

SWR Kultur lesenswert - Literatur
SWR
Die Sendungen SWR Kultur lesenswert können Sie als Podcast abonnieren.
Episodes
Mentioned books

Sep 29, 2024 • 6min
Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
Aldous Huxley ist weltberühmt durch eine Reise ins Jahr 2540. Aus dem dann weltumspannenden Rundum-Wohlfühl-Totalitarismus berichtet sein Roman „Schöne neue Welt“. Huxley ist aber auch viel in der alten Welt, bevorzugt Italien, gereist.
Daraus resultierte sein Buch „Along the Road“ – kein Reisebericht üblicher Art, sondern eine zwischen Ernst und Witz changierende Sammlung von Essays zu vielfältigen Reise-Themen.
„Warum nicht lieber zuhause bleiben“ lautet der Titel des ersten Stücks. In Wahrheit würden die meisten Reisenden nicht gern reisen, so Huxleys Befund. Deshalb gäben sie unterwegs auch kein erfreuliches Bild ab:
Touristen sind im Allgemeinen ein recht trübseliger Haufen. Ich habe schon bei Beerdigungen fröhlichere Gesichter gesehen als auf dem Markusplatz.
Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
Warum aber wird dann so viel gereist? Weil es dazugehört, weil es alle tun, weil es Sozialprestige bringt. Und so werden die Mythen des Reisens ein ums andere Mal nachgesprochen, etwa: „Paris ist einfach wunderbar.“
Schwitzende Wandervögel
Neben den Touristen aus Konvention gebe es aber noch jene wahren Reisenden, die dem Unterwegssein wie einem Laster frönen. Huxley zählt sich natürlich selbst dazu, wobei er am liebsten bequem im eigenen Auto reist, mit seiner Frau am Steuer.
Mit Spott blickt er auf die damals trendige Bewegung der Wandervögel, zumeist schwitzende Deutsche, an denen er entspannt vorbeifährt. Zu Fuß latschen ist seine Sache nicht.
Die Liebe zur Natur und zum Landleben ist für ihn eine Erfindung jener Menschen, die in unwirtlichen, kühlen, verregneten Gegenden leben müssen, insbesondere der Engländer also, die diese Passion parallel zur Industrialisierung entwickelten:
Es sollte niemanden überraschen, dass die Menschen, die ihre Städte als Erste durch Krach und Dreck unbewohnbar gemacht haben, auch die ersten waren, die ihre Liebe zur Natur entdeckten.
Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
Ein wichtiges Thema ist die richtige Reiselektüre. Huxley schmäht den Baedecker. Stattdessen hat er überall einen handlichen Dünndruckband der „Encyklopädia Britannica“ dabei, egal welcher Buchstabe. Die kurzen, abgeschlossenen Einträge seien genau das Richtige für den kleinen Lektürehappen unterwegs.
Beim Stöbern in diesem Angebot phantastisch unterschiedlicher Fakten, die der Zufall des Alphabets zusammenführt, fröne ich meinem geistigen Laster. Ein Band der „Encyclopädia“ ist wie das Gehirn eines gebildeten Wahnsinnigen – voll mit richtigen Ideen, zwischen denen es aber keine Verbindung gibt.
Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
Das schönste Bild der Welt
Mehrere Essays widmet Huxley einzelnen seiner Reisen, etwa in italienische Bergorte abseits der Touristenströme. Auffallend ist dabei, dass er Landschaften mit dem Blick eines Malers wahrnimmt und sie oft mit berühmten Kunstwerken vergleicht. Im Rathaus des toskanischen Städtchens Borgo Sansepolcro stößt er auf das, wie er schreibt, „schönste Bild der Welt“.
Es ist Piero della Francescas Fresko „Die Auferstehung Christi“ mit einem athletischen Jesus. Huxleys Schwärmerei hatte außergewöhnliche Wirkung: Weil er diesen Text gelesen hatte, verzichtete im Zweiten Weltkrieg ein britischer Artillerieoffizier auf den Beschuss des umkämpften Ortes.
In Siena dagegen triumphiert nicht die gebildete Beschaulichkeit, sondern der Sport – Huxley beschreibt eines der berühmtesten Pferderennen der Welt. Beim Palio rasen die Jockeys auf dem sandbestreuten Pflaster des Hauptplatzes der Stadt im Dreieck, und die gefährlichsten Hausecken sind mit Matratzen gepolstert.
Die Fahrradfahrer von Amsterdam
Diese skurrile und geistreiche Reportage ist ein Höhepunkt des Buches, ebenso Huxleys pointierter Essay über die geometrischen Niederlande. In Amsterdam irritieren ihn die „korpulenten Kurtisanen“ in den Fenstern und die hunderttausend Fahrradfahrer:
Vierjährige Kinder transportieren Dreijährige auf der Lenkstange. Mütter strampeln fröhlich mit schlafenden Säuglingen hinten im Korb auf dem Gepäckträger dahin. Botenjungen finden nichts dabei, zwei Kubikmeter große Pakete auf dem Fahrrad zu transportieren.
Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
Zum Reisen gehören die Begegnungen mit Menschen. Größere Geselligkeit ist Huxley jedoch verhasst. Denn er weiß, er macht da keine gute Figur:
Ich glänze nicht in Gesellschaft, ja, ich schimmere nicht einmal. Unterbelichtet zu sein und es auch noch zu wissen, ist demütigend.
Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
Wenn Huxley dann die Details seiner gesellschaftlichen Inkompetenz aufzählt, schimmert und strahlt immerhin sein Talent zu gewitzten, selbstironischen Formulierungen, die in Willi Winklers frischer Übersetzung gut zur Geltung kommen.
Das Freizeitproblem
Von dem Autor, der wenige Jahre später „Schöne neue Welt“ geschrieben hat, ist in „Along the Road“ allerdings nur wenig zu spüren – abgesehen vom letzten Essay über Arbeit und Freizeit, der die Zukunft im Zeichen von Automatisierung und „synthetischen Lebensmitteln“ beschwört.
Die Verkürzung der Arbeitszeit werde neue Probleme bringen: die Zunahme von nervösen Beschwerden wie Langeweile, Übellaunigkeit, Unruhe oder Verliebtheit. Schöne neue Welt, die dagegen vorsorgt mit Glücksdrogen und Spaßkultur. Denn…
…bei den meisten wird der Kopf erst beschäftigt, wenn es gar nicht mehr anders geht. (…) Für einen Großteil der Menschen endet die intellektuelle Entwicklung bereits in der Kindheit, das weitere Leben durchschreiten sie mit den intellektuellen Fähigkeiten von Fünfzehnjährigen.
Quelle: Aldous Huxley – Along the Road. Aufzeichnungen eines Reisenden
„Along the Road“ ist eine Lektüre für Leser ab sechzehn, amüsant, anregend, mit ein paar Längen bei den Kunstbetrachtungen. Manche Seiten überblättert man, um andere dafür zweimal zu lesen. Im Ernst: Dass es bisher nie eine deutsche Ausgabe dieses charmanten Buches über das Reisen gab, ist beinahe ein Witz.

Sep 29, 2024 • 10min
Zum 100. Geburtstag von Siegfried Unseld
Siegfried Unseld war ein mächtiger Mann. Wenn er den Raum betrat, dann war es voll. Der Schriftsteller Rainald Goetz erinnert sich an die erste Begegnung mit seinem Verleger, der ihm mit schwingenden Armen im Seemannsgang entgegengekommen sei. Dabei habe er sich kurz mit der Linken zwischen die Beine gegriffen, um zu heben und zu lockern was dort hing. Goetz war hingerissen von dieser „fein abgezirkelten Unkultiviertheit“:
Dass ein solcher König der geistigen Welt, wie es Unseld damals war, in der Erstbegegnung mit einem neuen Autor so entschieden erdig auf seine Physis und deren Vitalität hinweist, mit einer im bürgerlichen Kontext so ungewöhnlich deplatzierten Geste (…), das war ein Hinweis auf die immense Spannung von Unselds Naturell, die ihm in so einzigartig reicher Weise Zugang zu den unterschiedlichsten Welten, Ideen und vor allem eben Menschen ermöglicht hat.
Quelle: Stephan Schlak, Jan Bürger - Zeitschrift für Ideengeschichte Herbst 2024: Unternehmen Unseld
Rainald Goetz‘ Unseld-Würdigung ist zu finden in der aktuellen Ausgabe der „Zeitschrift für Ideengeschichte“, die – pünktlich zum hundertsten Geburtstag – dem „Unternehmen Unseld“ gewidmet ist. Goetz zeigt damit schlaglichtartig die Spannweite dieses Mannes, der im Suhrkamp-Verlag zwischen den Portalfiguren Hermann Hesse und Bertolt Brecht alles unterbrachte, was Rang und Namen hatte.
Max Frisch, Martin Walser, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger machte er zu seinen engsten Beratern. Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas, Niklas Luhmann und später Peter Sloterdijk prägten mit ihren Schriften das Land, in dem es ohne die edition suhrkamp kein 1968 gegeben hätte.
Patriarch mit Armbanduhr
Dass Unseld ein Patriarch alter Schule und der Suhrkamp-Verlag eine Männerdomäne war, arbeitet Mara Delius in ihrem Beitrag für das Ideengeschichtsheft heraus. Das ist so wahr wie naheliegend.
Aufschlussreich sind daneben Texte von Niklas Maak über die Unseld-Villa in Frankfurt am Main, von Detlev Schöttker über die edition suhrkamp und ihre Einbände in Regenbogenfarben, das Gespräch mit dem ehemaligen Hanser-Verleger und Unseld-Bewunderer Michael Krüger oder kleine Beobachtungen von Durs Grünbein, dem es vor allem Unselds imposante Armbanduhr angetan hat:
Bei der ersten Audienz / sah ich immer nur / Unselds Uhr / aus Verlegenheit / ging der Blick beiseite / von der Statur / des großen Verlegers / zum Handgelenk / in dieser Sternstunde / war es die Uhr / an Unselds Arm / die mich beruhigte / wie der solide Mann
Quelle: Stephan Schlak, Jan Bürger - Zeitschrift für Ideengeschichte Herbst 2024: Unternehmen Unseld
Die Bedeutung Unselds für die deutsche Nachkriegsgeschichte ist gar nicht hoch genug anzusetzen. Unseld wurde zum geistigen Patron einer ganzen Epoche und war zugleich ein umtriebiger Geschäftsmann. Linke schmähten ihn als Kapitalisten, der aus Büchern mit kapitalismuskritischer Theorie Rendite erwirtschafte. Doch für Unseld waren geistiger Einfluss und wirtschaftlicher Erfolg keine Gegensätze.
Mit dem Tod Peter Suhrkamps 1959 zum Verlagsleiter aufgestiegen, verwandelte er den kleinen Suhrkamp-Verlag zielstrebig ein florierendes mittelständisches Unternehmen, dessen Umsatz 1990 an der hundert Millionen-Marge kratzte.
Dabei verstand sich der Verleger immer auch als Förderer und finanzieller Rückhalt seiner Autoren, die er, wenn es sein musste, auch ein Leben lang unterstütze – so wie Wolfgang Koeppen mit seiner legendären Schreibblockade, wohl wissend, dass dessen nächster Roman niemals fertig und vielleicht noch nicht einmal angefangen werden würde.
Briefband zeigt Siegfried Unselds Erfolgsgeheimnis
Unselds Erfolg beruhte auf seiner Leidenschaft für die Literatur. Seine Arbeit empfand er als Lebensglück, sechzehn Stunden am Tag machten ihm nichts aus.
Wissen Sie, dass ich am Morgen, beim Aufstehen, glücklich bin, wieder einen Tag, einen Arbeitstag vor mir zu haben?
Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002
… schrieb er im Februar 1966 an den „lieben Max Frisch“, nachdem sein Schweizer Star-Autor ihm harsch die Meinung gegeigt und ein zunehmendes „Primat des Kommerziellen“ beklagt hatte. Unseld konnte jedoch für sich in Anspruch nehmen, nicht bloß einzelne Bücher, sondern ganze Werke zu verlegen. Frischs Vorwurf setzte er sein verlegerisches Credo entgegen:
Der Verlag, jedenfalls der Verlag, den ich mir denke, mein Verlag, ist eben keine Firma, keine Agentur für Literaturverwertung, da bin ich, Sie haben ganz recht, Romantiker genug.
Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002
Unselds Antwort an Frisch ist einer von hundert Briefen, die die beiden Herausgeber Ulrike Anders und Jan Bürger in der Bibliothek Suhrkamp vorlegen. Die „Hundert Briefe“ sind ein verschwindend kleiner Prozentsatz des Gesamtkonvoluts, das angeblich mehr als 50.000 Exponate aus mehr als einem halben Jahrhundert umfasst.
Die kleine Auswahl bildet Unselds Lebenslauf vom Verlags-Lehrling in Ulm 1947 bis zum Tod des Patriarchen im Jahr 2002 ab, zeichnet ein intellektuelles Panorama und deutet die Verlagsgeschichte an. Als literarisches Großepos sind Unselds Briefe noch zu entdecken, auch wenn die Korrespondenzen mit Uwe Johnson, Peter Handke, Thomas Bernhard und Wolfgang Koeppen bereits in umfangreichen Einzelausgaben vorliegen.
Neben dem Briefwerk erhebt sich mit Unselds seit 1970 geführter „Chronik“ ein weiteres Text-Gebirge, das von seiner unfassbaren Produktivität und Umtriebigkeit zeugt. Tag für Tag hat Unseld hier alle Begegnungen, Gedanken, Pläne, Ereignisse, Privates, aber vor allem Geschäftliches festgehalten. Die Begründung dafür lieferte er 1976 selbst:
Indem ich diese Chronik schreibe, beurteile, bewerte ich das unmittelbar Vergangene, durch Auswahl oder durch meine Sicht. Ich halte das in der Chronik Geschriebene für die Geschichte des Verlages fest, damit der Hintergrund der Vorgänge nicht verloren gehe. (…) Nichts ist für mich so mächtig wie die Macht des Geschriebenen.
Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002
Die Chronik gehört heute zum Bestand des Siegfried Unseld Archivs, dem wohl umfangreichsten Nachlass, der im Deutschen Literaturarchiv in Marbach erschlossen wird. Zu Unselds Hundertstem wird sie nun online frei zugänglich.
Geduld und Großmut mit den Literatur-Stars
Zeigt Unseld sich in der Chronik nachdenklich und unverstellt, so agierte er als Briefeschreiber eher taktisch. Die Briefe bezeugen Kraft und Kalkül, Charme und auch Härte eines Mannes, der immer genau zu wissen schien, was er wollte. Er konnte umschmeicheln und umwerben, ohne dass die Umschmeichelten das merkten.
Er konnte Anteil nehmen in schweren Stunden und musste sich doch ständig und reihum den Vorwürfen seiner Autoren stellen, die immerzu darüber klagten, er kümmere sich zu wenig um sie. Ein Ensemble von Stars zu vereinen, gleicht der Quadratur des Kreises. Unseld hat diese Kunst mit der nötigen Geduld und Großmut beherrscht.
Seine Briefe setzten die Gespräche fort, bündelten sie, machten Angebote, warben, widersprachen, dienten aber auch der Selbsterforschung und der Festigung der eigenen Position. Wichtiger als die Briefe war diesem Kommunikationsgenie nur das persönliche Gespräch, so auch im Konflikt mit Max Frisch:
Es wäre jetzt schöner, säßen wir uns gegenüber, mit oder ohne Wein, lieber mit.
Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002
Die Einsamkeit des Erfolgs
Unseld wollte Freund sein, nicht nur Partner. Das war schwer, weil der Verleger eben immer auch Unternehmer ist und das Geschäftliche die Freundschaft durchkreuzt. In Gelddingen müsse man Freunde wie Feinde betrachten, schrieb er an Ingeborg Bachmann, was bedeutet, man müsse sich „präzise an Abmachungen halten“.
So wurde es um den Menschensammler Unseld, der so gerne der Freund seiner Autoren gewesen wäre, immer einsamer. Am 1. Januar 1977, dem 25. Jubiläum seines ersten Arbeitstages im Hause Suhrkamp, notierte er in seiner „Chronik“:
Erfolg: das war oft harte Arbeit, aber im Ganzen bedeutete es doch Freude, Glück. Wer Erfolg hat, wird immer einsamer. Man kann Freundschaften empfinden, aber die Zahl derer, auf deren freundschaftliche Empfindung man zu vertrauen glaubt, schrumpft.
Quelle: Siegfried Unseld – Hundert Briefe. Mitteilungen eines Verlegers 1947-2002
Eine dieser Freundschaften, an der er über alle Differenzen hinweg festhielt, verband ihn mit dem späteren amerikanischen Außenminister Henry Kissinger, seit er im Jahr 1955 das von ihm geleitete „International Seminar“ in Harvard besucht hatte.
Buch über die transatlantische Freundschaft mit Henry Kissinger
Der Publizist Willi Winkler hat nun über diese Freundschaft ein ganzes Buch geschrieben, das Kissingers Werdegang vom drangsalierten jüdischen Schuljungen aus Fürth, der im amerikanischen Exil zu einem der einflussreichsten Politiker des Landes wurde, mit Unselds Lebenslauf von der Ulmer Hitlerjugend über die Kriegsmarine zum bedeutendsten Verleger miteinander kurzschließt.
Die Geschichte des Suhrkamp-Verlags betrachtet Winkler mit besonderem Schwerpunkt auf die wechselhaften transatlantischen Beziehungen, von Amerikabegeisterung der Autoren bis hin zu schrillen Protesten zur Zeit des Vietnamkrieges. Das ist durchaus informativ, wenn auch ziemlich holzschnitthaft.
Unseld hielt auch dann treu zu Kissinger, als der als Berater Nixons mitverantwortlich war für Krieg und Napalm-Einsatz. Gegenüber seinen Autoren versuchte er stets, das Politische zurückzudrängen, jedenfalls nicht zur Richtschnur einer Freundschaft zu machen. Nur so war es möglich, im Verlag die verschiedensten Charaktere und politischen Strömungen nebeneinander bestehen zu lassen.
Unselds historische Leistung bestand genau darin, dass er den Verlag als Abbild der geistigen Situation der Zeit begriff und nicht als Stoßtrupp in diese oder jene politische Richtung. Als Verleger suchte er zu dämpfen und auszugleichen.
Dafür brauchte es diesen raumfüllenden, vorwärtsstürmenden, wollenden Mann, der Konflikte und persönliche Attacken aushalten konnte und seinen Korrespondenzpartnern auch geistig ebenbürtig war. Das lässt sich vor allem in den „Hundert Briefen“ Unselds noch einmal beeindruckend nachvollziehen.

Sep 26, 2024 • 4min
Ross Thomas – Die Narren sind auf unserer Seite
Der US-amerikanische Politthriller-Autor Ross Thomas ist bekannt für seine sorgsam verwickelten, kaum zusammenzufassenden Plots. Sein längster Roman „Die Narren sind auf unserer Seite“ ist keine Ausnahme.
Im Mittelpunkt steht Lucifer Dye. Er ist – sein Name lässt es vermuten – ein etwas zwielichtiger Typ. Gerade erst wurde er von einem halbstaatlichen US-amerikanischen Geheimdienst namens Sektion 2 aus der Haft in Hongkong herausgekauft und gezwungen, seine Arbeit für Sektion 2 einzustellen.
Dubiose Berater und Einflussnahme
Da erhält er von dem dubiosen Berater Victor Orcutt ein Angebot: In der fiktiven mittelgroßen Stadt Swankerton – irgendwo zwischen Mobile, Alabama und Galveston, Texas – kündigt sich ein wirtschaftlicher Boom an. Deshalb wollen gewisse Geschäftsleute den anstehenden örtlichen Wahlkampf zu ihren Gunsten beeinflussen.
Wissen Sie, Mr. Dye, Städte sind faszinierende Mikrokosmen der Welt, in der wir leben. Natürlich zerstören wir sie, und im Gegenzug zerstören sie uns. Ach, ich meine nicht buchstäblich, wenn auch Smog und Verkehr und Feuer und Unruhen durchaus ihren Zoll verlangen. Aber die Rolle der Stadt hat sich in den letzten dreißig Jahren drastisch verändert – zu unseren Lebzeiten.
Quelle: Ross Thomas – Die Narren sind auf unserer Seite
„Die Narren sind auf unserer Seite“ ist im US-amerikanischen Original bereits 1970 erschienen, dennoch lassen sich mühelos Parallelen in die Gegenwart ziehen: Gentrifizierung, Verödung der Innenstädte, Rassismus und Bestechlichkeit haben ein „Klima der Apathie“ erzeugt – und damit ideale Voraussetzungen, um Menschen und Wahlkämpfe zu korrumpieren.
Gierige Politiker, korrupte Cops
Gierige Politiker und Cops arbeiten mit dem organisierten Verbrechen zusammen, um sich zu bereichern. Keine Seite ist besser als die andere.
Diese Ununterscheidbarkeit von Politik und Verbrechen ist ein wesentliches Merkmal des Werks von Ross Thomas, das seit 2005 in einer editorischen Großleistung im Alexander Verlag neu herausgegeben wird.
Der 1926 in Oklahoma geborene Ross Thomas erzählt, wie sich globale Zusammenhänge bis in Kleinstädte auswirken – und seine 25 Romane bestechen mit politischem Scharfsinn, stets nah an der Realität, aber eben doch Literatur.
Sechster Roman von Ross Thomas
„Die Narren sind auf unserer Seite“ ist sein sechster Roman, auf Deutsch erstmals 1972 in einer verstümmelten Übersetzung im Ullstein Verlag erschienen. 144 Seiten lang. Die Neuübersetzung von Julian Haefs und Gisbert Haefs hat nun 580 Seiten und damit Originallänge.
Eine Besonderheit dieses Romans: Der Protagonist Lucifer Dye erhält eine ausführliche Hintergrundgeschichte, in der der japanische Bombenangriff auf Shanghai 1937 wie der Angriff auf Pearl Harbour 1941 zentrale Rollen spielen.
Hochkomische Dialoge
Sie sorgt für mehr Verwicklungen, mehr Plot, mehr Personen – unterläuft aber auch Ross Thomas‘ perfekte Erzählökonomie der späteren Romane. Dafür entwickelt sich inmitten typischer Ross-Thomas-Machenschaften und bissiger, hochkomischer, tiefsinniger Dialoge die Charakterstudie eines verlorenen Mannes, der sich von der Menschheit entfernt hat.
Wir haben einen Job, und Sie wissen, wie der aussieht, weil Sie ihn selbst einmal gemacht haben. Sie waren darin nie sonderlich gut, weil Sie nie wirklich daran geglaubt haben, aber die meisten von uns tun es, und das ist etwas, was Sie niemals begreifen werden, weil Sie nicht wirklich daran glauben, dass überhaupt irgendetwas wichtig ist, nicht mal Sie selbst.
Quelle: Ross Thomas – Die Narren sind auf unserer Seite
Mittlerweile sind 24 der 25 Romane von Ross Thomas in der Werkausgabe erschienen. Darunter ist kein schlechter. Auch „Die Narren sind auf unserer Seite“ ist ein vielschichtiger, hochinteressanter Politthriller, ein Stück Editions- und Werkgeschichte.
Es ist Zeit, Ross Thomas endlich zu entdecken. Er ist einer der besten US-amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Fangen Sie direkt an. Am besten mit Band 1.

Sep 25, 2024 • 4min
Michael Lentz – Grönemeyer | Buchkritik
Seit Jahrzehnten wird seine Musik als tönende Lebenskunst rezipiert. Für viele wurden die Lieder Herbert Grönemeyers zum Soundtrack der eigenen Biographie.
Quelle: Michael Lentz
In das Leben von Autor Michael Lentz allerdings trat Herbert Grönemeyer verhältnismäßig spät und auch nicht mit seinen Liedern, sondern mit seiner Anfrage.
Weil 2003 im Debütroman von Michael Lentz, „Liebeserklärung“, immer wieder Liedzeilen der CD „Mensch“ eine Rolle spielten, lud Grönemeyer den Schriftsteller nach London ein und unterhielt sich mit ihm. Das Gespräch landete auf der DVD des Albums und die Männer wurden Freunde.
Grönemeyer und Lentz: Eine fruchtbare Künstlerfreundschaft
Und da fast noch nichts Relevantes, Analytisches zu Stimme, Musik und Texten Grönemeyers veröffentlicht war, wie der Lautpoet, Literaturprofessor und Musiker Michael Lentz feststellte, machte er sich daran, eine stattliche, 385 Seiten starke Werkbiografie zu schreiben.
Das war eine gewisse Herausforderung, da vielleicht auch ein wenig Neuland zu betreten, fernab auch eines generalisierenden poptheoretischen Zuschnitts, sondern ganz, wie man in der Literaturwissenschaft sagt „close reading“ diesmal dann „close hearing“ ganz nah am Stoff bleiben und den mal, sowohl von den Texten her als auch der Musik bis hin in die harmonischen Analysen auseinanderzunehmen.
Quelle: Michael Lentz
„Herbert Grönemeyer vertont keine Texte, sondern vertextet Musik. Töne sagen und erzählen bereits etwas, oft schon das Wesentliche. Es entsteht eine Stimmung, ein Bild, eine atmosphärische Temperatur. Der Text erklärt dann, führt aus, ergänzt und passt sich an, indem er an formale Vorgaben wie Takt und Silbenzahl, Rhythmus und Zeiteinheiten gebunden ist.“ (Michael Lentz - Grönemeyer)
Aufschlussreiche Analysen und biografische Fundstücke
Sich immer wieder einen Grönemeyer-Song zwischen den Zeilen zu gönnen, tut der Lektüre gut – die an vielen Stellen einen musiktheoretisch hoch belastbaren Leser voraussetzt.
Man kann die ausgeklügelten wie aufschlussreichen Analysen von Harmonien, einzelnen Texten oder stimmlichen Besonderheiten aber durchaus auch als Anreiz für den interessierten Laien verstehen: nach der Lektüre wird man die Songs neu hören. Oder man widmet sich von Anfang an verstärkt dem biografischen Teil des Buches.
Verweilt in der frühen Kindheit des Musikers, geprägt von der musischen Mutter aus baltischem Adel, deren Vorfahren Russen waren. So wurden abends am Bett der drei Grönemeyer-Brüder viele estnische, russische und deutsche Lieder gesungen.
Der Vater, promovierter Bergwerksingenieur, lebensfroh, feierfreudig, und humorvoll, pflegte über seine westfälische Mentalität zu scherzen: „Wir sind schlicht, aber sehr ergreifend.“ Herbert Grönemeyer, die gelungene Mischung seiner zielstrebig-sentimentalen Eltern, singt, seit er vier Jahre alt ist.
Ich bin Dauersänger, sagt Herbert Grönemeyer von sich. Ich wollte aber nie Sänger werden, ich sang ja bereits.
Ein anspruchsvolles Kompendium für Fan und Fachmann
Erste Erfolge jedoch feiert er als Schauspieler – 1981 als Leutnant Werner im Film „Das Boot“. Drei Jahre, aber bereits vier weitaus unbeachtete Studioalben später dann endlich auch der musikalische Durchbruch mit „4630 Bochum“. Es folgen viele Platten, phantastische Konzerte, schwere Schicksalsschläge, neues Lebensstrahlen.
Michael Lentz erzählt davon, auch vom politischen Engagement des Künstlers, fokussiert aber auf das Werk Grönemeyers, geht da ins interpretatorische, untersuchende Detail. So ist ein anspruchsvolles Kompendium entstanden, in dem jeder etwas finden kann, das ihn interessiert – ob Fan oder Fachmann. Wer aber ist der ideale Leser?
Man muss, sage ich mal recht selbstbewußt, eine gewisse Kompetenz mitbringen, eine textliche, eine musikalische, und diese ganzen einzelnen Komponenten verbindende Kompetenz. Und das war die Herausforderung und deswegen: Der ideale Leser bin ich selber.
Quelle: Michael Lentz

Sep 24, 2024 • 4min
Neige Sinno – Trauriger Tiger
„Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat“, meinte Jean-Paul Sartre. Ein schöner, mutmachender Satz. Aber gilt er für alle Menschen und alle Lebenslagen?
Jahrelang sexuell missbraucht
Oder gibt es Erfahrungen, die so einschneidend und zerstörerisch sind, dass sich aus ihnen schlechterdings nichts Positives machen lässt? Wie ist es zum Beispiel, wenn ein Mädchen jahrelang sexuell missbraucht wird? Neige Sinno antwortet so:
Der sexuelle Missbrauch eines Kindes ist keine Prüfung, kein unvorhergesehener Zwischenfall im Leben, sondern eine tiefe und systemische Erniedrigung, die die Grundfesten des Seins zerstört. Wer einmal Opfer gewesen ist, der ist immer Opfer. Selbst wenn man auf die Füße fällt, wird man es nie wieder ganz los.
Quelle: Neige Sinno – Trauriger Tiger
Menschliche Abgründe
Aber die Autorin – und das ist typisch für ihr Buch – hinterfragt sich selbst immer wieder. Das seien „bombastische Sätze“, sie könne sich täuschen. Statt zu verallgemeinern, sollte sie besser von ihrer eigenen Erfahrung sprechen, ermahnt sie sich. Und das tut sie – schonungslos und klug.
Mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester und den Hippie-Eltern wächst Neige Sinno in einem kleinen Ort in den französischen Alpen auf. Als die Mutter einen anderen Mann kennenlernt, lässt sie sich scheiden, um mit dem attraktiven Bergführer und den Kindern, zwei weitere kommen bald hinzu, auf einem heruntergekommenen Bauernhof zusammenzuleben.
Neige Sinno erzählt klar und pathosfrei
Sieben Jahre lang wird Neige Sinno von ihrem Stiefvater während dieser Zeit sexuell missbraucht. Ihr Martyrium beginnt, als sie ungefähr sieben ist, genau kann sie sich nicht erinnern. Mit 21 entschließt sie sich zur Anzeige, um ihre jüngeren Geschwister zu schützen.
Ihre Mutter, die sich geweigert hat, etwas zu bemerken, braucht ein Jahr, um den Schock zu verarbeiten und sich von dem Täter zu trennen. Dieser gesteht und wird zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Das sind die Fakten, an denen entlang Neige Sinno klar und pathosfrei ihre Geschichte erzählt.
Immer wieder kreist sie um den Gedanken, dass es für ein Missbrauchsopfer nie ein Happy End gibt. Das Buch ist aber nicht nur Zeugnis einer existenziellen Beschädigung, es ist auch der Versuch, menschliche Abgründe auszuloten.
Was genau ist ein Monster, wenn nicht ein Wesen so weit außerhalb der Norm, dass man es nicht verstehen kann, dass es sich selbst nicht verstehen kann? Warum sind sie keine Monster, diese Typen, die ihr erigiertes Glied in den Körper ihrer Kinder gesteckt und ihnen dabei ganz leise, damit niemand sie hört, ins Ohr geflüstert haben, sie liebten sie mehr als alles auf der Welt? Sie wollen nicht, dass man sie einzig und allein über ihre Taten definiert. Wahrscheinlich haben sie, wie meine Mutter sagt, auch gute Seiten.
Quelle: Neige Sinno – Trauriger Tiger
Autorin porträtiert den Täter
Die Autorin betrachtet sich als kleines Mädchen und als erwachsene Frau, sie porträtiert den Mann, der sie missbraucht hat, und sie denkt über die „Blindheit“ ihrer Mutter nach. Ausführlich zitiert sie aus Büchern, die absolute Herrschaft und extreme Gewalterfahrungen thematisieren.
Sie hat Nabokovs „Lolita“, Virginia Woolf, Christine Angot, Emmanuel Carrère gelesen. Von William Blake und seinem Gedicht „Der Tiger“ hat sie sich zum Titel ihres Buches inspirieren lassen. Immer wieder räsoniert sie auch über das eigene Schreiben und die Frage, wie sie überhaupt von ihren Erfahrungen erzählen könne.
Eine unbegründete Sorge
Mir wurde beigebracht, dass die großen Werke der Literatur imstande sind, die einfache und gewöhnliche Erfahrung, die kleine persönliche Geschichte zu übersteigen, sie zu transzendieren, indem sie sprachliche und ästhetische Schöpfungen werden. Ich will ‚in der Sprache sein‘. Das wollte ich schon immer. Andererseits widert es mich an, aus meiner Geschichte Kunst zu machen.
Quelle: Neige Sinno – Trauriger Tiger
Neige Sinno berichtet auch von der Angst, mit ihrem Buch nur zu Radiosendungen zum Thema Inzest eingeladen zu werden. Die Sorge hat sich jedoch als unbegründet erwiesen. Ihr Buch hat in Frankreich zahlreiche Preise erhalten. Verdientermaßen.
„Trauriger Tiger“ ist ein bedrückendes, vor allem aber ein radikal aufklärerisches Buch. Neige Sinno gelingt es, in einer präzisen Sprache von extremen Erfahrungen zu erzählen, über die sich kaum sprechen lässt.

Sep 23, 2024 • 4min
Clemens Tangerding – Rückkehr nach Rottendorf
Dass die Gesellschaft gespalten sei, ist zu einer Standardklage geworden. Jedes Weltproblem, jeder Konflikt, jede Krise reißt neue Gräben auf, gleich ob es sich um Klima, Migration, Ukraine, Antisemitismus oder Corona handelt. Schnell werden Fronten gebildet, die sich unversöhnlich gegenüberstehen.
Den Gegnern die Zähne zu zeigen, gilt als Tugend, Gesprächsbereitschaft als sträfliche Schwäche. Diese Stimmung bereitet Clemens Tangerding großes Unbehagen, darüber hat er sein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Rückkehr nach Rottendorf. Von Rechten, Linken und anderen normalen Leuten“.
Die Debattenräume und die Wirklichkeit
Tangerding ist als Historiker in der politischen Bildung tätig und betreut Geschichtsprojekte über den Nationalsozialismus in Städten und Gemeinden. Dabei hat er beobachtet:
Ich fühle mich, als würde ich in zwei verschiedenen Welten leben. Die eine betrete ich, sobald ich im Zug mein Handy einschalte und mir Talkshows oder Bundestagsdebatten ansehe. Die andere Welt ist belebt von Menschen, die sich in irgendeiner Art und Weise in ihrem Viertel oder Dorf engagieren.
Quelle: Clemens Tangerding – Rückkehr nach Rottendorf
Wie ein roter Faden zieht sich eine Grundthese durch Tangerdings Buch, die sich so zusammenfassen lässt: Die aufgeregten politischen und medialen Debatten mit ihrem oftmals hochtönenden Gesinnungseifer reden an der Lebenswirklichkeit der Menschen im Lande weitgehend vorbei.
Lauter Faschisten?
Diesen Befund illustriert Tangerding mit zahlreichen Beispielen aus seinem beruflichen Alltag, in dem er viel organisatorische und kommunikative Basisarbeit leistet.
So hat er bei seinen Einsätzen für historische Aufklärung und demokratisches Zusammenwirken immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Frauen und Männer, die ihn bei seinen Projekten tatkräftig unterstützt haben, nicht einfach als „Faschisten“ abgestempelt werden können, wenn sie mit der AfD sympathisieren.
Würde ich gefragt werden, welche Trends ich im Konfliktverhalten der Menschen sehe, würde meine Antwort eindeutig ausfallen: Nichts ist derzeit so beliebt wie Distanzierung.
Quelle: Clemens Tangerding – Rückkehr nach Rottendorf
Obwohl ständig an Dialogbereitschaft appelliert wird, konstatiert Tangerding einen Mangel an Verständigung und einen Überschuss an Brandmauern und Gesprächsverweigerung.
Zurück zur sozialen Basis
Ohne große Theorien aber mit zahlreichen Details bietet er in seinem essayistischen Erfahrungsbericht einen vielfältigen Befund über die Stimmungen in den ländlichen Regionen jenseits der urbanen Zentren.
Dafür steht die „Rückkehr nach Rottendorf“, den Heimatort des Autors, und dieses Eintauchen in konkrete Erfahrungswelten macht die Stärke des Buches aus. Der Autor schreibt:
Ich möchte uns allen empfehlen, die Lautstärke der Debatte ab und zu herunterzudrehen. Und zurückzukehren an die Orte, wo die leiseren Töne der persönlichen Erfahrungen stattfinden: in unsere Straße, unser Viertel, auf unsere Arbeitsstelle, in unseren Verein und in unser Wohnzimmer.
Quelle: Clemens Tangerding – Rückkehr nach Rottendorf
Zur Überwindung der gesellschaftlichen Spaltungen plädiert Tangerding für eine Rückkehr aus den abgehobenen Debattenräumen, wo gerne von „den Menschen draußen im Lande“ fabuliert wird, zurück zur sozialen Basis, kein neuer aber nach wie vor bedenkenswerter Vorschlag.
Denn schließlich sind Demokratie und Pluralismus zu wertvoll, um sie allein den Schaukämpfen und Spiegelfechtereien auf den medialen Bühnen der Republik zu überlassen.

Sep 22, 2024 • 6min
Rachel Eliza Griffiths – Was ihr uns versprochen habt | Buchkritik
Familie Kindred lebt an der Küste Neuenglands. Eine von nur zwei schwarzen Familien im Dorf Salt Point: zwei traumatisierte Eltern, zwei heranwachsende Töchter, Ezra und Cynthia, fern vom rebellischen Süden. Aber unter der Oberfläche brodelt latente Gewalt.
„Mund zu, Augen auf“, ist die Devise des Vaters. Denn:
Die Wahrheit ist, sie wollen uns nicht.
Quelle: Rachel Eliza Griffiths – Was ihr uns versprochen habt
„Sie“, das sind die Weißen: mißtrauische Fischer, die rassistische Lehrerin, der aggressive Polizist, der in seiner Machtlosigkeit mit der Pistole droht, Ruby, das vernachlässigte Mädchen, das, manipuliert und vom Leben betrogen, von der Freundin zur Rivalin wird, und ihr Vater, der im Suff versinkt.
Sein Leben war ein frühes Grab.
Quelle: Rachel Eliza Griffiths – Was ihr uns versprochen habt
Die Weißen als Opfer ihres eigenen Rassismus
Die Weißen sind Opfer ihres eigenen Rassismus. Ihnen gegenüber: Die aufrechten Kindreds und ihre Schwarzen Freunde, die Junketts, mit dem Mut und den tröstlichen Mahlzeiten von Miss Irene. Und von fern: die Ahnen. Ein reiches Figurenensemble, skizziert im Herbst 1957 und in Rückblenden. Sie selbst stecke in den Figuren und viele Frauen, die sie traf und fiktionalisierte, sagt Rachel Eliza Griffiths.
I think my personality is in all of them and they are also a gathering, fictionalized of course, many women's stories, that I encountered as a little girl and as I grew up. (Rachel Eliza Griffiths)
Cynthia hält das Personal zusammen, die jüngere Kindred-Tochter, die sich in der Gefahr an ihren Stift klammert wie an ein rettendes Ruder. Eine kindliche, aber auktoriale Ich-Erzählerin, die in Visionen sieht, wie ihr Urgroßvater vom Ku-Klux-Klan in der Kirche ermordet wurde.
Gerade zertrümmerte er eines der Fenster mit einem Besenstiel, als eine Kugel durch seinen Kopf schlägt. Dann fliegen Fackeln durch die zerbrochenen Scheiben.
Quelle: Rachel Eliza Griffiths – Was ihr uns versprochen habt
Die blutige Geschichte der Schwarzen in Amerika
Erzählungen des Vaters sind in Cynthia lebendig, Traumata werden vererbt. Die blutige Geschichte gehört zur DNA der Schwarzen Amerikas. Immer wieder bringt Rachel Eliza Griffiths das Wort „Blut“ ins Spiel. Weißes Blut, kann ein Privileg sein, sagt sie.
Das Wort Blut hat aber auch mit der Beziehung von Amerika und der Sklaverei zu tun. Die Gewalt der Sklaverei, die Sprache, die verwendet wurde, das Blut, das in die Erde, ins Land, in die Bäume fließt, ist wie ihre Blutlinie, ihre Familie, ihre Abstammung, wer sie sind, und das fühlt sich für mich, in Bezug auf Amerika, sehr spezifisch an. (Rachel Eliza Griffiths)
Es ist das Ende des Sommers, der Kindheit, das Ende des Schweigens und der Beginn der Bürgerrechtsbewegung, als Schwarze Kinder auf dem Schulweg Polzeischutz brauchen. Aus dem Radio tönt die Stimme von Martin Luther King, und Präsident Eisenhower stärkt mit dem Civil Rights Act das Wahlrecht der Schwarzen Amerikaner.
Die Nation ist gespalten, wie heute. „Nigger werden abgeknallt“, schreibt Rachel Eliza Griffiths, verwendet das N-Wort als historischen Begriff, sieht ihr Debüt aber nicht als historischen Roman.
Hängen heute noch Menschen an Bäumen? Es ist vielleicht nicht mehr wie früher, aber es gibt immer noch Bäume, an denen Leute aufgehängt werden. Soziale Medien können solche Bäume sein. (Rachel Eliza Griffiths)
Fesselnde Geschichte von Mut und Selbstermächtigung
Was das opulent erzählte Familiendrama so eindringlich, mitunter auch sentimental, macht, sind originelle poetische Bilder der Dichterin, für die Poesie und Prosa ineinanderfließen. Die Psychogramme in den Zwischenkapiteln von „Promise“/ „Was ihr uns versprochen habt“ zeigen die Kluft zwischen Versprechen und Realität; „Versprechen“, ein intimes wie öffentliches, politisches Wort, überlagert von Traumata und Geschichten des Überlebens.
Die ältere Schwester sagt: Cynthia, versprich mir, dass du dein Leben lieben und leben wirst, dass du am Leben bleibst, versprich mir das, auch wenn wir uns nie wiedersehen. Das ist eine kraftvolle und andere Art, das Wort zu verwenden. Dass sie ihrer Schwester nichts versprechen kann, weiß sie, aber sie kann ihre Schwester bitten, ihr eigenes Leben und ihre Liebe zueinander zu ehren, das ist ihre Waffe, ihre Rüstung, deshalb geben sie nicht auf. (Rachel Eliza Griffiths)
Wir haben heute verlernt, einander zuzuhören, sagt Rachel Eliza Griffiths und ist weniger optimistisch als früher. Sie setzt auf Kamala Harris. Und sieht ihren Debütroman selbstbewußt in der Tradition einer Toni Morrison, eines James Baldwin oder Aimé Césaire. „Was ihr uns versprochen habt“ ist ein Pageturner, eine fesselnde, manchmal auch pathostrunkene Geschichte von Mut und Selbstermächtigung. Einen Fan hat Eliza Griffiths längst: ihren Mann, Salman Rushdie.
Er liebt meinen Roman. Ich glaube, er war erleichtert, als er den Entwurf las, weil ich sagte: „Wenn dir mein Roman nicht gefällt, funktioniert das nicht (lacht), dann können wir nicht so zusammenleben.“ Er ist einer meiner größten Cheerleader und Unterstützer. (Rachel Eliza Griffiths)

Sep 22, 2024 • 3min
Tilman Birr – Gestrandet
Wir vom Lesenswert Magazin auf SWR Kultur sind ja immer bemüht, Ihnen wertvolle und kompetente Lese-Anregungen an die Hand zu geben: Gute Lektüren können das Leben unendlich bereichern - und schlechte: ziemlich verärgern.
Dass gute oder eben schlechte Bücher im heimischen Regal auch - quasi schicksalhaft - über sich anbahnende Beziehungen entscheiden können: darüber hat der Kabarettist, Autor und Musiker Tilman Birr ein wunderbares Lied gemacht.

Sep 22, 2024 • 9min
Finanzielle Kürzungen beim Deutschen Übersetzerfonds - Was sind die Folgen? | Gespräch
Leo Tolstoi oder Margret Atwood: ihre Werke würden wir kaum kennen, gäbe es nicht die immens wichtige Arbeit von literarischen Übersetzerinnen und Übersetzern. Um sie zu fördern, gibt es den Deutschen Übersetzerfonds, maßgeblich finanziert vom Bundesministerium für Kultur und Medien.
Nun drohen dem Fonds schmerzliche Kürzungen: 650.000 Euro soll es im kommenden Jahr weniger geben. Der DÜF spricht von einem „eklatanten Schaden im Bereich der Übersetzungskunst“. Wir sprechen darüber mit Marie Luise Knott, Vorstandsmitglied beim DÜF.

Sep 22, 2024 • 55min
lesenswert Magazin – Neues aus der Mischpoke: Familiendramen und Ich-Suche
Ob ihr „Der Absprung“ gelingt? In ihrem neuen Roman erzählt die aus Russland stammende Autorin Maria Stepanowa hellsichtig von einem langen Abschied ihrer Heldin von der Heimat Russland und einem Abschied auch, zumindest in Teilen, von sich selbst.
Am 14. Oktober wird in Frankfurt am Main zum 20. Mal der Deutsche Buchpreis verliehen. Diese Woche wurde die Shortlist verkündet: von 20 Romanen auf der Longlist bleiben noch sechs übrig. Wir sammeln einige Reaktionen, die in diesem Jahr erstaunlich unaufgeregt bis zustimmend ausfielen.
Leo Tolstoi oder Margret Atwood: Ihre Werke würden wir kaum kennen, gäbe es nicht die wichtige Arbeit von literarischen Übersetzerinnen und Übersetzern. Um sie zu fördern, gibt es den „Deutschen Übersetzerfonds", finanziert vom Bundesministerium für Kultur und Medien. Nun drohen dem Fonds schmerzliche Kürzungen. Wir sprechen darüber mit Marie Luise Knott, Vorstandsmitglied beim DÜF.
Rachel Eliza Griffiths erzählt in „Was Ihr uns versprochen habt“ fesselnd vom Rassismus in den USA der ausgehenden 50er Jahre. „Versprechen“ und Realität klaffen weit auseinander. Eine bewegende Geschichte von Mut und Selbstermächtigung, leider immer noch hoch aktuell.
Der Kabarettist, Musiker und Autor Tilman Birr erklärt uns in seinem wunderbar komischen Lied „Gestrandet“, warum der Inhalt unseres Bücherregals schicksalhaft über unsere Beziehungen entscheiden kann.
Wer bin ich eigentlich und wo liegen meine Wurzeln? Das fragt sich die Protagonistin Lou in Olga Grjasnowas Roman „Juli, August, September“: die Geschichte einer modernen jüdischen Familie, die von der Vergangenheit noch immer eingeholt wird.
Aufwühlend und tröstend zugleich erzählt die Irin Sally Rooney in ihrem neuen Roman „Intermezzo" von zwei ungleichen Brüdern: eine Geschichte von Verlust, Schuld, Trauer und Liebe.
Musik: Nouvelle Vague – Should I stay or should I go? Label: PIAS


