

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Apr 21, 2024 • 7min
Maria Jose Ferrada – Der Plakatwächter | Buchkritik
Eines Montags kletterte Ramón auf das Gerüst mit dem Coca-Cola-Plakat an der Ausfallstraße, und als am Abend die Sonne hinter den Hügeln rings um die Häuser der Siedlung unterging, beschloss er, für immer dort oben zu bleiben. (Maria Jose Ferrada - Der Plakatwächter)
Der Protagonist in Ferradas Roman „der Plakatwächter“ hat von seinem Arbeitgeber die Aufgabe bekommen das riesige Coca-Cola-Plakat am Ortseingang bewachen. Tag und Nacht. Und weil der Job so sinnlos anmutet, wie er mies bezahlt ist, zieht Ramon gleich ganz auf das Gerüst. Mit Sack und Pack.
Mithilfe eines selbstgebastelten Flaschenzugs schaffte er den Umzug in Rekordzeit – er brauchte keine vier Stunden, um die Möbel von seiner Wohnung aufs Gerüst zu befördern. Als er fertig war, sprach er ein paar Worte, die nur er selbst zu hören bekam, denn von dort oben hatte er nicht nur einen weiten Blick über die ganze Stadt, er war auch allein, genau wie er wollte. (Maria Jose Ferrada - Der Plakatwächter)
Von oben sieht die merkwürdige Welt unten gleich besser aus.
Narren und Kinder sagen immer die Wahrheit
Es ist ein berühmter Topos, den die Autorin Maria José Ferrada in leicht abgewandelter Form für Ihren Roman ausgewählt hat: „Der Eremit in den Bergen“ oder „der Narr auf dem Hügel“, der schon von den Beatles als „fool on the hill“ besungen wurde. Einer, der fern allen anderen, Tag für Tag dem verrückten Treiben der Menschheit zusieht.
Und weil Narren und Kinder immer die Wahrheit sagen, lässt die in Chile geborene Wahlberlinerin Ferrada, die auch viele Kinderbücher geschrieben hat, ihre Geschichte rückblickend aus der Sicht eines Kindes erzählen. Ein Kinderbuch ist der Roman dieses Mal nicht. Aber die Form gibt dem oft ins Philosophische abgleitenden Roman eine erfrischende Leichtigkeit: Aufzeichnungen eines Elfjährigen, vorgetragen von dem allwissenden Erzähler des Romans. Detailliert weiß dieser davon zu berichten, wie es sich abspielte, als Onkel Ramón, offenbar angewidert von der lauten, modernen Welt,- in die Lüfte stieg, um misstrauisch beäugt von seinen Mitmenschen, seinen neuen Job in einer improvisierten Plakatbehausung anzutreten.
Etwa um zehn ging auf dem Gerüst das Licht an, und zwar in dem Loch des großen O, das zusammen mit zwei kleinen Punkten das große Ö des weißen Schriftzugs » KÖSTLICH UND ERFRISCHEND « bildete, der sich über die Fahrertür des von einer Riesin gelenkten Coca-Cola-roten Cabrios zog. Das weiß ich noch, weil ich um diese Uhrzeit die Nachttischlampe in meinem Zimmer ausmachte. »Schlaf endlich, Miguel.« »Ja, Mama«, sagte ich. Aber statt zu tun, was Mama gesagt hatte, presste ich das Ohr an die Wand, um zu hören, wie Ramóns Geschichte weiterging.
Ist es Rückzug oder Protest? Wie so oft im Roman, wo ein Außenseiter sich durch vermeintlich absurdes Verhalten an den Rand der Gesellschaft begibt, wird wie im Brennglas deutlich, dass eigentlich die moderne Welt um Ramon herum absurd ist. Stellenweise wirkt der Roman in seiner zeitlosen Ästhetik wie ein tragisch-komischer Stummfilm mit Worten ohne Bilder. Der Stil: naiv und poetisch zugleich, einfache Worte für die großen, philosophischen Fragen.
Ein moderner Chaplin
Der Held selbst ist eher wortkarg und beobachtet lieber. Wie in Chaplins „Moderne Zeiten“ auf lustige Weise Kapitalismuskritik betrieben wird, liest man hier, wie ein Mensch dazu genötigt wird gegen schlechte Bezahlung, völlig verrückte Dinge zu tun. Ein Werbeplakat zu bewachen zum Beispiel. Im Roman wird das Absurde herrlich auf die Spitze getrieben.
Mittwoch. Ramón rief seinen neuen Chef an, um mitzuteilen, dass er beschlossen habe, sich ab sofort sieben Tage die Woche rund um die Uhr an seinem neuen Arbeitsplatz aufzuhalten. Sprach etwas dagegen? - Bei den ersten drei Versuchen landete er bei einem Anrufbeantworter, der ihn wissen ließ, dass unter dieser Nummer keine Nachrichten entgegengenommen wurden. Beim vierten Versuch meldete sich sein Chef, ein gewisser Eliseo:»Damit wir uns verstehen, Raúl …«– »Ramón…!«»Damit wir uns verstehen, Ramón: Dein Job ist es, auf das Plakat aufzupassen. Du bist dafür verantwortlich, dass niemand die Scheinwerfer klaut. Wenn du deshalb da oben schlafen willst, ist uns das, ehrlich gesagt, egal – meinetwegen kannst du dich auch auf eine Wolke legen oder im Gebüsch verstecken.«– »Okay, danke«,»Wir haben zu danken, Raúl.« (Maria Jose Ferrada - Der Plakatwächter)
Ein Säulenheiliger auf dem Gerüst
Ramon, der Mann, von dem sein Chef sich noch nicht einmal den Namen richtig merken kann, wird auf dem Gerüst zum Säulenheiligen der kleinen Siedlung, die irgendwo in Lateinamerika liegen soll. Von den einen wird er bewundert, von den anderen für verrückt erklärt. Für Gesprächsstoff sorgt er allemal. Für seinen kleinen Neffen aber, der täglich heimlich zu ihm aufs Gerüst klettert, um dort oben mit ihm die Zeit totzuschlagen, ist Ramon ein wahrer Held.
Durch seinen Umzug hatte Ramón, der bis vor ein paar Wochen bloß der Mann meiner Tante gewesen war, sich in ein Zwischending aus Freund, Vogel und Lehrer verwandelt, eine Mischung, wie sie mir noch nie begegnet war und auch nie wieder begegnen sollte. (Maria Jose Ferrada - Der Plakatwächter)
In der Stille lernt man mehr als in der Schule
Mit seinem Onkel, dem Plakatwächter, kann er schweigend die Sterne beobachten und scheint in der Stille dort oben so viel mehr zu lernen über sich und die Welt, als in der stets unruhigen Denkfabrik „Schule“.
Die Schule bedeutete mir nichts, nicht das Geringste. Ich ging regelmäßig hin, das ja, setzte mich an meinen Platz, öffnete die Bücher und schrieb in die Hefte. ... Ein Lieblingsfach hatte ich nie, meine Lieblingsuhrzeit war dafür der Moment, in dem der Schultag zu Ende war. Ich war kein beispielhafter Schüler, aber ein gutes Beispiel dafür, was man unter einem Schüler versteht. (Maria Jose Ferrada - Der Plakatwächter)
Es sind kleine Weisheiten wie diese, die das Buch so liebenswert machen und dem gleich am Anfang ein Motto vorangestellt ist:
Gegen alles bessere Wissen wollte ich Glück. (Maria Jose Ferrada - Der Plakatwächter)
Dieses Zitat aus Günter Grass‘ die Blechtrommel findet sich statt eines Vorworts auf den ersten Seiten des Romans. Eine Hommage an den berühmten deutschen Autor. Auch Ferradas Geschichte trägt wie Grass‘ Blechtrommel, deutliche Züge eines Schelmenromans. Ramon, der Held, kommt aus einer sozial schlechter gestellten Arbeiterschicht, ist vermeintlich ungebildet, aber trotzdem auf seine Art schlau und thematisiert allein durch sein Dasein, die Missstände der Gesellschaft.
Von hier oben zeigte das Leben einem seine durchsichtigen Fäden. Manchmal war es schön, ihrem Hin und Her zuzusehen, manchmal war es aber auch besser, die Augen so fest zuzukneifen, dass kein einziger Lichtstrahl hindurchdrang. »Ist es nicht traurig, immer allein hier oben zu sitzen «, fragte ich irgendwann bedrückt. »Nein.« Durch seine Einsilbigkeit zwang Ramón mich, selbst eine Antwort auf meine Fragen zu finden. In diesem Fall lautete sie mehr oder weniger so: Egal, ob man ein Kind oder ein klappriger Alter war, unten war man nicht weniger allein als hier oben. (Maria Jose Ferrada - Der Plakatwächter)
Ein Kind hält den Erwachsenen den Spiegel vor
Wie in ihrem Vorgängerroman »Kramp« hält auch in Ferradas aktuellem Buch ein Kind den merkwürdigen Erwachsenen um sich herum einen Spiegel vor. Dieses Mal zusammen mit einem schweigsamen Plakatwächter. Der Eremit auf dem Gerüst“, oder auch „Fool on the hill“. Über den sich die Bewohner der Siedlung mehr und mehr aufregen, weil er mit seinem unkonventionellen Wohnen, angeblich die Ordnung störe. Bis am Ende wirklich etwas Schlimmes passiert.
In „Der Plakatwächter“ erzählt ein kluges Kind von der Dummheit der Erwachsenenwelt – traurig, heiter, herzergreifend.

Apr 21, 2024 • 2min
Franz Kafka – In der Strafkolonie
Er ist eine Seltsamkeit, dieser Apparat. In einer Strafkolonie, irgendwo in tropischen Gefilden, da steht er und verrichtet sein grausames Werk: Er ist Folter- und Vollstreckungsinstrument in einem, Teil eines sadistischen Rechtssystems.
Ein Offizier, ein Forschungsreisender, ein Soldat und ein Verurteilter
Die Szene einer Vollstreckung beschreibt Franz Kafka in seiner Erzählung: Ein Reisender, eingeladen vom Offizier der Strafkolonie, beobachtet wie ein nackter Verurteilter bäuchlings auf die Maschine aufgeschnallt wird. Ein komplexer Apparat, zusammengesetzt aus drei Teilen, Bett, Egge und ein Schreibgerät: Eine Nadel schreibt dem Gequälten den Richtspruch am ganzen Körper in die Haut ein. 12 Stunden soll die Folter dauern, versteht der Delinquent schließlich sein Urteil, stirbt er. Die Folter als Instrument auf dem Weg zur Erkenntnis.
Der Richter wird zum Gerichteten
Soll unter Leitung des neuen Kommandanten der Kolonie dieses Gerichtsverfahren bestehen bleiben? Der Forschungsreisende urteilt: Nein. Der Offizier wird nun zum Verurteilten und selbst Teil des Vollstreckungsprogramms. „Sei gerecht“, lautet das Urteil, etwas, was die Maschine nicht einschreiben kann. Sie zerstört sich selbst, aber nicht ohne den Offizier vorher blutig niederzumetzeln.
Splatter mit Tiefgang
Zu viel für schwache Gemüter: Bei der berühmten öffentlichen Lesung „Der Strafkolonie“ 1916 fielen Zuhörer:innen in Ohnmacht. Es ist eine splatterhafte Horrorschockergeschichte mit vielfältigen Deutungsmöglichkeiten. Eine davon zeigt, dass, wie so oft, der wahre Horror im Realen liegt: 1914 geschrieben, entstand die Geschichte im Angesicht des aufziehenden Ersten Weltkriegs, einer Zeit, in der technische Entwicklungen fatale Folgen für die Menschheit hatten – Folterapparate überall.
Warum „In der Strafkolonie“ lesen?
Ohnmacht durch Technik, bürokratische Überforderung, ständige Überwachung und Kriegsgewalt: Themen, die uns heute, im Jahr von Kafkas 100. Todestag und im Digitalen Zeitalter, sehr alltäglich vorkommen.
Ob Kafka lesen uns über solche Krisen hinwegtröstet? Vielleicht nicht. Aber Grausiges in eine so ästhetische Erzählung zu verwandeln, verdient Hochachtung: Das kann wirklich nur Kafka.

Apr 21, 2024 • 2min
Vladimir Nabokov – Lolita
Der Roman „Lolita“ von Vladimir Nabokov provoziert bis heute – Männertraum oder Geschichte eines lang anhaltenden Kindesmissbrauchs?
Nabokov gelingt in seinem berühmtesten Roman ein großes Kunststück: Er lässt den 40-jährigen Erzähler seine angebliche Liebesgeschichte mit der 13-jährigen Lolita erzählen – und zwischen den Zeilen und trotzdem für jeden sichtbar sich als Scheusal entlarven.
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Guten Tag, ich bin Alexander Wasner Kulturredakteur beim SWR
Vladimir Nabokov erzählt in „Lolita“ von Humbert Humbert, schon der Name ist grotesk. Er ist Literaturwissenschaftler, pädophil, zur Erreichung seiner Zwecke heiratet er Charlotte, die Mutter von Lolita, sie wird aber vom Auto überfahren, da merkt man gleich das gottähnliche Hineinregieren Nabokovs. Humbert ist plötzlich gegenüber dem Objekt seiner Gier erziehungsberechtigt nimmt Lolita aus der Schule und schleift sie unter dem Deckmantel einer Vater-Tochter-Reise durch Amerika. So weit, so einfach.
Der Autor versteckt sich
Spannend ist die Haltung des Autors zu diesem Helden. Angeblich wird uns der Bericht durch einen John Ray zugänglich gemacht, der nennt Hubert Humbert ein Scheusal. Anschließend folgt der Bericht Humberts aus der Ich-Perspektive. Wir schauen ihm bei seinen Verbrechen und seinem Scheitern zu. Er hat alle Zeit der Welt, seine Weltsicht dazulegen. Unerträglich ausschweifend erzählt er von der Schönheit heranwachsender Mädchen, also derer, die er widerlicherweise Nymphchen nennt, andere sagen vielleicht Backfisch dazu, das ist auch nicht nett, klingt aber nicht pädophil. Er erzählt durchaus diskret, aber deutlich, was körperlich passiert – es ist ein Täter- Roman, der alle moralischen Empfindungen herausfordert.
Nicht den Film gucken, sondern den Roman lesen!
Man hat Nabokov angegriffen, dass er sich nicht ausreichend distanziert und eine kranke Phantasie hätte – aber das ist ein Vorwurf, der meines Erachtens nur auf die voyeuristisch-anklagenden Verfilmungen zutrifft. Stanley Kubrick war ein Depp, als er in seiner Verfilmung die John Ray und die ganze Vorgeschichte der gemeinsamen Reise wegließ, und mehr noch als er die beiden nicht 13 und 45 sein ließ sondern gefühlt 20 und 35. Schauen sie nicht die Filme an, lesen Sie den Roman.
Nabokovs „Lolita“ tut heute noch weh, und wenn am Ende auch Humbert Humbert erzählen muss, dass das Mädchen sich seit Jahren in den Schlaf weint, trifft es den Leser ins Mark. Die Reue dagegen kann man nicht mehr glauben, es ist die Reue dessen, dessen Lebensentwurf gescheitert ist – sein Opfer hat er nie im Blick.
Leser werden nicht bevormundet
Aber wie gesagt: Nabokov bevormundet seinen Leser nicht. Ein schlaues und oszillierendes Spiel, an dessen Ende der Protagonist furchtbarer demontiert ist, als es eine Verurteilung im Text je erreichen könnte. Kultur darf das? Klar, aber vor allem muss man hier sagen: Literatur kann das, und macht es leider viel zu selten.

Apr 21, 2024 • 2min
Janne Teller – Nichts. Was im Leben wichtig ist
Ein Schüler stellt sich vor seine Klasse und behauptet, dass nichts im Leben wichtig sei. Seine Mitschüler:innen versuchen, ihm und sich selbst das Gegenteil zu beweisen und beginnen mit dem Sammeln von Dingen, die für sie Bedeutung haben. Es entsteht der „Berg der Bedeutung“.
Kontroverse Schullektüre
Der Jugendroman „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ der dänischen Autorin Janne Teller spaltete in den 2000ern die Gemüter. An einigen Schulen wurde er abgelehnt, erhielt aber auch den Literaturpreis des dänischen Kultusministeriums.
Verstörend oder lebensbereichernd?
Nimmt man Jugendlichen mit diesen nihilistischen Ansichten nicht das Positive im Leben? Oder ist das Buch eine Anregung, sich mit fundamentalen Fragen auseinanderzusetzen? Für Katrin Ackermann steht fest: nichtig ist „Nichts“ von Janne Teller jedenfalls nicht.

Apr 21, 2024 • 2min
Benoîte Groult – Salz auf unserer Haut
In Frankreich als pornografisch beschimpft, in Deutschland ein Bestseller: Benoîte Groults Roman „Salz auf unserer Haut“ sorgte bei seiner Veröffentlichung 1988 für Schlagzeilen.
Es ist die ungleiche Liebesgeschichte zwischen der Pariser Intellektuellen George und ihrem Liebhaber, einem omnipotenten bretonischen Fischer. Eindeutige Sexszenen und eine Protagonistin, die weiß, was sie vom Leben will – Salz auf unserer Haut ist eine große Liebesgeschichte und ein Klassiker feministischer Literatur, findet Theresa Hübner.

Apr 21, 2024 • 2min
Salman Rushdie – Die satanischen Verse
Die zwei Hauptfiguren in Rushdies „Die satanischen Verse“ sind die einzigen Passagiere, die auf wundersame Weise die Explosion des Flugzeugs, in dem sie sitzen, überleben. Eine Art Verwandlung geschieht mit den beiden: Eine Figur wird zum Engel, die andere zum Teufel.
Im Buch wird ein Traum erzählt, in dem es um die Entstehung des Korans geht – der Beginn eines von Gefahr und Verfolgung geprägten Lebens für den Autor Salman Rushdie. Der damals höchste religiöse Führer im Iran ruft die Fatwa, also das Todesurteil, gegen Rushdie aus. 2022 brachte ihn ein Anschlag fast um.
Für Redaktionsleiter Frank Hertweck ist der Roman „Die satanischen Verse“ ein umstrittener Klassiker, der es sich zu lesen lohnt.

Apr 21, 2024 • 8min
Lutz Dursthoff – Nachruf aufs Paradies | Gespräch
Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine hat sich auch das Dorfleben verändert. Und so ist das Buch ein wehmütiger, aber trotziger Abgesang auf eine kleine, ländliche Idylle geworden. Der Krieg ist dort nicht zu sehen und zu hören, aber doch zu spüren.

Apr 21, 2024 • 2min
Arthur Schnitzler – Reigen
Es ist Arthur Schnitzlers erfolgreichstes Bühnenstück: Der Reigen. 1900 erschienen, sorgte der Autor in Wien für Aufmerksamkeit. Was konservative und völkische Kreise dazu brachte, die Theaterbühne zu stürmen: Sex. Je ein Mann und eine Frau schildern in zehn Dialogen ihr sexuelles Begehren.
Es ist ein Reigen durch die sozialen Schichten: der Gatte gibt sich zuerst seiner Ehefrau hin, in der darauffolgenden Szene dem süßen Mädel, der Graf und die Dirne finden zusammen. Moralvorstellungen und Normen scheinen ausgesetzt –Theaterskandal und der „Reigen-Prozess“ folgten. Charlotte Prestel ist auch heute noch von diesem umstrittenen Klassiker begeistert.
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Als Arthur Schnitzler 1896 seinen Reigen verfasst, hält er das Bühnenstück für unaufführbar. Zu anrüchig, zu wenig literarisch. 1900 im Privatdruck nur für Freunde erschienen, dauert es drei weitere Jahre, bis der Reigen ein breiteres Publikum erreicht. In nur acht Monaten folgen zehn Auflagen des Stücks, das einen Nerv der Zeit getroffen haben muss, ein Bestseller.
Munterer Reigen quer durch soziale Schichten
Zehn Szenen, jeweils ein Mann und eine Frau. Einer von beiden lässt sich wiederum in der nächsten Szene mit einem neuen Partner ein. Das Personal verbindet unterschiedliche soziale Schichten: den Soldaten mit dem Stubenmädchen, den Gatten mit dem „süßen Mädel“ oder den Grafen mit der Dirne. Dadurch zeigt Schnitzler: Sexualität hält sich nicht an soziale Grenzen. Vollständig klammert der Autor die Moral aber nicht aus. Auf den Liebesakt folgt zuweilen ein schlechtes Gewissen:
Auszug aus dem Hörbuch Reigen: Dialog der junge Herr, die junge Frau aus CD 1, Reigen 12, 2 Min. – 2 Min. 15 Sek.
Zuschauerräume werden gestürmt – vor Gericht wird wegen des Stücks prozessiert. Bei diesen Reaktionen kann der Reigen zweifellos als umstrittener Klassiker gelten.
Warum das Bühnenstück heute noch lesen?
Schnitzler beleuchtet nicht nur die Kultur des Fin de Siècle, sondern eröffnet Perspektiven auf unsere Gegenwart. Beziehungsformen vervielfältigen sich - von Monogamie bis Polyamorie oder Freundschaft Plus. Ob auf heutigen Datingapps oder im bunten Reigen: Wen wir warum begehren ist eine zeitlose Frage, deren Antwort wir vielleicht in einer vergangenen Epoche finden können.

Apr 21, 2024 • 55min
Nachruf aufs Paradies – neue Bücher von Lutz Dursthoff, Naoise Dolan und Maria José Ferrada
Lutz Dursthoff – Nachruf aufs Paradies. Meine Frau, unsere russische Datscha und ich
Lutz Dursthoff hat sein Paradies gefunden. Mit seiner Frau hat er über viele Jahre eine Datscha in der russischen Provinz zu einem echten Kleinod umgebaut. Sein Buch „Nachruf aufs Paradies. Meine Frau, unsere russische Datscha und ich“ sollte eigentlich eine heitere Beschreibung des russischen Landlebens werden, doch dann kam alles anders.
Im „lesenswert“-Gespräch erzählt er, wie der Angriffskrieg auf die Ukraine das Leben in seinem russischen Dörfchen verändert hat. Ein einfühlsamer Bericht über eine naturnahe Idylle, in der der Krieg Herzen und Köpfe vergiftet.
Maria José Ferrada – Der Plakatwächter
Der Held in Maria José Ferradas neuem Roman „Der Plakatwächter“ will dem Wahnsinn der Welt entfliehen - dazu zieht er auf das Gerüst des Coca-Cola Plakates, das er bewachen soll. Eine erfrischende Erzählung, vorgetragen von einem klugen Elfjährigen.
Jahrhundertstimmen II 1945 - 2000: Deutsche Geschichte in über 400 Originalaufnahmen
Der Hörbuchtipp „Jahrhundertstimmen 1945 - 2000“ ist der zweite Teil eines Mammutprojektes. Über 400 Originaltöne erzählen die Geschichten der beiden Deutschlands, darunter bekannte Stimmen, wie die von John F. Kennedy, aber auch nie Gehörtes, wie ein Interview mit Oskar Schindler.
Kommentiert und historisch eingeordnet vom Herausgeberteam, so fesselnd kann Geschichte sein.
Umstrittene Klassiker und Skandalbücher
Außerdem stellt die lesenswert-Redaktion umstrittene Klassiker unter dem Motto „Kultur darf das“ vor. Mit dabei sind Vladimir Nabokovs „Lolita“, Arthur Schnitzlers „Reigen“ und Bret Easton Ellis „American Psycho“.
Mehr umstrittene Klassiker gibt es hier:
Naoise Dolan – Das glückliche Paar
Und Kristine Harthauer hat das neue Buch der irischen Autorin Naoise Dolan gelesen, „Ein glückliches Paar“ – die Kritikerin ist aber leider nicht sehr glücklich mit dem Roman.
Musik:Morgan Harper-Jones – Up to the glassLabel: PLAY IT AGAIN SAM

Apr 21, 2024 • 2min
Bret Easton Ellis – American Psycho
Ein Buch wie eine Überdosis Koks: Anfang der 90er Jahre sorgte der erst 27-jährige Amerikaner Bret Easton Ellis für einen globalen Literaturskandal. Im Mittelpunkt steht der Wallstreet-Yuppie Patrick Bates, der - stets in elegante Markenklamotten gehüllt - die abartigsten Sexualmorde begeht. Wenn er nicht gerade mordet, spielt er exzessiv Videospiele, feiert in Nachtclubs oder nimmt Drogen.
In Deutschland stand das Buch mehrere Jahre auf dem Index. Erst nachdem ein Verlag dagegen klagte, darf es wieder frei verkauft werden. Gewaltverherrlichung oder brillante Gesellschaftssatire? An dieser Frage scheiden sich bis heute die Geister.
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Als „American Psycho“ 1991 erschien, war ich 20 und frisch gebackene Studentin der Germanistik und Philosophie in Heidelberg. Die Achtziger Jahre waren noch sehr präsent - und doch wirkte der Roman wie ein großer, wilder, brutaler Abgesang auf dieses merkwürdige Jahrzehnt der Neonfarben, der Barbour-Jacken, der großen Dauerwellen, der Ironie.
Von Harald Schmidt promoted
Wer, wie ich, in den achtziger Jahren musikalisch, ästhetisch und konsumtechnisch sozialisiert worden war, der kam an diesem Buch nicht vorbei - außerdem hatte der damals noch umjubelte Berufszyniker Harald Schmidt es mit großer Begeisterung in seiner Late-Night-Show promoted und war damit sogar auf Lesetour gegangen.
Mordendes Monster im Armani-Anzug
Der Held, Wallstreet Broker Patrick Bateman, ist ein mordendes Monster im perfekt geschnittenen Armani-Anzug. Seine Welt besteht praktisch nur aus schöner Oberfläche, geradezu manisch werden ständig die Luxusmarken erwähnt, mit denen sich dieser Psychopath umgibt, Frauen müssen einen „Hardbody“ haben - also einen perfekt durchtrainierten Körper.
Warum heute noch lesen?
Der nützt ihnen dann allerdings auch nichts mehr, wenn sie von Bateman mit der Kettensäge malträtiert werden. Ja: „American Psycho“ ist voller abartiger, sexueller Gewalt und voller Zynismus. Man sieht einem überkultivierten Dandy im Blutrausch zu, der Autor Brett Easton Ellis verzichtet auf jegliche Psychologisierung.
Wir erfahren nicht, warum Bateman zur mordenden Bestie wird. Aber wir erfahren sehr viel über die Gesellschaft, in der er lebt - und tötet. Ähnlich wie bei dem Film „Pulp Fiction“ kann man lange darüber streiten, ob hier Gewalt nur zelebriert und verherrlicht wird - oder - so lese ich das Buch - ob es sich nicht doch um eine ebenso grell übertreibende wie dunkel funkelnde Gesellschaftssatire handelt, die uns allen den Spiegel vorhält.


