

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Dec 29, 2024 • 7min
Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Schon mit 28 Jahren schrieb und zeichnete Edward Gorey sein erstes Buch mit dem Titel „Eine Harfe ohne Saiten“. Es ist das Buch, das Walter Moers immer noch für das beste von Gorey hält. Jahrelang hing eine Zeichnung daraus über dem Schreibtisch von Walter Moers.
Gleich zu Beginn von „Eine Harfe ohne Saiten“ entsteht mit wenigen feinen Strichen eine andere Welt, ein Gefühl des Anderswo: Ein paar karge Büsche, eine Stein-Balustrade, die sich im Nichts verliert, ein kahlköpfiger Gentleman mit großen besorgten Augen, gekleidet in einen dicken Pelzmantel mit schlanken Hosen und spitzen Schuhen. Den Krocket-Schläger in der Hand scheint er nicht ganz bei der Sache.
Mr. Clavius Frederick Earbrass ist, wie man weiß, ein namenhafter Romancier. Von seinen Büchern werden wahrscheinlich „Ein moralischer Mülleimer“, „Wenn die Ketten klirren“ und die „Bis zur Hüfte-Trilogie“ am meisten geschätzt. Wir sehen Mr. Earbrass auf dem Krocket-Rasen seines Herrenhauses Hobbies Odd in der Nähe von Collapsed Pudding in Mortshire. Er meditiert über einen Spielzug einer Partie, die er Ende des Sommers abgebrochen hatte.
Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Der viktorianische Gentleman Clavius Frederick Earbrass ist ein Bestseller-Autor. Sein Blick in die Welt ist mal besorgt, mal erschrocken. Und am meisten Unbehagen bereitet ihm seine eigene Kunst.
Die große Kunst und der kleine Keks
Am 18. November jedes zweiten Jahres beginnt Mr. Earbrass mit der Niederschrift seines neuen Romans. Den Titel hat er bereits Wochen zuvor willkürlich einer Liste entnommen, die er in einem kleinen grünen Notizbuch führt. Es ist zur Teestunde am 17. November, als er sich Sorgen zu machen beginnt, dass ihm immer noch kein brauchbarer Plot eingefallen ist, der zu „Eine Harfe ohne Saiten“ passen könnte. Doch seine Gedanken kehren immer wieder zurück zu dem letzten Keks auf der Servierplatte.
Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Die große Kunst und der kleine Keks. So ernst der Autor Mr. Earbrass Leben und Schreiben nimmt, so staubtrocken ist der Humor, mit dem Edward Gorey von diesem Künstler-Leben erzählt.
Noch qualvoller als die ersten Kapitel des Romans sind die letzten für Mr. Earbrass. Seiner Figuren ist er nun ein für alle Mal überdrüssig geworden. Seine Verben kommen ihm verwelkt vor, und die Adjektive haben sich völlig unkontrolliert vermehrt. Außerdem leidet er in diesem Stadium zwangsläufig an Schlaflosigkeit. Nicht einmal die wiederholte Lektüre seines ersten Romans „Die Trüffelplantage“ bringt den ersehnten Schlaf.
Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Der verzweifelte Autor wandert durch die dunklen Flure seines riesigen Anwesens. Und auch als alles geschafft ist, ist er nirgendwo angekommen, steht weiterhin neben sich und nicht mit beiden Beinen in der Welt.
Mr. Earbrass steht in der Dämmerung auf seiner Terrasse. Es ist trostlos und kalt, und die Unschuld ist aus allem gewichen. Worte driften zusammenhanglos durch sein Hirn: Pein, Rüben, Partys, keine Partys, Enttäuschung, Krallen, Schwund, Serviette, Fieber, Antipoden, Gletscher, Gezeiten, Betrug, Trauer, Anderswo.
Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Auch der Autor und Zeichner Walter Moers, der Edward Gorey mit diesem wunderbaren Jubiläumsband würdigt, kennt das Anderswo. In seinem letzten Schuljahr schwänzte Walter Moers regelmäßig den Unterricht. Weil ihm die Schule nichts mehr beibrachte, las er sich stundenlang durch die Stadtbibliothek. Nicht in der Schule, sondern anderswo entdeckte er die Werke von Edward Gorey.
Ein Edward Gorey-ABC
In das Gorey-Universum entführt uns Walter Moers mit seiner über 400-seitigen Hommage. Doch sein Buch enthält nicht nur berühmte Gorey-Stories. In einem Edward Gorey-ABC erfahren wir, warum Gorey in seinen New Yorker Jahren fast jeden Abend das New York City Ballett besuchte und mit welcher Genialität er als Illustrator eines New Yorker Verlags zahlreiche Buchcover gestaltete.
Reproduktion dieser Cover finden sich in dem von Walter Mores präzise recherchierten und aufwendig gestalteten Band ebenso, wie Fotos von dem verwunschenen alten Kapitänshaus auf Cape Cod, das Edward Gorey in seinen letzten Lebensjahren bewohnte. Viele Details aus dem kuriosen Leben von Edward Gorey erfährt man.
Zum Beispiel, dass der Zeichner zur Entspannung Stoffpuppen nähte, die natürlich genauso geheimnisvoll wurden, wie die Fantasiewesen seines gezeichneten Werks. Der düstere Nonsense von Edward Gorey wird auch als „goreyesk“ bezeichnet. Und ähnlich wie bei dem „kafkaesken Kafka“ neigen Gorey-Leser bisweilen dazu, sich im Unheimlichen und Unerklärlichen des feinen Zeichenstrichs und der viktorianischen Fantasiewelten zu verlieren.
Kluge Verknüpfung von Leben und Werk
Walter Moers bürstet diese Lesart gegen den Strich. Er habe Goreys Zeichnungen in der Regel nicht als düster, sondern als „heimelig und warm“ empfunden, sagt Walter Moers und meint damit die Liebe Goreys zu seiner Zeichenkunst und seinen schrägen Humor.
An der Tür klingelts Sturm in windiger Nacht, | doch niemand ist da, als auf man sie macht.
Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
„Der Mensch Edward Gorey war kein Rätsel, aber sein Werk wimmelt von Rätseln.“ Schreibt Walter Moers. Mit leichter Hand und ohne irgendetwas überzuinterpretieren, verknüpft er das exzentrische Leben des meist in Pelzmantel, Jeans und weißen Canvas-Tennisschuhen gekleideten Edward Gorey und ein Werk, das nach Goreys eigenen Worten von Dingen handelt, die so wenig Sinn machen wie möglich.
Fantasievoller Nonsense und fein skizzierte Albträume
Allein auf einer Urne stand und stierte | ein Gast, der alle irritierte.
Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Die kurze Story „Der zweifelhafte Gast“ trifft genau diesen Punkt zwischen Leben und Kunst. Sie handelt von einem Wesen, das wie ein Pinguin aussieht, und einen langen gestreiften Schal und weiße Canvas-Tennisschuhe trägt. Ganz wie die, die Edward Gorey selbst bevorzugte. In stürmischer Nacht taucht dieser Gast in einem alten Herrenhaus auf und bringt das geordnete Leben der Bewohner durcheinander.
Er kam auch zum Frühstück und aß unverzüglich | ganz viel Sirup und Toast und den Teller vergnüglich.
Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Der zweifelhafte Gast versteckt Handtücher, blickt stundenlang den Kaminschacht empor oder versenkt Wertgegenstände im Gartenteich. Die Geschichte endet schließlich mit einem Satz, der auch auf das Werk von Edward Gorey zutrifft.
Seit siebzehn Jahr´n will er nicht scheiden, | er ist gekommen, um zu bleiben.
Quelle: Walter Moers (Hg.) – Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen
Bleiben, das wird sie, die Kunst von Edward Gorey: Sein fantasievoller Nonsense, seine fein skizzierten Albträume; bleiben, wie das Gefühl, das jeden Gorey-Leser irgendwann beschleicht, das Gefühl, in der Welt selbst ein zweifelhafter Gast zu sein. Mit seinem Gorey-Buch empfängt Walter Moers solche Gäste, als ebenso aufmerksamer wie nonchalanter Gastgeber.

Dec 29, 2024 • 7min
Julia Malye – La Louisiane
Zum ersten Mal seit drei Monaten können sie wieder den Sand erkennen, der während ihrer Fahrt über den Atlantik vom Wasser verborgen war. Den Grund des Ozeans, den sie zuletzt flüchtig an dem Morgen sahen, als sie an Bord der Baleine gingen. Niemand hat ihnen mitgeteilt, wo sie am Abend übernachten, wann sie verlobt sein würden. Man sagt Frauen nicht alles.
Quelle: Julia Malye – La Louisiane
„Man sagt Frauen nicht alles“, schreibt Julia Malye auf der ersten Seite ihres Romans. Die Frauen, die im Jahr 1721 Französisch-Louisiana erreichten, hatten tatsächlich keine Ahnung, wie ihr neues Leben aussehen würde.
Sie hatten auch nicht selbst entschieden, die beschwerliche Reise über den Ozean anzutreten. Der Gouverneur von La Louisiane hatte Ehefrauen für die Kolonie angefordert, möglichst robust und gebärfähig.
La Louisiane bedeutete Ungewissheit und Hoffnung
Die Frauen, die man ausgewählt hatte, hatten nichts zu verlieren. Ihr Zuhause war die Pariser Salpêtrière gewesen, eine Anstalt für von der Gesellschaft ausgeschlossene Frauen: Psychisch Kranke, Kriminelle, Unkeusche, aber auch Waisenkinder und mittellose Frauen. La Louisiane bedeutete Ungewissheit, aber auch Hoffnung. Eine Chance.
Geneviève fällt es schwer, die wechselnden Geschehnisse zu begreifen: Noch zwei Wochen zuvor war sie in einem Heim der Salpêtrière eingeschlossen. Und heute, in Paris, wird sie die Kleidung erhalten, die sie auf der anderen Seite des Atlantiks tragen wird.
Quelle: Julia Malye – La Louisiane
Autorin Geneviève ist eine der Frauenfiguren, die Julia Malye erschaffen und zu den Heldinnen ihres Romans gemacht hat. Die junge Geneviève stammt aus der Provence, aus einer verarmten Familie. Nach dem Tod ihrer Eltern hat sie sich in Paris allein durchgeschlagen.
Sie ist schwanger geworden, hat abgetrieben, hat anderen Frauen bei der Abtreibung geholfen. Deshalb ist sie in der Salpêtrière gelandet. Während der monatelangen Schiffsreise nach La Louisiane freundet sich Geneviève mit Pétronille, Étiennette und Charlotte an.
Die rothaarige Charlotte ist die Jüngste – ein Waisenmädchen, das in ihrem Leben nichts anderes gesehen hat als die Salpêtrière. Bevor ihre neue Existenz als Siedler-Frauen in der Kolonie beginnt, überlebt die Gruppe einen Piraten-Überfall und das in La Louisiane grassierende Gelbfieber. Innerhalb kürzester Zeit sind dann alle unter der Haube.
Pierre Duran ist der kleinste der drei Männer, die durch den Mittelgang kommen. (…) Er hat breite Schultern, ein markantes Kinn und helles Haar, das im Sommer sicher blond wird. Geneviève hat keine Angst vor ihm. Sie hat immer gewusst, dass es sie etwas kosten würde, die Salpêtrière zu verlassen. Später sollte sie sich kaum an die Zeremonie erinnern. Im Gegensatz zu Étiennette hat sie nie von Sträußen, Mitgift und Aufgebot geträumt. Noch in Paris, dachte sie nicht einmal, dass sie einmal heiraten würde.
Quelle: Julia Malye – La Louisiane
Ein Leben an der Seite fremder Ehemänner
Die 30-jährige Julia Malye erzählt mit großer schriftstellerischer Reife vom Leben der Frauen an der Seite ihrer zunächst völlig fremden Ehemänner. Sie denkt und fühlt sich tief in ihre Figuren ein. Geneviève, Pétronille, Étiennette und Charlotte machen ganz unterschiedliche Erfahrungen.
Sie müssen mit Schicksalsschlägen umgehen. Ehemänner sterben, eine von ihnen kann keine Kinder bekommen. Die Frauen lernen, reifen, wachsen hinein in ihr Leben in der neuen Welt.
Obwohl sie in einem patriarchalischen System den Männern untergeordnet sind, entwickeln sie eigenständige, starke Persönlichkeiten, die uns die Autorin auf faszinierende, sensible Weise nahebringt. Die Männer, ob sie nun friedfertig oder brutal sind, bleiben in dem Roman stets im Hintergrund. In La Louisiane tragen die Kapitel Frauen-Namen.
Elf. Pétronille. Nouvelle-Orléans, Januar 1731. Vierzehn Monate sind seit dem Angriff der Natchez vergangen, aber Pétronille stehen die Ereignisse dieses Wintermorgens so klar vor Augen, als wäre sie gestern geschehen. Nachdem Utu’wv Ecoko’nesel gegangen war, hatten sie ihre Kräfte verlassen. Sie war allein mit ihren Kindern am Ufer des Saint-Louis (…), auf der anderen Seite des Waldes tobten die Kämpfe.
Quelle: Julia Malye – La Louisiane
Aufstand des Natchez-Volkes gegen die französische Kolonialherrschaft
Autorin Julia Malye hat reale historische Ereignisse in ihren Roman eingeflochten, wie den Aufstand des indigenen Natchez-Volkes gegen die französische Kolonialherrschaft. Dafür hat die Autorin auch Quellen der Natchez konsultiert.
Bei ihrem Angriff im Jahr 1729 zerstörten die Kämpfer der Natchez die Siedlung Fort Rosalie, töteten Frauen, Männer und Kinder oder nahmen sie gefangen. Die Romanfigur Pétronille, die sich dank der Hilfe einer jungen Indigenen retten kann, lebt fortan mit dem Trauma des Verlusts.
Ihre Nachbarin und Freundin Marie aus der Siedlung, ihr Ehemann und die Frau vom Volk der Natchez, die ihr geholfen hat – Pétronille weiß nicht, was aus ihnen geworden ist, und leidet darunter. La Louisiane handelt also auch von Menschlichkeit in einer Zeit, die von Unterwerfung, Sklaverei und Krieg geprägt war.
Und es ist ein Buch über unbedingte Freundschaft und Solidarität. Trotz der großen Entfernungen reißen die Bande zwischen Geneviève, Pétronille und Charlotte nicht ab. Kunstvoll verwebt Julia Malye ihre Lebensgeschichten miteinander – und imaginiert am Ende eine Liebe ohne Männer:
Sie nimmt sie in die Arme, und so verharren sie, mit verhakten Füßen, und hören ihrem Atem zu, dem sturen Gesang der Grillen im Garten. Das Zimmer wirkt verändert, als hätte Geneviève es nie zuvor betreten. Sie ist sich ihres Körpers besonders gewahr, auch Charlottes, der sich zugleich vertraut und fremd an sie schmiegt.
Quelle: Julia Malye – La Louisiane
Roman über weibliche Selbstermächtigung
Während fast eines Jahrzehnts hat Julia Malye umfassend und akribisch für La Louisiane recherchiert, unzählige Werke und Expert:innen konsultiert und die Archive von New Orleans – also Neu-Orleans – durchforstet. Vor dem französischen Buchtext verfasste sie eine Version auf Englisch.
La Louisiane ist ein unterhaltsam und lebendig geschriebener Roman, der uns ein bisher kaum bekanntes Kapitel französischer Kolonialgeschichte intensiv und authentisch erleben lässt. Zugleich ist La Louisiane ein Buch über weibliche Selbstermächtigung, über Frauen, die auf subtile Weise von Objekten zu Subjekten werden und ihr Schicksal schließlich selbst in die Hand nehmen.

Dec 23, 2024 • 4min
Katniss Hsiao – Das Parfüm des Todes
Yang Ning ist Tatortreinigerin in Taipeh. Sie macht diesen Job seit einiger Zeit, sie braucht ihn – nicht nur aus finanziellen Gründen: Seit dem Selbstmord ihres jüngeren Bruders hat sie ihren exzellenten Geruchssinn verloren. Sie riecht nicht, schmeckt nichts, fühlt nichts. Mit einer Ausnahme: Sobald sie den Geruch von Leichen wahrnehmen kann, fühlt sie sich wieder lebendig.
Yang Ning lehnte sich über das Bett, lag beinahe mit dem Oberkörper darauf, keuchend; atemlos strich sie mit beiden Händen über die Matratze, streichelte sie mit zitternden Fingern, die geradezu zärtlich über Insektenpanzer, sich windende weiße Maden und die undefinierbare Masse aus Urin und anderen Körpersäften glitten. Ihr Geruchssinn, seit einem Jahr mausetot, war wieder zum Leben erwacht.
Quelle: Katniss Hsiao – Das Parfüm des Todes
Im Rausch der Gerüche
Auf den ersten Seiten des Thrillers „Das Parfüm des Todes“ von Katniss Hsiao gibt es viele dichte Beschreibungen von überwiegend ekligen Gerüchen. Für Yang Ning sind sie wie eine Droge, von der sie immer mehr braucht. Doch dann wird sie verhaftet: Üblicherweise wird ein Tatort erst gereinigt, wenn die Polizei alle Beweise gesichert hat.
Yang Ning wurde aber von einem Serienmörder an einen polizeiunbekannten Tatort gelockt und hat dort alle Spuren vernichtet. Für die Polizei ist sie damit die Hauptverdächtige. Yang Ning sucht daraufhin den Tatort abermals auf und entdeckt eine Spur, die nur sie finden kann: Den Geruch eines Parfüms. Sie erinnert sich, dass sie diesen Duft schon einmal gerochen hat: An der Kleidung ihres Bruders, als er noch gelebt hatte.
„Das Parfüm des Todes“ ist ein überwältigender Thriller, der alle Sinne ansprechen, ja, regelrecht sprengen will: Mitreißend, ungehemmt und voller Anspielungen auf Filme und Literatur. Bei einem Mörder mit Faible für Düfte denkt man sofort Patrick Süskinds „Das Parfüm“ – und Katniss Hsiao unterstreicht diese Verbindung, indem sie dem unbekannten Verdächtigen den Namen Grenouille gibt.
Ähnlich deutlich verfährt sie mit der zweiten großen Referenz: Wie in Thomas Harris‘ „Das Schweigen der Lämmer“ sucht Yang Ning Hilfe bei einem Serienmörder, der sie in die Denkweise solcher Täter einführen soll – und Yang Ning dann fast zärtlich „Lämmchen“ nennt.
‚Jetzt stell dir vor, du bist die Beute, und wenn du das Fürchten gelernt hast, stell dir vor, du bist der Jäger, und lerne, die Furcht zu beherrschen.‘ Er drängte sie zu lernen, Dominanz, Manipulation und Kontrolle zu genießen, die Freude an der Angst zu entdecken, das Licht im Dunkel des Bösen. Was für eine Frau, die vom Schnüffeln an einer Leiche einen Orgasmus bekam, gar nicht so neu war.
Quelle: Katniss Hsiao – Das Parfüm des Todes
Westlich geprägtes Genre trifft auf taiwanische Lebensrealität
Diese beabsichtigten Verweise auf genreberühmte Texte sind mehr als eine Spielerei: Katniss Hsiao verknüpft sie mit Einblicken in die taiwanische Gesellschaft. Die viel zu engen Wohnungen werden zu Tatorten. Traditionelle Werte lösen sich auf. Familiäre Bindungen zerbrechen. Der Druck, zu funktionieren, ist allgegenwärtig – ihm aber widersetzt sich Yang Ning.
‚Warum kann ich verdammt noch mal nicht bleiben, wo ich bin? Warum darf es nicht sein, dass ich mein Leben lang nicht darüber hinwegkomme?‘ Alles sprudelte aus ihr heraus. ‚Du hast dir nie überlegt, was ich wirklich will. Ich will nicht, dass es mir besser geht. Alle zerren an mir, wollen, dass ich glücklich bin. Was heißt glücklich? Warum muss ich unbedingt glücklich sein? Wie könnte ich, jemand wie ich? ›Du musst loslassen.‹ Ich kann nicht loslassen.‘
Quelle: Katniss Hsiao – Das Parfüm des Todes
Denn unter der brutalen Oberfläche, dem bewussten Provozieren olfaktorischen Ekels steckt in diesem mutigen, wilden Debütroman eine intensive Auseinandersetzung mit dysfunktionalen Familien und Trauer. Yang Ning verändert sich im Verlauf ihrer Nachforschungen. Sie lernt, ihre Impulsivität zu zügeln. Das macht sie gefährlicher. Und am Ende überschreitet dann auch sie eine Grenze in diesem überbordenden Debüt.

Dec 22, 2024 • 3min
Rita Bullwinkel – Schlaglicht
Wir steigen in den Ring – beim fiktiven „Daughters of America Cup“ in Reno, Nevada. Zwei Tage, zahlreiche Kämpfe, acht Boxerinnen. Jede von ihnen weiß genau, warum sie im schmuddeligen „Bob’s Boxing Palace“ antritt.
Jedes Kapitel - ein Kampf
„Schlaglicht“, das Debüt der US-amerikanischen Autorin Rita Bullwinkel, erzählt dramaturgisch klar strukturiert und in packenden, kurzen Kapiteln von diesem Wochenende. Jedes Kapitel ist ein Kampf – und jeder Schlag hat Gewicht.
Denn als Leser und Leserinnen haben wir einen Vorteil, den man üblicherweise beim Sportschauen nicht hat: Wir erleben nicht nur das körperliche Spektakel im Ring, sondern auch die inneren Kämpfe der Boxerinnen. Wir blicken in ihre Köpfe – sehen Wut, Entschlossenheit, Ängste und unbändiges Selbstbewusstsein.
Boxerstereotype fehlen komplett – zum Glück
Was „Schlaglicht“ zu einer besonderen Lektüre macht, ist auch das, was fehlt. Bullwinkels Roman kommt ganz ohne Boxstereotype aus. Hier gibt es keine „Eye of the Tiger“-Rockys, keine Nummerngirls und keine „Million Dollar Babys“. Stattdessen zeichnet die Autorin komplexe, vielschichtige Sportlerinnen. Das Turnier wird zum Brennglas für die Lebensrealitäten dieser jungen Frauen.
Jede Boxerin bringt ihre Geschichte mit
Iggy Lang hat nur ein Ziel: „die Weltbeste in etwas“ zu werden. Andi denkt immer wieder an den Jungen, der unter ihrer Aufsicht im Freibad ertrank. Und Artemis Victor will endlich aus dem Schatten ihrer erfolgreichen Schwester treten. Jede bringt ihre eigene Geschichte mit in den Ring. Jedes Match wird zur wortlosen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt.
Bullwinkels Sprache ist kraftvoll und präzise wie ein perfekter Schlag – stark, roh und furchteinflößend. Doch das Leben geht weiter, auch nach den Kämpfen. Eine der Frauen kann später, nach zu vielen gebrochenen Fingern, nicht einmal mehr eine Tasse halten. Andere werden Managerinnen, Buchhalterinnen, vielleicht Hochzeitsplanerinnen. Was bleibt, ist die Erinnerung an die Zeit im Ring.
„Schlaglicht“ ist ein Roman über Kampfgeist, Verletzlichkeit und das Ringen um den eigenen Platz in der Welt. Das Boxen wird zur Metapher für das Leben: ein Kampf, in dem man sich beweisen muss. Ein Buch über die Suche nach Identität – und eines, das nachhallt wie ein harter linker Haken.

Dec 22, 2024 • 7min
Charles Baudelaire (Hg.) – Edgar Allan Poe. Heureka & Der Rabe
In „Der Rabe“ geht es um einen Raben, der um Mitternacht einen um seine verstorbene Geliebte trauernden Mann besucht. Es zählt zu den bekanntesten US-amerikanischen Gedichten.
Neben den zahlreichen Übersetzungen, die es bereits zu „Der Rabe“ gibt, entschied sich Andreas Nohl mit seiner Neuübersetzung, Edgar Allan Poes Gedicht in Prosa, also nicht in Reimform, zu übersetzen.
Geistesverwandtschaft zwischen Baudelaire und Poe
In Edgar Allan Poe entdeckte der Herausgeber, Charles Baudelaire, einen Geistesverwandten. Mit „Die Blumen des Bösen“ verfasste Baudelaire selbst einen lyrischen Grusel-Klassiker.
SWR Kultur Literaturchef Frank Hertweck ist in die Welt von Edgar Allan Poe und seinem Förderer Charles Baudelaire eingetaucht.

Dec 22, 2024 • 55min
lesenswert Magazin: Mit Büchern von Ottessa Moshfegh, Rita Bullwinkel, zwei literarischen Magazinen und einem Hörbuch von Carsten Henn
Dieses Mal im lesenswert Magazin: Bücher für die Zeit „zwischen den Jahren“ sowie zwei literarische Magazine als Geschenktipps

Dec 22, 2024 • 6min
25. Ausgabe von „Das Gramm“ – Kurzgeschichten im Abo
22 Gramm kreischende Sägen
Was hätten Sie denn gern? 22 Gramm kreischende Sägen? 24 Gramm Sekt und Sardellen? 22 Gramm folgenschwere Beobachtungen - oder doch lieber 24 Gramm Liebe in Zeiten der Zombie-Apokalypse? Diese feine Auswahl bietet kein großes Internetkaufhaus, sondern ein Magazin für Kurzgeschichten: Das Gramm.
Etwa so groß wie die gelben Reclam-Heftchen steckt in jeder Ausgabe eine erlesene, bisher unveröffentlichte Kurzgeschichte. Der Name „Das Gramm“ zeigt die Idee dahinter: ein Heft, eine Geschichte, ein Häppchen Literatur, das aber keineswegs Fast Food ist, sondern lange nachhallen und satt machen möchte.
Und der Name hat noch eine zweite Bedeutung
Es gibt da natürlich auch den etymologischen Hintergrund, also das Wort „Gramm“ kommt aus dem Griechischen „Gramma“, das bedeutet so viel wie „Geschriebenes“. Man kennt es aus Autogramm, Telegramm oder auch aus dem Wort Grammatik. Und dann ist eben ein Gramm natürlich auch vor allem eine Einheit und ein Gramm als Gewichtseinheit finde ich als etwas sehr Sympathisches. Es ist sowas Leichtes und nichts Belastendes und doch ist es da. Es ist spürbar und kann durchaus einen Unterschied machen. Und das finde ich, passt gut zu dem, was dieses Magazin auch ist.
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
… sagt Patrick Sielemann. Er ist hauptberuflich Lektor beim Kein und Aber Verlag und er ist der Herausgeber von „Das Gramm“. Anstoß für das Magazin war eine Frage:
In diesem Fall war es die Frage, wie man mehr Menschen für das Lesen begeistern kann. Oder im Umkehrschluss, was hält Menschen eigentlich vom Lesen ab?
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Das Gramm will Lesehürden nehmen
Patrick Sielemann fragte nach bei Familie und Freunden - und hörte meist dieselben drei Gründe:
Erstens man hat zu wenig Zeit. Zweitens, man weiß nicht genau, was man lesen soll. Und vielleicht Drittens noch, wenn man sich entschieden hat, ist es vielleicht nicht das Richtige für einen.
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Diese drei Lesehürden, wie Patrick Sielemann sie nennt, möchte Das Gramm nehmen. Das Zeitproblem ist schnell gelöst, denn Kurzgeschichten sind von Natur aus kurz. Und anstelle von einem dicken Kurzgeschichten-Sammelband gibt es bei Das Gramm alle zwei Monate eine Geschichte.
Thematisch keine Grenzen gesetzt
Die anderen beiden Lesehürden – was soll ich lesen und trifft es meinen Geschmack – löst Das Gramm durch eine feine Auswahl an Texten: Von der Horror- bis zur Liebesgeschichte – thematisch gibt es keine Grenzen.
Wichtig ist für Patrick Sielemann die Zugänglichkeit: Nicht an der Oberfläche bleiben, sondern den Leser und die Leserin an die Hand nehmen und in den Abgrund führen, das mache einen guten Text aus, sagt der Herausgeber.
Das finde ich spannend an Texten, wenn man so…Da ist jemand und bittet einen in sein Haus hinein und winkt und ist freundlich und dann sieht man doch die Risse und den Schmutz unter dem Sofa. Das ist sowas, was ich an Texten spannend finde, wenn man erst mal reingelockt wird und dann doch irgendwie überrascht oder sogar vor den Kopf gestoßen wird.
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Wie im aktuellen Heft: „Dort sind auch Bären“ von Andrej Schulz. Darin verfolgt ein Mann Tag und Nacht den Livestream aus einem Bären-Gehege in Rumänien. Er sorgt dafür, dass die Zuschauerzahl im Livestream nie auf null runtergeht. Und er kennt alle Bären beim Namen.
Besonders verbunden fühlt er sich dem Bären Bolik. Er kommt aus der Ukraine, wurde aus einem zerbombten Zoo gerettet. Etwas scheint in Bolik zerbrochen zu sein, denn er hebt kaum den Kopf.
Auch das Leben des Ich-Erzählers der Geschichte ist von Splittern und Einsamkeit durchzogen. Andrej Schulz wurde in der Ukraine, in Donezk geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Er ist einer der vielen neuen literarischen Stimmen, die man Dank Das Gramm entdecken kann.
Denn neben großen etablierten Namen wie Clemens J. Setz, Ulrike Draesner oder Judith Herrmann, die alle schon eine Kurzgeschichte bei Das Gramm veröffentlicht haben, bietet das Magazin auch unbekannten Autorinnen und Autoren die Möglichkeit, sein Skript einfach einzuschicken.
Auf der Suche nach literarischen Goldnuggets
Und wir bekommen auch viel geschickt und aus diesen vielen Einsendungen haben wir auch schon was herausgefischt und gefunden. Die Suche nach tollen Texten ist immer so ein bisschen wie eine Goldsuche. Man hat so einen Berg an Texten vor sich und man sucht den einen Besonderen, also das Goldnugget. Und auf dem Weg dorthin findet man durchaus viele toll aussehende Mineralien oder auch Edelsteine. Aber man will eben das Goldnugget. Und das meine ich nicht als materiellen Wert, sondern als ideellen Wert. Man will diesen einen Text, der einen begeistert und überrascht. Und der so strahlt, dass man weiß, man hält was Besonderes in den Händen.
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
Besondere Gestaltung
Die Geschichte von Andrej Schulz ist so ein Goldnugget. Was die Ausgaben von Das Gramm ebenfalls besonders macht, ist ihre Gestaltung. Sie sind wahre Sammelobjekte: handliches Format, kräftiges Papier, schöne Cover.
Auf dem Cover der nächsten Ausgabe - Heft Nummer 25 - sieht man eine Skyline und die Silhouette einer Frau, die vor dem nächtlichen, liladunklen Himmel auf einem Hochhaus sitzt. Im Heft: Eine Kurzgeschichte von Ulrike Sterblich.
Die Ausgabe heißt „Verliefen sich im Park“ und spielt in New York. Zum ersten Mal eine Das Gramm Geschichte, die in New York spielt. Es handelt von einer Familie, die dort einen Urlaub verbringen möchte und dort die wichtigsten Touristenattraktionen abklappert. Und irgendwie läuft alles ganz anders, als wie sie es sich vorgestellt haben.
Quelle: Patrick Sielemann, Herausgeber „Das Gramm“
22 Gramm märchenhafte Begegnungen verspricht uns diese Kurzgeschichte. Ein gutes Pfund wiegen alle 25 Hefte zusammen. Sie zeigen: Das Gramm ist festes Gewicht im deutschsprachigen Magazin-Markt. Und verhilft so der etwas stiefmütterlich behandelten Kurzgeschichte zu einem Revival. Vor allem aber gibt es nun grammweise schwere Gründe, direkt mit dem Lesen loszulegen.

Dec 22, 2024 • 6min
Ottessa Moshfegh – Mein Jahr der Ruhe und Entspannung
Die Erzählerin in Ottessa Moshfeghs Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ lässt sich von einer schrägen Psychiaterin ein buntes Sortiment an Medikamenten verschreiben, um abzuschalten und ein ganzes Jahr im Dämmerzustand zu verbringen.
Verrückt spielendes Unterbewusstsein
Doch dann gibt es Schwierigkeiten. Die Schläferin kann nicht mehr schlafen und erhöht die Medikamentendosis. Darauf beginnt ihr Unterbewusstsein verrückt zu spielen und lässt sie seltsame Dinge tun.
Für Katrin Ackermann ist diese ungewöhnliche Geschichte der perfekte Lesestoff für die Zeit zwischen den Jahren. Ein Beispiel sollte man sich an diesem Winterschlaf jedoch nicht nehmen.

Dec 22, 2024 • 7min
100 Jahre "Das Magazin"
Es ist vielleicht die kleinste große Unbekannte auf dem deutschen Pressemarkt: Das Magazin. Am Kiosk und in Bahnhofsbuchhandlungen liegt es meist, aber man muss danach fragen, denn oft geht es zwischen all den großen Zeitschriften unter, seufzt Co-Verleger Till Kaposty-Bliss.
Das ist ja das Problem beim Magazin durch das kleine Format. Das hat ja immer schon das iPad-Format, also die DIN-A5-Größe. Das ist ein Vorteil, wenn man es in der Hand hält und wenn man damit rumreist oder auch in der Badewanne.
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Hundert Jahre, und immer noch da
In diesem Jahr ist das Magazin 100 Jahre alt geworden. Deutschlands erstes „Magazine“ – gegründet 1924 von Franz Walter Koebner und Robert Siodmak, der später als Regisseur in Hollywood Karriere machte. Das Heft war seinerzeit etwas völlig Neuartiges. Leicht im Ton, aber nicht seicht. Eine Wundertüte, gefüllt mit allem, was Spaß macht und aufregend ist.
„Die einzige Zeitschrift, die sich – auch in heutigen Zeiten – durchsetzen wird. Warum? Haben Sie vielleicht Lust, wenn Sie heute etwas lesen wollen, das Risiko zu laufen, mit einem langen Roman hereinzufallen, der fünf Mark kostet? – Nein! Sie werden das Magazin durchblättern und sofort etwas finden, was Sie interessiert.“
Die erste Auflage des Magazins 1924 war umgehend vergriffen. Rasch entwickelt es sich zur erfolgreichsten Monatsillustrierten in der Weimarer Republik. Ständiger Gast auf den Covern: ein kleiner Engel.
„Also diese wirklich interessante Mischung aus leichter Erotik, Tingeltangel, sehr offenen Themen, wie zum Beispiel Rauschmittel. Das war ja in den Zwanzigern ein großes Thema.“
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Auch Marlene Dietrich stand schon Modell
Ein Heft, prall gefüllt mit Berichten über Revuegirls und literarischen Geschichten. Dazwischen viele Fotos von leicht bekleideten Damen, eingefangen von Vertretern der Avantgarde-Fotografie wie Man Ray.
… manchmal auch Herren, soweit ich weiß, hat das Magazin die ersten Misswahlen in Deutschland ausgerufen …
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
In der Jury: unter anderem Heinrich Mann und Carl Zuckmayer.
… so was gibt’s wahrscheinlich gar nicht mehr, und was ich immer gerne erzähle, ist, dass eine damals unbekannte Dame Model beim Magazin war: Marlene Dietrich.
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Unter den Nazis musste das Magazin kriegsbedingt eingestellt werden – in der DDR aber ist es dann „auferstanden aus Ruinen“. Musik andeuten Hymne? Nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 ändert die SED ihren „neuen Kurs“ und „erlässt“ die Gründung einer Zeitschrift, die die Massen unterhält und zerstreut.
„Ab Dezember 1953 erscheint ein populäres, für den breitesten Leserkreis bestimmtes, monatlich erscheinendes Magazin. Mitte November sind dem Politbüro Probeexemplare der ersten Nummer vorzulegen.“
Im Januar 1954 erscheint das erste „Magazin“ – für die DDR, eine kleine Sensation. In der bis dahin eintönigen Presselandschaft tritt ein völlig neuer Ton, eine neue Farbe, ja, und die ersten Nacktaufnahmen.
Eine Katze wird zum neuen Maskottchen
Anteil am sensationellen publizistischen Erfolg haben aber vermutlich auch die ikonischen Titelblätter von Werner Klemke, die von Beginn an eine große Heiterkeit ausstrahlen. Er gestaltete bis nach der Wende über 400 Cover.
Auf fast allen taucht ein kleiner Kater auf – mal mehr, mal weniger versteckt. Die Fellnase wird – ähnlich wie in den Zwanzigerjahren der Engel – zum Maskottchen des Blattes.
Das Magazin hat für DDR-Verhältnisse eine hohe Druck-Qualität. Für reichlich Devisen werden Kodak-Farbfilme aus dem Westen eingekauft. Das Blatt steht finanziell gut da. Kurz vor dem Mauerfall beträgt die Auflage über eine halbe Million Exemplare. Und sie hätte noch höher sein können, wenn das Papier nicht so knapp gewesen wäre.
Namhafte Schriftsteller:innen schreiben für das Blatt wie Christa Wolf, Bertolt Brecht oder Arnold Zweig, das dokumentieren heute die alten Honorar-Karteikarten, in denen Till Kaposty-Bliss blättert:
Auch Loriot habe ich gefunden. Die Namen sagen mir jetzt alle auch nichts, ach, guck mal, Anja Kling, die Schauspielerin, die war mal Model beim Magazin, Gerit Kling, die Schwester …
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Viel mehr als eine Ost-Zeitschrift
Das Magazin sei der „Playboy der DDR“ gewesen, der „New Yorker des Ostens“. Diese Vergleiche hört Till Kaposty-Bliss aber heute nicht mehr so gerne. Für ihn ist das Blatt unvergleichlich. – Und eines der wenigen Ost-Produkte, das zumindest dem Namen nach überlebt hat.
Das Magazin bleibt zwar zunächst im Bewusstsein der Menschen mit der DDR verbunden, ist aber heute mitnichten eine Ost-Zeitschrift. Es gehen zwar 75 Prozent der etwa 45.000 Auflagen starken Zeitschrift nach Ostdeutschland, aber die Themen sprechen alle an. – Gemäß dem Motto: „Hinterher ist man immer schlauer“.
Das ist interessant, das sind Lebenswelten, die ich nicht kenne, das sind Biografien, die anders sind als meine, aber durchaus Inspiration bieten fürs eigene Leben. Das sind solche Themen, wo man mit einem Erkenntnisgewinn rausgeht.
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Das Magazin ist sich in vielem treu geblieben. Noch immer findet man Berichte aus Kneipen oder fernen Ländern neben Reportagen, Kolumnen und Kultur-Tipps: von Sexualität ab 60 bis zum Boxen sind den Themen keine Grenzen gesetzt. Freundlich im Ton, mit Witz und Sinnlichkeit. Politik spielt praktisch keine Rolle und, ja, auch die geschmackvollen Erotik-Fotos sind geblieben.
Wir sind, glaube ich, die einzige Publikumszeitschrift, also die eben nicht Erotik ist, die sowas noch macht. Das macht ja keiner mehr. Das ist ja komplett verschwunden aus der Presse.
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Überraschende Themen, viel Kultur, aber keine Politik
Meistens werden Themen verhandelt, über die man so noch nicht nachgedacht hat. Und es gibt persönliche Geschichten – zum Teil mit überraschenden Offenbarungen.
„Ich hab einen Hochschulabschluss und verdiene so viel oder wenig, wie man im Kulturbetrieb eben verdient. Mir gehts gut, echt. Ich hab was ich brauche. Trotzdem klaue ich neuerdings. Nicht im großen Stil, so bin ich nicht. Es ist einfach so, dass die Selbstbedienungskassen, die man in Supermärkten vorfindet, eine Belastung für meine Integrität darstellen.“
Zum geistreich-verspielten Inhalt passen die brillanten Titel-Gestaltungen von Kat Menschik, Deutschlands gefragtester Illustratorin. Die sind bunt, wo es nur geht und erinnern in ihrem harten Strich an Jugendstil-Plakate – Pop-Art mit romantischem Twist.
Und noch etwas ist geblieben: der Kater.
Kat hat Katzen oder Kater, und just als sie für uns angefangen zu zeichnen, war ihr Kater Boris gestorben und Boris lebt weiter im Magazin.
Quelle: Till Kaposty-Bliss (Verleger „Das Magazin“)
Ein Geheimtipp im Westen
Nicht nur für Katzenliebhaber ist das Magazin also ein echter Geheimtipp. Und wer nicht am Kiosk suchen will, der verschenke doch einfach last minute ein Abo von „Das Magazin“ – als Überraschung für Kulturinteressierte unterm Weihnachtsbaum - „Hinterher ist man immer schlauer“, versprochen.

Dec 22, 2024 • 5min
Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Sie kannte die Nächte von Berlin, New York und Jerusalem. Als junge Dichterin saß Mascha Kaléko an den Künstlertischen des Romanischen Cafés. Im New Yorker Exil dachte sie nachts an Deutschland und vermisste den Frühling an der Spree.
Und in Jerusalem, wo sie seit 1959 mit ihrem Mann lebte, litt sie am Heimweh nach Orten, die nur noch im Traum existierten. In ihrem Gedicht "Emigranten-Monolog", das in New York entstand, schrieb sie:
Mir ist zuweilen so als ob Das Herz in mir zerbrach. Ich habe manchmal Heimweh. Ich weiß nur nicht, wonach ...
Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Exil ohne Ende
In diesen Versen zeigt sich die Dramatik des Lebens von Mascha Kaléko, denn für sie nahm das Exil als Zustand und Gefühl nie mehr ein Ende. Trotzdem geriet ihr Werk nicht so in Vergessenheit, wie gelegentlich beklagt wird. Nach dem Krieg hatte sie immer wieder Auftritte in der Bundesrepublik.
Nach ihrem Tod gab es Neuauflagen, und 2012 erschien bei dtv eine vierbändige Ge-samtausgabe. Darauf basiert der schöne Auswahlband, den Daniel Kehlmann nun zum 50. Todestag der Dichterin zusammengestellt und mit einem Vorwort versehen hat. Er trägt als Titel die Gedichtzeile "Ich tat die Augen auf und sah das Helle".
Eine Großstadtlerche im Dichterwald
Begonnen hatte alles mit einem fulminanten Start. Bereits mit Anfang zwanzig stieg Mascha Kaléko vom Bürofräulein zur jungen Dichterin auf. Sie beherrschte den Stil der Neuen Sachlichkeit, genauso verstand sie sich jedoch auf ganz eigene Tonlagen zwischen Sarkasmus, Ironie und Wehmut, wenn sie das Großstadtleben der zwanziger Jahre in Verse fasste.
Ein Kinoliebling lächelt auf Reklamen für Chlorodont und sieht hygienisch aus. Ein paar sehr heftig retuschierte Damen blühn bunt am Hauptportal vorm Lichtspielhaus.
Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Mascha Kalékos Gedichte erschienen in den führenden Berliner Feuilletons, sie wurden auf Kabarettbühnen gesungen und von der Verfasserin selbst mit viel Lampenfieber vorgetragen. "Ich sang einst im deutschen Dichterwald, / Abteilung für Großstadtler-chen", schrieb sie später.
Sie konnte so abgebrüht sein wie Erich Kästner, mit dem sie oft verglichen wurde, und von den neuen Frauen jener Zeit verstand sie ebenso viel wie Irmgard Keun. Den "nächsten Morgen" nach einer illusionslosen Liebesnacht beschreibt sie so:
Ich zog mich an. Du prüftest meine Beine. – Es roch nach längst getrunkenem Kaffee. Ich ging zur Tür. Mein Dienst begann um neune. Mir ahnte viel ... Doch sagt' ich nur das Eine: »Ich glaub', jetzt ist es höchste Zeit! Ich geh ...«
Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
1933 war es vorbei mit der Leichtigkeit
Die "paar leuchtenden Jahre", wie sie ihre Berliner Zeit nannte, waren 1933 vorbei, obwohl es noch eine Weile dauerte, bis die Nazis in Mascha Kaléko die Jüdin und ihr literarisches Feindbild, die "Asphaltliteratin" identifizierten. 1938 floh sie mit Mann und Sohn in die USA und verdiente Geld mit Reklametexten.
Von da an überwogen in ihren Gedichten die melancholischen Töne, die wehmütigen Rückblicke, die bitteren Nuancen. Naturbilder wurden für sie gleichermaßen zu Symbolen für das Leiden an Deutschland wie das Heimweh danach. Im Gedenken an die Opfer der Nazis beschrieb sie deutsche Eichen und Äcker als hassenswert.
Viel öfter aber waren es die Dramatik von Exil und Fremdheit, die sie in Naturszenen spiegelte. Im Gedicht "Herbstlicher Vers" heißt es:
Nun schickt der Herr das Leuchten in die Wälder. Grellbunte Brände lodert jedes Blatt. Wie welkt das Herz dem wandermüden Fremden, Der nur die Einsamkeit zur Heimat hat.
Quelle: Daniel Kehlmann (Hg.) – Mascha Kaléko. Ich tat die Augen auf und sah das Helle
Auch wenn Mascha Kaléko nicht zu den ganz großen sondern, wie sie selbst sagte, zu den "zweitbesten Namen" zählt, wird niemand, der einmal davon gehört hat, ihre Verse und ihr Schicksal vergessen.


