor beiden Angst hat, vor Bären und vor Männern? Das zumindest trifft auf Sam zu, eine der beiden Protagonistinnen von „Cascadia“.  Wie schon ihren bemerkenswerten Debütroman hat Phillips auch das neue Buch in eine beeindruckend schöne, stimmig gezeichnete Landschaft hineingesetzt: Sam und ihre dreizehn Monate ältere Halbschwester Elena leben auf San Juan, der Hauptinsel einer zum Bundesstaat Washington gehörenden Inselgruppe. Ein Paradies für Touristen, doch das Leben der Schwestern ist in höchstem Maße prekär: Ihre Väter haben sich jeweils schon vor der Geburt der Töchter aus dem Staub gemacht. Die Mutter hat ihre Lunge bei der Arbeit in einem Nagelstudio ruiniert und liegt todkrank in dem herunter gekommenen Haus, das der Familie, so glaubt jedenfalls Sam, noch gehört.  Zwei ungleiche Schwestern  Sam arbeitet im Schichtdienst auf den Fähren zwischen den Inseln; Elena in einer Bar. Sams ganze Hoffnung richtet sich auf die Zeit nach dem Tod der Mutter: Danach, so glaubt sie, würden die Halbgeschwister das Haus teuer verkaufen und von vorne anfangen können. „Cascadia“ hat einen klassischen novellistischen Kern. Es ist tatsächlich die schon sprichwörtliche unerhörte Begebenheit, die in die starren Verhältnisse Dynamik hineinbringt: Eines Nachts steht ein Bär vor dem Haus. Und es bleibt nicht bei diesem einmaligen Vorfall. Während die in ihren Ängsten gefangene Sam panisch auf das wilde Tier reagiert, baut Elena zum Entsetzen ihres gesamten Umfeldes gegen jede Wahrscheinlichkeit eine Beziehung zu dem Bären auf:  Ein Geschöpf, das auf ihrer Insel nicht heimisch war und nicht zu ihrem Leben gehörte, war trotzdem gekommen. Es war meilenweit durch die nasse schwarze Nacht geschwommen, um an ihrer Haustür zu landen. Es galt als aggressiv, war aber eher sanft. Es galt als wild, verhielt sich aber zahm.  ‚Ist das nicht toll?‘, fragte sie Sam. ‚Kommt dir das nicht auch magisch vor?‘ Quelle: Julia Phillips – Cascadia Julia Phillips spielt in „Cascadia“ ganz bewusst mit Märchenelementen. Ihrem Roman hat sie ein Zitat aus „Schneeweißchen und Rosenrot“ voran gestellt. Der Bär wird in „Cascadia“ zu einem symbolischen Gefäß, in dem die unterschiedlichen Gefühle der beiden vermeintlich symbiotischen Schwestern gesammelt werden: Sehnsucht, Furcht, Glückserwartung, Zuneigungsbedürfnis.  Ein Bär als Gefäß von Sehnsüchten  Zugleich ist der Roman aber auch ein harscher Desillusionierungsprozess, vor allem für Sam. In ihr zerplatzt innerhalb kurzer Zeit eine Illusion nach der anderen, vor allem im Hinblick auf das Verhältnis zu ihrer Schwester Elena. Die klärt Sam kurz nach dem Tod der Mutter in einem Streit über die wahren Verhältnisse auf:  Wir mussten eine Hypothek auf das Haus aufnehmen, Sam. Du hast keine Ahnung, wie viele Schulden sich durch Moms Arztrechnungen angehäuft haben. Seit Jahren steht uns das Wasser bis zum Hals. Wenn wir verkaufen, hat nur die Bank etwas davon, und wir hätten kein Dach mehr über dem Kopf.‘ Sam hörte Elenas Worte, doch ihre Bedeutung war fragmentarisch, wie Bruchstücke eines Spiegels. Quelle: Julia Phillips – Cascadia Julia Phillips kommt mit „Cascadia“ nicht an die Qualität ihres Debütromans heran. Ja, auch dieses Buch ist passagenweise spannend; die Verbindung von Landschaft und Figuren ist schlüssig. Aber hin und wieder knarrt die Mechanik der Konstruktion allzu laut, und auch das Verhältnis der beiden Halbschwestern ist recht schematisch gezeichnet. Dass eine solche Geschichte nicht gut ausgehen kann, versteht sich: Wie in den Grimm‘schen Märchen liegen Grausamkeit und Erlösung auch hier dicht beieinander.
undefined
Sep 15, 2024 • 6min

Clemens J. Setz zum Schreiben: Ohne Nebenjobs geht es nicht!

„Ich brauche immer mehrere kleine Nebenjobs wie Übersetzungen oder Artikel“, erzählt er im Lesenswert-Gespräch. Über das Thema Geld wird unter Autorinnen und Autoren kaum gesprochen, sagt er, das sollte sich ändern.
undefined
Sep 15, 2024 • 4min

Mithu Sanyal – Antichristie | Buchkritik

Was sagt Ihnen Vinayak Savarkar, was Madan Lal Dhingra? Mohandas Gandhi? Moment, das war doch der mit dem gewaltfreien Widerstand? Schon richtig. Aber was diese Drei verbindet ist: Sie haben um das Jahr 1906 im Londoner „India House“, einem Studierenden-Wohnheim, gelebt oder sich dort getroffen. Haben konspiriert oder sogar Bomben gebaut. Mitten in Highgate, im Herzen des Britischen Empires, wurde die Unabhängigkeit Indiens von genau diesem Empire geplant. Ein Roman wie ein Mikadospiel                                                                                           Der Roman reist buchstäblich in die Zeit zurück, ins Jahr 1906. Er ist sinnlich und fantastisch, voller Bezüge und Verweise: Wie kommt etwa Sherlock Holmes ins Spiel, und was hat das Ganze mit der Kultserie „Doctor Who“ oder dem Tod der Queen im September 2022 zu tun? Mithu Sanyal baut einen Roman wie das Gewirr von Mikado-Stäbchen, das eine innere Logik zusammenhält. Ein Ziehen bringt alles in Bewegung.  Wenn Zeitreisen möglich sind, wird es sie geben. Wenn es sie geben wird, gibt es sie bereits. Aber glaubt ihr im Ernst, dass die Menschen, die die Macht haben, durch die Zeit zu reisen, das verraten würden? Natürlich nicht! Quelle: Mithu Sanyal – Antichristie Es beginnt mit einer Panne, die etwas Tragikomisches hat: Die fünfzigjährige Durga will die Asche ihrer Mutter verstreuen, aber ein Windstoß weht sie ihr und den Trauergästen ins Gesicht, zwischen die Zähne. Durga aus Köln ist Drehbuchautorin. Das Verhältnis zu ihrer deutschen Mutter war schwierig, ihr Vater ist aus Indien. Und die Mutter lässt sie nicht los, die lineare Zeit wird löchrig. Ein schwarzer Detektiv Poirot? Durga reist kurz danach nach London, mit anderen Autorinnen und Autoren soll sie den Plot für einen neuen Film nach einem Roman von Agatha Christie entwickeln, allerdings anti-rassistisch, feministisch. Detektiv Hercule Poirot, ein Schwarzer? Dagegen regt sich Widerstand: Vor dem Gebäude der Filmfirma wird gegen das vermeintliche Auslöschen der britischen Kultur demonstriert. Doch dann - stirbt die Queen. Aus dem Jenseits erreicht Durga eine Nachricht ihrer Mutter. Und völlig unerwartet rutscht sie durch die Zeit, findet sich im Jahr 1906 wieder. Und nicht als Frau, sondern als junger indischer Mann. Ein ekstatischer Moment. Mein Bauch war nicht nur so flach wie seit Jahren nicht mehr, er kurvte auch nach innen zu seidigen Schamhaaren, und darunter … schaute … ein … Penis hervor. Gebannt streckte ich meine Hand aus und tippte vorsichtig mit dem Mittelfinger dagegen. Quelle: Mithu Sanyal – Antichristie Die Lektüre ist kein Spaziergang Der Titel „Antichristie“ bezieht sich auf das Umschreiben von Agatha Christies weißen Figuren, aber auch auf den „Anti-Christ“: Gemeint ist hier der fast dämonische Freiheitskämpfer Savarkar. Ausgerechnet in ihn verliebt sich Sanjeev, so heißt Durga in ihrem neuen Ich. Savarkar, der Jahre später zum Vordenker des radikalen Hindu-Nationalismus wird. Der Roman flimmert vor historischen Bezügen, vor Pop-Zitaten und postkolonialer Debatte, das macht das Lesen nicht zum Spaziergang. Mithu Sanyal legt den Finger in die Wunde der kollektiven Ignoranz des Westens, macht es aber mit Humor. Zusammen mit Sherlock Holmes will Sanjeev ein Attentat im „India House“ aufklären, und immer wieder bricht die Gegenwart in die Vergangenheit. Es wird klar, dass „Antichristie“ selbst ein Kriminalroman à la Agatha Christie ist. Literatur ist ein wildes, neugieriges Gespräch über die Generationen hinweg. Und die Funktion von Krimis ist dabei, Verborgenes sichtbar zu machen. In unserem Fall die unsichtbare Kolonialgeschichte in der Popkultur. Durga war von sich selbst beeindruckt. Quelle: Mithu Sanyal – Antichristie Wie Mithu Sanyal Gandhi hier als gar nicht so sympathische Figur zeichnet, wie sie an die Wurzel von Freiheitskampf und Terrorismus geht, ist elektrisierend. Durgas Zeitreise im Körper eines Mannes ist erotisch, witzig und gleichzeitig von Trauer durchsetzt: Die Asche fliegt uns als Lesenden zurück in den Mund. Als die Geschichte, die wir ignorieren, unterdrücken, nicht sehen wollen. Brillant.
undefined
Sep 15, 2024 • 6min

Sieben Jahre Haft für einen Roman? Gespräch mit Sandra Hetzl (PEN-Berlin)

Der Vorwurf: Terrorpropaganda. Sandra Hetzl von der Autorenvereinigung PEN Berlin begleitet den Prozess in Istanbul. Im Lesenswert-Gespräch spricht sie darüber, wie die türkischen Behörden zusammen mit regierungstreuen Medien, unbequeme Autoren, wie Yavuz Ekinci verfolgen. Ein weiterer Roman von Yavuz Ekinci wurde auf Deutsch übersetzt:

The AI-powered Podcast Player

Save insights by tapping your headphones, chat with episodes, discover the best highlights - and more!
App store bannerPlay store banner
Get the app