

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Mentioned books

Jan 12, 2025 • 16min
40 Jahre schöne Bücher. Die legendäre „Andere Bibliothek" feiert Geburtstag
Es ist die vermutlich schönste Buchreihe, die die deutschsprachige Literaturwelt je gesehen hat: Genreübergreifende, die Welt entdeckende Bücher in einer aufwendigen, bibliophilen Gestaltung.
Rainer Wieland im Gespräch
Bis heute gibt es die „Andere Bibliothek": Jeden Monat erscheint unter dem Dach des Aufbau Verlags ein neuer Titel. Zum 40. Geburtstag sprechen wir mit Rainer Wieland, neben Nele Holdack einer der Herausgeber der Reihe.

Jan 12, 2025 • 1min
Andreas Thalmayr – Das Wasserzeichen der Poesie oder die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen
Am 27. September 1985 erschien als neunter Band der „Anderen Bibliothek“ ein Buch mit einem sehr barocken Titel: „Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen. In hundertvierundsechzig Spielarten vorgestellt von Andreas Thalmayr“. Es war prächtig aufgemacht, mit geprägtem Deckel, der ein Teufelchen inmitten eines Labyrinths zeigt, versehen mit einem Schutzumschlag aus Plastik. Sein Inhalt: eine detailreiche Sammlung rhetorischer und sonstiger Mittel der Lyrik anhand vieler Gedichte der Weltliteratur. Beispiele gefällig?: Anapher, Epiphora, Paronomasie, aber auch Überraschendes wie: Jargon, Zitat usw.
Da erinnert einer daran, dass Kunst von Können kommt, dass Dichten ein Handwerk ist, vielleicht keines, das man lernen kann, aber eines, ohne das es nicht geht. Ein Genie fällt nicht vom Himmel, sondern steht auf dem Sockel der Transpiration. Aber wer war nun dieser mysteriöse Andreas Thalmayr?
In meinem Exemplar steht eine kleine Widmung: „i.V. Enzensberger“. Der sich da einen Vertreter nennt, ist in Wirklichkeit der Sammler und Herausgeber selbst, Hans Magnus Enzensberger, der Begründer und spiritus rector der „Anderen Bibliothek“, „Andreas Thalmayr“ sein nicht ganz unbekanntes Pseudonym. Enzensberger hat sich immer für die handwerkliche Seite der Dichtung interessiert, sozusagen für den Maschinenraum der Poesie. Dass er später also einen „Landsberger Poesie-Automat entwickelt hat, der auf Knopfdruck Gedichte produziert, wenn wundert's.
„Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen. In hundertvierundsechzig Spielarten vorgestellt von Andreas Thalmayr“, Band 9, 27. September 1985

Jan 9, 2025 • 4min
Maya Kessler – Rosenfeld | Buchkritik
Teddy Rosenfeld ist ein Mann, der weiß, was er will. Und Noa Simon, die junge Filmemacherin, die sich dem Boss einer Biotech-Firma bei einer Feier an den Hals wirft, will er definitiv nicht. Sagt er jedenfalls hinterher, nach einem spontanen Stelldichein in einer Toilettenkabine.
Daher leistet er den folgenden schamlosen Avancen von Maya Kesslers Ich-Erzählerin auch beharrlich Widerstand, selbst dann noch, als diese in seinem Unternehmen anheuert. Warum Teddy so ablehnend reagiert? Weil der Mittfünfziger nach diversen Ehen und Affären so seine Erfahrungen gemacht hat.
Und sich sicher ist, dass sich die 20 Jahre Jüngere – tabuloser Sex hin oder her – am Ende als genauso durchgeknallt entpuppen wird wie seine früheren Beziehungen.
»Ich weiß, wohin das führt«, er spricht mehr zu sich selbst als zu mir, »ich werde dich ruinieren. Das will ich nicht. Ich kenne das schon.« »Du wirst mich nicht ruinieren. Und wenn – dann will ich das.«
Quelle: Maya Kessler – Rosenfeld
Kontrollsüchtiger Titelheld
Liebesromane werden heutzutage ja gerne mit sogenannten Tropes etikettiert, zur Einordnung. Teddy Rosenfeld, der schwergewichtige, kontrollsüchtige Titelheld von Maya Kesslers Romandebüt, wäre demnach eindeutig ein „Grumpy“, also ein anfänglich desinteressierter, pessimistischer Kerl, dem unversehens der Schutzpanzer über seinem Herzen abhandenkommt – ein Typus, den bereits Jane Austen kannte.
Würde die israelische Autorin diesem Muster folgen, wäre Noa Simon ein „Sunshine“, der lebensfrohe weibliche Sonnenschein, der dem Grumpy die Liebe lehrt.
Tatsächlich aber ist Maya Kesslers Ich-Erzählerin das genaue Gegenteil: Noa ist unersättlich, impulsiv und nicht zuletzt wütend – auf sich, das Leben und vor allem ihre Mutter, die einst die Familie im Stich gelassen hat. So gesehen gleicht Noa eher einem Tornado, der Teddys Leben im Lauf des 560 Seiten starken Romans gehörig durchpflügen wird.
Dabei fällt es anfangs schwer, für Kesslers Protagonistin Sympathien aufzubringen. Zu sehr stößt einen diese Figur ab: mit ihren selbstdestruktiven Impulsen, mit ihrer emotionalen Instabilität und Unreife. Vielleicht liegt es daran, dass gerade die ersten Romankapitel, trotz der rasanten, gegenwartsnahen Schreibe Kesslers, zur Geduldsprobe geraten.
Menschen mit Mutterproblemen
Doch es lohnt sich durchzuhalten. Nicht nur wegen der, wie man heute sagt, spicy Sexszenen. Sondern weil die ungleichen Charaktere, die sich im Lauf der Handlung abwechselnd an die Wäsche und an die Gurgel gehen, irgendwann doch überraschend an Tiefe gewinnen – und ihre Beziehung in ihrer Abgründigkeit und Leidenschaft mehr und mehr fesselt.
Denn nicht nur Noa hat ein Mutterproblem. Teddy hat aus der Wohnung seiner längst verstorbenen Erzeugerin ein Mausoleum gemacht, für Noa ein No-Go. Die Folge sind Grenzüberschreitungen auf beiden Seiten: Er versucht, gegen ihren Willen, eine Aussöhnung mit ihrer verbannten Mutter anzuleiern, sie fängt an, besagte Wohnung aufzulösen, damit ihr Geliebter endlich loslassen könne.
Wieso hat er mich […] dorthin mitgenommen? Weil er nicht weiß, wer du bist. Er weiß nicht, dass du der Todesengel jeglicher Mütterlichkeit bist, dass du jede Nabelschnur, die nicht sofort, sobald es eben geht, durchschnitten wird, bis aufs Blut verabscheust.
Quelle: Maya Kessler – Rosenfeld
Romanze zweier Sturköpfe
Wie aus der Romanze zweier Sturköpfe, die anfangs nur auf Begehren und Leidenschaft basiert, eine wird, in der sich ständig die Macht- und Näheverhältnisse neu austarieren, ist überaus spannend und unterhaltsam zu lesen. Teddy ist, wie sich zeigt, ein Mann mit vielen Geheimnissen, sie dagegen eine Frau voller Traumata und verdrängter Ambitionen.
Am Ende führt jede Verletzung, die sich beide zufügen, jeder Vertrauensbruch nur dazu, die Intimität zwischen beiden zu steigern. Maya Kessler hat ein Debüt vorgelegt, das beeindruckt: durch seine intensive Rohheit wie auch seine voyeuristische Präzision.

Jan 8, 2025 • 4min
Charles Pépin – Mit der eigenen Vergangenheit leben | Buchkritik
Wir alle sind Kinder und Erbe unserer eigenen Vergangenheit. Wie wir das Erbe antreten, was wir davon beibehalten oder weiterführen möchten, und welche Erlebnisse wir großzügig hinter uns lassen sollten, ohne sie zu verdrängen, das können wir ein Stück weit auch selbst bestimmen.
Auch wenn uns das nicht immer einfach erscheint. Dabei helfen uns, so Charles Pépin, die verschiedenen Formen des Gedächtnisses, die jeweils unterschiedliche Funktionen innehaben. Das Gedächtnis wird von Neurowissenschaftlern schon lange nicht mehr als Speicher oder lokalisierbare Gedächtnisspur betrachtet. Vielmehr formt sich die Erinnerung immer wieder neu und verändert sich damit.
Die Erinnerung wird gleichsam neu konfiguriert: durch das seitdem Erlebte, durch den aktuellen Kontext, durch unsren emotionalen Zustand. In diesem Sinn ist das Gedächtnis lebendig und eine Erinnerung ist nie zweimal dieselbe.
Quelle: Charles Pépin – Mit der eigenen Vergangenheit leben
Ist es also möglich Belastendes, von uns zutiefst Abgelehntes, ja Beschämendes, das wir erlebt haben oder das unsere Herkunft mit sich bringt, zum Material zu erklären? Pépin zieht für seine Überlegungen auf nachvollziehbare Weise philosophische und literarische Erkundungen, besonders von Henri Bergson und Marcel Proust zu Rate, aber auch grundlegende neurowissenschaftliche Erkenntnisse.
Belastete Kindheit, glückliche Lebenswege
Ist man in der Lage, das Erlebte zu einer Geschichte werden zu lassen, deren Autor wir selbst sind und die uns weniger zusetzt, oder wie es in der hier wohl recht wörtlichen Übersetzung heißt, die uns nicht mehr „ständig beißt“?
Sie wäre damit dann auch vom „episodischen Gedächtnis“, das uns einzelne Szenen vor Augen führt, ins „semantische Gedächtnis“ überstellt. Dort kann unsere Geschichte überarbeitet werden, denn hier geht es um Bewertung und Einordnung des Geschehenen.
Pépin beschreibt glückliche Lebenswege, die Menschen trotz ihrer belastenden Kindheit oder Lagererfahrungen eingeschlagen haben. Sie sind möglich, weil wir zwar das sind, was die Vergangenheit aus uns gemacht hat, aber wie er aufmunternd sagt: „Wir haben keinen Grund, uns von unserer Vergangenheit alles gefallen zu lassen.“
Das mag ein Stück weit gelingen oder auch nicht. Für jeden zugänglich und mit weniger Kraftanstrengung verbunden ist indes, zu genießen und wertzuschätzen, was der Zufall uns an Begegnungen und glücklichen Momenten für unser Leben geschenkt hat.
Die Schönheit der Erinnerung
Ganz konkret heißt das auch, zum Beispiel als allein zurückgelassener Liebender oder alternder Mensch, nicht länger dem nachzutrauern, was wir einst besaßen und dann verloren haben, sondern uns mit Freude daran zu erinnern, dass es möglich war und wir diejenigen sind, die es selbst erleben durften.
Es heißt also, sich intensiv auf die Schönheit der Erinnerung einzulassen, in ausgewählte Bilder und Szenen einzutauchen, sie ganz ohne Wehmut zu betrachten:
Letztendlich geht es auch hier um eine Verabredung mit unserer Vergangenheit, aber diesmal nicht, um ihre Brutalität zu mildern, sondern im Gegenteil, ihre Zartheit neu zu erleben, ihr Bestes auszukosten. Es ist eine Art Würdigung dessen, was gewesen ist.
Quelle: Charles Pépin – Mit der eigenen Vergangenheit leben
Seien wir deshalb nachsichtig mit uns selbst und den anderen: Wir sollten dem, was wir geworden sind, mit Wohlwollen begegnen. Das reicht bis hin zum Umgang mit unseren Toten, die uns, wenn wir an sie denken, mit „behütender Präsenz“ umgeben können.
Und so heißt es dann auch gegen Ende des Buches geradezu verschmitzt, aber eben durchaus auch charakteristisch für die Lebensphilosophie Pépins:
Wer möchte, dass die Geister der Verstorbenen ihn gelegentlich besuchen kommen, muss ihnen ein bisschen Luft und Freiheit lassen.
Quelle: Charles Pépin – Mit der eigenen Vergangenheit leben

Jan 7, 2025 • 4min
Cheon Myeong-kwan – Eine Bumerangfamilie
Um es gleich vorwegzusagen: Dass „Eine Bumerangfamilie“, der zweite Roman des koreanischen Autors Cheon Myeong-kwan, mit großem Erfolg in seiner Heimat verfilmt worden ist, wundert nicht. Im Mittelpunkt des Romans steht Inmo, ein gescheiterter Filmregisseur mittleren Alters.
Zwölf Jahre ist es her, dass er seinen letzten Film – einen Riesenflop – gedreht hat. Seine Frau hat ihn verlassen, sein Vermieter soeben rausgeworfen. In seiner Verzweiflung beschließt der 48-Jährige, zu seiner alten Mutter zurückzuziehen, die in einem heruntergekommenen Vorort von Seoul lebt.
Sein Unbehagen ist groß. Und es wird noch größer, als er feststellen muss, dass sich auch sein vier Jahre älterer Bruder – ein fünfmal vorbestrafter Riese mit 130 Kilo Körpergewicht – in der Wohnung der Mutter eingenistet hat.
Unzählige Male hatte Hammer mich verprügelt, als ich jung war. Ich trug blutige Nasen davon, abgebrochene Zähne, Platzwunden im Gesicht, das volle Programm. Nichts wünschte ich mir sehnlicher als seinen Tod. aber er war nicht gestorben, und jetzt, Jahrzehnte später, stand er vor mir und versperrte mir den Weg.
Quelle: Cheon Myeong-kwan – Eine Bumerangfamilie
Hammer, eigentlich Hanmo, ist nicht das einzige Hindernis, das sich Inmo fortan in den Weg stellt. Denn es dauert nicht lang, dann ziehen auch seine Schwester – die bereits zwei Ehen hinter sich hat – und deren Tochter, eine aufmüpfige Jugendliche, in die mütterliche Wohnung ein.
Familie: Die Hölle auf Erden
Man ahnt: das kann nicht gutgehen. Tatsächlich bereiten sich die drei Geschwister rasch nach allen Regeln der Kunst gegenseitig die Hölle auf Erden. Einzig die Mutter scheint aufzublühen, seit ihre Kinder wieder bei ihr wohnen.
Sie strahlte übers ganze Gesicht, als sei sie gerade von einem Wellnessaufenthalt in einem erstklassigen Spa zurückgekommen, ja sogar ihre Stimme klang einen Ton heller.
Quelle: Cheon Myeong-kwan – Eine Bumerangfamilie
Dass Cheon Myeong-kwan dabei die Geschichte aus Inmos Augen entfaltet, ist ein geschickter Schachzug. Erst allmählich begreifen wir nämlich, dass wir diesem Erzähler nicht ungetrübt Glauben schenken sollten: Hammer, laut Inmo ein pädophiles Monster, erweist sich mehr und mehr als liebenswürdiger Mensch; Inmos Schwester Miyŏn, vermeintlich eine leichtlebige Ehebrecherin, hat sich stets für ihre Familie aufgeopfert, um diese auch finanziell zu unterstützen. Mehr noch: dunkle, bis dato gut gehütete Familien-Geheimnisse kommen zutage.
Ich, Hammer, Miyŏn, wir alle, Mutter eingeschlossen, jeder von uns hatte etwas auf dem Kerbholz. Uns war das Stigma des Verlierers eingebrannt, wir waren Gefangene unserer Vergangenheit.
Quelle: Cheon Myeong-kwan – Eine Bumerangfamilie
Zwischen dunkler Groteske und koreanischer Soap Opera
Das alles mag nach tränenreichem Familiendrama klingen. Doch Cheon Myeong-kwan liebt Groteskes ebenso wie Drastik. Sein Roman, der zugleich gespickt ist mit Verweisen auf Hemingway und Klassiker der Filmgeschichte, wirkt deshalb wie eine Fahrt mit der Achterbahn.
Immer schon geht es in die nächste Kurve: Miyŏns Tochter verschwindet; ein Serienmörder taucht auf; Hammer gerät in die Falle gefährlicher Krimineller – und Inmo beginnt Pornos zu drehen.
All diese Irrungen und Wirrungen erinnern dabei an koreanische Soap Operas, samt Deus ex machina und Happy End. Bis es allerdings soweit ist, führt uns der Roman in seinem letzten Drittel in krasse Abgründe des asiatischen Extremkinos. Das kommt so unvermutet wie manche Details der Handlung einer logischen Prüfung nicht immer standhalten.
Speed und Überbietung gehen in „Eine Bumerangfamilie“ Hand in Hand. Die Geschichte vergeht deshalb wie im Flug. Und doch schlingert „Eine Bumerangfamilie“ – von Matthias Augustin und Kyunghee Park erneut in ein zupackendes Deutsch übertragen – am Ende zu unentschieden zwischen rabenschwarzem Sarkasmus und melodramatischer Wohlfühl-Offerte.

Jan 6, 2025 • 4min
Klaus Böldl – Odin. Der dunkle Gott und seine Geschichte
Wotan ist en vogue, nicht nur bei Neuheiden, mythensüchtigen Rechtsextremen, martialisch auftretenden Metal-Bands oder Männern auf der Suche nach antifeministischen Konzepten von Maskulinität. Gegen die simplifizierenden Vereinnahmungen hat der Skandinavist Klaus Böldl seine Geschichte des „dunklen Gottes“ von den Wikingern bis in die Gegenwart geschrieben.
Deutlichere Gestalt nimmt Odin oder Wotan in der „Edda“ und der isländischen Saga-Literatur des Mittelalters an. Hier begegnen erstmals die Züge der heute bekannten Ikonographie:
Er ist hochgewachsen, hat einen Bart und trägt einen langen nachtblauen oder schwarzen Mantel. Sein Gesicht wird von einem breitkrempigen Hut verdunkelt, doch man kann erkennen, dass er nur ein Auge hat. (…) Seine beiden Raben Hugin und Munin versorgen ihn mit Neuigkeiten aus aller Welt.
Quelle: Klaus Böldl – Odin. Der dunkle Gott und seine Geschichte
Odin als Oberhaupt der heidnischen Götterwelt ist für Böldl aber – wie überhaupt der zugespitzte Gegensatz von „nordischen“ und klassisch-mediterranen Mythen – ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts. Zuvor war Odin gewissermaßen integriert in die gesamteuropäische Mythenwelt, bisweilen gleichgesetzt mit Odysseus, dem griechischen Okeanos oder gar dem fernöstlichen Buddha.
Völkischer Sturm- und Rauschgott
Erst im Zuge des wachsenden Nationalismus wurde der Gott zum Repräsentanten eines völkisch durchsäuerten Germanentums, das man in der Nachfolge von Tacitus‘ grundlegender Schrift „Germania“ so charakterisierte: rückständig, was Zivilisation und materiellen Wohlstand betrifft, dafür moralisch integer, freiheitsliebend, tugendhaft und tapfer.
Odin und die „Edda“ wurden zu einem essentiellen Mythos der Deutschen. Böldl skizziert und zerlegt die obsessiven Vereinnahmungs-Bemühungen der Historiker, Philologen, Theologen und Ideologen.
So erkannte zum Beispiel auch der Tiefenpsychologe C.G. Jung in Wotan eine „Grundeigenschaft der deutschen Seele“ und sah den „Sturm- und Rauschgott“ im Nationalsozialismus wiederkehren – die politisch Verantwortlichen duften sich entlastet fühlen.
Wagners gebrochener Wotan
Anders als Thor mit dem Hammer ist Wotan jedoch kein eindimensionaler Held. Das zeigt insbesondere die wirkmächtigste aller Aneignungen. In Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ hat der Herr von Walhall nichts mehr mit dem makellosen Göttervater der idealisierenden Tradition zu tun.
Wagner zeichnet ihn als gebrochene Gestalt; sein Wotan ist kein Kämpfer, sondern setzt wie ein Agent der Moderne auf Verträge, die er allerdings wie Waffen zu nutzen versteht, ein Intrigant und Betrüger sondergleichen.
Klaus Böldl beschäftigt sich mit Odin in Musik, Bildnis und Skulptur. Der Untertitel „Von den Germanen bis Heavy Metal“ ist zugkräftig, allerdings ist von der Rezeption im Metal, beginnend mit Led Zeppelins „Immigrant Song“, nur auf drei Seiten die Rede – mit dem Tenor, dass die Bands meist nur mythologische Klischees reproduzierten und der heidnische Gott instrumentalisiert werde für einen etwas angestaubten Protest gegen das Christentum. Darin zeige sich allerdings ein Moment vieler heutiger Odin-Bezüge:
Wenn es Odin nicht gäbe, müsste man ihn erfinden, so groß erscheint im entgötterten Anthropozän die Sehnsucht nach einer identitätsstiftenden numinosen Gestalt jenseits des Christentums zu sein.
Quelle: Klaus Böldl – Odin. Der dunkle Gott und seine Geschichte
Protest gegen das Christentum
Böldl ist nicht nur Professor für skandinavische Literatur, sondern auch Verfasser mehrerer Romane. Er kann klar und unakademisch schreiben, und seine Kenntnis der Materie ist überragend.
Vielleicht ist gerade dies aber auch der Grund dafür, dass sich sein Odin-Buch streckenweise wie ein Forschungsbericht liest. Sie läuft auf die Einsicht hinaus, dass jede Epoche ihr eigenes Odin-Bild entwirft und gerade dadurch den Mythos des „dunklen Gottes“ fortschreibt.

Jan 2, 2025 • 4min
Giovanni Pascoli – Nester | Buchkritik
Giovanni Pascolis Gedichtbände erschienen ab 1897 bis zu seinem Tod 1912. Der Dichter hatte zwei Lebenspassionen: die Lyrik und den Alkohol. Einerseits war er eine Art Einsiedler, andererseits unterrichtete er auch an italienischen Universitäten lateinische und italienische Literatur.
Giovanni Pascoli und der verlorene Glaube an das „Nest“
Von der Krone baumeln, dort und da, / die kleinen Nester des Frühlings. / Die Leute sagen: Jetzt erst sehe ich, wie gut sie war!
Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
Im Gedicht „Die gefallene Eiche“ findet sich ein Grundmotiv von Pascolis Lyrik: „Nester“ – so lautet auch folgerichtig der Titel des von Theresia Prammer zusammengestellten Auswahlbandes.
Das „Nest“ ist nicht nur in der Tierwelt zuhause, sondern im übertragenen Sinn auch bei uns Menschen: „Sich ein Nest bauen“, sich also häuslich einrichten. Das „Nest“ bietet Schutz, Sicherheit – gerade auch in der Kindheit oder bei Tieren in der Aufzucht der Jungen. In Pascolis Gedicht „Die gefallene Eiche“ wird das Nest zerstört, weil der Mensch diese Eiche mit ihren Nistplätzen zu Fall bringt. Vergeblich irrt das Muttertier.
Sie sucht nach ihrem Nest, das nicht mehr ist.
Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
Der Dichter, die Natur und ein großer Verlust
Giovanni Pascoli hatte selbst mit diesem Verlust zu kämpfen. Im Alter von zwölf Jahren musste er miterleben, wie sein Vater das Opfer eines brutalen Mordanschlags wurde. Ab da war die Vorstellung eines sicheren Familiennestes zerstört. Doch es gibt noch einen anderen Geborgenheitsort: die Natur. Eine Amsel pfeift dem lyrischen Ich ein Lied. Und ein Zaunkönig ruft ihm zu:
He! Du kehrst heim … Ich weiß: / Oh! In dein herrliches Nest, vor dem Regen gefeit!
Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
Allein, es bleibt ein Traum. Der Mensch, der Dichter ist förmlich aus der Natur gefallen. Der Gesang der Vögel wandelt sich in ein gräuliches Rauschen.
Was geht vor in der Welt? / Unendliche Stille. / Doch tief unten, da schwelt, / einsam und irrend, / dieses schaurige Grollen.
Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
Der Dichter „Traum eines Schattens“
In Pascolis Gedichten gibt es zwei Welten, die zwar nicht voneinander getrennt sind, jedoch schwer zueinander finden: Die eine ist die der Natur, sie ist nicht etwas rein Erhabenes, da sie sich stets dem Leben zuneigt. Die andere ist die des Menschen – so wie es der Dichter auch ganz persönlich erlebt. Theresia Prammer hat diese Motivik Pascolis präzise zusammengefasst.
Erinnerung – Kindheit – Tod – Verlust. Pascoli schreibt vom Ende seiner Welt her; die Orte der Tragödie sowie die Friedhöfe sind immer gegenwärtig. Schatten sprechen den Dichter an, wo er geht und steht.
Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
Diese Schatten drängen sich bis in den Bereich der Träume. Im Gedicht „Traum eines Schattens“ schmiedet Pascoli den „Tod eines Alten“ existentiell an den „Tod eines Neugeborenen“. Was ist Leben? Was bedeutet es, eine Strecke des Lebens gehen?
Der eine sah die Kinder / seiner Kinder; der andere nicht einmal sich. Ihr Leben / war das nämliche: Traum eines Schattens, ein Nichts.
Quelle: Giovanni Pascoli – Nester
Dass der Lyrikband „Nester“ zweisprachig erscheint, ist auf jeden Fall ein großes Plus. Er erlaubt damit einer an Lyrik interessierten Leserschaft, diesen italienischen Dichter in gekonnter Übersetzung für sich zu entdecken.
Giovanni Pascoli war sicher kein avantgardistischer Experimentator, aber seine in die Tiefe reichende Melancholie, seine stete Sehnsucht nach dem verlorenen Wundergarten der Natur und seine exzellente Sprachführung machen seine Gedichte zum bleibenden Gut europäischer Lyrik.

Dec 30, 2024 • 4min
Navid Kermani – In die andere Richtung jetzt | Buchkritik
„Das ist für mich elementar, dass ich aus meiner eigenen kleinen Welt herauskomme und die Welt sehe, wie sie ist. Und das mache ich ja seit vielen Jahren. Ich habe gemerkt, dass es besser ist, wenn ich über einzelne Regionen länger berichte, über einen längeren Zeitraum mich auf einzelne Regionen konzentriere", meint Navid Kermani.
Die Welt zu sehen, wie sie ist, das bedeutet in den Ländern Ostafrikas mit gewaltigen Problemen und großer Not konfrontiert zu werden. Navid Kermani glaubt, dass sich hier globale Probleme verdichten und dass es sich rächen wird, wenn wir der Region zu wenig Aufmerksamkeit schenken.
Apathische Menschen
Im Süden Madagaskars schaut er auf die dramatischen Auswirkungen der ersten klimabedingten Hungersnot. Das Land, das eigentlich fruchtbar ist, erscheint dem Reporter aus der Luft wie eine aufgegebene Mine. Viele Wälder sind verschwunden, geblieben sind Baumstümpfe. Auch die restlichen Bäume werden abgeholzt, weil Holzkohle der letzte Verdienst ist.
Navid Kermani berichtet von apathischen Menschen, die der Hunger beherrscht, von Kindern, die nicht mehr spielen, von Menschenkolonnen, die schwere Wasserkanister kilometerweit schleppen. Er habe vorgehabt, auch über das Leben zu schreiben, aber die Not sei dringlicher gewesen, notiert der Autor mit Blick nicht nur auf Madagaskar.
So Navid Kermani: „Was sich am ehesten behauptet hat, war die Musik, weil sie eine ähnliche Existenzialität hat, eine Notwendigkeit, wie ich sie selten je erlebt habe. Aber wenn man ein Kind sieht, das vor Hunger stirbt, erschlägt das alle anderen Erfahrungen erstmal für lange Zeit."
Navid Kermani erzählt auch von der Musik. Aber es ergeht dem Leser wie dem Autor. Die Begegnungen mit Musikern verblassen vor der Wucht anderer, existenzieller Eindrücke und Erfahrungen. Im Norden Äthiopiens in der Region Tigray trifft der Reporter eine vorzeitig gealterte Frau, die von Soldaten mehrfach vergewaltigt wurde. Ein fünfjähriges Mädchen zeigt die Narbe, die ein Messer hinterlassen hat. Jemand hat ihr Bein der Länge nach aufgeschlitzt. „Wer macht so etwas?“, sinniert der Autor.
Er spricht mit Kämpfern der tigrayschen Volksbefreiungsfront, die „zu viel erlebt haben, um noch von dieser Welt zu sein“. Navid Kermani verbirgt nicht, wie ihn all das mitnimmt. Eine halbe Million Tote hat der nach seiner Ansicht „nicht nur grausamste, sondern auch sinnloseste Krieg unserer Zeit“ gefordert. Wenn Kermani nach den Gründen für die Kämpfe fragt, erntet er auf beiden Seiten nur Schulterzucken.
Navid Kermani sagt dazu: „Was in Tigray so erschütternd ist: Man denkt immer, Kriege entstehen aus Verschiedenheit. Die Menschen, die sich in Tigray bekämpft haben, vergewaltigt, massakriert und so weiter, das waren Menschen mit der gleichen Sprache, mit dem gleichen Gebetsbuch, mit den gleichen Traditionen."
Produktive Überforderung
Seine Beobachtungen veranlassen den Reporter dazu, grundsätzlich über Krieg und Frieden, über Klima und Umweltzerstörung nachzudenken. Einfache Rezepte hat er nicht zu bieten. Vielmehr folgt man diesem Autor immer wieder fasziniert bei seinem Nachdenken und Nachforschen; dabei, wie er unterschiedliche Antworten ausprobiert – und oft zu neuen Fragen kommt.
„Ich will nicht am Ende das Gefühl erzeugen, dies oder jenes ist die Lösung oder die Conclusion oder die These oder: so ist Afrika oder so ist Ostafrika. Sondern im Gegenteil: Wer reist, der wird verwirrt, der merkt, dass all das, was er im Kopf hatte, gar nicht stimmt. Und das Ziel wäre eher, die Leserinnen und Leser an dieser Verwirrung teilnehmen zu lassen, diese faszinierende Kompliziertheit fassbar zu machen, so dass man am Ende nicht besser Bescheid weiß, sondern viel mehr Fragen hat. Also weniger Bescheid weiß. Das wäre ganz schön."
Dieser Autor reduziert Komplexität nicht auf eine gut verdauliche, aber realitätsferne Einfachheit. Sein Buch überfordert auf eine produktive Art. Jedes Land, das Navid Kermani bereist hat und von dem er berichtet, ist mit eigenen, spezifischen Herausforderungen konfrontiert. „In die andere Richtung jetzt“ ist eines der Bücher, die man nicht einfach zur Seite legt.

Dec 29, 2024 • 55min
Verdrängte Geschichten und zweifelhafte Gäste – Das war 2024
Dieses Mal im lesenswert Magazin: Die schönsten Bücher des Jahres und ein schwereloser literarischer Jahresrückblick

Dec 29, 2024 • 16min
„Ein schönes Buch ist in sich rund“ – Stiftung Buchkunst kürt die 25 schönsten deutschen Bücher
Zwei Jurys bewerten hunderte Bücher in einem aufwendigen Verfahren. Am Ende werden je fünf Bücher in fünf Kategorien wie Allgemeine Literatur, Kinderbuch oder Kunstbücher ausgezeichnet.
Inhalt kann auch die Gestaltung prägen
Seit einem Jahr ist Birte Kreft Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst. Sie beschreibt im Gespräch mit dem lesenswert Magazin die Kriterien, nach denen ein Buch als schön bewertet wird:
Wir bei der Stiftung Buchkunst sagen immer, ein schönes Buch ist eines, das in sich rund ist.
Quelle: Birte Kreft, Geschäftsführerin Stiftung Buchkunst
Die Jurys beurteilten zwar nicht den Inhalt des Buches, dennoch sei dieser wichtig für die Gestaltung.
Wie etwa bei dem ausgezeichneten Buch „An Rändern“ von Angelo Tijssens. Das Buch erzählt von einem Mann, der in seine Heimat reist und sich dort seinen schmerzhaften Erinnerungen stellt. Wie der Titel „An Rändern“ es bereits sagt, ist auch der Text im Buch an den Rand gerückt.
Gute Ideen kosten nicht unbedingt viel
Wie hier Form und Inhalt ineinander greifen, habe der Jury besonders gefallen, sagt Birte Kreft:
In dem Buch gibt es auch schwarze Seiten, die das Thema Depression aufgreifen. Parallel dazu ist der Umschlag in einem hoffnungsvollen Rosa. Es geht auch darum, was für gute Ideen Gestalter:innen haben, um die immer kleiner werdenden Budgets in eine gute Gestaltung und damit in ein gutes Buch umsetzen.
Quelle: Birte Kreft, Geschäftsführerin Stiftung Buchkunst
Genau das sei in Zeiten steigender Papier- und Druckkosten die Herausforderung. Es würden nicht nur die großen Publikumsverlage ausgezeichnet, sondern auch kleinere, die „auch mutige Entscheidungen treffen wie der Trottoir Noir Verlag aus Leipzig oder shift books aus Berlin“, so Kreft.


