SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Jul 14, 2024 • 5min

Charly Hübner – „Wenn du wüsstest, was ich weiß ...“: Der Autor meines Lebens | Buchkritik

1989 der Mauerfall, dann der politische Umbruch mit einer Welt voll neuer Möglichkeiten in diese und jene Richtung. Charly Hübner, ein seinerzeit 16jähriger Mecklenburger, will Schauspieler werden, und er ist bereit, all das Neue ringsum zu erkunden, zu erkennen, zu erleben und – auch das – zu erlesen. Hans Fallada ist bis dahin sein Lieblingsautor, Fallada mit seiner Mischung aus genauer Beobachtung, sozialer Anteilnahme und klarer, stets im Dienst der Erzählung stehender Sprache. Aber dann - auch der Buchmarkt ist ja nun ein großer, gesamtdeutscher - geraten ihm die „Jahrestage“ in die Hände, das Meisterwerk des Uwe Johnson – auch er ein ostdeutsches Nordlicht. Gut fünf Jahrzehnte später spricht der inzwischen als Schauspieler bekannt gewordene Charly Hübner Johnsons Romanchronik als Hörbuch ein und liefert dazu noch eine Art Liebeserklärung - eben an Uwe Johnson. Johnson ist für Charly Hübner der Autor seines Lebens Johnson ist für Hübner der Autor seines Lebens und einer der größten deutschsprachigen Erzähler des 20. Jahrhunderts. Manche Eingeweihte werden Hübner hier zustimmen, andere Johnson doch eher eine Kategorie unter Mann, Musil, Keller und Kafka einsortieren, vielleicht auch noch unter Günter Grass und Martin Walser. Was letztlich egal ist, denn solche Rankings haben immer etwas irgendwie Verfehltes und Angestrengtes. Viel interessanter ist es, dem Schauspieler Hübner bei seinen Umkreisungen des Johnsonschen Erzählstils zu folgen: „Es geht eben nicht nur darum, cool eine Geschichte zu erzählen, sondern auch darum, wie man diese spezielle Geschichte erzählt und mittels Sprache, das, was die Helden der Geschichte erleben, spürbar macht.“  „Uwe Johnson suchte in der Sprache nach einem Ausdruck, der Tatsache und Empfindung, persönliche Sorge und historischen Fakt verbindet. Er erfand Sätze, die mir sowohl die Vertracktheit der politischen Situation als auch die persönliche Empfindung der erlebenden oder berichtenden Person widerspiegeln, wie zum Beispiel die rasenden Gedanken des trainierenden Radrennfahrers Achim in dem 1964 erschienen Roman „Das dritte Buch über Achim“.“ Hübners Biografie verbunden mit Johnsons Leben Immer tiefer wird Johnson die verschiedenen Zeit- und Ereignisebenen verdichten, immer offener und freier wird er das Abgelauschte gegen das von ihm Erfundene, das Geschnatter neben das Chronologische stellen und es dann in den „Jahrestagen“ zu seinem Großroman zusammenbinden. „Das gezierte Sprachbild ist ein Code für eine Wirklichkeit, für einen Gedanken, den Johnson nicht direkt erzählen will. Er nimmt einen Umweg. Im Umweg liegt Johnsons Geheimnis, als würde er sich auf vielen Wegen und mit allen möglichen, lyrischen, journalistischen, erzählerischen Mitteln diesem Geheiminis (einem Lebensgeheimnis?) nähern.“  Uwe Johnson neu entdecken Charly Hübner verbindet seine eigene Biografie unaufdringlich mit dem Lektüreerlebnis, er ruft spezielle Lebensstationen Johnsons auf und kehrt von da zurück zur großen Herausforderung der Hörbuchproduktion der Jahrestage. Die Jahrestage hat Hübner mit Moderatorin Caren Miosga eingelesen, und warum die beiden genau so und nicht anders gelesen haben – auch das erschließt sich mit diesem Buch. Und so ist Charly Hübners Johnson-Würdigung eine feine, an jedem Punkt gut nachvollziehbare Lesehilfe fürs Entdecken oder Bewundern des Schriftsellers Uwe Johnson.
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Jul 14, 2024 • 6min

Manu Larcenet – Die Straße. Nach dem Roman von Cormac McCarthy | Buchkritik

Schwarze, wilde Wolken türmen sich am Himmel auf. Ein Sturm fegt mit mächtiger Kraft über die Erde. Unter einer Plane, die notdürftig an einem Stock festgebunden ist, liegen Vater und Sohn, kaum geschützt vor der Naturgewalt, die um die beiden tost. Das ist die Eingangssequenz der Comicadaption von „Die Straße“ von Manu Larcenet – sie ist eine Methapher für all das, was die beiden in diesem Road Movie erwartet. Überleben in der Hölle Eine nicht näher erklärte Katastrophe hat die Erde zerstört. Die wenigen Überlebenden müssen in einer Welt klarkommen, in der keine Pflanze mehr wächst und das Wasser versiegt ist. Sie suchen nach den letzten Konserven der untergegangenen Zivilisation – viele jagen die letzten Tiere und Menschen, um sie zu essen. Das Leben in dieser Welt ist die Hölle. Werden wir sterben? – Irgendwann schon.– Und was… würdest Du machen, wenn ich sterben würde? – Dann würde ich auch sterben wollen. Quelle: Manu Larcenet – Die Straße. Nach dem Roman von Cormac McCarthy 10 Jahre alt ist der Sohn – und genauso lange irrt der Vater mit ihm durch die kaputte Welt. Das geht aus einem Brief hervor, den der Vater im Comic auseinanderfaltet. Es ist der Abschiedsbrief der Mutter, die ihren Sohn kurz nach der Katastrophe entbunden hat. Sie hatte keine Hoffnung, menschenwürdig in dieser zerstörten Welt zu leben und erschoss sich. Nun irrt der Vater mit der Pistole durch die Welt und hat noch genau zwei Kugeln übrig. Bilder, die an die biblische Apokalypse erinnern Warum unter diesen Umständen weiterleben? Diese Frage stellt (er) sich immer wieder. Manu Larcenet zeichnet die bis auf die Knochen ausgemergelten Körper von Vater und Sohn so, dass sie an die Darstellungen der biblischen Apokalypse der Renaissance erinnern. Allerdings fehlt den meisten Zeichnungen der üppige Hintergrund. Die Welt von Manu Larcenet ist öde und leer, nur die Äste einiger toter Bäume ragen gespenstisch in die Bilder. Jedes einzelne Bild in diesem Comic ist ein Kunstwerk der Hölle. Geht´s? Dir ist kalt, mh? – Ja. Können wir anhalten? Quelle: Manu Larcenet – Die Straße. Nach dem Roman von Cormac McCarthy Cormac McCarthy lässt in seinem Roman „Die Straße“ abwechselnd Vater und Sohn von ihrer Odyssee erzählen. Manu Larcenet streicht den Text des gut 250-Seiten Romans radikal zusammen. Sprache ist in dieser unmenschlichen Umwelt kein facettenreiches Kommunikationsmittel, das Grauen ist unaussprechlich. Vater und Sohn haben keine Namen und unterhalten sich fast ausschließlich über Praktisches. Umso bedrohlicher werden die kleinsten Wendungen in der kargen Kommunikation. Ich versuche, ein Feuer zu machen. Gib mir die Streichhölzer. – Ich… Ich hab sie verloren, Papa. – Was?  – Ich hab sie verloren, ich weiß nicht wann. Ich wollte es Dir nicht sagen, tut mir leid, Papa. Quelle: Manu Larcenet – Die Straße. Nach dem Roman von Cormac McCarthy Im Roman bezeichnen sich Vater und Sohn als diejenigen, die „das Feuer bewahren“. Damit meint Cormac McCarthy, dass sie trotz aller Widrigkeiten ein moralisch integres Leben führen. Das wird bei all dem Hunger und dem Schrecken immer wieder auf die Probe gestellt. Als der Sohn von einem Kannibalen gefangen wird, befreit ihn der Vater mit einem Kopfschuss. Die halb verhungerten Menschen, die sich andere Kannibalen in einem Keller als Vorratslager halten, werden dagegen von Vater und Sohn nicht befreit, aus Angst, Aufmerksamkeit zu erregen. Keine Hoffnung, auch nicht am Meer Die beiden folgen einfach nur der Straße quer durch den Kontinent, die sie ans Meer bringen soll - weil der Vater gute Erinnerungen ans Meer hat. Als sie dort ankommen, ist es aber nicht besser als im Landesinnern: schwarze Wolken hängen über dem Meer, ein zerborstener Kutter liegt am Strand und tote Fische liegen zwischen menschlichen Skeletten. Papa?  – Mmh?  – Was sind unsere langfristigen Ziele? – Wo hast Du das denn her?  – Das hast Du gesagt. – Wann? – Vor langer Zeit.  – Und was war die Antwort? – Das weiß ich nicht mehr.  – Ich auch nicht. Quelle: Manu Larcenet – Die Straße. Nach dem Roman von Cormac McCarthy Und dann werden sie auch noch beraubt. Alles Hab und Gut, das die beiden in einem Einkaufskorb den weiten Weg bis ans Meer geschoben haben, die Konserven, die sie in mühevoller Arbeit zwischen Leichen und anderen grausigen Funden zusammengeklaubt haben, um zu überleben, ist nach der ersten Nacht am Meer weg. Wie ein Wahnsinniger sucht der Vater nach dem Dieb, flitzt von der Deckung eines Autos über die Straße, findet einen verlotterten Mann mit dem Einkaufswagen - und rächt sich. Das Messer runter… Zieh dich aus, alles runter – und zwar schnell… Leg alles in den Wagen. – Mach das nicht.  – Die Schuhe auch. Ich verhungere.. Du hättest dasselbe getan. Du weißt, ohne Kleider verrecke ich. – Du wolltest uns töten. Ich lass Dich genauso zurück, wie Du uns. Quelle: Manu Larcenet – Die Straße. Nach dem Roman von Cormac McCarthy In einem Anfall von Wut und Verzweiflung hat der Vater seinen Vorsatz vergessen, moralisch integer zu bleiben. Will man in so einer Welt wirklich überleben? Cormac McCarthy gibt darauf keine Antwort. Stattdessen zeigt er den Niedergang aller Menschlichkeit in einer zerstörten Welt. Als der Roman vor knapp 20 Jahren erschien, vermuteten viele Kritiker, dass McCarthy die Folgen des Klimawandels (beschrieben/aufgezeigt) hat. Heute erscheint das noch wahrscheinlicher. Manu Larcenet hat die Sprache des Romans in eindrückliche und zeitgemäße Bilder des Grauens verwandelt, mit facettenreichen Grauschattierungen. Das ist keine erbauliche Sommerlektüre, sondern ein postapokalyptisches Meisterwerk.
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Jul 11, 2024 • 4min

Franz Friedrich – Die Passagierin

Angenommen, man könnte in die Vergangenheit reisen und Menschen mit sich zurück in die Zukunft nehmen – welche Personen wären das? Jedenfalls nicht die großen Namen der Geschichte. Einen Buddha, Jesus oder Platon ihrer Epoche zu entreißen hätte schließlich unabsehbare Folgen für den Geschichtsverlauf. Die Zeitreisenden in Franz Friedrichs Roman „Die Passagierin“ konzentrieren sich daher auf tragische Einzelschicksale, auf vergessene Selbstmörder oder Opfer kollektiver Gewalt.  Zeitreisen zur Gewissensberuhigung  Um es gleich zu sagen: Plausibel ist dieser Einfall nicht. Man sollte meinen, dass es auch in der Zukunft mehr als genug Menschen geben wird, warum also noch Abertausende aus der Vergangenheit holen? Doch Friedrichs Retter sind Gutmenschen par excellence; was sie antreibt, ist eine Variante der Überlebensschuld: Wer das Glück hat, in einer Zeit zu leben, in der alle Menschheitsprobleme gelöst sind, möchte zur Gewissensberuhigung wenigstens ein paar Einzelne an diesem Glück teilhaben lassen. Menschen wie Matthias, einen verbitterten Landsknecht aus dem späten Mittelalter:  So wie hier würde es nicht ewig sein – daran erinnere ich mich noch genau –, das haben sie gesagt (…). Es gebe Türen in andere Zeiten, Korridore, die sich durch die Epochen schlängeln würden, es sei möglich, so weit zu reisen, dass alle Kriege und Hungersnöte überwunden seien, vor und wieder zurück, die Jahrhunderte überspringen. Am liebsten hätte ich mich ihnen sofort angeschlossen.  Quelle: Franz Friedrich – Die Passagierin Die uneingelösten Potenziale einer Epoche   Dass dennoch vieles an diesem Rettungsprogramm unklar bleibt, liegt daran, dass der Autor darauf verzichtet, die zukünftige Welt seines Romans detaillierter zu beschreiben. Was schade ist, da so die vermeintlich bessere Welt bloße Behauptung bleibt. Sicher ist nur, dass es dieses Programm zur Zeit der Handlung schon nicht mehr gibt. Es wurde kurz vor Beginn des Romans eingestellt, nachdem eine der Geretteten, ein Opfer der Hexenverfolgungen, lieber wieder in ihre Zeit zurückkehren wollte. Das Ende der Rettungsmissionen ist für die übrigen Evakuierten ein Schock ebenso wie für die, die diesen Einsätzen ihr Leben gewidmet haben.   Friedrichs Ich-Erzählerin Heather ist sogar beides, eine Evakuierte, die später selbst Menschen aus ihren Unglücksepochen gerettet hat. Mit dem Autor teilt sie das Geburtsjahr, 1983, und die Jugend im tristen Ostdeutschland der Neunziger mit Arbeitslosigkeit und Neonazis. Zu Romanbeginn sucht sie ein Sanatorium auf, einen kafkaesken, verfallenden Rückzugsort der letzten Evakuierten. Dort – in einer nicht genauer spezifizierten Zukunft – bilden Menschen aus allen möglichen Epochen eine Art Selbsthilfegruppe, unter der Leitung einer früheren Schamanin. Die interessiert sich in den therapieähnlichen Gesprächsrunden vor allem für die individuellen Traumata der Geretteten; zum Ärger von Landsknecht Matthias, dem die Möglichkeiten einer Epoche wichtiger sind.   Jede Epoche verfügt ja auch über Potenziale, das Bestreben, es besser zu machen, schöner und gerechter, das finde ich viel interessanter, Chancen, an denen sie sich zu messen hat. (…) Der Fokus auf das individuelle Leid verstellt da manchmal den Blick.  Quelle: Franz Friedrich – Die Passagierin Ein Landsknecht als Utopist  Ästhetisch kann man Friedrichs geschichtsphilosophischem Zeitreise-Roman leider einiges vorwerfen: seinen allzu haushälterischen Umgang mit Informationen über die Zukunft etwa. Oder Unglaubwürdigkeiten wie die Annahme, dass sich Menschen mit komplett anderen Prägungen via Crash-Kurs in gebildete, moderne, westliche Menschen verwandeln lassen – wer will, mag darin einen sarkastischen Kommentar auf die Migrationsdebatten unserer Tage sehen.  Zugleich aber hat die Figur des „sanften Melancholikers“ Matthias etwas Großartiges: Ein ehemaliger Landsknecht, der zur Zeit der Bauernkriege aufseiten der reaktionären Kräfte stand. Und sich in der Zukunft zu einem erfinderischen Utopisten mausert und sich den Kopf zermartert, warum die Menschheit ein ums andere Mal unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Das ist wirklich originell!
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Jul 10, 2024 • 4min

Lorenz Jäger – Die Kunst des Lebens, die Kunst des Sterbens

Dieses Buch bietet die Quintessenz eines Intellektuellen, der nie den Bezug zu den großen Lebensfragen verloren hat, über die Menschen seit Jahrtausenden nachdenken. Lorenz Jäger geht deshalb mit Selbstbewusstsein und Demut vor. Anstatt selbst drauflos zu ratgebern, bringt er Traditionen zum Sprechen und Schwingen, moderiert die großen Texte und Stimmen, vom Gilagemesch-Epos, der Bibel und den griechischen Epen bis zu Arno Schmidt und Joni Mitchell. Das ist anspruchsvoll, aber dank des unprätentiösen Tons immer zugänglich.   In neunzehn Kapiteln geht es um Themen und Motive wie die Entfaltung des Unsterblichkeitsglaubens, Begräbnisrituale, die Lebensalter, das Leben-Geben und Leben-Nehmen, aber auch um das Nicht-Leben-Wollen, also die Selbsttötung.   Die Frühverstorbenen und die Uralten  Jäger umkreist die Todesahnungen früh verstorbener Genies wie Hauff, Kafka oder Georg Büchner, der nur zweiundzwanzig wurde, in seinen Werken aber so wirkt, als würde er die Bitterkeit von Jahrhunderten destillieren. Ein volles Leben muss nicht lang sein:  Achilles also stirbt jung. Er ist dafür der schönste unter den Männern, die vor Troja stehen, und der kühnste Krieger. Wir sehen einen James Dean der Antike. Erfüllt kann ein Leben ohne weite zeitliche Ausdehnung sein; auch Romeo und Julia mag man sich nicht alternd vorstellen.  Quelle: Lorenz Jäger – Die Kunst des Lebens, die Kunst des Sterbens Auf der anderen Seite ergründet er die Lebenskunst derjenigen, die uralt wurden, wie Ernst Jünger oder Hans-Georg Gadamer. Gemeinsam ist ihnen, dass sie schon früh damit begonnen haben, weiträumig ins Überzeitliche, Überhistorische zu denken  Lob der Vergänglichkeit  Im Gegensatz zu den Tieren wissen Menschen, dass sie Geborene und deshalb auch Verfallende und Sterbende sind. Der Tod ist die Bedingung des Lebens und verleiht ihm den Reiz des Unwiederbringlichen. In diesem Sinn zitiert Jäger Thomas Manns Essay „Lob der Vergänglichkeit“. Verschwendet wäre solche Lebensklugheit an die neuen Biotech-Utopisten und Transhumanisten, die den Tod besiegen wollen, indem sie das Bewusstsein eines Menschen auf Datenträger laden und dann auf einen Klon übertragen. Jäger gibt ihnen Antwort:   Die Vision der Transhumanisten ist die furchtbarste, die man sich je von der Unsterblichkeit gemacht hat. Wenn die Menschen fünfhundert Jahre alt werden, würden Kinder nicht mehr gebraucht, eigentlich müssten sie dann verboten werden. (…) Utopien sehen meistens schön aus, betrachtet man sie aber näher, so ähneln sie einem Sanatorium – sie sind nur möglich, wenn man sich den Abbau aller Spannungen zwischen den Menschen ausmalt. Das hätte nicht mehr viel mit dem Menschen zu tun, wie er uns bekannt ist. Quelle: Lorenz Jäger – Die Kunst des Lebens, die Kunst des Sterbens Im Kapitel „Die Gräber“ entwickelt Jäger eine kurze Geschichte der Erd- und Feuerbestattung. Bei Homer werden Leichen der Helden feierlich verbrannt. Anders in der Bibel. Bei einem eingeäscherten Jesus wäre die Auferstehung weniger plausibel gewesen, weshalb die christlichen Kirchen bis vor kurzem die Feuerbestattung abgelehnt haben. Die Aufklärung plädierte auch aus antiklerikalen Motiven für die Kremierung. Dieser Stoßrichtung folgten der Nationalsozialismus, der die Feuerbestattung 1934 rechtlich gleichstellte, und die DDR. Heute dominieren zunehmend Asche und Urne. Ein unauffälliges, ressourcenschonendes und preisgünstiges Verschwinden scheint angeraten. Sagt dies – jenseits der Sonntagsreden über die „unantastbare Würde“ – etwas über den gegenwärtigen Wertverfall des Menschenlebens?   Um den eigenen Tod betrogen  Rilkes Sorge, dass der Mensch um seinen ureigenen Tod betrogen werde, erhält im modernen Medizinbetrieb mit seinen lebens- oder elendsverlängernden Maßnahmen neue Relevanz. Statt des eigenen Todes bekomme der Mensch das technisch Mögliche, schreibt Jäger. Wissenschaftliche Expertokratien wollen das Schicksal austreiben und sich die Verfügungsgewalt über das Leben und Sterben der Menschen aneignen. In seinem klugen, anregenden Buch animiert Lorenz Jäger zur „Wieder-Aneignung der enteigneten Künste des Lebens und Sterbens“. Das Schöne bei der Lektüre ist: Es geht ums große Ganze, aber immer mit dem scharfen, feinsinnigen Blick aufs Detail.
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Jul 9, 2024 • 4min

Stephan Schmidt – Die Spiele

Shanghai 2021. Der Journalist Thomas Gärtner will sich am Rand eines Meetings des Internationalen Olympischen Komitees mit dem mosambikanischen Sport-Funktionär Charles Murandi treffen. Kurz darauf wird Gärtner von der Shanghaier Polizei verhaftet, denn Murandi wurde tot in seinem Hotelzimmer gefunden. Die Überwachungskameras zeigen, dass Gärtner dort kurz vorher war. Das Problem: Er kann sich an dieses Treffen nicht mehr erinnern.   Er hätte nicht herkommen dürfen, das ist die einzige Gewissheit, über die er an diesem Morgen verfügt.  Quelle: Stephan Schmidt – Die Spiele Mit Gärtners Vernehmung im Hauptquartier der Polizei in Shanghai beginnt Stephan Schmidts Kriminalroman „Die Spiele“. Vorangestellt ist ein kurzer Prolog, der davon erzählt, wie Gärtner Charles Murandi vor über 30 Jahren zum ersten Mal traf: 1990 war er Auslandskorrespondent in Afrika, Murandi führte einen Protest in Maputo an, bei dem ehemalige DDR-Vertragsarbeiter die Auszahlung ihres noch ausstehenden Lohns einforderten.   Damit sind die Orte gesetzt: Zwischen Mosambik, China und Deutschland entspinnt sich die nicht ganz unkomplizierte Handlung, die nach und nach die Hintergründe des Mordes in Shanghai offenbart. Erzählt in zwischen den Zeiten und Orten wechselnden Kapiteln. Grundsätzlich ein gutes Mittel, das Spannung erzeugen kann. In „Die Spiele“ aber stimmt die Struktur nicht: Der Einstieg ist mühsam, der Mittelteil überfrachtet – und am Ende dann wird jedes kleine, bisher offen gebliebene Detail der Handlung noch auserklärt.   Diese Schwächen im Aufbau des Romans erstaunen. „Die Spiele“ ist zwar das Krimi-Debüt von Stephan Schmidt, aber unter dem Namen Stephan Thome hat der in Taiwan lebende Autor bereits einige hochgelobte Romane geschrieben. Hier aber stehen kluge Passagen über hochbrisante politische Fragen neben schematischen und flachen Handlungselementen. So ist Thomas Gärtner zunächst der moralisch aufrechte Journalist, der alles riskiert, und dann der romantische Held, seit Jahren verliebt in die deutsche Botschaftsangestellte Lena Hechfellner, die gerade in Shanghai arbeitet – und bereit, alles für sie zu tun. Langweilig!   Lena Hechfellner ist die zweite Hauptfigur, wie eine femme fatale attraktiv und eiskalt. Fast alle Männer wollen sie.  Am liebsten wäre er einer der Wassertropfen, die von ihrem Hals abwärtsrollten.  Quelle: Stephan Schmidt – Die Spiele Solche kitschigen Passagen gibt es immer wieder.  Nein, am allerliebsten wäre er eines ihrer Handtücher: das kleine zum Abrubbeln oder das große karierte, auf dem sie sich danach bäuchlings ausstreckte.   Quelle: Stephan Schmidt – Die Spiele Unerwiderte Liebe ist ein altbackendes Handlungsmotiv, das gerade bei diesem Kriminalroman unnötig wäre. Allein eine polizeiliche Ermittlung in China bietet durch die allgegenwärtige Überwachung viel Spannungspotential. Das lässt Schmidt weitgehend ungenutzt, sondern greift stattdessen auf überholte Mittel zurück: So zieht ein vermeintlich geheimnisvoller Mitarbeiter der chinesischen Staatssicherheit im Hintergrund die Fäden – und hat ein Muttermal mit fingerlangen Haaren am Kinn, damit klar wird: Diesem Mann ist nicht zu trauen!   Dass Stephan Schmidt bessere Figuren kann, beweist er mit dem chinesischen Kommissar Luo, der die Ermittlungen formell durchführt und jahrelang gelernt hat, sich innerhalb des kommunistischen Staatsapparats zu bewegen.  Scheiß drauf, denkt er. Irgendwann beißt jeder ins Gras, aber wenn er je an etwas geglaubt hat, dann an ein Leben vor dem Tod. Quelle: Stephan Schmidt – Die Spiele Diese Egal-Haltung führt nicht zu einer Ermittlung, die die Wahrheit zutage fördert, naiv ist Stephan Schmidt nämlich nicht. Aber er vertraut nicht seiner hochspannenden und guten Idee, Menschen aus verschiedenen politischen Systemen aufeinandertreffen zu lassen – mit allen historischen Altlasten und verlorenen kommunistischen Idealen. Stattdessen lässt er sie ständig aus rein persönlichen Motiven handeln. Verschenkt! Wie die abschließende Notiz des Autors, dass die Corona-Pandemie absichtlich nicht vorkommt. In einem Roman, der 2021 in China spielt.   Fazit: Überfrachtet, fehlkonstruiert und überraschungsfrei – „Die Spiele“ ist ein Kriminalroman mit hochbrisanter Ausgangslage und völlig verstaubter Krimielemente.
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Jul 8, 2024 • 4min

Ingolfur Blühdorn – Unhaltbarkeit

Als die neuen sozialen Bewegungen in den 1970er Jahren die ökologische Krise für sich entdeckten, veränderte das die Umweltbewegung von Grund auf. Waren es bis dahin vor allem Bürgerinitiativen, die sich für einen behutsameren Umgang mit der Natur eingesetzt hatten, kamen nun die studentischen Rebellen mit ihrer Forderung nach einer neuen Gesellschaft hinzu. Von da an stand die Zerstörung der Natur in einer Reihe mit der Unterdrückung der Frauen, der Ausbeutung der Arbeiter und der Marginalisierung von Minderheiten.  Die sozialökologische Transformation  Aus der Umweltbewegung wurde so das Projekt einer sozialökologischen Selbstbefreiung. Zwar gab es bereits eine lange Tradition des Naturschutzes, aber erst das Versprechen einer alternativen Gesellschaft machte die Naturschützer zu progressiven Streitern für eine bessere Zukunft. Sie setzten sich mit Nachdruck dafür ein, das moderne Ideal individueller Selbstbestimmung endlich zu verwirklichen.  In seinem Buch „Unhaltbarkeit“ sieht der Politikwissenschaftler Ingolfur Blühdorn dieses Projekt nun an sein Ende gelangt. Auch wenn der ökologische Umbau inzwischen zur Agenda der Regierung gehöre, sei von den ursprünglichen Anliegen nur noch wenig übrig geblieben.  Ähnlich wie man sich Ende der achtziger Jahre von der Idee des sozialistischen Umbaus der kapitalistischen Industriegesellschaft verabschiedete, verabschiedet man sich heute […] heimlich von der Utopie der sozialökologischen Transformation der Gesellschaft. Quelle: Ingolfur Blühdorn – Unhaltbarkeit Das ökologische Paradox  Den Grund für dieses Scheitern sieht Blühdorn allerdings nicht in äußeren Widerständen. Verantwortlich sei weder der gesellschaftliche Backlash, den wir zurzeit erlebten, noch ein grüner Kapitalismus, der sich die emanzipatorischen Anliegen angeeignet habe. Dass die Bewegung trotz ihrer unbestreitbaren Erfolge das eigentliche Ziel einer grundlegenden Erneuerung der Gesellschaft nicht erreichen konnte, liege vielmehr an ihren inneren Widersprüchen:  […] der Schutz der Unversehrtheit von Natur und Umwelt unter dem Vorzeichen der Autonomie des Selbst oder des Subjekts […] bedeutet einen Widerspruch in sich: Die Integrität der Natur erfordert die Begrenzung und Unterordnung des Subjekts; die Autonomie des Subjekts hingegen bedeutet das Überschreiten vermeintlich natürlicher Grenzen und die Beherrschung der Natur.  Quelle: Ingolfur Blühdorn – Unhaltbarkeit Dieser Selbstwiderspruch wird für Blühdorn besonders anschaulich an dem Umstand, dass es gerade der emanzipatorische Erfolg der Bewegung war, der das Erreichen ihrer Ziele verunmöglichte. Denn keine andere Bewegung habe einen derart großen Anteil an der Entstehung eines Ich-Ideals, bei dem die Selbstverwirklichung an erster Stelle stehe und das keinen allgemeinen Imperativ mehr als gesellschaftliche Autorität anerkenne.  Die emanzipatorische Katastrophe  Am Anfang der Bewegung stand die Hoffnung auf die treibende Kraft der Zivilgesellschaft, die niemand so intensiv begleitet hat wie der Soziologe Ulrich Beck. Auf ihn bezieht sich Blühdorn, wenn er seinen Untertitel „Auf dem Weg in eine andere Moderne“ von dessen Buch zur „Risikogesellschaft“ von 1986 übernimmt. Für Beck war die „andere Moderne“ eine erneute Aufklärung, die ihren Ausgang vom heilsamen Schock der ökologischen Krise nehmen sollte. Für Blühdorn folgt nun eine „dritte Moderne“, in der die Emanzipation mit ihren geschlossenen Ich-Welten die Bedingungen der Aufklärung aufgezehrt hat:  […] der Glaube an die vernunftbestimmte Welt freier Subjekte erscheint als illusionär, als untragbare Belastung und – mit ihren ökologischen Imperativen, demokratischen Zumutungen und sozialen Verpflichtungen – als inakzeptable Beschränkung aktualisierter Vorstellungen von Freiheit und Selbstverwirklichung.  Quelle: Ingolfur Blühdorn – Unhaltbarkeit Übrig bleibt unter diesen Umständen nur noch, die Resilienz der Gesellschaft für die kommenden Katastrophen zu erhöhen. Das ist das nüchterne Fazit, das Blühdorn zieht. Man mag seinen Argumenten nicht in allen Punkten folgen, aber eine Auseinandersetzung mit ihnen ist überaus lohnend.
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Jul 7, 2024 • 1h 14min

SWR Bestenliste Juli - August mit Büchern von Abdulrazak Gurnah, Albrecht Selge, Ronya Othmann und Thomas Kunst

Am Spitzenreiter scheiden sich die literaturkritischen Geister in der Kakadu Bar des Mainzer Staatstheaters. Zunächst ging es aber um den neuen Roman des in Heidelberg geborenen Schriftstellers Albrecht Selge. „Silence“ (Rowohlt Berlin) heißt das schmale Buch auf Platz 6 der SWR Bestenliste im Juli und August. Der Vater dreier Kinder versucht, dem Lärm der Welt und dem Krach in der eigenen Familie zu entkommen. Die Jury ist begeistert vom geistreichen Gedankenfluss des Erzählers, in dem zahlreiche literarische und musikalische Referenzen auftauchen. Ein zentrales Thema des Textes ist die ewige Ruhe und das Sterben. Selge hat zudem ein Faible für Witzel-Vergleiche: „Im Alkoholismus gleicht der Literaturbetrieb der Siebzigerjahre-CDU“. Auf Platz 5 der Sommer-Bestenliste steht ein grundlegendes Werk des dokumentarischen Erzählens: „Vierundsiebzig“ heißt das Buch von Ronya Othmann aus dem Rowohlt Verlag, das vom Genozid an den Êzîden erzählt, verübt 2014 von den Terroristen des „IS“. Zu Beginn heißt es in dem Buch: „Die Sprachlosigkeit strukturiert den geschriebenen Text, legt seine Grammatik fest, seine Form, seine Worte.“ Die Jury zeigt sich durchweg beeindruckt von diesem wichtigen Buch, das für das Grauen die richtige Form findet, nämlich bewusst fragmentierte Erinnerungssplitter, die sich nicht auf einen Nenner bringen lassen. Auf Platz 2 der SWR Bestenliste im Juli und August steht der Gedichtband „WÜ“ von Thomas Kunst (Suhrkamp), in dem das lyrische Ich von einem Ort zum nächsten und von einer sprachlichen Form zur nächsten unterwegs ist. Der Band beginnt mit lyrischer Prosa in freien Rhythmen und geht über ins streng komponierte Sonett. Später lesen wir noch japanische Kurzgedichte. Die Jury zeigt sich beeindruckt von der sprachlichen Formenvielfalt. Inhaltlich drehen sich die – wie Kirsten Voigt lobt – „rauschhaften und oft surrealen“ Texte um fragile Familienverhältnisse, das Älterwerden, Diskrepanzen zwischen Stadt und Land, aber auch deutsch-deutsche Dissonanzen zwischen Ost-Vergangenheit und West-Gegenwart. Eine Katze namens WÜ hört dem Dichter zu, der auch den poetischen Mainstream zu kritisieren weiß. Einhellige Empfehlung!   Die meisten Voten der Bestenliste-Jury hat im Juli und August der in Tansania geborene Schriftsteller Abdulrazak Gurnah erhalten. Nachdem Gurnah 2021 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden war, werden seine Werke sukzessive ins Deutsche übertragen. 2017 erschien sein Roman „Gravel Heart“ im englischsprachigen Orginal. „Das versteinerte Herz“ lautet nun der deutsche Titel in der Übersetzung von Eva Bonné (Penguin Verlag). Im Mittelpunkt der Geschichte, die sich über viele Jahrzehnte spannt, steht der zunächst siebenjährige Salim, der in den 1970er Jahren auf der Insel Sansibar in komplizierten Familienverhältnissen aufwächst. Sein Onkel Amir holt ihn nach London zum Wirtschaftsstudium, doch Salim interessiert sich nur für Literatur. Während Eberhard Falcke die Milieubeschreibungen lobt, kritisiert Hubert Winkels die allzu durchsichtige Anlage des Romans, der sich an Shakespeares Komödie „Maß für Maß“ orientiert und kaum eigene literarische Impulse aussendet.
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Jul 7, 2024 • 17min

Thomas Kunst: WÜ | Lesung und Diskussion

Neue Gedichte von Thomas Kunst, aufgeteilt in sechs Kapitel, adressiert jeweils an ein Familienmitglied. WÜ ist eine Katze; auch sie wird angesprochen. So leicht und mit feinem Humor schreitet sonst niemand durch die lyrischen Formen.
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Jul 7, 2024 • 18min

Ronya Othmann: Vierundsiebzig | Lesung und Diskussion

Im August 2014 beginnt die Terrormiliz Islamischer Staat den Völkermord an den Eziden in der Region Shingal. Ronya Othmann reist in die Region, trifft Augenzeugen. Und versucht zugleich, eine Sprache für das Unaussprechliche zu finden.
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Jul 7, 2024 • 21min

Abdulrazak Gurnah: Das versteinerte Herz | Lesung und Diskussion

Sansibar, in den 1970er-Jahren. Salims Vater verschwindet, als der Junge sieben Jahre alt ist. Erst als junger Erwachsener, als er im fremden London zu überleben versucht, wird er dem Geheimnis seiner Herkunft auf die Spur kommen.

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