SWR Kultur lesenswert - Literatur

SWR
undefined
Jun 17, 2025 • 4min

Konrad Paul Liessmann – Der Plattenspieler

Es ist geradezu eine Offenbarung: Thomas Manns hypochondrischer Held Hans Castorp verbringt schon ein paar Jahre auf dem „Zauberberg“, da wird den Gästen des Sanatoriums ein neuer Apparat zur Unterhaltung präsentiert. Dabei handelt es sich um ein modernes Tischgrammophon, ja, mehr sogar, wie Hofrat Behrens ausführt –  … das ist ein Instrument, das ist eine Stradivarius, eine Guarneri, da herrschen Resonanz- und Schwingungsverhältnisse vom ausgepichtesten Raffinemang! Quelle: Konrad Paul Liessmann – Der Plattenspieler Hans Castorp ist fasziniert von diesem Wunderwerk der Technik, und er wird zum DJ, hört sich durch die Schellack-Bibliothek des Hauses, ist der Hüter eines Plattenschatzes. Bald beherrscht er das „Instrument“ mit…  …geübten, knappen und zarten Bewegungen. Quelle: Konrad Paul Liessmann – Der Plattenspieler Instrument, das alle anderen Instrumente in sich birgt  Diese weltliterarische Episode steht an zentraler Stelle im jüngsten Essay des Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann. „Der Plattenspieler“ ist das schmale Liebhaberwerk überschrieben, und es greift eine wesentliche Erkenntnis aus Thomas Manns „Zauberberg“ auf: Der Plattenspieler ist nicht einfach nur ein technisches Gerät, sondern ein Instrument, das alle anderen Instrumente in sich birgt.  Konrad Paul Liessmann ist ein leidenschaftlicher Musikhörer und Plattensammler. Das erste Gerät brachte der Vater mit nach Hause – es musste aufwändig an das Röhrenradio angeschlossen werden, das Abspielen von Musik wurde regelrecht zelebriert. Die Faszinationskraft hat sich bis heute gehalten. Liessmann lässt uns daran teilhaben und zeichnet nebenbei die Entwicklungsgeschichte des Plattenspielers nach – vom „Phonautographen“ des Erfinders Édouard-Léon Scott de Martinville über Thomas Alva Edisons „Phonographen“ und Emil Berliners „Grammophon“ bis zum High-End-Gerät unserer Gegenwart. Und er stellt ausgewählte theoretische Überlegungen vor, die diese Entstehungsschritte begleitet haben. So stand Theodor W. Adorno dem Grammophon zunächst skeptisch gegenüber, sah es als Symptom einer allgemeineren Tendenz zur „Verdinglichung“ – schließlich musste niemand mehr ein Instrument beherrschen, um sich Musik ins Haus zu holen. Mit Entstehung der LP – also der Möglichkeit, längere Stücke auf Platte zu bannen – wurde auch Adorno gnädiger. Und es eröffneten sich neue technische und inhaltliche Dimensionen.  Für einige Jahrzehnte konnte es so scheinen, als verdichteten sich in der Schallplattentechnologie die sinnlichen Ambitionen und ästhetischen Möglichkeiten unserer Kultur. Quelle: Konrad Paul Liessmann – Der Plattenspieler Wahrnehmung von Musik verändert  Die Schallplatte hat unsere Wahrnehmung von Musik verändert, die Möglichkeit wiederholten Hörens in das Wechselspiel von Erinnerung und Erwartung eingegriffen, schreibt Liessmann. Bei dem Philosophen Günther Anders hat er eine Beobachtung gefunden, die dieses neue Verhältnis klarsichtig beschreibt:  Dass das Publikum immer wieder dasselbe zu hören verlangt, ist nicht, wie es Usus ist, allein dadurch erklärt, dass man Vertrautes liebt, sondern auch dadurch, dass man, Vertrautes hörend, die Chance genießt, vorauszusehen. Die Reproduktionstechnik verwandelt uns in, freilich sehr trivialisierte, Propheten. Quelle: Konrad Paul Liessmann – Der Plattenspieler Die jüngste Vinyl-Renaissance könnte man als Nostalgie abtun. Aber die Abwendung vom Digitalen hin zum Analogen, das eine andere Aufmerksamkeit und Kontemplation erfordert und tiefere ästhetische Erfahrungen ermöglicht, ist vielleicht auch eine Art Widerstand gegen das Flüchtige.   Dinglichkeit als greifbarer Erinnerungsschatz  Wer digitalisierte Musik hört, rechne; wer eine Schallplatte auflegt, philosophiere, so Liessmann. Und tatsächlich besteht darin wohl heute der Reiz der Schallplatte: Sie lässt sich nicht nebenbei hören; man muss sich darauf einlassen und Geduld mitbringen, behutsam mit ihr umgehen, sie auflegen, umdrehen, hegen und pflegen. Der Plattenspieler selbst braucht ebenfalls ein gewisses Maß an Zuwendung und Detailliebe – er muss richtig positioniert, der Tonarm eingestellt, die Nadel sorgsam behandelt werden, und für einen guten Klang braucht es einen angemessenen Verstärker.   Benutzen wir einen Plattenspieler, sind wir für den guten Ton zumindest zu einem Teil selbst verantwortlich. Quelle: Konrad Paul Liessmann – Der Plattenspieler Nichts ist so leicht verfügbar wie gestreamte Musik. Nichts aber wirkt in seiner sofortigen Verfügbarkeit und Immaterialität auch so beliebig und banal. Die Schallplatte bewahrt Spuren und Bilder. Ihre Dinglichkeit wird in einer virtuellen Welt zu einem greifbaren Erinnerungsschatz.
undefined
Jun 16, 2025 • 4min

Herta Lueger, Patricia Lueger – Bardame gesucht. Zimmer vorhanden

Anfang der Neunzigerjahre stand Herta Lueger in München vor Gericht, wegen Zuhälterei. Damals war Sexarbeit in Deutschland noch verboten, offiziell war Bayerns Landeshauptstadt ein einziger Sperrbezirk. Doch die Münchner Sexclub-Betreiberin und Stardomina hatte Glück. Unter der Auflage, aus dem Geschäft auszusteigen, kam sie mit 15 Monaten Bewährung davon. Und hatte so die Gelegenheit, sich noch einmal neu zu erfinden: mit einem Friseursalon für Münchens High Society und als Visagistin von Stars wie Hildegard Knef. Dass sie zuvor 20 Jahre lang führend in der Szene gewesen war, war dem Richter offenbar nicht bekannt gewesen – er hätte es der damaligen Mittvierzigerin wohl auch nicht zugetraut. Schließlich rätselte er noch bei der Urteilsverkündung, wie eine wie sie denn nur ins Milieu gekommen sei. Es müsse ihr doch schwergefallen sein?  Das gängige Vorurteil besagt, dass die meisten Frauen in diesem Geschäft schwache Menschen sein müssen. Doch ich habe mich nie als Opfer empfunden. Ich dachte eher, wenn die anderen das können, kann ich es auch. Quelle: Herta Lueger, Patricia Lueger – Bardame gesucht. Zimmer vorhanden Besonderer Fall weiblicher Selbstermächtigung  „Bardame gesucht, Zimmer vorhanden“: Unter diesem Titel hat Herta Lueger nun ihre Autobiografie vorgelegt. Geschrieben hat sie sie mithilfe ihrer Tochter, der Schauspielerin Patricia Lueger. Erschienen ist das 250-Seiten-Werk im renommierten Verlag Matthes und Seitz, und das durchaus zurecht: Schließlich geht es hier um einen faszinierenden Einblick in ein Stück deutscher Sitten- und Milieugeschichte. Und zugleich um einen besonderen Fall weiblicher Selbstermächtigung.   Erstaunlich ist Herta Luegers Lebensweg auch mit Blick auf ihre Herkunft: Geboren 1947 im österreichischen Burgenland, sei für sie als Frau ein ganz anderes Leben vorgesehen gewesen, erinnert sich die heute 78-Jährige: Schuften auf dem Rübenacker, früh heiraten und Kinder kriegen. So kam es denn zunächst auch, nur dass sie anstelle des Ackers den Friseursalon wählte. Doch nach ihrer Scheidung von ihrem ersten Mann, einem Alkoholiker, versuchte sie 1972 ihr Glück in München, wo sie aus Zufall einen Job als Bardame fand. Um als damals noch naive junge Frau vom Land aus dem Staunen nicht mehr herauszukommen. Das Geschäft als Domina lernte Herta Lueger über eine Freundin kennen und fand rasch Gefallen daran: nicht nur, weil hier Berühren verboten war. Sondern auch, weil sie mit ihrer Peitsche ein Ventil für ihren Frust über die patriarchalen Verhältnisse fand.   Im richtigen Leben empfand ich mich als liebevolle Ehefrau und Mutter, im Studio war ich wie ausgewechselt. Aus meiner Zeit im Burgenland hatte ich noch eine Menge Wut auf manche Männer, und die ließ ich im Studio raus. Quelle: Herta Lueger, Patricia Lueger – Bardame gesucht. Zimmer vorhanden Augenarzt spielte Zofe  Zu ihren Gästen zählten Banker, Landwirte, Anwälte und erstaunlich viele Ärzte. Wie jener Augenarzt, der sich immer als Zofe verkleiden wollte. In ihrem eigenen Club herrschte, wie überall im Milieu, die Kunst der Illusion: Freiern wurde Sex vorgegaukelt, der real gar nicht stattfand; eine „heiße Spanierin“ stammte in Wahrheit aus Niederbayern, und auch im SM-Studio musste die Inszenierung perfekt sein. Und zwar bis zuletzt. Einmal habe sie einem älteren Gast beim Abschied in den Mantel geholfen: ein fataler Fehltritt einer „Herrin“ gegenüber ihrem „Sklaven“, so Lueger.  Ihre Autobiografie ist eingängig geschrieben, unterhaltsam zu lesen und randvoll mit komischen Anekdoten. Doch bleibt einem das Lachen mehr als einmal im Halse stecken. Denn auch wenn man über die Schattenseiten des Milieus gern noch mehr erfahren hätte, verschwiegen werden sie nicht, im Gegenteil: Gleich das erste Kapitel erinnert an eine junge Prostituierte, die ermordet wurde. Sie selbst sei immer „wie auf Wolken über allen Gefahren geschwebt“, erinnert sich Herta Lueger. Wie viel Glück sie zeitlebens hatte, ist der heute 78-Jährigen also wohl bewusst.
undefined
Jun 15, 2025 • 7min

Barbara Kingsolver – Die Unbehausten

Ein marodes Haus – eine zerbrechende Welt Unter jedem Dach ein Ach. Ja, im Haus der Familie von Willa Knox stapeln sich die Sorgen. Sie hat ihren Job als Journalistin verloren, ihr Mann Ianos hangelt sich als Dozent von Uni zu Uni, Opa Nick ist todkrank und ohne Krankenversicherung, Tochter Tig steht mit einem gebrochenen Herzen wieder vor der Tür und Sohn Zeke ist völlig verzweifelt. Seine Frau hat sich gerade, kurz nach der Geburt ihres gemeinsamen Kindes, das Leben genommen. – Ein schlecht bezahlter Brötchenverdiener und fünf, die von ihm abhängig sind, und das auch noch in einem maroden Haus, das über ihnen einzustürzen droht. Wie konnte es sein, dass zwei hart arbeitende Menschen, die im Leben alles richtig gemacht hatten, in ihren Fünfzigern praktisch mittellos dastanden? […] ‚Wir haben verloren, wofür wir gearbeitet haben, und ich fühle mich betrogen. Manchmal bin ich so wütend, dass ich aus der Haut fahren könnte. Ist es nicht einfach menschlich, immer etwas zu wollen?’ Quelle: Barbara Kingsolver – Die Unbehausten 150 Jahre zuvor, 1874, stürzt im gleichen Haus der Naturkundelehrer Thatcher Greenwood ins Bodenlose. Hier in Vineland, New Jersey, gerät er mit dem Gründer des Örtchens, Charles Landis, aneinander, einer christlichen Freidenker-Kolonie, weil er der neuen Evolutionstheorie von Charles Darwin anhängt. Thatcher soll zum Schweigen gebracht werden. Zwei Zeiten, ein Schicksal – und ein literarisches Wagnis Zwei Zeitebenen: Ein Mensch sagt die Wahrheit und wird dafür geschmäht, auf der einen Seite und zwei Menschen, die ihr Leben lang arbeiten und trotzdem in eine existenzielle Krise geraten auf der anderen. Eine Frage: Was passiert, wenn sich alle Gewissheiten auflösen, alles, woran man immer geglaubt hat, auf einmal anders ist? Davon erzählt Barbara Kingsolver in ihrem Roman „Die Unbehausten“. Kingsolver erzählt: „Ich habe mich für den Paradigmenwechsel interessiert, wenn die alten Regeln, mit denen wir unsere Lebensprobleme gelöst haben, ausgehebelt werden. Wenn sich die Welt so drastisch zu verändern scheint, dass die Menschen ihre gesamte Denkweise ändern müssen, um die Probleme zu begreifen.“ Und um begreifbar zu machen, dass die Welt immer wieder in existenzielle Umbrüche gerät, verwebt Kingsolver die zwei Zeitebenen miteinander. Die Verbindung ist das baufällige Haus, in dem ihre Protagonisten leben. Ein Scharnier und eindrückliche Metapher für eine Welt, die über ihren Köpfen zusammenzubrechen droht. Mit dieser Konstruktion geht Kingsolver ein erzählerisches Risiko ein, immerhin liegen die Ebenen 150 Jahre auseinander. Doch sie beweist sich als geniale literarische Architektin. Der letzte Satz eines Kapitels ist die Überschrift des nächsten. Es entsteht eine Spiegelung, die einen Reflexionsraum eröffnet: Unser Körper, das soziale Gefüge, die Erde selbst, im Grunde wie wir die Welt wahrnehmen, verändert sich ständig. „Ich denke, dass sich die Menschen unter bestimmten Umständen immer auf bestimmte Weise verhalten, egal wo wir uns in der Geschichte befinden,“ meint die Autorin. „Und da ich als Biologin ausgebildet wurde, schien es mir angemessen, auf Darwin zurückzukommen. Wir können uns heute nur schwer vorstellen, wie verwirrend es für Menschen gewesen sein muss, die immer geglaubt haben, dass Gott die Welt so geschaffen hat, wie sie ist und dass er den Menschen an die Spitze der Schöpfung gestellt hat, dass wir der Boss sind.“ Evolution, Erschütterung und Erkenntnis Darwin hat die Welt mit seiner Evolutionstheorie auf den Kopf gestellt. Heute ist diese Erkenntnis selbstverständlich. Seit Anbeginn der Geschichte hatte sich wohl jeder Mensch ans Kopfende der Tafel gesetzt. Wenn nun die Tafel umgeworfen wurde, wenn Geschirr und Besteck klirrend zu Boden fielen und der Mensch seinen Platz verlor, war das, als würde der Himmel einstürzen. Thatcher hatte Darwin und seine Lehre noch nie in diesem bedrohlichen Licht betrachtet. […] ‚Lehren Sie sie, die Beweise selbst zu sehen und sich nicht davor zu fürchten. Im hellen Licht des Tages zu stehen, wie Sie mal gesagt haben. Unbehaust.’ Quelle: Barbara Kingsolver – Die Unbehausten Heute muss der Mensch durch den Klimawandel und die Einsicht, dass die Ressourcen der Erde endlich sind, die Welt anders begreifen lernen. Was bedeutet: massive Einschränkungen im Konsumverhalten und folglich Raum für Demagogen, die einem versprechen, die alte Ordnung wiederherzustellen. So lässt Kingsolver auf der Gegenwartsebene einen Präsidentschaftskandidaten auftreten, der Donald Trump zum Verwechseln ähnlich sieht. „Die Unbehausten“ ist eine Reaktion auf Trumps erste Wahl. Nun, nach der Corona-Pandemie, nachdem Russland seinen Angriffskrieg gestartet und Trump seine zweite Amtszeit angetreten hat, ist das Buch immer noch hochaktuell. Hat Barbara Kingsolver nicht das Gefühl: Es wird alles immer schlimmer? „Ich glaube, dass es erst schlimmer werden muss, bevor es besser wird, das denke ich immer wieder über mein Land. Denn wenn die Menschen in Bedrängnis sind, und das thematisiert der Roman, wollen sie sich nicht wirklich verändern, sie machen sich keine Gedanken über die Zukunft. Dabei ist es doch so, dass die Menschen, gerade wenn sie in einer Krise stecken, wenn sie ihren Schutz verlieren, im wahrsten Sinne des Wortes oder psychologisch, dass sie dann lernen, kreativer zu denken und beginnen Gemeinschaften zu bilden.“ Unbehaust - unsheltered – ohne Schutz: so fühlen sich die Figuren dieses Romans. Und jede findet einen Weg mit der Unsicherheit umzugehen. Das macht dieses Buch auch so spannend zu lesen. Für den Lehrer Thatcher bedeutet unbehaust zu sein auch Aufbruch, in dem er es wagt, Darwins Theorien zu folgen. Ursprünglich sollte Darwin auch als Figur vorkommen, erzählt Kingsolver. Doch weil der Roman nur in Amerika spielen sollte, sucht sie nach einer anderen Figur – und findet Darwins reale Kollegin Mary Treat, die mit ihm korrespondierte. Im Buch Thatchers Nachbarin. Sie forscht in ihrem Haus an Spinnen und Venusfliegenfallen. Thatcher ist fasziniert. „Sie war eine goldene Entdeckung. Ich war so glücklich," erzählt Kingsolver. „Ich stieß auf ein Dokument, in dem sie erwähnt wird und fand dieses Archiv mit all ihren Unterlagen in einem kleinen historischen Museum in Vineland, New Jersey. Als ich dort anrief, sagte die Kuratorin: Ich habe auf Ihren Anruf gewartet.“ Hoffnung in Zeiten der Unsicherheit Auf der Gegenwartsebene gräbt Familienoberhaupt Willa Thatchers Geschichte aus, der in ihrem maroden Haus gelebt haben soll. Vielleicht wäre es zu retten, wenn es als historisch bedeutsames Nationaldenkmal eingestuft werden könnte? Und so stoßen die Geschichten im Laufe aneinander. Barbara Kingsolver verhandelt in ihrem großen, abwechslungsreichen und durch viele Dialoge ungemein lebendigen Roman die universalen Fragen im menschlichen Zusammenleben. Daran erinnert sie an den sozialkritischen Literaturnobelpreisträger John Steinbeck. Und auch wenn sie keine Antworten liefert und ihre Protagonisten kämpfen müssen, steckt in „Die Unbehausten“ ein hoffnungsvoller, teilweise sogar humorvoller Ton. Das macht dieses Buch zu einer der erhellendsten und unterhaltsamsten Lektüren dieser Saison.
undefined
Jun 15, 2025 • 5min

Friederike Oertel – Urlaub vom Patriarchat. Wie ich auszog, das Frausein zu verstehen

[…] ‚Ein Matri-, was soll das sein?“ hakt sie nach und sieht mich fragend an. ‚Ein Matriarchat‘, sage ich. Sie runzelt die Stirn und überlegt kurz. Dann zieht sie die Schultern hoch. ‚Tut mir leid, ich weiß nicht, was das sein soll‘. Quelle: Friederike Oertel – Urlaub vom Patriarchat Zwischen Mythos und Realität: Das vermeintliche Matriarchat von Juchitán Die Reaktion der jungen Verkäuferin aus Juchitán irritiert die deutsche Journalistin Friederike Oertel. Denn angeblich ist die 100.000-Einwohner-Stadt im Süden Mexikos eines der letzten Matriarchate. Genau deshalb ist Oertel hierhergekommen: Sie will wissen, wie ein Leben jenseits patriarchaler Strukturen aussehen kann und den Alltag in Juchitán erleben. Sie wohnt dort bei einer Gastfamilie und spricht mit Männern, Frauen und „Muxe“: Muxe, das sind Angehörige des dritten Geschlechts, seit jeher fester Bestandteil der indigenen Gesellschaft Juchitáns. Vor Diskriminierung sind Muxe trotzdem nicht geschützt, und auch sonst ist nicht alles rosig im Matriarchat: [Es] wäre zynisch zu behaupten, in Juchitán würden Frauen den öffentlichen Raum dominieren. Nachts allein unterwegs zu sein, kann für Frauen lebensgefährlich sein. Kommunale Institutionen wie das Rathaus werden von Männern beherrscht, und die ersten Wochen in Juchitán haben mir gezeigt: Haushalt ist Frauensache. Quelle: Friederike Oertel – Urlaub vom Patriarchat Juchitán ist also weder ein ‚queeres Paradies‘ noch eine ‚Femitopia‘. Aber: Tatsächlich gibt es mehr öffentliche Bereiche, die weiblich dominiert sind, als zum Beispiel in Deutschland. In Juchitán bestimmen Frauen den regionalen Handel und die Finanzgeschäfte. So hat Oertel auf dem Markt erstmals das Gefühl, am richtigen Ort für ihre Recherchen angekommen zu sein: Je näher wir dem Markt kommen, desto dichter werden Menschenmenge und Geräuschpegel. Frauen auf Lastenrädern fahren an uns vorbei in Richtung Zentrum, andere kehren mit Einkaufstaschen voller Eier, Avocados und Wurst zurück. […] Es sind fast nur Frauen unterwegs […] Das muss er sein, denke ich, der Ort, an dem die Frauen das Sagen haben. Quelle: Friederike Oertel – Urlaub vom Patriarchat Märkte, Feste und die Bühne der Frauen Ein wichtiger Faktor für die Wirtschaft in Juchitán sind auch die täglichen Feste. Organisiert werden sie von ausschließlich weiblich besetzten Komitees: Hier also gehört den Frauen die Bühne. Auf der Tanzfläche raffen Frauen und Muxe ihre Röcke und beginnen eine Art langsamen Walzer zu tanzen, aufrecht und mit ernster Miene drehen sie sich im Kreis und umeinander. Mit jeder Minute, die vergeht, wird der Rhythmus der Musik schneller. […] Quelle: Friederike Oertel – Urlaub vom Patriarchat ‘Das hier ist unser Auftritt‘, sagt die Frau. Ich streiche über den samtenen Stoff meiner enagua. […] In einem Rock kann man tanzen, Berge besteigen, rennen. […] Der Wickelrock macht jede Gewichtsschwankung mit, er will weder Körperform noch Körpermaße bestimmen. Ich finde, das passt zu diesem Ort, an dem Körperfülle ein Statussymbol ist, ein Zeichen von Wohlstand. […] [Die Philosophin] Stefanie Graul sieht in ‚der machtvollen Besetzung des realen Körperraumes‘ auch eine Form von Empowerment. Quelle: Friederike Oertel – Urlaub vom Patriarchat Geschickt verknüpft Oertel ihren Reisebericht mit theoretischen Hintergründen und allgemeinen Erkenntnissen zum Thema Frausein. Auch auf ihre eigene Biografie nimmt die Autorin Bezug. Seit ich denken kann, habe ich versucht, in der Öffentlichkeit möglichst wenig Raum einzunehmen. […] Ich habe meinen Körper geschrumpft, wie so viele Frauen, die ich kenne. Es waren die frühen Nullerjahre und ich ein Teenager auf der Suche nach mir selbst. Ich wollte schön sein und in dieser Welt bedeutete das vor allem: dünn sein. Quelle: Friederike Oertel – Urlaub vom Patriarchat Erstaunlich offen erzählt Friederike Oertel von ihrer überwundenen Essstörung, von kritischen Momenten in Partnerschaften und Familiendiskussionen. Doch es handelt sich nicht um ihre persönliche Vergangenheitsbewältigung: Die intimen Einblicke zeigen, wie sehr sich Geschlechterrollenbilder auf das Leben eines einzelnen Menschen auswirken können. Oertel verbindet ihren Praxisbericht mit historischen Rückblenden, ordnet wissenschaftliche Erkenntnisse kritisch ein und vergleicht auffallend wertfrei Kulturen aus aller Welt. So spannend die Einblicke in vergangene Epochen und fremde Kulturen sind, so überflüssig scheinen die Passagen zu den gesellschaftlichen Diskussionen in Deutschland, etwa über die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit. Denn hier arbeitet sich die Autorin an altbekannten Statistiken und Argumenten ab. „Urlaub vom Patriarchat“ ist keine seichte Urlaubslektüre, sondern eine inspirierende Einladung, die eigenen Vorstellungen von Geschlecht, Macht und Zusammenleben zu überdenken. Friederike Oertel gelingt es, die Lesenden für die Vielschichtigkeit sozialer Ordnungen zu sensibilisieren. Sie widerlegt romantisierende Vorstellungen und zeigt, wie komplex die Realität jenseits einfacher Zuschreibungen ist.
undefined
Jun 15, 2025 • 7min

Linn Ullmann – Mädchen, 1983

Januar 1983, das Mädchen ist sechzehn. Eigentlich ist es auf dem Sprung zur jungen Frau, hat schon einiges erlebt, Alkohol, Lügen, Sex, Sich-Ausprobieren. Sie lebt in New York mit ihrer Mutter, einer berühmten norwegischen Schauspielerin. Ein angesagter Modefotograf, genannt A, hat sie nach Paris eingeladen, will sie für die „Vogue“ fotografieren. Ich bin sechzehn Jahre alt und lege meine verschränkten Arme auf den hohen Tisch vor mir, lasse die Wange auf einem Arm ruhen und schaue in die Kamera. Auf dem Foto, das es nicht mehr gibt und an das sich außer mir wohl niemand erinnert, sieht man ein wenig von meinen nackten Schultern. Ich glaube, der Sinn des Fotos ist, Nacktheit anzudeuten, und dass alles, was eine junge Frau tragen muss, wenn sie in die Welt hinauswill, ein Paar lange Ohrringe ist. Quelle: Linn Ullmann – Mädchen, 1983 Die Mutter des Mädchens hat das anders gesehen. Gegen deren Willen ist die Sechzehnjährige nach Paris gereist. Prompt erlebt sie einen verstörenden ersten Abend in den Kreisen der eifrig koksenden Mode-Boheme, und prompt steht sie mitten in der Nacht in blauem Wollmantel, roter Mütze und geliehenem kurzen Kleidchen frierend auf der Straße, weiß ihr Hotel nicht mehr, landet schließlich bei A. Und in seinem Bett. A ist vierundvierzig. Alles andere als eine einfache Geschichte Eine simple Story? Nicht bei Linn Ullmann. In allen Romanen der norwegischen Autorin spielen Verschweigen, Vergessen und Erinnerung eine zentrale Rolle, die Dynamiken, denen sie unterworfen sind und die von ihnen ausgelöst werden. So ist es auch in ihrem neuen Buch, „Mädchen, 1983“, ihrem zweiten offen autofiktionalen Roman nach dem Vorgänger „Die Unruhigen“. Ullmann geht es dieses Mal nicht um den Vater, den epochalen Filmemacher Ingmar Bergman, und sein Abgleiten ins Vergessen, sondern um die eigenen weißen Flecken. Um das eigene Sich-nicht-mehr-Erinnern. Das macht die Sache offenkundig schwer. „Wann immer ich begonnen habe, an einem neuen Buch zu arbeiten, habe ich jedes Mal gedacht, dass es von der Fotografie handeln soll, die A im Januar 1983 von mir machte, ich habe über die Zeit schreiben wollen, bevor sie gemacht wurde, die Tage in Paris, und die Zeit danach, aber dann schrieb ich mich stattdessen in andere Geschichten hinein. Mir wird schlecht davon, an die Geschichte des Bildes zu denken, es ist eine Scheißgeschichte, die ich eintausend und einmal aus eintausend und eins Gründen verworfen habe.“ Quelle: Linn Ullmann – Mädchen, 1983 Ullmann beginnt das Buch denn auch über einen Umweg, der vielleicht gar keiner ist: mit einer unsichtbaren „Schattenschwester“, einer Fantasie, die sie als Kind begleitete, die für viele Jahre verschwand und irgendwann plötzlich wieder aufgetaucht ist. Es läge nahe, dieses ungreifbare Wesen als Ausdruck eines traumatischen Übergriffs zu deuten und die schwere Depression der längst erwachsenen Erzählerin als Folge dieses Traumas. Aber das wäre zu kurz gegriffen. Schmierige Typen, blutjunge Models Obwohl Linn Ullmann ganz nüchtern Szenen schildert, in denen schmierige Typen blutjunge Models begutachten und begrabschen, vermeidet sie es, die Thematik auf einfache Begriffe wie ‚Hashtag MeToo‘ zu bringen. Vielmehr versucht sie, dem Mädchen, das sie war, auf die Spur zu kommen: dessen Erfahrung, plötzlich anders angeschaut zu werden, dessen Wunsch, begehrenswert zu erscheinen, dessen Blick auf den im Schlaf erschlafften Körper des älteren Mannes – einen Blick der Selbstermächtigung. Dieser Ambivalenz entsprechend, nähert sich die Erzählerin den Geschehnissen des Winters 1983 auf Umwegen: über Spaziergänge mit der eigenen Tochter im Osloer Torshovpark, Telefonate mit der unterdessen hochbetagten Mutter in Massachusetts, Fotofunde in deren Sommerhaus am Meer, über die von Corona-Einsamkeit und Maskentragen geprägte Gegenwart des im Original 2021 erschienenen Buchs. Über die leitmotivischen Farben blau, rot und weiß, nach denen seine drei Teile benannt sind. Und über die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben, die Paradoxie des Erzählens von etwas, das vergessen ist. Jemand sagt, es sei Unsinn, mein voriges Buch einen Roman zu nennen, wenn er auf wirklichen Ereignissen basiere. Ich weiß nicht. Als ich ihn schrieb, beschäftigte mich am meisten, in welcher Reihenfolge ich die Ereignisse anordnen sollte, sowohl diejenigen, an die ich mich erinnerte, als auch jene, die ich vergessen hatte und mir deshalb vorstellen musste. Es ist die Reihenfolge, die mich auch jetzt beschäftigt. Quelle: Linn Ullmann – Mädchen, 1983  „Mädchen, 1983“ erzählt die wesentlichen Augenblicke von damals in immer neuen Variationen der Blickrichtung, der Einzelheiten, der Dialogfetzen. Sie machen die Atmosphäre jener irren Jahre der Modeindustrie ebenso spürbar wie das Verhältnis zur Mutter, eine Verdrängungsvirtuosin auch sie. Linn Ullmann spielt dabei buchstäblich mit ihrem Leben – im literarischen Sinn. Im roten Jeep etwa, mit dem im Vorgängerbuch der Vater über seine Färöer-Insel zu brausen pflegte, wird das Mädchen nun vom Kurzzeit-Liebhaber A durch Paris kutschiert. Die angeblich verlorengegangene Fotografie des Mädchens mit den langen Ohrringen vom Januar 1983 wiederum existiert, sie zeigt tatsächlich die sechzehnjährige Linn Ullmann und schmückt sogar das Cover des Buchs. Aber aufgenommen hat dieses Porträt nicht jener ältere Mann, sondern eine Frau, die Fotografin Albane Navizet, in den Siebzigern selbst Model und Schauspielerin – was die Perspektive nochmals bricht. Eine Lektüreanstrengung, die Lust macht auf mehr Mit allen Mitteln löst Linn Ullmann das scheinbar so Eindeutige in vieldeutige Situationen und Beobachtungen auf, zieht Fäden und Flicken heraus, die die Leserin selbst verknüpfen und vernähen kann – und muss. Leicht ist das nicht zu haben. Wie es so ist mit der Wiederkehr des Verdrängten, mit Erinnerungen, die sich nur in Bruchstücken einstellen und niemals ein abgeschlossenes Ganzes ergeben. Nicht umsonst hat Ullmann nach eigenen Angaben 25 Jahre gebraucht, bis sie dieses Buch schreiben konnte. Aber die Leseanstrengung lohnt sich. Wie schon „Die Unruhigen“ macht „Mädchen, 1983“ Lust auf Fortsetzung, und tatsächlich hat Linn Ullmann angekündigt, einen dritten Roman über Vergessen und Sich-Erinnern schreiben zu wollen. Ob und wann sie es tun wird, steht auf einem anderen Blatt.
undefined
Jun 15, 2025 • 7min

„In jedem einzelnen Satz steckt wahnsinnig viel drin“ „In jedem einzelnen Satz steckt wahnsinnig viel drin“

Beeindruckende Kurzgeschichten aus ländlichem Irland Christoph Schröder zeigt sich beeindruckt von Louise Kennedys Kurzgeschichtenband. Im Zentrum stehen meist Frauen in prekären Milieus, die mit biografischen Lasten und Traumata kämpfen. Jede Kurzgeschichte ist spannend und vermittelt ein Gefühl des drohenden Ausbruchs. Ein besonderer Erzählstil mit viel Substanz Christoph Schröder beschreibt Kennedys Sprache als reduziert, karg und komprimiert, ähnlich wie bei Peter Stamm. Sie bringt die Figuren nah an den Leser heran, besonders, wenn sie im Präsens geschrieben sind. Trotz ihrer Detailgenauigkeit bleibt Louise Kennedy subtil und vermeidet Klischees – das macht die Geschichten lebendig und authentisch. Politik im Hintergrund, fein gearbeitet Schon Louise Kennedys Roman „Übertretung“ war sehr politisch und auch in ihren Short Stories schwingen irische Politik und Geschichte immer mit. Die Autorin thematisiert Gewalt und gesellschaftliche Strukturen, aber fein und ohne große Appelle. Kennedy zeigt, wie diese Einflüsse das Leben ihrer Figuren prägen, was das Buch zu einem tiefgründigen, politischen Leseerlebnis macht.
undefined
Jun 15, 2025 • 6min

Béla Rothenbühler – Polyphon Pervers

„Polyphon Pervers“: das ist ein bisschen irrwitzig. Als Projekt, von dem erzählt wird, sowie als Buch, in dem erzählt wird. Ich habe das direkt gemerkt, in den ersten Zeilen: Man könne easy sagen, das sei alles die Sabin gewesen. Wie die Sabin ja am Anfang noch der Kopf von Polyphon Pervers gewesen ist. Oder allgemein: Die Sabin ist genau son Mensch gewesen, von dem man gerne sagt, er wär der Kopf von irgendwas. Oder das Hirn hinter was. Also wenn man Fan von so markigen Metaphern ist. Quelle: Béla Rothenbühler – Polyphon Pervers Der Sound, sie merken es, bleibt im Ohr: Eine irre verschwafelte und halbgenaue Erzählerstimme, die nicht richtig festgelegt werden will, mit ihrer unendlichen indirekten Rede und ihrem leichten Dauerspott erinnert sie an das Maul in den Krimis von Wolf Haas oder an einen bekifften Thomas Bernhard. Die Handlung: Ein Schelmen- und Hochstaplerroman, wie ich ihn lange nicht gelesen habe. Am Anfang stehen eine Unitheatergruppe in Luzern, ein Kiffer, ein etwas uninspirierter Regisseur und eine ehrgeizige Managerin: Irgendwas müsse man ja machen, hat die Sabin gesagt. Irgendwas müsse man machen, sonst gehe man kaputt. Und wenn man schon was mache, dann könne mans auch gleich gut machen, oder, wenn möglich sogar mega gut. Wenn man schon was mache, dann könne man auch gleich nach den Sternen greifen, hat Sabin gemeint. Quelle: Béla Rothenbühler – Polyphon Pervers Kultur als Vorwand – und Geschäftsmodell Und ab da mischt die Truppe die bürgerliche Kulturszene der Schweiz auf. Polyphon Pervers. Verein für Unterhaltung – so nennen sie sich. Denn um Kultur geht es eigentlich gar nicht, Kunst und Kultur sind in diesem Buch längst erledigte Fälle, werden von jedem beliebig verwässert, als gäbe es nur noch Volkskultur, Trinkkultur und Fankultur. Das sei mega vage, da könne man nächtelang drüber streiten, was das überhaupt bedeute: Kunst. Und so Wörter, Wo die Philosoph:innen schon seit paar Tausend Jahren drüber streiten, was sie eigentlich bedeuten, die solle man am besten gar nicht in den Mund nehmen, hat die Sabin gesagt. Quelle: Béla Rothenbühler – Polyphon Pervers Vom Drogendealer zum Dramaturgen Es nimmt Fahrt auf, als Sabin den Stammdealer der Truppe scheinbar als Dramaturg anstellt, damit der endlich legal in die Rentenversicherung einzahlen kann – sein Drogengeld wird übers Theater gewaschen, wo eh keiner mitbekommt, wie viele Zuschauer kommen. Finden seine Kollegen auch super, also hat das Theater bald ziemlich viele Dramaturgen, die werden outgesourced und als Performancetruppe unter dem sprechenden Namen „Cash Washer“ durchs Land geschickt, wo sie dann bekifft vor Publikum Marvel Superhelden-Filme angucken. Wirklich, mehr passiert nicht, aber ein paar Zuschauer finden sie damit natürlich – das gilt dann als Kunstperformance und ist steuerrechtlich nicht nachzuvollziehen. Und als zweites ökonomisches Standbein stellt man Förderanträge. Kultursubventionen gibt es in der Schweiz wie in Deutschland natürlich für quasi jeden. Das ganze Buch dreht sich darum, wie man gut leben kann, indem man Kultur vortäuscht. Die Truppe kommt damit drei Jahre lang durch, wird sogar wohlhabend, bis die Coronakrise …. So, reicht, mehr an Handlung verrate ich jetzt nicht, obwohl es sehr viel mehr zu verraten gäbe, auch einen wirklich brillanten Showdown. Von der Hochstapelei zur echten Kunst Bela Rothenbühlers Roman „Polyphon pervers“ hat übrigens in seiner ursprünglichen Schweizerdeutschen Fassung 2025 den Schweizer Literaturpreis gewonnen. Könnte sein, dass der Roman so auch lustig ist, aber davon merkt in Deutschland halt keiner was. Deswegen hat es Uwe Dethier ins Hochdeutsche übersetzt oder übertragen. Die Mundart-Herkunft hat aber die Handlung geprägt – es ist ein Heimatroman geblieben, nur halt in einer ziemlich schrägen Szene.  Statt Almödis beschreibt Rothenbühler bauernschlaue Hanfbauern. Ihm ist damit was gelungen. In der Mundartliteratur haben es fiktionale Stoffe nicht ganz leicht, denn der Markt ist klein, und gilt als ein bisschen konservativ. Wer da sowas Nischiges schreibt, hat keine Chance auf große Auflagen. Manchmal aber gibt es da so einen Mut der Verzweiflung. Wenn’s eh keiner mitbekommt, kann man seine Spottlust und Experimentierfreude auch ungebremst ausleben und der Welt einen Spiegel vorhalten. Die Botschaft des Buches ist so böse, dass man sie schon wieder gut finden muss: Das, was wir unter Kultur verstehen, ist kaputt, ein System, ein Selbstbedienungsladen für die, die geschickt Anträge formulieren können. Steuerbetrug ist gang und gäbe. Gleichzeitig gibt es eine Dialektik: Die ziemlich skrupellose Ausnutzung des Systems produziert nun aber in diesem Buch und vielleicht auch im echten Leben echtes Theater, es kommen auch immer mehr Leute, die sich für die frechen und unbekümmerten Performances der Cash Washer interessieren. Es muss kein Geld verdient werden, sondern hier ist die Kunst endlich frei. Irgendwann gibt es im Buch eine Performance, die heißt „Raubkunst“, und die Cashwasher klauen ein Kunstwerk aus einem Museum und schicken es vor laufenden Kameras in den Benin. „Der Kunstraub ist großartig geworden“ heißt es banal. Spätestens da ist die Kultursimulation als Simulation gescheitert und zur richtigen Kunst geworden. Was soll ein Theaterstück anderes sein als die Simulation von Welt, als eine Scheinwelt, in der man herumspielen kann? Beim Dadaisten Walter Serner in seinem grandiosen Handbrevier für Hochstapler, der sogenannten „Letzten Lockerung“, heißt es: Die Welt will betrogen sein, gewiß. Sie wird sogar ernstlich böse, wenn du es nicht tust.' Kunst ist Hochstapelei. Und umgekehrt. Genau das erzählt Béla Rothenbühler traumhaft sicher. Und jetzt mal abgesehen davon: Das Buch ist so schön in Grün, Pink und weiß gestaltet, dass ich zum ersten Mal im Leben im Umschlag nachgeschaut habe, wer ihn gestaltet hat – und da steht „Guerillagrafik“. Das passt zum Inhalt.
undefined
Jun 15, 2025 • 7min

Lyrik lebt von Nuancen. Doch wie übersetzt man Poesie, ohne sie zu zerstören?

Ein Seminarraum im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee. Eine Gründerzeitvilla, mit Fischgrätparkett und hohen Stuckdecken, der Blick geht raus auf Bäume und Wasser. Im großen Oval, um zusammengeschobene Tische herum, sitzen die 13 Teilnehmenden von Junivers und die Kuratorin Aurelie Maurin. Poesie als Brücke zwischen den Sprachen Vier Teilnehmende sollen die anderen zu Beginn kurz und knapp ins eigene poetische Universum mitnehmen. An welchem Projekt arbeiten sie gerade, in welche Verse haben sie sich verliebt, oder aber verbissen? Gulnoz Nabieva übersetzt aktuell die Lyrik des Dichters Thomas Brasch in ihre Muttersprache Usbekisch. Sie sagt: „Thomas Brasch ist was Besonderes für mich, auch weil ich kann man sagen, eine rebellische Person war, ich hab schon von jung an, erst gegen meine Eltern, die mich zwangsverheiraten wollten, dann gegen das System. Das hat mein inneres Spannungsfeld  gut getroffen, gerade diese Lyrik." Es stellt sich heraus, dass viele in der Runde das Gedicht von Thomas Brasch auch übersetzt haben, ins Französische, ins Vietnamesische.  Gemeinsames Übersetzen – Herausforderungen und kreative Lösungen Verse eröffnen ganze Universen in diesem Monat Juni. Junivers - der Name für dieses internationale Treffen von Lyrikübersetzerinnen und -übersetzern ist Programm. Das Herzstück: Die Übersetzungswerkstatt mit dem vielfach preisgekrönten, in Berlin lebenden Dichter Nico Bleutge. Zwei Tage lang wird seine Lyrik mit ihm übersetzt und diskutiert. Bleutge erzählt: „Das ist immer mit sehr intensiven Fragen verbunden, die bis in die kleinsten Klang- und Lautstrukturen hineinreichen und im glücklichsten Fall lernt man wirklich noch mal sehr viel über seine eigenen Texte, weil man die natürlich noch mal aus anderen Perspektiven, vor dem Hintergrund anderer Sprachvorstellungen dann selber aufgefaltet bekommt." Nicht allein im berühmten stillen Kämmerlein über Texten brüten. Sondern gemeinsam nach Lösungen suchen - auf diese Weise werden auch neue Arbeitsformen ausprobiert. Daniela Allocca und Beatrice Occhini sind als Teil eines Kollektivs hier, das sie zu Hause in der Nähe von Neapel mit einer dritten Kollegin gegründet haben. „Das verkürzt den Prozess nicht, nein, weil wir viel sprechen und auch mal darüber streiten, aber man findet viele Fehler, die man sonst nie gefunden hätte," so Daniela. Gerade arbeiten sie daran, Nico Bleutges Gedichtband „Nachts leuchten die Schiffe" ins Italienische zu übertragen. Er komponiert hier Wasser- und Landschaftsbeobachtungen mit Kindheitserinnerungen, politischen Schwingungen und Bruchstücken anderer Dichterinnen, wie zum Beispiel Annette von Droste Hülshoff, in Italien kaum übersetzt. Und das ist nur eine von vielen Herausforderungen, sagt Beatrice. Eine andere Schwierigkeit: viele altmodische oder Dialekt-Wörter, wie zum Beispiel „kladdern". Beatrice Occhini zitiert aus einem Gedicht: „Dieser Modder, Modergeruch beim Aufstemmen der Kästen, das Klatschen, Kladdern in den Gelenken. Also, wir haben das übersetzt und wir haben gelesen, ah! Rauschen von Wasser - scorrere, da können wir dieses Kästen, Klatschen, Kladdern durch „sc", „sp", „sg" übersetzen. Aber dann haben wir bemerkt, ganz am Ende des Gedichts gibt es ein Wort, das wir nie gehört hatten, und zwar: „Kladden"." Die Kladde - ein Heft für flüchtige Niederschriften. Das Wort Kladde steckt in Kladdern, im Vers ist eine Metaebene versteckt: Die Reflexion über den Vorgang des Schreibens an sich. Beatrice Occhini lacht: „Oh nein, wie machen wir das? Aber dann dachten wir: ok, wir könnten mit Verschiebungen arbeiten. Was ist in einer Kladde enthalten normalerweise? Geschreibsel. Nicht perfekt, aber immerhin." Lyrikübersetzung als kulturelle und politische Praxis Auch Klang und Rhythmus müssen angepasst, Schichten der Geschichte durchdrungen, Kultur- und politische Bezugsräume mitgedacht und transportiert werden, genau wie veränderte Gegenwarten. Die Auseinandersetzung mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, aber auch das Verhältnis zur Natur oder Genderfluidität sind Tendenzen, die Nico Bleutge in der aktuellen Lyrik beobachtet. Auch sein eigenes Schreiben habe sich verändert, sagt er: „Dass man wahnsinnig viele Brandherde hat, dadurch, dass Strukturen, mit denen man aufgewachsen ist, und sei es so etwas wie Demokratie wirklich gefährdet sind und all das was an Ideologien und Sprachvorstellungen auch dranhängt, ist man von alleine drin und überlegt: Wie kann ein Schreiben aussehen, dass das in einem Gedicht auch wirklich zu fassen vermag?" Genug Gesprächsstoff für Nico Bleutge und die Lyrikübersetzerinnen und Übersetzer aus verschiedenen Sprachräumen. Es geht auch um Arbeitsbedingungen. Ohne Stipendien, Förderungen und Brotjobs geht es nicht.  Manchmal - so Daniela und Beatrice - fragten sie sich schon, warum und wofür sie sich das alles eigentlich antun. Und doch: „Ich finde, das ist eine Möglichkeit, ein tiefes Verhältnis zwischen Kulturen zu schaffen, das finde ich total wichtig. Denn: „Literatur zu übersetzen ist fast wie eine Übung im Anwesendsein. Und mir persönlich ist das wichtig gerade, weil genau wegen der politischen Situation überall. Und wenn ich übersetze fühle ich mich in dem Moment."
undefined
Jun 15, 2025 • 55min

lesenswert Magazin: Zwischen Matriarchat und Moderne - literarische Reisen und starke Frauengeschichten

Mit Büchern von Louise Kennedy, Barbara Kingsolver und Linn Ullmann
undefined
Jun 12, 2025 • 4min

Jörg Baberowski – Die letzte Fahrt des Zaren

Mehr als drei Jahrhunderte regierte der Zarismus Russland. Im Frühjahr 1917 fällt das Zarenreich jedoch innerhalb weniger Tage wie ein Kartenhaus zusammen. „Schon zwei Wochen nach dem Beginn der Brotproteste ist von der alten Welt kaum noch etwas zu spüren“, schreibt Jörg Baberowski. In packenden Geschichten zeichnet er mit dramaturgischem Geschick und erzählerischem Esprit den Zusammenbruch minutiös nach. Einer der Zeitgenossen, dem er über die Schulter blickt, ist der exzentrische Komponist Sergei Prokofjew.   Prokofjew kehrt zum Winterpalast zurück, und von dort läuft er zum Marsfeld. Lastwagen fahren an ihm vorbei, johlende Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten schwenken rote Fahnen und schießen Gewehrsalven in die Luft. Langsam begreift auch Prokofjew, dass die Tage des Friedens gezählt sind, die Revolution kein Geschehen ist, das man einfach ignorieren könnte.  Quelle: Jörg Baberowski – Die letzte Fahrt des Zaren Überfordert von den Geschehnissen    Baberowski folgt dem Geschehen aus der Perspektive einer Vielzahl von Personen. Oft sind die Politiker, Generäle, Höflinge und Revolutionäre weniger Handelnde, sondern mehr Getriebene – mitgerissen vom Strudel der historischen Ereignisse. So faszinierend die detailreiche Darstellung ist, so sehr fordert sie auch die Konzentration der Leser, um in der chaotischen Szenerie nicht – gleichsam wie die historischen Akteure – den Überblick zu verlieren.   Am Anfang vom Ende steht eine massive Versorgungskrise, die sich rasch zur Legitimationskrise auswächst. Während immer mehr Menschen auf die Straße gehen, Brot und ein Ende des Krieges fordern, während die herbeigerufenen Soldaten sich mit den Protestierenden verbünden, versäumt es die Regierung, „im richtigen Augenblick richtige Entscheidungen zu treffen“, notiert Baberowski. Aber auch Sozialisten und Liberale, die den Umbruch propagiert haben, sind überfordert von den Geschehnissen.  Die Ereignisse haben keinen Urheber, es scheint, als vollzöge sich die Revolte unabhängig von den politischen Parteien und ihren intellektuellen Interpreten. Stets haben sie in der Vergangenheit von Reformen und Revolutionen gesprochen, sich damit gebrüstet, es besser zu wissen als die dunkle Masse. Und nun tanzt das Volk auf den Straßen, und niemand weiß, welche Antwort man darauf geben soll.  Quelle: Jörg Baberowski – Die letzte Fahrt des Zaren Erst die Familie, dann das Land  Weil ihm sein Innenminister versichert, alles unter Kontrolle zu haben, verlässt der Zar die kriselnde Hauptstadt. Baberowski zeichnet Nikolai als willens- und antriebsschwachen Menschen, der sich mehr um seine Familie als um das Land sorgt. Widerstandslos willigt er in die Abdankung ein. Seine letzte Zugreise wird zu einer Irrfahrt, die auf dem Abstellgleis endet.  Wo Institutionen verfallen, gewinne persönliche Autorität an Bedeutung zurück, schreibt Baberowski prononciert. Doch auch der Mann, der sich wie kein anderer als Sprachrohr und Führer der Massen in Szene setzt, zögert in den entscheidenden Momenten. Baberowski hält nicht viel von Alexander Kerenski, dem zweiten Ministerpräsidenten der Provisorischen Regierung. Er porträtiert ihn als eitlen, selbstverliebten Mann der billigen Effekte. Ganz anders agiert der aus dem Exil nach Russland zurückgekehrte Lenin. Zielgerichtet und rücksichtslos strebt er an die Macht.  Niemand weiß besser als Lenin, dass die Grausamkeit und die anarchistischen Gefühle des desorientierten Volkes Triebkräfte sind, die sich der revolutionäre Wille zunutze machen kann. Nicht verbrüdern will er sich mit den Massen. Er will sie vielmehr zwingen, dem Ruf der Wissenden zu folgen und sich von sich selbst zu befreien. Auf Technik und Strategie, nicht auf Programm und Überredung kommt es in diesen Tagen an. Quelle: Jörg Baberowski – Die letzte Fahrt des Zaren Jörg Baberowski schildert die revolutiuonären Ereignisse als eine Abfolge von Augenblicken und Situationen, die immer neue Möglichkeiten eröffnen. Das Geschehen folgt keinem Plan und keiner Notwendigkeit. Als seine Henker Nikolai eröffnen, dass er und seine Familie hingerichtet werden, entgegnet er nur erstaunt und fassungslos: „Wie bitte?“

The AI-powered Podcast Player

Save insights by tapping your headphones, chat with episodes, discover the best highlights - and more!
App store bannerPlay store banner
Get the app