

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Jun 8, 2025 • 13min
„Ein Zeugnis davon, dass es queere Erzählungen immer schon gegeben hat“: Miku Sophie Kühmel über „Kind der Liebe“
Ein flirrend heißer italienischer Sommer, geheimnisvolle Affären und ein Teenager mit messerscharfer Beobachtungsgabe – in Maureen Duffys Roman „Kind der Liebe“ trifft all das aufeinander.
Der Coming-of-Age-Roman erschien 1971 in Duffys Heimat Großbritannien. Jetzt – über fünfzig Jahre später – gibt der Reclam Verlag „Kind der Liebe“ erstmals auf Deutsch heraus, in der Übersetzung von Katharina Herzberger.
Miku Sophie Kühmel über die literarische Wiederentdeckung
Das Nachwort zu dieser literarischen Wiederentdeckung stammt von der Schriftstellerin Miku Sophie Kühmel. Im „lesenswert Magazin“ erzählt Kühmel von diesem britischen Sommerroman in dessen Mittelpunkt der Teenager Kit steht.
Kit ist eifersüchtig auf die Affäre der Mutter, Aias – oder auf die Mutter selbst? Kits eigensinnige Familie begleiten wir durch einen Sommer in einem fiktiven italienischen Fischerdorf.
Ein Lehrstück über nicht-binäres Erzählen und eine Sommerlektüre
Dabei wendet Duffy einen besonderen erzählerischen Kniff an – und dieser mache den Roman heute wieder besonders zeitgemäß, meint Kühmel. Weder der Hauptfigur Kit, noch Aias, gibt Duffy eine geschlechtliche Zuschreibung.
Doch „Kind der Liebe“ ist nicht nur ein Lehrstück über nicht-binäres Erzählen. Der Roman ist eine stimmungsvolle Sommerlektüre – irgendwo zwischen „Bonjour Tristesse“, „Saltburn“ und „Call Me By Your Name“.

Jun 8, 2025 • 6min
Warum unbedingt Podcasts? Literaturvermittlung zum Anhören
Statt Beifall gibt es am Ende jedes Vortrags ein Klopfen auf den Tisch – wie ihren Heimat-Universitäten Stuttgart, Tübingen und Bamberg nach einer Vorlesung üblich. Rund 30 Studierende sitzen an diesem Donnerstagnachmittag im modernen Konferenzraum des Literaturarchivs Marbach. Bei einer Tagung, die sich ganz dem Thema Literatur und Podcast widmet.
Studentin Antonia stellt einen Podcast in ihrem knapp 30-minütigen Vortrag vor.
Praxis und Theorie kombiniert
Wir sind im wissenschaftlichen Teil der Studierendentagung, zu der das Literaturarchiv die jungen Podcasthörer und -macher geladen hat. An zwei Tagen treffen sie sich in Marbach.
Heike Gfrereis ist Honorarprofessorin am Deutschen Literaturarchiv und hat die Tagung mitorganisiert. Für sie stehen heute zwei Dinge im Fokus:
„Zum einen literaturwissenschaftliche Vorträge: Was passiert, wenn ein Fach wie die Germanistik sich diesem neuen Medium Podcast – und zwar Podcast über Literatur und Podcast als Literatur annimmt?
Und: Was uns besonders interessiert, welche Ideen haben die Studierenden wenn sie selber Podcasts machen dürfen? Das heißt, was lesen die, wie lesen die, wie realisieren sie dieses Medium? Das ist auch für uns spannend, weil es nochmal eine andere Generation ist, die damit umgeht, die einen anderen Literaturbegriff hat. Wie wir heute gesehen haben – mit ganz ungewöhnliche und tolle Ideen bei der Umsetzung.“
Podcast als Literaturvermittlung
Podcasts sind längst kein Nischenphänomen mehr. Für viele ist das Medium ein neuer Weg, Literatur jenseits der klassischen Kritik zu erleben. Eine Studentin meint:
„Da ist der Podcast wahrscheinlich eine gute Möglichkeit auch jüngere Leute anzusprechen. Auch mit dem, was sie lesen, dass sie sich da eben mehr repräsentiert fühlen.“
Man ist sich einig. Die Landschaft der Literaturvermittlung befindet sich im Wandel. Digitale Formate werden immer beliebter. Wie sieht die Zukunft der Podcasts aus? Können sie bei der literarischen Vermittlung den traditionellen Formen den Rang ablaufen?
Ja – sagt diese Studierenden: „Auf jeden Fall. Also, ich würde auch sagen, das ist auf jeden Fall das neue Medium. Wer hat noch Zeit wirklich aktiv zu lesen, es ist viel einfacher zu hören. Man kann nebenbei Sport machen, Haushalt... Deswegen würde ich schon sagen, Podcasts erobern das Feld.“
Experimentieren mit neuen Podcast-Ideen
Die eigenen Podcast-Ideen haben die Teilnehmer bereits am Mittag in kleinen Gruppen erarbeitet.
Nancy Hünger, Mit-Organisatorin und Leiterin des Studios Literatur und Theater an der Universität Tübingen ist von den ersten Entwürfen begeistert.
„Das sind ganz unterschiedliche Formate, die Studenten haben quasi auch nach Leerstellen gesucht. Was interessiert sie, was gibt es noch nicht? Es gibt z.B. die Idee für einen „Nature Writing Podcast“, wo jetzt schon eine erste Folge konzipiert wurde.
Es gibt einen Podcast, der heißt „Verstehst du mich?“ Da geht es um Muttersprache, Fremdsprache, aber auch verschiedene Ebenen der Kommunikation und des Verstehens. Dann haben wir eine Literaturpodcast, der versucht die Literaturwissenschaften besser zu vermitteln. Also ist das, was für alle? Was können die Leute lernen im Umgang mit Literatur?
Dann gibt’s die Idee für einen Schullektüre begleitenden Podcast, der für Schüler quasi die gängigen Schulbücher aufschlüsseln kann. Kapitel für Kapitel, damit sie quasi Lust aufs Lesen bekommen haben.“
Podcasts machen Literatur nahbar
Lyrikerin Carolin Callies steht mit in der Runde und lacht. Sie gehört ebenfalls zum Organisationsteam.
Als Host des Podcasts „Kapriolen“, den sie gemeinsam mit dem Literaturhaus Stuttgart produziert, weiß sie was den Reiz an diesem relativ neuen Medium ausmacht:
„Warum unbedingt Podcasts? Weil ich finde es ist ein unglaublich nahbares Erleben miteinander über Literatur zu sprechen. Es ist ein sehr intimes Sprechen, was man auf sein Ohr bekommt, wenn sich zwei Leute über Literatur unterhalten.
Es macht Lust, es ist ein sehr persönliches Sprechen, es ist ein sehr persönlicher Zugang, mit anderen Menschen sich über Literatur auszutauschen und insofern etwas, das die Literatur vom hohen Ross runterholt und nahbar macht. Und deswegen sollte man ganz viel hören und vielleicht sogar selbst machen.“
Das Digitale hält schon länger Einzug ins Deutsche Literaturarchiv Marbach. Und Podcasts? Sie werden in Zukunft eine deutlich größere Rolle bei der Arbeit im Literaturarchiv einnehmen.
Vom Austausch profitieren also sowohl die Gastgeber als auch die Studierenden.
Diskussionsrunde zum Abschluss
Am Abend: Vortrag und Diskussion. Literaturwissenschaftler und Journalist Johannes Franzen, Podcasterin und Literaturkritikerin Linn Penelope Rieger sowie Markus Gottschling vom Seminar für Allgemeine Rhetorik in Tübingen nehmen an der Stirnseite der Diskussionsrunde Platz.
Gut 90 Minuten geht es um die Zukunft der Literaturkritik, praktische Podcasts-Tipps und persönliche Erfahrungen der Teilnehmer.
Johannes Franzen resümiert: „Ich finde, es ist sehr schön gelaufen. Die Stimmung ist sehr produktiv, es kommen viel Fragen, aber das liegt natürlich auch daran, dass es eine Studientagung ist. Ich denke, da sind interessante Impulse dabei rumgekommen.
Es ist auf jeden Fall so, dass ich selbst begeistert Podcasts höre und ich viele Menschen kenne, die das tun. Dementsprechend bin ich tatsächlich zuversichtlich, was zumindest diese Form von kultureller Betätigung angeht.“
Ein langer, aber interessanter Tag geht zu Ende. Und weil jetzt auch keine Tische mehr aufgebaut sind, gibt’s dann ganz zum Schluss von allen Teilnehmern statt Klopfen doch noch Applaus.

Jun 8, 2025 • 2min
Neue Rundschau 2025/1 – Thomas Manns 150. Geburtstag
136. Jahrgang heißt es bescheiden-stolz auf dem jüngsten Heft der Neuen Rundschau. Es ist zum 150. Geburtstags Thomas Mann gewidmet, der selbst in der Neuen Rundschau, der Literaturzeitschrift des S. Fischer Verlags, noch veröffentlicht hat.
Was wäre zu Thomas Mann denn noch zu sagen?
Die Neue Rundschau erinnert an den Migrationshintergrund von Thomas Mann, daran, dass seine für ihn wichtige Mutter aus Brasilien stammt, daran, dass Thomas Mann unter einer scheinbar gefestigten bürgerlichen Fassade ein Zerrissener war, ein Außenseiter, nicht nur aufgrund seiner Herkunft, sondern auch, weil er seine Homosexualität zeitlebens unterdrückt hat.
Thomas Mann also gleichsam ein diverser Autor im Ringen um Identität, eine Spannung, die darum in seinem Werk nie Gemütlichkeit aufkommen lässt, sondern mit Spott und Ironie genau die Schmerzpunkte berührt, die ihm am nächsten waren.
Dass Thomas Mann auch selbst als Rollenmodell einer um Form ringenden Adoleszenz taugen kann, erzählt der Schriftsteller und bekennende Fan Eckart Nickel.
Plötzlich ist Thomas Mann nicht nur ein nachahmenswerter Dichter, sondern eine Gesamterscheinung, die durch Verfilmungen gespiegelt wird, der „Zauberberg“ von Hans W. Geißendörfer lief 1984 im ZDF, Dresscodes, aber auch Tics und Allüren anbietet, um sich von denen abzugrenzen, die sich - wie ich - langhaarig und in zerrissenen Jeans auf Friedens- und Ökodemos herumtrieben.
Also Form gegen Formlosigkeit, würde man aus heutiger Sicht sagen. Aber die Form von Thomas Mann ist nur darum so aufregend, weil er sie seinem inneren Chaos abringt.

Jun 8, 2025 • 2min
Heinz Strunk – Zauberberg 2
Schon zweimal habe ich versucht, Thomas Manns "Zauberberg" zu lesen. Nie habe ich durchgehalten, der dicke Wälzer mit seinen scheinbar endlosen detaillierten Beschreibungen war mir einfach zu langatmig – Weltliteratur hin oder her.
Zum Glück gibt es einen kuriosen, literarischen Brückenschlag in die Gegenwart: "Zauberberg 2" von Heinz Strunk. Ja, genau – der Heinz Strunk, der sonst für tragik-komische Alkoholiker-Romane bekannt ist.
Und doch funktioniert es. Denn Strunk nimmt nicht einfach das Original von 1924 auseinander, sondern überträgt dessen Grundstimmung in unsere Zeit. Statt Davoser Höhenluft: mecklenburgische Provinz. Statt Thomas Manns Hans Castorp: Jonas Heidbrink – ein depressiver Start-up Millionär, ohne Lebenssinn, der sich freiwillig in ein mecklenburgisches Sanatorium einweist.
Dort trifft er auf andere seelisch Versehrte, erlebt Therapiesitzungen und Albträume – und wird, wie schon Castorp, zum Beobachter einer Welt, in der die Zeit stillsteht. Strunks Version ist düster, schräg und manchmal sehr komisch.
Wer also, wie ich, an 1000 Seiten Thomas Mann gescheitert ist, aber dennoch ein Gefühl für die Fragen des Original- "Zauberbergs" bekommen will – denen nach Krankheit, Zeit, Tod und Sinn, der soll es ruhig mal mit der Strunk‘ schen - der findet in "Zauberberg 2" eine überraschend respektvolle und eigenständige Alternative.
Und wer weiß – vielleicht ist das ja der Startschuss, sich doch nochmal an den Klassiker zu wagen. Wer’s durchhält…

Jun 4, 2025 • 4min
Rebecca K Reilly - Greta & Valdin | Buchkritik
Greta und Valdin teilen eine Menge. Zum Beispiel: einen komplizierten Nachnamen.
Vla« wie »bla«, nur mit V. »Dis« wie in Radieschen. »Sav« wie die Automarke »Saab«, nur mit V. »Ljev« wie Lyev Himmelsritter, die Figur aus Magic: The Gathering. Und »Vic« reimt sich auf Bitch.
Quelle: Rebecca K Reilly – Greta & Valdin
Die Geschwister Vladisavljević wohnen zusammen in Auckland, Neuseeland. Greta ist Masterstudentin der russischen Literatur. Valdin hat gerade seine akademische Karriere als Astrophysiker an den Nagel gehängt und moderiert jetzt eine Reisesendung im TV.
Geschwister mit Liebeskummer
Was die beiden noch verbindet? Liebeskummer. Greta ist unglücklich in ihre Kommilitonin Holly verliebt, die ihr widersprüchliche Signale sendet. Valdin hingegen trauert seiner Beziehung zum älteren Xabi hinterher. Nach dem Liebesaus ist der nach Argentinien ausgewandert – und die Lücke, die er hinterlassen hat, fühlt sich für Valdin unüberwindbar an.
Ich versuche seinen Namen nicht zu denken oder laut auszusprechen, ersetze ihn durch ein ehemaliger Bekannter oder dieser Typ, den ich mal gedatet habe.
Quelle: Rebecca K Reilly – Greta & Valdin
Rebecca K. Reilly erzählt in ihrem Debütroman „Greta & Valdin“ ein Jahr im Leben der Geschwister. Ein Jahr voller Fragen und zaghafter Neuanfänge. Dabei unterstützt die beiden ihre exzentrische, kulturell vielfältige Großfamilie, die maorische, russische und katalanische Wurzeln mitbringt.
Greta und Valdins Perspektive wechselt kapitelweise. Auf der Suche nach Liebe und Selbstbestimmung erleben die beiden queere Krisen, familiäre Zwänge und den Wunsch, dazuzugehören.
Reilly schreibt das mit großer Sympathie für ihre Figuren, schnellem Witz und scharfem Blick. Ihre Dialoge sind pointiert, oft komisch und warmherzig.
Beziehungsprobleme verschiedener Generationen
Eine besondere Qualität ihres Romans ist, dass sie die Herausforderungen verschiedener Generationen im modernen Beziehungsleben mit einem Augenzwinkern einfängt.
Etwa, wenn der siebzehnjährige Neffe Tang seine sexuelle Identität entdeckt:
O Gott, Tang, hast du etwa eine queere Krise? Ich dachte, ihr Jugendlichen seid heutzutage alle total chill und pansexuell, und nur alte Millennials wie Ell drehen durch und schneiden sich die Haare ab, wenn sie mit sechsundzwanzig zum ersten Mal eine Brust anfassen.
Quelle: Rebecca K Reilly – Greta & Valdin
Obwohl Reilly über queere Beziehungen schreibt, stellt sie die Queerness selbst nicht plakativ in den Vordergrund. Ihre Figuren definiert sie nicht über deren Sexualität – sie sind einfach junge Menschen, die auf ganz normale, manchmal verrückte, manchmal schmerzhafte Weise nach Liebe suchen.
Die queere Identität ist dabei selbstverständlicher Teil ihres Lebens, aber nie ihr einziges Erkennungsmerkmal.
Gesellschaftliche Themen sind in der Handlung verankert
Ähnlich geht Rebecca K. Reilly mit gesellschaftlichen Themen wie Rassismus, Kolonialismus und kultureller Identität der Maori in Neuseeland um. Sie verhandelt die Dinge im Hintergrund, integriert sie in der Lebensrealität der Figuren – ohne erhobenen Zeigefinger.
Diese selbstverständliche Verankerung im Alltag, das beiläufige, aber nie verharmlosende Einweben sozialer Konflikte, macht den besonderen Ton ihres Romans aus.
Rebecca K. Reilly ist selbst Maorin, und hat unter anderem Kreatives Schreiben, European Studies und Deutsch studiert.
Ein charmantes Gimmick für deutschsprachige Leserinnen und Leser ist, dass Reilly ihre eigene Vorliebe für deutsche Literatur in die Geschichte einflicht: Valdin liest etwa „Sommerhaus später" von Judith Hermann.
Und Greta? Greta bringt ihre Skepsis gegenüber der deutschen Hauptstadt wunderbar ironisch auf den Punkt:
Du kannst Berlin doch gar nicht leiden. Du sagst immer, da laufen die ganzen nervigen Leute rum, die es in Melbourne zu nichts gebracht haben.
Quelle: Rebecca K Reilly – Greta & Valdin
„Greta & Valdin“ ist ein lebenskluger und herzenswarmer Roman, voller Witz, voller Fragen, voller echter Gefühle. Und das ist vor allem: extrem unterhaltsam.

Jun 2, 2025 • 4min
Galten Thomas Manns heimliche Träume und Phantasien Männern?
Thomas Manns Homoerotik war für die eingeweihte Leserschaft lange ein prickelndes Thema, wurde aber meist mit einer gewissen Diskretion behandelt. Damit will Tilmann Lahme in seiner Biografie „Thomas Mann. Ein Leben" nun endgültig aufräumen.
Ein aufschlussreicher Briefwechsel
Als Schlüsseldokumente zu diesem Zweck dienen ihm zwei lange verschollene Briefe an den Lübecker Jugendfreund Otto Grautoff. Daraus geht hervor, dass schon der 21-jährige Thomas Mann seine geschlechtliche Orientierung als, wie er sagte, „wacklig" empfand, und sich in der neuesten wissenschaftlichen Literatur darüber informierte.
Vor allem aber ließ er durchblicken, dass er seine Neigung akzeptieren wollte und erklärte:
Ich bin immerhin noch im Stande, meine »Anomalien« mit literarischen Augen anzusehen, Philosophie hineinzubringen und mit einer in guten Stunden heiteren Objektivität mein Sein und Wesen zu betrachten.
Quelle: Tilmann Lahme – Thomas Mann. Ein Leben
Homoerotische Maskenspiele im Werk
Thomas Mann verbrachte sein Leben als Ehemann und Oberhaupt einer kinderreichen Familie, doch seine heimlichen Träume und Phantasien galten Männern. Das ist bekannt und er hat es selbst vielfach fiktional verkleidet in seinem Werk thematisiert. Der Biograf Lahme verfolgt nicht als Erster diese Spuren in ausführlichen Werkinterpretationen. Er schreibt:
Mit Tonio Krögers Liebe zu Hans Hansen schafft Thomas Mann die erste offen homoerotisch fühlende Figur in seinem Werk. Thomas Mann macht keinen Hehl daraus, dass diese Jugendliebe seine eigene ist.
Quelle: Tilmann Lahme – Thomas Mann. Ein Leben
Lahme will seinen Thomas Mann, ungeachtet der dafür fehlenden Lebenspraxis, als waschechten Homosexuellen darstellen. Für diese Beweisführung verwendet er viel Raum und beschreitet manchen Nebenweg, wenn er etwa an eine Erzählung der jungen Susan Sontag über einen Besuch beim Verfasser des „Zauberberg" weit hergeholte Spekulationen anschließt.
Um das Lebensdrama von Thomas Manns Sexualität restlos offen zu legen, so die vornehme Begründung, druckt Lahme auf zwei Seiten jene Tagebucheinträge ab, die bislang rücksichtsvoll ausgelassen wurden. Sie protokollieren Selbstbefriedigung, unwillkürliche Samenergüsse, ehelichen Beischlaf, aber auch allerlei Unterleibsbeschwerden.
Bekanntes Porträt mit stärker betonten Zügen
Trotzdem finden auch jene, die Thomas Mann nicht primär sexualwissenschaftlich betrachten wollen, in Lahmes Beschreibung der Werke und Lebensstationen viel Bemerkenswertes. Zu den nach wie vor interessantesten Aspekten gehört es, wie der vom deutschnationalen Konservativen zum Demokraten geläuterte Schriftsteller in seinem Faustus-Roman den deutschen Sonderweg in die Barbarei darstellte.
Und wie sehr er bald darauf auch die USA im beginnenden Kalten Krieg auf einem gefährlichen Weg nach rechts sah. Was das persönliche Schicksal des berühmtesten Schriftstellers seines Jahrhunderts angeht, zieht der Biograf folgendes Fazit:
Sein Leben, seine Literatur und seine Tagebücher erzählen die fesselnd-traurige Geschichte eines Mannes, der nicht lieben darf.
Quelle: Tilmann Lahme – Thomas Mann. Ein Leben
Tilmann Lahme zeichnet das Porträt Thomas Manns nicht neu, aber er arbeitet manche Züge markanter und mit einigem Enthüllungseifer heraus. Seine Biografie liefert zum 150. Geburtstag eine profunde Lektüre, in der auch einiger Stoff für Kontroversen steckt.

Jun 1, 2025 • 17min
Urszula Honek: Die weißen Nächte
13 Erzählungen aus den Beskiden, untereinander verknüpft durch ein Beziehungsnetz der Figuren. Ein Dorf, in dem die Menschen ihren Sehnsüchten, Ausbruchsfantasien, Illusionen nachgehen. Düstere, schwebende Texte.

Jun 1, 2025 • 20min
Nell Zink: Sister Europe
Klug, abgründig und hochkomisch – so sind die Romane der in Brandenburg lebenden Amerikanerin Nell Zink. In ihrem neuen Roman will sie einen realistischen Ausschnitt von Deutschland zeigen. Ihr Blick ist gnadenlos und bitterböse.

Jun 1, 2025 • 20min
Ralf Rothmann: Museum der Einsamkeit
Unbeirrt und auf höchstem Niveau schreibt Ralf Rothmann seine Ästhetik des romantischen Realismus fort. Seine neuen Erzählungen sind gleichermaßen sprachlich authentisch wie einfühlsam.

Jun 1, 2025 • 1h 13min
SWR Bestenliste Juni im Künstlerhaus Edenkoben
Freude des Lobs: Jutta Person, Nicola Steiner und Christoph Schröder diskutierten im gut besuchten Künstlerhaus Edenkoben vier Werke, die auf die vorderen Plätze der SWR Bestenliste im Juni gewählt worden sind. Auf dem Programm standen: Urszula Honeks Prosadebüt „Die weißen Nächte“, Ralf Rothmanns Erzählband „Museum der Einsamkeit“, der Roman „Frühlingsnacht“ von Tarjei Vesaas und Nell Zinks Roman „Sister Europe“.
Selten war die Stimmung der Jury-Runde so heiter, selbst wenn oder gerade weil die besprochenen Texte oft vom Sterben handeln. In Urszula Honeks „Die weißen Nächte“ (Suhrkamp) lauert der Tod an jeder Ecke. Die polnische Autorin, die vor allem als Lyrikerin bekannt ist, lässt in ihrem Prosadebüt dreizehn Einzelgeschichten in einem Dorf am Rand der Beskiden spielen und verwebt sie zu einem Romanmosaik, in dem Zeiten, Epochen und Figurenperspektiven ständig wechseln. Schwebende Prosa, urteilte die Jury, ein Buch als literarisches Versprechen.
Auch im Dissens wird an diesem Abend viel gelacht. Worin zeigen sich die literarischen Stärken der neuen Erzählungen von Ralf Rothmann? „Das Museum der Einsamkeit“ (Suhrkamp) beschreibt existentielle Krisen in Lebensläufen und die Suche der Figuren nach verlorener Würde. Ist die Prosa in den Passagen mit 50er-Jahre-Patina „überorchestriert“, wie Jutta Person meint, oder sind gerade die Geschichten aus dem Arbeitermilieu der alten Bundesrepublik authentisch und lebensnah, wie Nicola Steiner argumentiert? Die scharfe Kritik, die der beim Publikum beliebte Schriftsteller zuweilen im Feuilleton einstecken muss, erklärt sich Christoph Schröder mit der Verachtung der bildungsbürgerlichen Elite gegenüber einer nichtakademischen Literaturposition.
So düster wie skurril ist auch die Handlung im Roman „Frühlingsnacht“ des norwegischen Autors Tarjei Vesaas, den die Jury unisono als Meisterwerk feierte. Ein Geschwisterpaar ist zum ersten Mal allein daheim, die Eltern sind über Nacht verreist. Plötzlich steht eine Gruppe fremder Leute vor der Tür und bittet um Einlass. Ein Kind wird geboren, ein Mensch stirbt und ein Junge wird erwachsen. Ein zeitlos schönes Buch, hieß es in der Diskussion.
Hochaktuell ist hingegen Nell Zinks dialogschnelle Satire auf Identitätsdebatten und den hiesigen Kulturbetrieb. „Sister Europe“ schildert eine Zufallsgemeinschaft in Berlin, die eine Literaturpreisverleihung besucht, parlierend durch die Hauptstadt zieht und schließlich in einem modernistischen, nahezu sprichwörtlichen Glashaus landet. Aber tritt das brillante Diskurstheater in der Mitte des Romans auf der Stelle, wie Christoph Schröder meint? Jutta Person und Nicola Steiner verweisen auf die gewitzte Verschränkung von Hochkultur und Trash, die sich zu einer Feier der Narration entwickeln würde, in der es immer neue Erzählschichten und Verweise zu entdecken gelte.
Aus den vier Büchern lasen Antje Keil und Johannes Wördemann. Durch den Abend führte Carsten Otte.


