SWR Kultur lesenswert - Literatur

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May 7, 2025 • 4min

Douglas Rushkoff – Survival of the Richest

Douglas Rushkoffs Buch „Survival of the Richest“ erinnert an einen dystopischen Film des schwedischen Regisseurs Ruben Östlund, der 2022 in Cannes die Goldene Palme gewann. „Triangle of Sadness“ handelt von Superreichen, die sich auf einer Luxusyacht zu Tode amüsieren, während sie direkt in ihr Verderben steuern. Bei Rushkoff ist die Lage umgekehrt: Seine Superreichen möchten sich für eine immer wahrscheinlicher werdende globale Katastrophe absichern und suchen, um zu überleben, einen möglichst komfortablen Unterschlupf.   Die Super-Prepper schrecken vor nichts zurück  Alles beginnt damit, dass fünf Tech-Milliardäre, die ungenannt bleiben, Rushkoff in ein Luxusspa einladen – für ein Honorar, das einem Drittel seines Jahresgehalts entspricht. Doch anders als erwartet wollen die Superreichen keine Anlagetipps für Zukunftstechnologien von dem Medientheoretiker und Experten für Digitalökonomie, sondern befragen Rushkoff zum Überleben nach einer möglichen Katastrophe, die sie nur „das Ereignis“ nennen. Soll man nun nach Alaska, nach Neuseeland oder auf den Mars fliehen, wo Elon Musk, der reichste Mensch der Welt, Kolonien anlegen will? Die Super-Prepper kennen offenbar keine Skrupel, wie Rushkoff schildert:   Die Milliardäre spielten mit dem Gedanken, die Lebensmittelvorräte mit speziellen Schlössern zu sichern, deren Kombinationen nur sie kennen. Oder sie wollten ihren Leibwächtern als Gegenleistung für deren Überleben an ihrer Seite eine Art Disziplinarhalsband anlegen. Vielleicht könnte man auch Roboter bauen, die sich als Leibwächter oder Arbeitskräfte einsetzen ließen. Quelle: Douglas Rushkoff – Survival of the Richest Geheime Luxus-Resorts teilweise schon Realität  Rushkoff beschreibt ausführlich, wie weit solche eskapistischen Phantasien bereits gediehen sind. Längst sind Unternehmen aus aller Welt im Geschäft. Vor ein paar Jahren machte die Seasteading-Bewegung von sich reden. Dabei wollen sogenannte Aquapreneure schwimmende Siedlungen, ja mittelfristig sogar ganze Staaten im Ozean gründen.  Von den Fesseln des rückständigen Nationalstaats befreit, wollen die Aquapreneure eine Zivilisation errichten, die ein ultralibertäres Experiment sein wird. Sie werden rasch neue Regierungsmechanismen entwickeln und festlegen, welche (...) Zugeständnisse an den Gemeinsinn oder den Kollektivismus erforderlich sind – sofern sie überhaupt erforderlich sind.  Quelle: Douglas Rushkoff – Survival of the Richest Spielermentalität statt utopische Gegenkultur   Rushkoff hält jegliche Zufluchtsstätte für illusorisch, daran lässt er keinen Zweifel. Der erklärte Marxist kritisiert, dass es teilweise dieselben Akteure waren, die Anfang der 1990er Jahre noch von mehr Partizipation durch den Cyberspace träumten.   Früher überhäuften diese Leute die Welt mit abstrus optimistischen Business-Plänen, die der Gesellschaft großartigen Nutzen versprachen. Mittlerweile haben sie den gesellschaftlichen Nutzen auf ein Videospiel reduziert. Wer gewinnt? Bezos, der ins All umzieht? Thiel, der sich in seine Anlage in Neuseeland verkriecht? Zuckerberg, der im virtuellen Metaverse Zuflucht findet? Quelle: Douglas Rushkoff – Survival of the Richest Eine besonders bittere Pointe liegt darin, dass ausgerechnet die Tech-Unternehmer, deren neokoloniale Produktionsbedingungen ganze Kontinente ruinieren, sich dem abgehängten Rest der Menschheit nun durch Flucht entziehen wollen. Ihre Exzentrik schildert Rushkoff in seinem Buch in filmreifen Szenen, die leider Realität sind.  Rushkoffs Analyse enthält dagegen wenig Neues. Da er viele Themen nur anreißt, wirkt die Kapitalismuskritik des ehemaligen Cyberpunks und Vertreters der Gegenkultur oberflächlich. Es erscheint etwas naiv, wenn er am Schluss für einen – Zitat – „sanftmütigeren, offeneren und verantwortungsbewussteren Umgang miteinander“ plädiert – und klingt fast schon ein bisschen nach Kapitulation.
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May 6, 2025 • 4min

Kaveh Akbar – Märtyrer!

Cyrus Shams leidet am Leben. Um seinen Kummer irgendwie erträglich zu machen, hat sich der Protagonist des Romans von Kaveh Akbar regelmäßig zugedröhnt. Mittlerweile nimmt der knapp dreißigjährige, tieftraurige Dichter, der nicht mehr als ein paar Verse veröffentlich hat, keine Aufputschmittel mehr und geht stattdessen zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker. Aber sein Leben wirkt jetzt noch trostloser und beliebiger. Während er früher wenigstens damit prahlen konnte: „Ich lebe die Gedichte, die ich nicht schreibe“, ist die Nüchternheit nur ernüchternd.  Ein großer Teil seiner psychischen Energie ging für widersprüchliche Gedanken über politische Haltungen drauf. Die Ethik von Mandelmilch. Die Moralität von Yoga. Die politische Aussage von Sonetten. Quelle: Kaveh Akbar – Märtyrer! Die depressive Grundgestimmtheit hat verschiedene Gründe. Am schwersten wiegt die eigene Familiengeschichte. Auf dieser liegt der Fokus des sprachmächtigen Romans, der im Jahr 2017 spielt, aber immer wieder in die Vergangenheit springt und in fesselnden Szenen die Kindheit von Cyrus in Indiana im mittleren Westen der USA und das Leben seiner Eltern aus deren Perspektive in den 80er Jahren im Iran Revue passieren lässt. Dazwischen gibt es surreale Traumsequenzen, in denen etwa ein an Donald Trump erinnernder Präsident, die Comic-Figur Lisa Simpson und der persische Dichter Rumi auftauchen.   Lähmender Zwang  Es ist vor allem der frühe Tod der Mutter, der Cyrus nachhaltig erschüttert. Diese kommt ums Leben, als 1988 gegen Ende des Iran-Irak-Kriegs eine fehlgeleitete amerikanische Rakete ihr Flugzeug trifft. Sein Vater, betäubt von seinem Zorn, will alles hinter sich lassen und wandert mit dem Kind ausgerechnet in die USA aus, um auf einer Hühnerfarm zu schuften. Vater und Sohn bleiben Außenseiter im neuen Land. Akbar schildert eindrücklich typische Migrantenbiografien, die vom „lähmenden Zwang“ bestimmt sind, andere keinesfalls zu verärgern. Als Cyrus erwachsen ist, stirbt sein Vater an einem Schlaganfall, so als hätte er gerade nur so lange wie nötig durchgehalten.   Meine Mom ist völlig sinnlos gestorben. Ein Rundungsfehler. Sie musste sich ihren Tod mit dreihundert anderen Leuten teilen. Und mein Dad ist sang- und klanglos gestorben, nachdem er jahrzehntelang auf einer Geflügelfarm Hühnerscheiße weggemacht hat. Mein Leben – mein Tod – soll mehr bedeuten.  Quelle: Kaveh Akbar – Märtyrer! Death-Speak  Die seltsam überdrehte Idee, dass ein besonderer Tod dem Leben Bedeutung geben soll, führt Cyrus auf die Spur historischer Märtyrer. Seine Wohnung hat er mit Bildern von Jeanne d’Arc tapeziert. Unklar ist allerdings, ob er ein Buch über Märtyrer schreiben oder selbst einer werden will. Seine Suche führt ihn nach New York, wo die krebskranke Künstlerin Orkideh in einem Museum zum „Death-Speak“ einlädt. Für die Todesbesessenheit ihres Besuchers hat sie nur leisen Spott übrig.   Als die Welt eine Scheibe war, sind andauernd Menschen vom Rand gesprungen. Es ist nichts Bemerkenswertes daran, so zu sterben wie ich jetzt, aber ich hoffe, ich habe aus meinem Leben etwas Interessantes gemacht. Ein Alphabet besteht, genau wie ein Leben, aus einer endlichen Anzahl von Formen. Man kann daraus fast alles machen. Quelle: Kaveh Akbar – Märtyrer! Die Begegnung wird zum Wendepunkt für Cyrus, der seine destruktive Weltsicht infrage stellt. Stattdessen wächst sein Glaube, dass sich auch aus einer zerbrochenen Biografie etwas machen lässt. Man kann gegen diesen hochemotionalen Roman manches einwenden. Zum Beispiel, dass sich die manifeste Lebenskrise des Protagonisten etwas zu leicht und zuletzt begleitet von ganz unwahrscheinlichen Zufällen auflöst. Auch seine Besessenheit von Märtyrern wird nicht gänzlich plausibel. Großartig ist der Roman jedoch dort, wo er in vielen Begebenheiten und Geschichten von einer Familie auf zwei Kontinenten erzählt, wo er die erbarmungswürdige Zerrissenheit und gequälte Identitätssuche seiner Hauptfigur präzise und einfühlsam erfahrbar macht.
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May 5, 2025 • 4min

Volker Reinhardt – Esprit und Leidenschaft

Ein Buch, das verspricht 1000 Jahre französischer Kulturgeschichte Revue passieren zu lassen, erweckt zunächst einmal Argwohn. Die Skepsis verfliegt aber bereits nach wenigen Seiten von „Esprit und Leidenschaft“, dem neuen Buch des Neuzeit-Historikers Volker Reinhardt. Das liegt unter anderem an der Struktur des Werks. Reinhardt geht es nämlich nicht um eine ohnehin unmöglich zu leistende Gesamtdarstellung aller künstlerischen und geistigen Strömungen Frankreichs. In rund 70 Kapiteln wirft er viel mehr Schlaglichter auf bestimmte Personen und Werke, die einen maßgeblichen Einfluss auf die kulturellen Entwicklungen nahmen.   Vom Rolandslied zu den Prestigebauten Mitterrands  Die Bandbreite der behandelten Themen ist gewaltig. Sie beginnt beim mittelalterlichen Rolandslied, führt über die Werke der Aufklärer und endet bei den Prestigebauten, die François Mitterrand in Paris errichten ließ. Dazwischen geht es unter anderem um die Neuerfindung des Briefes durch Madame de Sévigné im 17., die Phantasien des Marquis de Sade im 18., oder die Revolution der Mode durch Coco Chanel im 20. Jahrhundert. In diesen Kapiteln, die kaum einmal länger als zehn Seiten sind, vollzieht sich ein erzählerisches Wunder. Über den großen Historiker Fernand Braudel schreibt Reinhardt, dass dieser in einer „sehr französischen Tradition“ als Erzähler brilliere, „der aus scheinbar unbedeutenden Episoden Sinn in Form von ‚historischen Tiefenstrukturen‘ zu filtern“ vermöge. Diese Beschreibung trifft auch auf Reinhardts eigene Darstellungskunst zu, wie ein kurzer Auszug aus einem Kapitel über die höfische Kultur des 18. Jahrhunderts veranschaulicht:    „Obwohl er nicht mehr im Schlafzimmer seines Urgroßvaters nächtigte, begab sich Ludwig XV. jeden Morgen nach dem Aufwachen im höchster Eile dorthin, um wie dieser das lever, das ritualisierte Aufstehen und Sich-Ankleiden bzw. Sich-Ankleiden-Lassen zu vollziehen. Ihm war bewusst, dass diese einst über Rang und Status, Wohl und Wehe der Höflinge entscheidende Handlung ihre politische Dimension eingebüßt hatte und dadurch banal, schlimmer noch: unfreiwillig komisch und kontraproduktiv geworden war. Da er keine zeitgemäße Alternative an die Stelle dieser Zeremonie zu stellen wusste, um das Amt des Monarchen neu zu erfinden, fühlte er sich als Gefangener einer übermächtigen Vergangenheit, dazu verdammt, diese um jeden Preis fortzusetzen. Alles andere hätte für ihn und seinen Hof das Eingeständnis des Versagens, ja Selbstaufgabe bedeutet.“ Enzyklopädie ohne Anspruch auf Vollständigkeit  Die von feiner Ironie getragenen Kapitel stehen jeweils für sich und können trotz vieler Querverweise auch unabhängig und in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. So entsteht eine Art Enzyklopädie. Eine Enzyklopädie ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die den kulturellen Kanon zwar ehrt, die unterbelichtete Rolle von Frauen aber auszugleichen versucht. Reinhardt interessiert sich nicht nur für die sogenannte Hochkultur. Über Asterix-Bände oder die Tour de France schreibt er ebenso leidenschaftlich und sachkundig wie über die Gemälde von Antoine Watteau. Da wie dort stellt er erhellende Analysen an, die das Heute nie ganz aus dem Auge verlieren.   Insgesamt entspricht das Tour[-de-France]-Geschehen nicht dem Bild einer demokratischen Gesellschaft, sondern dem Gefüge der Klientel und ihrem Abhängigkeitsverhältnis, in dem die „Kreatur“ dem „Patron“ unbegrenzten Gehorsam schuldet. Als ein solcher Krieg der Netzwerke kommt das französischste aller Sportereignisse der sozialen und politischen Realität Frankreichs nach Auffassung kritischer BeobachterInnen sehr nahe. Quelle: Volker Reinhardt – Esprit und Leidenschaft Voller Esprit und ohne jede Bildungsschwere  Ausgestattet mit einem untrüglichen erzählerischen Gespür schlägt Reinhardt Schneisen in das unüberschaubare Dickicht des französischen Geisteslebens der letzten Tausend Jahre. Pointiert, voller Esprit und ohne jede Bildungsschwere: Für an Frankreich Interessierte führt kein Weg an diesem Buch vorbei.
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May 2, 2025 • 4min

Reiner Burger – Marlene Dietrich an der Front

Musik: „The Boys in the Backroom” (aus: “Der große Bluff“): „See what the boys in the backroom will have, and tell them, I’m having the same …”  „The Boys in the Backroom“ war der Song zu einer Filmrolle, in der die glamouröse Diva Marlene Dietrich sich auch in Hollywood von ihrer komischen, ihrer Berliner Seite zeigen konnte. Das war Ende 1939, im Western „Der große Bluff“.   Guck einfach, was die Jungs im Hinterzimmer trinken, und sag ihnen: Ich seufze ... ich heule ... und ich sterbe von demselben Zeug.  Quelle: Reiner Burger – Marlene Dietrich an der Front Musik: s.o. „... Just see what the boys in the backroom will have, and tell them I sighed, and tell them I cried, and tell them I died of the same.”   Wenige Jahre später sollte sie den Song wieder und wieder singen, vor immer neuen, sie bejubelnden US-amerikanischen Soldaten, die in Europa gegen die Achsenmächte kämpften. 1944 war Marlene Dietrich Teil der kulturellen Truppenbetreuung und absolvierte zwei wochenlange Tourneen in Italien und im umkämpften deutsch-belgischen Grenzgebiet.   Leben mit den „Boys“, schlafen mit den Ratten  Und sie schaute nicht nur für einen schnellen Auftritt in den Lagern und Lazaretten vorbei. Wie ihre Künstlerkollegen war Marlene offiziell Soldatin der US-Army im Rang eines Captain, sie teilte das Leben der Männer, die sie ihre „Boys“ nannte. Trug Khaki wie sie, aß mit ihnen Feldverpflegung, wusch sich mit Schneewasser, logierte in zerbombten Gebäuden voller Ratten.  Man liegt auf dem Boden in seinem Schlafsack, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, und diese Biester rasen einem übers Gesicht mit ihren kalten Pfoten. Sie erschrecken einen zu Tode. Da man außerdem durch die Bomben in Angst und Schrecken versetzt wird, kann man sich fragen, was man bevorzugen soll: V1, V2 – oder die Ratten.  Quelle: Reiner Burger – Marlene Dietrich an der Front Diese Geschichte erzählt der FAZ-Journalist Reiner Burger kenntnisreich und lebendig im Bild-Text-Band „Marlene Dietrich an der Front“, und er erzählt sie nicht nur auf Basis historischer Quellen und Lebenszeugnisse, sondern auch anhand einer Fülle vielsagender Fotos aus Marlene Dietrichs Nachlass: die Schauspielerin posierend vor Panzern und auf provisorischen Bühnen, in Schürze vor der Feldküche, beim Eintopfessen mit Kommandeuren und, ein besonders eindrucksvolles Bild, vor Scharen von Fallschirmen, die während eines Manövers vom Himmel schweben.   Gute Figur auch in Feldmontur  Bis heute fasziniert die Ausstrahlung einer Frau, die in Feldmontur ebenso gute Figur machte wie im Paillettenkleid. Auf Schnappschüssen wie auf offenkundig gestellten Fotos wirkt Marlene immer zugleich selbstbewusst und authentisch. Von manchen der Fotos wird hier auch die Rückseite gezeigt, von ihr eigenhändig beschriftet während der letzten Lebensjahre in der Pariser Matratzengruft. Die Monate mitten im Krieg waren keine bloße Episode. Nicht nur für Marlene.   Kriegsmonate, die das Leben prägten  Sich in der Nachkriegswelt zurechtzufinden, war die Herausforderung. Ihrem Freund Ernest Hemingway etwa gelang das wesentlich schlechter als ihr. Sie beide hatten die monatelange blutige Hürtgenwald-Schlacht in den Ardennen erlebt, sie als Truppenunterhalterin, er als Kriegsbericherstatter an vorderster Front. Was er zu ihr gesagt hatte, bevor er sich 1961 umbrachte, ließ sie nicht los.   Ich werde niemals seinen Satz, 'es war einfacher im Hürtgenwald‘ vergessen. Quelle: Reiner Burger – Marlene Dietrich an der Front Die Schrecken des Krieges hatten ihn traumatisiert, und im Frieden kam er nicht klar. Marlene Dietrich zog eine andere Bilanz der Zeit, als sie nicht nur zur Stärkung der Moral ihrer „Boys“ unterwegs war, sondern auch im Dienst der Anti-Nazi-Propaganda des US-Geheimdienstes. Ihren Einsatz nannte sie wörtlich „das einzig Wichtige, was ich je getan habe.“  Zugleich war es der Wendepunkt ihrer Karriere, auch das wird in diesem lesens- und betrachtenswerten Buch deutlich. Die Erfahrung, live vor begeistertem Publikum aufzutreten, motivierte sie, Anfang der Fünfziger vom Film auf Gesangsshows umzusatteln. Zwanzig Jahre lang hatte sie phänomenalen Erfolg – mit den Songs, die sie für die Soldaten gesungen hatte.  Aus “Marlene Dietrich speaks to American GI's during WW II”): „ …to a speedy victory. Good bye, good luck, godspeed.“
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May 2, 2025 • 18min

Nadja Küchenmeister: Der große Wagen | SWR Bestenliste

Jeder Mensch ist ein komplexes System aus Erfahrungen, Erinnerungen und Gegenwart. Küchenmeisters Poem ist ein schwebender Text, der die Schauplätze ansatzlos wechselt und seiner eigenen Logik folgt.
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May 2, 2025 • 15min

Antje Rávik Strubel: Der Einfluss der Fasane | SWR Bestenliste

Hella Karl ist 50 Jahre alt und die Feuilletonchefin einer bedeutenden Berliner Tageszeitung. Als sich ein Theaterintendant das Leben nimmt, dem Hella Machtmissbrauch vorgeworfen hat, gerät ihr Leben ins Wanken.
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May 2, 2025 • 16min

Martin Mosebach: Die Richtige | SWR Bestenliste

Porträt eines Künstlers und eine gewagte Parodie auf Künstlerklischees zugleich: Der Maler Louis Creutz ist egomanisch und genial. Astrid, sein Modell, ist attraktiv und geschmeichelt von seinen Avancen. Dahinter geht es um Macht.
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May 2, 2025 • 16min

Yasmina Reza: Die Rückseite des Lebens

Yasmina Reza hat zahlreichen Gerichtsprozessen als Beobachterin beigewohnt. Sie schreibt darüber so sachlich und nüchtern, dass alles noch viel fürchterlicher wird, als es ohnehin schon ist. So wird das Tragische und Komische der Welt offenbart.
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May 2, 2025 • 1h 4min

SWR Bestenliste Mai mit Büchern von Nadja Küchenmeister, Yasmina Reza, Antje Rávik Strubel und Martin Mosebach

Einigkeit bei Reza, Dissens bei Mosebach – Cornelia Geißler, Beate Tröger und Denis Scheck diskutierten in der Heidelberger Stadtbibliothek vier auf der SWR Bestenliste im Mai verzeichneten Werke. Auf dem Programm standen: Nadja Küchenmeisters Langgedicht „Der Große Wagen“ (Schöffling), Antje Rávik Strubels Roman „Der Einfluss der Fasane“ (S. Fischer), Martin Mosebachs Roman „Die Richtige“ (dtv) und Yasmina Rezas Kurzprosa „Die Rückseite des Lebens“ (Hanser). Es geht in den Büchern um Erinnerungsschichten, die sich übereinanderlegen und ein Innehalten einfordern, um Sinnkrisen in mediale Erregungswellen, um das sprachgemalte Portrait eines übergriffigen Kunstmalers und um existentielle Kippmomente, die zu einem Verbrechen oder zur Erkenntnis führen. Die Jurymitglieder lobten einhellig die Sprachkunst Yasmina Rezas, die sich im genauen Beobachten und in der literarischen Offenheit gegenüber den Eigenheiten auf der „Rückseite des Lebens“ zeigt. Äußerst kontrovers wurde Martin Mosebachs Roman „Die Richtige“ diskutiert. Denis Scheck ist von der Sprachmacht des Autors begeistert, die ihn an Thomas Mann erinnere. Beate Tröger und Cornelia Geißler kritisieren den „altbackenen“ Stil Mosebachs, in dem eindimensionale und regressive Frauenfiguren geschildert werden. Während Strubels Mediensatire „Der Einfluss der Fasane“ als satirisches und nicht durchweg überzeugendes Nebenwerk der Buchpreisträgerin einsortiert wurde, fand die Jury bei der Analyse der formschönen Lyrik Nadja Küchenmeisters wieder zusammen. In „Der Große Wagen“ geht es nicht nur um ein literaturberühmtes Sternbild, sondern auch um die Frage, wie die Sprache im sich ständig drehenden Erinnerungskreislauf zum Fixstern werden kann. Aus den vier Büchern lasen Isabelle Demey und Dominik Eisele. Durch den Abend führte Carsten Otte.
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Apr 27, 2025 • 8min

In Ann Cottens Schuhen: Die Edition Paratexte, ein Magazin für Literaturdinge

Abgelatscht und durchgestiefelt – diese Boots haben definitiv etliche Meilen auf dem Buckel: ein Paar schwarze Halbstiefel, die gesamte Fußpartie von den Zehen bis zur Ferse mit silbernem Gaffa-Tape umwickelt. Beim Anblick ihrer Schuhe, „dieser guten Kerle“, schreibt die Schriftstellerin und Lyrikerin Ann Cotten: „Vielleicht waren es meine ersten Schlüpfstiefel, ich war lange ein Schnürsenkelfascho, Klettverschluss ging wegen Ironie, aber seitliche Zippverschlüsse gingen mir nicht ein, ein No-Go. Aber das unglaublich zarte, weiche Leder dieser Stiefel, in denen ich mir wie ein verkommener Prinz vorkam, war, als schlotterten mir Alienwangen an den Knöcheln. Umso härter wurden sie rangenommen. Schon längst kein schöner Anblick mehr, aber immer noch die guten alten Handschuhe für den Fuß, wurden sie auf Reisen ad hoc geflickt, als sie auseinanderzufallen drohten, und vergnüglich so belassen.“ Der Kochtopf von Clemens Setz Jetzt liegen die Stiefel, die gut als Requisite für einen nächsten Blade-Runner-Film herhalten könnten, in einem Schuhkarton im Wohnzimmer von Richard Schumm. Der Literaturwissenschaftler hat ehemals am Deutschen Literaturarchiv in Marbach geforscht. Ebenso wie sein Kollege Martin Frank. Beide hatten immer schon viel Spaß an den Habseligkeiten berühmter Autorinnen und Autoren, die dort in so manchen grauen Archivboxen schlummern. Und dann stolperten sie plötzlich über einen Kochtopf auf dem damaligen Twitter-Account von Schriftsteller Clemens Setz, „der unterschiedlichste Dinge aus seinem Alltag fotografierte, die als Schreibanlässe gleich wirkten," erzählt Schumm. „Zum Beispiel sein Kochtopf, der auf dem Herd steht, und der auf ihn auf einmal wirkt wie ein Bär. Das notiert er im Jahr 2017. Er schreibt: mein Topf ist ein Bär – was schon wieder so klingt als hätte er das als Anfang genommen für eine Erzählung, die er schreiben könnte im Geiste Kafkas. Das haben wir gesehen und dachten: das ist eigentlich ein großer Kosmos, der gar nicht richtig bedient wird. Der findet nicht statt in der literarischen Öffentlichkeit.“ Mehr zu Clemens Setz: „Edition Paratexte“ – ein Magazin für Literaturdinge Ein Skandal! Um diese Lücke zu schließen, haben sich die beiden Literaturwissenschaftler auf ein mutiges Verlagsabenteuer eingelassen und die „Edition Paratexte“ gegründet: „Paratexte ist ein literaturwissenschaftlicher Begriff, den Gérard Genette in den 80ern geprägt hat. Eigentlich hat er damit gemeint: was um einen publizierten Text so herumsteht wie die Autorenbiographie auf der Umschlagseite, die Fotografie des Autors, der Autorin. Wir weiten den Begriff aus auf alle möglichen Dinge, die Autorinnen und Autoren rund um ihr Schreiben noch so benutzen. Der Kontext des Schreibens ist uns wichtig. Wir sind daran interessiert, die Werkstatt der Autorinnen und Autoren zu zeigen und einen Einblick zu kriegen in welchem materiellen Kontext entsteht ein Text.“ Flip Flops und getapte Boots – die „Schue“ von Ann Cotten Richard Schumm sortiert den kleinen Stapel Schuhkartons auf seinem Wohnzimmertisch: Ein paar rote Flip Flops, getragen in Westafrika, wie die Autorin vermerkt, ein Paar hellbraune Sommerschuhe aus Neuss und ein Paar fremde Schuhe aus einer Tauschbox in Wien. Auf der Suche nach einem Literaturding für ihre erste Ausgabe der „Edition Paratexte“ haben die beiden Verleger bei Ann Cotten angeklopft, die für ihre Experimentierfreudigkeit bekannt ist. Und so kam zu einer fast schon konspirativen Übergabe: „An einem U-Bahnhof in Neukölln traf ich mich mit einem Mittelsmann. Der übergab mir dann einen Aldi-Tüte. In dieser Aldi-Tüte war eine zweite Aldi-Tüte. Und in dieser Aldi-Tüte befanden sich sieben Paar Schuhe und ein einzelner Schuh.“ Profiling in der Schuhwerkstatt Schreiben und gehen sind zwei Disziplinen, die traditionell eine enge Verbindung auszeichnet. Ann Cottens Beziehung zu ihren Tretern scheint unter die Rubrik „rau, aber herzlich“ zu fallen und weckt damit durchaus das Interesse des in Stuttgart fast schon legendären Schuhmachermeisters Jaekel. Nach einer sorgfältigen Untersuchung der Schuh-Collection kommt der Meister zu dem Schluss: „Ja, ich würde die gerne kennenlernen. Ich zeig ihr, wie man Schuhe putzt, wie man Schuhe pflegt, Schuhspanner benutzt. Damit sie ihre schönen Schuhe am Ende länger hat. Weil: sie liebt ihre Schuhe. Nur hat sie sie zusammengerissen. Ich würd mal sagen: Sie hat keine Zeit. Sie schiebts einfach raus. Sie weiß genau, dass es scheiße ist, was sie macht mit ihren Schuhen. Aber sie schiebts einfach raus und denkt, ja, irgendwann läuft mir ein richtiger Schuhmacher über den Weg. Und dann ist es ihr auch egal, ob sie 50 Euro mehr ausgibt für das ganze Reparaturgedöns. Sie will sie einfach wieder haben. Und das sind genau die Leute, die drei Prozent Menschen, die zum Schuhmacher gehen.“ Den Blick auf „das  Normale“  aufbrechen Der Besuch in der Werkstatt, skizziert in Dialogform gepaart mit dem trockenen Humor der beiden Verleger, die, ob der fast schon hellseherischen Fähigkeiten des Schuhmachermeisters, in Gedanken schon an einer neuen Wetten-Dass-Ausgabe basteln, ist nur einer der Highlights in diesem ersten Heft der Edition Paratexte. Der Band entpuppt sich als kleine literarische Wundertüte mit originellen Texten - geistreich, freakig – mit Gedankensplittern, Wortcollagen, Interviews und Gedichten. Es geht um Schuhe als Fetischobjekt, als persönliche Erinnerungsstücke. Der Schriftsteller Eckhart Nickel zum Beispiel steuert ein gesellschaftspolitisches Statement zum Thema Schuhe bei, der Autor und Filmemacher Alexander Kluge ein grafisches Gedicht und einen Essay über den letzten Tag des Philosophen Theodor W. Adorno: „Er fühlte sich schwach, brach Spaziergänge ab. Die NEUEN STIEFEL schienen nicht bequem. Er konnte das für sich als Grund annehmen, den „Dienst“, das heißt den ertüchtigenden Marsch ins Gebirge, für den heutigen Nachmittag hintanzusetzen. Sie bettete ihn in seinem Bett. Den Kriminalroman nahm er an. Als sie eine Stunde später nach ihm sah, war er tot.“ Mehr neue Bücher und Literaturthemen: Pfiffige Idee mit viel Entwicklungspotential Mit „Ann Cottens Schuhe“ hat die Edition Paratexte einen gelungenen Auftritt hingelegt und in der pfiffigen Idee steckt noch jede Menge spielerisches Entwicklungspotential. Verleger Richard Schumm inszeniert die Schuhe der Schriftstellerin für ein Porträtfoto, während der Parkettboden seiner Wohnung ächzt und knarrt, als wisse er um durchaus heftigen Wehen bei der Geburt der neuen Stuttgarter Edition. Denn in den Dingen, die die Autorinnen und Autoren aufgefordert sind, beizusteuern, liegt durchaus ein gewisser Sprengstoff. „Wir machen ja keine Vorgaben, was die Dinge angeht, nach denen wir fragen.  Wir sind auch darauf gefasst, irgendwann einmal alte Autoreifen zu bekommen. Die Schuhe haben uns natürlich überrascht. Der Gedanke, der uns kam, war: sind wir zu einer Art elaborierte Altkleidertonne oder ist das etwas, was man erst einmal durchdenken muss. Uns kam dann in den Sinn, dass der Schuh bei Heidegger zum Beispiel genau das Objekt ist, das an der Stelle steht zwischen Alltagsgegenstand und Kunstgegenstand. Vielleicht sind wir auch die Altkleidertonne. Das bleibt ein bisschen in der Schwebe. Aber in diesem Fall zeigt sich doch, wie das Material aus dem Schreibkontext noch einmal ganz neu einen Einblick gewährt in das Schreiben und in die Welt der Literatur.“

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