

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Episodes
Mentioned books

Nov 2, 2025 • 18min
Ian McEwan: Was wir wissen können
England im Jahr 2119. Kriege und Flutkatastrophen haben die Welt verändert. Ein Literaturwissenschaftler macht sich auf die Suche nach einem verschollenen Gedicht. Ein Gegenwartsroman, der aus der Zukunft kommt.

Nov 2, 2025 • 19min
Martina Clavadetscher: Die Schrecken der anderen
Es beginnt wie ein klassischer Krimi: Eine Leiche auf einem zugefrorenen See in der Innerschweiz. Daraus wird ein Panorama, das 100 Jahre zurückreicht; eine Geschichte um Nazi-Verstrickungen und die Ausbreitung des Populismus.

Nov 2, 2025 • 1h 11min
SWR Bestenliste November mit Büchern von Ian McEwans, Anja Kampmann u.a.
Dissens auf hohem Niveau - Martina Läubli, Martin Ebel und Dirk Knipphals diskutierten im ausverkauften Heilbronner Schießhaus vier auf der SWR Bestenliste im November verzeichneten Romane:
Martina Clavadetschers „Die Schrecken der anderen“ (C.H. Beck), Thomas Pynchons „Schattennummer“ (Rowohlt), Ian McEwans „Was wir wissen können (Diogenes Verlag) und Anja Kampmanns „Die Wut ist ein heller Stern“ (Hanser Verlag).
„Die Schrecken der anderen“: Platz 7 der November-Bestenliste
Schon beim ersten Roman, der besprochen wurde, war sich die Jury uneins. Während Martina Läubli (NZZ) die Genrevielfalt und den Einfallsreichtum von Clavadetschers Roman lobte, kritisierte Dirk Knipphals (taz) nicht nur die skurrilen Figuren, sondern vor allem die betont unernste Tonlage der Prosa, die nicht zum Thema passen würde:
vergangene und gegenwärtige NS-Verstrickungen in der Schweiz.
„Schattennummer“: Platz 3 der November-Bestenliste
Martin Ebel (Tages-Anzeiger) gestand, mit „Schattennummer“ den ersten Roman von Thomas Pynchon gelesen zu haben. Er sei so befremdet wie beeindruckt von dem unberechenbaren Text, der sich psychologischen Lesarten verweigere. Knipphals sah in der Doppelbödigkeit die eigentliche Qualität dieser Literatur:
Pynchons Romane seien immer beides, Pulp und hohe Sprachkunst, die sich nicht zuletzt im Spiel mit musikalischen Themen und auch in politischen Spitzen zeige. Für Martina Läubli, die sich zwar über viele Ideen des Autors amüsieren konnte, war Pynchons Roman (Platz 3) aber schlichtweg 200 Seiten zu lang.
„Was wir wissen können": Platz 2 der November-Bestenliste
Bei Ian McEwan (Platz 2) wurde es nahezu religiös. Dirk Knipphals nannte den Autor einen „Hohepriester“, Martin Ebel sogar einen „gnädigen Literaturgott“, der Nachsicht mit seinen fehlgeleiteten Figuren habe.
Was Martina Läubli nicht davon abhielt, das ihrer Meinung nach etwas zu routinierte Konstruieren und Erzählen zu hinterfragen. Vor allem der zweite Teil des Romans, der sich in einer erwartbaren Kriminal- und Liebesgeschichte verläppere, habe sie weniger überzeugt.
„Die Wut ist ein heller Stern": Platz 1 der November-Bestenliste
Große Einigkeit zum Abschluss bei Anja Kampmann. In poetischer Prosa erzähle die Autorin, wie die Nazis auch das proletarische Milieu der Hamburger Reeperbahn ab 1933 zu kontrollieren beginnen. Der in kurzen Szenen „hingetupfte“ Roman sei zwar eindeutig historisch verortet, gleichwohl gehe die Autorin auch der aktuellen Frage nach, warum eine Diktatur mit aller Gewalt auch die Herrschaft über den weiblichen Körper durchsetze.
„Die Wut ist ein heller Stern“ (Platz 1) gehörte zu den herausragenden Romanen dieser Saison, befand die Jury.
Aus den vier Büchern lasen Antje Keil und Dominik Eisele. Durch den Abend – eine Kooperation mit dem Literaturhaus Heilbronn – führte Carsten Otte.

Nov 2, 2025 • 4min
Roman über den Klimawandel: Wenn das Land, das niemals schmilzt, sein Eis verliert
Unni wächst in einem Flusstal in Lappland auf, wo ihre Familie seit Hunderten von Jahren lebt. Zu ihren schönsten Erinnerungen gehört der Anblick des dortigen Moors mit seinen Moltebeeren. Eines Tages muss sie mit ihrer Mutter in den Süden ziehen, in ein Dorf bei Helsinki, während der Vater in der Heimat bleibt. Fortan lebt Unni in zwei Welten – in der einen Welt ist sie zuhause, in der anderen Welt eine Außenseiterin.
Während sie mit ihrem Vater glückliche Sommer in Lappland verbringt und ein Rentierkalb aufzieht, wird sie in der Schule wegen ihrer indigenen Wurzeln schikaniert. Später beschließt Unni, Wissenschaftlerin zu werden. Als Expertin für Gletscher forscht sie zu den Folgen des Klimawandels. Die spürt sie längst auch in ihrer Heimat, denn dort taut der Permafrostboden:
Als ich hinkam, glaubte ich zunächst, mich verlaufen zu haben, denn das Moor war nicht mehr dasselbe, es war eben, platt, so wie es die offenen Sümpfe im Süden sind. Die großen Permafrost-Erhebungen, die Palsas heißen, an denen ich mich als Kind orientiert und auf denen Martti und ich unseren Proviant verzehrt hatten, waren eingebrochen, aufs Wasser gesackt wie aufgeschlitzte Tiere.
Quelle: Inkeri Markkula: Wo das Eis niemals schmilzt
Große Themen: Klimawandel, kultureller Genozid – und die Liebe
Bei einer Forschungsexpedition in Kanada lernt Unni Jon kennen. Wie sie hat er indigene Wurzeln und die Unterdrückung der eigenen Kultur erlebt. Jon wurde in Quebéc geboren und kurz darauf zwangsadoptiert. Dass er bei Adoptiveltern aufgewachsen ist, erfährt er erst als junger Mann. Nun ist Jon auf der Suche nach seinem leiblichen Vater. Er verzweifelt aber daran, dass er die Inuit-Sprache nicht beherrscht und sich nicht mit ihm austauschen kann.
Unni dagegen hat sich die nordsamische Sprache mühsam selbst beigebracht. Weil die Sprache in Finnland über Jahre unterdrückt wurde, beherrschte selbst ihr Vater nur wenige Worte, als Unni viel zu früh auf die Welt kam:
Meine Eltern schliefen in den ersten Wochen meines Lebens im Zentralkrankenhaus von Rovaniemi auf dem Fußboden und beobachteten ununterbrochen das dünne, zerknautschte Kind im Brutkasten, danach konnten sie sich keinen anderen Namen als Unni denken, weil das in der nordsamischen Sprache ‚das Kleine‘ bedeutete. Und auch wenn mein Vater die Sprache seiner Eltern vergessen hatte, weil sie ihm in der Schule ausgewaschen worden war, existierte ich für ihn in dieser Sprache.
Quelle: Inkeri Markkula: Wo das Eis niemals schmilzt
Immer wieder springt der Roman von den frühen 2000er-Jahren, als sich Unni und Jon kennen lernen, in die Vergangenheit. Markkula verwebt ihre Geschichten von Verlust und Resilienz kunstvoll miteinander, thematisch mutet sie dem Leser aber etwas zu viel zu: Schließlich muss der Roman gewichtige Themen schultern und von der Klimakrise, von einem kulturellen Genozid und von einer – schlussendlich tragischen – Liebesgeschichte erzählen.
Erzählt bestechend schön von Veränderung und Verlust
Nicht alle Themen erhalten da genügend Raum. Gerade die Zwangsadoptionen in Kanada werden vergleichsweise kurz abgehandelt und an einigen Stellen etwas plakativ beschrieben, etwa wenn Jons Adoptivmutter beschließt, ihrem Sohn vorerst nichts von seiner Geschichte zu erzählen:
Kanada war ein schönes, friedliches, extrem weit in den Norden reichendes Land, in dem glückliche Menschen in gepflegten Häusern lebten und sich auf der Straße fröhlich gegenseitig fragten, was es Neues gab. Hinter den glücklichen Mittelschichtsmenschen gab es ein Land, das seine Minderheiten in Internate sperrte und dem Unrecht, das ihnen widerfuhr, nicht nachging.
Quelle: Inkeri Markkula: Wo das Eis niemals schmilzt
Bestechend ist der Roman vor allem dann, wenn er die Verlusterfahrungen in Folge des Klimawandels anschaulich macht. Inkeri Markkula beschreibt mit großer sprachlicher Schönheit, wie die bekannte Welt allmählich verschwindet.
Unni spürt dies im Norden Kanadas: Sie bemerkt, wie der viel zu frühe Frühling Menschen und Tiere in die Irre führt. Und wie selbst hier – im Land, das dem Inuit-Namen nach niemals schmilzt – die Gletscher brechen und die Geschichte ins Wanken gerät.

Oct 29, 2025 • 4min
„Aufrecht“ von Lea Ypi: Eine Biografie so spannend wie ein Thriller
Die Großmutter war die Heldin ihrer Kindheit. Eine resolute, warmherzige, kluge Frau. Lea Ypi hat dieser Großmutter, Leman Ypi, ihre Erinnerungen an das Aufwachsen in der albanischen Diktatur gewidmet. Dass die Enkelin in ihrem neuen Buch nun die Geschichte von Leman erzählt, hat mit einem im Internet aufgetauchten Foto zu tun.
Es zeigt ein junges, glamouröses Paar, das direkt in die Kamera blickt, während es sich auf Sonnenliegen vor einem Luxushotel entspannt. Ich erkannte meine Großeltern Leman und Asllan wieder während ihrer Flitterwochen 1941 in Cortina d’Ampezzo in den italienischen Alpen.
Quelle: Lea Ypi – Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme
Es ist nicht allein die Irritation über das glückliche Lächeln der jungen Frau aus der albanischen Oberschicht, die sich mitten im Krieg im faschistischen Italien amüsiert. Es sind die hasserfüllten Kommentare auf Facebook, die unterstellen, Leman Ypi sei erst eine „faschistische Kollaborateurin“ und dann eine „kommunistische Agentin“ gewesen, die ihre Enkelin herausfordern.
Akten der albanischen Geheimpolizei
Ich fühle mich veranlasst, etwas richtigzustellen, die Geschichten, die sie mir anvertraut hat, weiterzugeben, die Wahrheit über ihr Leben auszusprechen. Aber kenne ich diese Wahrheit überhaupt?
Quelle: Lea Ypi – Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme
Lea Ypi macht sich auf die Suche nach ihrer Großmutter und geht in die Archive. Die von der berüchtigten albanischen Geheimpolizei Sigurimi angelegten Akten über ihre Großeltern Asslan und Leman sind 660 und 34 Seiten stark. Doch die Berichte der Spitzel helfen nicht weiter. Sie reihen nur Banalitäten aneinander. Aber die Enkelin gibt so schnell nicht auf, sie sucht auch in den Archiven von Saloniki, denn dort ist Leman groß geworden. Umsonst.
Das Schweigen in den Archiven ist lauter als jede Stimme, die sie zu erfassen vermögen.
Quelle: Lea Ypi – Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme
Osmanische Elite
Die Autorin findet eine sehr eigene Antwort auf das Schweigen der Archive und auf allerlei Ungereimtheiten, die sich erst am Ende auf absurde Weise aufklären. Gestützt auf die Erzählungen der Großmutter, ihre eigene Imagination und ein enormes erzählerisches Talent füllt Lea Ypi die Lücken und erfindet „eine höhere Wahrheit“. Entstanden ist so eine faszinierende literarische Biografie.
Die Leser tauchen ein in eine untergegangene Welt voller origineller, eigensinniger Figuren und abenteuerlicher Geschichten. Leman entstammt der osmanischen Aristokratie, ihr Großvater war ein Pascha.
Die Familie ist albanisch, obwohl sie nie in Albanien gelebt hat, sie spricht Griechisch – und als Teil der gebildeten Elite selbstverständlich Französisch. Mit 18 Jahren kehrt Leman diesem Leben den Rücken, weil sie unabhängig sein will, und geht nach Tirana – ein krasser Kontrast.
Elend und Reichtum gab es auch in Tirana, aber das Elend war schal, der Reichtum glanzlos und beides gleichermaßen stumpfsinnig. Öde, dachte sie; öde war das richtige Wort.
Quelle: Lea Ypi – Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme
Asslan, Sohn des albanischen Staatsoberhauptes
Hier lernt sie Asslan kennen, den Sohn des albanischen Staatsoberhauptes und Freund des jungen Enver Hoxha. In Tirana wird die Lage während des Krieges rasch immer undurchsichtiger und schwieriger. Als ein deutscher Geschäftsmann anbietet, ihr zur Flucht nach Italien zu verhelfen, lehnt sie ab.
Was soll sie von den neuen kommunistischen Machthabern zu befürchten haben? Schließlich waren Asslan und sie keine Kollaborateure. Sie liegt falsch. Später wird sie sich immer wieder an die Warnung erinnern.
Nicht Sie werden entscheiden, auf wessen Seiten Sie waren. Die werden darüber bestimmen.
Quelle: Lea Ypi – Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme
Ein literarisches Denkmal
Asslan verschwindet 15 Jahre hinter Gefängnismauern. Leman wird zur Zwangsarbeit aufs Land geschickt. Sie hat mit ihrer Entscheidung gehadert und diese doch immer für richtig gehalten. Die dahinterstehende Haltung drückt sich im deutschen Titel des Buches aus: „Aufrecht“.
Wie nah Lea Ypi ihrer realen Großmutter tatsächlich kommt, muss offen bleiben. Ihrer aus der Vorstellungskraft geborenen Heldin hat sie ein großartiges Denkmal gesetzt.

Oct 28, 2025 • 4min
Sten Nadolny – Herbstgeschichte
Zugabteile sind bevorzugte Handlungsorte für den Erzähler Sten Nadolny. Das galt für sein Debüt „Netzkarte“ von 1981 ebenso wie zehn Jahre später für „Selim oder die Gabe der Rede“. Auch der neue Roman des inzwischen 83-jährigen beginnt mit einer Zugfahrt.
Zwei alte Schulfreunde – der zögerliche, sich für „hochsensibel“ haltende Schriftsteller Michael und der polternde, bajuwarisch unerschrockene Theaterregisseur Bruno – reisen im Jahr 1998 von Düsseldorf nach Zürich. Unterwegs lernen sie eine wunderschöne junge Frau kennen, so klug wie geheimnisvoll.
Als Michael saß, konnte er sie betrachten. Stockhübsch, dachte er – das war sein Ausdruck für Frauen, die er schön fand. Aber da war noch etwas anderes. Diese Art Gesicht meinte er von einem alten Porträt her zu kennen und suchte im Gedächtnis vergeblich nach dem Maler. Einer der Cranachs vielleicht, aber hatten die jemals eine dunkelhaarige Frau gemalt?
Quelle: Sten Nadolny – Herbstgeschichte
Damit ist ein zentrales Motiv eingeführt: Gesichter und das genaue Hinsehen. Während der Schriftsteller Michael darunter leidet, sich keine Gesichter merken zu können, besitzt die junge Frau, die sich Marietta Robusti nennt, ein außerordentliches visuelles Gedächtnis.
Sie erkennt auch die beiden semiprominenten Mitreisenden sofort. Sie hat kein Geld, wird verfolgt oder überwacht, so dass die beiden Männer beschließen, ihr zu helfen.
Gibt es selbstlose Hilfe?
Erzählt wird dieser Auftakt von einem dritten Schulfreund, Titus, einem Drehbuchautor. Er begegnet – und davon erzählt er im zweiten Kapitel – Michael auf einer Kreuzfahrt im Sommer 2024. Michael zieht ihn in seine Geschichte mit Marietta hinein, die er vier Jahre nach der ersten Begegnung im Zug auf einer Lesereise wiedertraf, ohne sie sofort zu erkennen.
Denn sie saß nun im Rollstuhl. Von sexuellen Übergriffen in ihrer Jugend schwer traumatisiert und von einer rätselhaften Krankheit gelähmt, brauchte sie nun Hilfe ganz anderer Art. Doch auch Marietta selbst versteht sich als Helferin, weil sie mit ihren scharfen Augen alles wahrnimmt, was um sie herum passiert.
Ich helfe, weil ich, wenn ich hingesehen habe, nicht wieder wegsehen kann. Und weil ich dann das tun muss, was sich richtig anfühlt. Und weil Nichtstun sich meistens falsch anfühlt.
Quelle: Sten Nadolny – Herbstgeschichte
Michael wird zu ihrem Vertrauten, Begleiter, väterlichen Freund. Doch scheitert er daran, den Stoff „Frau im Rollstuhl“ zum Roman zu verdichten. Was wäre auch das Thema? Etwa die Frage, ob es reine, selbstlose Hilfe überhaupt gibt?
Also bittet er Titus darum, sich der Sache anzunehmen, auch wenn am Ende kein Drehbuch daraus wird, sondern ein Roman – ganz so, wie es einst bei Nadolnys Debüt „Netzkarte“ gewesen ist.
Erzählen als Teppichknüpfen
Auch das Operieren mit Herausgeber- oder wie in diesem Fall einer Schriftstellerfiktion ist bei Nadolny nicht neu, wie er überhaupt für seine „Herbstgeschichte“ viele Fäden seines Werkes wieder aufgenommen und neu verwoben hat.
Fäden der Fiktion
„Herbstgeschichte“ lebt vor allem von der sorgfältig ausgetüftelten Konstruktion, vielleicht auch von der Spannung, weil man wissen will, was mit Marietta geschehen ist und ob es für sie eine Rettung gibt. Darauf darf man hoffen, weil Nadolny als Erzähler gerne verschiedene Möglichkeiten anbietet und es seinen Lesern überlässt, aus den Fäden der Fiktion ihre eigene Wahrheit zu weben.
Weniger geglückt sind die etwas hölzernen Dialoge, die leicht verschmockten Altherrenfiguren und die allzu geflissentlich eingearbeiteten politischen Gegenwartsbezüge. Aufgewogen wird das aber durch den erzählerischen Charme Nadolnys und seine Menschenfreundlichkeit, die aus jedem noch so tragischen Ereignis das Beste herauszuholen vermag.

Oct 28, 2025 • 4min
Katriona O’Sullivans Lebensgeschichte „Working Class Girl“
Armut hat viele Gesichter. Straßenkinder in fernen Ländern fallen einem ein, unterernährt, schmutzig und in zerlumpter Kleidung.
Katriona O’Sullivan ging in den 1980er Jahren in England ungewaschen und hungrig zur Grundschule. Das Mädchen hatte Nissen in den Haaren, roch penetrant nach Urin und hatte keine Unterwäsche zum Wechseln. Zuhause gab es für sie und die vier Geschwister weder Handtücher noch Seife und keine regelmäßigen Mahlzeiten.
Aufwachsen „ganz unten“
Für Katriona war das normal. Ihre Eltern waren heroinabhängig, Alkoholiker und Kettenraucher. Sie finanzierten ihre Süchte mit Drogenhandel und Prostitution. In der Sozialwohnung hingen ihre Junkie-Freunde ab, setzten sich den nächsten Schuss oder schliefen betrunken ihren Rausch aus. Unter dem Teppich lagen Drogenpäckchen und unterm Sofa blutverschmierte Spritzen.
Wie übersteht ein Kind Armut, Vernachlässigung und alltägliches Chaos?
„Aufstieg einer Frau von ganz unten“ ist der Untertitel des Buches, in dem die Autorin in einer Mischung aus Autobiografie, Selbstanalyse und Gesellschaftskritik ihren ungewöhnlichen Lebensweg reflektiert.
Schule als Lichtblick
Die Einschulung brachte für die kleine Bettnässerin Katriona einen ersten Lichtblick. Eine aufmerksame Lehrerin versorgte das Kind mit Waschsachen und frischer Unterwäsche.
Es war mir damals noch nicht bewusst, aber dieser kleine praktische Akt der Selbstfürsorge … ließ mich tief in meinem Innern begreifen, dass ich mein Schicksal selbst in die Hand nehmen konnte. Ich war selbst in der Lage dazu, mich frisch und sauber zu fühlen. Ich begriff, dass die Menschen gut und freundlich waren und ich die Fürsorge wert.
Quelle: Katriona O’Sullivan – Working Class Girl
Für Katriona war die Schule ein Fluchtpunkt. Hier gab es Bücher, kostenloses Schulessen, Anerkennung für gute Leistung und verlässliche Regeln. Ihr Zuhause war kein Schutzraum. Es wurde zur Hölle: Ein Bekannter vergewaltigte die sechsjährige Katriona brutal. Die Mutter quittierte dies mit der Bemerkung: »Tja …, na ja, mich hat er auch vergewaltigt.«
Katriona O’Sullivans Erinnerungen sind ein Protokoll des Versagens auf vielen Ebenen, aber auch ein Mutmacher, weil es inmitten des frühen Unglücks immer wieder Menschen gab, die an sie glaubten.
Die 16 jährige Schulabbrecherin musste sich als alleinerziehende Mutter um ihr Kind kümmern. Doch ein engagierter Lehrer sah ihr Potential, organisierte Geld für die Kinderbetreuung und überzeugte sie, die Mittlere Reife zu machen.
Katrionas langer Weg bis zum Psychologie-Studium am renommierten Trinity-College in Dublin ist voller Hürden und liest sich spannend, weil die Autorin die junge Frau von damals noch einmal ganz nah heranholt.
Die vielfältigen Folgen von Armut
Großbritannien ist geprägt von einem tief verwurzelten Klassensystem. O‘Sullivan weiß, wie wichtig staatliche Gelder für Förderkurse und Kinderbetreuung waren. Das Buch ist im englischen Original unter dem mehrdeutigen Titel „Poor“, also „Arm“, erschienen. O‘Sullivan schreibt dazu:
Armut bedeutete auch intellektuelle Armut, Armut an Anreizen, Armut an Sicherheit, an Beziehungen. Arm zu sein entscheidet darüber, wie man sich wahrnimmt, wie viel Vertrauen man hat, wie man sich sprachlich ausdrückt, welche Sicht auf die Welt man hat und wie man träumt.
Quelle: Katriona O’Sullivan – Working Class Girl
Warum der Kjona Verlag das sehr empfehlenswerte Buch unter dem irreführenden Titel „Working Class Girl“ auf den deutschen Markt bringt, ist unverständlich, denn O’Sullivans Herkunftsfamilie gehörte nicht zur Arbeiterschicht.
Gefühlsmäßig zählte sich die Autorin als langjährige Sozialhilfeempfängerin zur Unterschicht. Mit ihrer Promotion und der Professur ist ihr ein seltener sozialer Aufstieg im starren britischen Klassensystem gelungen, der wegen Kürzungen im Sozialsystem heute so kaum mehr möglich wäre.
„Mir gewidmet, der Siebenjährigen“, schreibt die Autorin in ihrer Widmung. Und allen, die solche Vorbilder brauchen, möchte man hinzufügen.

Oct 27, 2025 • 4min
Ein beeindruckendes Buch: Peter Wawerzineks „Rom sehen und nicht sterben“
Es beginnt mit einem Höhenflug. Fasziniert beobachtet der Ich-Erzähler, der Peter Wawerzinek wieder zum Verwechseln ähnlich sieht, die Flugkünste der Stare über der Stadt Rom. Eine gute Zeit scheint anzubrechen. Ein Stipendium in der Villa Massimo wurde dem Schriftsteller zugesprochen. Aber auf den letzten Metern dorthin erleidet er einen ersten Schwächeanfall.
Bald gibt es weitere Vorzeichen für kommendes Unheil: den Totalverlust eines Manuskripts und schließlich ein scheußliches Frieren mitten im Sommer. Wawerzinek ruft seinen Arzt in Berlin an, der zu einer schnellen Untersuchung drängt. Die bestürzende Diagnose: Krebs.
Beherberge neuerdings einen Mörder in mir. Hat sich feige in meinem Magen eingenistet. Frisst von meinem Fleisch. Trinkt von meinem Blut.
Quelle: Peter Wawerzinek – Rom sehen und nicht sterben
Hausfriedensbruch im eigenen Körper
Für die Chemotherapie und die Operation kehrt er „inkognito“ nach Berlin zurück, verkriecht sich in einer Einzimmerwohnung, um sich ganz auf sich selbst und den „Hausfriedensbruch“ in seinem Körper zu konzentrieren.
„Rom sehen und nicht sterben“ ist ein literarischer Abwehrzauber gegen den Tod, der nicht zum ersten Mal mit einladender Geste auf Wawerzinek zukommt. Seit Kindertagen gab es immer wieder lebensgefährliche Unfälle und Desaster. Und so hofft er, dem Tod auch diesmal von der Schippe zu springen.
Sein Roman ist das Überlebensbuch eines Menschen, der aus vielem Kraft schöpft – dem Jazz, der Natur und vor allem aus der Sprache, der Poesie und einer Fabulierlust, mit der sich die bittere Realität entschärfen lässt.
Setze den unerwünschten Begriff vor die Tür. Spreche ihm die Allmacht ab. Breche ihm die Klauen. Beschert mir weniger beängstigende Gedanken, sage ich Krätz zum Krebsgeschwür in mir. (…) Erweitere die Verniedlichungsform. Sage gar Min Schietkrätz, um das Übel somit, dreifach am Schopf genommen, zu zerstückeln.
Quelle: Peter Wawerzinek – Rom sehen und nicht sterben
Sich selbst singen
Flugs wird auch der Stadtteil Trastevere, in dem der Schriftsteller inzwischen lebt, in „Trostwerdemir“ umgetauft. So zelebriert Wawerzinek Lautmalereien, Wortwitze und Kalauer wie die „panische Treppe“, spielt mit Märchenmotiven und Gedichtzeilen. Spannkraft bekommt seine Suada durch die vielen Ellipsen, also die Verknappung der Sätze durch das Weglassen von Wörtern.
Oft fällt dabei jenes Wort unter den Tisch, das bei Wawerzinek doch über allen anderen steht: das „Ich“. Nicht zufällig zitiert er Walt Whitmans „Song of Myself“, wo es heißt: „Ich feiere mich selbst und singe mich selbst.“
Zu guter Letzt Liebe
Auch Wawerzinek „singt sich selbst“, auch er ist ein literarischer Selbsterforscher, der in den eigenen Schmerz- und Glückserfahrungen die Welt erschließt. Allerdings fehlen dem Roman über die monomane Selbstdarstellung hinaus andere interessante Figuren. Es gibt drei wichtige Bezugspersonen, die aber alle etwas Gesichtsloses haben:
Da ist der ominöse Briefpartner, an den sich der Text in direkter Ansprache richtet; da ist – wie ein guter Geist – die längst verstorbene Großmutter mit ihren Sprüchen und Lebensweisheiten.
Und da ist zu guter Letzt die neue Partnerin, die dem Finale des Romans euphorische Momente beschert: nicht nur den Krebs überstanden, sondern an einer Bushaltestelle die Liebe auf den ersten Blick gefunden, die sich auch noch ohne Komplikationen in einen glücksdurchleuchteten Alltag überführen lässt. Aber auch diese Frau wird mehr beschworen als beschrieben, als wäre sie eine Emanation des überschwänglichen Wawerzinek-Ichs.
Dennoch ist „Rom sehen und nicht sterben“ ein beeindruckendes Buch: anrührend in seiner schonungslosen Ehrlichkeit und existentiellen Tiefe, erheiternd durch den Witz und die quecksilbrige Sprachkunst. Hinzu kommen die Reize eines Rom-Reiseberichts, dessen Erzähler als „Stadtläufer“ die Zuckerstücke des Tourismus komplett ignoriert, um seinen ganz eigenen süßsauren „Romolog“ zu formulieren.

Oct 26, 2025 • 4min
Wütend, aber wiederholend: Tara-Louise Wittwers „Nemesis’ Töchter" bleibt an der Oberfläche
„Was Tara sagt“ – 700.000 Follower auf Instagram
Tara-Louise Wittwer erklärt und bespricht feministische Perspektiven auf ihrem Instagram-Account „Was Tara sagt“, sie kontert auf TikTok sexistischen Männern, die Dating-Tipps geben und postet humorvolle Clips, in denen sie einen Arzt spielt, der nicht weiß, was Endometriose bedeutet.
Sie versteht ihre Inhalte als Einstieg in das Thema Feminismus und will andere Frauen darin bestärken, strukturelle Ungleichheiten zu erkennen. Tara-Louise Wittwer beschreibt in ihrem Buch „Nemesis‘ Töchter“ nun auch ihren eigenen Weg, der sie von einer einverstandenen Mitläuferin des Patriarchats zu einer, wie sie sagt, wachen und wütenden Frau gemacht habe.
Deshalb der Titel Nemesis – die ursprünglich antike Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit wurde im Laufe der Zeit zu einer Rachegöttin umgedeutet und damit zum abschreckenden Frauenbeispiel.
Nemesis ist das passiert, was vielen Frauen früher oder später im Leben passiert: Ihr Handeln wurde fehlinterpretiert, sie wurde missverstanden, Opfer falscher Narrative, die sich verselbstständigt haben. Und so wurde aus ihr, deren Name wortwörtlich eigentlich "Zuteilung des Gebührenden" bedeutet, eine rachsüchtige und unkontrollierbare Göttin, die alles niedermäht, was ihr in den Weg kommt. Dieses Narrativ ist so faul, wie es alt ist. Es geht schneller, es ist eine Abkürzung, um vor allem weibliche Wut in irgendeiner Weise abzustrafen
Quelle: Tara-Louise Wittwer – Nemesis' Töchter. 3000 Jahre zwischen Female Rage und Zusammenhalt
Eine weibliche Wut, die tief sitzt
Nun soll die Wut aber wiederkehren und damit auch Gerechtigkeit für die Frauen – Gründe dafür gibt es genug und Wittwer zählt sie auf: Opfer von Gewalt zu sein, belächelt zu werden, den Mental Load als Ehefrau und Mutter zu tragen, Körper- und Schönheitsidealen unterworfen zu sein, doppelt so viel leisten zu müssen, um Karriere zu machen wie ein Mann – die Liste ist endlos:
Das alles ist female rage, das alles führt zu female rage. Zu einer Wut, die so tief in uns sitzt, dass sie seit Generationen vergraben ist. Es ist ein grundlegendes Gefühl von Einsamkeit, von sich-missverstanden-fühlen, von "Ich weiß eh, es wird wieder so sein."
Quelle: Tara-Louise Wittwer – Nemesis' Töchter. 3000 Jahre zwischen Female Rage und Zusammenhalt
Insta-Wutmonolog in Buchform
Mit allem, was Tara-Louise Wittwer in diesem zweihundert Seiten langen Insta-Wutmonolog in Buchform aufführt, hat sie vollkommen Recht. Nur leider bleibt der Eindruck von Erkenntnislosigkeit. Denn Frauen wissen, dass sie nachts alleine nicht durch den Park gehen können – Mütter wissen, dass sie überlastet sind – und wir wissen, dass Hexenverfolgungen im Mittelalter Massenmorde an Frauen waren.
Die vielen Aufzählungen, die oft wie eine Sammlung ihrer bisherigen Instagram-Beiträge anmuten, und die den frauenfeindlichen Phänomenen nur oberflächlich auf den Grund gehen, nehmen großen Raum ein. Da bleibt wenig Reflexion über Wege aus der vorhandenen Ungerechtigkeit. Hier kommt die Autorin über ein allgemeines Gefühl von Schwesterlichkeit und gegenseitiger weiblicher Unterstützung nicht hinaus.
Solidarität allein reicht nicht
Solidarität unter Frauen und Schwesterlichkeit ist kein Konsens, sondern ein Kompass, nach dem ich leben will. Frauen, die sich nicht gegenseitig unterstützen, werden geschwächt - nicht unbedingt als Individuum, aber strukturell, gesellschaftlich und politisch. Sobald ich auf der Straße unterwegs bin und eine Frau sehe, lächele ich sie an. Weil ich weiß, sie wurde auch schon belogen oder betrogen.
Quelle: Tara-Louise Wittwer – Nemesis' Töchter. 3000 Jahre zwischen Female Rage und Zusammenhalt
Deshalb bleibt am Ende die Frage offen, wie Female Rage genutzt werden kann, um Veränderungen herbeizuführen – Frauen, die sich auf der Straße zulächeln, werden die Gewalt des Patriarchats jedenfalls nicht stoppen können.

Oct 24, 2025 • 14min
„Die Abwesenheit ukrainischer Kultur passt gut in die russische Propaganda“
Die Autorin Tanja Maljartschuk kennt die Gedichte von Lesja Ukrajinka seit ihrer Kindheit. Umso empörter ist sie, dass niemand in Deutschland das Werk von Ukrajinka kenne: „Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine dachte ich mir, das muss endlich geändert werden. Denn diese Abwesenheit der ukrainischen Kultur passt sehr gut in die russische Propaganda, dass die Ukraine keine Kultur habe.“
Tanja Maljartschuk, die in Iwano-Frankiwsk in der Ukraine geboren ist und in Wien lebt, kann seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nicht mehr selbst schreiben. So kam ihr die Idee für die „Ukrainische Bibliothek“.
Verbotene ukrainische Sprache
Zwei Bände sind bisher in der „Ukrainischen Bibliothek“ erschienen: Gedichte von Juri Andruchowytsch und Prosa von Lesja Ukrajinka.
Tanja Maljartschuk hat einen Band mit Erzählungen von Lesja Ukrajinka herausgegeben. Ukrajinka, die 1883 in Wolhynien geboren ist und im Alter von 42 Jahren gestorben ist, gehört für sie zu den lesenswertesten Autorinnen der literarischen Frühmoderne. Sie ist eine Frau, die sich schon mit ihrem Künstlernamen, der auf Deutsch „Lesja, die Ukrainerin“ bedeutet, vom russischen Imperium distanziert hat.
Ihre Botschaft, sagt Tanja Maljartschuk: „Ihr werdet mich nicht haben.“ Ganz bewusst habe sie damit in Kauf genommen, dass sie so keine bekannte russische Autorin wird. Noch deutlicher wird ihre Ablehnung dadurch, dass sie auf Ukrainisch schrieb, zu einer Zeit, als die Sprache verboten war.
Psyche der Frau in der Literatur
Lesja Ukrajinka war eine sehr belesene Frau, die neun Sprachen sprach und durch Europa reiste. In ihren Theaterstücken, Gedichten und Erzählungen kommen fast nur Frauenfiguren vor. Und das in einer Zeit, in der die Perspektive von Frauen in der Literatur quasi nicht vorhanden war, sagt Tanja Maljartschuk.
So habe Ukrajinka nicht nur aus der Perspektive von Frauen geschrieben, sondern auch über die Gewalt, die Frauen in ihrer Zeit erlebt haben.
Wie etwa in der Erzählung „Stadt der Trauer“. Diese spielt in einer Frauen-Irrenanstalt. Ukrajinka beschreibt ihren Wahnsinn und wie dieser sich äußerlich auswirkt mit großer Empathie:
„Das ist unglaublich neu für ihre Zeit. Sie hat sich auch sehr für Psychoanalyse interessiert und diese Geschichte geschrieben, bevor Sigmund Freud seine Abhandlungen veröffentlichte“; erzählt Tanja Maljartschuk begeistert.
Hoffnungen auf Europa
Insgesamt acht Bände sollen im Wallstein Verlag in der Reihe „Ukrainische Bibliothek“ erscheinen.
Tanja Maljartschuk hofft, dass die Klassiker, die größtenteils zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt werden, nicht nur der ukrainische Literatur und ihre Autor*innen einen angemessenen Platz in der europäischen Literaturgeschichte verschaffen. Sondern auch, dass die Ukraine selbst zukünftig Teil der Europäischen Union werden könnte.


