SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Jul 7, 2024 • 18min

Albrecht Selge: Silence

Albrecht Selge hat bereits in seinen vorangegangenen Büchern sein großes musikalisches Wissen und Verständnis in Literatur hineingearbeitet. Sein Ich-Erzähler leidet unter dem Lärm der Welt und redet darüber. Über das Schweigen lässt sich viel sagen.
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Jul 5, 2024 • 56min

lesenswert Quartett mit Denis Scheck

Das „lesenswert Quartett“ zum Anhören: In der Aufzeichnung vom 18. Juni 2024 diskutieren Denis Scheck, Ijoma Mangold, Anne-Dore Krohn und Samira El Ouassil über vier Neuerscheinungen.
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Jul 4, 2024 • 4min

Maria José Ferrada – Der Plakatwächter

Es ist ein Arbeitsangebot, das zu gut ist, um wahr zu sein: Ramón soll auf ein riesiges Plakat und die dazugehörigen Scheinwerfer aufpassen. Mehr nicht. Eines Abends klettert Ramón auf das Plakatgerüst am Straßenrand und beschließt, von nun an oben zu bleiben. María José Ferradas Roman „Der Plakatwächter“ sucht das Absurde im Alltäglichen – und spitzt es zu. Ramón wird dabei immer mehr zum Säulenheiligen. Schon als Kind bevorzugte er die Stille, um sich in Ruhe einen Eindruck von der Welt zu verschaffen. Die Arbeit als Plakatwächter kommt ihm da gerade recht: Beziehungen zwischen dem, was oben, und dem, was unten passiert – von ihrer Existenz war Ramón überzeugt. Er hatte sechsunddreißig Jahre gebraucht, um den passenden Beobachtungsposten zu finden, an dem er seine mit neun Jahren unterbrochene Suche nach der Stille fortsetzen konnte. Einen Beobachtungsposten und zugleich eine Arbeit, die ihn keine Zeit kostete, ihm aber trotzdem ermöglichte, sich einen guten Mantel zu kaufen, und seinen täglichen Teller Reis sicherte. Und sein Bier. (Maria José Ferrada – Der Plakatwächter, S.22) Ein Familienleben als Stummfilm Erzählt wird der Roman von Ramóns elfjährigen Neffen Miguel. Aus seiner Sicht erscheinen Ramóns Entscheidungen verständlich. Schließlich ähnelt auch der Erwachsene einem staunenden Kind, das die Welt besser verstehen will. Aber auch so haben beide eine besondere Beziehung: Nachdem Miguels Vater die Familie verlassen hat, sorgt die Mutter für ihn. Sein Onkel Ramón und seine Tante Paulina wohnen im gleichen Haus und füllen diese Leerstelle, auch wenn Ramón eher ein wunderlicher Freund ist und weniger eine Vaterfigur. Sein Familienleben spielt sich in Miguels Vorstellung als absurder Stummfilm ab: Eine Stimme aus dem Off sagt: Das werde ich deinem Vater heimzahlen. (Bis auf das Geschepper der Teller und die Musik läuft der Rest als Stummfilm ab.) 1. Meine Mutter nimmt einen Teller und schmeißt ihn an die Wand. 2. Ich verlasse die Wohnung und klingele nebenan. 3. Paulina, die dort wohnt, öffnet die Tür und macht eine Handbewegung, die besagt: deine Mutter ist verrückt. 4. Paulina schließt die Tür und stellt laute Musik an, um den Lärm der zu Bruch gehenden Teller zu überdecken. 5. Ich tue so, als würde ich von dem Geschepper nichts mitbekommen. Paulina tut so, als wäre alles in bester Ordnung, und irgendwann höre ich den Lärm tatsächlich nicht mehr, bis meine Mutter erscheint und sagt: Komm, Miguel, Zeit zu essen. (Maria José Ferrada – Der Plakatwächter, S.22) Ausgerechnet ein Plakat von Coca-Cola Mal erinnert der Roman an einen Stummfilm von Charlie Chaplin, mal an ein Theaterstück von Samuel Beckett. Er greift auch einige von Becketts Themen auf, etwa die Erfahrung von existenziellem Verlust und Einsamkeit. Zudem sind die Figuren, bei aller Komik im Roman, tragische Figuren: Ramón hat in der Plastikfabrik, in der er zuvor gearbeitet hat, einen schlimmen Arbeitsunfall mitansehen müssen. Außerdem trinkt er seit seiner Jugend, um sich vom Lärm der Welt abzuschirmen. Auch wenn Ramón für seine Arbeit bezahlt wird, stellt sein Entschluss, auf dem Plakatgerüst zu wohnen, die bestehende Ordnung der Dinge in Frage. Kapitalismuskritik schwingt im Roman schon deshalb mit, weil Ramón ausgerechnet ein Plakat bewacht, das für den Getränke-Riesen Coca-Cola wirbt. Sprühende Komik und philosophische Tiefe Die Arbeit der Siedlungsbewohner erscheint in ihrer monotonen Art nicht weniger merkwürdig als Ramóns Aufgabe, auf ein Plakat aufzupassen. „Der Plakatwächter“ stellt so die Absurdität unserer Arbeitswelt und der Welt insgesamt heraus: Der Roman beeindruckt vor allem mit seiner Komik und philosophischen Tiefe. Mit funkensprühender Fantasie wirft María José Ferrada die Frage auf, ob es möglich ist, einen neuen Blick auf das eigene Leben zu gewinnen und vorgegebene Bahnen zu verlassen. Denn mitunter reicht ein schlichter Perspektivwechsel, um das Absurde im Alltäglichen zu finden.
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Jul 3, 2024 • 4min

Nastassja Martin – Im Osten der Träume | Buchkritik

Der brutale Angriff eines Bären in Kamtschatka brachte die Anthropologin Nastassja Martin 2015 in die internationalen Schlagzeilen: Der Bär riss ihr einen Teil des Unterkiefers weg und zerfleischte ihr Bein. Martin überlebte nur, weil in der Nähe ein russischer Stützpunkt war. So beschrieb sie es 2019 in ihrem gefeierten Buch „An das Wilde glauben“: Wie man ihr in Russland eine Metallplatte anstelle des Unterkiefers einsetzte, wie verständnislos ihre Umgebung auf sie reagierte und wie sie selbst den Angriff verarbeitete. Denn Martin empfand die Bärenattacke auch als eine Art mythische Verschmelzung mit dem wilden Tier, von dem sie in der Nacht vor dem Angriff geträumt hatte. In ihrem neuen Buch, „Im Osten der Träume“, berichtet die heute 38-Jährige ausführlich von ihrer Zeit bei den Even, einem indigenen sibirischen Volk, das sich nach dem Ende der Sowjetunion neue Erwerbsquellen eröffnen musste.  Ich denke, dass es der Zusammenbruch des sowjetischen Systems ist, der das Unvorstellbare möglich gemacht hat, und dass ich das werde erklären müssen. Ergründen, wie dieses kleine Even-Kollektiv, das durch die Kolonisatoren nacheinander kontaminiert, dezimiert, beraubt und unterjocht und schließlich genau deshalb von der Geschichte vergessen wurde, die systemische Krise zu nutzen wusste, um seine Autonomie zurückzugewinnen. Quelle: Nastassja Martin – Im Osten der Träume  Polykrisen nach dem Zerfall der Sowjetunion  „Antworten der Even auf die systemischen Krisen“ lautet der Untertitel des Buchs, und gemeint sind die vielen Krisen, die das Leben dieser Gruppe in Kamtschatka beeinflussen. Mit dem Ende des Kommunismus, der Indigene gern in Folkloregruppen präsentierte, lösten sich nämlich auch dort die Kolchosen auf. Die Versorgungslinien brachen zusammen. Auch die kleinen Rentierherden, mit denen die Nomaden früher herumgezogen waren, und aus denen längst staatliche Massenzuchten geworden waren, wurden nach 1991 privatisiert.   Hinzu kommt, dass Kamtschatka über riesige Ressourcen an Öl, Gas, Erzen, Holz und Fisch verfügt, auf die Moskau längst ein Auge geworfen hat. Bereits jetzt bedroht der rücksichtslose Nickelabbau die Siedlungsgebiete der Indigenen. Und auch die – durchaus zwiespältige – Nische, auf die sich die Even nach dem Untergang der Sowjetunion spezialisiert haben, ist bedroht. Aktuell leben sie nämlich vor allem vom Verkauf von Zobelpelzen an reiche Russen. Doch Pelz kommt mehr und mehr aus der Mode, auch in Russland, und die Zobelpopulation rund um den Itscha, den großen Vulkan auf Kamtschatka, ist bereits stark ausgedünnt.   Ein Animismus, in dem Mensch und Tier ihren Platz haben  Mit all dem sieht sich Nastassja Martin konfrontiert, die eigentlich die „animistischen Kosmologien“ der Even erforschen will, ein Denken, das zwischen menschlicher und tierischer Welt kategorial nicht unterscheidet. Dafür schließt sie sich einer Familie an, die nach eigener Aussage „in den Wald zurückgegangen ist“. Den engsten Kontakt hat sie zu der älteren Darja, mit der sie ihre Träume bespricht. Eine Frau, die eigenen Regeln folgt:  In Itscha ist keine Handlung je völlig belanglos, und alles zieht potenziell Folgen nach sich. Insofern würde Darja nie erwähnen, dass jemand oder eine Gruppe von Lebewesen im Verschwinden begriffen ist. Denn diese Eventualität könnte, wenn sie in Worte gefasst – in die Welt gesetzt – würde, durchaus eintreten. Quelle: Nastassja Martin – Im Osten der Träume Echtes Interesse an den Antworten der Indigenen  Überzeugend ist Nastassja Martins Buch da, wo sie von den Mythen der Even erzählt, in denen sich menschliche und tierische Welt durchdringen, Rabe, Bär und Lachs eigene Pläne verfolgen und nicht nur menschliche Abbilder sind wie in europäischen Fabeln. Leider kann sich die Autorin aber nicht so recht zwischen Literatur und Forschung entscheiden, was zu störendem Jargon führt. Faszinierend bleibt, wie ernsthaft Martin an den Antworten interessiert ist, die die Indigenen möglicherweise geben können, auch wenn sie längst mit dem Rücken zur Wand stehen.
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Jul 2, 2024 • 4min

Julien Green – Treibgut

Es ist eine Zeit des Übergangs – am Horizont sieht man schon deutliche Anzeichen des drohenden Weltkriegs, und die vermeintlich heile Welt des Bürgertums zeigt gewaltige Risse. Paris in den frühen 30er Jahren, eine Epoche voller Ungewissheit: In seinem 1932 erstmals erschienenen Roman „Treibgut“ lässt Julien Green seinen Helden Philippe durch die Nacht und das Leben treiben, auf der Suche nach Abenteuern. Über seinen eigenen Charakter macht sich Philippe keine allzu großen Illusionen. Er sieht den Nichtsnutz in sich, der „Leere seines Daseins“ ebenso ausgeliefert wie der unheilvoll keimenden Vermutung, zudem ein Feigling zu sein. In einem bezeichnenden Moment nämlich kommt ihm seine Existenz unverstellt zu Bewusstsein: Wie immer streift er am Abend durch die Straßen von Passy und zu den Quais der Seine; er beobachtet ein streitendes Arbeiterpaar und hört die Hilferufe der Frau.  Der Mann packte ihren Arm, schüttelte sie und überhäufte sie mit Flüchen. Sie aber heftete den Blick immer weiter auf Philippe und rief: ‚Monsieur!‘, mit einer rauen und leisen Stimme, dass er erstarrte. Er blieb reglos; durch sein ganzes Wesen ging ein Zögern, das nicht länger dauerte als ein Herzschlag, ihm jedoch schien es endlos. Vielleicht hatte er sich vor dieser Minute noch niemals erkannt.  Quelle: Julien Green – Treibgut Die pompös-porösen Kulissen der bourgeoisen Welt Philippe wendet sich ab. Furcht und Trägheit sind stärker als Mitgefühl und Courage. Aber nicht nur hier ist er passiv: Ihm fehlt auch der Mut, seine eigene Frau Henriette zur Rede zu stellen. Sie betrügt ihn ausgerechnet mit einem Proletarier, der sie an ihre hinter sich gelassene Armut erinnert. Philippe, Henriette, die Schwägerin Éliane und der bemitleidenswerte Sohn Robert – das sind die Protagonisten eines traurigen Kammerspiels, eingezwängt in die pompös-porösen Kulissen der bourgeoisen Welt.  So alt wie Philippe – Anfang 30 – war Julien Green, als er seinen Roman „Treibgut“ veröffentlichte. In wunderbar schwebenden, widerstreitenden inneren Bewegungen lässt er seinen Helden durch ein so gegenwärtig wie verwunschen erscheinendes Paris flanieren. In dieser Vermischung einer mythischen und zeitgenössischen, symbolischen und realistischen Darstellung der Stadt erkennt der Übersetzer und Herausgeber Wolfgang Matz auch das Verstörende des Romans. So heißt es bei Green:  Hier treten die Häuser weit auseinander, und die Straße dazwischen öffnet sich schließlich zum Fluss. Eine Treppe führt mit hundert Stufen vom Boulevard hinunter zu dieser Sackgasse; Gaslaternen erleuchten nur schlecht die drei aufeinanderfolgenden Absätze. Rechts von der Treppe fesselt eine Art Abgrund den Blick.  Quelle: Julien Green – Treibgut Von Wolfgang Matz wunderbar verstörend übersetzter Roman  Den Abgrund im Blick, von einer „verstörenden Vollkommenheit“ umgeben – und dazwischen verbirgt sich eine weitere Schicht dieses großartigen und von Wolfgang Matz wunderbar verstörend übersetzten Romans. In seinem Tagebuch notierte Julien Green, dass „Treibgut“ die Geschichte eines verheirateten Homosexuellen erzähle, der nichts von seiner Homosexualität wisse, ahnungslos leide. Die zeitgenössische Kritik erkannte diesen Aspekt nicht, obwohl es einige Anhaltspunkte gibt. Philippe ist ein Mann, der Körperkult betreibt, aber kein einziges Mal mit seiner Frau eine intime Situation erlebt. Die stillen und zugleich offensichtlichen Avancen seiner Schwägerin lässt er kühl an sich abprallen. Bei den nächtlichen Spaziergängen lauscht er dem Klang des Wassers, der ihn wegführt von der „monströsen Erregung der Städte“, die ihn anlockt und zugleich abstößt.  Vielleicht hatte kein anderer Mensch eine so vollkommene Einsamkeit erlebt wie dieser Mann im Herzen einer übervölkerten Hauptstadt. Quelle: Julien Green – Treibgut Ein unglücklich Gefangener in einem gesunden Körper  Die Einsamkeit ist total für den, der noch nicht einmal weiß, was ihm fehlt. Insofern ist der tatenlos-furchtsame Philippe nicht nur ein Vertreter der dem Untergang geweihten großbürgerlichen Welt, sondern auch der unglücklich Gefangene im Innern eines gesunden Körpers, dessen Begierden verborgen bleiben. Julien Green erzählt von dieser Zerrissenheit auf subtile, eindrucksvolle Weise.
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Jul 1, 2024 • 4min

Anthony Bale – Reisen im Mittelalter

Im Mittelalter gab es die Kreuzritter, die unter erheblichen Strapazen ins Heilige Land und nach Jerusalem aufbrachen. Aber das war es dann schon – oder? Anthony Bale hat in öffentlichen Bibliotheken, Archiven und hinter Klostermauern recherchiert, um eines zu zeigen: Im Spätmittelalter – das meint in etwa von 1300 bis 1500 – ermöglichten die technischen Fortschritte, aber auch der kulturelle Austausch weitverzweigte Reiseaktivitäten. Weitverzweigte Reiseaktivitäten im Spätmittelalter Reisende im Spätmittelalter konnten sich auf gut organisierte Häfen und auf Schiffstypen wie die „Caravelle“ mit vier Segelmasten verlassen. Doch wer waren die Reisenden? Ritter, Diplomaten und Handelstreibende wie Marco Polo, aber auch einfache Pilger und Mönche. Selten Frauen wie die britische Adelige Beatrice Luttrell, die 1350 nach Rom pilgerte. Der Mailänder Staatsmann und Pilger Santo Brasca, der 1480 ins Heilige Land aufgebrochen war, gab in seinem Reisebericht folgenden Rat: Dass ein Reisender immer zwei Taschen brauche: eine voller Geld und die andere voller Geduld. Andere Reisende meinten, es brauche noch eine dritte – die des Glaubens. Quelle: Anthony Bale – Reisen im Mittelalter, Seite 52 Der Glaube stand im Mittelpunkt des Reisens Der Glaube spielte beim Reisen im Spätmittelalter eine große Rolle. Pilgerfahrten zu Wallfahrtsstätten standen hoch im Kurs, denn sie waren mit der Vergebung von Sünden verbunden. Rom, die Heilige Stadt, war natürlich deren Zentrum. Noch wichtiger als Rom galt frommen Pilgern eine andere Stadt: Jerusalem mit ihrer Grabeskirche Jesu Christi. Als wichtigster Abreisehafen hatte sich Venedig etabliert. Im Lesen von Bales Buch ist man erstaunt, welch ausgeklügeltes System die Venezianer etabliert hatten: Man benötigte zur Schiffsbeförderung einen Geleitbrief und ein Gesundheitszeugnis. Alle Waren, die man in der Lagunenstadt kaufen konnte, hatten feste Preise, ebenso die Gaststätten und Privatquartiere. Hatte man es dann endlich auf sein Schiff nach Jerusalem geschafft, begannen die eigentlichen Tortouren: Schlechtes Essen, Stürme und räumliche Enge. Der französische Edelmann Nicole Louve hat die Bedingungen des Quartiers unter Deck in drastische Verse gefasst: Wo es nach Fürzen und Blähungen stinkt / und manches von den menschlichen Eingeweiden sinkt / und niemand sich vorsieht vor menschlichen Winden. / Der Ekel bringt dir die Sinne zum Schwinden! Quelle: Anthony Bale – Reisen im Mittelalter, Seite 163 Auch wenn europäische Pilgerstätten, Jerusalem und der Orient einen Gutteil von Bales Buch ausmachen, waren sie bei weitem nicht die einzigen Destinationen im Spätmittelalter. Auf der „Seidenstraße“ gelangten europäische Händler, Diplomaten und Mönche nach Persien, Indien und China. Der Venezianer Marco Polo avancierte zum Vertrauten des mongolischen Herrschers Kublai Khan und der russische Handelsreisende Afanassi Nikitin diente auf seinen Expeditionen Herrschern in Indien und Persien. Nach Anthony Bale gilt für diese beiden Abenteurer eines. Er ist der unabhängige Reisende, der in der Fremde „heimisch” wird oder für den das Reisen Elemente der Assimilation und eigenen Veränderung beinhaltet. Quelle: Anthony Bale – Reisen im Mittelalter, Seite 323 Ein weiter Horizont Die Berichte von Marco Polo oder Afanassi Nikitin waren wichtige Zeugnisse. Denn ihre Leserschaft begriff, dass es auch außerhalb des christlichen Europas Länder gab, die zivilisiert und deren Kulturen beeindruckend waren. Das galt allerdings auch umgekehrt: Sultan Mehmed II., der Konstantinopel eroberte, erhielt durch Händler und Diplomaten einen guten Eindruck der Kultur des christlichen Europas – was ihn allerdings nicht abhielt, Eroberungszüge dorthin zu unternehmen. Anthony Bale nennt Mehmed zurecht einen osmanischen „Renaissancefürsten“. Sein Buch „Reisen im Mittelalter“ gibt einen sehr genauen Überblick zu den stets abenteuerlichen und oft gefährlichen Reiseunternehmen von damals. Bale hat akribisch geforscht und kann sein Wissen in gut lesbarer, oft auch in witziger Form weitergeben. Und der Autor stellt eines klar: Der Horizont der Menschen im Spätmittelalter war keineswegs so beschränkt wie manchmal behauptet wird.
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Jun 30, 2024 • 55min

Wettlesen am Wörthersee

Zur ganzen Sendung
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Jun 30, 2024 • 12min

Gute und schlechte Texte

SWR-Literaturredakteur Carsten Otte im Gespräch mit Dr. Katrin Schumacher (Literaturwissenschaflterin, Literaturchefin MDR Kultur) zu den 48. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt (Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2024).
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Jun 30, 2024 • 6min

Kritik der Kritik – Die Jury des Bachmann-Wettbewerbs

Doch der nach Schwens-Harrant das Wort ergreifende Philipp Tingler beklagte Selbstbezüglichkeit und Immanenz des Textes, nannte Brylas Literatur altbacken, „obsolet“, „einen begleitenden Katalogtext.“ Das wiederum wollte Schwens-Harrant nicht auf sich sitzen lassen: „Das ist aber jetzt auch knapp behauptet, ohne einen Beleg.“  Tingler geriet danach argumentativ in die Bredouille - so wie Mara Delius kurz zuvor Schwierigkeiten hatte, das von ihr ausgemachte „Konservative" in Olivia Wenzels Text zu erklären, als die Autorin das noch einmal näher erläutert haben wollte. 48. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt Das Wortgefecht von Schwens-Harrant und Tingler stand bei diesem 48. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb stellvertretend für die Diskussionen innerhalb der Jury, gerade wenn die Einschätzungen der Texte höchst unterschiedlich ausfielen.  Die Juroren stellten dann häufig die Literatur- und Kritikbegriffe der jeweils anderen in Frage. Wenn jemand nur ein Geschmacksurteil abgab, wurden Argumente gefordert, wenn Mithu Sanyal von einem „originellen Text“ sprach, der sie „tief berührt“ habe, fragte der neben ihr sitzende Philipp Tingler sofort: „Warum?“. Er wollte von der gern in Elke-Heidenreich-Manier überschwänglichen, emotionalen, stets mit ihren Händen herumfuchtelnden Mithu Sanyal literaturkritische Argumente hören, vor dem Hintergrund von Form und Sprache Urteile gefällt bekommen.  Und trotzdem: Auch der neue Juryvorsitzende Klaus Kastberger ließ es sich nicht nehmen, einen Text „langweilig“ zu nennen, wie den von Denis Pfabe. Oder er rief einfach mal so ins ORF-Studio: Ich kann Texte, in denen Gegenstände sprechen, nicht ausstehen, ich hasse den Kleinen Prinzen, ich hasse Harry Potter, das geht mir auf den Nerv. Quelle: Klaus Kastberger, Juryvorsitzender Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb Um einen Tag später das von ihm an dieser Stelle beklagte „Kindergartenniveau“ zu widerlegen, als er Henrik Szantos begeistert feierte: Hier erzählen die Wände und Räume eines Hauses in der ersten Person Plural. Quelle: Klaus Kastberger, Juryvorsitzender Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb Was aber wie in den beiden vergangenen Jahren auffiel: Die jeweiligen Literatur- und Kritikbegriffe sind mehr und mehr politisch eingefärbt. Ästhetische Kriterien werden dann schon mal zur Auslegungssache und hängen eng zusammen mit der politischen Haltung. Lebendige Jurydiskussionen Ja, Körperlichkeit, Empathie und Ethik haben Einzug gehalten bei der Bewertung von Texten. Mithu Sanyal ist dafür das herausragende Beispiel, das identifikatorische Lesen ist Teil ihrer Art von Literaturkritik. Was man problematisch finden kann, den Jurydiskussionen in Klagenfurt aber eine zusätzliche Lebendigkeit verleiht, gerade weil sich Philipp Tingler oder auch Mara Delius daran notorisch stoßen.  Offensichtlichste Antipoden deshalb in diesem Jahr: Mithu Sanyal und Philipp Tingler. Sanyal feierte Tijan Silas Text zum Beispiel auch deshalb, weil sie glaubte, dass dieser den deutschen Rassismus anprangert, was Tingler und andere nicht so sahen; und Tingler begegnete Sanyals Schwärmerei für Olivia Wenzels Text sofort damit, dass dieser mit „modischen Begriffen von Identitäten“ arbeite. Um später, als die weibliche Erzählerin in Johanna Sebauers „Gurkerl“-Text sagt, sie sei kein Meinungsschreiber, und sich Sanyal nicht daran störte, ironisch triumphierend ausrief: „Mithu Sanyal hält ein flammendes Plädoyer für das generische Maskulinum.“  Gerade aber auch bei Wenzels Text, der in den sozialen Medien über die Maßen gefeiert wurde, taten sich die auch in der Literaturkritik entstandenen ideologischen Gräben auf. Delius und Tingler wollten einen reinen „Thesentext“ gelesen haben. Mithu Sanyal und Laura de Weck bekamen sich nicht ein vor Begeisterung. Laura de Weck sprach gar von „Stolz“, diesen Text mitgebracht zu haben. Ähnliches passierte nach der Lesung von Miedya Mahmod, da Tingler und Delius versuchten, die Euphorie von Sanyal und Kastberger zu dämpfen und von „ästhetischen Überdehnungsübungen“ sprachen.   De Weck, die für die ausgeschiedene Juryvorsitzende Insa Wilke in die Jury nachrückte, war dann leider auch das blasseste Jurymitglied; in der Regel beurteilte sie die Texte danach, ob diese zeitgemäß seien oder aktuelle Themen aufgriffen. Viel mehr kam von ihr nicht; dass sie immer von „Traumas“ statt Traumata sprach und einer eindeutig psychiatrischen Krankheit wie der Schizophrenie mit dem Psychologen beikommen wollte: geschenkt.  Doch diese Blässe gehört womöglich zu einem Jury-Debüt dazu: Auch Mara Delius und Brigitte Schwens-Harrant wirkten bei ihren ersten Klagenfurter Jury-Auftritten unsicher und nervös. Jetzt sind sie angekommen. Sie ragten dieses Jahr heraus. Sie argumentierten zumeist nahe am Text, ohne sich, wie der stets Textstellen suchende, findende und dann zitierende Literaturwissenschaftler Thomas Strässle, darin zu verlieren. Und Delius und Schwens-Harrant kamen ganz ohne den angeberischen Furor aus, der Klaus Kastberger und den ansonsten häufig richtig liegenden und auf den Punkt kommenden Philipp Tingler auszeichnet. Tingler immerhin gestand ein, auch ein bisschen ein Angeber zu sein.  Kastberger wiederum scheint sich ähnlich wie de Weck noch einfinden zu müssen in seine neue Rolle. Zu oft ging sein von Selbstgefälligkeit nicht ganz freies Temperament mit ihm durch, zu wenig versuchte er sich als Mittler seiner Mitstreiter, zu offensichtlich führte er immer mal wieder die Fußball-Europameisterschaft ins Diskursfeld. Doch mochte man ihn nicht immer witzig finden, wenn er seine Baumarkt-Aversion zum besten gab oder gestand, mittags immer ein Gurkenglas in seinem Büro zu haben: Kastberger weiß am Ende nur zu genau, dass der Bachmann-Wettbewerb vor allem auch ein Fernsehformat ist und darin die unterhaltenden Momente nie fehlen dürfen.
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Jun 30, 2024 • 10min

Hinter der Bühne – Welche Bedeutung hat der Bachmann-Wettbewerb aus Verlagsperspektive?

Carsten Otte im Gespräch mit Jessica Beer (Lektorin Residenz Verlag, Wien) zu den 48. Tagen der deutschsprachigen Literatur (Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2024)

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