

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Oct 9, 2024 • 4min
Martina Hefter – Hey guten Morgen, wie geht es dir?
Sie sind ein mythisch vorbelastetes Paar, wie es gegensätzlicher nicht scheinen könnte. Jupiter ist schwer an Multipler Sklerose erkrankt und auf Rollstuhl und Pflegebett angewiesen; der Radius seiner Bewegungen wird immer kleiner.
Juno dagegen ist der verkörperte Bewegungsdrang. Tanzperformance und Ballett sind ihr Lebenselixier. Während Jupiter im Nebenzimmer der ramponierten Leipziger Altbauwohnung starr liegt, macht Juno auf der Matte unermüdlich ihre Dehn- und Kraftübungen, und noch immer könnte sie die Nächte in Clubs durchtanzen, wenn sie als Frau über Fünfzig dabei nicht merkwürdig angesehen würde.
Frauen über Fünfzig und ihre Sehnsüchte – das ist wiederum das Geschäftsmodell von Benu. Er ist einer jener Love-Scammer in afrikanischen Internet-Cafés, die sich über die sozialen Medien mit blumigen Komplimenten und falschen Identitäten in die Herzen und Konten liebebedürftiger Europäerinnen schleichen.
Den Lügner belügen
Auf Instagram bekommt Juno ständig solche Kontaktanbahnungsversuche. Sie fühlt sich provoziert von der billigen Masche der emotionalen Kaperfahrer und macht sich in ihren schlaflosen Nächten einen Spaß daraus, sie mit ebenso verlogenen Antworten zu irritieren, bis die Scammer abtauchen. Benu aber ist anders. Er führt den Kontakt weiter, auch nachdem die Illusion geplatzt ist.
Wie hast du das gemerkt mit dem Scammen? Wer kann so etwas ernst nehmen. Owen Wilson aus der Ukraine, und dein albernes Profilbild. Das ganze Geschnulze auch noch.
Quelle: Martina Hefter – Hey guten Morgen, wie geht es dir?
Es ergibt sich ein intensives Zwiegespräch, bei dem Junos Misstrauen langsam aufweicht. Bald wechseln die beiden zu Whatsapp und Videotelefonaten. Benu sitzt dabei oft im Kerzenschein, weil in seiner nigerianischen Stadt ständig der Strom ausfällt. Und irgendwann bekennt er seine Liebe; echt jetzt. Juno ist fassungslos.
Eine Dreiecksgeschichte anderer Art
„Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ ist ein zeitgemäßer Text für das Instagram-Zeitalter. Und zugleich liegt diesem Roman eines der ältesten Erzählmuster überhaupt zugrunde, allerdings auf ganz neue Weise interpretiert: die Dreiecksgeschichte. Eine Frau zwischen zwei Männern, was hier heißt: zwischen dem fernen Scammer und dem nahen Sklerotiker. Bei letzterem ist aber weniger von Beziehung als von Betreuung die Rede. Jupiter hätte Grund, sich zu beschweren:
Dass Juno mit einem fremden Menschen ausgiebig chattete, mit ihm aber oft nur ein paar hastige Sätze tauschte.
Quelle: Martina Hefter – Hey guten Morgen, wie geht es dir?
Aber Jupiter weiß nichts von Benu. Und dann ist da noch eine dritte Liebe, nämlich die zu sich selbst und zum eigenen Körper, dessen lange, schöne Beine mehr als einmal hervorgehoben werden. Nur im narzisstischen Genuss des Tanzes ist Juno ganz bei sich selbst:
Eigentlich schauspielerte sie nur dann, wenn sie nicht auf einer Bühne stand. Da spielte sie, ein normaler Mensch zu sein.
Quelle: Martina Hefter – Hey guten Morgen, wie geht es dir?
Der Text als Performance
Die Erzählerin greift nach den Sternen und hadert mit der Schwerkraft der Verhältnisse. Es ist ein kleines Wunder, dass sich das alles zu einer plausiblen Konstellation zusammenfügt: Beschreibungen des oft nicht barrierefreien Alltags mit einem schwerkranken Partner, Reflexionen über Tanzprojekte, Tätowierungen oder Lars von Triers Film „Melancholia“, Erinnerungen an die eigene Kindheit in den Bergen, frühe Erfahrungen von Ausgrenzung sowie ein bisweilen allerdings plakatives Nachdenken über Postkolonialismus, Rassismus, Ausbeutung.
ChatGPT wäre überfordert, all diese Zutaten zu einer halbwegs stimmigen Romanhandlung zu verknüpfen, aber Martina Hefter gelingt es, und zwar deshalb, weil sie eben nicht an einem Plot entlangschreibt, sondern den Text selbst als eine Art Performance entwickelt. Als Tanz der Themen und Motive, mit Anmut und Würde und Humor auch in den heiklen Momenten. Man ist gefesselt von dieser eigenwillig welthaltigen Autofiktion bis zur letzten Seite.

Oct 8, 2024 • 4min
Samar Yazbek – Wo der Wind wohnt
Samar Yazbek, geboren in eine wohlhabende alawitische Familie, widmet ihr Leben und ihr Schreiben schon lange dem Leiden des syrischen Volks. Beharrlich dokumentiert sie dessen Unterdrückung und die Gräueltaten durch das Assad-Regime. Das gilt auch für ihren neuen Roman „Wo der Wind wohnt“, der uns in die letzten Stunden eines 19-jährigen Soldaten namens Ali versetzt.
Es ist nur ein kleines Blatt. Durch seine verklebten Wimpern kann er es unter der Mittagssonne nicht sehen. Nur das Blatt eines Baumes, nichts weiter. Grün und an den Rändern ausgebuchtet, liegt es wie ein Vorhang über seinen Augen, wenn er langsam und unter großer Anstrengung die Lider bewegt.
Quelle: Samar Yazbek – Wo der Wind wohnt
Zwischen Leben und Tod, Traum und Realität
Es sind die ersten Jahre des syrischen Bürgerkriegs, und Alis Patrouille ist soeben in den Bergen von Latakia bombardiert worden. Nun schwebt er zwischen Leben und Tod – und erinnert sich an Menschen und Momente, die sein bisheriges Leben geprägt haben.
Yazbek verwischt dafür in ihrem Roman gekonnt die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, aber auch zwischen Traum und Realität. Denn wir sind quasi in Alis Kopf gefangen und gleiten mit ihm durch all die Fantasien und Erinnerungen, die wie fieberhafte Halluzinationen in ihm auftauchen. So wird er etwa Zeuge einer Beerdigung.
Er hört Weinen, und er nimmt die Schemen einer Frau wahr. Aus der Art, sich seltsam hüpfend fortzubewegen, als wäre sie verärgert, schließt er, dass es seine Mutter ist. Die aufgeregten Stimmen, die er dann vernimmt, scheinen ihm von anderer Art zu sein. Das da ist sein Vater. Und seine verwitwete Schwester mit ihrem dicken Bauch.
Quelle: Samar Yazbek – Wo der Wind wohnt
Erst allmählich wird klar, dass Ali sich an das Begräbnis seines älteren Bruders erinnert. Freiwillig hatte dieser sich zum Militär gemeldet – ganz im Gegensatz zu Ali, der von Natur aus und zum Missfallen seines Vaters ein Träumer war. Schon als Kind verbrachte er die Zeit am liebsten zwischen den Bäumen seines Dorfes. Humairuna, eine rätselhafte Weise, die in Alis Dorf lebte, lehrte ihn früh ihren mystischen Glauben, vor allem den an die Kraft der Bäume. Und doch kann Ali den bedrohlich anwachsenden Schatten im politischen Klima Syriens nicht entkommen: Eines Tages wird auch er zwangsrekrutiert.
Ein Manifest gegen den Krieg – und für das Leben
Geschickt beleuchtet Samar Yazbek anhand der Vignetten aus Alis Leben knapp, poetisch und doch präzise zum einen die reiche Tradition der alawitischen Kultur, vor allem ihre starke Verbundenheit mit der Natur. Zugleich fängt sie wie nebenbei die alles umfassende Militarisierung und Brutalisierung ein, die jeden Winkel des syrischen Alltags durchdrungen hat. Und sie macht Ali – der nach dem tödlichen Beschuss nahe einer riesigen Eiche zu Bewusstsein kam – zum Sprachrohr, um die Sinnhaftigkeit all des Sterbens zu hinterfragen.
Er glaubt, dass sein vergangenes und sein gegenwärtiges Leben lediglich aus den wenigen Metern zwischen der Einschlagstelle der Granate und dem Baumstamm bestehen. Ein kurzes Leben, ein vollkommenes, ausreichend, um hier zu enden. Und als er spürt, dass diese verbleibenden Meter das komplette, ihm verbliebene Leben darstellen, fragt er sich, was er hier macht. Und gegen wen er kämpft. Und für wen.
Quelle: Samar Yazbek – Wo der Wind wohnt
Am Ende lässt Samar Yazbek ihren heroischen Antihelden Trost finden in dem, was er am meisten liebt: in der Schönheit der Erde und der Natur. „Wo der Wind wohnt“ ist somit nicht nur ein eindringliches Dokument, das all jenen Stimme verleiht, die für und durch ein mörderisches Regime elend und ungehört sterben. Der Roman – dessen bestechende lyrische Intensität Larissa Bender so behutsam wie kunstvoll ins Deutsche übertragen hat – ist zugleich ein Manifest für das Leben selbst. Und womöglich bis dato Samar Yazbeks bester, ja schönster Roman.

Oct 7, 2024 • 4min
Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober
Am Anfang war… das Wort. Delphine Horvilleur zeigt in ihrem jüngsten, sehr persönlichen Buch, wie die Sprache wiederzugewinnen ist, wenn etwas einem die Sprache verschlagen hat. Etwas – das ist der größte und brutalste Angriff auf Jüdinnen und Juden seit der Shoah am 7. Oktober des vergangenen Jahres.
Es sind indes nicht nur die Ereignisse an diesem schrecklichen Tag, die der Autorin die Sprache zu nehmen drohten. Unmissverständlich geht die Pariser Rabbinerin, die als Repräsentantin des liberalen Judentums in Frankreich gilt, auf das ein, was nach dem 7. Oktober passierte – und immer noch passiert: Den einen verschlägt es vor Entsetzen die Sprache – den anderen wird ihre Sprache zu einem wohlfeilen Mittel der Relativierung:
Am 7. Oktober sind verabscheuungswürdige Taten begangen worden, ABER… – Jüdische Frauen sind vergewaltigt worden, ABER… – Das Schicksal der Kinder im Gazastreifen ist furchtbar, ABER…
Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober
Durch dieses ABER und unter dem Vorwand einer Kontextualisierung wird das Grauenhafte relativiert und eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben. Dabei lässt die Autorin keinerlei Zweifel daran, dass sie seit Jahren für die Rechte der Palästinenser und für eine Zweistaatenlösung eintritt. Und genauso unmissverständlich macht sie im Kapitel ‚Gespräch mit Israel‘ ihre Kritik an der Politik der Machthybris der amtierenden israelischen Regierung deutlich.
Ein Land, das Sicherheit verspricht
Aber an solchen Differenzierungen seien notorische Antisemiten gar nicht interessiert; das Muster, nach dem ‚der Jude‘ an allem Übel dieser Welt schuld sei, wiederhole sich immer wieder aufs Neue – wie ihre Großmutter im erinnerten ‚Gespräch mit den Großeltern‘ resigniert feststellt: „Was geschehen ist, wird immer wieder geschehen. Die Vergangenheit vergeht nie.“
Die Vergangenheit, das ist die Jahrhunderte und Jahrtausende alte Verfolgung der Jüdinnen und Juden, vor der sie nichts schützt – auch nicht die Integration in ein Land, das ihnen Sicherheit verspricht, und das man deshalb liebt: Hier spricht Delphine Horvilleur mit und von ihrem Großvater, diesem perfekt assimilierten Juden, der Frankreich unendlich dankbar war.
Die extreme Dankbarkeit war das leuchtende Gewand, das elegant typisch jüdische Ängste und Schmerzen umhüllte: die Angst, nicht genauso geliebt zu werden wie man selbst liebt.
Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober
Antisemitismus und Antirassismus
Eine Angst, die sich in der Geschichte allzu oft als berechtigt erwies.
So tastend Delphine Horvilleur aus der Sprachlosigkeit in die Sprache zurückzufinden sucht, so analytisch klar ist sie im Kapitel ‚Gespräch mit einem Antirassisten‘; dessen Haltung lasse sich – und das sei das Neue nach dem 7. Oktober – perfekt mit dem Antisemitismus kombinieren: Judenhass, der alles durcheinanderwirft – jüdische Geschichte, jüdische Religion, Israel und seine derzeitige Regierung – Judenhass könne sich antirassistisch gerieren und als Engagement für die Seite der Schwachen, der Opfer und Verwundbaren.
Nur die Verwundbarkeit der Jüdinnen und Juden bleibt im Denken der antirassistischen Antisemiten stets einen Nachweis schuldig.
Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober
Oder ist der Antisemitismus ein Aufstand gegen die Ursprünge, gegen die Anfänge der eigenen Religion, ja Kultur, die sich der älteren verdankt – und dies nicht will?
Es ist deutlich einfacher, sich seiner Herkunft zu stellen, wenn die, die diese Herkunft verkörpern, elegant genug gewesen sind, sich aus dem Staub zu machen
Quelle: Delphine Horvilleur – Wie geht's? Miteinander Sprechen nach dem 7. Oktober
So kommentiert Delphine Horvilleur mit einer Prise Sarkasmus.
Im Kapitel ‚Gespräch mit denen, die mir guttun‘ schildert sie ihre Begegnungen mit dem libanesischen Autor und Filmemacher Wajdi Mouawad, die zeigen, dass Brücken und Verständigung zwischen Juden und Moslems möglich und bereichernd sind.
„Weißt Du, dass man da, wo ich aufgewachsen bin, alle Araber, die eigenständig denken wollen, als Juden bezeichnet?“, sagt ihr in einem anderen Gespräch der algerische Journalist und Autor Kamel Daoud.
Sprechen in Zeiten des Krieges
Die zehn Kapitel dieses Buchs tragen jeweils die Überschrift ‚Gespräch mit…‘ und weisen auf den Weg zurück in die Sprache, die am 7. Oktober des vergangenen Jahres verloren zu gehen drohte. In ihrem Buch zeigt Delphine Horvilleur, wie wichtig die Sprache in Zeiten des Krieges der Waffen und Worte ist: Am Anfang, berichtet die Bibel, wurde die Menschheit gleichzeitig mit dem Tierreich erschaffen. Und dahin kehrt sie wieder zurück, sobald sie nicht mehr benennen kann, was ihr widerfährt.

Oct 2, 2024 • 4min
Robert Macfarlane – Alte Wege | Buchkritik
Kann man, so man auf alten Pfaden in Schottland, England oder anderswo unterwegs ist, beim Gehen auf Gedanken kommen, welche nur in einer ganz bestimmten Gegend möglich sind? Jeder Mensch verfügt über erinnerte Landschaften, in die er gedanklich immer wieder zurückkehrt. Gibt es Orte an denen wir „spürbar anders denken und fühlen?“
Robert Macfarlane, ausdauernder Wanderer und intimer Kenner der Reiseliteratur voriger Jahrhunderte, stellt sich diese Frage. Sie hat auch schon einen seiner Vorgänger umgetrieben, den Schriftsteller Edward Thomas, auf dessen Wegen Macfarlane oft unterwegs ist.
Schreiben und Gehen
Die beiden verbindet nicht nur die Lust, alte Pfade und ihre Geschichte zu erkunden, sondern auch die Freude Botanik, Mineralien und Erdgeschichte so kenntnisreich wie poetisch vor dem Auge des Lesers zu entfalten:
Der Schnee war dicht überzogen mit den Spuren von Vögeln und Tieren – ein Archiv Hunderter Wegstrecken, aufgezeichnet seit dem Ende des jüngsten Schneefalls. (…) Auf der schrägen Feldfläche vertiefte das Mondlicht die näher gelegenen Abdrücke noch, sodass sie wie gefüllte Tintenfässer wirkten. Zu all diesen Spuren fügte ich noch meine hinzu
Quelle: Robert Macfarlane – Alte Wege
schreibt Macfarlane. Schreiben und Gehen – diese Verbindung treibt Macfarlane an. Beide Wörter haben zumindest im Englischen eine gemeinsame Wurzel. Der Wanderer findet temporäre Begleitung oder besucht gezielt Ortskundige, manch einer seiner Gesprächspartner sammelt systematisch, was er am Wegesrand findet.
Natur kann heilen, aber auch, wie Macfarlane schreibt „brutal schweigen und durch ihre Gleichgültigkeit erschüttern“, oft sind depressive Menschen wie Edward Thomas manische Wanderer. Je älter Macfarlane wird, desto weniger interessiert es ihn, unerforschtes Land zu betreten und desto spannender wird es für ihn, Pfaden zu folgen, die vor langer Zeit von unseren Vorfahren hinterlassen wurden.
Orientierung ohne Instrumente
Bereits dreitausend Jahre vor dem römischen Wegenetz orientierte man sich auf See mit Hilfe des Polarsterns, am Zug der Vögel oder an Wolken, die Land anzeigen. Das Wissen über den Küstenverlauf wird in Erzählungen und über Lieder weitergegeben. Gefährliche Wege durch das Watt wurden oft phantasievoll markiert, so der „Broomway“ in Essex.
Besenstiele sind in den Boden gerammt, an denen ein Stein festgebunden ist. Der Wanderer nimmt den Stein und führt ihn an der sechzig Meter langen Schnur bis zum nächsten Stecken bei sich. Hat er sich verlaufen, findet er anhand der Schnur wieder zurück. Auf alten Pfaden zu wandern, bedeutet also immer auch eine Zeitreise:
Der Pfad lockt das Auge, das äußere wie das innere. Der Kopf kann nicht umhin, dieser Linie über das Land zu folgen – nicht nur voran durch den Raum, sondern auch zurück durch die Zeit, hinein in die Geschichte des Weges und all derer, die ihn genutzt haben.
Quelle: Robert Macfarlane – Alte Wege
Historische Fußwege sind in England vom Wegerecht geschützt und werden durch Benutzung erhalten: Im neunzehnten Jahrhundert hingen Sicheln am Rand von Trampelpfaden, die Benutzer schnitten die überhängenden Äste auf dem Weg ab und hingen die Sichel am Ende des Pfades wieder auf. Alte Pfade sind oft ehemalige Viehtriften, so zogen die Siedler in den USA auf den Spuren der Bisons gen Westen und auch Spanien kann ein riesiges Wegenetz ehemaliger Viehpfade aufweisen.
MacFarlanes Buch, in all seiner Schönheit der Beschreibungen rauher und für den Ungeübten unwegsamer Landschaften, ist ein Lesegenuss, gerade auch für diejenigen die kaum selbst wandern, aber Landschaftsbeschreibungen lieben. Es weckt ebenso die Lust aufs Schauen wie auf Literatur.

Oct 1, 2024 • 4min
Ljuba Arnautovic – Erste Töchter
Die 1954 geborene Ljuba Arnautovic gehört zu den Spätstarterinnen der österreichischen Literatur. Arnautovic stammt aus dem damals sowjetischen Kursk, sie studierte in Wien Sozialpädagogik und arbeitete unter anderem für das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands. An dieser Biographie zwischen Sowjetunion und Österreich kann man schon ablesen: Ljuba Arnautovic entstammt einer Familie, die in beiden Ländern wurzelt – und die unter den Brüchen des 20. Jahrhunderts zu leiden hatte.
2018 debütierte Arnautovic mit ihrem Roman „Im Verborgenen“, dem ersten Teil einer Trilogie, die von dieser Familie erzählt, genauer: von der Großelterngeneration. Das Buch landete direkt auf der Shortlist für den Österreichischen Buchpreis. 2021 dann erschien „Junischnee“, der zweite Band, nun über die Vätergeneration, abermals vielbeachtet und für seinen Erzählstil gelobt.
Dritter Band über eigene Generation
Jetzt ist Ljuba Arnautovic mit dem dritten Band in ihrer eigenen Generation angekommen: bei sich und ihrer etwas jüngeren Schwester. „Erste Töchter“ heißt der Roman.
Ein wenig spröde scheint der Sprachduktus – aber das ist nur eine kunstvolle Form wohlbemessener Distanz. Ljuba Arnautovic erzählt von sich und von ihrer Schwester. Im Roman heißen sie Luna und Lara, geboren 1954 und 57. Sie entstammen einer zerbrochenen Familie. Luna lebt in München beim österreichischen Vater, Lara bei der sowjetischen Mutter in Wien. Spätestens in der Pubertät sind sie einander fremd geworden.
Die Schwestern möchten gerne glauben, es läge am Altersunterschied. Doch da ist noch etwas anderes. Beide spüren: Die Schwester lehnt es ab, wie ich lebe. Ich muss mich und meine Welt verteidigen, zugleich die ihre herabwürdigen. Sie spüren es, aber sie werden noch sehr lange keine Worte dafür finden.
Quelle: Ljuba Arnautovic – Erste Töchter
Luna fühlt sich in München fremd beim Vater und seiner neuen Familie. Lara ist in Wien unglücklich. Die Mutter fristet dort ihr Leben als Haushälterin eines Ukrainers: Grischa hatte sich am deutschen Völkermord beteiligt und musste deshalb aus der Sowjetunion fliehen.
Manchmal fängt er grundlos an zu toben. Es steckt so viel Gewalt und Wut und Geschrei in diesem Körper. An solchen Abenden nimmt Lara ihre Mutter und flüchtet mit ihr aus der Wohnung. Sie gehen langsam durch die Straßen der Stadt, bleiben immer wieder stehen und blicken in erleuchtete Fenster. Sie stellen sich vor, wie gemütlich es diese Menschen haben. Sie phantasieren, wie ein Leben ohne Grischa aussehen könnte.
Quelle: Ljuba Arnautovic – Erste Töchter
Die Gräuel des 20. Jahrhunderts
Die Szene illustriert, wie genau Ljuba Arnautovic die Gräuel des 20. Jahrhunderts in ihrem Roman eingefangen hat – man denkt bei Grischa sofort an die ukrainischen Hilfstruppen der SS, die 1944 den Warschauer Aufstand niederschlugen. Aber auch jene Zeitgeschichte, die Luna und Lara erleben, schlägt sich nieder: von den sechziger Jahren bis in die Neunziger. Darin eingebettet erzählt Ljuba Arnautovic ihre Familiengeschichte – wie schon zuvor in ihrer Trilogie geradezu sachlich. Mehr noch als im vorangegangenen „Junischnee“ nimmt die Erzählung Züge einer knappen Chronik an.
Gekidnappt von der russischen Mafia
Dialoge sind rar, und auch einzelne Szenen werden nur selten ausgemalt - etwa die Reise in einem Nachtzug von Wien in die Sowjetunion, Ende der achtziger Jahre. Hier zeigt die Autorin, wie lebendig sie solch eine Szenerie zu schildern versteht. Die Nachtzugreise leitet auch über zum Schlussteil des Romans. Lunas und Laras Vater Karl ist nach der Öffnung Osteuropas in der Halbwelt Moskaus aktiv. Prompt wird er von der russischen Mafia gekidnappt. Um ihn freizubekommen, müssen Luna und Lara an einem Strang ziehen – und treffen sich nach langer Zeit wieder.
Luna spürt plötzlich ein sehr altes Gefühl aufsteigen. Jetzt entdeckt sie zum zweiten Mal dieses verwandte Wesen neben sich. Ihr Vater hatte die Schwestern damals auseinandergerissen, jetzt führt er sie – wenn auch auf eine verquere Art – wieder zusammen. Luna und Lara hatten damals begonnen, eine Distanz zwischen sich zu spannen, eine Schutzvorrichtung gegen den Schmerz der Trennung. Diese Distanz brauchen sie doch längst nicht mehr.
Quelle: Ljuba Arnautovic – Erste Töchter
Auch hier belässt es Ljuba Arnautovic gekonnt bei Andeutungen. „Erste Töchter“ ist der gelungene Abschluss ihrer Familientrilogie. Für die Handlung selbst sind Nuancen noch wichtiger als etwa in „Junischnee“: Dort ging es etwa darum, wie der Vater in Moskau den Terror stalinistischer Verhöre durchlitt, wie er danach tagtäglich im Gulag zu überleben versuchte.
„Erste Töchter“ hingegen bildet ab, wie die Wirren eines Zeitalters eine Familie zerreißen. Und so führt Ljuba Arnautovic in ihrer Trilogie letztlich vor Augen, wie Nationalismus und politischer Extremismus des 20. Jahrhunderts ganze Generationen ins Unglück gestürzt haben.

Sep 30, 2024 • 4min
Andreas Nöthen – Brasilien
Zwei literarische Anläufe hat Andreas Nöthen bisher unternommen, bevor er jetzt seinen großen Überblick über Brasilien vorgelegt hat. Im ersten Band analysierte er, wie der „Bulldozer Bolsonaro“ das Land ruinierte, um sich dann in seiner Biografie Lula der einstigen politischen Lichtgestalt Luiz Ignácio Lula da Silva zu widmen. Darin verdeutlicht er, dass selbst der gegenwärtige Staatspräsident von der tief in die Politik hineinwuchernden Korruption nicht unberührt blieb.
Nun also Brasilien. Geschichte-Kultur-Politik. Das klingt nach einer der üblichen Länderdarstellungen. Andreas Nöthen geht jedoch ganz anders vor. Er will vielmehr anhand einzelner Aspekte ...
„Klischees und Stereotype durchbrechen“ und diverse „Schlagworte in den historischen und gesellschaftlichen Kontext stellen“.
Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien
Damit die Leserinnen und Leser ...
Brasilien, insbesondere seine Politik und Gesellschaft anhand ausgewählter Beispiele, besser verstehen können.
Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien
Besondere thematische Aspekte
In dem Kapitel „Frauen in der Politik“ beschreibt er u.a., wie schwer es die männlichen Strippenzieher Dilma Rousseff machten, 2011 erste Präsidentin Brasiliens zu werden. Und dass rassistische und sexuelle Motive zum Mord an der berühmten Schwarzen Menschenrechtsaktivistin Marielle Franco beitrugen. Denn ...
organisierte Kriminalität, Ordnungsmacht und Politik sind in Brasilien eng verwoben.
Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien
Den politischen Machtfaktor der Evangelikalen, heute die Mehrheit der Gläubigen in Brasilien, betont Andreas Nöthen und zeigt, dass selbst ein eigentlich linker Präsident sie in sein politisches Kalkül einbeziehen muss.
Insgesamt 13 verschiedene Aspekte behandelt er ausführlich, so z.B. den Rassismus und den Mythos von der Rassendemokratie; die rechtsfreien Räume, in denen Milizen und Drogenbanden ihr Unwesen treiben sowie das damit zusammenhänge Problem der Rechtsstaatlichkeit. Dabei will er jedoch nicht nur die aktuelle Problemlage, sondern auch ihre historischen Wurzeln analysieren.
Von besonderer Aktualität ist das Thema „Amazonien – der Naturraum von globaler Bedeutung“, denn es brennt zurzeit in Brasilien wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr: in diversen Gebieten und vor allem am Amazonas.
Die Problematik des Amazonas
Der Autor analysiert die vielfältigen Ursachen wie z.B. ...
die internationale Gier nach Rohstoffen in einem der größten und wichtigsten Ökosysteme des Planeten.
Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien
Doch ebenso den nationalen Raubbau. Er verweist auf die Anstrengungen, die vor allem Lula da Silva immer wieder unternommen hat, und auf die kaum zu überwindende Grenze:
Denn in der brasilianischen Binnenwahrnehmung ist das Areal nach wie vor in erster Linie ein unerschöpfliches Rohstofflager und ein wirtschaftlicher Entwicklungsraum. Das Thema Umweltschutz hat in der brasilianischen Politik derzeit keine Lobby.
Quelle: Andreas Nöthen – Brasilien
Deutsche Einwanderung nach Brasilien
Ein besonderes Kapitel stellen die Beziehungen zwischen Brasilien und Deutschland dar. Sie begannen vor zweihundert Jahren und erreichten in der Zeit zwischen 1930 und 1950 ihren tragischen Höhepunkt. Damals verweigerte die Regierung Vargas mit rassistischen Gesetzen flüchtenden Juden die Visa. Nur dank des Muts einiger weniger brasilianischer Diplomaten gelang es vielen, in Brasilien unterzukommen. Später mussten sie oft Tür an Tür mit geflohenen Naziverbrechern leben, die problemlos ins Land gelassen wurden.
Andreas Nöthen ist mit seiner dritten Annäherung an Brasilien ein außergewöhnliches Werk gelungen, in dem er eine Vielzahl von Aspekten zu einer hervorragenden Gesamtschau zusammenfügt und viele neue Einblicke in die Komplexität der Probleme und die Möglichkeiten dieses großen Landes bietet.

Sep 29, 2024 • 5min
Hape Kerkeling – Gebt mir etwas Zeit. Meine Chronik der Ereignisse
Seit meiner Kindheit wollte ich wissen: Woher kommen meine Vorfahren?
Quelle: Hape Kerkeling
Deshalb hat Hape Kerkeling seine DNA auf seine Herkunft analysieren lassen und mit dieser Unterstützung Ahnenforschung betrieben. Vor allem hat er seine niederländischen Wurzeln bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgt. Einige der recherchierten Verwandten präsentiert er in seinem neuen Buch „Gebt mir etwas Zeit“:
Da war alles dabei vom Seefahrer bis zum großen Händler, bis zum, ja, Sadisten, muss ich wohl leider sagen. Adlige. Also wirklich eine ganz verrückte Truppe. Fastnachtsdichter aus dem 14. Jahrhundert habe ich plötzlich aufgetrieben. Und so habe ich dann so peu à peu mein Familienpuzzle zusammenstellen können.
Quelle: Hape Kerkeling
Ein Hutgeschäft als getarntes Bordell
Das Buch ist zum Glück kein trockenes Werk für Ahnenforscher-Nerds, sondern lebt von den vielen wunderbar anschaulich erzählten Geschichten aus Kerkelings Leben. Zugleich ist es eine Liebeserklärung an Amsterdam.
„Gebt mir etwas Zeit“, der titelgebende Spruch, ist an einem Haus aus dem 17. Jahrhundert in Amsterdam zu lesen. Dort lebte der Hutmacher Cornelis Kerkeling. Hape Kerkeling vermutet, dass das Hutgeschäft seines Vorfahren ein getarntes Bordell war:
Wir kennen ja diese Coffeeshops, in denen alles verkauft wird, nur kein Kaffee. Und so hatten die Holländer damals Hutläden. Und da der Hut und die Auswahl eines Hutes etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen und da in einen solchen Laden Männer und Frauen gehen können und da man auch mal den Vorhang zuziehen konnte bei der Hut-Anprobe, hat sich dann irgendwann durchgesetzt, dass die Hutläden eben die versteckten Bordelle waren.
Quelle: Hape Kerkeling
Als Sechsjähriger besucht Hape Kerkeling mit seinen Eltern Amsterdam und will dort gar nicht mehr weg. Später, als er als junger Mann im Fernsehen Karriere macht und darunter leidet, dass er seine Homosexualität nicht offen ausleben kann, besucht er gern das damals, also Mitte der 80er, schon tolerantere Amsterdam. Dort verliebt er sich in Duncan, einen Niederländer. Die beiden werden ein Paar. Aber dann hat Duncan AIDS.
Tragische Liebesgeschichte in Amsterdam
Der völlige Terror überfällt Duncans Körper. Eine normale Nachtruhe existiert nicht mehr. Als Partner eines Erkrankten entwickelt man im Laufe der Zeit absurde Kosymptome wie Fieber, Atemnot oder Bluthochdruck. Angst verspüre ich allerdings keine mehr. An ihre Stelle ist eine dumpfe Resignation getreten [...].
Quelle: Hape Kerkeling – Gebt mir etwas Zeit. Meine Chronik der Ereignisse
1989 stirbt Duncan. Und so ist für Hape Kerkeling Amsterdam vor allem der Ort einer großen Liebe und einer noch größeren Tragödie:
Es hat mich Mut gekostet, darüber zu schreiben, weil das ist natürlich sehr privat.
Quelle: Hape Kerkeling
Als Menschenfreund vertraut Kerkeling uns Lesern das an. Und so leiden wir mit ihm, aber lachen auch viel über die skurrilen Geschichten. Wie gerne wäre man dabei gewesen, als er als Kind mit seiner Großmutter Bertha, die sich nach dem Suizid seiner Mutter liebevoll um ihn kümmerte, auf der Eckbank saß.
Verblüffende Ähnlichkeit mit dem Herzog von Kent
Bei Kaffee und Streuselkuchen lasen beide Illustrierte mit den Neuigkeiten zu den europäischen Königshäusern. Dabei fiel Hape Kerkeling auf, dass Herzog Edward von Kent Großmutter Bertha verblüffend ähnlich sah.
Das habe ich meiner Großmutter gesagt. Und dann ist sie puterrot angelaufen und hat darüber nicht weiter reden wollen. Und dann hat sich eben im Rahmen dieser Forschung herausgestellt, dass diese Ähnlichkeit kein Zufall ist und dass meine Großmutter tatsächlich ein uneheliches Kind von König Edward VII. ist, der eine Liebschaft hatte mit meiner Urgroßmutter, Omma Agnes, Agnes Sattler, aus Marienbad. Und aus diesem Gspusi, aus diesem Techtelmechtel, ist meine Großmutter hervorgegangen.
Quelle: Hape Kerkeling
Eine unfassbare Entdeckung, sollte es denn wirklich so gewesen sein. Seine Oma die uneheliche Tochter eines Königs, was bedeutet das für Hape Kerkeling?
Wäre sie in der Thronfolge gewesen, dann wäre ich heute in etwa auf Platz 111. Ob ich König werden will? Ja, aber ich werd's nicht. (lacht leise auf)
Quelle: Hape Kerkeling
„Gebt mir etwas Zeit“ ist ein unterhaltsames und anrührendes Buch über Herkunft und Zugehörigkeit. Nach der Lektüre ist uns der Mensch Hape Kerkeling wieder ein Stück näher gekommen. Und wir ertappen uns bei dem Gedanken, wer wohl unsere Vorfahren waren.

Sep 29, 2024 • 6min
Jane Campbell – Bei aller Liebe
„Ach, wir kennen uns wenig, / Denn es waltet ein Gott in uns.“ In diesen Zeilen von Friedrich Hölderlin muss man nur ein Wort ersetzen, und schon ist man bei Sigmund Freud: Wir kennen uns wenig, denn es waltet das Unbewusste in uns. Damit ist zugleich das Sujet des ersten Romans der Britin Jane Campbell umrissen: die Differenz zwischen Selbstwahrnehmung und Realität. Oder, wie es im Buch heißt:
Ein Stein, schreibt er, der von einer äußeren Ursache angestoßen worden sei, wäre, wenn er ein Bewusstsein hätte, davon überzeugt, dass er ,nur darum in seiner Bewegung verharre, weil er es so wolle‘.
Quelle: Jane Campbell – Bei aller Liebe
Das Bild stammt vom Philosophen Baruch Spinoza, der bekanntlich von der Idee des freien Willens nicht viel hielt. Campbells Roman „Bei aller Liebe“ verbindet diesen Gedanken mit den undurchschaubaren Mechaniken unserer Seele, die besonders unrund laufen, wenn es um die Spielarten der Liebe geht, die „interpretations of love“, wie das Buch im Original heißt.
Die Gegenwart der Handlung sind die Neunzigerjahre, Auslöser aber sind Dinge, die sich Jahrzehnte zuvor ereignet haben. Es geht um Erinnerungslücken, Reue und Vergebung und einige letzte Dinge. Neben Freud werden Joseph Conrad und C. G. Jung zitiert.
„Bei aller Liebe“ ist also kein seichtes Lesefutter, vielmehr die Sorte gut gemachter, anspruchsvoller Unterhaltung, mit der etwa auch Campbells Landsleute Julian Barnes und Ian McEwan ihre Leserschaft fordern und erfreuen.
Unter Professoren und Psychotherapeuten
Dementsprechend intellektuell ausgestattet sind die drei Protagonisten, die im Wechsel erzählen: der altersdepressive, emeritierte Oxforder Alttestamentler Malcolm Miller, seine geliebten Nichte Agnes Stacey, eine Philosophieprofessorin Mitte fünfzig, sowie der Arzt und Psychoanalytiker Joe Bradshaw, den mehr mit seiner ehemaligen Patientin Agnes verbindet, als er lange Zeit ahnt. Als junge, unglücklich verheiratete Frau hat sie ihn einst so fasziniert, dass er fast die berufsethischen Grundsätze des Therapeuten vergessen hätte.
Warum dies fatal gewesen wäre, enthüllt das Buch auf den ersten Seiten, in einem Brief, den Malcolms Schwester Sophy kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs an Joe Bradshaw geschrieben hatte. Sie wollte zu dem jungen Sanitäter, den sie nach einem leidenschaftlichen One-Night-Stand mitten im Bombenhagel aus den Augen verloren hatte, wieder Kontakt aufnehmen.
Unter anderem, weil sie, inzwischen Ehefrau und Mutter, annahm, bei der Gelegenheit sei ihre Tochter Agnes gezeugt worden. Ihren Bruder Malcolm beauftragt Sophy mit der Übergabe des Briefs an Joe. Doch als sie am selben Tag tödlich verunglückt, entschließt sich Malcolm nach Lektüre, diese Blätter für sich zu behalten.
Erst fünfzig Jahre später rückt er damit heraus. Was im Leben sowohl von Agnes als auch von Joe als Volltreffer einschlägt. Wie geht man damit um, dass die Patientin sich als Tochter, der Therapeut sich als Vater entpuppt?
„Es ist alles ein Haufen Mumpitz, und dennoch ...“
Zwar ist das Buch nicht, wie der deutsche Verlag nahelegt, ein Roman voller „Psychotherapeut:innen“. Aber es ist der Roman einer Psychotherapeutin, und man darf getrost annehmen, dass es Jane Campbells eigene Sicht der Dinge wiedergibt, wenn Joe Bradshaw über die Freud’sche Psychoanalyse sagt:
Ich denke, es ist alles ein Haufen Mumpitz [...]. Und dennoch ist die Arbeit jenes alten Wiener Magiers unschätzbar, unersetzlich. Sie hat uns allen ein höchst raffiniertes, elastisches Netz komplexer Semantik verfügbar gemacht, in dem wir herumhüpfen und die Bedeutungen des Lebens, denen wir jeweils anhängen, prüfen können.
Quelle: Jane Campbell – Bei aller Liebe
Natürlich hat der Analytiker Joe diese Prüfung regelmäßig vorgenommen – und sich, dem Stein Spinozas vergleichbar, erfolgreich eingeredet, er sei Herr seiner Entscheidungen. Dabei ist es der Prügel des Begehrens, der ihn ebenso regelmäßig in unabsehbare Richtungen, sprich, zu neuen Frauen geschleudert hat.
Doch auch Agnes kennt sich wenig. Am Morgen des Hochzeitsempfangs ihrer Tochter trennt sie sich von ihrem verheirateten Liebhaber, küsst mittags kurzentschlossen einen Mann, der sie seit langem verehrt, und landet am Ende des Tages doch wieder mit dem bisherigen Geliebten im Bett.
Schmaler Grat zwischen Selbstsucht und Selbstlosigkeit
Malcolm wiederum, der Oxforder Theologieprofessor, muss einsehen, dass es nicht etwa eine selbstlose Tat war, im besten Interesse der verwaisten kleinen Nichte, den Brief seiner Schwester zu unterschlagen, sondern ein Akt der Selbstsucht, weil er die Liebe des Kindes nicht teilen wollte.
Damit hat er Agnes nicht nur den leiblichen Vater, sondern auch die Möglichkeit vorenthalten, ihre schmerzhaft vage Erinnerung an die verlorene Mutter zu vervollständigen. Aber ihm wird am Ende verziehen:
Und so, wie zum Beweis, dass niemand von uns wissen kann, wie eine Geschichte enden wird, stellte sich heraus, dass ich letztlich doch an meiner eigenen Erlösung, wenn das das richtige Wort ist, mitgewirkt habe. Ausnahmsweise rückte ich einmal von den Rändern meines Lebens in dessen Zentrum, und Agnes, die schöne, kluge Agnes mit ihrer besonderen Bereitschaft, überschäumende Freude zu empfinden und zu schenken, hielt mich und tröstete mich und vergab mir, und ich spürte, wie mein Herz sich wieder bewegte.
Quelle: Jane Campbell – Bei aller Liebe
Der schonungslose Blick, der an Campbells Erzählungen gerühmt wurde, ist hier nicht selten tränenverschleiert. Zum Glück rumpeln die verschiedenen Beziehungsdreiecke so munter aneinander, dass sich über all den herzzerreißenden Wendungen eine milde Ironie ausbreitet.
Es ist die Ironie des Lebens selbst, das ja immer auch ganz anders hätte verlaufen können. Ein paar kleinere doppelte Böden, die Campbell einbaut, lassen das wacklige Fundament aller menschlichen Erinnerung erkennen. Wer sich an ein paar Leerstellen und losen Enden der etwas zu ambitionierten Konstruktion nicht stört, wird einen Roman lesen, der zum Weinen und zum Lachen bringt – und vor allem dazu, sich nicht allzu sehr auf die Weisheit eigener Entscheidungen zu verlassen.

Sep 29, 2024 • 55min
Liebesleid und Leseglück – Neue Bücher von Elke Schmitter, Hape Kerkeling und zum 100. von Siegfried Unseld
Diesmal im „lesenswert Magazin“: Ein Gespräch über Liebesleid, Ahnenforschung mit Hape Kerkeling und Neuerscheinungen zum 100. Geburtstag von Siegfried Unseld.
„Alles, was ich über Liebe weiß, steht in diesem Buch“: In ihrem neuen Roman erzählt Elke Schmitter vom Rausch der Verliebtheit und den Qualen, die eine gescheiterte Amour mit sich bringen kann. Amüsant, sensibel und mit scharfem analytischen Blick.
Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld liebte die freundschaftliche Verbindung zu seinen Autorinnen und Autoren. Zu Unselds 100. Geburtstag zeigen jetzt mehrere Neuerscheinungen, wie der große deutsche Verleger die intellektuelle Kultur seiner Epoche mitgeprägt hat.
Hape Kerkeling hat ein Buch über seine niederländischen Vorfahren geschrieben – und über eine Liebe im Amsterdam der 1980er Jahre, die durch AIDS tragisch endet. „Gebt mir etwas Zeit“ heißt sein Buch mit berührenden und skurrilen Geschichten.
Und die 82-jährige britische Psychotherapeutin Jane Campbell hat jetzt ihren ersten Roman veröffentlicht: „Bei aller Liebe“. Darin tummeln sich Analytiker und andere kluge Leute, die allesamt nicht erkennen, was sie im Inneren antreibt.
Außerdem: Ein Reisebuch von Aldous Huxley und ein kurzer Lesetipp von der Schriftstellerin Katja Lange-Müller.
Musik:Amanda Bergman - Your hand forever checking on my feverLabel: Cow Cow

Sep 29, 2024 • 11min
Elke Schmitter – Alles, was ich über Liebe weiß, steht in diesem Buch
Erzählerin Helena ist Künstlerin, Levin ist Musikphilosoph. Die beiden lernen sich auf einer Party kennen und stürzen sich ineinander. Ein Bildungsroman und zugleich ein Einbildungsroman über das emotionalste Thema, das es geben mag.
Warum Elke Schmitter die Liebe der beiden Romanfiguren nicht auf einer Dating-App beginnen ließ und welche Erkenntnisse sie heute über die Liebe ziehen kann, erzählt die Autorin im Gespräch mit Anja Brockert.


