

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Episodes
Mentioned books

Jun 1, 2025 • 20min
Ralf Rothmann: Museum der Einsamkeit
Unbeirrt und auf höchstem Niveau schreibt Ralf Rothmann seine Ästhetik des romantischen Realismus fort. Seine neuen Erzählungen sind gleichermaßen sprachlich authentisch wie einfühlsam.

May 27, 2025 • 4min
Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite
Junger Mann mit hochfliegenden Plänen zieht hinaus in die Welt – und findet, nach diversen Abenteuern, seinen Platz im Leben: So verläuft der klassische Bildungsroman. Der SZ-Journalist Hilmar Klute aber stellt dieses Erzählschema in seinem neuen Roman auf den Kopf. Denn sein Jungautor Volker Winterberg hat gleich zu Beginn seinen Aufbruch in West-Berlin abgebrochen – und ist in seine Heimatstadt Bochum zurückgekehrt. Oder wie der 21-Jährige selbst zerknirscht bekennt:
Ich hätte abhauen sollen. Aber ich war zu träge gewesen oder zu feige oder beides, keine Ahnung. Und ich wollte meinen sterbenden Großvater nicht zurücklassen, weil er mir, als ich ein Kind war, die schönsten Geschichten erzählt hatte.
Quelle: Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite
Tagträumerei und Biertrinken
Der eigentlich genretypisch nach fernen Abenteuern dürstende Aufbruchsheld bleibt in Klutes Coming-of-Age-Roman also im Nest hocken – und sträubt sich im Jahr 1987 erst einmal lange gegen die eigene Schreibberufung. Etwas arg lange, sollte man an dieser Stelle vielleicht schon mal sagen. Denn lebens- und entscheidungsscheu verbringt der junge Winterberg erst einmal einen längeren Zeitraum mit Vermeidungsstrategien.
Er schreibt sich für ein Germanistikstudium an der Bochumer Universität ein, obwohl er von wissenschaftlicher Textanalyse nichts hält. Er tändelt unschlüssig mit seiner West-Berliner Gelegenheits-Geliebten Katja herum, obwohl er längst weiß, dass er nicht in sie verliebt ist.
Und: Er entflieht den notwendigen Risiko-Entscheidungen seines Lebens mit viel Tagträumerei und viel Biertrinken in Bochumer Kneipen, begleitet vom besten Freund Leo:
Die Abende verliefen stets nach dem gleichen Muster. (…) Irgendwie saßen wir beide in einer Art Zeitschleife fest, Leo und ich.
Quelle: Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite
Jugendliche Verpeiltheit
Am Anfang von Klutes Roman herrscht also viel Leerlauf dank jugendlicher Verpeiltheit. Das aber ist nicht das dramaturgische Problem der ersten hundert Seiten, sondern eher die auffällige Leidenschaftslosigkeit des Helden.
Denn so sehr Winterberg auch ständig von anderen für seine Texte gelobt und zum Weiterschreiben ermuntert wird, so mut- und visionslos verharrt er doch zunächst in Lethargie. Seine Freundin Katja bringt diese rätselhaft teilnahmslose Haltung einmal so auf den Punkt:
An Tatsachen bist du nicht interessiert, aber an Träumen irgendwie auch nicht. Und an mir am bist du am allerwenigsten interessiert.
Quelle: Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite
Glücklicherweise aber hat Klute diese nicht unbedingt sympathische Oblomov-Trägheit seines autofiktionalen Helden offenbar selbst gespürt – und ihm darum gleich zwei aufrüttelnde Spiegelfiguren an die Seite gestellt.
Zum einen Winterbergs Malocher-Großvater: Einen unheilbar an Staublunge erkrankten ehemaligen Kohlekumpel, der für den Enkel zum Memento Mori wird. Und zum anderen den abenteuerlustigen Leo, der seinen Zauder-Freund schließlich zur Interrail-Tour überreden kann.
Interrail-Trip als Erweckungsfahrt
Diese Zugreise quer durch das noch politisch geteilte Europa vor dem Mauerfall bringt nicht nur den Plot wohltuend in Schwung, weil die beiden Freunde es bis ins sozialistische Ungarn schaffen – und dort Begegnungen mit weniger privilegierten Europäern machen.
Der Interrail-Trip wird für den gehemmten Winterberg auch vor allem seelisch zur Erweckungsfahrt, bei dem er endlich erkennt, dass man beim Kampf für einen Lebenstraum aufs Ganze gehen muss und keine Angst vor Blamagen haben darf. Von daher entwickelt der Zauderer nun endlich jenen ungestümen Elan, den visionäre Künstler doch so dringend brauchen – und der sie so ungemein betörend macht.
Und spätestens, wenn Winterberg dann kurz vor Schluss von einem hinreißend knarzigen Jugendbuch-Autor Michael Ende endgültig der verblasene Kopf gewaschen wird, verzeiht man ihm und seinem Schöpfer den schniefig verstolperten Anfang.

May 26, 2025 • 4min
Matthias Politycki – Mann gegen Mann
Matthias Politycki ist ein Autor, der gerne gegen den Mainstream anschreibt. So auch in seinem neuen umfangreichen Essay „Mann gegen Mann. Von alten und von neuen Tugenden“. Er stellt schlicht die Frage „Wann ist ein Mann ein Mann?“, um den Refrain von Herbert Grönemeyers Kultlied „Männer“ aus den 1980er Jahren zu bemühen.
Politicky bewegt sich aber ganz in der Jetztzeit: Auf der einen Seite haben wir die Genderdebatten und LGBTQ-Manifestationen. Auf der anderen Seite betreten wieder echte Männer die Weltbühne: Wladimir Putin und Donald Trump. Die Europäische Union wiederum will enorm aufrüsten. Und in Deutschland wird neuerdings über die Wehrpflicht diskutiert. Das Soldatische, das Mannhafte ist plötzlich wieder ein Thema.
Wann ist ein Mann ein Mann?
Neue Männer braucht das Land, Verteidiger unserer Kultur und ihrer Werte. Oder besser: Menschen mit alten, traditionell den Männern zugeschriebenen Tugenden braucht das Land, welchen Geschlechts auch immer. Ja, wir brauchen Männer, die sich klassischer Rollenmuster erinnern und dennoch die neuen Interpretationen der Geschlechterrolle nicht preisgeben.
Quelle: Matthias Politycki – Mann gegen Mann
So ganz klar ist die Botschaft Politickys nicht: Will er alle Menschen, auch jene, die sich LGBTQ zugehörig fühlen, viril aufrichten? In einem Punkt muss man wohl – oder auch übel! – dem Autor Recht geben: Gender-Diskurse eignen sich wenig zur Verteidigung der Demokratie.
Was ist, wenn es dazu käme, dass man unser Land, Europa, also die westliche Wertegemeinschaft mit der Waffe beschützen müsste? Sind dann wieder die Männer am Zug? Und wenn ja – welche? Politicky umschifft in seinem Essay eine klare Antwort und sucht in der Literatur Verbündete. Es sind Jorge Luis Borges und Ernest Hemingway. Es geht um die Mannhaftigkeit der beiden Autoren.
Borges, Hemingway und die Männer-Literatur
Borges und Hemingway, so sah ich’s da plötzlich, das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Was die beiden verbindet, ist ihre lebenslange Sehnsucht nach einer archaischen Männlichkeit.
Quelle: Matthias Politycki – Mann gegen Mann
Mit dieser archaischen Männlichkeit verbindet Politicky eine gewisse Ablehnung von Intellektualität. Gemeint ist das Zerreden von Sachverhalten, gemeint ist die von ihm gescholtene „Gelehrtenliteratur“.
Freilich – in der Politik wie in der Literatur kann alles und jedes ohne Ergebnis hin und her diskutiert werden. Doch gerade in schwierigen Zeiten der Weltpolitik sind intellektuell wache Geister bei diplomatischen Bemühungen gefragt. Scharfe Intellektualität ist weder männlich noch weiblich noch divers, sondern sexy.
Von einer Sache ist der Autor fasziniert, so dass sie im Essay öfters besprochen wird: Der Messer- oder Schwertkampf, Mann gegen Mann. Ob bei Borges oder Hemingway oder gar in den mittelalterlichen Epen – die kleinen wie die großen Helden sind männlich.
Anders als bei den Messerhelden, die nur für ihre eigenes Ego kämpfen, kämpfen die Krieger in einer Schlacht für ihr Vaterland, ihren König, ihren Anführer. Das ist sehr wohl eine Idee, eine ziemlich große sogar.
Quelle: Matthias Politycki – Mann gegen Mann
Verteidigung der Werte der westlichen Welt
Die Idee, für ein „Vaterland“ zu kämpfen, müsste man wohl heute um die Idee der Verteidigung der Werte der westlichen Welt erweitern. Aber egal. Kampf, Krieg sind nicht nur Ideen, sondern meinen ganz konkret: Leben und vielleicht Sterben auf dem Schlachtfeld.
Am Ende seines Essays wünscht sich Politicky einen offenen Diskurs hinsichtlich einer „neuen, zeitgemäßen Männlichkeit“. Borges wie Hemingway sind dabei nicht unbedingt überzeugende Argumentgeber.
Der Autor hat aber ohne Zweifel den Finger in eine Wunde unserer Gesellschaft gelegt. Wer von uns – egal ob Mann, Frau oder Divers – wäre bereit, demokratische Werte mit seinem eigenen Leben zu verteidigen? Matthias Politickys Essay „Mann gegen Mann“ bietet genügend Zündstoff, um eine solche Debatte zu befeuern.

May 25, 2025 • 4min
Jessica Zafra – Ein ziemlich böses Mädchen
Es geht schon wüst los: erstmal kopfloser Sex in Manila, dann haut der Mann ab, die Frau ihm tobend hinterher, denn sie ist schwanger. Das alles auf den ersten fünf Buchseiten. Und auf Seite 6 ist das Kind dann auch schon da: Guada rutscht in die Welt, die Hauptfigur in Jessica Zafras turbulentem, ja, zuweilen überturbulentem Roman „Ein ziemlich böses Mädchen“.
Der Kopf des Babys war so groß, dass die kleinste Bewegung es umfallen ließ. Als es nach einer Rassel griff, die Nani auf der Matratze neben ihrem Gitterbett hatte liegen lassen, fiel es kopfüber auf die Matratze und weckte dabei ihre erschöpfte Mutter. Die kleine Guada, völlig unversehrt, machte keinen Mucks, aber Siony reagierte so hysterisch, dass man meinen konnte, der Schädel des Babys wäre zerschmettert und die Hirnmasse würde sich über das Laken ergießen. Siony hatte schon immer einen Hang zum Dramatischen, aber das Muttersein steigerte dies nochmal.
Quelle: Jessica Zafra – Ein ziemlich böses Mädchen
Ein Anwesen namens „Alhambra“
Ganz schön überspannt, diese Siony! Als sie einen Job als Köchin bekommt, zieht sie gemeinsam mit ihrer Tochter als Bedienstete in das hochherrschaftliche Haus der Almagros. Guada – inzwischen ein Schulkind – freut sich vor allem über die Bibliothek im Südflügel. Weil die Almagros kolonialspanischer Herkunft sind, trägt ihr Anwesen den pompösen Namen „Alhambra“.
Ja, Jessica Zafra kann ziemlich polemisch sein. Aus ihrem Roman spricht deutlich die geübte Kolumnistin. Sie kann auch herrlich hochnäsig klingen, wenn Westler Weltgeschichte zu schreiben versuchen.
Die Bibliothek im Südflügel war nicht zu verwechseln mit der beim Orchideengarten, in der die vererbte antiquarische Buchsammlung von Don Placido inklusive einer etwas schadhaften Originalabschrift des Protokolls des Konzils von Trient zu finden war, ebenso wie der Boxer Codex, die Erstausgabe der über fünfzig Bände umfassenden Reihe The Philippine Islands von Blair und Robertson und, hinter feuerfestem Glas verschlossen, die Tagebücher des ersten Almagro, der die Philippinen erreichte zusammen mit dem Adelantado Legazpi.
Quelle: Jessica Zafra – Ein ziemlich böses Mädchen
Religion und Aberglauben auf den Philippinen
Konquistadoren des 16. Jahrhunderts. Entsprechend sorglos haben sich die Almagros über die Jahrhunderte bereichert. Bis in die Gegenwart des Romans – die 1980er und 1990er Jahre – zählen sie zur hellhäutigen Oberschicht. Deshalb ist dies – wie so viele philippinische Bücher – auch ein bissiger Roman über Klassenunterschiede.
Zudem erzählt Zafra von Arbeitsmigration und vom sehr philippinischen und durchaus wahnhaften Mix aus Religion und Aberglauben. Alle paar Seiten werden Marienerscheinungen beschworen und Amulette gezückt, Karten gelegt und Geister belauscht. Ein Kind wird auf den Namen Jejomar getauft, einen Zusammenschnitt aus Jesus, Josef und Maria.
Amen. Amen. Und nochmal Amen.
Quelle: Jessica Zafra – Ein ziemlich böses Mädchen
Sehr geistreich, aber leider verquasselt
Das alles ist eine ganze Weile lang sehr, sehr geistreich. Spätestens auf der Hälfte des Romans aber verliert sich Guadas Geschichte im Gequassel der Figuren mit all ihren witzigen Dialogen, ihrem Hang zu Mobbing und Lästereien und den vielen politischen Kommentaren. So verschwindet das Mädchen streckenweise völlig, taucht erst ein paar Seiten später wieder auf und ist dann plötzlich wieder ein paar Jahre älter.
Dabei hätte sie erzählerisch so viel zu bieten gehabt. Schließlich ist sie gar kein „ziemlich böses Mädchen“, wie der Buchtitel irreführenderweise behauptet, sondern ein eher ernstes Wesen. Leider lässt ihr die scharfzüngige Erzählerin keinen Raum, sich zu entfalten. Deshalb zerfällt Guadas Geschichte in ein Gewimmel aus Episoden. Jede für sich ist soziologisch interessant und unterhaltsam sowieso. Aneinandergehängte Episoden machen aber leider noch keinen guten Roman.

May 25, 2025 • 5min
Alejandro Zambra – Nachrichten an meinen Sohn
Mit dir im Arm sehe ich zum ersten Mal den Schatten, den wir gemeinsam an die Wand werfen. Da bist du zwanzig Minuten alt. Deine Mutter schließt die Lider, will aber nicht schlafen. Sie ruht nur ein paar Sekunden aus. „Neugeborene vergessen manchmal das Atmen“ sagt uns die Krankenschwester, eine freundliche Spielverderberin.
Quelle: Alejandro Zambra – Nachrichten an meinen Sohn
Wahrscheinlich erinnern sich alle Eltern an solche oder ähnliche Momente wie sie Alejandro Zambra in „Nachrichten an meinen Sohn beschreibt“. Es sind Eindrücke aus dem kleinen Stück Magie, die die ersten Minuten nach der Geburt eines Kindes haben – Vater und Sohn, jetzt werfen sie einen gemeinsamen Schatten - wie schön.
Zarte Momente und humorvolle Einsichten
Es gibt viele zarte poetische Passagen in diesem Buch, in dem der chilenische Autor Alejandro Zambra über das Vatersein reflektiert. Besonders im ersten Kapitel des Buches reiht er Beobachtungen und kluge Gedanken aneinander, er beschreibt die ersten gemeinsamen Tage und Wochen, aber nicht chronologisch, sondern assoziativ, wie Notizen, oder Nachrichten eben.
Und es gibt sehr komische kleine Einschübe:
Ich bin stolz, dass das erste Wort, das mein Sohn vor fünf Tagen ausgesprochen hat, entgegen dem statistischen Trend das Wort Papa ist. Das sagt er jetzt ständig. Allerdings hat er noch Schwierigkeiten mit dem stimmlosen bilabialen Verschlusslaut p, und so ersetzt er ihn momentan durch den stimmhaften bilabialen Nasallaut m
Quelle: Alejandro Zambra – Nachrichten an meinen Sohn
Eine der lustigsten Passagen ist die, in der Alejandro Zambra erzählt, wie er Schokolade isst, die mit einem psychoaktiven Pilz versetzt war.
Er hofft, damit seine Kopfschmerzen zu heilen, was tatsächlich klappt, ihn aber, weil er viel zu viel Pilzschokolade auf einmal isst, auf einen stundenlangen Drogentrip schickt. Da sein Sohn gerade das Krabbeln gelernt hat, krabbelt auch Alejandro Zambro high durch die Wohnung und betrachtet die Welt durch Kinderaugen.
Ich wagte ein vorsichtiges, zaghaftes Krabbeln. Die Knie taten höllisch weh, was ich, vielleicht wegen meiner katholischen Erziehung, als ein positives Zeichen nahm. Ich erreichte das Wohnzimmer, besah mir auf allen Vieren die Pflanzen. Herrliche Ameisen, so schwarze, glänzende, tänzerische hatte die Weltgeschichte noch nicht gesehen, kamen und gingen auf einem Pfad, der in einer Fensterrille begann und oben auf einem Blumentopf endete. Ich studierte sie eingehend, saugte sie förmlich in mich auf, genoss sie.
Quelle: Alejandro Zambra – Nachrichten an meinen Sohn
Reflexionen über Männerrollen und Nähe
Das erste Kapitel des Buches spielt zeitlich in der Pandemie, auf deren Höhepunkt der Sohn zwei Jahre alt ist.
Die übrigen Kapitel bestehen aus eigenständigen, sehr unterschiedlichen Geschichten, die aber alle um das Thema Vater-Sohn Beziehung, Männerrollen und Nähe und Distanz zwischen Männern kreisen. Zambra problematisiert das Vatersein auf eine eher leise Art. Er spricht nicht nur über die Freuden, sondern auch die Zweifel, Ängste und Unsicherheiten, die mit der neuen Rolle als Vater einhergehen.
So fragt er sich auch, was es bedeutet, ein „guter Vater“ zu sein, und denkt kritisch über eigene Prägungen, gesellschaftliche Erwartungen und die Verantwortung nach, die mit dem Elternsein kommt. Dabei geht es weniger um dramatische Konflikte als um feine, ehrliche Beobachtungen eines Mannes, der sich im Spannungsfeld zwischen Fürsorge, Überforderung und dem Wunsch nach einer echten Beziehung zu seinem Kind bewegt.
Ein Blick auf das Vatersein in all seinen Facetten
Wieder fehlt es nicht an lustigen Passagen, zum Beispiel wenn der Erzähler darüber nachdenkt, wie er jahrelang litt, weil er nicht wollte, dass sein intellektuelles Umfeld von seiner Fußballleidenschaft erfuhr. Er wollte lieber als verkopft-intellektuell wahrgenommen werden, da passte die Passion für den Prollsport nicht ins Bild. Dabei war das gemeinsame Fußball schauen eine der wenigen Möglichkeiten, in Verbindung mit dem Vater zu treten.
Selbst wenn wir mit unseren Vätern restlos zerstritten waren, bescherte uns die Möglichkeit, unsere Streitigkeiten etwas Höherem zu opfern und gemeinsam ein Spiel zu sehen, eine angemessene Dosis Familienhoffnung, einen vorübergehenden Waffenstillstand, und bewahrte uns zumindest die Illusion der Zusammengehörigkeit.
Quelle: Alejandro Zambra – Nachrichten an meinen Sohn
Es gibt schon diverse Bücher über Mutterschaft, doch nur wenige übers Vater werden und -sein. Gerade deshalb sticht „Nachrichten an meinen Sohn“ durch seine besondere Perspektive heraus.
Es ist ein berührendes und zugleich humorvolles Buch, das die vielfältigen Facetten des Vaterseins einfängt. Alejandro Zambra verbindet poetische Beobachtungen mit persönlichen Reflexionen und schafft so eine authentische Liebeserklärung an die Vater-Sohn-Beziehung. Ein lesenswertes Werk für alle, die das Familienleben mit offenen Augen und Herzen betrachten möchten.

May 25, 2025 • 11min
„Neue Kapitel“: Der Börsenverein des deutschen Buchhandels feiert 200. Geburtstag und blickt in die Zukunft
In diesem Jahr feiert der Börsenverein des deutschen Buchhandels seinen 200. Geburtstag und ist damit der älteste Branchenverband Europas. Zeit, nicht nur auf die bewegte Geschichte des Vereins zurückzublicken, sondern auch nach vorne, in die Zukunft. Anfang Juni findet in Berlin der Kongress „Neue Kapitel“ statt.
Herausforderung durch KI
Im Gespräch erläutert die Vorsteherin des Börsenvereins, Karin Schmidt-Friderichs, die großen Herausforderungen für die Branche: Künstliche Intelligenz (KI) werde von Verlagen schon seit längerem als praktisches Tool zur Erleichterung von Arbeitsabläufen genutzt.
Problematisch wird es dort, wo KI urheberrechtlich geschützte Inhalte einliest, ohne dass die Urheber dafür honoriert werden. Hier fordert der Börsenverband klare Regelungen zum Schutz des Urheberrechts.
Unterstützung für kleine Verlage und unabhängige Buchhandlungen
Kleine Verlage und unabhängige Buchhandlungen sind unverzichtbarer Bestandteil eines lebendigen gesellschaftlichen Diskurses und Säulen der gelebten Demokratie.
Ihnen muss in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein besonderer Schutz und eine besondere finanzielle Förderung zuteil werden, die über die Vergabe von Preisen hinausgeht, so eine Forderung des Börsenvereins an den neuen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.
Leseförderung bleibt wichtiges Ziel
In Zeiten, in denen einen Viertel aller Viertklässler nicht richtig lesen kann, ist Leseförderung wichtiger denn je.
Lesen sei der wichtigste Schlüssel zu Bildung und Teilhabe: Der Kulturpass, so Karin Schmidt-Friderichs sei ein Weg, Kinder und Jugendliche für Bücher zu interessieren, von politischer Seite müsste allerdings viel mehr in einer gemeinsamen, länderübergreifenden Anstrengung geschehen.

May 25, 2025 • 6min
Michi Strausfeld – Die Kaiserin von Galapagos
Der Titel Die Kaiserin von Galapagos ist etwas irreführend, denn er bezieht sich nur auf die spektakulärste Geschichte des Bandes. Darin landet eine angebliche Baronin mit Hofstaat auf einer paradiesischen Insel im Galapagos-Archipel, ruft sich zur Kaiserin aus und errichtet ein Schreckensregime: ein vielfach verfilmter Stoff.
Auch der Untertitel Deutsche Abenteuer in Lateinamerika verweist nur oberflächlich auf den wirklichen Inhalt.
Vielfältige, meist kulturelle Beziehungen zwischen Deutschland und Lateinamerika
Tatsächlich liegt hier ein zentrales Werk über die vielfältigen, meist kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und dem großen Kontinent vor. Sie haben allerdings inzwischen erheblich gelitten, was Michi Strausfeld zu ihrem Buch bewegt hat:
„Das ärgert mich, das macht mich traurig. Dann wollte ich einfach wissen, war das immer so, gab es mal in der Geschichte Momente, wo wirklich Deutsche und Lateinamerikaner ein enges Verhältnis hatten, wer war drüben, was haben sie gemacht. Das war der Ausgangspunkt.“
Und dieses Ungenügen hat sie zu einem Kaleidoskop aus 500 Jahren deutsch-lateinamerikanischer Verbindungen gestaltet.
Es reicht von dem ersten Kartografen Martin Waldseemüller, der 1507 mit seiner Landkarte den Namen ‚América‘ einführte, über Weltumsegler wie Adellbert von Chamisso, der sich im 19. Jahrhundert für den Reichtum der brasilianischen Natur begeisterte, bis hin zu Hermann Burmeister, der als Maler, Geologe, Botaniker, Meeresbiologe und Paläntologe die Bedeutung Argentiniens in seinem Bericht Reise durch die La Plata-Staaten angemessen würdigte.
Hier ist seine Leistung längst vergessen. Michi Strausfeld hat auf ihn und viele andere wieder hingewiesen:
„Vielleicht kann man auf dem Einen oder Anderen etwas aufbauen, z.B. die berühmte ‚Berliner Schule‘ mit den Archäologen, Ethnologen. Diese Forscher haben Großartiges geleistet für Lateinamerika und werden in den Ländern, in denen sie waren, verehrt, haben dort Statuen, Museen sind nach ihnen benannt, und wir wissen noch nicht einmal, wer das war.“
Deutsche haben in Lateinamerika viele Spuren hinterlassen
Wie im Fall Burmeister. Er hat immerhin das ‚Argentinische Museum der Naturwissenschaften‘ in Buenos Aires gegründet, und ein Denkmal erinnert an seine Leistungen.
Die Hälfte ihres rund 260 Seiten umfassenden Buches hat Michi Strausfeld dem 20. und 21. Jahrhundert gewidmet, der Zeit, in der sich die Beziehungen vervielfachten, zunächst besonders durch die Emigranten. Sie flohen aus der Not in Deutschland in den Süden Lateinamerikas und auch nach Mexiko.
Die mexikanische Schriftstellerin Elena Poniatowska hielt z.B. die deutsche Gemeinde „für eine der besten in unserem Land: alle gaben ihr Herzblut und ihren Verstand.“
Dazu gehörte z.B. der Fotograf Hugo Brehme, der an der Mexikanischen Revolution teilnahm und dem das „kanonische Bild“des legendären Anführers Emiliano Zapata gelang: mit dem landestypische Sombrero, überkreuzten Patronengürteln, Gewehr und Säbel.
Zahllose jüdische Emigranten flohen in den 1930er Jahren vor dem wachsenden Antisemitismus. Einige von ihnen gründeten z.B. berühmte Buchhandlungen, die teilweise heute nach existieren. Dann kam die Welle der Nazis, die im Süden unterzutauchen versuchten.
Michi Strausfeld meint: „Wie die Nazis dort unbehelligt haben leben können, das ist etwas, was einen heute noch schamrot werden lässt. Und dass die Diplomaten kein wirkliches Interesse hatten. Ich meine, dass Mengele dort 20 Jahre lang im Großraum São Paulo leben konnte und bei einem Herzinfarkt im Meer gestorben ist.
Und die Leute wussten, dass er da war, die Botschaften wussten es mit ziemlicher Sicherheit auch.“
Mexiko: neue Heimat für viele Verfolgte
Unter den Emigrationsländern spielte Mexiko damals eine Sonderrolle, dank der liberalen Präsidentschaft von Lázaro Cárdenas und mexikanischer Diplomaten wie Gilberto Bosques, der für lebensrettende Visa in großer Zahl sorgte. Die erhielten vor allem politisch Verfolgte und Intellektuelle wie Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel oder Heinrich und Golo Mann.
„Und auch bildende Künstler. Und erstaunlich ist, das hat mich sehr überrascht, dass die bildenden Künstler fast alle geblieben sind... Da sieht man, dass eines der Hauptprobleme, dass Deutschland und Lateinamerika sich vielleicht nicht ausreichend kennen, sind die Sprachprobleme,“ sagt Michi Strausfeld.
Michi Strausfeld kann sie zwar nicht beheben, aber sie hat ein Werk vorgelegt, dass die Leserin und den Leser in eine weitgehend unbekannte Welt eintauchen lässt.
Die Fülle der Beispiele bewältigt sie durch eine besonders anschauliche Form der Darstellung. Dazu verwendet sie oft ausführliche Zitate von Zeitzeugen oder von Autoren, die über einzelne Aspekte geschrieben haben. Ihre ungemein detailreiche Studie ist ein profunder Beitrag zum Verständnis Lateinamerikas.

May 25, 2025 • 55min
Welt im Wachkoma
Der Börsenverein des deutschen Buchhandels feiert seinen 200. Geburtstag und ist damit der älteste Branchenverband Europas. Der Band „Zwischen Zeilen und Zeiten. Buchhandel und Verlage 1825-2025. Eine andere Geschichte des Börsenvereins“ wirft spannende Schlaglichter auf die bewegte Historie des Vereins.
Außerdem blicken wir mit der Vorsteherin des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, in die Zukunft: Welche Chancen und Risiken birgt KI für die Branche, wie kann eine flächendeckende Leseförderung gelingen und warum bleibt Deep Reading der Schlüssel für die Zukunft des Buches (und unsere eigene)?
Oliver Maria Schmitt schreibt mit „KomaSee“ einen herrlich durchgeknallten Italien-Roman und verrührt fröhlich alle Genres vom Politthriller bis zur Vorabendserie: nicht büchnerpreisverdächtig, aber saukomisch.
Von den vielen Deutschen, die sich - neben und nach Alexander von Humboldt - nach Lateinamerika aufmachten und dort wichtigen Spuren hinterließen, erzählt die große Lateinamerika-Expertin Michi Strausfeld in ihrem neuen Buch „Die Kaiserin von Galapagos“.
Nell Zink lässt in ihrem neuen Roman „Sister Europe“ eine illustre Gruppe in der Berliner Kulturblase aufeinander treffen. Dabei heraus kommt nicht nur eine gewitzte Parodie auf den Literaturbetrieb, auf Wokeness-Bewegungen und Identitätsdebatten - sondern auch eine widerborstige Liebeserklärung an Berlin.
Der Chilene Alejandro Zambra ist Vater geworden - und nichts ist mehr wie vorher. In seinen „Nachrichten an meinen Sohn“ nimmt er uns mit und erzählt vom Glanz und Elend moderner Vaterschaft: feine, ehrliche Beobachtungen eines Mannes, der sich im Spannungsfeld zwischen Fürsorge, Überforderung und dem Wunsch nach einer echten Beziehung zu seinem Kind bewegt.

May 23, 2025 • 5min
Christine Haug und Stephanie Jacobs (Hg.) – Zwischen Zeilen und Zeiten
Zu den Büchern, die von den Nazis 1933 ins Feuer geworfen wurden, gehörte auch Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“. Der 1929 erschienene Antikriegsroman, der sofort zum internationalen Bestseller avancierte, war in Deutschland nach dem Verbot nicht mehr zu haben.
Und doch wurde der Roman schon im März 1945 – als nahezu alles in Schutt und Asche lag – in großer Zahl wieder ausgeliefert. Was wie ein Wunder anmutet, lässt sich recht einfach erklären – und führt zurück ins Jahr 1933.
Der Ullstein Verlag lagerte noch eine Charge mit 120.000 Exemplaren, und der Verleger entschied sich, diese heimlich außerhalb Berlins einzulagern. Eile war geboten, weil bereits ein Jahr später die absehbare Enteignung der jüdischen Verlagsinhaber erfolgte.
Quelle: Christine Haug und Stephanie Jacobs (Hg.) – Zwischen Zeilen und Zeiten
Ruchlose Ware
Die heimlich zur Seite geschafften Exemplare überstanden den Krieg unbeschadet und konnten gleich nach Kriegsende verkauft werden. Lernen lässt sich dies aus einem Buch, das jetzt anlässlich des zweihundertsten Geburtstags des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels erschienen ist und das voller spannender Geschichten steckt.
Es ist nicht das erste Werk, das sich mit dem ältesten Wirtschaftsverband Deutschlands befasst. Zum 175. Geburtstag kam eine schwergewichtige, leinengebundene Festschrift heraus. Von dieser klassischen Institutionengeschichte sollte sich das neue Buch abheben, erklärt Mitherausgeberin Stephanie Jacobs:
„Uns war es wichtig, eine andere Geschichte zu erzählen, indem wir nicht schwergewichtige wissenschaftliche Großaufsätze veröffentlicht haben, sondern versucht haben in 216 kleinen Miszellen, kleinen Anekdoten skurrile, manchmal schräge, manchmal auch verheerende Einblicke in diese zweihundert Jahre zu bringen."
Knapp siebzig Autoren führen in chronologischer Ordnung durch mehr als zweihundert Jahre. Denn die kurzweilige „andere Geschichte des Börsenvereins“ beginnt nicht erst 1825, sondern bereits im Jahr 1765. Da nämlich gründete sich eine erste Buchhandlungsgesellschaft, ein Börsenverein avant la lettre, mit dem Ziel, illegale Nachdrucke zu verhindern.
Rigoros ging der Verband danach nicht nur gegen Raubkopien, sondern auch gegen die „Verbreitung ruchloser Ware“ vor. Der Buchhändler Friedrich Perthes stiftete 1827 „im Namen der Sittlichkeit“ gar zur Bücherverbrennung an.
Das archaische Ritual der Bücherverbrennung wurde im 19. Jahrhundert von den Behörden nicht mehr angewandt. Verbotene Bücher wurden eher eingestampft als verbrannt. Einzelne Parteien und Gruppen jedoch übten die alte Praxis nach eigenem Recht weiter aus.
Quelle: Christine Haug und Stephanie Jacobs (Hg.) – Zwischen Zeilen und Zeiten
Leseboom an den Fronten
Der Erste Weltkrieg führte überraschend zu einem Leseboom an den Fronten, doch nicht dazu, dass die Qualität des Lesestoffs zunahm. „Vom Besten fast gar nichts, vom Guten wenig und vom Schlechten viel“, klagte ein Zeitgenosse über das Angebot. Eine Reihe von Kurzessays beleuchtet schließlich ausführlich die Rolle des Börsenvereins während der Nazidiktatur, es ist keine ruhmreiche Rolle, weiß Jacobs:
„Wir können in ganz vielen kleineren Geschichten zeigen, wie verheerend die Bereitschaft war, sich dienend an den Nationalsozialismus anzuschließen. Bis zur Beteiligung an Bücherverbrennungen, bis zu dem Verbot tatsächlich.
Einzelne jüdische Autoren – und zwar sehr früh schon, mit Feuchtwanger haben wir ein Beispiel, – nicht mehr verlegen zu dürfen und tatsächlich auch Anzeigen zu schalten, die davor warnen, dass die Buchhändler einen Fehltritt tun."
Der Börsenverein hat sich von Beginn an als Vertreter wirtschaftlicher und kultureller Interessen verstanden. „Eine andere Geschichte des Börsenvereins“ bildet genau diese spezielle Verbindung präzise ab. Verfolgen lässt sich anhand des reich bebilderten und schön gestalteten Geburtstagsbuchs, wie einmal stärker wirtschaftliche und ein andermal kulturelle Themen in den Vordergrund rückten.
„Zuerst war es ein ganz klarer Wirtschaftsverband. Wenn wir dann an die Geschichte der Urheberrechte denken, dann ist es plötzlich so geworden, dass die Frage nach der Verfügbarkeit von Wissen, von urheberrechtsbewehrtem Wissen eine ganz große Rolle spielt. Ein ganz moderner Gedanke der Zugänglichkeit von Wissen für eine große Menge.
Heutzutage ist wieder ein Zungenschlag in den Börsenverein gekommen, der ganz klar kulturell geprägt ist. Und auch kulturell geprägt ist in Bezug auf die Verantwortung der Bücherverleger und Buchhändler, in Bezug auf gesellschaftliche, auch durchaus weltweit gesellschaftliche Fragestellungen, in dem sowas wie Meinungsfreiheit und Zensur wieder ins Zentrum gestellt wird."
Interessierte Leser müssen „Zwischen Zeilen und Zeiten“ nicht von vorn bis hinten durchackern, sondern können einfach irgendwo anfangen zu lesen.
Die einen werden bei der Zensur in der DDR hängenbleiben, andere bei dem Verleger, der als Spion für den KGB tätig war, und wieder andere beim ersten Frauenbuchladen, dessen Gründerinnen 1975 mit der Devise angetreten sind: „außer Männern haben wir nichts zu verlieren“. Ein Buch mithin, mit dem den Herausgeberinnen gelingt, was sie sich vorgenommen haben: „die Verlags- und Buchhandelsgeschichte aus der Ecke der Spezialwissenschaften (zu) locken“.

May 23, 2025 • 6min
Oliver Maria Schmitt – KomaSee
Das Spätwerk Woody Allens zeichnet sich durch eine gewisse künstlerische Beliebigkeit aus: Wo immer ihm eine Tourismusbehörde günstige Bedingungen bot, schien es, hat er einen pittoresken Film gedreht. Barcelona, Rom, Paris – you name it.
Turismo Como kann nun zwar nicht mit Woody Allen aufwarten, aber immerhin mit Oliver Maria Schmitt und seinem neuen, am Comer See spielenden Roman – Achtung Wortspiel – „KomaSee“. Also vorne mit „K“ und hinten mit „a“, so wie die tiefe Bewusstlosigkeit. Die wunderschöne Kulisse der Lombardei drängt sich immer wieder ins Bild.
Am Tage protzte und prunkte dieser immer leicht überkandidelte Alpensee schon sehr mit seiner aufdringlichen Grandezza, immer wirkte er ein bisschen wie zu stark geschminkt.
Quelle: Oliver Maria Schmitt – KomaSee
Nachfahr der Neuen Frankfurter Schule
Schmitt ist ein legitimer Nachfahre der Neuen Frankfurter Schule, angesiedelt irgendwo zwischen dem Dichter-Star der Satiriker-Gruppe Robert Gernhardt und dem selbsternannten „Klimbim- und Krawallschriftsteller“ Eckhard Henscheid. War den beiden in den 70er Jahren die Zeitschrift Pardon geistige Heimat, so für Oliver Maria Schmitt später die Titanic.
Wie Henscheid und Gernhardt ist auch der jüngere, immerhin inzwischen auch schon fast 60-jährige Schmitt in verschiedenen Genres unterwegs. In seinem neuesten Streich verbinden sich sein Faible für die Reisereportage, der Groschen- und Kriminalroman und die Gesellschaftssatire. Nehmen wir es vorweg: Dem Büchnerpreis rückt er mit „KomaSee“ nicht näher, aber vielleicht dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.
Wobei „grotesk“ vermutlich auch die falsche Beschreibung für „KomaSee“ wäre; die Komik ist eher von der robusteren Art, und wie es sich dabei gehört, baut das Personal nah am Klischee:
Da ist zuallerst die abgebrannte Papparazza Elena, in Deutschland aufgewachsene Halbitalienerin, die sich eine finanzielle Konsolidierung durch das Schießen kompromittierender Bilder von George Clooney verspricht – der besitzt bekanntlich am Comer See eine stattliche Villa. Ihm fotografisch eine Affäre nachzuweisen, wäre gut fürs Geschäft.
Des Weiteren gibt es den für Futurismus und den Duce schwärmenden Aufschneider Faustino, der Elena erfolglos den Hof macht. Eine mafiöse Familie betreibt windige Geschäfte, und das im Rollstuhl sitzende Oberhaupt entpuppt sich als früherer Verehrer von Elenas überdrehter Mutter Sophia.
Die wiederum stammt vom Comer See, wo sie seinerzeit den später unter dubiosen Umständen zu Tode gekommenen Terroristen und Tankwart Rudolf kennenlernte.
Diese Liebe wurde von Rudolf Faulhaber aus Titisee-Neustadt erwidert. Schnell habe man geheiratet, in Como, aber nur standesamtlich. Was ihre, Sophias Eltern, die sowieso schon gegen eine Ehe mit einem dahergelaufenen Tankwart aus Deutschland waren, vollends zur Raserei brachte. Vielleicht hatten sie da aber schon eine Art Vorgefühl, sagte die Mutter, denn Rudi war, wie er ihr erst nach der Eheschließung beichtete, in der RAF.
Quelle: Oliver Maria Schmitt – KomaSee
Hohe Pointendichte
Ferner gibt es eine Vermieterin von der Sorte zupackende Mamma, die ihren in jeglicher Hinsicht schwer vermittelbaren Sohnemann Eusebio ins Eheglück mit Elena zwingen will. Enkelin Riva schwirrt auch noch als vermurkste Vertreterin der Generation Z durch die Szenerie. Jede und jeder spielt ihre und seine klischeehafte Rolle, und das auch ziemlich gut.
Oliver Maria Schmitt kann sehr komisch schreiben, und die Pointendichte nimmt nach anfänglich raumgreifenden touristischen Informationen zu architektonischen Schmuckstücken und historischen Räuberpoistolen immer mehr zu. Schmitt beherrscht das anspielungsreiche Wortspiel mindestens ebenso gekonnt wie den gemeinen Kalauer:
Das war nun der berühmte Tropfen Wein, möglicherweise ein ganz ordentlicher italienischer Tafelwein, der dem Fass die Krone ins Gesicht schlug.
Quelle: Oliver Maria Schmitt – KomaSee
In „KomaSee“ werden so ziemlich alle Themen verhandelt und Materialien verbraten, die auch in der Gala zu finden sein könnten (Superreiche bei einer Oldtimer-Auktion), auf Seite Drei der Süddeutschen (Schlepperkriminalität), im Poproman (Zitate von Tocotronic und anderen Helden der Subkultur), in einer Vorabendserie (Herzschmerz mit Verwicklungen), Politsatire (der Hang Italiens zur Faschismus-Nostalgie) und in einem Politthriller (kam RAF-Terrorist Rudolf wirklich aufgrund von Schussligkeit beim Hantieren mit Sprengmitteln um?).
Den ästhetischen Fehltritten von Touristen wird ebenso Aufmerksamkeit geschenkt wie der Eleganz des italienischen Mannes:
„Ein italienischer Uomo gentile würde sich eher beide Beine amputieren lassen, als in der Öffentlichkeit mit Kinderhosen herumzulaufen."„Und deswegen hasst du diese Menschen?“„Ich hasse sie überhaupt nicht“, zischte Faustino zwischen den Zähnen hervor. „Es ist nur ganz normale Verachtung. Sie können ja nichts dafür, sie sind auch nur Heimatvertriebene. Am liebsten würden sie in Ruhe und unbehelligt auf ihren hässlichen Sofas sitzen und ihre mobilen Endgeräte streicheln, aber irgendetwas zwingt sie, das Haus zu verlassen und sich in die Fremde zu begeben. Sie sind ja nur Geflüchtete, Verlorene der Zivilisation, auf der Flucht vor der Langeweile und vor sich selbst, Tote auf Urlaub, ragazzi in vacanza.“
Quelle: Oliver Maria Schmitt – KomaSee
Guilty-Pleasure-Lektüre: unterhaltsam, lustig, mitunter total blöd
All das spielt sich also ab auf dem schmalen Grat zwischen Kolportage und Ironie: „KomaSee“ ist Trivialliteratur und gleichzeitig ihre Parodie. Die Lektüre ist ein bisschen Guilty Pleasure, der zugleich durch die eingezogene Metaebene Absolution zuteil wird.
Fazit: Keine Pflichtlektüre, aber immerhin kurzweiliger als so manches von Kunstwillen befeuerte Dichtwerk. Unterhaltsam, lustig, mitunter total blöd, manche Witze abgestanden, am Ende ein bisschen auf mythisch machend und auf heitere Weise der absurden Gegenwart auf der Spur.
Wie sich überm Comer See manchmal stürmische Winde aus verschiedenen Richtungen gefährlich zu einem tosenden Unwetter vereinen, so verdichten sich in „KomaSee“ verschiedene luftige Ideen zu einem Klamaukgewitter.
Wie sagte schon der von Kunstbeflissenheit auch nicht immer ganz freie Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow: „Pure Vernunft darf niemals siegen!“


