

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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May 23, 2025 • 8min
Ein leichtes Fiebergefühl beim Lesen von Nell Zinks „Sister Europe“
Man schreibt den 21. Februar des Jahres 2023. Der Schauplatz ist Berlin. Dort findet sich eine illustre Gesellschaft im Dunstkreis einer Feier für einen Abend und eine Nacht zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. Doch zunächst lernt man die Figuren des Romans einzeln kennen.
Nicole zum Beispiel, die mal Kilian hieß, sie ist 15 und möchte eine Frau sein. Allein – ein billiges Glitzerkleid und High Heels reichen nicht aus:
Was war schon dabei, sich für ein paar Minuten auf der Kurfürstenstraße als Stricherin auszugeben? So hatte sie es sich jedenfalls gedacht – dass es einfach sein würde. Als sie sich die Situation ausgemalt hatte, sah sie keine Probleme. Eine kurze Tour über den Laufsteg und für jeden Typen, der ihr hinterherpfiff, gäbe es einen Punkt.
Quelle: Nell Zink – Sister Europe
Eine illustre Gesellschaft im Berlin des Jahre 2023
Nicoles Probe aufs Exempel misslingt gründlich. Derweil bereitet sich ihr Vater Demian, freier Kunstkritiker, zuhause am Schlachtensee auf die Feier vor, bei der der arabische Autor Masud al-Huzeil einen Literaturpreis erhalten soll. Demian verehrt Masuds Dichtung seit er ihn vor Jahrzehnten an der dänischen Küste getroffen hat.
Demian war damals jung und leicht zu beeindrucken gewesen, traurig und schüchtern – achtzehn Jahre alt und ein begeisterter Leser von Lyrik, auch von arabischen Versen in Übersetzung. Tagelang hörte er Masuds blumigem, stockendem Englisch zu, außerstande, seine ständigen Einladungen abzulehnen.
Quelle: Nell Zink – Sister Europe
Zur Preisverleihung bringt Demian Livia mit, eine Freundin und Erbin mitsamt Königspudel Mephisto. Ausgelobt hat den Literaturpreis eine gealterte muslimische Prinzessin, die in der französischen Schweiz lebt und in den Vereinigten Emiraten Anerkennung als Dichterin genießt.
Vor allem aber ist sie reich und kann nicht selbst bei der Soiree dabei sein. Also schickt sie ihren homosexuellen Enkel Radi als Stellvertreter nach Berlin.
Dann ist da noch der halbamerikanische Kleinverleger Toto, der in den Neunzigern mit schlechten Musikerbiografien gut Geld verdient und in Berlin seine Wahlheimat gefunden hat. Er bringt seine Internetbekanntschaft Avianca mit zu der Soiree.
Nell Zink lässt ihre Figuren mal aufeinanderprallen, mal umeinander herumtanzen. Und sie lässt ihnen den Polizisten Klaus hinterherschleichen, der in seiner zwielichtigen Art als Sittenwächter walten will und zugleich wirkt wie die lebende Verkörperung einer gegenwärtigen konservativen Empörungskultur.
Liebevolle Porträts schräger Vögel
Zink porträtiert diese schrägen Vögel liebevoll, feinfühlig, mit einer Prise zärtlicher Ironie. Aus dem pointenreichen Dialogen und unzähligen kleinen Volten erwächst eine beeindruckende Lebendigkeit und herrliche Komik, wie in diesem Moment des Abendessens, das – schließlich ist die Preisstifterin muslimisch – ohne Alkohol auskommen muss, so heißt es im Roman:
„Die neun Tische im überheizten Glaspavillon, jeweils für zehn Personen gedeckt, litten an einem auffälligen Mangel an Weingläsern. Es gab keine. Toto setzte sich neben den Mann vom Kulturministerium, der sich von der Bar in der Lobby einen Highball geholt hatte, und die anderen gesellten sich dazu.
Der Ministerialrat war hungrig und schlecht gelaunt, er fing gleich an, sich den Inhalt des Brotkorbs in den Mund zu schieben, eine Scheibe nach der anderen. Neben ihm saß ein bärtiger, lächelnder Mann mit starkem slawischem Akzent, in einem blassblauen Leinenblazer über einem wollenen Pullunder. Der Ministerialrat schwärmte vom ganz unbürokratischen Vergnügen, mit Goethe-Instituten in Diktaturen zu operieren.
Eine schaumige Suppe wurde serviert – ihr blumiger Geschmack erinnerte Demian an Quittenmarmelade –, gefolgt von einer winzigen, salzigen Torte aus in Aspik ertränkter Wachtel, die Toto mit einem Hockeypuck verglich. Der dritte Gang war ein Lammkarree. Es war rot und zäh und reagierte auf Messerattacken, indem es tiefdunkles Blut absonderte. Der Slawe schlug vor, es in die Küche zurückzuschicken und wieder am Lamm anzubringen."
Alltagsabsurditäten prallen auf die Sehnsucht der Figuren nach Kontakt, Übereinstimmung und Zugehörigkeit. Denn nicht wenige von ihnen sehnen sich, so kitschig es klingen mag, danach, verstanden zu werden, im Wissen und mit der Erfahrung, dass das selten klappt.
Ein bisschen Woody Allen
„Sister Europe“ ist auch ein Liebesroman, der die Zweifel und Schüchternheiten seines Personals extrem gut kennt und der Fragen von Identität, Begehren und Zuneigung ständig indirekt verhandelt, im Wissen, dass Liebe oft ein großes Aneinandervorbei bleibt. Ein bisschen klingt der Roman nach frühen Filmen von Woody Allen, ein bisschen nach denen des französischen Filmemachers Eric Rohmer mit ihren schnellen Dialogen.
Die Liebesgeschichte in „Sister Europe“ verwebt sich aber mit Beobachtungen aus dem subkulturellen Berlin der Neunzigerjahre und den kulturellen und Halbwelt-Milieus der Gegenwart. Nicht selten fragt man sich, woher die Autorin eigentlich so derart frappierend gut kennt, was sie in dem unverwechselbaren Ton erzählt, der schon ihre vorangegangenen Romane prägte und trägt.
Voller Ernsthaftigkeit werden seelische und gesellschaftliche Ambivalenzen ausgelotet, doch auch dabei kommt der Humor nie zu kurz, wie diese Schilderung zeigt, in der Demian über seine Zweifel an Masuds Dichtung sinniert:
Als er die Bücher las, stieß Demian zu seinem Entsetzen auf einen krassen und hartnäckigen Rassismus gegen Schwarze. Ließ sich das entschuldigen? Er entschuldigte es, auf Grundlage der Tatsache, dass es einem antischwarzen Rassisten schwerfallen würde, in Norwegen allzu viel Schaden anzurichten, wo antimuslimischer Rassismus eine tödliche Bedrohung war (zugegeben, ein großer Teil davon war intersektional und richtete sich gegen Somalis). War es herablassend, seine eigenen ethischen Maßstäbe zu senken, weil der Mann ein Genie war, oder war es eurozentrisch, sie nicht zu senken, und was war schlimmer?
Quelle: Nell Zink – Sister Europe
Träume und Wünsche unter den Vorzeichen von Wokeness und großen Umbrüchen
Ja, was ist schlimmer? fragt man sich im Blick auf die Zwiespalte der Figuren in einem Roman, der die Borniertheiten und Kränkungen, die Träume und Wünsche seiner Figuren unter den Vorzeichen von Wokeness und den großen Umbrüchen der Gegenwart so interessiert betrachtet wie ein Vogelbeobachter seltsames Federvieh durch ein Fernglas: voller Zuneigung und Faszination und Neugierde.
Nicole mit ihrem Wunsch, ihr biologisches Geschlecht abzulegen verkörpert das vielleicht am deutlichsten, wie sehr die Zersplitterung der Gesellschaft das Empfinden der Verlorenheit befördert.
Nichts bleibt wie es ist, nichts kommt wie es kommen soll, aber alles wirkt plausibel in „Sister Europe“, weil Nell Zink einfach eine großartige Erzählerin ist. Rückblickend versteht man, wie kunstvoll schon der erste Satz den weiten Horizont des Romans aufspannt:
Es regnete vierzig Tage und vierzig Nächte», erzählte Demian seiner jüngeren Tochter Maxima («Maxi»), die mit leichtem Fieber früher als sonst ins Bett gegangen war.
Quelle: Nell Zink – Sister Europe
Der Satz erinnert an die biblische Erzählung von Noah und der Arche: die Sintflut dauerte vierzig Tage. Die biblische Geschichte ist eine von Untergang und Überleben, – ganz wie „Sister Europe“.
Beim Lesen stellt sich ein leichtes Fiebergefühl ein, das zugleich high macht, hypnotisiert und darin wiederum auch dem Song der Band „The Psychedelic Furs“ ähnelt, dem Nell Zinks melancholisch-kluger Roman seinen Titel verdankt.

May 21, 2025 • 4min
Alice Zeniter – Eine ganze Hälfte der Welt
Wie in Geschichte und Wissenschaft, hat auch in der Literatur die Suche nach vergessenen Frauen begonnen. Außerdem setzte eine Auseinandersetzung damit ein, wie Frauen in der Literatur gesehen oder ihre Werke von der Kritik eingeordnet werden. Das Wort „Frauenliteratur“ etwa wird mit einem abwertenden Beigeschmack verwendet. Sie gilt als kitschig, als banal.
Das musste auch die französische Romanautorin Alice Zeniter feststellen. Bei den Recherchen für ihren Essayband „Eine ganze Hälfte der Welt“ stellte sie fest, dass nicht nur ihre Werke, sondern auch die anderer Autorinnen von den Medien abqualifiziert werden:
Eine vollkommene Leidenschaft von Annie Ernaux wurde als »Backfischlektüre« bezeichnet, Marie Darrieussecq durfte über sich lesen, dass sie »Das Baby besser zusammen mit den dreckigen Windeln ihres Sohnes in die Tonne gehauen hätte«, und im Jahr 2017 betitelte die Sonntagszeitung Journal du Dimanche einen Artikel über Lola Lafon und mich mit den Worten: »Die netten Mädels, die bei den Neuveröffentlichungen dieses Herbstes den Ton angeben werden«. Wenn diese Männer und Frauen, deren Entscheidungsgewalt ungeheuer ist, die über Erfolg und Misserfolg der Verlagsprogramme bestimmen, so über Autorinnen sprechen, ob nun privat oder öffentlich, wie lässt sich dann verhindern, dass wir weniger achtbar, weniger lesbar erscheinen als unsere männlichen Kollegen?
Quelle: Alice Zeniter – Eine ganze Hälfte der Welt
Leserinnen häufig durch männliche Identifikationsfiguren geprägt
Autorinnen sähen sich außerdem mit sexistischen Verhaltensweisen konfrontiert:
Eine Autorin, das merkte ich sehr schnell, ist ein Körper, zu dem jeder eine Meinung hat. Nachdem ich zum ersten Mal in der Literatursendung La Grande Librairie aufgetreten war und voller Stolz das Podium mit Umberto Eco geteilt hatte, hielt es der Cheflektor meines Verlags für angebracht, mir vor Zeugen meine im Fernsehen getragene Kleidung anzukreiden, die mich, mit seinen Worten, »angestaubt« wirken lasse.
Quelle: Alice Zeniter – Eine ganze Hälfte der Welt
Nachdenklich stimmen auch Zeniters Beobachtungen zu ihrem eigenen Leseverhalten in Kindheit und Jugend. Sie wurde von Romanen geprägt, deren Identifikationsfiguren männliche Helden waren. Frauen dagegen waren keineswegs Heldinnen:
Meine Erinnerung spult eine lange Reihe von Nebenfiguren ab, Objekte der Begierde männlicher Helden, oft passive Versatzstücke der Geschichte, die man entführen, einsperren, vergiften kann (manchmal alles hintereinander), eine Unzahl matter Gestalten, mit vor unerwiderter Liebe fahlem Teint, die sich die Nasen an Fensterscheiben platt drücken, hier und da ein paar weggesperrte Irre.
Quelle: Alice Zeniter – Eine ganze Hälfte der Welt
Die Weibliche Perspektive geht verloren
Sie listet viele Beispiele vor allem aus franzöischen Werken auf und zitiert ausführlich die US-amerikanische Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison zum Thema Identifikation mit Romanfiguren. So weit, so spannend und außerdem sowohl dem Titel und dem Untertitel des Buches angemessen. Letzterer verspricht, „Über Autorinnen - Heldinnen – Leserinnen“ zu erzählen.
Doch ab etwa Seite 100 ändert sich der Tenor: Nun geht es nur noch um Alice Zeniter – was sie sich beim Schreiben ihrer Romane gedacht hat, was sie von politischer Literatur hält oder was sie beim Schreiben oder Lesen ganz allgemein bewegt. Die weibliche Perspektive geht dabei verloren:
Literarische Formen können mich auf rein intellektueller Ebene interessieren (»so etwas habe ich noch nie gesehen, das ist völlig neu«) und mich zugleich zutiefst langweilen. Seien wir ehrlich: Was mich bei manchen »schwierigen« Texten anspricht, ist weniger das Werk an sich als das Bild von mir selbst bei der Lektüre.
Quelle: Alice Zeniter – Eine ganze Hälfte der Welt
Alice Zeniter wendet sich damit an Leser, die an den Hintergründen ihrer Romane interessiert sind oder die sich allgemein mit der Entstehung von Literatur auseinandersetzen. Die ersten Kapitel von „Eine ganze Hälfte der Welt“ hingegen leisten einen lesenswerten und sehr lebendig geschriebenen Beitrag zur Rolle der Frau in Literatur und Literaturbetrieb.

May 20, 2025 • 4min
Andreas Maier – Der Teufel | Buchkritik
Wahrscheinlich ist der Teufel ein Heiliger. Die Figur im Chorgestühl der Friedberger Stadtkirche, die Andreas Maier jahrelang für den Teufel hielt, stellt tatsächlich wohl eher den heiligen Sebastian dar. Nicht dass die Teufelsfigur damals, in den 1970er und 80er Jahren, allgegenwärtig gewesen wäre.
Doch die Welt, in der Maier aufwuchs, war klar und übersichtlich in Gut und Böse aufgeteilt. Und es war selbstverständlich, dass man selbst immer zu den Guten gehörte. So lernte es das Kind tagtäglich in der Tagesschau.
In den Nachrichten gab es die Guten und die Bösen. Gut und Böse existierte von Anfang an. Es prägte hauptsächlich die Welt draußen, allerdings nur diese. Das Familienleben war nicht davon betroffen. Es prägte nicht die Menschen, unter denen das Kind aufwuchs und denen es allesamt vertraute.
Quelle: Andreas Maier – Der Teufel
Entweder gut oder böse
„Der Teufel“ ist der zehnte von elf Bänden einer in der hessischen Wetterau angesiedelten, umfassenden Heimat-, Selbstwerdungs- und Generationserkundung. „Ortsumgehung“ hat Andreas Maier diesen Zyklus mit Bezug auf die damals gebauten Umgehungsstraßen schön doppeldeutig genannt.
Der Radius hat sich mit dem allmählichen Älterwerden des Protagonisten vom Zimmer über das Haus, die Straße und in die Welt hinaus erweitert. Mit dem neuen Band unternimmt Maier nun noch einmal einen Längsschnitt, um das allumfassende Entweder-Oder der Weltordnung in den Blick zu nehmen. Das Fernsehen als ehemaliges Leitmedium spielte dabei die zentrale Rolle. Von da aus strahlte das Entweder-Oder auf alles aus. Arm oder reich. West oder Ost. Märklin oder Fleischmann-Modelleisenbahn.
Problemzone Sexualität
Als besonders prekär erlebte Maier die Aufteilung in Mann und Frau. Sie war gewissermaßen naturgegeben, aber eben doch so, dass das Mannsein für einen Jungen des Jahrgangs 1967 zur Herausforderung werden musste. Männer waren Machthaber, Unterdrücker, Gewalttäter. Pubertierende wuchsen also in eine Rolle hinein, die sie zugleich abzulehnen hatten. Sexualität wurde damit zu einer kaum zu bewältigenden Problemzone.
Maier beschreibt sein erstes Mal bei Batiktuchlicht und mit dem Duft indischer Räucherkerzen. Das geforderte Programm hieß „Zartheit, Bedächtigkeit, Aufmerksamkeit“, um ja nicht in Verdacht zu geraten, ein, wie er das nennt, „Schwanzsteckermännerschwein“ zu sein. Doch alle guten Absichten waren letztlich vergeblich.
Irgendwann, während wir schließlich das festlich Erwartete vollführten, kündigte sich an, was am meisten zu vermeiden war, denn daran machte sich das eigentlich Egoistische und Unheilvolle der Frauenfeinde fest, es war gleichsam Symbol der Herabwürdigung der Frau zum Objekt, nämlich die Ejakulation.
Quelle: Andreas Maier – Der Teufel
Mehr Essay als Erzählung
Mit ironischer, erkenntnisfördernder Distanz schreibt Maier nicht einfach aus der Gegenwart heraus, sondern aus einem fiktiven Schreibmoment im Jahr 2009, als er das Zimmer seines geistig gehandicapten, verstorbenen „Onkel J.“ bezog. Da sitzt er noch immer, als wäre seit dem ersten Band des Zyklus die Schreibzeit stehen geblieben.
Von daher wird klar, dass die so eindeutige Autofiktionalität mit Vorsicht zu genießen ist. Von Buch zu Buch erscheinen die Figuren der Familie in anderem Licht, wandelt sich auch der Vater von einer bedrohlichen über eine an Migräne leidende zu einer nahezu freundlichen Gestalt. Auch indem Maier zwischen mehr essayistischen und stärker erzählerischen Passagen wechselt, entzieht er sich dem schlichten Entweder-Oder.
Vielleicht bedeutet erwachsen zu werden ja, von dort zum Sowohl-Als-auch vorzudringen. „Was haben der Teufel und der liebe Gott damals ausgewürfelt über mich?“, fragt Maier heute. Der liebe Gott bleibt dann allerdings dem noch ausstehenden Abschlussband vorbehalten.

May 19, 2025 • 4min
Janosch Schobin – Zeiten der Einsamkeit
Immer mehr Menschen leben allein. Nicht alle leiden darunter. Wer allein ist, muss sich keineswegs einsam fühlen. Aber nicht erst seit der Corona-Pandemie ist offenbar geworden, dass Einsamkeit krank machen kann. Der Soziologe Janosch Schobin hat mit einsamen Menschen in Deutschland, den USA und Chile gesprochen, um das „universelle Gefühl“ Einsamkeit näher zu bestimmen.
John, den der Autor in Brooklyn trifft, hat sich in eine Art inneres Exil zurückgezogen, als in seinem Viertel alles den Bach runterging – zumindest aus seiner Sicht. Als angestammte Familien weggezogen sind und neue Mieter die Wohnungen übernommen haben, „Griechen, Latinos, Araber“ – alles Fremde also. John, der Fremde hasst, ist nicht sympathisch und will es auch nicht sein. Die Einsamkeit hat sich in seinen Körper regelrecht eingeprägt, bestimmt die Art, wie er redet und denkt. Mit Folgen.
Wenn sich die Einsamkeit in den Körper, in die Bewegungen und die Sprache einschreibt, dann wird sie für den Betroffenen immer intransparenter, immer schwieriger in den Blick zu nehmen: Sie wird selbst zur Farbe der Linse, durch die das Licht der Welt zu einem dringt.
Quelle: Janosch Schobin – Zeiten der Einsamkeit
Benachteiligung durch Armut und Geschlecht
Es ist eine Beobachtung, die der einfühlsame Autor immer wieder machen und präzise zur Sprache bringen wird. Janosch Schobin hat 71 Interviews mit einsamen Menschen geführt, die er „als Experten ihres eigenen Lebens ernstnimmt“. An acht ausgewählten Fällen, die er ausführlich beschreibt und analysiert, zeigt Schobin, wie sich Einsamsein in bestimmten gesellschaftshistorischen Zusammenhängen ausgeformt hat. Er nimmt Menschen in den Blick, die einsam, allein und unbemerkt sterben.
In Deutschland werden es immer mehr. Er schildert am Beispiel von zwei Frauen, wie einsam Hinterbliebene sind. Und er spricht mit einer einsamen in Harlem aufgewachsenen Afroamerikanerin, die ihrem ursprünglichen Milieu entwachsen ist, ohne sich in dem Künstler- und Intellektuellenmilieu, in das sie den Aufstieg geschafft hat, fest verankern zu können.
Es gilt als ausgemacht, dass moderne, individualistische Gesellschaften immer einsamer werden, weil die neuen, selbstgewählten Bindungen unsicherer und flüchtiger sind als vordem Familienstrukturen. Aber so einfach ist es nicht, sagt Janosch Schobin. Er macht deutlich, dass nicht beides gleichzeitig zu haben ist: hohe Beziehungsautonomie und bedingungslose Bindungen. Und er fragt, ob eine hohe Bindungsstabilität zum Preis einer niedrigen Beziehungsautonomie wirklich vorzuziehen ist.
Die Geschichte der Chilenin Marta legt dies nicht nah. Die aus armen, bildungsfernen Verhältnissen stammende Frau, die mit einem Säufer verheiratet ist, hat keine Chance, ihrer Benachteiligung durch Armut und Geschlecht zu entkommen.
Extreme Belastungstests
Wer von Beziehung zu Beziehung hopst, mag mitunter einen subtilen Mangel, eine kriechende Beziehungsunfähigkeit und ein vages Gefühl der sozialen Wertlosigkeit empfinden, die zusammen zu Recht als Einsamkeit bezeichnet werden können. Mit der zermürbenden, lebenslangen Vereinsamung, die aus der untergeordneten Position von Frauen in den Gesellschaften Lateinamerikas resultiert, lässt sich die subtile Leere hyperdynamisierter Beziehungsbiografien nicht vergleichen.
Quelle: Janosch Schobin – Zeiten der Einsamkeit
Janosch Schobin ist ein aufmerksamer Zuhörer. Er hat ein feines Gespür für sein Gegenüber, und er ist ein ausgezeichneter Erzähler, der seine Erkundungen mit viel Sinn für Dramaturgie aufgebaut hat.
Zuletzt wagt er einen Ausblick auf „die Zukunft der Einsamkeit“. Er rechnet damit, dass künstliche Intelligenz und Medikamente gegen Einsamkeitsbelastungen zum Einsatz kommen werden. Vor allem aber vermutet er, dass durch die schnelle Abfolge von Krisen, denen wir seit einigen Jahren ausgesetzt sind und wohl auch bleiben werden, soziale Gefüge weiterhin extremen Belastungstests ausgesetzt werden. Janosch Schobins Buch schafft keine Abhilfe, aber es kann dabei förderlich sein, klarer zu sehen.

May 18, 2025 • 4min
Katja Kettu – Forschungen einer Katze
Die Ausgangssituation von Katja Kettus „Forschungen einer Katze“ wirkt seltsam, ja, sogar ein bisschen absurd: Ein nicht näher bezeichnetes kluges sphärisches Wesen wird vom „Amt für Forschung und Unterstützung der Lichten Lebensformen“ auf die Erde geschickt, um Menschen zu erforschen.
Eigentlich sollte es der Geburt des Kindes einer Schriftstellerin beiwohnen, aber es geht etwas schief: Die Schriftstellerin verliert das Kind. Und das Wesen landet im Körper einer zeitreisenden Katze.
Tatsächlich funktioniert dieser erzählerische Dreh sehr gut: Die Katze erklärt, beobachtet, greift gelegentlich in die Handlung ein. Sie ist instinktgeleitet wie ein Tier, dann wieder menschenähnlich intelligent. Und sie sorgt für kleine komische Momente inmitten der existentiellen Verzweiflung der namenlosen Schriftstellerin, die eng an Katja Kettu angelehnt ist.
Über unerfüllten Kinderwunsch schreiben
„Es ist sehr schwierig, über den Verlust eines Kindes zu schreiben. Die Katze hat mir Distanz gegeben. Die Katze hat mir geholfen, eine größere Perspektive zu finden. Deshalb ist es ein sehr befreiendes Buch für mich. Es hat mir geholfen weiterzuleben", erzählt Katja Kettu bei einem Treffen in Berlin.
Sie hat jahrelang erfolglos versucht, ein Kind zu bekommen. In ihrem Roman schreibt sie drastisch und bisweilen überdeutlich über ihre Erlebnisse: die körperlichen Vorgänge, die Auswirkungen auf die Psyche, das Gefühl, sich selbst zu verlieren, die oftmals grausam-verständnislosen Reaktionen ihres Umfelds.
Katja Kettu berichtet: „Ich habe an einem Buch über einen Künstler gearbeitet und hatte einen sehr engen Zeitplan. Als ich mit dem Verlag darüber reden wollte und ihnen sagte, ich hatte gerade eine Fehlgeburt sagten sie nur: Nun, Du bist eine Schriftstellerin, komm damit klar."
Mit ihrer schonungslosen Offenheit gelingt es Kettu, diese Erfahrungen emotional nachvollziehbar zu machen – und hoffentlich auf diese Weise auch mehr gesellschaftliches Verständnis für Frauen zu wecken, die eine Fehlgeburt hatten.
Dazu füllt sie auch literarisch eine Lücke: Über ungewollte Kinderlosigkeit wird nur sehr selten geschrieben. Zusammen mit Tine Høegs gerade auf Deutsch erschienenem Roman „Hunger“ zeigt nun auch Katja Kettu, wie es möglich ist.
Faszinierende Einblicke in finnische Geschichte
Die „Forschungen einer Katze“ bleiben nämlich nicht bei der Autofiktion und in Helsinki in den 2020er Jahren stehen. Vielmehr trifft die zeitreisende Katze Ende der 1910er Jahre in Nordfinnland in der Nähe der russischen Grenze auf das Verdingmädchen Eeva, das sich in den sanften Jakob verliebt.
Wie in ihren drei bisher ins Deutsche übersetzten Romane hat Katja Kettu auch dieses Mal wieder Teile ihrer Familiengeschichte aufgegriffen.
„Einige Verwandte sind damals in die Sowjetunion geflohen. Sie dachten, es wäre ein besserer Ort – und er war nur fünf Kilometer entfernt. Es gibt da eine Geschichte in meiner Familie: Meine Urgroßeltern haben beschlossen, in die Sowjetunion zu gehen, hatten das Pferd schon vor den Schlitten gespannt und dann hat es sich das Bein gebrochen."
Das ist natürlich sehr schlimm für das Pferd – hat aber letztlich meine Existenz ermöglicht. Denn alle andere Verwandten sind von Stalin ermordet oder in Lager gesteckt worden.
Somit zeigen sich in Eevas Leben die Auswirkungen der großen historischen Verwerfungen jener Jahre: der finnische Bürgerkrieg 1918, die Verfolgung finnischer Kommunisten, der Winterkrieg. Das sind hochinteressante Einblicke in die finnische Geschichte, die untrennbar mit Eevas Kampf um ihr Überleben verbunden sind.
Und dieser Kampf wiederum zeigt in diesem zutiefst persönlichen Roman der Schriftstellerin in der Gegenwart, wie sie weiterleben kann. Sie muss durchhalten.

May 18, 2025 • 11min
„Politische Trauer“ – Maryam Aras und ihre deutsch-iranische Tochter-Vater-Geschichte | Gespräch
Tochtervater-Geschichte
Maryam Aras stammt aus dem Iran. Ihr Vater kam schon in den 60er Jahren nach Deutschland. Sie denkt selbst politisch, das hat viel mit ihrem Leben zu tun, meint Insa Wilke, die Maryam Aras schon länger literarisch begleitet. Der Vater hat in iranischen Studentenverbindungen in Deutschland gegen die Diktatur im Iran politisch gearbeitet.
Erinnerung und Gerechtigkeit
Für die Tochter heute geht es aber um Gerechtigkeit, um migrantische Perspektiven in Deutschland, um Erinnerungsgeschichte – Insa Wilke meint, es geht um eine Lücke der Anerkennung: Die deutschen 68er-Studierenden haben viel von dem Machtkampf in Persien gelernt, aber wenig über ihre persischen Kommilitonen geredet.
Man kann das zu radikal finden, weil es ja doch viele Diskussionen über Politik gab, aber Insa Wilke ist überzeugt, dass da etwas unter den Tisch fiel in der kollektiven Erinnerung an die 68er Rebellion.
Politische Trauer
Im Iran wurde bis heute keine Demokratie errichtet, in Deutschland wurde keine richtige Erinnerungskultur installiert. Das sind zwei Gründe für politische Trauer, die der Roman in Insa Wilkes Augen durchzieht. Der Vater lebt in Deutschland ein kleines Leben, könnte man meinen, wohnt und arbeitet prekär, lebt immer in der Opposition, erst unter dem Schah, dann unter der Herrschaft der Mullahs. Es sind souveräne Leute, die aus dem Iran nach Deutschland kommen.
Beeindruckend findet Insa Wilke den Stil, die Wärme, manches wird dabei nicht erklärt sondern vorausgesetzt, im Hintergrund steckt immer auch das politische Problem, dass die iranische Geschichte auch eine Geschichte amerikanischer und britischer Einflussnahme war. An Maryam Aras schätzt Insa Wilke die Konsequenz, mit der sie die Mehrheitsgesellschaft dazu bringt, mitzugehen, sich selbst via Internet beim Lesen ein Bild zu machen von der damaligen Zeit.

May 18, 2025 • 7min
Im „Museum der Einsamkeit“ versammelt Ralf Rothmann neun neue Erzählungen | Gespräch
Ein Alterswerk um Altern und Würde
Die zentralen Themen sind Altern und Würde, auch wenn die erste Erzählung in den 60er Jahren in einem Lehrlingswohnheim spielt. Die Helden bei Rothmann leben in teilweise beklemmenden, klaustrophobischen Lebensverhältnissen. Ein Junge muss auf seinen verhassten kleinen Bruder aufpassen, eine Frau will nach dem Tod ihres Mannes in ein Altersheim, ein Hilfsarbeiter kann nicht mehr auf die Baustelle.
Strahl der Wärme
Es ist ein Alterswerk des 72jährigen Schriftstellers. Ralf Rothmann hat sich nie um intellektuelle Moden gekümmert, er ist ein literarischer Autodidakt, der gerade in die Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen wurde. Sprache ist für ihn kein Instrument, sondern hat etwas schwebendes, losgelöstes, Ralf Rothmanns Erzählungen leben auch im neuen Buch von Alltagsepiphanien, vom Strahl der Wärme, der auch beklemmende Situationen aufhellen kann.

May 18, 2025 • 6min
Katharina Zorn und Jasna Fritzi Bauer – Else | Buchkritik
Frankfurt am Main in den 60ern – wilde Zeiten, denn neben Berlin ist die Stadt eine Hochburg der Studentenproteste. Else ist liebevolle Mutter zweier Töchter, verheiratet mit Willy, einem grundsoliden Kerl, der davon träumt, in höhere Kreise aufzusteigen. Und darum geht’s für die ganze Familie am Wochenende auf den Tennisplatz, wo sich Frankfurts bessere Gesellschaft trifft.
Der TV 1923 ist ein ehrenwerter Klub. Nur Männer in höheren Anstellungen, Ärzte, Juristen du ihresgleichen, sind hier Mitglieder, von Frauen erst gar nicht zu sprechen. Sie werden an der Seite der Männer geduldet, sie dürfen da sein, um ihre Männer beim Tennis zu bestaunen und auf Platz drei, hinten, wo sie keiner sieht, da dürfen sie seit Neuestem auch ab und an mal spielen.
Quelle: Katharina Zorn und Jasna Fritzi Bauer – Else
Die Taxilizenz – Ein Stück Selbstbestimmung
Else ist eine gute Ehefrau und Mutter, sie hält ihrem Mann den Rücken frei, kümmert sich gerne um Kinder und Haushalt. Doch irgendwas fehlt ihr.
Als ihr Mann monatelang auf Geschäftsreise in Indien ist, liest Else zufällig eine Annonce in der Zeitung: da werden Taxifahrer gesucht. Männer natürlich. Aber wer sagt denn, dass Frauen das nicht können? Also macht Else heimlich ihre Taxilizenz und fährt von da an nachts durch Frankfurt. Ihr Mann, ihre Kinder, nicht mal die beste Freundin wissen davon.
Und auch die Künstlerin Katharina Zorn hatte lange keine Ahnung - sie hat den Roman „Else“ zusammen mit ihrer Frau, der Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer geschrieben. Vorbild für die literarische Else ist Katharina Zorns eigene Oma, von deren Taxifahrerkarriere die Enkelin eher durch Zufall erfuhr, Jahrzehnte später.
Katharina Zorn:„Eher so durch einen Nebensatz beim Mittagessen und habe dann natürlich total viele Fragen gehabt und das war wahnsinnig spannend, mit ihr darüber zu sprechen. Und sie hat das so also sie hat das einfach so fallen lassen und irgendwie hat das hat keiner richtig zugehört und da ist mir dann aufgefallen, dass einfach, dass sie vielleicht auch an dieses, sage ich mal Patriarchat irgendwie gewöhnt ist, dass eben der Opa immer so im Vordergrund stand und dass sie gar nicht gesehen hat, was sie eigentlich alles vielleicht auch gemacht hat, und Spannendes erlebt hat."
Videoclips begleiten das Romangeschehen
„Else“ ist Katharina Zorns und Jasna Fritzi Bauers Debütroman. Die beiden arbeiten schon lange künstlerisch zusammen, immer multimedial. Auch der Roman hat neben der literarischen, noch eine weitere Ebene. Jedem Kapitel ist ein QR-Code vorangestellt, der zu aufwändig produzierten Videoclips im Netz führt. Sie kommentieren und begleiten das Romangeschehen. Es gibt kommentierte Videocollagen, einen Musikmix oder auch Originaltöne aus den 60ern in denen Männer erklären, warum Frauen nicht ans Steuer gehören.
So wird die Geschichte lebendig und ermöglicht den Leser:innen, Else noch näher kennenzulernen. Die Geschichte spielt über mehrere Jahrzehnte, springt auch immer wieder in die jüngere Vergangenheit, in der die schon hochbetagte mit ihrer Enkelin durch Frankreich reist. Dabei zeigt sich, wie offen und tolerant Else gegenüber ihrer Enkelin ist, die auf Frauen steht.
„Du findest die gut, oder?“ fragt Else ihre Enkelin, die irritiert über ihrer Cappuccino Tasse aufsieht. „Ehm ja, die ist süß...oder? Sie wird dabei ein bisschen rot und sieht Else fragend an. „Ja, Emmchen, ich denke, sie ist ein hübsches Mädchen, wenn sie auch was im Kopf hat, könntet ihr euch ja mal verabreden die Tage?!“
Quelle: Katharina Zorn und Jasna Fritzi Bauer – Else
Für Jasna Fritzi Bauer und Katharina Zorn war es wichtig, Else in verschiedenen Lebensstadien zu beschreiben. Als junge Frau, die sich still und heimlich mit dem Taxifahren emanzipiert, im mittleren, aber auch im hohen Alter, denn gerade für die gibt es, so die beiden Autorinnen, einfach viel zu wenig Raum in der Kunst. Die Autorinnen wollten Elses Leben in all seinen Facetten zeigen – von ihrer Jugend bis ins hohe Alter – und damit auch die oft vernachlässigte Rolle der Frau in der Kunst sichtbar machen.
Katharina Zorn:„Ein ganz normales Leben, aber auch ein normales Leben hat es eben verdient, irgendwie mal noch mal betrachtet zu werden. Und dann haben wir uns damit beschäftigt. Und ich durfte eben auch noch mal rückblickend in ihr Leben eintauchen und habe meine Großmutter immer erst mal nur als Oma gesehen. Und dann habe ich gemerkt Oh mein Gott, ich, ich, ich sehe die gar nicht als Frau. Wie war sie denn als Schwester, Tochter, Mutter, ähm, eben eigenständige Frau."
Jasna Fritzi Bauer:„Wie verändert sich die die Hauptperson? Was gibt ihr die Enkelin? Was lernt sie von ihren Kindern, wenn die erwachsen werden? Ich glaube, da gibt es einfach wahnsinnig viele spannende und interessante Facetten, die man zeigen kann."
Ein Roman mit der Ehefrau schreiben – nicht immer einfach
Beim Schreiben des Buches haben Katharina Zorn und Jasna Fritzi Bauer sich aufgeteilt, Katharina Zorn hat sich naheliegenderweise aufs Biografische konzentriert, Jasna Fritzi Bauer war für den fiktionalen Anteil des Romans zuständig. Das hat sich ganz gut ergänzt sagen beide, aber mit der Partnerin zusammen an einem Roman zu arbeiten, ist auch nicht immer ganz einfach – Kritikfähigkeit hilft.
Katharina Zorn:„Wir haben uns dann abends zusammengesetzt und das war so ein bisschen unser Familienritual dann uns gegenseitig die Texte vorzulesen und dann natürlich auch zu kritisieren und deine Meinung zu teilen. Und das wurde mal so, mal so aufgenommen. Aber das ist ja auch das Schöne an der Kunst, dass man darüber auch mal streiten darf, Und am Ende hat es aber alles auf jeden Fall wahnsinnig Spaß gemacht und es war eine wahnsinnige emotionale Reise."
„Else“ erzählt ein ganz normales und gleichzeitig einzigartiges Frauenleben.
Durch die Kombination aus literarischer Erzählung und multimedialen Elementen entsteht ein lebendiges und berührendes Porträt einer starken Frau, die sich gegen gesellschaftliche Zwänge auflehnt. „Else“ ist eine schöne Hommage an Hessens erste Taxifahrerin und an alle Frauen, die ihren eigenen Weg gehen. Oder fahren.

May 18, 2025 • 58min
Zwischen allen Stühlen
Bernardine Evaristo dreht in „Blondes Herz“ die Kolonialgeschichte um und lässt eine weiße Sklavin durch Afrika irren. Ralf Rothmann erzählt in „Museum der Einsamkeit“ neun Geschichten von Würde und Verlorenheit. Maryam Aras schreibt mit „Dinosaurierkind“ einen Essay über Persien, ihren Vater und sich, Ocean Vuong erzählt in „Der Kaiser der Freude“ von Menschen, die sich in Amerika durch’s Leben schlagen. Und Jasna Fritzi Bauer und ihre Frau Katharina Zorn erzählen in „Else“ von einer Frau, die ihren Taxischein in den 60er Jahren macht. Und dazu spielt der Gitarrist und Sänger Nick Drake, über den gerade ein Essay von Jürgen Goldstein erschienen ist.

May 15, 2025 • 4min
Detlef Pollack – Große Versprechen
Die Gesellschaften der westlichen Moderne sehen sich einer Reihe von Krisen gegenüber: Russlands Krieg gegen die Ukraine, der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien und die Klimaveränderung stellen die lange gewachsene Vorstellung vom unaufhaltsamen Fortschritt infrage.
Das große Versprechen der Moderne sei brüchig geworden, konstatiert der Soziologe Detlef Pollack. Die westlichen Gesellschaften hätten sich polarisiert, die öffentliche Diskussion sei von Häme und Herabsetzung gekennzeichnet, „moralisierender Alarmismus“ die falsche Antwort auf die Probleme der Gegenwart.
Pollacks Anspruch ist es, die Kontroversen zu versachlichen, indem er die Grundstrukturen moderner Gesellschaften rekonstruiert, um so Argumente gegen das herrschende Unbehagen in der Kultur zu gewinnen.
Ernüchterung gegenüber utopischem Denken in der Moderne
Aus einem historischen Rückblick gewinnt Pollack die Einsicht, dass die Moderne schon in ihren Ursprüngen zur Zeit der französischen Revolution nicht nur durch das Versprechen auf Verbesserung des menschlichen Lebens gekennzeichnet gewesen sei, sondern ebenso durch eine deutliche Ernüchterung gegenüber dem utopischen Denken.
Bei allem Streben nach dem Ganzen, Notwendigen und Absoluten betreibt die Aufklärung auch die Suche nach dem rechten Maß der Mitte, bemüht sie sich um eine Praxis der Verhältnismäßigkeit und entwickelt sie zunehmend eine Skepsis gegenüber dem Prinzipiellen.
Quelle: Detlef Pollack – Große Versprechen
Pollack gibt dafür einige Beispiele, überhaupt zeichnet sich sein Buch dadurch aus, dass abstrakte Theoreme immer anschaulich gemacht werden:
Auf die Entfesselung der Wirtschaft, die zu exzessivem Ressourcenverbrauch und Umweltproblemen führt, reagieren moderne Gesellschaften u.a. durch Bepreisung von CO2. Kapitalistische Finanzmärkte werden reguliert, der Sozialstaat dämpft Ungleichheit durch Umverteilung ab, internationale Konflikte werden durch Diplomatie eingedämmt usw.
Moderne nicht apokalyptisch denken
Pollack positioniert sich explizit gegen apokalyptische Theorien der Moderne, etwa der Kritischen Theorie, des Postkolonialismus und Poststrukturalismus, die eine generelle Entfremdung des Menschen, die Zerstörung der Natur, Ausbeutung und Unterdrückung diagnostizieren.
Ohne die Leistungen der kapitalistischen Marktwirtschaft könnten (…) Familien ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten. Die Ausgaben des Sozialstaats befördern das familiäre Zusammenleben; die Ausweitung wissenschaftlicher Einsichten ist die Voraussetzung für eine gute medizinische Versorgung; die Einnahme von Steuern garantiert eine gute Schulbildung.
Quelle: Detlef Pollack – Große Versprechen
Zwar sei das Krisenmanagement moderner Gesellschaften oft mangelhaft, zum Beispiel hätten sie zu spät und zu langsam auf die Klimakrise oder die militärische Bedrohung durch Russland reagiert.
Dennoch – und das ist die aktuelle politische Pointe von Pollacks Argumentation – seien die westlichen Demokratien, auch weil sie von starken Zivilgesellschaften bestimmt sind, besser geeignet, Wohlstand, Gesundheit, Freiheit und Würde der Menschen zu gewährleisten als autoritäre Staaten.
Aber wenn das so ist, woher kommt dann der Aufschwung rechtspopulistischer Parteien?
Ursachen des Rechtspopulismus
Pollack erklärt das weniger durch ökonomische Entwicklungen, die zu sozialer Ungleichheit und Statusverlust führen. Entscheidender seien Verunsicherung durch die fortschreitende Globalisierung, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung und zunehmende Fremdenangst, die bei den Betroffenen zu Ohnmachtsgefühlen, Ressentiments und nostalgischen Reaktionen führen:
Es soll wieder so werden, wie es angeblich einmal war, als Deutschland noch den Deutschen gehörte, als Leistung belohnt wurde, als es noch keine Gendersternchen gab und jeder das essen konnte, was ihm schmeckte.
Quelle: Detlef Pollack – Große Versprechen
Weder eine generelle Ablehnung der Moderne noch deren blinde Befürwortung sind nach Detlef Pollacks Ansicht richtige Antworten auf die kumulierten Krisen der Gegenwart.
Man solle die großen Erwartungen an die Zukunft nicht aufgeben, müsse sich vielleicht aber damit abfinden, dass die Umsteuerung und Selbstkorrektur komplexer westlicher Gesellschaften nicht immer schnell genug funktionierten. Das klingt bei allem theoretisch behaupteten Optimismus am Ende doch etwas ratlos.


