

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Apr 21, 2024 • 7min
Naoise Dolan – Das glückliche Paar | Buchkritik
Es gibt viele Gründe, warum Celine ihren Verlobten Luke nicht heiraten sollte. Einer davon: Er hat sie mit mindestens einer ihrer Brautjungfern betrogen.
Bei jedem anderen Paar wäre „Der Bräutigam hat die Braut wahrscheinlich vor ein paar Jahren mit der Brautjungfer betrogen“ schon die Megakatastrophe. Aber für dieses glückliche Paar an diesem glücklichen Tag lief das total unter business as usual.
Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Unsteter Herzensbrecher trifft Pianistin
Das glückliche Paar, das sind Celine und Luke: Ein Millennial-Pärchen. Sie ist 26, er zwei Jahre älter und ein unsteter Herzensbrecher mit einer langen Liste an Exfreunden und -freundinnen: Luke ist groß und schlank, hat dunkles Haar und einen Job bei einer multinationalen Hi-Tech-Firma in Dublin. Celine hingegen wird als auf „geschmackvolle Weise hässlich“ beschrieben: quadratisches Gesicht, dezente Kleidung.
Das auffälligste an ihr: Die schwarzen Lederhandschuhe, die sie sogar in warmen Sommernächten trägt und auch auf Partys nicht auszieht. Denn Celine ist Konzertpianistin. Ihre größte Angst ist es, sich an ihren Händen zu verletzen. Das Klavier ist ihr Leben. Ihr Kopf ist voller Musik und wenn Celine gerade nicht am Piano sitzt, übt sie auf ihrer inneren Klaviatur weiter. Diese Hingabe fand Luke zu Beginn ihrer Beziehung noch sehr anziehend. Kurz nach der Verlobung sieht das schon ganz anders aus:
Celine hat echte Klavierfinger. Mit abgekauten Nägeln. Wenn sie spielt und ein Klicken hört, wird das Problem auf der Stelle gelöst. Die Haut an ihren Händen ist schwielig, dabei cremt sie sie abends ein. Jeden Abend. Versucht mal, jemandem zu glauben, der im Taxi zu euch sagt: „Ich will dich jetzt sofort“ und zu Hause geht sie immer, ohne Ausnahme, zuerst ins Bad und cremt sich die Hände ein. Und nicht, um mir einen runterzuholen, das müsst ihr mir bitte glauben.
Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Ein Brautpaar, das nicht miteinander spricht
Abfällige Kommentare über seine Verlobte - nicht die einzige Macke, die Luke hat. Sein größtes Problem: Er hasst es, Entscheidungen zu treffen. Dass die beiden überhaupt verlobt sind, grenzt an ein Wunder. Luke wirft Celine vor, sie habe ihm die Pistole auf die Brust gesetzt und zur Verlobung gedrängt. Das sagt er ihr aber nicht direkt, sondern denkt es nur. Denn anstatt miteinander zu sprechen, betrügt und belügt er Celine. Und versteckt sich sogar auf seiner eigenen Verlobungsfeier.
Er ist zu nervös, um sich unter die Leute zu mischen. So verkriecht er sich, bis Celines Ex-Freundin Maria ihn findet und mit ihm die Party verlässt. Bis zu ihrem Hochzeitstag wird Celine nicht wissen, wohin und mit wem Luke von ihrer Verlobungsfeier verschwunden ist. Sie möchte es im Grunde auch gar nicht erfahren. Celine ist jemand, die sich die schwierigsten Klavierstücke mit großer Lust und Hartnäckigkeit erarbeitet. Mit ähnlichem Arbeitseifer hat sie auch die Beziehung zu Luke aufgebaut. Und das möchte sie nicht einfach aufgeben:
Sie hatte ihm schon viele Vertrauensvorschüsse gegeben, hatte ihre gesamte Beziehung mit dem Vorschießen von Vertrauen verbracht, war eine alte, erfahrene Vertrauensvorschießerin. Wenn sie ihm nicht mehr vertraute, wurde sie ins Straucheln geraten. Es wäre das Aus für die Wohnung in der Nr. 23, die Katze und das gesamte Leben, das Celine kannte. Das wollte sie nicht. Und deswegen würde sie ihm vertrauen.
Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Alle wissen Bescheid, nur nicht die Braut
Dieses „Glückliche Paar“, wie der Titel suggeriert, begleiten wir auf zähen 300 Seiten. Vom Abend ihrer Verlobung bis zum Tag ihrer Hochzeit - wobei bis kurz vor Schluss unklar ist, ob die beiden wirklich heiraten. Dazwischen kommen allerlei Gründe ans Licht, warum Celine und Luke lieber getrennte Wege gehen sollten, sich dazu aber nicht aufraffen können.
Diese Beziehung umkreist Naoise Dolan in ihrem Roman in sechs Teilen. Jeder Teil begleitet eine der zentralen Charaktere: Die Braut, den Bräutigam, die Trauzeugen. Jede dieser Figuren blickt anders auf das vermeintlich glückliche Paar. Aber allen wird klar, dass jemand wie Luke nicht für den Bund der Ehe geschaffen ist. Das weiß Celines Schwester Phoebe, die Einzige, die ihm klar ihre Meinung sagt. Das weiß auch Archie, Lukes Trauzeuge und Exfreund. Er kommt über die typische Luke-Mischung nicht hinweg: Minimale Zuneigung kombiniert mit fehlendem Bindungswillen.
Das Lukespezifische ist, dass du deine Partner beschissen behandelst, nur um rauszufinden, ob sie dich hinterher immer noch lieben.
Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Ob Celine Luke immer noch liebt, das ergründet Naoise Dolan in „Das glückliche Paar“ auf ermüdende Weise: Anstatt ihre Figuren interagieren oder wenigstens ins Gespräch kommen zu lassen, ergehen sich die Protagonisten in Selbst-Analyse und Nabelschau. Und obwohl dieser Text Nähe zu seinen Figuren suggeriert, bleiben diese lediglich Archetypen. Holzschnittartige Beispiele von Millennials: Die Künstlerin, der Workaholic, der bindungsscheue Typ, die Schwarze beste Freundin. Es gibt keinen Raum für eine überraschende, moderne Liebesgeschichte. Stattdessen serviert Dolan eine Textmischung bestehend aus Rückblicken und Grübeleien garniert mit SMS-Chatverläufen in Kapiteln, die manchmal nur aus drei Wörtern bestehen.
Natürlich kam Maria.
Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Dazwischen streut Dolan banale und sehr kitschige Beobachtungen ein - zum Beispiel über einen zerbrochenen Schwan aus Glaskristall:
Die Brauttasche lag immer noch auf Celines Schoß. Sie hatte beide Schwanenhälften in einen Socken gesteckt, um ihre Hände zu schützen, und Satinhandschuhe angezogen, man wusste ja nie. Das Glas konnte ihr nicht wehtun. Aber Luke konnte es.
Quelle: Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Müde Erkenntnis: Das Patriarchat sabotiert die Liebe
Jedem in diesem Buch ist klar: „Celine, renn, so schnell du kannst“. Aber keiner spricht das aus. Und die Braut selbst blickt einfach nicht durch. Naoise Dolan verpasst die Chance, zu erzählen, warum. Die Erzählerin bleibt so blind wie ihre Figuren, ohne dass das ein Stilmittel ist, das eine neue Ebene eröffnet.
In einer Liebesgeschichte voller queerer Figuren - sowohl Celine als auch Luke sind bisexuell - herrscht weiterhin das Patriarchat mit seinen engen Vorstellungen darüber, wie eine glückliche Beziehung in eine lange Ehe mündet. Und alles dreht sich um den bindungsscheuen Millennial, den weißen Cis-Mann - der Mittelpunkt Romantischer Komödien und Liebesromane.
Was bei Jane Austen gespickt war mit Witz und scharfsinniger Gesellschaftsanalyse, reduziert sich bei Dolan auf diese einzige, banale Erkenntnis: In einer patriarchalen Gesellschaft können sich auch queere Paare selbst nur schwer von patriarchalen Ideen über die Liebe lösen. Celine bleibt eine Gefangene dieses Systems. Keine neue Erkenntnis, aber definitiv eine, die weh tut. Doch der Schmerz geht nicht tief, weil Naoise Dolan auch literarisch so unentschieden bleibt, wie ihre Figuren in der Liebe.

Apr 19, 2024 • 55min
lesenswert Quartett zum Anhören
Das „lesenswert Quartett“ zum Anhören: In der Aufzeichnung vom 27. Februar 2024 diskutieren Denis Scheck, Insa Wilke, Ijoma Mangold mit Melanie Möller über vier Neuerscheinungen.

Apr 18, 2024 • 4min
Lea Ypi – Die Architektonik der Vernunft
„Was kann ich wissen?“ In seinem erkenntnistheoretischen Hauptwerk – der „Kritik der reinen Vernunft“ – hat sich Immanuel Kant auf 800 Seiten mit dieser Frage auseinandergesetzt. Kants Antwort, vereinfacht gesagt: Die „Dinge an sich“ – soll heißen: die Dinge, wie sie wirklich sind – sind für den Menschen wissenschaftlich nicht erkennbar. Objektiv erkennbar seien nur die „Erscheinungen“ der Dinge. Und diese „Erscheinungen“ würden durch die Anschauungsformen von Raum und Zeit und durch bestimmte Kategorien, die dem menschlichen Denkvermögen von Natur aus eingeschrieben sind, determiniert. Das wahre Wesen der Dinge, so der Königsberger Philosoph, sei dem Menschen unzugänglich. Zitat Kant:
Was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann.
Quelle: Lea Ypi – Die Architektonik der Vernunft
Das Ding an sich bleibt uns verborgen
Mit diesem Postulat hat Immanuel Kant die erkenntnistheoretichen Grundlagen der modernen Philosophie gelegt. Für Arthur Schopenhauer war die „Kritik der reinen Vernunft“ das „wichtigste Buch, das jemals in Europa geschrieben worden ist“.
Die albanisch-britische Philosophin Lea Ypi widmet sich in ihrer Studie einem kurzen, bisher wenig beachteten Abschnitt in Kants Hauptwerk – dem Kapitel „Die Architektonik der Vernunft“; längenmäßig macht dieser Abschnitt nur etwa zwei Prozent der „Kritik der reinen Vernunft“ aus. Lea Ypi schreibt dazu:
„Die ,Architektonik der reinen Vernunft‘ gehörte bis vor Kurzem zu den am wenigsten gelesenen Teilen von Kants erster Kritik (…) Traditionell scheinen die wenigen Kommentare zu diesem Abschnitt mit Schopenhauers frühem Urteil übereinzustimmen, dass seine Existenz in der Kritik der reinen Vernunft vorrangig auf Kants ,Liebe für architektonische Symmetrie‘ zurückzuführen sei und dem Rest dieses Hauptwerks nichts Wesentliches hinzufüge.“
Fokus auf die Einheit der Vernunft
Das sieht Lea Ypi, profunde Kant-Kennerin, die sie ist, anders. Die „Architektonik“ sei einer der „dichtesten, rätselhaftesten und undurchdringlichsten Texte“ in Kants Gesamtwerk, ohne genaue Analyse dieses Texts ließe sich Kants berühmtestes Werk nicht verstehen:
„Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Kommentatorinnen, die die »Architektonik« schlichtweg verworfen haben, versuche ich zu zeigen, dass ihr Fokus auf die Einheit der Vernunft entscheidend ist, um einige der wichtigsten Ideen Kants zu erhellen. Dazu gehören unter anderem der Übergang vom System der Natur zum System der Freiheit, das Verhältnis von Glauben und Wissen, die philosophische Verteidigung des historischen Fortschritts und die Rolle der Religion. Diese Fragen haben bekanntlich die nachfolgende deutsche philosophische Tradition maßgeblich geprägt.“
Lea Ypis Buch richtet sich an eine philosophisch gelehrte Klientel, an ein Publikum, das die „Kritik der reinen Vernunft“ sozusagen im kleinen Finger hat. Kant-Anfängerinnen und -Laien werden sich mit der Lektüre wohl schon nach wenigen Seiten überfordert fühlen.
Harte philosophische Kost
Gut denkbar, dass der Band in Kant-Seminaren und epistemologischen Kolloquien ein gewisses Entzücken hervorruft. Philosophische Normalverbraucher:innen werden allerdings gut daran tun, Kants Dreihundertsten Geburtstag mit der Lektüre eingängigerer Werke zu zelebrieren. Die Kant-Experten Otfried Höffe und Marcus Willaschek haben zum Geburtstag des Königsberger Meisterdenkers schon im letzten Jahr erhellende Neuerscheinungen vorgelegt.

Apr 17, 2024 • 4min
Stig Dagerman – Gebranntes Kind | Buchkritik
Stig Dagermans Roman erzählt von einer existenziellen Krise: Der 20-jährige Bengt hat seine Mutter verloren. Ausgerechnet am Tag ihrer Beerdigung findet er heraus, dass sein Vater seit längerer Zeit ein Verhältnis mit einer anderen Frau unterhält. Der junge Mann ist mit seinem Kummer allein. Denn nicht nur der Vater fällt als Gesprächspartner aus, auch Bengts furchtsame und stets kränkliche Freundin ist ihm keine Stütze. Den plötzlichen Tod der Mutter, die gegenüber dem Wohnhaus der Familie in einer Metzgerei gestorben ist, muss er ohne Hilfe verarbeiten:
„Da drinnen starb meine Mutter, während mein Vater in der Küche saß und sich rasierte und während ich, ihr Sohn, in meinem Zimmer saß und mit mir selbst Poker spielte. Da drinnen sank sie von einem Stuhl, ohne dass einer von uns da bei war und sie auffangen konnte. Da drinnen lag sie im Dreck und in den Sägespänen auf dem Boden, während ein Metzger mit dem Rücken zu ihr ein Lamm zerlegte.“
Um seiner Trauer Herr zu werden, beginnt Bengt, Briefe zu schreiben. Die Perspektive des Romans wechselt fortan: Der zunächst personale Erzähler wird abgelöst von Bengt, der in der Ich-Form von seinen Gedanken und Gefühlen berichtet. Das ist psychologisch hochspannend, denn gerade in Bengts Briefen sollte man als Leser stets zwischen den Zeilen lesen.
Verliebt in die Frau des Vaters
Einerseits ist Bengt auskunftsfreudig. Er beschreibt die Enttäuschung und den Hass, die er empfindet, weil der Vater seine Mutter betrogen hat. Andererseits ist er mit gerade einmal zwanzig Jahren auf der Suche nach Gewissheiten über die Welt, aber auch über sich selbst. Und einigen Gewissheiten will sich Bengt lange nicht stellen, zum Beispiel der Tatsache, dass der Hass auf den Vater und Gun, so der Name der Geliebten, in Wahrheit ein Zeichen der Eifersucht ist – denn Bengt hat sich in die neue Frau seines Vaters verliebt. Als alle den Sommer in einem Haus auf den Schären vor Stockholm verbringen, lassen sich die Gefühle nicht länger unterdrücken. Bengt und Gun küssen sich und beginnen ihrerseits eine Affäre.
Eindringliches Seelenprotokoll
„Gebranntes Kind“ ist eine brillante psychologische Studie. Denn Stig Dagerman findet immer wieder eindrückliche Bilder für Bengts widersprüchliche Emotionen. So veranschaulicht eine brennende Kerze erst die Trauer um die verstorbene Mutter, dann wiederum steht sie für die Intensität der Gefühle, die den jungen Mann mit aller Kraft in Beschlag nehmen. Und genau diese Intensität sucht Bengt:
„Wer wie wir liebt, ist rein. Erst jetzt habe ich begriffen, was Reinheit ist. Sie bedeutet, so in einem Gefühl aufzugehen, dass es jeden Zweifel, jede Feigheit und jede Rücksichtnahme in einem verbrennt. Man wird ganz und stark. Man nimmt direkten Kurs auf das Ziel, ohne zu zögern. Man wird auch mutig. Rein sein heißt, alles opfern zu können außer dem Einzigen, wofür man lebt. Ich bin bereit, das zu tun. Deshalb muss ich mich nicht schämen.“
„Gebranntes Kind“ liest sich wie ein Seelenprotokoll. Es hält fest, wie ein junger Mann versucht, den Verlust seiner Mutter zu verarbeiten und seinen Platz in der Welt zu finden. Es erzählt aber auch von der Liebe in all ihren Facetten: Das meint den anfänglichen Gefühlsrausch ebenso Eifersucht, Selbstbetrug und die Nähe der Liebe zum Hass. Auch mehr als 75 Jahre nachdem es im schwedischen Original erschienen ist, ist die Lektüre dieses Seelenprotokolls eindringlich und erschütternd.

Apr 16, 2024 • 4min
Gert Ueding – Bloch, Jens und Mayer. Die Tischgesellschaft der Julie Gastl
Auf dem Umschlagfoto sitzt der Philosoph Ernst Bloch in der Mitte, wie immer mit der Pfeife im Mund. Von links redet der Literaturwissenschaftler Hans Mayer sicherlich gewohnt druckreif auf ihn ein, rechts setzt der Rhetorikprofessor Walter Jens zu einem seiner gefürchteten Monologe an. Vielleicht hatte Blochs Frau Karola also doch recht, wenn sie mahnte: „Der Jens und der Mayer? Da wirst du wohl kaum zu Wort kommen.“
Ganz so schlimm wurde es dann aber nicht, jedenfalls nicht in den Versionen der Gespräche, die Gert Ueding nun zu Papier gebracht hat. Ueding muss es schon deshalb wissen, weil er in den 60er und 70er Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter Blochs in Tübingen gewesen ist, dann bei Walter Jens promoviert und bei Hans Mayer habilitiert hat. 1988, nach Jens‘ Emeritierung, übernahm er dessen Lehrstuhl für Rhetorik.
Eine heroische Epoche des Geistes
Die Tischgesellschaft, zu der sich die drei Berühmtheiten zusammenfanden, bestand in den Jahren 1974 und 1975. Sie ging auf eine Initiative der Tübinger Buchhändlerin Julie Gastl zurück, die in ihrem „Bücherhaus“ nicht einfach nur Bücher verkaufen wollte.
Vor allem ein Ort des geistigen Austauschs, der produktiven Erinnerung sollte die Buchhandlung sein, im geistigen Raum Tübingens der Horizont, der über seine beschränkenden Grenzen hinausginge. Denn die gab es genug.
Quelle: Gert Ueding – Bloch, Jens und Mayer
Vor wenigen Monaten hat die Buchhandlung Gastl Konkurs angemeldet und musste endgültig schließen. Damit ging ein Stück Tübinger Geschichte zu Ende. Gert Uedings Buch ist also auch ein Nachruf auf diesen verschwundenen Ort, ein Rückblick auf die heroische Epoche der Intellektuellen, als Philosophen noch über die Universität hinaus und in die Gesellschaft hinein wirkten und die Tübinger ihre Professoren auf der Straße grüßten.
Tischgesellschaft im Bücherhaus
Das Herzstück der Buchhandlung Gastl war die sogenannte „Theologie“, ein separater Raum im ersten Stock mit bequemen Lesesesseln. Hier traf sich die „Tischgesellschaft“, deren Gesprächsrunden Ueding so rekonstruiert hat, wie sie hätten verlaufen können. Dazu zitiert er aus Büchern der Beteiligten und stellt sich Rede und Gegenrede vor. Als stummer Protokollant nimmt er an der Runde teil und mogelt sich als Erzähler dazwischen. Julie Gastl debattiert – entgegen ihres bescheidenen Naturells – auch mit; Bloch hätte sonst nicht mitgemacht.
Bloch, Jens und Mayer verwandeln sich also ansatzweise in Romanfiguren. Allerdings reden sie ziemlich papieren, als müssten sie unentwegt ihre Bildung beweisen. Was sie natürlich nicht müssen – oder nur deshalb, weil Ueding sie vor seiner Leserschaft profilieren möchte. Doch in den Gesprächen über Immanuel Kant und Thomas Mann, übers Spiel oder über Kunst kommen immer wieder überraschende Ansichten zur Sprache. Sie wirken gelegentlich so aktuell, als zielten sie ganz direkt auf unsere Gegenwart. So ließe sich eine Wortmeldung Hans Mayers auch als Kritik an der Cancel-Culture verstehen:
„Wehe, einer ist nicht auf dem progressiven Stand von heute, und das schon 1700 oder 1800, er verfällt dem Bann der Progressiven, die meinen, sie wären das. In totalitären Regimen werden unliebsame Romane verboten und die Geschichtsbücher gereinigt, in demokratischen Regimen auf den Stand des sogenannten fortschrittlichen Bewusstseins gebracht. Der Furor der geschichtlichen Eiferer ist fürchterlich.“
Literarisches Spiel und freudige Fiktion
Ueding liefert präzise Charakterstudien vor allem zu Walter Jens, der von Ängsten und Depressionen gefährdet war. Sein Buch über die Tischgesellschaft der Julie Gastl ist eine Hommage an seine drei Lehrer. Es ist ein literarisches Spiel, eine freundliche Fiktion und also absolut ernst zu nehmen.

Apr 15, 2024 • 4min
Fabio Stassi – Die Seele aller Zufälle
Von Anfang an durchzieht Fabio Stassis raffiniert konstruierten Roman „Die Seele aller Zufälle“ jene melancholische Einsamkeit, die guten Detektivromanen so eigen ist: Seit einer Woche geht Vince Corso jeden Abend in eine kleine Bier-Bar in Rom, setzt sich an denselben Tisch und wartet auf jemanden.
„Ein bisschen Angst habe ich schon, um ehrlich zu sein. Ich habe Angst, dass es gar keine Aufgabe gibt, die ausgeführt werden muss. Und dass dieser Tisch ewig leer bleiben wird.“
Es wäre eine lange Geschichte, wenn ich erklären wollte, wie es so weit gekommen ist, dass ich auf ein Gespenst warte. Aber hier schaut nie jemand vorbei. Also erzähle ich mir diese Geschichte immer aufs Neue selbst, um mir einzureden, dass sie ein Ende haben wird.
Bibliotherapeut hilft Mann mit Alzheimer
Von Beruf ist der 45-jährige Ex-Vertretungslehrer nämlich Bibliotherapeut: Er hilft Menschen, indem er ihnen nach einem Gespräch ein Buch verschreibt, das ihre Probleme lösen, gewissermaßen ihre Seele wieder ins Gleichgewicht bringen soll. Eines Tages wendet sich Giovanna Baldini an ihn: Ihr Bruder – ein Bibliophiler – hat Alzheimer und wiederholt ständig eine scheinbar willkürliche Abfolge von Sätzen. Sie ist überzeugt, dass sie aus einem Buch stammen und es ihrem Bruder helfen würde, wenn sie ihm daraus vorläse. Ihre eigene Suche war erfolglos, also soll Corso gegen ein großzügiges Honorar das Buch für sie finden. Widerstrebend begibt er sich auf die Suche – er braucht das Geld – und ahnt schon bald, dass Giovanna Baldini eigentlich den Safe ihres Bruders finden will, in dem Millionen sein könnten.
Ein Kriminalroman ohne Mord, ohne Leiche, ohne Polizei – dennoch ungemein spannend und voller Rätsel, literarischer und detektivischer. „Die Seele aller Zufälle“ steht in der Tradition des argentinischen Autors Jorge Luis Borges: Das Ermitteln ist ein kreatives, intellektuelles Suchspiel. Stassis Vince Corso entdeckt Hinweise in Büchern und einem Tango von Carlos Gardel, er interpretiert Indizien, die er in Gesprächen und auf Spaziergängen mit seinem Hund Django findet.
Rom als anspielungsreicher Handlungsort
Das regennasse Rom ist der perfekte Handlungsort dieses Kriminalromans, in dem nichts zufällig, sondern alles zwingend ist. Jedes Gespräch, jeder Verweis, jede literarische Anspielung hat eine Bedeutung: Sie geben Hinweise auf das Buch von Giovannas Bruder, aber nicht nur: Sie sorgen bei den Lesenden für Rätselspaß und verankern den Roman in literatur- und kulturgeschichtlichen Kontexten. Ein Beispiel: Die Straße, in der Corso wohnt, ist die Via Merulana. Sie verweist auf Carlo Emilio Gaddas italienischen Krimi-Klassiker „Die gräßliche Bescherung in der Via Merulana“ aus dem Jahr 1947. Gaddas Roman ist eine Anklage gegen den italienischen Faschismus der 1920er Jahre. Es bleibt aber nicht bei dieser bloßen Referenz, die Krimi-Kenner vergnügt entdecken können: In der Gegenwart bekommt Corso Besuch von dem Vertreter einer Nachbarschaftswache, die gegen Geflüchtete vorgehen will, und gerät auf seinem Spaziergang in eine Demonstration von Immigranten, die von der Polizei brutal beendet wird. Diese Einbrüche der Realität sorgen zudem dafür, dass „Die Seele aller Zufälle“ mehr ist ein genussvoller intellektueller Rätselspaß.
Diese Lektüre macht Lust auf mehr!
Man muss nicht jede Anspielung erkennen, um sich von diesem Roman betören zu lassen. Ihn zeichnet die tiefe Überzeugung aus, dass Literatur etwas bedeutet: Sie ist Seelentröster und Hinweisgeber.
„Sie ist der große Saboteur jeder gesetzlich vorgeschriebenen Ordnung. Kein Diktator, der sie nicht gefürchtet hätte. Denn die Literatur stellt alles in Frage, beginnend bei dem, der schreibt, und dem, der liest. Was mich betrifft, so habe ich immer die Autoren geliebt, die auf das Chaos mit Chaos, auf Ungerechtigkeit mit Wahnsinn geantwortet haben. Das fängt bei Cervantes an, Don Quijote wird uns immer und ewig daran erinnern, dass das Lesen eine subversive Tat ist, ein permanenter Protest gegen Unglück und Ungerechtigkeit.“
Und so ist Fabio Stassis hinreißend-origineller Kriminalroman auch ein Plädoyer für das Lesen.

Apr 14, 2024 • 1min
Susanne M. Riedel – Lebensmitteallergie | Lesetipp

Apr 14, 2024 • 6min
Jane Gardam – Gute Ratschläge | Buchkritik
Diese Eliza Peabody muss wirklich der Schrecken der Nachbarschaft sein, mit den von ihr verteilten Briefchen voller guter Ratschläge – oder dem, was sie dafür hält.
„Liebe Joan, ich hoffe, wir kennen uns gut genug, dass ich das sagen darf. Ich finde, du solltest versuchen, das mit deinem Bein zu vergessen. Ich glaube, es ist etwas Psychologisches, Psychosomatisches, und Charles nimmt es furchtbar schwer. Es macht sowohl ihn als auch dich zum Gespött und ihr ruiniert euch euer Leben. Bitte gib dir mal einen ordentlichen Ruck, ja?“
Kein Wunder, dass Joan von gegenüber, Elizas vermeintliche Freundin, einfach nicht antwortet. Stattdessen muss Eliza kurz nach ihrem ersten Brief erfahren, dass Joan sich tatsächlich einen Ruck gegeben und ihren Ehemann Charles sowie die beiden fast erwachsenen Kinder verlassen hat, in Richtung irgendwelcher exotischer Gegenden.
Wohlgesetzte Seitenhiebe auf die britische Mittelschicht
Eliza aber schreibt unverdrossen immer längere Briefe an die ferne, stumme „liebe Joan“. Briefe voller kleiner Erlebnisse einer Hausfrau Anfang fünfzig, origineller Beobachtungen aus einem nicht allzu aufregenden Alltag in einer wohlanständigen Wohngegend südlich von London, voller wohlgesetzter Seitenhiebe auf das Leben der gehobenen Mittelschicht.
Zumal aufs Leben der Gattinnen, die ihre Zeit mit löblichen Dingen wie der Gärtnerei, der Vermittlung von Babys ungewollt schwangerer Mädchen, dem Schreiben von Kinderbüchern oder dem Besuch von Ehefrauen-Clubs, feministischen Arbeitsgruppen und Literaturzirkeln zubringen. Die einzige Figur, die ihr Geld selbst verdient, ist bezeichnenderweise eine Englischlehrerin, die die Literatur hasst.
Eliza selbst „arbeitet“, wie sie sagt, „mit Sterbenden“. Was tatsächlich bedeutet, dass sie im nahegelegenen Hospiz die Spülmaschine einräumt und den Sterbenden ihre guten Ratschläge erteilt. Berufstätigkeit hingegen ist in diesen Kreisen eine Sache der Ehemänner.
Die Männer sitzen im Herrenclub, die Frauen sind ihnen treu ergeben
Von Männern wie Elizas Mann Henry und Joans Charles. Diese beiden teilen mehr als die gehobene Beamtenposition im Außenministerium, mehr als ihren Platz in der guten alten Männerwelt, wie der Briefschreiberin Eliza irgendwann aufgeht:
„Deswegen gibt es diesen Typ Engländer noch, und deswegen ist er so rundum zufrieden, sitzt indifferent in seinem Londoner Herrenclub, denn immer, wenn sein Blick auf die anderen indifferenten Gestalten in ihren tiefen Armsesseln fällt, schaut er in den Spiegel. [...] Und irgendwo in den Köpfen der sinnierenden Mitglieder gibt es eine treu ergebene, müßige Frau, eine FRAU eben, Gehilfin, Versatzstück, Anhängsel, Mutterersatz. Alle würden es abstreiten, aber es ist wahr, und erst heute ist es mir aufgegangen.“
Jane Gardams Roman „Gute Ratschläge“ ist im Original 1992 erschienen und spielt in den unmittelbar vorangegangenen Jahren, während der Zeit der dritten Regierung Thatcher, der Privatisierungen, der Zeit der Wende auf dem europäischen Kontinent. Diese Verwerfungen flackern jedoch nur am Rande des Blickfelds, denn in dieser Welt ist ja scheinbar für immer alles beim Alten, auch wenn die jüngere Generation durch modische Extravaganzen auffällt.
Unter der Gesellschaftssatire liegen Trauma und Trauer
„Viktorianisch“ ist ein Stichwort, das mehrfach aufgerufen wird. Womit gemeint ist: Verdrängung. Unter der Oberfläche einer oft schreiend komischen, zunehmend absurden Gesellschaftssatire rumoren nämlich Trauma, Trauer und Tabu.
Eliza mit ihrer exzentrischen Penetranz entpuppt sich einerseits als denkbar unzuverlässige Erzählerin voller krasser Hirngespinste, andererseits als Frau, deren tiefer Schmerz allzu lange keinen Platz einnehmen durfte: nicht in ihrer Selbstwahrnehmung, nicht in ihrer Ehe, nicht in der ihr zugedachten gesellschaftlichen Rolle der munteren und effektiven Diplomatengattin in Kairo, Washington, Damaskus, Bangkok, die nun allein in der Londoner Rathbone Road sitzt und langsam durchdreht.
„Unberührt. Ich bin unberührt geblieben von alldem. Oder womöglich angerührt. Es ist mir abhandengekommen. So komplett wie mein früheres sinnliches Leben, denn ich kann mich an das Prickeln von Sex genauso wenig erinnern wie an die Arme meiner Mutter, die Stimme meiner Mutter. Es ist alles weg.“
Die Weise, wie dieser Schmerz um zwei große Verluste sich schließlich herausarbeitet ans Licht der Welt, hat etwas von einer schweren Geburt, und Elizas Wahnideen fungieren dabei als Wehen.
Ein Briefroman voller pointierter Dialoge
Es geht um Konzepte von Weiblichkeit, von Mütterlichkeit, um verfälschte Erinnerungen und ganz grundsätzlich um die Frage, wie Menschen sich Unerträgliches erträglich machen. Die Konstruktion des Briefromans hält Jane Gardam nicht davon ab, ausführliche Schilderungen mit pointierten Dialogen zu verbinden. Dabei arbeitet sie mit Leitmotiven wie den Glöckchen des Tamburins, das schon im Originaltitel des Buchs, „Queen of the Tambourine“, angeschlagen wird, oder leise gruseligen Schildkröten, deren Sinn sich erst gegen Ende des Buchs enthüllt.
Da ist Eliza Peabody endlich so weit, dem an Aids sterbenden Barry, einem Jungen Anfang zwanzig, der ihr Sohn sein könnte, zu erzählen, was ihr vor zwanzig Jahren zugestoßen ist. Auch der zwischenzeitlich abgängige Gatte Henry kehrt zurück. Und nicht zuletzt scheint Eliza Peabody eine Aufgabe zu finden, die mit guten Ratschlägen nichts zu tun hat. Sofern wir ihr das glauben dürfen ...

Apr 14, 2024 • 7min
Melanie Möller – Der entmündigte Leser. Für die Freiheit der Literatur | Buchkritik
Zum Signum unserer Zeit gehört, dass fast jedes Thema enormes Erregungspotential besitzt und mindestens aufgeblasen wird zu einem Weltuntergangsmenetekel. Da verschiedene Diskursteilnehmer die Deutungshoheit beanspruchen, eskalieren Debatten schnell, werden regelrecht zu Battlegrounds, auf denen der Untergang des Abendlands verhindert oder befördert werden soll, je nachdem. Die Kultur bot in den letzten Jahren dafür einiges Anschauungsmaterial, und einen besonderen Kampfort bildete die Sprache.
Die Stichworte dürften allen kulturell Interessierten geläufig sein: gendergerechtes Sprechen, Cancel Culture, Sensitivity Reading, Political Correctness, sogenannte „Säuberung“ von Klassikern. Die Progressiven werfen den auf Werktreue Beharrenden auf subtile Weise Rassismus vor – etwa, wenn letztere gegen die Tilgung des N-Worts in Kinderbüchern wettern. Konservative befürchten entstellende Eingriffe oder Geschichtsklitterung. Canceln sei ein Kampfbegriff der Rechten, sagen die einen; Canceln sei reale Praxis von linken Eiferern, sagen die anderen.
Ein zuspitzender Essay über die „Änderwütigen“
Inzwischen wird die Diskussion nicht mehr nur in Hochschulseminaren und im Feuilleton geführt, sondern auch in Büchern. Das jüngste schlägt sich ganz auf die Seite jener, die eine übermütige woke Gesinnungsdiktatur am Werk sehen: Melanie Möllers Band „Der entmündigte Leser“. Ihren Essay versteht sie als Plädoyer für die „Freiheit der Literatur“.
Melanie Möller ist Altphilologin; sie kann ihren Blick also sehr weit zurück bis in die Antike schweifen lassen, um ihn von dort mit einer gewissen Abgeklärtheit wieder auf aktuelle Texte zu werfen. Wobei, abgeklärt ist vielleicht nicht der erste Begriff, der einem einfällt, wenn man Möllers Streitschrift liest – zuspitzend würde wohl eher passen. Gleich in der Einleitung spricht sie von den „Änderwütigen“, die sich…
… an Kunst und Literatur [vergehen], (…) sie wollen (Literatur)Geschichte umschreiben, indem sie sie moralisch bereinigen, mögen die Gründe für ihr Vorgehen auch mit der Zeit wechseln.
Quelle: Melanie Möller – Der entmündigte Leser
Zurückgreifend auf klassische Texte von Homer bis Ovid, die sie mit modernen Klassikern etwa Louis Ferdinand Célines, Joseph Brodskys oder auch Astrid Lindgrens verknüpft, möchte sie mit ihrem Buch auf fortdauernde Versuche der Umarbeitung, Verkürzung oder Veränderung aufmerksam machen.
Ambivalenzen zulassen, verharmlosende Lesarten vermeiden
Sie begreift das als Zensur. Es gehe aber darum, so Möller, Ambivalenzen zuzulassen, simple, weil zugleich verharmlosende Lesarten zu vermeiden. Auch sollten nicht, wie sie es nennt, „Überempfindlichkeiten“ zum Maßstab für eine zu Einsicht und Einordnung fähige Leserin gemacht werden.
Möller wendet sich nicht zu Unrecht gegen die Gleichsetzung literarischer Inhalte und Figuren mit den Positionen von Autoren, etwa wenn es um den männlichen Blick eines römischen Elegikers wie Sextus Propertius bis hin zu dem von Goethe geht: Frauen seien hier selbstverständlich künstlerische Objekte der Lust, und es gebe weder Grund für Mitleid noch Anlass zur Sorge. Diese Künstlichkeit scheine, so Möller, den Damen allerdings zum Verhängnis zu werden, zumal sofern sie der Phantasie männlicher Dichter entsprungen seien.
"Denn, so fragt sich die Frau von Bildung und gesellschaftlicher Verantwortung, wie können diese frustrierten Typen (Properz, Catull, Ovid), die wider besseres Wissen zu einer Einheit aus Dichter als historischer Person und elegischem Ich verschmolzen werden, es wagen, ein erfundenes Mädchen zum Lustobjekt zu degradieren und dabei weitgehend mundtot zu machen? Damit sind sie mindestens schlechte Vorbilder für alle Einfaltspinsel unter den Lesern (und für jegliche illiteraten Gewalttäter, was wohl, mit Blick auf die Jahrhunderte, für die meisten gelten dürfte). Dies die Mutmaßungen der jüngeren, vor allem, aber nicht ausschließlich weiblich motivierten Forschung zur antiken Liebeselegie, die den male gaze enttarnen, in seine Schranken weisen und seinen armen Opfern helfen möchte.“
Möller reagiert geradezu wütend auf diese unliterarischen Mutmaßungen. Einerseits. Andererseits prangert sie unhistorische Lesarten von selbsternannten Sprachpolizisten an – also den Umstand, dass aus einer heutigen, moralisch vermeintlich überlegenen Warte über Texte der Stab gebrochen wird, die von ihrer Zeit geprägt sind oder damals sogar als fortschrittlich galten. Über Texte, die eine genauere Lektüre erforderlich machten, um über sie urteilen zu können.
Auf die Vernunft und Kenntnis von Lesern vertrauen
Beide Punkte sind richtig. Und Möller ist hoch anzurechnen, dass sie es nicht bei dieser pauschalen Kritik an der Wokeness-Fraktion belässt, sondern sich die Mühe tiefgehender Interpretationen macht, an vielen Beispielen Missverständnisse und historische Errungenschaften aufzeigt, mithin auf die Vernunft und Kenntnis von Leserinnen und Lesern vertraut, die eben nicht entmündigt werden sollten.
Das Gute ist ja, dass auch Leser im Leben anständig, menschlich, bleiben können, selbst die, die Freude am Bösen, ›Verletzenden‹ in der Kunst haben. Das geht, sehr einfach sogar.
Quelle: Melanie Möller – Der entmündigte Leser
Was Melanie Möller aber doch vorgeworfen werden darf: An vielen Stellen hat man das Gefühl, dass sie einen Popanz errichtet – so, als würde es ein hegemonial gewordenes Bündnis von moralinsauren Besserwissern geben, das inzwischen dabei ist, ganze weltliterarische Bibliotheken umzuschreiben oder unwiderstehlichen Druck auf Verlage und Wissenschaftlerinnen auszuüben. Beispiele für solchen Übereifer gibt es, gewiss.
Es werden auch einzelne Protagonisten aus dem akademischen Betrieb zitiert, die vielleicht über das Ziel hinausschießen, aber so ist das nun mal in einem heterogenen kulturellen Feld.
Historische Texte brauchen Kommentierungen mit Blick auf heutige Sichtweisen
Dass aber erstens jede Zeit neu auf ältere künstlerische Erzeugnisse blickt, diese mit der Gegenwart abgleicht, auch radikale Ablehnung zum Ausdruck bringt – das ist kein Phänomen der letzten Jahre, und es ist dagegen auch wenig einzuwenden. Dass zweitens unter dem Druck sogenannter „Gutmenschen“ tatsächlich Bücher umgeschrieben würden – das müsste erst einmal bewiesen werden. Von einzelnen, gut begründeten Fällen abgesehen, vornehmlich im Kinderbuchbereich, ist da wenig bekannt geworden.
In puritanisch-reaktionären Bundesstaaten der USA landen Klassiker aufgrund ihres Inhalts zuweilen auf dem Index – in den meisten westlich-liberalen Ländern kommt das zum Glück sehr selten vor. Klassische oder historische Texte bedürfen immer wieder für ihre Zeit einer Kommentierung; diese nimmt Rücksicht auf veränderte Sichtweisen, etwa bezüglich Kolonialismus oder Ausgrenzungspraktiken der Vergangenheit.
Das ist noch kein Grund zur Klage. Im Gegenteil. Es kann sogar dabei helfen, das Vergangene besser und in seiner historischen Bedingtheit zu verstehen. Alles in allem: Melanie Möllers mitunter polemisch scharfes Buch ist ohne Zweifel anregend und gelehrt – aber es ist eben auch Teil jener oft unangemessen erregten Debatte, gegen die es sich richtet.

Apr 14, 2024 • 7min
Isabel Allende – Der Wind kennt meinen Namen | Buchkritik
Gesellschaften bestehen aus Individuen. Verwaltet werden sie aber von Regierungen, deren Gesetze im besten Fall dem Wohl des Einzelnen verpflichtet sind, im schlimmsten Fall Leben schädigen oder gar zerstören. In Isabel Allendes jüngstem Roman „Der Wind kennt meinen Namen“ sind es drei Leben, die der Willkür von Regierungen ausgeliefert waren oder sind: Samuel Adler, Leticia Cordero und Anita Durán. Jahrzehnte liegen zwischen ihren Kindheiten. Doch sie eint die Erfahrung aus politischen Gründen die Heimat verlassen zu müssen und von ihren Eltern getrennt zu werden.
Mit dem Kindertransport nach England
Samuel Adler ist jüdisch und fünf Jahre alt, als in Wien die Kristallnacht-Pogrome den ganzen Hass und die Zerstörungswut der Anhänger des Nationalsozialismus erkennbar machen. Obwohl seine Eltern Rudolf und Rahel geahnt haben, was kommen wird, begreifen sie nun erst das Ausmaß. Es ist zu spät für sie, aus Österreich zu fliehen. Doch es gelingt ihnen, Samuel mit einem Kindertransport nach England zu schicken.
Bis zu dem Moment, in dem der musikalisch hochbegabte Samuel in Richtung England verlassen soll, schildert Allende das Chaos und die Angst unter der jüdischen Bevölkerung plastisch und drastisch. Doch im Moment des Aufbruchs, als Samuel seine Geige zurücklassen soll, er sich weigert und spielt, entgleitet dem Roman der Ton:
"Sofort wurde es still rings um das Kind, das den Bahnhofsvorplatz mit den Klängen einer Serenade von Schubert füllte. Die Zeit hielt inne, und für wenige traumhafte Minuten fühlte sich die von Trennungsleid und Ungewissheit geschundene Menge getröstet. Samuel war klein für sein Alter und sah in dem übergroßen Mantel noch anrührender und zerbrechlicher aus. Mit geschlossenen Augen wiegte er sich zur Musik."
Wenn der Roman Samuel so auf seiner Geige spielen lässt, sägt das gehörig an den Nerven der Leserinnen und Leser. Doch Allendes Entschiedenheit zu erzählen, ihr Kalkül, ohne Scheu auf Affekte und Effekte zu setzen haben das Geschehen an dieser Stelle schon so weit vorangetrieben, dass man wissen will, wie es mit Samuel weiter geht.
Überlebende eines Massakers in El Salvador
Man möchte auch wissen, wie es um Leticia steht. An ihrer Figur entspinnt sich der zweite Strang der Romanhandlung. Leticia hat 1981 in El Salvador das Massaker von El Mozote überlebt, bei dem die Armee während des Bürgerkriegs rund 900 Menschen ermordete. Mit ihrem Vater hat sie das Dorf verlassen können, in dem sie aufgewachsen ist:
"Einige Kindheitserinnerungen waren Leticia geblieben: Der Geruch des Holzfeuers im Küchenofen, das üppige Grün, der Geschmack der Maiskolben, das Vogelkonzert, die Tortillas zum Frühstück, die Gebete ihrer Großmutter, das Weinen und Lachen ihrer Geschwister. Auch ihre Mutter hatte sie nicht vergessen, obwohl sie nur eine einzige Fotografie von ihr besaß."
Leticia landet in den Vereinigten Staaten. Mit ihrem Heimatland kommt ihr auch der Glaube abhanden.
"Leticia enttäuschte ihren Vater, weil sie die Schule abbrach und fortging, aber auch, weil sie der Religion den Rücken kehrte. »Auch wenn du Jesus verlässt, wird Er dich doch niemals verlassen«, sagte Edgar immer wieder und betete auf Knien für die Rettung seiner Tochter. Aber Religion ist eine Frage des Glaubens, und den besaß Leticia nicht, sie stellte zu viele Fragen."
Ihr Weg wird sich vier Jahrzehnte und drei Ehen später mit dem Weg von Samuel überschneiden.
An der US-Grenze von den Eltern getrennt
An einer weiteren Figur, der jungen Anwältin Selena Durán, entspinnt Allende den dritten und letzten Handlungsstrang.
Er beginnt 2019 und fokussiert einen weiteren Kontext politischer Willkür. Selena setzt sich in Arizona gegen Donald Trumps „zero tolerance“-Politik ein. Als Mitarbeiterin des Magnolia-Projekts versucht sie Kinder, die von ihren Eltern bei der Flucht in die USA getrennt worden sind, zu ihren Familien zurückzuführen. Zusammen mit dem eher technokratischen Anwalt Frank, der durch Selenas Engagement seine Borniertheit ablegen kann, setzt sie sich auch für die sehbehinderte Anita aus El Salvador ein, die mit ihrer Puppe Didi in einem Kinderheim lebt. Auch aus Anitas Perspektive wird im Roman erzählt:
"Ich hab auch gehört, dass ich zu einer Psychologin soll. Ich weiß, was das ist, ich war bei einer Psychologin, als wir den Unfall hatten. Das ist so was wie eine Lehrerin, nicht wie ein Arzt, sie untersucht mich nicht und gibt mir auch keine Spritzen. Ich gehe zusammen mit Miss Selena hin, und die Didi kann ich mitnehmen. Du kommst auch mit, Claudia. Das ist kein Grund zu weinen. Wir müssen ruhig sein. Wir sind nicht verloren. Der Wind kennt meinen Namen und deinen auch. Alle wissen, wo wir sind."
Ihre kindliche Erzählperspektive macht am deutlichsten klar, woran Allendes temporeicher Roman krankt. Immer wieder muss sich die Erzählstimme mit sentenziösen Bemerkungen und handlungs- oder zeitraffenden Kommentaren behelfen, um die Jahrzehnte überspannende Handlung zusammenzubringen, um die Not der kindheitstraumatisierten Figuren deutlicher herauszuarbeiten, um klar zu machen, wie drastisch die politische Willkür in Systemen Leben beeinträchtigen und lenken kann. Im Versuch, eine kindliche Stimme glaubhaft erzählen zu lassen, wirkt das besonders aufgesetzt.
Leider werden die Figuren nicht lebendig
Allende versucht, Parallelen zwischen drei Zeiten und Systemen zu ziehen, die, auch wenn die Motive der Willkür sich unterscheiden, schwere Traumata hinterlassen. Doch sie zwängt ihre Figuren zu sehr unter diese Konstruktion. Sie werden nicht so recht lebendig.
Am Ende wirkt der Roman zu kurz geraten, weil er sich für die Bögen, die er spannt, nicht ausreichend Zeit nimmt. Andererseits wirkt er zu lang, weil seine Konstruktion immer lauter klappert, je weiter die Geschichte vorangetrieben wird, anstatt sich aus den Beziehungen der Figuren zu entwickeln. Dabei sind die Anlagen aller Figuren so anregend, ist seine Grundidee so bewegend wie politisch brisant, dass „Der Wind kennt meinen Namen“ das Zeug dazu gehabt hätte, zu gelingen. Denn es sind ja tatsächlich meistens Kinder, die als schwächste Wesen unter politischer Willkür das schlimmste Leid erfahren.


