SWR Kultur lesenswert - Literatur

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May 14, 2025 • 4min

Tor Ulven - Grabbeigaben

„Grabbeigaben“ setzt auf unkonventionelle Weise ein. Es wird suggeriert, dass wir alle tagtäglich auf einer Menge von Gegenständen herumgehen – seien es „Hähnchenreste“, „Tonscherben“, oder „Meerschildkröten“.   Vergänglichkeit des Irdischen  Gleich im nächsten Absatz lauscht jemand der Tonaufnahme von Brahms „Tragischer Ouvertüre“, dirigiert von Arturo Toscanini. Die Aufnahme stammt vom 22. November 1953. Der Zuhörende sinniert über die Vergänglichkeit alles Irdischen.  Und den Plattenrillen entsteigen die Töne wie Seelen, gleichsam erlöst von der irdischen Hölle, aber außerstande, sich dem Himmel zu nahen; wieder und wieder mögen sie emporfliegen aus dem schwarzen Vinyl in einem verzweifelten Versuch, jenes Konzert vom 22. November zu verewigen, doch stattdessen hört man nur, wie unendlich weit weg es ist, immer weiter sich entfernt in eine unendliche Vergessenheit. Quelle: Tor Ulven – Grabbeigaben Was diese zwei Textstellen verbindet, ist eben die Vergänglichkeit des Irdischen. Auf der einen Seite ist es wahr, dass unter unseren Füßen eine Menge längst vergangener Gegenstände ruhen: etwa Reste uralter Klöster bis hin zu versunkenen Städten der Maya-Kultur. In Tor Ulvens Prosatext wird auch von Ausgrabungen von Gegenständen aus der Prähistorie berichtet: etwa von bronzezeitlichen Blasinstrumenten – so genannten „Luren“. Archäologisch gesehen sind die Instrumente gesichert, doch ihr Klang, ihre Musik ist entschwunden – und damit ebenso vergänglich wie die Tonaufnahme von Brahms „Tragischer Ouvertüre“ dirigiert von Toscanini. Das heißt: Alles, was wir aus der Vergangenheit ausgraben, sind letztlich Grabbeigaben für die Geschichte der Menschheit.  Drei Erzählperspektiven und ein Garten  „Grabbeigaben“ ist aus drei Perspektiven erzählt: Ein Ich- und ein Er-Erzähler, sowie eine Sie-Erzählerin. Diese Vorgehensweise gibt den recht unterschiedlichen Passagen eine gewisse Struktur. Doch Ulven bietet keine inhaltliche fortschreitende Erzählung. Es sind viel mehr Erzähl-Mosaike, die durch stets wiederkehrende Motive zusammengehalten werden – etwa Gedanken über Vergänglichkeit und Tod, über Musik, über Sex und über Gegenstände des Alltags. Das Mosaik-Ensemble soll aber keineswegs ein statisches Gesamtbild ergeben. „Fragmentarium“ lautet der Untertitel von „Grabbeigaben“. Zu den wiederkehrenden Motiven in „Grabbeigaben“ gehört auch der Garten.   Sie empfand eine immense Sehnsucht nach diesem Garten, sogar jetzt noch, da das Bild nur noch Erinnerung war, nicht weil der Garten sie an einen wirklichen Garten erinnerte, den sie selbst gesehen oder besucht hatte, sondern, im Gegenteil, weil es ein nie gesehener, für immer unrealisierter, unzugänglicher war, wie ein unsichtbarer Garten in einem Samen, der nie aufkeimen wird. Quelle: Tor Ulven – Grabbeigaben Der Garten – „locus amoenus“, der liebliche Ort in der Natur, künstlerisch ausgestaltet seit der Antike bis in unsere Zeit. Der Garten Eden – Ort der Eintracht mit Gott und den himmlischen Mächten. Ort, aus dem der Mensch für immer vertrieben wurde. Dieser Garten ist Erinnerungs- wie Sehnsuchtsort – ein Ort, ohne Chance auf Erfüllung. Tor Ulven, der als Lyriker zu publizieren begann, zitiert ein einziges Gedicht in „Grabbeigaben“. Es ist „Ein Dröhnen“ von Paul Celan. Darin ist das Wort „Metapherngestöber“ gesetzt. Ob Abstraktion oder Konkreta, viele der Wörter, die wir verwenden, sind Metaphern, Bilder, die unsere Erinnerung leiten. Sicherlich ordnen sie das Leben, doch hinter der Berechenbarkeit des Alltags steht stets das „Gestöber“ des Seins. So sieht es zumindest Tor Ulven.   Intensität der Sprachbilder  Zugegeben, „Grabbeigaben“ ist alles andere als ein hoffnungsreicher Text. Doch Ulvens Sprachkunst, die Dichte und die Intensität seiner Sprachbilder sind einzigartig zu nennen. Dass dies einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht wird, verdankt man der großen Übersetzungsleistung von Bernhard Strobel. Man kann „Grabbeigaben“ auch mit einem Schuss Ironie interpretieren: Im Leben wie im Lesen arbeiten wir im Gestöber unserer Erinnerungsbilder am Mausoleum der Menschheitsgeschichte.
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May 13, 2025 • 4min

„Revolutionärinnen. Frauen, die Geschichte schrieben" von Alexandra Bleyer

Ob Olympe de Gouges ahnte, welche Bedeutung ihre „Erklärung der Frauen und Bürgerinnenrechte“ einmal erlangen würde? Als Wegbereiterin der feministischen Bewegung steht sie mit ihrer Biografie am Anfang des Buches. Von Amerika bis Ägypten: Frauen kämpften weltweit für Gleichberechtigung  In 19 Kapiteln beleuchtet die Autorin den Werdegang feministischer Ikonen wie George Sand oder Rosa Luxemburg. Aber auch hierzulande weniger bekannte Figuren, wie beispielsweise die ägyptische Frauenrechtlerin Hudā Sha’rāwī stellt uns die Autorin vor.   Dabei bietet sie spannende Einsichten in die landes- und kulturspezifischen Kontexte, in denen sich die Frauen bewegten. Im Kapitel über die türkische Frauenrechtlerin Emine Semiye geht es auch um die gravierenden politischen Umbrüche im Osmanischen Reich. Und im Kapitel über die chinesische Dichterin und Feministin Qui Jin erfahren wir, was es mit dem ‚Füßebinden‘ in der Qing-Dynastie auf sich hat: Dabei werden jungen Mädchen in einer qualvollen Prozedur die Füße gebunden, um das Schönheitsideal winziger „Gold-Lotus“-Füße zu erreichen.   Die promovierte Historikerin orientiert sich eng an den Fakten: Jede Passage wird mit einer wissenschaftlichen oder historischen Quelle belegt. Häufig zitiert sie aus Reden, Tagebüchern oder Briefen. Abigail Adams etwa, „First Lady“ der Vereinigten Staaten und wichtige Ratgeberin ihres Mannes John Adams – schreibt an ihre Schwester Elizabeth:  Ich werde es nie gutheißen, dass unser Geschlecht als minderwertig gilt. […]  Wenn der Mann der Herr ist, ist die Frau die Herrin – dafür setze ich mich ein, und auch wenn keine Frau die Zügel des Staates in der Hand hält, sehe ich doch nicht ein, warum sie sich dazu nicht äußern können soll. Quelle: Alexandra Bleyer – Revolutionärinnen. Frauen, die Geschichte schrieben Kritik und Schikanen gegen die Frauenrechtsbewegung sind nicht neu  Beim Lesen fällt auf, dass die Frauen trotz ihrer unterschiedlichen Lebenssituationen Ähnliches forderten. Vor allem ging es ihnen um Selbstbestimmung und politische Teilhabe. Zugleich waren die Bewegungen in mancher Hinsicht tief gespalten, wie etwa ein ausgewähltes Zitat der türkischen Autorin Pakize Sadri verdeutlicht. Mit Blick auf die militanten britischen Suffragetten stellt sie fest:   Für Halbverrückte, die für ihre Rechte mit Bomben arbeiten, und für auserwählte Frauen, die mit passiver Perfektion ihren Wohlstand in Zukunft vorbereiten, wird leider der gleiche Begriff verwendet: Feminismus! Quelle: Alexandra Bleyer – Revolutionärinnen. Frauen, die Geschichte schrieben Auch auf äußere Widerstände stießen die Feministinnen. Hier zeigt Bleyer, dass neben inhaltlicher Kritik auch böswillige Schikanen auf der Tagesordnung standen: Der Japanerin Kishida Toshiko wurde vorgeworfen, sie sei nur in der Bürgerrechtsbewegung aktiv, um Männern nachzustellen und die Russin Alexandra Kollontai geriet in Verruf, weil sie mit einem 17 Jahre jüngeren Mann liiert war.   Solche Diffamierungen, aber auch einige der im Buch thematisierten Forderungen, wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, prägen auch heutige Diskurse. Diese deutlichen Bezüge zur Gegenwart werden von der Autorin allerdings nicht weiter kommentiert.   Wissenschaftliche Präzision und lockerer Schreibstil  Umso mehr Raum bleibt für die Nacherzählung historischer Ereignisse: Gesetzesänderungen, Parlamentsdebatten, Protestaktionen, Weltkongresse – Bleyer behält die einzelnen Entwicklungsschritte ebenso im Blick wie die komplexen Verbindungen zwischen den Akteurinnen. Dem zu folgen erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Und doch ist die dichte Lektüre dank vieler anschaulich erzählter Anekdoten recht kurzweilig.  Meist gelingt der Sachbuch- und Krimiautorin die Gratwanderung zwischen unterhaltsamer Erzählung und wissenschaftlicher Betrachtung, auch wenn ihr manche Formulierungen etwas zu salopp geraten, etwa wenn sie schreibt, die Gefängnisaufenthalte der Suffragetten seien „kein Honigschlecken“ gewesen.  Leider endet die durchaus bereichernde Lektüre in einem eher enttäuschenden Schlusskapitel. Unter der Überschrift „Was bleibt“ verweist Bleyer auf nur einer Seite auf das ohnehin Offensichtliche: Bildung und öffentliche Aufmerksamkeit sind wichtig, um Veränderungen zu bewirken, und Gewalt ist nicht die Lösung. Dabei steckt so viel mehr in den sorgfältig recherchierten und abwechslungsreich erzählten Kapiteln, die zeigen, wie leidenschaftlich und aufopferungsvoll jede der Frauen auf ihre eigene Art um ihre Rechte kämpfte.
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May 11, 2025 • 6min

Barbi Marković – Stehlen, Schimpfen, Spielen

Wenn ein Buch erst einmal vorliegt, ist von den Schwierigkeiten des Schreibens nicht mehr viel zu bemerken. Es ist redigiert und lektoriert – also: fertig. Ganz anders im neuen Buch von Barbi Marković. Da braut sich gleich im ersten Kapitel schon die dunkle Wolke des Zweifelns zusammen: Ob das hier wohl gelingen kann? Es geht um den Auftrag, eine Poetikvorlesung zu verfassen, also über die eigene literarische Arbeit umfassend Auskunft zu geben. Barbi Marković hat den Auftrag angenommen und sich ein humorvolles Konzept überlegt: Der Bericht über die Entstehung der Poetikvorlesung ist zugleich die Vorlesung selbst. Doch trotz dieses schönen Plans ist sie, wie immer beim Schreiben, hin und hergerissen: Diese Gemütsschwankungen zwischen Größe und Armseligkeit sind die Wellen, die mich immer durch das Schreiben und Leben tragen. Sodass ich genug Momente der Hybris habe, um überhaupt etwas zu produzieren, aber nie vergesse, was für ein nichtiges Wesen ich eigentlich bin. Jetzt ist es zu spät abzusagen. Meine einzige Chance ist eine verrückte, eine unordentliche Vorlesung. Quelle: Barbi Marković – Stehlen, Schimpfen, Spielen Ein Kraftakt voller panischer Selbstprüfungen Zwei Jahre zuvor, als die Anfrage kam, war noch viel Luft für Aufschieberitis, doch die Zeit ist vergangen und jetzt muss in zwei Wochen ein erstklassiger Vortrag in die Tasten gehämmert werden. Das ist ein Kraftakt voller panischer Selbstprüfungen, über dem bedrohlich die Frage schwebt: Wird Barbi Marković es schaffen, die bedeutsame Selbstauskunft rechtzeitig fertig zu stellen? Sie wird, so viel sei verraten. Und darüber hat sie den Titel „Stehlen, Schimpfen, Spielen" gesetzt. Spannend bleibt es aber trotzdem, denn Barbi Marković hat für ihre Vorlesung die Form des Countdown gewählt. Das heißt, im Herunterzählen der Arbeitstage von 13 bis Zero wächst der Text bis zur Vollendung. Harter Lebensstoff in komischer Form Dazu muss man wissen: Solch eine Kontrastspannung zwischen Form und Inhalt gehört zu den charakteristischen Kunstgriffen der serbisch-österreichischen Autorin. Sie verhandelt in ihren Büchern stets harten Lebensstoff, doch Plot, Figurenzeichnung und Dramaturgie sind zugleich durch Comics, Slapstick, Videospiele und andere Medien-Genres inspiriert. In den Titeln ihrer Romane „Superheldinnen" und „Minihorror" klingt das schon an. Und bei der Suche nach Identifikationsfiguren für letzteres Romanprojekt kam Mickey Mouse ins Spiel. Dort, wo in meinen Texten bisher ich war, frohlockten jetzt Miki und Mini. Und die Leser:innen entdeckten in ihnen sich selbst. Jetzt konnte ich über alles schreiben. Quelle: Barbi Marković – Stehlen, Schimpfen, Spielen Was allerdings ein kleines Nachspiel hatte. Denn als Barbi Marković 2024 für „Minihorror" den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, gab Mini eine zweifelhafte Figur ab, wie durch den Mund der Autorin zu erfahren war. Schließlich ist auch das Scheitern in ihren Büchern ein zentrales Thema. Barbi Marković:„Mini bekommt den Preis der Leipziger Buchmesse, aber sie hat keine Rede geschrieben. Alle schauen erwartungsvoll, sie hoffen doch noch auf eine sehr gute Rede, die alle Probleme der Gegenwart lösen wird. Minis Rede ist ein schreckliches Debakel und sie wird sofort aus der Literatur rausgeworfen." Die Kleinsten sollen die Größten sein Zurück zur Poetikvorlesung! Durch die Form des Countdown kann die Leserschaft am schmerzensreichen Verfertigen des Vortrags unmittelbar teilhaben. Und, oh Wunder!, am Ende ist alles Entscheidende über „Stehlen, Schimpfen, Spielen" gesagt. Gestohlen hat die Autorin, wie sie sich ironisch selbst beschuldigt, als sie sich für die Beschreibung des Belgrader Clublebens der Stileigenheiten von Thomas Bernhard bediente. Das Schimpfen bestimmt in ihrem Roman „Die verschissene Zeit" den Sound der brutalen Wortgefechte einer von den Jugoslawienkriegen verstörten Jugend. Und ums Spielen ging es, als derselbe Roman von der Autorin in das Regelwerk eines Videospiels, das dem Buch beiliegt, umformatiert wurde. Trotz ihrer Vorliebe für Pop zieht Barbi Marković zwischen E und U, zwischen klassischer und populärer Kultur keine Grenze. Sie greift auf, was ihr für die literarische Selbstbehauptung brauchbar erscheint und erklärt kämpferisch: Ich lasse mich nicht einschüchtern und mache hier, was ich will! Weil Literatur ein pauschaler Racheakt der kleinen, in die Ecke gedrängten Seelen ist. Die Kleinsten sollen die Größten sein. Quelle: Barbi Marković – Stehlen, Schimpfen, Spielen Alles Entscheidende ist gesagt Als der Tag Zero anbricht und der Vorlesungstext bereit ist zum Abschuss in die Öffentlichkeit, steht alles Wesentliche auf dem Papier. Trotzdem hat die Autorin ihre Zweifel nicht völlig überwunden. Ich wollte eine kluge, ernste Poetikvorlesung. Ich wollte eine Poetikvorlesung schreiben, die so gut ausgeführt ist, dass man sich denkt: Das ist keine Poetikvorlesung. Quelle: Barbi Marković – Stehlen, Schimpfen, Spielen Die Bedenken von Barbi Marković in Ehren, aber tatsächlich hat doch alles prima geklappt: mit dem spannenden Countdown, dem klugen Ernst, der durch Leichtigkeit glänzt, und mit der Poetikvorlesung, die so gut rüberkommt, als wäre sie gar keine.
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May 9, 2025 • 5min

Archie Oclos – Die Straßenkatzen von Manila

Straßenkatzen sind in philippinischen Großstädten quasi überall. Sie dürften also einen unverstellten Blick auf die Menschen haben – auf gute wie schlechte Seiten ihres Zusammenlebens. Diesen Blick macht sich der Künstler Archie Oclos zunutze - und sechs dieser Tiere zu Hauptfiguren in seinem Comic-Debüt „Die Straßenkatzen von Manila“. Dabei erzählt er in fünf Episoden aus dem Alltag einer oder zweier Katzen, im Stil einer Sozialreportage, naturalistisch gezeichnet in grau, schwarz und weiß. In schnappschussartigen Porträts hält er ihre Suche nach Schutz oder Futter fest - oder eine überraschende Begegnung mit Menschen. Oclos geht dabei ganz anders mit Bildern um als die meisten anderen Zeichner. Er platziert auf die rechte Buchseite jeweils ein ganzseitiges Bild. Auf der linken Seite stehen dazu drei Schlagworte, die es illustrieren oder in einen bestimmten Kontext einbetten. Erst beim Umblättern kommt durch ein neues Bild und neue Schlagworte eine Entwicklung in Gang. Ungewöhnliche Comicseiten: Ein Bild – drei Schlagworte „Der Pirat von der Reifenwerkstatt“ in Episode 3 zum Beispiel ist ein kleiner Kater mit hartem Gesicht und nur einem Auge. Zu den Worten Reifen Luftzug Ordnung Quelle: Archie Oclos – Die Straßenkatzen von Manila ...sehen wir ihn auf einem Traktorreifen thronen. Dann wird er zum Zeugen, wie ein Politiker in der Reifenwerkstatt ankommt. Ein grinsender Anzugträger mit bewaffneten Leibwächtern. Fünfmal Umblättern später, und es heißt: Kaltherzig Befehlston Streit Quelle: Archie Oclos – Die Straßenkatzen von Manila Im Bild rechts dazu hat der Politiker beim Aufstehen seinen Stuhl und seine Aktentasche umgestoßen - der Kater blickt auf Bündel von Geld, die herausquellen. So erzählt Oclos wie nebenbei von Korruption. Dass im selben Bild auch noch das Handy des Politikers zu Boden fällt, wird einige Seiten später wichtig. In einem der letzten Bilder der Episode sehen wir den kleinen Kater hinter einer Werkzeugkiste hocken. Und die Worte Spielen Krempel Entdeckung Quelle: Archie Oclos – Die Straßenkatzen von Manila ...führen den Blick der Lesenden nach links unten, wo auch der Kater hinschielt: zum Boden, aufs klingelnde Handy. Wer in dem Moment anruft, soll nicht verraten werden. Nur so viel: Dass der Anruf ins Leere geht, dürfte für den Politiker unangenehm werden. Archie Oclos' Katzen führen uns hinein ins öffentliche Leben Manilas, in eine Shopping Mall, zu einer Garküche oder an den Busbahnhof. Neben all den Streunern tritt in einer Episode auch eine verwöhnte Hauskatze auf. Die Perspektive der Tiere konzentriert sich eher auf den Boden, die Menschen in den Bildern sehen wir also häufig ohne Kopf und stumm. Das lenkt den Blick auf ihr Handeln. So hält der Erzähler die Atmosphäre der Bedrohung durch stark bewaffnete Polizisten ebenso fest wie die Armut oder den Wohlstand. Ein ungeschönter Blick auf die sozialen Verwerfungen Manilas Dass Oclos Grau als beherrschenden Farbton gewählt hat, ist konsequent. Trübe wirken seine Bilder dadurch nicht, im Gegenteil. Die Bildmotive sind durch starke schwarze Konturen voneinander abgesetzt. Und immer wirken die Katzenporträts dynamisch, als hätte er sie mitten in der Bewegung festgehalten. Hier macht sich bemerkbar, dass Oclos als Street Artist arbeitet. Er ist gewohnt, in Einzelbilder an Häuserwänden das Maximum an Ausdruck zu packen. Diese Stärke ist gleichzeitig die Schwäche des Comics. Die Kurzgeschichten aus Manilas Straßenleben bleiben Schlaglichter. Weder über den Hintergrund der Katzen noch den der Menschen erfahren wir etwas. Ein Glück, dass Oclos im Nachwort Informationen zu den einzelnen Episoden liefert. Sonst würden europäische Lesende nicht verstehen, warum in der ersten Geschichte ein weinender Mann in einem Bus, dem sogenannten Jeepney, sitzt. Im Nachwort erfahren wir: Weil die Regierung die billigen Jeepneys durch E-Busse ersetzen will, steht der Fahrer vor dem wirtschaftlichen Aus. Denn die meisten von ihnen sind Einzelunternehmer, sie kommen gerade so über die Runden und werden sich ein teures neues Fahrzeug niemals leisten können, so dass sie am Ende der Übergangsphase ihren Lebensunterhalt verlieren werden. Daher auch das Plakat „No to Jeepney Phaseout“, das einer der Jeepney-Fahrer in die Höhe hält. Quelle: Archie Oclos – Die Straßenkatzen von Manila So wie hier würde man sich auch an anderer Stelle mehr Informationen über Manila und seine Menschen wünschen. Trotzdem: Oclos‘ Momentaufnahmen aus den Philippinen von heute geben einen welthaltigen Einblick in ein uns wenig bekanntes Land. Das Urteil des Musikers Dong Abay lässt sich unterschreiben. Er fasst in seinem Vorwort nach Oclos‘ Methode der drei Schlagworte seine Eindrücke des Comics zusammen. Sie erfassen perfekt, was der Zeichner mit seiner Arbeit anspricht. Gehirn Auge Herz Quelle: Archie Oclos – Die Straßenkatzen von Manila
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May 9, 2025 • 1min

Darren Allen – 33 Mythen des Systems

Radikale Philosophie und Außenseiterliteratur „Ich schreibe radikale Philosophie und Außenseiterliteratur“, notiert er auf seiner Website. Seine Werke können begeistern, aber auch großen Widerspruch hervorrufen – so oder so rütteln sie ein gemütlich gewordenes Denken ordentlich durch. Sie würden „von vielen gelesen, geliebt, verabscheut und von einigen bemerkenswerten Unruhestiftern großzügig unterstützt“, schreibt Allen mit einigem Humor. Darren Allen war einer der Autoren, die Ilija Trojanow für sein neues Buch „Das Buch der Macht“ mit großem Gewinn gelesen hat. Deswegen empfiehlt er die „33 Mythen des Systems“ auf SWR Kultur zur Lektüre.
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May 9, 2025 • 22min

Immer stärkere Taifune treffen die Philippinen / ENGLISCH

Interview mit Daryll Delgado im englischen Original
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May 9, 2025 • 13min

„Frauenbuchläden waren anfangs auch Beratungszentren“: Die Geschichte der Frauen-Buch-Bewegung

In den 1970er Jahre entstanden die ersten Frauenverlage und Frauenbuchläden. Für viele Frauen waren die neuen Bücher und auch neuen Räume eine wunderbare Erfahrung. „Frauenbuchläden waren anfangs auch Beratungszentren“, sagt die Autorin Doris Hermanns. Die Frauen besprachen auch ihre Gewalterfahrungen und merkten, so Hermanns, „dass ihre Probleme nicht persönlich, sondern struktureller Natur“ waren. Die Frauenbuchläden „Thalestris“ (Tübingen) und „Xanthippe“ (Mannheim) Der erste deutsche Frauenbuchladen entstanden in München, doch auch in Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart, Tübingen oder Freiburg wurden feministische Buchläden gegründet. Die Läden „Thalestris“ in Tübingen und „Xanthippe“ in Mannheim gibt es heute noch. Zwei Lesetipps von Doris Hermanns Zwei feministische Klassikerinnen, die Doris Hermanns unbedingt zur Lektüre empfiehlt sind „Das Buch von der Stadt der Frauen“ von Christine de Pizan (AvivA-Verlag) und „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir (Rowohlt).
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May 9, 2025 • 55min

Keine Panik! – Neue Philippinen-Bücher und eine wüste Poetikvorlesung

Neue Bücher von Archie Oclos, Barbi Marković, Daryll Delgado und Doris Hermanns
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May 8, 2025 • 4min

Oliver Hilmes – Ein Ende und ein Anfang

Geschichte ist zäh, trocken, öde – so das unausrottbare Klischee. Bücher wie dieses von Oliver Hilmes beweisen das Gegenteil. Denn „Ein Ende und ein Anfang“ ist alles andere als fad. Wie existierte man in einem Land, von dem die Sieger des Krieges zuvor verlangt hatten, bedingungslos zu kapitulieren? Wie ernährten sich die Deutschen, die in Trümmern lebten? Wie erlebten aber auch Emigranten die Zeitläufte – jene, die vor der deutschen Diktatur geflohen waren? Hilmes weiß gekonnt zu erzählen – auch von einer Debatte im japanischen Kriegskabinett: Wie sollte Japan reagieren auf die Atombombe von Hiroshima?  Während die sechs Kabinettsmitglieder erbittert streiten, nähert sich ein amerikanischer B-29-Bomber der japanischen Küstenstadt Kokura, die unter dichten Wolken liegt. Major Charles Sweeney, der Pilot des Flugzeugs, unternimmt drei Versuche, seinen Auftrag zu erledigen, ehe er entscheidet, stattdessen das etwa zweihundert Kilometer entfernte Nagasaki anzusteuern. Dort über der Stadt öffnet sich um 11 Uhr 02 ein Schacht unterhalb der Maschine, und eine Plutoniumbombe mit einer Sprengkraft von 22.000 Tonnen TNT rast in Richtung Erde. Quelle: Oliver Hilmes – Ein Ende und ein Anfang Anrührende Details aus dem Leben der einfachen Leute  Zusammengehalten wird die Darstellung vom Gang der Ereignisse in Deutschland. Zusammenbruch, Besetzung, schließlich Potsdamer Konferenz der Sieger und Brüche zwischen Ost und West. Die Niederlage Japans bildet einen Nebenstrang. Eine Stärke des Buches sind anrührende Details: So erzählt Hilmes von dem jüdischen Paar Adolf und Margot Friedländer. Die beiden haben den deutschen Terror überlebt und sind in ein Lager in Deggendorf gekommen. Dort führen Insassen die Operette „Im weißen Rößl“ auf. Hilmes zitiert Margot Friedländer, die sich bis heute – mit 103 Jahren – als Zeitzeugin engagiert:  Das Weiße Rößl war wie eine Heilung, für uns und die Zuschauer. Quelle: Oliver Hilmes – Ein Ende und ein Anfang Adenauers Aussöhnungspläne mit Frankreich  An anderer Stelle erinnert Hilmes daran, wie der legendäre Pianist Emil Gilels auf Stalins Geheiß am Rande der Potsdamer Konferenz zu spielen hatte. Er erzählt aber ebenso von der Rettung eines todkranken deutschen Jungen durch Penicillin. Oder von dem Berliner Restaurantbetreiber Heinz Zellermayer, der gerissen an seine Zutaten kommt: auf dem Schwarzmarkt. Und von noch einem Schlitzohr ist die Rede: Dieser Mann residiert in einem Haus in Rhöndorf über dem Rhein und er macht sich Gedanken über eine Aussöhnung mit Frankreich.  Adenauer knüpft damit an Überlegungen an, die er bereits in der Weimarer Republik entwickelt hat: Eine enge wirtschaftliche und kulturelle Verflechtung der beiden Länder soll dem Sicherheitsbedürfnis der Franzosen entgegenkommen und zugleich überzogenen Reparationsforderungen sowie separatistischen Überlegungen auf französischer Seite entgegenwirken. Im Laufe des Septembers werden Adenauers Kontakte zu französischen Besatzungsbehörden immer enger. Man munkelt sogar von einer streng geheimen Begegnung mit Charles de Gaulle in der Abtei Maria Laach, doch da ist wohl nichts dran. Quelle: Oliver Hilmes – Ein Ende und ein Anfang Alle Quellen genau benannt  Hier könnte Hilmes einen Tick präziser sein: Es war tatsächlich nichts dran. Aber in puncto Präzision hat sein Buch eng verwandten Darstellungen wie dem unlängst erschienenen „1945“ von Volker Heise etwas voraus: Hilmes hat alle seine Quellen im Anhang genau benannt. Eine Einladung zum Weiterlesen. Zwei Schwachpunkte teilt Hilmes wiederum mit Heise: Diese anekdotische Geschichtserzählung macht zwar neugierig. Sie zeigt, wie große Politik und Alltag parallel abliefen. Aber historische Zusammenhänge erklärt sie nur sehr begrenzt. Und: Sobald es um Deutschland geht, erzähle auch Hilmes mit einer geradezu penetranten Berlin-Zentrierung. Dadurch sind auch ihm anrührende Geschichten entgangen. Die Welt war eine andere nach diesem Sommer – wie Hilmes im Untertitel sagt –, aber viel Bezeichnendes geschah auch weitab von Berlin.
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May 7, 2025 • 4min

Douglas Rushkoff – Survival of the Richest

Douglas Rushkoffs Buch „Survival of the Richest“ erinnert an einen dystopischen Film des schwedischen Regisseurs Ruben Östlund, der 2022 in Cannes die Goldene Palme gewann. „Triangle of Sadness“ handelt von Superreichen, die sich auf einer Luxusyacht zu Tode amüsieren, während sie direkt in ihr Verderben steuern. Bei Rushkoff ist die Lage umgekehrt: Seine Superreichen möchten sich für eine immer wahrscheinlicher werdende globale Katastrophe absichern und suchen, um zu überleben, einen möglichst komfortablen Unterschlupf.   Die Super-Prepper schrecken vor nichts zurück  Alles beginnt damit, dass fünf Tech-Milliardäre, die ungenannt bleiben, Rushkoff in ein Luxusspa einladen – für ein Honorar, das einem Drittel seines Jahresgehalts entspricht. Doch anders als erwartet wollen die Superreichen keine Anlagetipps für Zukunftstechnologien von dem Medientheoretiker und Experten für Digitalökonomie, sondern befragen Rushkoff zum Überleben nach einer möglichen Katastrophe, die sie nur „das Ereignis“ nennen. Soll man nun nach Alaska, nach Neuseeland oder auf den Mars fliehen, wo Elon Musk, der reichste Mensch der Welt, Kolonien anlegen will? Die Super-Prepper kennen offenbar keine Skrupel, wie Rushkoff schildert:   Die Milliardäre spielten mit dem Gedanken, die Lebensmittelvorräte mit speziellen Schlössern zu sichern, deren Kombinationen nur sie kennen. Oder sie wollten ihren Leibwächtern als Gegenleistung für deren Überleben an ihrer Seite eine Art Disziplinarhalsband anlegen. Vielleicht könnte man auch Roboter bauen, die sich als Leibwächter oder Arbeitskräfte einsetzen ließen. Quelle: Douglas Rushkoff – Survival of the Richest Geheime Luxus-Resorts teilweise schon Realität  Rushkoff beschreibt ausführlich, wie weit solche eskapistischen Phantasien bereits gediehen sind. Längst sind Unternehmen aus aller Welt im Geschäft. Vor ein paar Jahren machte die Seasteading-Bewegung von sich reden. Dabei wollen sogenannte Aquapreneure schwimmende Siedlungen, ja mittelfristig sogar ganze Staaten im Ozean gründen.  Von den Fesseln des rückständigen Nationalstaats befreit, wollen die Aquapreneure eine Zivilisation errichten, die ein ultralibertäres Experiment sein wird. Sie werden rasch neue Regierungsmechanismen entwickeln und festlegen, welche (...) Zugeständnisse an den Gemeinsinn oder den Kollektivismus erforderlich sind – sofern sie überhaupt erforderlich sind.  Quelle: Douglas Rushkoff – Survival of the Richest Spielermentalität statt utopische Gegenkultur   Rushkoff hält jegliche Zufluchtsstätte für illusorisch, daran lässt er keinen Zweifel. Der erklärte Marxist kritisiert, dass es teilweise dieselben Akteure waren, die Anfang der 1990er Jahre noch von mehr Partizipation durch den Cyberspace träumten.   Früher überhäuften diese Leute die Welt mit abstrus optimistischen Business-Plänen, die der Gesellschaft großartigen Nutzen versprachen. Mittlerweile haben sie den gesellschaftlichen Nutzen auf ein Videospiel reduziert. Wer gewinnt? Bezos, der ins All umzieht? Thiel, der sich in seine Anlage in Neuseeland verkriecht? Zuckerberg, der im virtuellen Metaverse Zuflucht findet? Quelle: Douglas Rushkoff – Survival of the Richest Eine besonders bittere Pointe liegt darin, dass ausgerechnet die Tech-Unternehmer, deren neokoloniale Produktionsbedingungen ganze Kontinente ruinieren, sich dem abgehängten Rest der Menschheit nun durch Flucht entziehen wollen. Ihre Exzentrik schildert Rushkoff in seinem Buch in filmreifen Szenen, die leider Realität sind.  Rushkoffs Analyse enthält dagegen wenig Neues. Da er viele Themen nur anreißt, wirkt die Kapitalismuskritik des ehemaligen Cyberpunks und Vertreters der Gegenkultur oberflächlich. Es erscheint etwas naiv, wenn er am Schluss für einen – Zitat – „sanftmütigeren, offeneren und verantwortungsbewussteren Umgang miteinander“ plädiert – und klingt fast schon ein bisschen nach Kapitulation.

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