

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Jun 11, 2025 • 4min
Amitav Ghosh – Rauch und Asche | Buchkritik
Und wieder steht ein Akteur aus der Pflanzenwelt im Zentrum des Geschehens. Nach „Der Fluch der Muskatnuss“ widmet sich der indische Romancier und Essayist Amitav Ghosh in seinem neuen Buch dem Schlafmohn und damit einer der wirkmächtigsten Pflanzen der Menschheitsgeschichte.
Opium als Stütze des britischen Kolonialregimes
In „Rauch und Asche“ beleuchtet Ghosh die kolonialen Hintergründe der Opiumerzeugung in Indien und beschreibt, wie Großbritannien den chinesischen Markt im 18. und frühen 19. Jahrhundert illegal mit dem verderbenbringenden Handelsgut überschwemmte, um sein Handelsdefizit auszugleichen.
Es gibt möglicherweise keine Wirtschaftspolitik, die jemals erfolgreicher umgesetzt worden ist als das Opiumprogramm des britischen Empire. Genau wie geplant lösten diese Maßnahmen innerhalb weniger Jahrzehnte das Zahlungsbilanzproblem der East India Company: Anstatt dass riesige Silbermengen von England nach China flossen, bewegten sich nun massenhaft Goldbarren in die andere Richtung.
Quelle: Amitav Ghosh – Rauch und Asche
Opiumgeld für Aufbau von US-Infrastruktur
Nicht nur die Briten profitierten vom Opiumschmuggel. Rasch nach der Unabhängigkeitserklärung stiegen auch blutjunge US-amerikanische Kaufleute in den chinenischen Drogenhandel ein. Nach ihrer Rückkehr aus Kanton investierten diese „Brahmanen von Boston“ ihre kolossalen Gewinne in die entstehende Industrie und in die Eisenbahn. Sie gründeten und finanzierten Schulen, Bibliotheken und Krankenhäuser.
Im Wesentlichen hatte der Kolonialismus eine Machtstruktur geschaffen, der zufolge die aus Europa kommenden Eliten und ihre Verbündeten unter den europäisch stämmigen Diasporagruppen eine derart absolute Vorherrschaft genossen, dass es tugendhaften jungen Amerikanern möglich war, in fernen Ländern Verbrechen zu begehen, mit sauberen Händen in ihre Heimat zurückzukehren und sich dort als Helden für ihre Rolle beim Aufbau der amerikanischen Wirtschaft feiern zu lassen. Mit anderen Worten, sie konnten mithilfe des weltweiten Kolonialismus das verwirklichen, wonach Drogenbarone wie Lucky Luciano und Pablo Escobar sich immer gesehnt hatten: endlich »legal« zu werden.
Quelle: Amitav Ghosh – Rauch und Asche
Fokus auf Verlierer des ungleichen „Handels“
Hier klingt an, wo Ghoshs Sympathien beheimatet sind. Er interessiert sich für die Verlierer dieses ungleichen, mit Waffengewalt durchgesetzten „Handels“. Für die abhängigen Bauern in Indien, für die der Mohnanbau ein katastrophales Verlustgeschäft war. Für die Verheerungen in China, das sich in zwei Opiumkriegen vergeblich gegen den Schmuggel zur Wehr setzte. Und für die langfristigen wirtschaftlichen und sozialen Folgen, die bis in die Gegenwart reichen.
Die sogenannte Opioid-Krise in den USA interpretiert Ghosh als trauriges „Echo" auf die Erfahrungen Chinas im 19. Jahrhundert. Millionen US-Amerikaner sind süchtig nach jahrzehntelang leichtfertig verschriebenen opioidhaltigen Schmerzmitteln, Überdosierungen – zuletzt vor allem von Fentanyl – fordern jährlich zehntausende Menschenleben.
Ghosh stellt sich gegen die scheinheilige Behauptung der Drogenhändler des 19. und der Pharmaunternehmer des 21. Jahrhunderts, wonach sie lediglich eine ungedeckte Nachfrage bedienen würden.
Eine sonnenklare Tatsache ist, dass bei Opioiden nicht die Nachfrage, sondern das Angebot der verantwortliche Faktor für den steigenden Konsum ist. Wenn Opioide im Überfluss vorhanden sind, schaffen sie ihre eigene Nachfrage: Und das ist genau der Grund, warum Opium als eine eigenständige historische Kraft betrachtet werden muss.
Quelle: Amitav Ghosh – Rauch und Asche
Lange hat Ghosh gezögert, ob er die Geschichte dieser „abscheulichen Gemeinheit“ erzählen solle, wie er unumwunden zugibt. Dieses Zaudern ist dem Text stellenweise anzumerken. Er ist weniger zwingend und kohärent als „Der Fluch der Muskatnuss“ und mit seinen zahlreichen Verweisen auf sein eigenes literarisches Œuvre bisweilen ein wenig selbstreferenziell.
Aber wieder beeindruckt Ghoshs Sinn für den großen Bogen und sein Talent für mutige Parallelen. „Rauch und Asche“ ist ein schonungsloses Manifest gegen die Heuchelei und gegen das Unter-den-Teppich-Kehren der dunklen Geschichten hinter dem Siegeszug des globalen Kapitalismus.

Jun 10, 2025 • 4min
Patricia Holland Moritz – Drei Sommer lang Paris
Zugegeben: Es ist ein ungewöhnlicher Ansatz, vom deutschen Herbst 1989 von Paris aus zu erzählen, und eben nicht aus der DDR. Aber Patricia Holland Moritz hat aus der Begegnung einer gelernten DDR-Bürgerin mit der Stadt des Lichts einen Roman mit mehreren Ebenen geschaffen: eine Geschichte vom Einwandern, eine kleine Liebesgeschichte – einen scharfen Blick auf den Umbruch in der DDR und zugleich eine feinfühlige Skizze der Metropole.
Die Stadt war ein Kinosaal, in dem ein Film in Endlosschleife lief und ich kommen und gehen konnte, wann ich wollte. In Paris redete jede Straßenecke zu dem, der die Geschichten hören wollte. Besonders laut tuschelten die Gässchen mit ihren eingerückten Mauern.
Quelle: Patricia Holland Moritz – Drei Sommer lang Paris
Pariser Kulturgeschichte - individuell erkundet
Es sind besondere Pariser Geschichten, für die sich Ulrike interessiert. Sie ist von jeher eine begeisterte Leserin; und jetzt spürt sie teils jung verstorbenen Schriftstellern und Künstlern nach, die einst hier arbeiteten: Gertrude Stein und Ernest Hemingway - James Joyce - Samuel Beckett, aber auch Jim Morisson, Frédéric Chopin.
Deren Welt entdeckt sie auf eigenwillige Art: mit einer alten Kamera, einer stilechten Rolleiflex, auf deren Mittelformat-Film gerade einmal zwölf Aufnahmen passen. Das totale Gegenteil der digitalen Bilderflut von heute.
Die Fotos waren von der schwarz-weißen Eleganz der Vergangenheit. Selbst beim Betrachten verspürte ich noch jenen seltsamen, fast morbiden Reiz, an denselben Orten zu stehen, dieselbe Luft zu atmen, in denselben Himmel zu schauen wie jene, deren Zeitfaden zu früh abgerissen war. Tragische und kurze Leben riefen in mir das Gefühl verpasster Möglichkeiten hervor. Der flüchtige Kontakt mit den Verstorbenen ließ mich glauben, ich könne einen Teil ihres Mythos berühren und mich gegen verpasste Möglichkeiten wappnen.
Quelle: Patricia Holland Moritz – Drei Sommer lang Paris
Der Umbruch in der DDR - distanziert betrachtet
Denn Ulrike selbst hat sich in den Kopf gesetzt, einen Paris-Roman zu schreiben. Den beginnt sie auf der letzten Seite des Buches, und herausgekommen ist natürlich jener Roman, den man jetzt in der Hand hält. Ulrike hat sich zwar mit Haut und Haaren ins Leben in Paris gestürzt; was gerade in der DDR passiert, das nimmt sie nur aus der Distanz wahr.
Aber ihr Zorn erwacht: auf die Diktatur – zugleich darauf, wie die von ihr so lange Gegängelten mit der neuen Freiheit umgehen. Und darauf, wie jene Gegängelten jetzt von den bislang unverdient Privilegierten der Geschichte – den Westlern – behandelt werden.
Das ist keine Ex-Post-Besserwisserei der Autorin – wer es denn wollte, der konnte die Probleme schon Anfang 1990 heraufziehen sehen. Die neuen deutsch-deutschen Brüche, auch den damaligen Blick des Auslands auf den Wandel in Deutschland – all dies hat die Autorin souverän in Dialoge zwischen ihren Figuren gegossen.
Paris hautnah und authentisch
Gewürzt wird es mit feinem ironischem Humor und mit liebevollen Detailschilderungen: wenn Ulrike etwa zur tiefgründigen Ballade Nantes der Chansonnette Barbara langsam über die Stadtautobahn Péripherique fährt; und dass einmal in Ulrikes Großraumbüro die ungemein tanzbare Zouk-Musik aus der Karibik ertönt, verrät, wie 'tief drin' Patricia Holland Moritz damals in Paris gelebt hat.
Wohl sind ein paar sprachliche Details a-historisch geraten; und etwas ärgerlich, dass der Autorin ausgerechnet in einem ihrer elegantesten Dialog-Sätze gegen Ende ein Grammatikfehler unterläuft: Aber wenn man auf einer Sache besteht, dann stand diese Sache jedenfalls 1989 im Dativ.
Immerhin, diese abschließenden dreißig Seiten bringen noch eine überraschende, dabei aber schlüssige und vor allem ganz und gar zeittypische Wendung. Dieser Roman bleibt bis zuletzt spannend und birgt trotz seiner über vierhundert Seiten keinerlei Leerlauf. Eine feinfühlige, authentische und dabei vielschichtige Erzählung über Paris und über eine junge Ostdeutsche vor 35 Jahren.

Jun 8, 2025 • 4min
Sebastian Haffner – Abschied
Die Uhr tickt, sie tickt erbarmungslos, die machtversessene Tyrannin. Ist es nicht aber doch möglich, ihrem Diktat noch letzte Momente des Glücks abzutrotzen?
Wir sind in Paris, linkes Seine-Ufer, Quartier Latin, Februar 1931. Raimund, Mitte 20, Referendar am Amtsgericht Rheinsberg, ist seit zwei Wochen zu Besuch bei seiner Freundin Teddy, die an der Sorbonne studiert und überhaupt keine Anstalten mehr macht, ins muffige Deutschland zurückzukehren.
Jetzt indes rückt die Stunde des Abschieds immer näher, um 22 Uhr fährt an der Gare du Nord Raimunds Nachtzug nach Berlin. Melancholisch blickt er sich in seinem Hotelzimmer um:
Was war in diesen vierzehn Tagen nicht alles Merkwürdiges in diesem kleinen Zimmer geschehen, das ich nun verließ! Na, um das Zimmer war mir nicht bange. Es hatte sicher schon vorher manches Lustige, Traurige und Merkwürdige gesehen und würde es weiter sehen. Mich aber sah es nun nicht mehr. Ich musste fort nach dem kalten Berlin, ich würde Urteile verfassen, Klavier spielen und auf Briefe warten, und hier in meinem Zimmer wohnte ein anderer, füllte die Luft mit Rauch, schlief, ärgerte sich, freute sich und sah aus dem Fenster die Seine und die Brücke und den weiten Platz dahinter und groß und tausendfältig schimmernd bei Tag und bei Nacht Notre-Dame.
Quelle: Sebastian Haffner – Abschied
Von jungen Männern umschwirrt
Was die Melancholie noch verstärkt und zugleich doch auch erträglicher macht: Nichts ist eindeutig in diesen verspielten Tagen in Paris. Teddy und Raimund ziehen sich an und stoßen sich ab, haben sich lieb und sind immerzu im Streit. Dass sie ein Paar wären – so eine freiheitsberaubende Behauptung würden die beiden, würde vor allem Teddy nie aussprechen.
Die junge Frau, die direkt einem Roman von Irmgard Keun entsprungen scheint, aber wohl, wie wir aus dem schönen Nachwort von Volker Weidermann erfahren, ein reales Vorbild hat – diese Teddy ist also eigentlich immerzu umschwirrt von einem Schwarm junger Männer, Bohèmestudenten unterschiedlichsten Temperaments, Konkurrenten und Verbündete zugleich für Raimund…
Übrigens war ich, glaube ich, der uneleganteste Mann auf dem Ball. Teddy kriegte ich nachher überhaupt nicht mehr zu sehen. Sie tanzte mit weiß ich wem, mit dem ganzen Attachégesindel und mit dem Bayern – bö.“ Franz Frischauer lachte. „Ist das so zum Lachen?“, sagte ich. „Kennen Sie das nicht? Sind Sie nie eifersüchtig? Es ist ein ekelhaftes Gefühl.“ „Schon, schon“, sagte Franz. „Aber man muss doch wissen, auf wen man eifersüchtig ist, wos lohnt. Man ists doch nicht auf all und jeden.“ „Gerade“, sagte ich. „Auf Sie bin ich noch ganz gern eifersüchtig. Aber diese Smokingproleten! Was hat es denn für Zweck, in einer Lotterie mitzuspielen, wo auch so ein Bayer gewinnen kann!
Quelle: Sebastian Haffner – Abschied
Über die Freiheit und Melancholie das Glück zu suchen
Die Zeit wird knapp und knapper, bald geht der Zug, und bis dahin muss Raimund noch möglichst viel von Paris und möglichst oft in Teddys Augen sehen. Temporeich und atemlos einerseits, dann aber auch unheimlich lässig, verspielt und frühlingsduftend erzählt dieser Roman von der Freiheit, in der Melancholie das Glück zu suchen; nebenbei ist er ein fabelhafter Reiseführer durchs Quartier Latin der frühen 1930er:
Weltstadt des Mittelalters, enge Straßen, Höfe wie Fahrstuhlschächte, glorreich verwitterte Fassaden der alten verwanzten Prunkhäuser, mitten dazwischen der Boulevard Saint-Michel mit seinen Lichtern, Cafés und Reklamen, und an den Stätten verschollener Triumphe und Grausamkeiten das Leben der Studenten. In den Straßen war immer, immer noch nach hundert Jahren ein Nachhauch vergangener Festlichkeiten, wie ein Parfum, in der Luft verspritzt.
Quelle: Sebastian Haffner – Abschied
Die Uhr tickt, sie tickt erbarmungslos. Es ist Februar 1931; nicht mehr lang, und das Glück und die Freiheit sind verweht. Aber das Schöne lässt sich nicht bezwingen.

Jun 8, 2025 • 13min
„Ein Zeugnis davon, dass es queere Erzählungen immer schon gegeben hat“: Miku Sophie Kühmel über „Kind der Liebe“
Ein flirrend heißer italienischer Sommer, geheimnisvolle Affären und ein Teenager mit messerscharfer Beobachtungsgabe – in Maureen Duffys Roman „Kind der Liebe“ trifft all das aufeinander.
Der Coming-of-Age-Roman erschien 1971 in Duffys Heimat Großbritannien. Jetzt – über fünfzig Jahre später – gibt der Reclam Verlag „Kind der Liebe“ erstmals auf Deutsch heraus, in der Übersetzung von Katharina Herzberger.
Miku Sophie Kühmel über die literarische Wiederentdeckung
Das Nachwort zu dieser literarischen Wiederentdeckung stammt von der Schriftstellerin Miku Sophie Kühmel. Im „lesenswert Magazin“ erzählt Kühmel von diesem britischen Sommerroman in dessen Mittelpunkt der Teenager Kit steht.
Kit ist eifersüchtig auf die Affäre der Mutter, Aias – oder auf die Mutter selbst? Kits eigensinnige Familie begleiten wir durch einen Sommer in einem fiktiven italienischen Fischerdorf.
Ein Lehrstück über nicht-binäres Erzählen und eine Sommerlektüre
Dabei wendet Duffy einen besonderen erzählerischen Kniff an – und dieser mache den Roman heute wieder besonders zeitgemäß, meint Kühmel. Weder der Hauptfigur Kit, noch Aias, gibt Duffy eine geschlechtliche Zuschreibung.
Doch „Kind der Liebe“ ist nicht nur ein Lehrstück über nicht-binäres Erzählen. Der Roman ist eine stimmungsvolle Sommerlektüre – irgendwo zwischen „Bonjour Tristesse“, „Saltburn“ und „Call Me By Your Name“.

Jun 8, 2025 • 11min
Glücksspiel mit ideologischem Impetus? Autor und Soziologe Juan S. Guse im Krypto-Kosmos
Plötzlich stinkreich sein. Das ist der Plot einiger Hollywoodfilme und Stoff für so manchen Tagtraum. Juan S. Guse hat sich für sein neues Buch mit Männern getroffen, denen das gelungen ist, denn sie machen Millionen: mit Krypto.
Was sagt der Krypto-Boom über unsere Gegenwart aus?
Was ist das für eine Welt, in der Millionen quasi aus dem Nichts entstehen – und genauso schnell wieder verschwinden? Und was macht sie mit den Menschen, die sie betreten?
In „Tausendmal so viel Geld wie jetzt“ begleitet er vier Männer in ihrem Alltag, die eine Menge Geld mit Kryptowährung gemacht haben. Im „lesenswert Magazin“ erzählt Guse, was ihn an der Welt der Kryptowährungen gereizt hat, was der Begriff „Sleeper“ meint und was der Krypto-Boom über unsere Gegenwart aussagt.
Zwischen Feldstudie, Reportage und Roman
Dabei changieren seine Beobachtungen stets zwischen Wahrheit und Fiktion. Schon in Roman „Miami Punk“ (2019) widmete er sich der digitalen Welt. Gaming spielt eine zentrale Rolle.
Juan S. Guse ist Soziologe und studierte am Literaturinstitut Hildesheim. Außerdem gewann er den Literaturwettbewerb „open mike“ und las beim Bachmannpreis 2022 in Klagenfurt.

Jun 8, 2025 • 7min
Keine Hymne auf die vielbesungene Stadt: „Auflösungen. New York“
New York als Neustart – verführerischer Gedanke. Nina Wagner, Mitte fünfzig, Lyrikerin aus Wien, hat die Gelegenheit einer Gastdozentur ergriffen, um sich für ein Semester von allem, wie sie es nennt, „abzutrennen“.
Von den traumatischen Erinnerungen an die lieblosen Eltern und die vor langer Zeit gescheiterte Ehe. Von der Tatsache, dass die erwachsene Tochter zum Vater übergelaufen ist. Von der Sehnsucht nach dem Mann, der sich nach der ersten Liebesnacht einfach nicht mehr gemeldet hat.
Von irgendwelchen Shitstorms wegen „Verteidigung der freien Rede“ über die Kriege in der Ukraine und Gaza, die ihr von, so wörtlich, „gesichtslose[n] Verleumder[n]“ den Vorwurf der „Querdenkerei“ eingebracht haben.
Die Menschlichkeit liegt gleich zu Beginn am Boden
Es ist der März 2024. Das New York, das Nina von früheren Besuchen zu kennen glaubt, gibt es so nicht mehr, das wird schon zu Beginn des neuen Romans von Marlene Streeruwitz klar. Die Warteschlange vor dem Immigration Counter am Flughafen schiebt sich an einer leblos daliegenden Frau vorbei, und keiner traut sich zu helfen, auch Nina nicht.
Sie umklammerte ihren Pass. Sie konnte nichts tun. Niemand konnte etwas tun. Niemand durfte etwas tun. Die Bürokratie musste ihren Lauf nehmen. Die Frau musste nachweisen, wirklich krank zu sein. Und jeder, der sich der Frau zubeugen wollte. Es würde eine Komplizenschaft vermutet werden und die Sache noch komplizierter machen. Ein Komplott würde vermutet werden. Alle würden zum Verhör abgeführt werden.
Quelle: Marlene Streeruwitz – Auflösungen. New York
Die Angst vor Migranten. Die Pandemiefolgen. Die Opioidkrise. Schließlich Trump ante portas. Das Buch trägt den Titel „Auflösungen. New York.“ – und genau darum geht es. Irgendwie ist alles in Auflösung begriffen, in Ninas Leben und im Leben der Stadt.
Die ersten dreißig Seiten des Romans sind nur ein Vorgeschmack: Auf dem Weg vom Flughafen setzt ihr Uber-Fahrer sie an einer falschen Adresse ab, vor einem Abbruchhaus. Am Abend ihrer Ankunft gerät sie in den Vortrag einer jungen Wissenschaftlerin, die in Tradwife-Manier nur den männlichen Vertretern der Literaturgeschichte huldigt.
Kurz drauf wird sie Zeugin, wie ein Sicherheitsmann einen wehrlosen propalästinensischen Studenten tasert. Besser wird es nicht.
Ninas desolatem Gefühlszustand, ihrem Hadern mit dem Älterwerden, mit ihren weiblichen Selbstzweifeln und ihrer ökonomisch prekären Existenz entsprechen Alkoholismus, Aids und Altersarmut im Kreis ihrer homosexuellen Künstlerfreunde und Theaterfreundinnen: der Verfall einer ehedem so lebendigen Kulturboheme, die sich ein unfassbar teuer gewordenes New York City einfach nicht mehr leisten kann.
Wo Henry James seinen ersten Roman ansiedelte
Der Roman besteht aus zwei Teilen, genannt Volume 1 und Volume 2. Sie beziehen ihre Titel von Gedichten des früh verstorbenen New Yorker Lyrikers Frank O‘Hara.
Auch ansonsten wird viel Intertextualität geboten, allen voran Bezüge auf Henry James‘ frühen Geld-oder-Liebe-Roman „Washington Square“ von 1881 – was wenig verwundert, ist die Heldin doch untergebracht in einem Hochhausapartment im Washington Square Village, just in dieser vor 150 Jahren so gutbürgerlichen Gegend.
Die O’Hara-Reminiszenzen der Titel, „Standing Still and Walking in New York“ und „Meditations in an Emergency“, setzen den Ton. Im ersten Teil ist Nina tatsächlich immerzu unterwegs, mit der U-Bahn, vor allem aber zu Fuß, in Buchhandlungen, Klamottenläden, Supermärkten, Bars und den Wohnungen der Freunde, mal flanierend, mal joggend bis zur nächsten Pause am Hudson mit Blick auf Staten Island.
Streeruwitz ruft detailliert die Szenerien im vorfrühlingshaften Manhattan auf, aber „Auflösungen. New York“ wird nicht zu einer weiteren Hymne auf die vielbesungene Stadt. Der innere Aufruhr der Protagonistin spiegelt sich in haarsträubend kaputten Straßen voller Menschen ohne Zuhause, in überall weggeworfenen Fast-Food-Containern und aufgeplatzten Müllsäcken.
Nina deutet den Niedergang als Folge einer Weltordnung, in der Männer, ob Präsidentschaftskandidat mit einer Bestechungsklage am Hals oder trunksüchtiger Ex-Mann, immer jemand anderen wissen, der die Schuld hat am eigenen Versagen und Fehlverhalten:
Alltägliche Verschwörungstheorie war das gewesen. Mittlerweile war das die politische Kraft des Internets und nicht anders als jeder andere feudale Entwurf. Immer ein verstörtes männliches Ego im Mittelpunkt.
Quelle: Marlene Streeruwitz – Auflösungen. New York
Unzweifelhaft liegt eine gewisse Ironie darin, dass im Mittelpunkt des Romans ein verstörtes weibliches Ego steht, das ebenfalls eine ganze Reihe von Verantwortlichen für sein eigenes Unglück zu benennen weiß. Zweifelhaft ist jedoch, ob die Autorin, die in ihren Texten seit eh und je durchaus Sinn für Komik zeigt, ausgerechnet diese Ironie beabsichtigt hat.
Plötzlich selbst ohne Geld und ohne Papiere
Jedenfalls lösen sich die vielerlei dunklen Vorausdeutungen aus der ersten Hälfte des Buchs im zweiten Teil aufs Heftigste ein. Nun konzentriert sich die Handlung auf einen einzigen, höllisch heißen Tag.
Nina findet sich mit blutender Platzwunde am Hinterkopf, beraubt und ohne Papiere, in den Fängen eines feindseligen Medizinsystems wieder, wird des Drogenmissbrauchs verdächtigt, entkommt abenteuerlich, sieht sich am Internetpranger und fürchtet um ihren Aufenthaltsstatus.
Die Beklemmung wächst – bis sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst: in einer großen deutsch-amerikanischen Szene mit Ninas hochbetagtem Nachbarinnenpaar.
Sie nahm das Glas. Sie konnte nicht antworten. War überwältigt. Alles anders, als gedacht. […] ,Now Nina. How are your affairs coming along?’ […] Norma schaute sie freundlich verlegen an. ,We are helplessly romantic. You know. We cannot think of other motives than love affairs.‘ And in the end. We are right. Usually. You know.‘ […] Konnte das sein? War sie in die Mitte einer Fernsehserie geraten?
Quelle: Marlene Streeruwitz – Auflösungen. New York
Das ist genau die Frage, die sich der Leserin aufdrängt. Ist die Wendung hin zu Friede, Freude, Eierkuchen, schwarze Schlusspointe eingeschlossen, nicht arg willkürlich? Soll diese freundliche kleine Insel gegenseitiger Fürsorge tatsächlich die Schrecknisse im Kosmos des Öffentlichen aufwiegen?
Marlene Streeruwitz‘ Roman, der so vieles behauptet, gibt darauf keine überzeugende Antwort.

Jun 8, 2025 • 2min
Christina Hesselholdt – Venezianisches Idyll
Was passiert, wenn eine dänische Autorin Thomas Manns „Tod in Venedig“ durch den Meta-Fleischwolf dreht, die Erzählung in der Gegenwart verankert und eine Portion nordischer Ironie dazu gibt? Christina Hesselholdts „Venezianisches Idyll“ wagt genau dieses Experiment.
Aus Gustav Aschenbach wird Gustava, eine erschöpfte Psychiaterin Mitte fünfzig. Sie will im norwegischen Tromsø ihrem Leben ein Ende setzen. Nach einem Zusammenbruch (bei dem ein ausgestopfter Eisbär eine Rolle spielt), entscheidet sie sich für das Leben.
Statt Tod folgt – Venedig. Dort sucht sie Erholung, Abstand, vielleicht sogar einen Neuanfang. Ihr Bruder Mikael, ein exzentrischer Einzelgänger, findet ihren Abschiedsbrief und reist ihr hinterher.
Hesselholdt baut ihre Geschichte als Mosaik: wechselnde Perspektiven, eine unzuverlässige Erzählstimme, und immer wieder Referenzen – an Thomas Mann, an Casanova, Visconti, Nietzsche.
Was tragisch beginnt wird zu einer scharfsinnigen Komödie. „Venezianisches Idyll“ ist keine Nacherzählung, sondern eine Umdeutung und eine Hommage – glänzend übersetzt von Ursel Allenstein.
„Über Venedig zu schreiben, ist so, als würde man ein Glas Wasser ins Meer kippen", sagt der Erzähler in Hesselholdts Roman an einer Stelle. Dieser Roman behandelt weder Venedig noch Thomas Mann museal, sondern fährt seinen Vorbildern liebevoll in die Parade – mit Witz, Tiefe und einem klaren Blick auf das moderne Scheitern. Ein Abgesang auf das Überleben.

Jun 8, 2025 • 2min
Inger-Maria Mahlke – Unsereins
Ich erinnere mich noch an ein paar sehr schöne Tage, als ich die Buddenbrooks las.
Es war eskapistische Lektüre, es ging um den Abstieg einer reichen Familie in einer fernen Zeit in Norddeutschland – Thomas Mann mit seinem Bessere Leute-Setting hat eine Familiengeschichte geschrieben, aus der ich mitnahm, dass es auch reiche Menschen nicht leicht haben.
Heute könnte das nicht mal Martin Mosebach noch so sozial blind erzählen. Und jetzt kam im vergangenen Jahr Inger-Maria Mahlke, „Unsereins“ – schon vom Titel ist das zugewandter.
Mahlke erzählt die Welt, in der die Buddenbrooks leben aus der Perspektive derer, die nicht die Buddenbrooks sind, aus der Sicht des Ratsdieners, der einmal im Monat zur Prostituierten geht, des Dienstmädchens, das langsam begreift wie sozial abgehängt sie ist und aus der Sicht der Lindhorsts, in vielem ganz ähnlich zu den Buddenbrooks, aber jüdisch.
Sie halten sich für assimiliert, bis ein Schlüsselroman, eben die Buddenbrooks ihnen vor Augen hält, dass sie nie dazugehört haben. „Unsereins“ kann man auch dann gut lesen, wenn man von den Buddenbrooks nur noch den fernen Schatten der jugendlichen Lektüre oder der Filme vor Augen hat.
Thomas Mann könnte heute aus dem Roman von Mahlke mitnehmen, dass die Verfallsgeschichte der Buddenbrooks in Wirklichkeit auch der zaghafte (und dann vom Faschismus brutal unterbrochene) Beginn des bürgerlich-liberalen Zeitalters war.

Jun 8, 2025 • 2min
Thomas Mann – Der Zauberberg als Hörbuchfassung
Was könnte man alles in 38 Stunden und 36 Minuten tun?
Zum Beispiel zweimal mit dem Auto von Hamburg nach Davos und wieder zurück fahren. Oder mit dem Flugzeug nach Neuseeland fliegen. Oder einen Monat lang das Geschirr täglich mit der Hand spülen und dazu Thomas Sarbachers „Zauberberg“-Lesung anhören. Wir kennen den „Zauberberg“ in der umscheichelnden Sprechstimme des großen Mann-Interpreten Gert Westphal.
Thomas Sarbacher aber hat Thomas Manns Roman nun erstmals ungekürzt eingesprochen. 38 Stunden, 36 Minuten, 20 Stunden länger als die Westphal-Lesung. Und das klingt so:
Einer Stimme über einen langen Zeitraum zuzuhören, ist auch Gewöhnungssache. Einen Versuch wäre es zumindest wert.

Jun 8, 2025 • 1min
Thomas Mann als Playmobil-Figur
Und wer jetzt wirklich keine Lust mehr hat Thomas Mann zu lesen, für den kam jetzt gerade eine Playmobil-Figur heraus vom Thomas Mann, zusammen mit dem S. Fischer Verlag und dem Buddenbrooks Haus in Lübeck.
Ich schaue mir das mal an und schüttele sie heraus.
Man hat vier Teile, hat einmal ein Männchen mit einem ockerfarbenem Anzug mit einem Hut, den ich hier jetzt mal aufsetze. Und er hat noch einen Gehstock, naja auch interessant!
Und da gibt es noch hat ein Buch was er in der Hand hält, das sind die Buddenbrooks.
Ich muss zugeben, mit dem Gehstock sieht er etwas alt aus. Aber in Wirklichkeit war er zum Erscheinen der Buddenbrooks Bücher 25 Jahre alt. In 1929 hat er dann auch den Literatur Nobelpreis dafür bekommen.
Das Ganze ist erlaubt für Kinder ab 4 Jahren. Ich weiß nicht, ob die schon Thomas Mann lesen wollen, aber wenn Eltern die Kinder früh zu Thomas Mann bringen wollen, dann schenkt ihnen die Figur. Dann werden sie vielleicht mal später Zauberberg von Thomas Mann lesen!


