SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Oct 20, 2024 • 6min

Anne Applebaum: „Um zu verhindern, dass Rußland sein autokratisches politisches System verbreitet, müssen wir der Ukraine zum Sieg verhelfen – und zwar nicht nur für die Ukraine“

Eine illusionsfreie Sicht auf Rußland nach der Krimannexion 2014 hätte vielleicht den Krieg 2022 verhindern können.Ein „Nie wieder“ bedeutet gerade nicht einen Frieden um jeden Preis, sondern einen Einsatz für Friede und Freiheit.
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Oct 20, 2024 • 8min

„Die Autorinnen lassen sich keinen Maulkorb verpassen“. FAZ-Journalistin Karen Krüger über Gastland Italien auf der Buchmesse

Italien ist das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse und man würde wirklich gern über italienische Literatur sprechen und über die vielen Bücher, die zur Buchmesse auf Deutsch erschienen sind. Das Problem ist nur: Die italienische Kulturpolitik, die ganz im Zeichen der neofaschistischen Regierung von Giorgia Meloni steht. Karen Krüger, Italien-Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, moderierte einige Veranstaltungen mit italienischen Autor*innen auf der Buchmesse. Der Faschismus ist nicht vergessen Sie sagt, nur weil einige der Autor*innen auf der offiziellen Gastland-Bühne saßen, hätten sie sich „keinen Maulkorb“ verpassen lassen. Was viele aber schon beunruhige, sei das Motto das Gastlandes: „Verwurzelt in der Zukunft“. „Viele hatten das Gefühl, vielleicht soll uns da doch irgendwie gesagt werden, dass der Faschismus nicht doch so vergessen ist, wie man uns das Glauben machen möchte“, so Krüger.
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Oct 17, 2024 • 4min

Thomas Hüetlin – „Man lebt sein Leben nur einmal“

Marlene Dietrich sitzt vor dem Grand Hotel Excelsior am Lido in Venedig – in Gesellschaft ihres Entdeckers, Förderers und Liebhabers Josef von Sternberg. „Der Blaue Engel“ hatte Dietrich den Weg nach Hollywood geebnet, und als die Nazis um sie warben, blieb sie standhaft und kehrte nicht zurück nach Deutschland, obwohl ihr Stern in den USA schon zu sinken begann. Sie hatte nicht die geringste Lust, eine zweite Leni Riefenstahl und eine Trophäe von Reichsminister Goebbels zu werden. Es ist das Jahr 1937. Und da geschieht etwas, das ihr Leben in den darauffolgenden Jahren prägen wird:   Ein gut aussehender Mann trat an den Tisch der beiden. Die Haare streng zurückgekämmt, leuchteten unter einer hohen Stirn zwei blaue Augen. Lebhaft, mit einem Schuss Melancholie, strahlten sie die Weltläufigkeit und Empfindsamkeit eines Gentlemans aus, der nicht durch ein Erbe, sondern eigene Arbeit zu Wohlstand gekommen war. Quelle: Thomas Hüetlin – Man lebt sein Leben nur einmal Der Hass auf die Nazis verbindet   Der schmucke Mann heißt Erich Maria Remarque. Mit „Im Westen nichts Neues“ hat er einen Weltbestseller gelandet. Auch wenn er sich nicht als politischen Autor begreift und sich nicht engagiert, hasst er die Nazis und wird von diesen gehasst. Marlene Dietrich ist fasziniert von Männern, die etwas hermachen. Ihre Liste mit Liebhaberinnen und Liebhabern ist lang, aber mit Remarque verbindet sie mehr.  Es war ein anderes Deutschland, das dieser Mann verkörperte. Ein Deutschland der Großzügigkeit. Nicht des Größenwahns.   Quelle: Thomas Hüetlin – Man lebt sein Leben nur einmal Eine Amour fou, die sich gewaschen hat  Was nun in diesem Jahr 1937 beginnt, ist eine Amour fou, die sich gewaschen hat. Der Autor und Journalist Thomas Hüetlin erzählt davon, als wäre er seinerzeit bei den Champagnerorgien oder den Schlafzimmergefechten dabei gewesen. Die Diva und der Intellektuelle sind beide getrieben. Billy Wilder attestierte Dietrich die „romantische Unreife einer 16-Jährigen“, die zuweilen „seelische Leberwurstbrote“ brauchte, wie sie selbst schrieb. Weder Dietrich noch Remarque scheren sich um Konventionen, alles Bürgerliche ist ihnen ein Graus. Sie lieben und fetzen sich. Mal bekocht sie ihn mütterlich mit deftigem Gulasch, mal ignoriert sie seine Liebesbotschaften wochenlang. Marlene verschleißt einen Liebhaber nach dem nächsten, aber auch Remarque hält nichts von Monogamie. Untreue gebe es gar nicht, konstatiert er. Marlenes Ehemann Rudi kümmert sich um die Organisation der komplizierten Liebesarrangements der Schauspielerin; er ist meist mit von der Partie, wenn sie zwischen Amerika und Europa hin- und herreist und neue Intimitäten sich anbahnen. Remarque, der am Hochstaplersyndrom leidet und zugleich selbstbewusst das Glamouröse sucht, zieht sich immer wieder ins Tessin zurück – um zu schreiben oder schmachtende Liebesbriefe nach Hollywood zu senden. Das kann alles nicht gut gehen. Tut es auch nicht. Leidenschaft und Beziehungsschlacht sind immer nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt.  Er nannte sie ein ‚ekelhaftes Biest‘, sie schimpfte ihn einen ‚Provinztölpel‘. Quelle: Thomas Hüetlin – »Man lebt sein Leben nur einmal« Ein lohnender Blick durchs Schlüsselloch  Die Geschichte dieses berühmten Liebespaares, das nach dem Krieg auch räumlichen Abstand voneinander nimmt, ist nicht unbekannt. Thomas Hüetlin erzählt sie anhand von Tagebucheinträgen und Briefen noch einmal neu und vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Nazideutschland. Der dräuende Krieg und der Überfall Hitlerdeutschlands auf die Nachbarn – das alles bildet die Folie, auf der die beiden ihre dramatisch-amourösen Szenen aufführen. Sie sind sich der politischen Umstände sehr bewusst – zugleich leben sie privilegiert in einem parallelen Kosmos, in dem das Ringen um Glück, die Schönheit der Melancholie und das Suhlen im Kummer mindestens ebenso viel Raum einnehmen wie die Verzweiflung über die Weltlage. Ob die Komposition des Buches – Hüetlin springt zwischen den Jahren und Schauplätzen munter hin und her – nicht nur originell, sondern zwingend ist, sei dahingestellt. Manchmal meint es Hüetlin ein wenig zu gut mit seiner Innensicht. Wenn er auf der Bettkante Platz nimmt, geht auch schon mal der Schmonzetten-Autor mit ihm durch. Aber fesselnd ist die Lektüre zweifellos, man sieht schon die Verfilmung vor sich.
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Oct 16, 2024 • 4min

Zidrou und Arno Monin – Die Adoption: Wajdi | Buchkritik

Bunt und schwungvoll gezeichnet nimmt „Die Adoption“ die Lesenden in Empfang. Zusammen mit den beiden Hauptfiguren Wajdi und seiner neuen Mutter Gaëlle betreten wir ein Haus mit großem Garten. Am Eingang der Junge aus dem Jemen, klein, dünn, immer Angst und Misstrauen im Blick. Drinnen die Mittelschichts-Familie, gut gekleidet, selbstsicher, geborgen in ihrem Idyll. Bilder und Dialoge verströmen die für franco-belgische Unterhaltungs-Comics typische Munterkeit.   Auch im zweiten Band ihrer Reihe über Auslandsadoptionen lassen der Autor Zidrou und der Zeichner Arno Monin Welten aufeinanderprallen. Diesmal sind die Farben blasser, die Linien etwas schärfer gezogen als im ersten Teil. Denn ihre Hauptfigur, der zehnjährige Wajdi, ist tief traumatisiert. Er hat seine Familie verloren und Tausende Kilometer Flucht hinter sich. Seine neuen Eltern Gaëlle und Romain wollen ihm Gutes tun. Und freuen sich über ein drittes Kind. Doch Wajdi bleibt auf Distanz. Was seine neue Mutter nur schwer erträgt.  Yusra: Und sonst ... Läuft alles gut? Hat sich Ihr Sohn schon ein bisschen eingewöhnt? Gaëlle: Mein S... Ach ja, Wajdi! (zögerlich:) Wie Sie sehen, hat er eine recht ausgeprägt Neigung, sein Revier zu markieren! Er ist mitunter etwas wild. Aber mit der Zeit wird sich das geben. Ich vermute, dass das Leben in den Flüchtlingslagern, wo er die letzten zwei Jahre verbracht hat, nicht immer leicht war.  Quelle: Zidrou und Arno Monin – Die Adoption: Wajdi Ein traumatisiertes Kind in einer Mittelschichts-Idylle  Wie einsam Wajdi sich fühlt, zeigen Autor und Zeichner in Szenen, die in der Nacht spielen, getaucht in kühles Blau. Wajdi ist schlaflos, er streift durchs Haus, während seine tote Mutter und seine Schwester als Geister durchs Fenster zu ihm hereinblicken. Oder er wälzt sich im Bett, eine winzige Gestalt im Panorama seines großen Zimmers. Solche Bilder, die ohne Worte viel erzählen, wechseln sich ab mit Episoden aus Wajdis Alltag. Er wird neu eingekleidet, lernt das Umfeld der Familie kennen. Doch immer wieder zeigt die Normalität Brüche. Wajdi reagiert auf Verhalten, das für seine französische Umgebung zum Alltag gehört, mit Gewalt. Bis hin zur Eskalation, als er rassistisch beleidigt wird.  Es waren zwei Erwachsene nötig, um ihn daran zu hindern, dass er weiter auf diesen armen Jungen einschlägt. Das war keine Prügelei, (...), das war Krieg. (...) Wir haben diesen Jungen aufgenommen, wir schenken ihm ein Zuhause, wir schenken ihm all unsere Liebe ... und wie bedankt er sich dafür... ‚Er hat sein halbes Leben in der Hölle verbracht?‘ Tja, also seine Hölle hat er jetzt mit zu uns gebracht.  Quelle: Zidrou und Arno Monin – Die Adoption: Wajdi Hier klingt der zentrale Konflikt an. Gaëlle sieht sich in ihren Erwartungen ans harmonische Familienleben enttäuscht. Da erstaunt es nicht, dass sie ein paar Seiten später die Adoption rückgängig machen will. Zidrou und Monin entlarven ihre Zuwendung als Bedürfnis, sich selbst aufzuwerten. Die Geschichte nimmt noch einmal Fahrt auf, als Wajdi aus seinem neuen Zuhause flieht.   Die Adoption als Versuch, sich selbst aufzuwerten  Spätestens hier entgleitet Autor und Zeichner ihre Geschichte. Sie erzählen von Fremdheit und den Erwartungen wohlhabender Europäer, von Alltags-Rassismus und gleich von mehreren Generationenkonflikten - immer im Bemühen, auch Momente von Komik und Rührung einzuflechten. Dabei bleiben die Bilder glatt und realistisch, nirgends findet sich eine optische Überraschung. Allein, dass Wajdi immer wieder seine tote Familie wie Figuren auf Porträt-Fotografien sieht, erinnert daran, was ein Comic mit nur einem Bild auszudrücken vermag. Aber die Frage, ob oder wie es dem Jungen vielleicht gelingt, trotz seiner Wut und Trauer in die neue Familie hineinzufinden, gerät Autor und Zeichner aus dem Blick. Am Ende geht es vor allem um Gaëlle und ihre Suche nach Wajdi, um ihr Verständnis von Mutterschaft. So flüssig sich „Die Adoption“ liest und so sehr man sich für Wajdi ein Happy End wünscht - es ist etwas zu glücklich und kommt nach all den Konflikten zu schnell. Die vielen kleinen Herzen, die sich über das letzte Bild ziehen, decken zu, was noch lange nicht gelöst ist.
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Oct 15, 2024 • 4min

Curzio Malaparte – Die Haut

Neapel ist die erste große europäische Stadt, die vom Faschismus befreit wird. Am 1. Oktober 1943 treffen die Amerikaner dort ein. Und bringen die „Pest“. Es ist eine Krankheit, die nicht den Körper, sondern die Seele zersetzt.   Das faschistische Italien hat den Krieg mit den Deutschen „ruhmreich verloren“, wie es höhnisch heißt, um ihn an der Seite der Alliierten doch noch zu gewinnen. Neapel verwandelt sich in ein modernes Sodom und Gomorrha. Jede Frau scheint sich für eine Schachtel Zigaretten zu prostituieren, Väter bieten ihre Töchter für eine Dose corned beef den stämmigen Schwarzen Soldaten feil, die in der vorzüglichen Neuübersetzung von Frank Heibert nun nicht mehr mit dem N-Wort benannt werden. Aber ungeachtet der sprachlichen Korrektur: Es sind grelle, abgeschmackte, aber auch literarisch packende Szenen.  Diese ekelhafte Haut  Der Titel „Die Haut“ steht für die schlichte Tatsache, dass Menschen in Kriegszeiten vor allem eins zu retten versuchen:    ‚Heute leidet und foltert man, mordet und stirbt, aber nicht mehr, um die eigene Seele zu retten, sondern nur, um die eigene Haut zu retten. (…) Diese ekelhafte Haut, seht Ihr?‘ Während ich dies sagte, kniff ich mit zwei Fingern die Haut auf dem Handrücken zusammen und zog sie hin und her.  Quelle: Curzio Malaparte – Die Haut Irritierend und faszinierend ist der Aggregatzustand des Romans zwischen festen Tatsachen, flüssiger Kriegs-Kolportage und gasförmiger Phantastik. Soll man es denn glauben, dass noch während der Kämpfe die „sehnsüchtigen Scharen“ der Homosexuellen ganz Europas ihren Weg durch die deutschen Linien finden, um in Neapel mit den amerikanischen Soldaten Party zu machen?   Unter dem Vulkan  Soll man es glauben, dass zu allem Übel der Vesuv ausbricht, auch wenn das Inferno so anschaulich beschrieben wird, als wäre Malaparte einst schon in Pompeji dabei gewesen? Man muss wohl, denn im Frühjahr 1944 fand tatsächlich der letzte Ausbruch des Vulkans statt, bei dem achtzig Bomber der US-Air Force zerstört wurden. Und so stellt man es erst gar nicht in Frage, wenn Malaparte den banausischen O-Ton eines amerikanischen Generals wiedergibt, der beim Einmarsch in Rom erstmals das Kolosseum zu Gesicht bekommt:   ‚What’s that?‘ schrie General Cork. ‚Das Kolosseum!‘, erwiderte ich. General Cork stand in seinem Jeep auf uns musterte das gigantische Skelett des Kolosseums lange, schweigend. Dann schrie er zu mir, einen Hauch Stolz in der Stimme:  ‚Unsere Bomber haben gut gearbeitet, Malaparte!‘  Quelle: Curzio Malaparte – Die Haut Der „Clash“ der Zivilisationen wird als große Komödie inszeniert. Neapel, die „geheimnisvollste Stadt Europas“, ist für Malaparte, den mit allen Sümpfen vertrauten Moralisten, jedoch nicht zu begreifen mit hygienischer amerikanischer Vernunft.   Poetik der Verunsicherung  Der Erzähler setzt das europäische Grauen in Szene, etwa in den Beschreibungen erhängter Juden in der Ukraine, gespenstisch wispernd im „schwarzen Wind“, oder bei der Schilderung der Höllenqualen der phosphorverklebten Menschen im bombardierten Hamburg. Für Malapartes dunkle Komik steht dagegen das Kapitel über ein Abendessen bei General Cork, wo die Gäste durch die aufgetischte Speise stark verunsichert werden:   Zum ersten Mal sah ich ein gekochtes, ein gesottenes Mädchen: und ich schwieg, von heiliger Ehrfurcht ergriffen. Alle um den Tisch waren bleich vor Entsetzen.   Quelle: Curzio Malaparte – Die Haut „In Wahrheit“ handele es sich um einen seltenen, im Aquarium von Neapel gefangenen Sirenenfisch. Die Poetik der Verunsicherung hat Malaparte in dieser genialen Szene allegorisch verdichtet: Ist es ein Fisch? Ist es ein Mädchen? „Die Haut“ wurde vom Vatikan auf den Index gesetzt, die Stadt Neapel verhängte einen Bann über den Autor. Heute liest man das fesselnde Buch als düstere Zeitdiagnose und Meisterwerk wahrhaftiger Übertreibungskunst.
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Oct 14, 2024 • 4min

Erasmus von Rotterdam – Die Klage des Friedens

Seit fast drei Jahren schienen die Europäer von allen guten Geistern verlassen: Zu Millionen brachten sie sich gegenseitig um, zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Da trat der SPD-Politiker Philipp Scheidemann ans Rednerpult des Reichstages und warb für den Frieden.  Ich halte es für die Pflicht aller klar und ruhig Denkenden in allen Ländern, dieses Spiel, das da mit Völkerleben gespielt wird, aufzudecken! Den Regierungen aller Länder zuzurufen: Es ist genug!  Quelle: Philipp Scheidemann Der Frieden spricht selbst Philipp Scheidemann brachte auf den Punkt, was Erasmus von Rotterdam genau 400 Jahre zuvor geschrieben hatte: in seiner Klage des Friedens. Auf gut 70 Seiten lässt Erasmus den Frieden selbst sprechen, in der ersten Person Singular. Der Friede argumentiert auf drei Ebenen: Aus Sicht eines kühl berechnenden Menschen sei es unsinnig, Krieg zu führen - denn ein Krieg koste auch den Sieger nur Geld. Aus ethischer Sicht erklärt Erasmus den Krieg für verwerflich – denn nicht einmal Tiere ein und derselben Art brächten sich gegenseitig um. Vor allem aber argumentiert Erasmus auf Basis des Neuen Testaments mit seinem Aufruf zur Gewaltlosigkeit. Wenn jemand Krieg führe - was habe er dann noch beim Abendmahl zu suchen?  Darf jemand wagen, zu jenem heiligen Tisch heranzutreten, zum Mahle des Friedens, der einen Krieg gegen Christen plant und sich anschickt, die zu vernichten, für deren Rettung Christus gestorben ist?  Quelle: Erasmus von Rotterdam – Die Klage des Friedens Aggressoren rechtzeitig vorbeugen Ausgewichen ist Erasmus freilich der Frage, warum denn christliche Länder Krieg etwa gegen muslimische führten. Kein Wort dazu – nicht einmal der Hinweis auf die Gewaltlosigkeit Jesu selbst gegenüber den Menschen, die ihn seinerzeit schroff ablehnten. Wie sich ein Land verhalten solle, das von einem anderen angegriffen wird – dazu bleibt Erasmus schmallippig: er wünscht sich, der Aggressor möge in die Schranken gewiesen werden. Noch besser aber, wenn man frühzeitig vorbeugt:  Die höchste Ehre erweise man denen, die einen Krieg verhindert und die Eintracht wiederhergestellt haben – schließlich auch dem, der alle Hebel in Bewegung setzt nicht dafür, daß er eine riesige Streitmacht auf die Beine stellt, sondern dafür, daß er ihrer gar nicht bedarf. Quelle: Erasmus von Rotterdam – Die Klage des Friedens Krieg sei also zu verhindern, konstatiert Erasmus, indem man zwei, drei Schritte vorausdenke: Wo könnte sich künftig Konfliktpotential zusammenbrauen – und wie macht man diesen Zündstoff möglichst schnell unschädlich? Auf Gegenwart übertragbar Auf heutige Denkansätze der internationalen Politik übertragen, redet der ziemlich pragmatische Erasmus gerade nicht einem blinden Idealismus das Wort – der würde im Interesse seiner hehren Grundsätze mit dem Kopf durch die Wand wollen. An solche Staatslenker, die sich partout im Recht glauben, wendet sich Erasmus unmittelbar:  Meinst du vielleicht, es falle dir ein Zacken aus deiner Krone, wenn du eine Rechtsverletzung nachsiehst? Nein, im Gegenteil, es gibt keinen zwingenderen Beweis für eine niedere und ganz und gar unkönigliche Gesinnung, als Rache zu üben. Wenn nun der Frieden irgendeinen in deinen Augen ungerechten Punkt zu enthalten scheint, so denke ja nicht gleich: Das und das verliere ich, sondern: Um diesen Preis erkaufe ich den Frieden. Quelle: Erasmus von Rotterdam – Die Klage des Friedens Erasmus' Ansatz lässt sich also bis in die Gegenwart weiterspinnen: hin zum Neorealismus - einer Denkrichtung, die unter dem Eindruck der beiden Weltkriege entstand. Neorealismus kalkuliert ein, dass Staaten nun einmal gegensätzliche Interessen haben. Er versucht, sie auszubalancieren, bevor es zu spät ist. Wohl der beste Weg, um die unübersichtliche Welt von heute zu befrieden. Und da erscheint die Klage des Friedens des Erasmus von Rotterdam in dieser modern übersetzten Neuedition vielleicht genau zur richtigen Zeit.
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Oct 13, 2024 • 4min

Sibylle Berg – Try Praying. Gedichte gegen den Weltuntergang | Buchkritik

Ja – try praying – versuch doch, zu beten, spottet Sibylle Berg. Es ist sozusagen das Letzte, was wir noch tun können im Endzeitmodus, den sie seit Jahren schon in ihren Werken nachzeichnet: Klimakatastrophe, Terror, Wirtschaftskrise, digitale Überwachung. Ihre Gebete dieses Mal: Gedichte. Ein freier Tag, ein leerer Tag, die Straßen, die Häuser tot, das Leben klein, das Licht zu hell, die Angst so groß, allein, allein in der Stadt an einem Tag wie feuchte Watte Quelle: Sibylle Berg – Try Praying Wir kennen das: Bei Frau Berg wird gegähnt, geschuftet, gehasst, gestorben, getötet – in den dunkelsten Farben, die die Sprache in petto hat. Für ihren fiesen Ton kann man sie lieben Mit ihren Figuren hat sie kein Erbarmen. Das ist auch in ihrer Lyrik nicht anders. Da überfährt die Tram die trauernde Witwe, der Freund wird im Schrank gefesselt           nicht dass er von dem Glück wegrennt Quelle: Sibylle Berg – Try Praying oder eine frustrierte Person gibt sich Gewaltfantasien hin: Ich säble euch die Knie ab. Ich steppe froh auf eurem Darm. Ich press euch das Gesicht ins Grab. Weil ich dann gute Laune hab. Quelle: Sibylle Berg – Try Praying Für ihren fiesen Ton kann man Sibylle Berg lieben. Der hat etwas Schroffes, Echtes, auch erschreckend Welterkennendes. Die erzählerische Wucht, die ihr auf Romanlänge gelingt, funktioniert in ihrer Lyrik allerdings mäßig. Hier fehlt ihr offenbar der Raum, entscheidenden Kontext oder Atmosphäre mitzuliefern, was uns beim Lesen helfen könnte, ihr zu folgen. Vielleicht ist auch das formale Korsett schlichtweg zu eng für sie. Das liest sich wie eine ereignislose Fahrt im Pointen-Karussell. Nur manchmal springt ein Funke über. Etwa beim „Trennungsgedicht“: Der Durst ist nicht mit Tee zu stillen, wir sitzen fern – dazwischen leer. Da könnte man nicht drüber schwimmen, wir sind uns keine Insel mehr Quelle: Sibylle Berg – Try Praying Im Kreis der liebenswerten Looser Es sind gescheiterte, durchweg einsame Gestalten, die diese Gedichte bewohnen. Vom abgestumpften Pflegepersonal, über ausgebrannte Mitarbeiter digitaler Großkonzerne, bis hin zum vergessenen Angelshop-Verkäufer. Einmal bringt Berg es einfach, aber treffend auf den Punkt: „Menschen mit dem Menschenmist“. Und das könnte eine wunderbare Erkenntnis aus dieser Lektüre sein – im Prinzip ohnehin der Schlüssel zum Werk Sibylle Bergs: Wir alle fühlen uns mitgemeint in diesem Kreis der liebenswerten Loser. Doch die Gedichte lassen einen bedauerlicherweise eher kalt. Und so wirkt der letzte Eintrag, der Hidden Track, dann auch eher wie eine Selbstoffenbarung mit Mittelfinger: Muss Sieger sein, mit aller Macht – nicht angerührt, nicht ausgelacht, auch nicht bedrängt und kleingemacht. Ich werde meinen Körper stählen, fickt euch ins Knie und gute Nacht! Quelle: Sibylle Berg – Try Praying Sprachlich überzeugt nur ein Teil der Gedichte Die Ausbeute ist mau: Unter den 40 Gedichten sind höchstens eine Hand voll wirklich gelungen. Mitunter sind die Beiträge sprachlich so gar nicht auf Bergs eigentlichem Niveau: ungelenke Sätze, schiefe Reime, eintöniges Vokabular. Fast könnte man meinen, sie will die Gattung Lyrik als solche ironisieren. Schade eigentlich.
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Oct 13, 2024 • 5min

Richard Powers – Das große Spiel

Wird die kleine Insel noch einmal zum Spielfeld internationaler Investoren? Vor dieser Frage stehen die 80 Bewohner von Makatea, mitten im Pazifischen Ozean. Bis in die 1960er-Jahre wurde dort rücksichtslos Phosphat abgebaut. Nun könnte eine Basis für ein gigantisches Wohnprojekt auf dem Meer entstehen: Es kann der Insel einerseits Wohlstand bringen, sie gleichzeitig aber tiefgreifend verändern. Die Bewohner sollen über das sogenannte „Seasteading“, den Bau von schwimmenden Wohn- und Lebensstätten auf dem Meer, abstimmen. Fragen für den gesamten Globus Das ist die Rahmenhandlung von Richard Powers‘ Roman „Das große Spiel“. What do you choose? … Of course, Makatea’s political crisis is our political crisis. It is the question of the entire globe. Quelle: Richard Powers im Gespräch Wofür entscheidest du dich? Für ein Krankenhaus und eine Schule? Für ein komfortableres Leben? Oder möchtest du, dass die Insel sich weiterhin erholt von den Folgen des früheren Rohstoffabbaus? Das ist die politische Herausforderung. Makateas politische Krise ist unsere Krise. Es die Frage für den gesamten Globus. Quelle: Richard Powers im Gespräch Das Monster Kapitalismus zeigt sich in Richard Powers Roman in verschiedener Gestalt: In den „Seasteading“-Plänen, in den verlassenen Minen auf der Insel, im Plastik-Müll, der an den Stränden von Makatea liegt. Und ebenso in der Welt, aus der Todd Keane, eine der Hauptfiguren, stammt. Er ist ein Pionier der Computer-Technologie und mit der Entwicklung von Software stinkreich geworden. An einer unheilbaren Krankheit leidend diktiert er einer KI die Lebensgeschichte – eine Erzählebene im Roman. Faszination fürs Programmieren Richard Powers sagt, Todd Keane sei in vieler Hinsicht ein Alter Ego. Wie er stammt auch diese Figur aus der North Side von Chicago. His family is much wealthier than my family… We see it as something holy new meaning of the world. Quelle: Richard Powers im Gespräch Seine Familie ist viel wohlhabender als meine. Wir waren eher Eindringlinge in der North Side. Ich habe mich immer wie ein Spion gefühlt. Wir beide teilen aber auch den frühen Traum, dass wir die Welt unter Wasser erforschen können. Und es gibt eine Verbindung, die mit dem Beginn der digitalen Revolution zusammenhängt. Wie ich war Keane total fasziniert vom Programmieren. Für uns war das eine komplett neue Bedeutung der Welt. Quelle: Richard Powers im Gespräch Später studiert Todd Keane – wie Richard Powers – an der University of Illinois, in Downstate. Ebenso Rafi Young, die zweite Hauptfigur. Er ist Schwarz und stammt aus dem Süden Chicagos, aus einer prekären Welt. Als kleiner Junge wird er von seinem Vater zum Lesen gedrillt, daraus erwächst aber eine große Liebe zur Literatur. Rafi besucht, keineswegs selbstverständlich für ein Kind seiner Herkunft, eine private katholische Schule und lernt dort Todd kennen. Sie werden Freunde und fanatische Schach- und Go-Spieler. „Das große Spiel“ erzählt auch von der Faszination des Spielens. In some ways their intellects are very different… the embrace of an irrational and unconscious that Rafi becomes dedicated to. Quelle: Richard Powers im Gespräch Vom Intellekt her unterscheiden sie sich in einigen Punkten. Todd tendiert zum Technologischen, er profiliert sich in der Informatik. Rafi ist zuallererst ein Humanist. Es ist auch ein Wettstreit zwischen zwei unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt. Hier die technologische und rationale Ordnung. Und dort die Welt der Gefühle, der Selbstbeobachtung, der Kunst. Rafi widmet sich dem Irrationalen und Unbewussten. Quelle: Richard Powers im Gespräch Die Freundschaft zwischen Rafi und Todd zerbricht eines Tages, das Spiel der beiden gegeneinander geht derweil weiter und führt zu den „Seasteading“-Plänen. Pionierin der Ozeanologie Zwei weitere Figuren – und ihre Lebensgeschichten – sind mit diesem Duo verbunden: Ina Aroita, Bildhauerin, Rafis Frau, sie und ihre Kinder leben auf Makatea. Und Evelyne Beaulieu, seit der Kindheit begeisterte Taucherin. Sie zählt zu den Pionierinnen der Ozeanologie und war an den berühmten Tektite-Forschungsmissionen 1969 und 1970 beteiligt. We, humans, live in just the tiniest fraction of the biosphere… If we really want to understand what life on earth is like, we have to say: it is an ocean planet. Quelle: Richard Powers im Gespräch Wir Menschen leben im kleinsten Teil der Biosphäre. Die Geschichte, deren Teil wir sind, seit unvorstellbar langer Zeit, ist zum größten Teil eine Geschichte der Ozeane. Wenn wir wirklich verstehen wollen, was das Leben auf der Erde bedeutet, müssen wir sagen: Es ist ein Ozean-Planet. Quelle: Richard Powers im Gespräch Evelyne Beaulieu, 92 Jahre alt, lebt auf Makatea. Auch sie soll abstimmen über die Zukunft der Insel. Mit ihrer Geschichte, inspiriert durch die Biographie der amerikanischen Ozeanographin Sylvia Earle, führt Richard Powers seine Leserinnen und Leser hinab in die Tiefe des Meeres, ins Herz der großen Ozeanmaschine, auf die Hauptbühne des Lebens, wie es heißt in „Das große Spiel“. Ein vielschichtiger Roman, der daran erinnert, wie beeindruckend dieses Reich unter Wasser ist. Und ebenso daran, dass wir uns sorgen müssen um die Zukunft dieses übergroßen Teils der Erde.
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Oct 10, 2024 • 4min

Markus Thielemann – Von Norden rollt ein Donner

Schon das Eröffnungsbild von Markus Thielemanns Roman hat etwas Verwunschenes, beinahe Biblisches:  Sie erscheinen auf der Oktoberheide, auf einem Rücken der Ebene, hinter dem es nichts zu geben scheint als immerzu treibende Wolkenmaserung: zwei Hundeschemen, dann der Hirte. Den Stecken in der Rechten, bleibt er im Gegenlicht, seine Gestalt so gebeugt, dass man ihn für einen alten Mann halten könnte. Quelle: Markus Thielemann – Von Norden rollt ein Donner Der Mann, hinter dem sich eine große Schafherde versammelt hat, ist in Wahrheit gerade einmal 19 Jahre alt. Jannes heißt er. Kurz darauf rollt tatsächlich von Norden her der Donner über die Landschaft. Doch weder der Hirte noch seine Herde reagieren nervös auf das bedrohliche Geräusch, weil sie es kennen: Es ist das Explodieren der Panzermunition, die auf dem nahe gelegenen Fabrikgelände des Waffenherstellers Rheinmetall getestet wird, seit vielen Jahrzehnten bereits.  Idylle mit Rissen  Dieser Auftakt steht sinnbildlich für den gesamten Roman, in dem alles mindestens doppelt codiert ist und in dem der donnernde Wagner‘sche Götterzorn, die Ästhetik von schauerromantischen Caspar David Friedrich-Szenen und nächtens durch die Landschaft geisternde Frauengestalten bis zur Unkenntlichkeit mit der Gegenwart verschmelzen. Das macht den Reiz von Markus Thielemanns Roman aus – dass er Mythos und Realität nicht als Gegensatzpaar darstellt, sondern das eine als folgerichtige Konsequenz des anderen atmosphärisch stimmig inszeniert.  Jannes lebt auf einem Drei-Generationen-Hof in der Lüneburger Heide. Dem Großvater Wilhelm gehört das Land; die Großmutter ist dement und im Heim; auch Jannes‘ Vater Friedrich zeigt erste Ausfallerscheinungen. Der traditionelle Familienverbund zeigt Risse, wie auch die vermeintliche Landschaftsidylle. Thielemann hat seinen Roman geografisch exakt lokalisiert: Der Hof der Familie liegt zwischen Unterlüß und Faßberg. Faßberg ist eine NS-Siedlung. Das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen ist 25 Kilometer entfernt. Das gesamte Terrain ist durchzogen von Sperrgebieten und Truppenübungsplätzen. Vermintes Gelände in jeder Hinsicht. Zugleich aber ist die Heide ein großes touristisches Geschäft; ein deutsch aufgeladener Sehnsuchtsort, den Großvater Wilhelm in einem Interview mit einer NDR-Journalistin entzaubert:  Wir sind am Ende auch nichts anderes wie einfache Bauern. Unsere Ernte im Sommer sind die reichen Knacker aus den Städten. Abgerechnet wird hier doch in Kaffeefahrten. Quelle: Markus Thielemann – Von Norden rollt ein Donner Wölfe und Heimatschützer  Markus Thielemann hat sich ungeheuer viel vorgenommen für einen noch nicht einmal 300 Seiten dicken Roman – und das meiste davon funktioniert. Er beschreibt Strukturwandel und den inneren Konflikt eines jungen Menschen zwischen Bindungen und Aufbruch. Er zeigt in seinem an Zeichen und Spuren reichen Buch, wie fortgeschriebene deutsche Mythen in die Gegenwart hineinwirken: Der Wolf ist in der Gegend unterwegs. So genannte Heimatschützer rüsten auf, um die Scholle zu verteidigen. Das von den Neonazis genutzte Wolfsangel-Symbol taucht da und dort auf. Es erstarkt, wir schreiben das Jahr 2015, eine so genannte Professorenpartei, die die Stimmung in der Bevölkerung erspürt – heute weiß man, wohin das geführt hat. Und nicht zuletzt hat Jannes selbst Visionen von einer Frau; einem Gespenst, das ihm immer wieder in Nächten auf der Heide begegnet und das mit einem lange verschwiegenen Familiengeheiminis zu tun hat. Als eines seiner Tiere eine Fehlgeburt hat, wittert Jannes den Einfluss höherer Mächte:  Spuk, denkt Jannes, und erschaudert, betrachtet die verformten Wesen im Stroh. Hier stimmt etwas nicht. Eine tiefe Gewissheit überkommt ihn. Es hat mit ihr zu tun. Sie hat ihn verflucht. Quelle: Markus Thielemann – Von Norden rollt ein Donner Hin und wieder verfängt Thielemann sich in seinen Ambitionen. Dann verschwimmen in diesem Roman die Grenzen zwischen moderner Spukgeschichte und Geisterbahn. Trotzdem: „Von Norden rollte ein Donner“ ist ein ungewöhnliches, kluges und literarisch hoch interessantes Buch.
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Oct 9, 2024 • 4min

Sebastian Moll – Das Würfelhaus

„Verdrängung“ ist einer der zentralen Begriffe in Sigmund Freuds Psychoanalyse: ein Abwehrmechanismus, mit dessen Hilfe Gedanken und Gefühle, die wir als schmerzhaft oder unangenehm empfinden, aus dem Bewusstsein gedrängt werden. Darauf bezieht sich Sebastian Moll mit seinem Begriff einer „Architektur der Verdrängung” - auch auf Freuds Diktum „der Mensch sei nicht Herr im eigenen Haus“. Zum anderen meint „Architektur der Verdrängung“ den Wiederaufbau der Stadt Frankfurt am Main nach dem Prinzip tabula rasa. Es wurde so ziemlich alles gesprengt und abgerissen, was nach dem Krieg noch stand.   Für die Verarbeitung all dessen, was geschehen war, war das katastrophal. (...) Nur wenn die schmerzhafte Erinnerung Teil eines neuen Lebens, eines neuen Alltags wird, können die seelischen Narben allmählich heilen.  Quelle: Sebastian Moll – Das Würfelhaus Gefühle im Keller  Sebastian Moll beschreibt auch das Reihenhaus, in dem er Kindheit und Jugend verbrachte, das titelgebende Würfelhaus in Langen bei Frankfurt. Es ist neu, nüchtern, äußerlich ohne jede Spur der Vergangenheit. Aber aus dem Keller dringt die Nazi-Nostalgie des Vaters bis ins vorzeigbare Wohnzimmer, dessen Bücherregal mit Werken von Böll und Grass zeitgemäß bestückt ist. Heinz Moll, in seiner Jugend Flakhelfer und glühender Hitlerverehrer, später leitender Angestellter bei einer Frankfurter Wohnungsbaugenossenschaft, hat sich unter der Erde eine Art Kriegsdevotionalienaltar eingerichtet, darauf Kameradenbriefe, Landser-Heftchen, Pornomagazine. Die Fotos früherer Freundinnen hängen ordentlich gerahmt an der Wand. Sebastian Moll:   Und das hat mich dann eben anhand unseres Reihenhauses interessiert, weil ich da ja an der eigenen Person erlebt habe, wie sich trotz dieser rationalen Oberfläche das Unterbewusste sein Recht sucht.  Quelle: Zitat von Autor Sebastian Moll Die Wiederauferstehung eines Gespensts  Das Psychoanalytiker-Paar Margarete und Alexander Mitscherlich, das Sebastian Moll häufiger zitiert, hatte 1967 das epochemachende Buch über die deutsche „Unfähigkeit zu trauern“ veröffentlicht. Nur Verdrängung war möglich. Es gibt viele Bücher über die Bürde der Generation der Kriegsenkel, der Boomer, zu denen auch der Autor gehört. Aber dieses hat einen neuen Ton: Es ist ehrlich, offenherzig, ratlos, traurig. Im Grunde kann Sebastian Moll nicht begreifen, wer sein Vater war.   Als Kind genießt er es, mit ihm zusammen sportliche Männerabenteuer zu bestehen. Aber Sebastian war erst zwölf, da führt der Vater seine junge Geliebte zum ersten Mal ins Haus der Familie und befiehlt seinem Sohn, sie vor den Augen der Mutter zu entkleiden. Die Mutter beginnt zu trinken.   Es ist die totale Erniedrigung meiner Mutter, in die ich als Komplize eingespannt werde. (...) Die Szene war zweifellos nur ein Ausschnitt aus einer andauernden sadomasochistischen Vierecksbeziehung, die meine Mutter immer tiefer in Alkohol und Verzweiflung trieb (...) Weitere Szenen geistern noch diffus und verschwommen in meinem Unterbewusstsein herum. Sie zu bergen und zu schärfen, habe ich jedoch weder den Mut noch die Kraft. Es bleibt zu viel, eine lebenslange Überforderung, eine Monstrosität, die verdaubar, Teil meines bewussten Ich zu machen, mich kapitulieren lässt. Quelle: Sebastian Moll – Das Würfelhaus Als Sebastian sich allmählich aus der Familie „extrahiert“ – wie er es nennt – verstößt ihn der Vater. 30 Jahre nach dessen Tod will Sebastian Moll „Das Würfelhaus“ verkaufen. Die Auflösung führt ihn erneut in den Vaterkeller. Er schaut noch einmal ganz genau, ob er vielleicht doch etwas übersehen hat, ob er etwas findet, was die Leerstelle füllen könnte. Das Ergebnis ist dieses kluge, traurige, anrührende Buch. Sebastian Moll hat es geschrieben im Wissen, nicht allein zu sein mit seiner Vatersuche.    Ich glaub, die Suche, die hört nie auf und die Auseinandersetzung damit. Das ist vielleicht auch ein bisschen der Fluch unserer Generation.  Quelle: Zitat von Autor Sebastian Moll

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